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Maria Theresia von Österreich: Familienbriefe - Kapitel 1
Quellenangabe
typeletter
authorMaria Theresia
titleFamilienbriefe
publisherVerlag Ullstein & Co
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140424
projectidcd842eb9
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Prinz Eugen und seine Vertrauten, die Grafen von Seckendorff und Wurmbrand, haben ein Mitteleuropa von unerschütterlicher Kraft geplant, sie wollten Maria Theresia mit Friedrich II. vermählt wissen! Hätte das glückliche Österreich wirklich souverän zu heiraten gewußt, hätte es die sooft schmerzlich vermißte einheitliche deutsche Welt gegeben! ... Aber was nützen alle geseufzten »Hätte es« und »Würde es«! Genug, es war das Schicksal Maria Theresias, daß Friedrich der Große ihr Zeitgenosse, und kein freundlich gesinnter, war, und daß er gar nicht anders als feindlich auftreten konnte, denn er mußte sich gerade damals recken und strecken und Preußens Gliedmaßen erproben. Maria Theresia wäre, auch als Frau, des großen Fritz wohl würdig gewesen. Adam Wolf, der sich in ihre Bildnisse vertieft hat, rühmt sie »größer als alle Frauen, ihre Gestalt hatte ein vollkommenes Ebenmaß, bis ins späte Alter behielt sie ihre hohe Gestalt. Sie hatte einen herrlichen Teint, reiches blondes Haar. Ihre Augen waren hellgrau und feurig, die Nase sanft gebogen, der Mund fein geschnitten. Jede Aufregung oder Bewegung im Freien brachte eine Röte über ihr Gesicht, die den Glanz ihrer Schönheit erhöhte. Sie hatte eine kleine weiße Hand, einen ebenso schönen Fuß. Ihr Gang war leicht und frisch«. Mit einem Wort, »sie war eine der schönsten Frauen von Europa, wie einst ihre Mutter, die Kaiserin Elisabeth«. Mit den Jahren geriet die stattliche Frau in die Breite, aber diese kräftige Fülle gehört zum Bilde einer Frau, die sechzehn Kinder mit Freuden gebar.

Österreichs Aufteilung – das war das gezischelte Stichwort, als Maria Theresia den Thron ihres Vaters besteigen wollte. Nicht nur Friedrich hatte mit kaltblütig-schlagfertiger Entschlossenheit die Hand auf Schlesien gelegt, die Bayern standen in Böhmen, und in Wien rechnete man schon mit jener gottergebnen Skepsis, die dort heimisch ist, mit dem Bayrischwerden. Maria Theresia mußte sich vor allem ihr eignes Reich innerlich erobern. Vor allem gewann sie sich die Wiener, die so gerne – auch an ihr – zu Schwärmern werden. Eine gewisse Reschheit, die weitgeöffnete Audienztür, ein frauliches Nachschauen und Kontrollieren in den Amtswinkeln, ganz besonders aber ihre Schwangerschaften und die Geburt des Erzherzogs Joseph eroberten ihr die Wiener. Die Nächsten waren die Madjaren. Als Maria Theresia die ungarischen Adelsherren auf ihr Schloß zu Preßburg lud und von ihnen eine Insurrektionsarmee begehrte, da traten ihr während des sehr klugen, mehr als klugen Aufrufs an die Ritterlichkeit der Magnaten die hellen Tränen in die Augen. Das war für die ungarischen Edelleute der immer ersehnte, große Augenblick, sie rissen die Schwerter aus der Scheide und weinten mit, als hätten sie das Preßburger Denkmal schon geahnt, riefen ihr ingrimmige Trostworte zu und – brachten 60 000 Mann auf! Den heißen Wangen der Frau Maria Theresia war unwillkürlich gelungen, was einem Kaiser mindestens endlose Verhandlungen und dieselben staatsrechtlichen Kosten bereitet hätte. Sie hatte nun Wien, sie hatte die Ungarn, jetzt nahm sie auch Böhmen in Besitz. Als ihre Armee Prag wieder besetzte, da gewann Maria Theresia die Böhmen durch – – Milde. In der »Schaubühne«, einer Zeitschrift dieser Zeit, wird ein ausländischer Minister zitiert, der von ihr sagte: »Diese Prinzessin übertrifft ihr Geschlecht und das unsere. Sie ist eine Dame ohne Leidenschaften, eine Königin ohne Ungerechtigkeiten und sie verknüpft die Annehmlichkeiten ihres Geschlechts mit der wahren Hoheit der Seelen auf das genaueste.« Selbst ihrem großen Feind, der ihr die erste und später die schwerste Sorgenzeit, viele bittere Jahre geschaffen, selbst ihm hat sie mit Selbstbeherrschung zu begegnen gewußt. Ihre Frauenseele verzeiht Friedrich nichts; Professor Zwiedineck-Südenhorst nimmt an, sie habe bis ans Ende auf Revanche gesonnen. Erweislich ist das kaum, sicher, daß sie von Friedrich das zeitlebens irritierende politische Grunderlebnis erfahren hat, aber das hat die selbstbeherrschte Frau nicht gehindert, mit Friedrich jeweilig auch einen schmerzlichen Frieden zu schließen. Sie verbiß sich nicht! Weil sie eine Frau war, ihrer Hilfsbedürftigkeit bewußt, erklomm sie eine Klarheit des Geistes, die manchem Regenten, der sich von Gottes Gnaden und also erleuchtet dünkt, versagt blieb. »Weil Gott mich zu dieser großen Last der Regierung ausgewählet,« so schrieb sie 1751 in ihren Aufzeichnungen, »so habe ich mir zum Prinzipio gehabt, daß so lange als noch was finden werde zu helfen oder einige Ressourcen vorhanden sein würden, ich solche anwenden wollte und dieses zu thun schuldig sei. Solches hat mich in eine solche Gelassenheit des Geistes gesetzet, daß meine eigene Begebnisse wie eine Fremden seine angesehen, auch so wenig Haß vor meinem Feinde empfunden.« Dieser Gelassenheit des Geistes dankt Österreich seinen Bestand. Maria Theresia war die bedächtige, vorsichtige, sorgende Hausmutter Österreichs!

