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Fanferlieschen Schönefüßchen

Clemens Brentano: Fanferlieschen Schönefüßchen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Märchen von Fanferlieschen Schönefüßchen
authorClemens Brentano
year1977
publisherRainer Wunderlich Verlag
addressTübingen
isbn3-8052-0283-0
titleFanferlieschen Schönefüßchen
pages5-12
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ursula ging traurig neben dem Boten durch den Wald und dachte immer nach, was doch der wunderbare Gesang Fanferlieschens bedeuten möge; aber sie konnte ihn auf keine Art begreifen. Da hörte sie auf einmal einen Vogel ganz jämmerlich schreien und sah, wie er ängstlich um einen Baum herumflatterte. Da schaute sie recht hin und erblickte einen großen Marder, der am Baum heruntergeschlichen kam und sich dein Neste des Vogels nahte, um ihm seine Jungen zu fressen. Da nahm Ursula einen Stein und warf ihn so geschickt nach dem Marder, daß er tot von dem Baume herunterpurzelte. Oh, wie froh war nun der Vogel: Er flog erst zu seinen Jungen, und da er sah, daß sie noch alle gesund waren, flog er immer um Ursulas Haupt und vor ihr her von Baum zu Baum und machte die rührendsten Bewegungen, als wolle er ihr Dank sagen, und sang auf allerlei Weise, bis er sie am Abend verließ, wo sie ihm noch ein Stückchen von dem Kuchen, den ihr Fanferlieschen mit auf die Reise gebacken hatte, für seine Jungen mitgab.

Nun ward der Weg immer trauriger und öder. Verbrannte Hütten und zerstörte Gärten waren am Weg; sie hörte in der Ferne einen traurigen Gesang, und das Herz ward ihr entsetzlich schwer. In der Ferne ging die Sonne ganz rot unter, und man sah in eine wilde schwarze Bergschlucht voll Dampf und Qualm. Hie und da am Weg stand ein dürrer Baum, von dem die Eulen herunterschrien: »Hu, hu, o weh! Hu, hu, o weh!« Ach, das Herz ward Ursula immer schwerer, und sie fragte den Boten, der bis jetzt immer stumm neben ihr her gegangen war:

»Ach, mein Herz bricht in der Brust.
Sind wir bald in Munkelwust?«

Da sagte der Bote:

»In der Schlucht liegt Munkelwust,
hier am Baum du warten mußt
bei dem Pumpelirio;
Jerum macht es immer so.
Setz dich an die Felsenstufen,
ich will dir den Bräutigam rufen.«

Und da verließ er die Ursula unter einem großen dürren Baum, wo der böse Pumpelirio Holzebock auf einem Felsen stand, und lief nach dem Tale hinunter. Ursula war in der entsetzlichsten Angst; die Nacht brach an, die Eulen schrien auf dem dürren Baum; der Mond ging blutrot hinter dem Pumpelirio Holzebock auf. Ursula war sehr müd und setzte sich ins Gras und begann bitterlich zu weinen. Da hörte sie wieder den traurigen Gesang, und es kam immer näher und näher durch den Nebel, und sie sah eine Reihe von weißen Jungfrauen auf den Platz ziehen. Sie hatten Brautkränze auf und waren alle ganz bleich, und in der Brust hatte jede ein Messer stecken, daß das Blut über ihre weißen Röcklein niederfloß. Sie zogen über die Grasspitzen weg, als wären sie von Luft, und sangen mit feiner Stimme:

»Willkommen, willkommen, du Jerum Braut!
Ein Messer ins Herz, das heißt getraut.
Ach, ohne Kreuz und Segen
liegen im Schnee und Regen
bald hier deine Beinelein
im Sonnen- und im Mondenschein.
Im Baum da schreien die Raben.
Ach, wäre ich doch ehrlich begraben!«

Ursula war in der fürchterlichsten Angst und riß vor Bangigkeit das Gras aus der Erde; da schrie auf einmal eine der weißen Jungfrauen sie an:

