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Fanferlieschen Schönefüßchen

Clemens Brentano: Fanferlieschen Schönefüßchen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Märchen von Fanferlieschen Schönefüßchen
authorClemens Brentano
year1977
publisherRainer Wunderlich Verlag
addressTübingen
isbn3-8052-0283-0
titleFanferlieschen Schönefüßchen
pages5-12
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Da zog er sie zum Schloß hinaus und zog mit ihr den Weg hinauf nach dem Pumpelirio Holzebock. Da sprach sie:

»Ach Jerum! Ach! kein Lindenhain
wird auf dem Weg zu finden sein.«

Er aber sprach:

»Nur fort! Und ist's kein Lindenhain,
so finden wir doch Totenbein.«

Da weinte Ursula sehr und klammerte sich an ihn und sprach:

»Ach Jerum! Ich flehte zum Himmelsthron,
daß Gott uns schenk' einen kleinen Sohn.«

Er aber zerrte sie weiter den Berg hinauf und sprach:

»Nur fort! Nur fort! Es heult der Wind,
er wiegt der Bärin ihr schwarzes Kind.«

Da sie aber oben waren, ging der Mond ganz blutig auf, und Ursula sprach:

»Ach Jerum! Der Mond ist blutig rot.
Ach Jerum! Stich mich heut nicht tot.«

Er aber sprach:

»Nur fort! Das ist der Abendschein,
er scheinet in den Lindenhain.«

Da kamen sie den Berg hinauf auf die öde Heide, und Ursula sprach:

»O Jerum! Wie die Wolken fliehn,
wie sie so wild vor dem Monde ziehn.«

Er aber sprach:

»Nur fort, das sind die Lämmer klein,
sie ziehen nach dem Kirchhof dein.«

Und immer riß er sie weiter fort, ach! daß die Dornen ihr Röcklein zerrissen, und Ursula sprach:

»O Jerum! Die Dornen zerreißen mich,
kehre um, ich bitte dich!«

Er aber sprach:

»Nur fort, es ist der Rosenhain,
er schließet rings den Kirchhof ein.«

Und nun kamen sie an den dürren Baum, wo der Pumpelirio Holzebock stand, und Ursula sprach:

»Ach Jerum! Das ist der dürre Baum,
das ist der wüste, öde Raum,
das ist der Pumpelirio Holzebocke,
ach! hörst du, wie die Raben schrein?«

Er aber sprach:

»Hier ist der kühle Lindenhain,
hier läutet deine Glocke,
hörst du, wie der Neuntöter schreit?
Du mußt sterben, halt dich bereit!«

Da sank sie auf die Knie und sprach:

»Ach Jerum! Sag mir doch, warum
bringst du deine arme Ursula um?«

Da sprach er:

»Weil du nur eine Bärin bist,
die mich betrog mit böser List.
Bei Besserdich gleich an dem Tor
schoß ich den Pfeil dir durch das Ohr.
Die Narbe habe ich gefühlt,
als ich mit deinen Locken spielt'.
Und jetzo muß ich dich erstechen,
um Fanferlieschens Schwur zu brechen.
Mach fort! Mach fort! Der Neuntöter schreit,
sterben mußt du, halt dich bereit!«

Ursula kniete nieder, um zu beten, und Jerum suchte eins von seinen fünfzig Messern heraus und fing es an zu wetzen. Wie Ursula die Hände gegen Himmel hob und betete, sah sie plötzlich das Gestirn des großen Bären erscheinen, und es zuckte wieder wie damals, als sie zuerst hier betete, und es fiel wieder wie ein Stern in ihren Schoß nieder. Da war sie auf einmal wunderbar getröstet und stand auf und sprach:

»Herr, ist dies der Lindenhain,
wo ich soll begraben sein?
Sag, wo ist der kühle Bronnen,
der zum Grabe kömmt geronnen?«

Jerum sprach da:

»Aus der Brust soll er dir springen,
wenn ich werd das Messer schwingen.«

Da griff er nach dem Messer, das er geschliffen und neben sich gelegt hatte, aber fort war es; er konnte es nicht mehr finden. Da sagte er zu Ursula: »Bete nur noch ein wenig.« Sie kniete nieder und betete fort. Er nahm ein anderes Messer und wetzte es und legte es wieder hin und rief:

»Mach fort! Mach fort! Der Neuntöter schreit,
sterben mußt du, halt dich bereit!«

Ursula nahte sich still und sprach wieder:

»Herr, ist dies der Lindenhain,
wo ich soll begraben sein?
Sag, wo ist der kühle Bronnen,
der zum Grabe kömmt geronnen?«

Da sprach er wieder:

»Aus der Brust soll er dir springen,
wenn ich werd das Messer schwingen.«

Aber das Messer war wieder fort. Er konnte das nicht begreifen und ließ sie wieder beten und wetzte wieder. Und sie kniete hin und betete für den Jerum recht von Herzen. Er rief wieder:

»Der Neuntöter schreit,
halt dich bereit!«

Sie nahte wieder mit denselben Worten, das Messer war wieder fort, und so ging das, bis neunundvierzig Messer fort waren. Da hielt Jerum das fünfzigste Messer fest in der Hand und schwang den Arm und wollte es ihr in das Herz stoßen; aber auf einmal hielt er ein und tat einen lauten Schrei und ließ den Arm sinken, denn es flog ein Messer vom Himmel herunter auf seinen Arm und stach ihm die Hand durch und durch, und wo er hinfloh, fielen Messer auf ihn und verwundeten ihn hier und dort. Ursula lief auf ihn zu und umarmte ihn und bedeckte ihn mit ihren Armen; aber die Messer fielen überall auf ihn, bis sie alle heruntergefallen waren. Da hörte man die Hörner von Jerums Gefolg, da leuchteten die Fackeln heran. Sie zogen aus, ihren Herrn zu suchen, und fanden ihn mit Wunden bedeckt, und Ursula, die ohnmächtig bei ihm lag. Seine Diener waren sehr erschrocken, sie zogen ihm die Messer aus den Wunden, verbanden ihn, so gut sie konnten, und brachen Äste von dem dürren Baum, auf welche sie ihn und Ursula legten und nach Haus brachten. Dabei sangen sie:

»Juch! juch! Über die Heide!
Fünfzig Messer in einer Scheide,
fünfzig Messer in Mannes Leib,
durch Ursula, das böse Weib.«

Über ihnen aber flog der Neuntöter und schrie sehr heftig, und neben dem Zug schwebten die weißen Jungfräulein über die Erde hin und sangen:

»Fünfzig Messer in Mörders Leib,
ihr könnt nicht retten sein treues Weib.«

Das alles war sehr betrübt.

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