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Familie Dungs

Kurt Aram: Familie Dungs - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Aram
titleFamilie Dungs
year1913
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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7. Kapitel

Es war schon häufig genug vorgekommen, daß Alfred Dungs viele Wochen lang nicht in seiner Vaterstadt gesehen wurde. Man wußte ja, daß er für die Firma besonders gern Reisen übernahm, während sich der Aelteste daheim am wohlsten fühlte. Die Menschen sind nun einmal verschieden; und einer Firma, bei der es so viel zu reisen gab wie bei Dungs, konnte es nur recht sein, wenn das Reisen für den einen Sohn so etwas wie eine Passion war. Aber nun hatte Alfred Dungs ja das große Haus im Bau, in dem es ganz fürstlich aussehen sollte. Da wunderte man sich denn doch ein wenig, als Wochen und Wochen vergingen, ohne daß Alfred Dungs sich zeigte. Dabei wurde an dem Haus ruhig weitergearbeitet, als sei alles in schönster Ordnung; und es gehörte sich doch wirklich nicht, daß der Bauherr so lange fernblieb.

In der Stadt hatte man Alfred nie besonders gern gehabt. Schon das mochte man nicht, daß es ihm ja wirklich in der Fremde besser zu gefallen schien als daheim. Das gehörte sich nicht und widersprach allen guten Traditionen. Und weshalb heiratete er nicht? Jung gefreit hat noch niemand gereut! Mit Anton Dungs war das etwas anderes. Der hatte sich nie viel aus den Mädchen gemacht, der war lieber für sich und allein, der war sozusagen als Junggeselle auf die Welt gekommen. Aber Alfred? Man wußte doch, daß er ganz anders war, daß er wahrhaftig nicht den schönen Mädchen aus dem Wege ging. Wenn die jungen Leute eine fidele Tour nach Düsseldorf unternahmen, war er nicht ungern dabei. Nun ja, Jugend muß austoben, und man tut gut, ein Auge zuzudrücken. Aber nun war er ja nie mehr mit von der Partie, nun schien er sich ausgetobt zu haben. Also worauf wartete er noch, um zu heiraten? Es taugte sowieso nichts, daß die Dungs so frauenlos durchs Leben liefen. Einmal erfuhr man infolgedessen gar nichts Genaues mehr aus ihrem Leben, und dann erfuhren auch sie nichts Genaues mehr, was in der Stadt vorging. In jeder Stadt aber gibt es Parteiungen, das war nun einmal nicht anders. Es war auch ganz gut so, aber eine der angesehensten Familien der Stadt durfte sich dabei nicht ausschließen. Es gehörte sich, daß auch die Dungs zu einer Partei gehörten, und daß die Frauen der Familie dafür sorgten, daß man etwas davon zu merken bekam. So wie es jetzt war, war es wirklich gar kein Leben mehr mit den Dungs.

Man ärgerte sich darüber und übertrug den Aerger auf Alfred als den Hauptschuldigen. Adam Dungs war noch zu jung, die beiden anderen Dungs waren entschuldigt. Aber für Alfred Dungs gab es einfach keine Entschuldigung. Man ist doch nicht nur für sich selbst, man ist doch auch für seine Mitbürger da.

Ein Vierteljahr verging, und man sah und hörte nichts von Alfred Dungs. Gerade als wäre er vom Erdboden verschwunden, meinte Schwester Emma und behauptete, das gehe nicht mit rechten Dingen zu, da sei etwas nicht in Ordnung zwischen Anton Dungs junior und seinem Sohn. Mehr wolle sie nicht sagen, denn sie sage nie mehr, als sie wisse, und mehr wisse sie noch nicht. Aber wenn sie mehr wisse, werde sie gewiß nicht damit hinter dem Berge bleiben. So viel wisse sie heute schon. Schwester Emma wurde immer aufgeregter, denn es war ihr noch nie vorgekommen, daß sie so wenig Bescheid wußte wie diesmal, und es mußte doch mit den Dungs etwas nicht in Ordnung sein.

Da man jetzt fast schon mitten im Sommer war, wo die meisten Leute gesund sind und es für Schwester Emma nicht viel zu pflegen gab, widmete sie sich mit um so größerem Eifer und mit bewundernswerter Ausdauer der Aufgabe, in Erfahrung zu bringen, was eigentlich im Hause Dungs vorging. Sie machte sich bei August, dem alten Diener der alten Frau Dungs selig, zu schaffen. Er war selber auf Neuigkeiten erpicht, seitdem er nichts weiter mehr zu tun hatte, als auf den Wintergarten der alten Frau Dungs selig achtzugeben, und seitdem die alte Frau ihn nicht mehr am Zügel hatte. Nein, er wußte nichts, aber auch rein gar nichts! Er wunderte sich sogar nicht wenig, daß überhaupt etwas nicht in Ordnung sein sollte. Aber er würde einmal beim Fritz horchen, dem Diener von Anton Dungs junior, ob der etwas wisse, und wenn er etwas erfahre, werde nur Schwester Emma davon hören, darauf könne sie sich verlassen. August war der Schwester ja von Herzen dankbar, daß er sich nun um etwas anderes kümmern konnte als um den dummen, stummen Wintergarten, den sich doch kein Mensch mehr ansah.

