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Fanferlieschen Schönefüßchen

Clemens Brentano: Fanferlieschen Schönefüßchen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Märchen von Fanferlieschen Schönefüßchen
authorClemens Brentano
year1977
publisherRainer Wunderlich Verlag
addressTübingen
isbn3-8052-0283-0
titleFanferlieschen Schönefüßchen
pages5-12
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ihr Herz war aber sehr gestärkt und ihre Seele ganz voll frischem freiem Mut. Schon stand der Mond tief über der dunkeln Waldschlucht, worin Munkelwust lag, als sie auf einmal ein wildes Horngetön erklingen hörte und aus dem Waldgrund herauf Pferdegetrapp tönte. Sie richtete sich auf und trat auf einen Felsen; da sah sie einen Reiterzug mit brennenden Fackeln heransprengen, daß die Funken und die brennenden Pechtropfen rings in das dürre Laub fielen und die Flammen prasselnd durch die Büsche herum zischten. Sie sprengten im Galopp heran, an ihrer Spitze saß Jerum im roten Mantel auf einem getigerten Rosse. Auf seinem Helm war das Bild eines Drachen, seine langen schwarzen Haare wehten wie die Mähne seines Rosses im Wind, und an seinem Gürtel hatte er eine breite Scheide hängen, worin viele Messer staken. Sie sangen ein wildes Lied, welches also lautete:

»Juch! juch! Über die Heide!
Fünfzig Messer in einer Scheide
reitet Jerum auf die Freite:
Schürz dich, Braut! zur Hochzeitreite.«

So schrecklich das auch klang, konnte Ursula doch nicht mehr erschrecken; sie stand in wunderbarer Schönheit auf dem Felsen, gerade dem häßlichen Pumpelirio Holzebock gegenüber, und als der König Jerum heransprengte, wehte sie ihm mit ihrem Tüchlein entgegen. Und da die Reiter mit den Fackeln um sie her standen und Jerum von ihrer wunderbaren Schönheit und ihrer schönen Hochzeitskrone, die ihr die Geisterfräulein geflochten hatten, ganz geblendet zu ihr hinritt, streckte sie die Hand gegen ihn aus und sprach:

»O Jerum, Jerum, sei willkomm!
Nimm deine Braut und werde fromm!
Im Baum, da schreien die Raben;
ach, wären wir ehrlich begraben!
Drum sollst du mir erst versprechen –
willst du mich auch erstechen –
begrab mich und die Mägdelein
in einem kühlen Lindenhain,
unter den grünen Rasen,
wo fromme Lämmer grasen,
wo ein klarer Bronnen
kömmt an das Herz geronnen,
ein Kreuz steh in der Mitten:
Da will ich ruhn zu Füßen
und für den Mörder bitten
wenn mich die Englein grüßen,
daß ihn in Zorn und Schrecken
der Herr nicht mög erwecken.«

Als sie diese liebseligen Worte sprach, schüttelte sie ihr Haupt, und die Ringlein klingelten in der Krone, und in der Luft hörte man singen:

»Fort von hier, von hierio,
weit vom Pumpelirio,
weit vom Holzebocke.
Hübsch mit Kreuz und Glocke,
Chorgesang und Posaunenspiel,
gibt uns Ruh und kost' nicht viel!«

Dem Jerum ging das durch Mark und Bein; er zitterte, daß ihm die Messer in der Scheide tanzten, und schrie mit verzweifelter Stimme gegen Ursula:

»Was sein soll, das muß geschehn,
nichts kann dem Geschick entgehn.
Ach, ich möchte nicht und muß!
Oh, ich armer Jerumius!«

Da knackte auf einmal der Pumpelirio Holzebock so gewaltig, als wolle er in der Mitte auseinanderplatzen, und Jerum riß die arme Ursula vom Felsen und

faßte sie in der Mitten
und schwang sie auf sein Roß,
hei, wie sind sie geritten
nach Munkelwust ins Schloß.