*

Wer diese starke, tief erfahrene Frau ganz kennen will, muß ihre Briefe lesen, besonders die Briefe an ihre Kinder. Sie hätte nicht immer nur als pompöse Kaiserin gemalt werden sollen, sondern auch als die alte Mutter, die stundenlang an ihrem Schreibtische sitzt, bei geöffnetem Fenster – das Papier fliegt zuweilen weg – und das Schicksal jedes ihrer Kinder bedenkt als deren »treue zärtliche Freundin und Mutter«, wie sie sich in den Briefen an die Erzherzogin Karoline unterschrieb. Auch in diesen Briefen besticht vor allem eine angenehme Sachlichkeit, der Sinn fürs wichtige Detail, der ordnende Blick der Hausmutter. Reizend ist alles, was sie als erfahrene Frau den jung verheirateten Töchtern zu sagen hat. »Du mußt auch mit den unschuldigsten Liebkosungen sparsam sein,« schreibt sie der Tochter Christine, die eine Liebesheirat geschlossen. »Du mußt trachten, daß man sie sucht und verlangt. In unserem Jahrhundert will man vor allem keinen Zwang. Je mehr Freiheit Du Deinem Mann läßt, je weniger Zwang und zarte Aufmerksamkeit Du verlangst, desto liebenswürdiger wird er sein; er wird Dich suchen und sich Dir hingeben.« Das Entgegengesetzte rief sie ihrer Lieblingstochter Karoline, die sich zu ihrem Gatten, dem König von Neapel, weniger stark gezogen fühlte. »Laß Deinen Gatten so wenig wie möglich allein! Für den kleinen Zwang oder die Langeweile, die Du anfangs verspüren wirst, wird Dich die Ruhe belohnen, die Du Dein ganzes übriges Leben genießen wirst!« Welche Fülle wichtiger fraulicher Ratschläge schenkt sie an die Töchter! »Erscheine nie im Hausanzug vor den Männern!« mahnt sie Karoline. »Vermeide jeden Schein von Koketterie. Bei einer verheirateten Frau ist nichts mehr harmlos.« »Überlaß Dich nie Deiner Stimmung. Wenn Du einmal nachgibst, wird sie Dich beherrschen, und nichts macht in der Gesellschaft selbst verdienstvolle Leute unerträglicher als das Sichgehenlassen.« Sie hat gehört, daß Marie Antoinette der Dubarry begegnet. Sofort ist ihr kluger Rat – wie behandelt man fürstliche Mätressen? – zur Stelle: »Du hast die Dubarry nicht anders anzusehen wie eine Dame, die zum Hof und zur Gesellschaft des Königs zugelassen ist. Du bist seine erste Untertanin. Du schuldest ihm Gehorsam und Unterordnung ... Wenn man noch Demütigungen, Vertraulichkeiten von Dir verlangte, würde weder ich, noch irgendjemand dazu raten, aber ein gleichgültiges Wort, ein freundlicher Blick, nicht aus Rücksicht für die Dame, sondern für Deinen Großvater, Deinen Gebieter.« Zu dieser Toleranz im Umgang mit der Favoritin des Königs riet sie, die Erschafferin der »Keuschheitskommission« in Wien! Der Vergleich zeigt, wann Maria Theresia zu ihrer letzten Klugheit kam – als Mutter! Mutterahnung. Mutterangst, Mutterprophezeiung ist in ihren Briefen an Marie Antoinette. Es fehlt nicht an düsteren Voraussagungen! Unaufhörlich drängt sie die Tochter zum natürlichsten Geschäft der Welt. Sätze aus verschiedenen Briefen: »Wann kommt der Dauphin? ... Ich bitte Gott alle Tage drum! ... Ich bin ganz närrisch vor Freude und Ungeduld, daß ein Kurier mir die Nachricht bringen könnte, Du seiest guter Hoffnung ... Gott sei gelobt, Du meldest mir eine große, unerwartete Neuigkeit, meine liebste Antoinette ... Meine Unruhe ist die Wahl der Leute, die dies kostbare Kind warten sollen. Aus Sorge kann man viel Unheil anrichten. Ich wünschte nur, daß die Frauen nichts anzuordnen hätten, sondern nur den Angaben der Ärzte zu folgen wie bei uns ... Ich freue mich über die Zärtlichkeit des Königs. Aber ich gestehe, ich bin unersättlich. Dein Kind braucht einen Gesellschafter!« Das graziöseste Wort der schmeichelnden Mutter: »Wir müssen einen Dauphin haben. Es wäre ein Mord, nicht mehr Kinder von diesem Schlag zur Welt zu bringen, man spricht von Deiner Kleinen als einem Wunder von Gesundheit und Reiz.« Mitten unter Einflüsterungen von Frau zu Frau steht die kaiserliche Mahnung: »Man muß seine Rolle zu spielen wissen, wenn man geachtet sein will!« Immer wieder, mit dem erregbaren Herzen der Mutter, ahnt sie Antoinettes Schicksal. Schon im Oktober 1771 schreibt sie: »Seit Monaten höre ich nichts von Deinen Beschäftigungen, von Deiner Lektüre. Ich sehe, wie Du mit einer gewissen Sicherheit und Lässigkeit in Dein Verderben rennst!« ...