Zwei Tage wartete Schwester Emma geduldig, denn August hatte ihr versprochen, eine Botschaft zu schicken, wenn er etwas erfahre. Aber August schickte keine Botschaft.

Am dritten Tage ging Schwester Emma zufällig am Stammhaus der Dungs vorbei, und da sich August nicht sehen ließ, läutete sie und fuhr ihn nicht schlecht an, als er ihr die Tür öffnete.

»Aber Schwester, ich habe doch nichts zu hören bekommen,« verteidigte er sich.

»So, gar nichts?«

»Rein gar nichts, Schwester. Fritz sagt nur, es habe einen mächtigen Krach gegeben, aber er sagt, mehr wisse er nicht, und das ginge ihn auch nichts an, sagt er.«

»Einen großen Krach?« Schwester Emma riß gewaltig die Augen auf.

August nickte bestätigend.

»Weshalb hat es denn den Krach gegeben?«

Das wußte er nicht.

»Und wann war denn das, August?«

Auch das wußte er nicht. Es war wirklich zum Verzweifeln, und Schwester Emma suchte August klarzumachen, was für ein Dummkopf er sei, daß er nicht mehr in Erfahrung gebracht hätte. Aehnliches hatte August bei seiner vielen freien Zeit wohl auch schon gedacht, denn er nickte bestätigend mit dem Kopf und versprach, noch einmal mit Fritz zu reden.

»Aber dann fallen Sie wenigstens nicht mit der Tür ins Haus,« sagte Schwester Emma. »Sie müssen es klüger anfangen, viel klüger, hören Sie?«

August hörte und gelobte Besserung.

Diesmal ließ er die Schwester nicht zwei Tage lang warten, sondern erschien schon am nächsten Abend bei ihr. Schwester Emma hatte ihm das zwar verboten, denn sie liebte es nicht, wenn man sehen konnte, daß sie mit dem Dienstpersonal anderer Leute nach Feierabend sprach. Aber glücklicherweise war niemand in der Nähe, wie sich Schwester Emma sofort überzeugte, und dann machte August ein so wichtiges Gesicht, daß sie viel zu neugierig war, um ihn erst noch zu schelten. August berichtete, es habe einen mächtigen Krach wegen des jungen Herrn Alfred gegeben.«

»Das dachte ich mir,« sagte Schwester Emma befriedigt. »Herr Anton Dungs hat ein rechtes Kreuz mit ihm.«

»Und dann hat er auf den Tisch geschlagen und gerufen: »Fritz, packe meinen reinen Kragen ein, ich reise nach Paris.«

»Das hat er gerufen?«

»Ich weiß es ganz genau, Schwester. Fritz, packe meinen reinen Kragen ein, ich reise nach Paris. So hat er gerufen.«

»Was will er denn gerade in Paris?«

»Das wußte der Fritz nicht, trotzdem ich ihn gefragt habe.«

»Und weshalb gab es denn den Krach?«

»Fritz sagt, wegen geschäftlicher Dinge, mehr wisse er nicht.«

Schwester Emma schüttelte nachdenklich den Kopf. »Packe meinen reinen Kragen ein, ich reise nach Paris,« wiederholte sie, als könne hinter diesen Worten noch mehr stecken, als es aus den ersten Blick aussah.

»So hat er gesagt,« bestätigte August wieder und war sehr stolz.

»Das ist doch sehr merkwürdig,« meinte die Schwester.

August fand zwar weiter nichts Merkwürdiges dabei, aber er nickte ernsthaft.

»Wann hat er denn das gesagt?« fragte die Schwester.

»Das war vorgestern,« antwortete August. »Und noch an demselben Abend ist er nach Paris gefahren.«

»Also ist der junge Herr Anton jetzt allein hier?«

August meinte, das müsse wohl so sein, denn der junge Herr Alfred sei ja sowieso nicht hier, und der junge Herr Adam sei doch auf der Universität.

Das stimmte, dagegen konnte Schwester Emma nichts einwenden.

»Kommt der junge Herr Anton nicht zuweilen zu Euch in den Wintergarten?«

August berichtete, das sei früher häufiger vorgekommen, jetzt aber schon lange Zeit nicht mehr, wohl schon einen ganzen Monat nicht. Nun kümmere sich eben gar niemand mehr um die Blumen.

Schwester Emma bedankte sich recht herzlich bei August und empfahl ihm, die Sache nicht aus den Augen zu lassen und sie zu benachrichtigen, wenn er wieder etwas höre. »Das heißt, ich komme gelegentlich bei Ihnen vorbei, August, das ist mir lieber.«

August nickte und verschwand. Schwester Emma aber blieb lange Zeit gedankenvoll in ihrem Zimmer stehen. Was mochte da nur passiert sein?