»O weh! o weh!
Was raufst du meinen Kranz,
morgen mußt du auch an den Tanz!«

Da sprang Ursula auf und wollte fliehen, aber sie fiel über einen Hügel; da schrie eine andere sie an:

»O weh! o weh! Was trittst du auf mein Herz,
morgen leidest du denselben Schmerz.«

So ging das immerfort; sie mochte fliehen nach welcher Seite sie wollte, immer trat ihr eine jener Jungfrauen in den Weg und schrie bald: »O weh mein Arm, o weh mein Bein, o weh mein Leib«, usw. Da stand Ursula endlich still und fragte: »Oh, ihr armen Jungfrauen, wer seid ihr und was wollt ihr von mir?« Da sangen sie:

»Jerums Frauen von gestern
sind wir, Messerschwestern,
Jerums Weib von heute:
Morgen gehst du uns zur Seite.
Bete fleißig, denn gar oft
kömmt das Messer unverhofft.
Im Baume schreien die Raben;
ach, wären wir ehrlich begraben.
Fort von hier, von hierio
weit vom Pumpelirio,
weit vom Holzebocke
hübsch mit Kreuz und Glocke;
mit Gesang und Posaunenspiel,
gibt uns Ruh und kost' nicht viel.«

Da antwortete ihnen Ursula: »Ach, wenn es mir möglich ist, sollt ihr gewiß begraben werden:

Unter zarten Blumenrasen,
in dem Schatten grüner Linden,
wo die frommen Lämmer grasen,
sollt ihr euer Bettlein finden.
Und ein kühler Marmorbronnen
soll da bei der Linde springen,
an jed' Bettlein hingeronnen
kühlen Born wohl jeder bringen,
daß ihr könnt die heißen Schmerzen
eurer schreinden Wunden kühlen,
und das Blut zerrißner Herzen
von dem weißen Schleier spülen.
Ach! Wenn Gott euch wird erwecken,
sollt ihr für den Mörder bitten!
Ringsum blühen Rosenhecken,
und ein Kreuz steht in der Mitten.
Will der Herr mein Blut auch haben,
soll man zu des Kreuzes Füßen,
euch zur Seite mich begraben,
bis uns all die Englein grüßen.«

Während Ursula diese Worte recht von Herzen sprach, sahen die Jungfrauen sie mit rechter Liebe an, und jede zog ihr Ringlein vom Finger, und sie flochten sie ineinander wie eine Kette und zogen Blumen durch, daß es eine Krone ward; die setzten sie der Ursula auf das Haupt und sangen:

»So viel Ringe, so viel Bräute;
so viel Bräute, so viel Messer;
so viel Messer, so viel Herzen;
so viel Herzen, so viel Wunden;
ach, du arme Braut von heute!
Ach, dir geht es auch nicht besser;
ach, du hast die bittern Schmerzen
alle bald wie wir empfunden.«

Da krähte aber der Hahn, und sie schwebten über die Wiese weg. Ursula fühlte sich ruhiger, sie sah an dem blauen Himmel die Sterne an, und da glänzte das Gestirn, das man den großen Bär nennt, ihr besonders tröstlich in das Herz. Da gedachte sie recht innigst an ihre verstorbenen Eltern, den Fürsten Ursus und die Fürstin Ursa von Bärwalde, welche sie nie gesehen hatte, und sprach: »Ach, mein geliebter Vater und meine liebe teure Mutter, ich habe euch nie gekannt, aber ich liebe euch doch wie ein frommes Kind; oh, verlaßt mich nicht in meiner tiefen Angst; schaut auf euer armes Töchterlein; ich will ja alles ruhig ertragen, was über mich bestimmt ist.« Als sie diese Worte recht von Herzen gesprochen hatte, sieh, da war es, als wenn die zwei Sterne am Himmel zusammenstießen und als wenn einer davon in den Schoß der guten Ursula herabfiele. Aber sie fand nichts.

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