Am größten aber ist Maria Theresia in ihren Briefen an Joseph II. Die Kaiserin unterschreibt hier: »Deine gute alte Mutter.« Aber wie gebeugt, leidgebeugt und schicksalsdemütig, sie vor ihrem Sohne steht, ihre hohe Gestalt richtet sich gerade in diesen Briefen immer wieder imponierend auf. Ihre frühe Warnung: »Hüte Dich vor geistreichen Redensarten« zielt ins Schwarze, denn sie rührt an Josephs schwache Stelle. Ergreifend ihre Versuche, sich mit der jüngeren Generation immer wieder zu verständigen: »Sag mir aufrichtig, schriftlich oder mündlich, meine Fehler, meine Schwächen. Ein Gleiches will auch ich tun, aber Niemand außer uns darf glauben oder nur ahnen, daß eine Meinungsverschiedenheit zwischen uns besteht.« Immer wieder kehrt der melancholische Refrain: »Es ist fürwahr ein großes Unglück, mit dem besten Willen verstehen wir uns nicht.« Was sie ihm in diesen Briefen als politische Confidence anvertraut, ist nicht nur kaiserliche, sondern ebensosehr frauliche Weisheit. Aus der Seele kommt ihr Seufzer: »Welch häßliches Gewerbe ist doch der Krieg, gegen die Menschlichkeit und gegen das Glück!« In ihrem Briefe an Joseph II. vom 25. Juli 1778, dem bedeutendsten, den sie je geschrieben, beugt sie sich demutsvoll zur Erde; aber gerade diese Demut war ihre Größe! Nie ist ein Königskind mit reineren Händen gesegnet worden: »Mein lieber Sohn. Man muß den Mut haben, sich selbst aufzuopfern und gerecht zu urteilen. Wir waren eine große Macht, aber wir sind es nicht mehr. Man muß sein Haupt beugen, wenigstens die Trümmer retten und die Völker, die uns noch bleiben, glücklicher machen, als sie es während meiner unglücklichen Regierung waren, da wir uns trotz unserer Verluste immer auf der früheren Höhe erhalten wollten. Beginne Deine Regierung damit, die Ruhe, den Frieden, das Glück denen zurückzugeben, die es so sehr verdienen. Du selbst wirst Dich an dem Glück der Anderen erfreuen, sogar auf Kosten Deiner persönlichen Größe. Ich kenne Dein Herz und baue darauf; rette Deine Völker und erwirb Dir dadurch größeren Ruhm als durch alle Ansprüche auf den Namen eines Eroberers. Ich umarme Dich ...«

Bis ins hohe Alter blieb Maria Theresias Auge klar, und der starke Mut, jedem Erlebnis gerade ins Gesicht zu sehen, verließ sie auch nicht auf ihrem Sterbebett, als sie ihren Kindern sagte: »Ich fürchte mich, zu schlafen, denn ich will nicht überfallen werden und will ganz den Tod kommen sehen.«

Ihre Grabschrift schrieb Klopstock in großen Zügen:

Schlaf sanft, du Größte deines Stammes,
Weil du die Menschlichste warst!
Das warst du, und das gräbt die ernste Geschichte,
Die Totenrichterin, in ihre Felsen.

Stefan Großmann.

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