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Fanferlieschen Schönefüßchen

Clemens Brentano: Fanferlieschen Schönefüßchen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefairy
booktitleDas Märchen von Fanferlieschen Schönefüßchen
authorClemens Brentano
year1977
publisherRainer Wunderlich Verlag
addressTübingen
isbn3-8052-0283-0
titleFanferlieschen Schönefüßchen
pages5-12
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Aber auf einmal hörte man eine Stimme hinter der wollenen Decke, welche sprach: »Ihro königliche Majestät Jerum werden alleruntertänigst ersucht, noch einige Augenblicke zu verziehen zu geruhen, da Ihro Majestät die Königin Ursula noch mit ihrem Anzug beschäftigt sind.« – »Allmächtiger Gott, was ist das?« rief Jerum. »Himmel und Erde mögen zusammenfallen, sie lebt! Sie lebt! Oh, ich muß, ich muß sie sehen.« Da wollte er die Decke niederreißen, aber Fanferlieschen und Ursulus hielten ihn zurück. »O laßt mich! Laßt mich ihre Füße mit meinen Tränen benetzen und sterben«, rief Jerum. Da steckte Ursula ein wunderschönes Füßchen zu der Decke heraus und sprach mit süßer Stimme:

»Da, mein lieber Jerumius,
hast du deiner Ursula Fuß.«

Und Jerum sank zur Erde und küßte ihren Fuß und legte sein Haupt nieder und setzte den Fuß Ursulas auf sein Haupt und sprach:

»Der Unschuld Fuß auf Schlangenhaupt,
selig, wer da liebt und glaubt.«

Da streckte Ursula ihre schöne Hand hervor und sprach:

»Da, Jerum, hast du meine Hand,
leg deine drein zum Liebespfand.«

Da sprang Jerum auf und küßte die Hand und benetzte sie mit Tränen und sprach:

»O Engelshand, o segne mich,
nie mehr, nie mehr, beleidig ich dich!«

Da steckte Ursula den Kopf durch die Decke und rief:

»O Jerum, küsse meinen Mund,
da sind wir alle beid gesund.«

Ach, da riß Jerum die Decke nieder und sank an das Herz der Ursula, und Ursulus auch und Fanferlieschen auch, und alle Schmerzen waren vergessen, und alles Böse war verziehen. Der Himmel war blau und heiter, die Zuschauer aber sanken auf die Knie und beteten. Als sie sich ein wenig erholt hatten, sagte Ursula zu Jerum: »Sieh, das ist dein Sohn Ursulus!« Oh, da war Jerums Freude von neuem groß. Neben der Ursula aber stand der Vogel Neuntöter wieder in den Kammerherrn von Neuntöter verwandelt, und seine Gattin war wieder die Hofdame von Neuntöter, und der Junker war ein Edelknabe, und das Fräulein Neuntöter stand so schön, so blond und schlank mit niedergeschlagenen Augen vor Ursulus, daß er vor sie hin trat und sprach: »Oh, mein schönes Fräulein! Ihnen verdanke ich die Befreiung aus dem Kerker durch die Springwurzel und das Tobiasbüchlein und die Fischgalle, und Sie haben dem Holzebocke die Augen ausgehackt, wie lohne ich Ihnen?« Als Jerum und Ursula und Fanferlieschen dieses hörten, legten sie die Hände der beiden zusammen und sagten: »Ihr sollt Mann und Frau sein.« Darüber waren beide glücklich. Alle aber zogen nun nach der Kirche und dankten Gott, und Fanferlieschen sagte. »Gott sei Dank, Jerum, daß der Holzebock und Würgipumpa tot sind. Sie waren Geschwister und meine größten Feinde, aber sie wußten nicht, daß eines mit dem andern sterben mußte. Jetzt lasset uns alle nach Besserdich ziehen und in Tugend und Ehren das Land regieren.« Jerum aber sprach: »Ich bin das Glück nicht wert, nur die Unschuld soll regieren, die Schuld aber soll Buße tun. Ich bleibe hier bei dem alten Schäfer und büße ewiglich.« Da setzte er seine Krone auf das Haupt des Ursulus, und Ursula setzte ihre Krone auf das Haupt der Fräulein Neuntöter, welche auch Ursula hieß, und sprach: »Auch ich will hier bleiben und beten.« Darüber ward das Herz des armen Jerums so gerührt, daß es mitten entzweisprang und Jerum starb. Oh, da war Weinen und Wehklagen. Und sie begruben ihn zu Füßen eines Kreuzes bei dem Brunnen, und Ursula sang, und aus allen Gräbern der Jungfräulein sang es mit.

Ursula blieb nun da bei dem alten Schäfer wohnen und nahm viele Witwen und Waisen zu sich, und sie arbeiteten für die Armut und beteten und sangen. Fanferlieschen segnete sie, und Ursulus und seine Frau trennten sich weinend von ihr und zogen nach der Stadt Besserdich. Der Herr von Neuntöter und seine Frau und sein Sohn aber regierten das Ländchen Bärwalde für Ursula. Als Fanferlieschen wegritt, ging sie auf den alten Schäfer zu und sprach zu ihm: »Damon, kennst du mich noch? Wir sind beide alt geworden.« – »Ja«, sagte der Schäfer, »ich kenne dich noch; als du die Lämmer hütetest neben mir, da liebte ich dich und sagte dir es. Da sprachst du:

›Lieber guter Schäfer mein,
schön wär's wohl, doch kann's nicht sein.
Ich bin nur ein guter Geist,
der so durch das Leben reist.
Liebe Gott, das ist gescheiter‹,
also sprachst du, und zogst weiter.«

»Richtig«, sagte Fanferlieschen, »so war es, und du hast meinem Rat gefolgt, drum werd ich dich im Himmel wiedersehen.« Da sank der Schäfer tot an die Erde, und Fanferlieschen flog durch die Lüfte davon und ließ ihre Pantoffeln niederfallen. Die fing die Gemahlin des Ursulus auf und war gleich so schön und lieb und klug als Fanferlieschen. Sie kamen nach Besserdich und regieren gut bis dato.

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