Mehrere Wochen war Ursula schon die Gemahlin des bösen Jerum, und sie war so gütig und so fromm und so schön und so mild, daß er ganz tiefsinnig wurde und über sein böses Leben nachdachte. Ach, seine Stadt Besserdich lag ihm immer im Sinn. Ursula sprach immer von Besserdich, aber er schämte sich, gedemütigt an den Ort zurückzukehren, wo er immer ein übermütiger Herr gewesen war, und wurde dann oft plötzlich von Zorn und Wut überfallen und ritt im Land herum und tat viel Böses. ›Ach‹, dachte dann Ursula, ›wenn mir Gott ein liebes Kind schenkte, das ihm freundlich wäre, vielleicht würde sein wildes Herz gerührt werden, wann es ihn freundlich anblickte und ihm seine kleinen Hände entgegenstreckte.‹ Sie betete darum immer sehr fleißig zu Gott, und wenn sie abends allein am Fenster saß und den wilden Jerum von seinen Streifereien zurückerwartete, so blickte sie immer nach dem Gestirn des großen Bären und dachte ihrer verstorbenen Eltern, und streckte die Hände gen Himmel: ›Ach, wenn ich nur ein Kind hätte!‹ Den einzigen Trost hatte sie in ihrem elenden Leben, daß die armen Leute aus Bärwalde die Bedrückung des Jerum leichter zu ertragen schienen, seit die liebe Tochter ihres ehemaligen Fürsten bei ihnen war. Auch tat sie, wo sie konnte, ihnen Gutes und redete ihnen freundlich zu. Das traurigste aber war ihr, daß Jerum niemals erlaubte, daß sie an Fanferlieschen schreibe, und daß er schon einige Boten dieser ihrer einzigen Freundin hatte ermorden lassen. Als sie nun einstens Abends einsam und traurig am Fenster saß und auf Jerum wartete, der seit mehreren Tagen nicht mehr heimgekehrt war, war der Himmel ganz trüb und ihr liebes Gestirn nicht zu sehen. Und wie sie so an den wilden Bergwänden hinaufblickte, hörte sie wieder jenen traurigen Gesang, und die weißen Jungfrauen zogen ums Schloß herum und sangen sehr traurig:

»Im Baume schrein die Raben;
ach, wären wir ehrlich begraben!
Fort von hier, von hierio,
weit vom Pumpelirio,
weit vom Holzebocke.
Hübsch mit Kreuz und Glocke,
Chorgesang, Posaunenspiel,
gibt uns Ruh und kost' nicht viel.«

Worauf sie verschwanden. Da nahm sich Ursula fest vor, nicht zu ruhen noch zu rasten, bis die Fräulein begraben wären. Bald darauf hörte sie wilden Hörnerklang und sah die Fackeln durch den Wald reiten und hörte den wilden Gesang von Jerums Zug:

»Juch! juch! Über die Heide!
Fünfzig Messer in einer Scheide.«

Sie eilte hinab an das Tor, ihren Gemahl zu empfangen, aber er sprengte so wild herein, daß sie das Pferd gegen die Treppe schleuderte. Als Jerum absteigen wollte, raffte sie sich auf und hielt ihm den Steigbügel. Er redete aber nicht freundlich mit ihr und bat sie nicht um Vergebung. Finster stieg er die Treppe hinauf, und die arme Ursula folgte ihm nach. Er setzte sich auf seinen Stuhl und redete kein Wort; sie konnte es vor Jammer nicht mehr aushalten und warf sich vor ihm auf die Knie und weinte und sprach: »Ach, mein Gemahl, was hab ich dir zuleide getan?« Er antwortete nicht. »O ich Unglückliche«, rief sie, »ich hatte mich so auf deine Heimkehr gefreut, ich hatte dich recht innig bitten wollen:

Du möchtest begraben die Mägdelein
in einem kühlen Lindenhain – – –«

Weiter konnte sie vor Tränen nicht sprechen; sie legte ihr Haupt in seinen Schoß, und als die Ringe in ihrer Krone so rasselten, zitterte Jerum am ganzen Leibe. Plötzlich faßte er mit seiner Hand an ihr Ohr und schrie wie erschreckt:

»O wahr, wahr, wahrlich, wahr!
du mußt auch zu der Schar,
Bärin Ursula, der Schuß! –
O ich armer Jerumius.«

»Was fehlt dir, lieber Jerum«, sagte Ursula, »daß du so traurig redest?« Da erwiderte er: »Nichts, mein Weib; aber stehe auf, wir wollen gleich dahin gehen, wo die Mägdelein sollen begraben werden; ich habe den Lindenhain gefunden, ich will dir ihn zeigen.« Das sagte er so kalt, daß Ursula zitterte und sprach:

»Ach Jerum, hast du mich ein bißchen lieb:
Jetzt nicht, jetzt nicht, der Himmel ist trüb.«

Er aber sprach:

»Nur fort! Nur fort! Der Himmel grau,
der ist so recht zur Totenschau.«
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