*

Als Dr. Miller aus Berlin zurückgekehrt war und bei Herrn Dungs eintrat, berichtete er recht kleinlaut über den Mißerfolg seiner Reise. Aber Anton Dungs junior tobte nicht, wie er es befürchtet hatte, sondern nickte nur ab und zu, als wenn er es gar nicht anders erwartet habe.

Dr. Miller fiel ein Stein vom Herzen, denn er befand sich noch nicht lange in seiner einträglichen Stelle und hätte sie ungern um solcher Lappalien willen, wie er es vor sich selbst nannte, verloren.

»In welchem Hotel wohnte mein Sohn?« fragte der Vater.

Dr. Miller nannte den Namen des Hotels. Anton Dungs notierte sich den Namen. Es fiel ihm sofort auf, daß Alfred nicht wie gewöhnlich im Kaiserhof abgestiegen war.

»Sie wissen natürlich nicht, wann mein Sohn abgereist ist?«

Dr. Miller verneinte.

»Sie wissen auch nicht, wohin er gereist ist?«

Dr. Miller verneinte wieder.

»Nun ja, er wird es Ihnen schwerlich auf die Nase gehängt haben, und Sie sind ja kein Detektiv, um sich für so etwas zu interessieren.«

Dr. Miller wollte aufbegehren, aber Anton Dungs verzog keine Miene und hatte es offenbar nicht böse gemeint, wenn er vom Detektiv sprach.

»Das wäre ja nun wohl alles, was bei Ihrer Reise herausgekommen ist?«

Dr. Miller nickte.

»Dann danke ich Ihnen,« sagte Anton Dungs, und Herr Miller verabschiedete sich und ging. Fast wäre es ihm lieber gewesen, der Chef hätte getobt. Nun wußte er gar nicht, woran er mit ihm war.

Anton Dungs ging mit seinen kurzen Schritten einige Male eilig durch sein Kontor, dann setzte er sich. Ich werde nichts übereilen, dachte er, der Junge wird ja doch bald Vernunft annehmen. Was soll er denn anfangen ohne mich? Kredit, um wirklich etwas Großes anzufangen, wonach allein ihm der Kopf steht, bekommt er nirgends, wenn er sagt, daß wir auseinander sind. Einen bedeutenden Kredit wird ihm auf sein Pflichtteil auch niemand gewähren, ohne vorher bei mir anzufragen. Also kann ich alles mit Ruhe abwarten.

Eigentlich gefiel es ihm gar nicht so übel, daß sich der Junge auf die Hinterbeine setzte und nicht einfach ja und Amen zu allem sagte, was sein Vater von ihm wollte. Aber natürlich durfte er das niemand zeigen. Sonst regte sich am Ende auch bei anderen dieser Widerspruchsgeist, und das durfte unter keinen Umständen sein. Schererei machte ihm der Junge schon gerade genug. Unerfreulich war an der Geschichte vor allem, daß da nichts weiter dahintersteckte als ein Mädchen. Ohne diese Liebelei wäre der Junge wohl längst wieder hier. So schämte er sich dessen vor dem Mädchen, und deshalb spielte er den Selbständigen.

Anton Dungs überlegte sich, ob er, wenn Alfred nachgab und wiederkam, nicht am Ende auch in diesem einen Punkt nachgeben sollte. Das Berliner Mädchen macht soweit doch einen guten Eindruck. Und war es nicht im Grunde ein Zeichen von Schwäche, wenn er so großen Wert auf eine Verbindung mit Hugo Momm legte? Nein, er fürchtete ihn gewiß nicht. Aber es ärgerte ihn sehr, daß er ihm bei der »Hispania« so in die Quere gekommen war. Ernstlich schaden konnte ihm ein Hugo Momm gewiß nicht, aber ihm immer wieder seine Kreise stören und ihm hier und da das Vergnügen an einem Geschäft verderben, das konnte er allerdings. Auch das wäre ja nicht sehr schlimm gewesen, denn an Aerger aller Art war er gewöhnt. Aber daß sein Aerger zugleich einem anderen eine Freude bereitete, das war es, das wollte er nicht, das gönnte er Hugo Momm nicht. Daß der auf seine Kosten ein Vergnügen hatte, das ging nicht. Und wie er Hugo Momm kannte, würde er ein solches Vergnügen nicht bei sich behalten, und das gab dann in der ganzen Gegend eine Schadenfreude bei seinen Gegnern, und deren besaß er mehr als genug, die er ihnen erst recht nicht gönnte.

Nun konnte er ja Gleiches mit Gleichem vergelten und auch Hugo Momm ärgern und so auf dessen Kosten ein Vergnügen haben. Aber ein solches Vergnügen war ihm zu billig. Das lohnte sich wirklich nicht. Außerdem hatte er wirklich Wichtigeres und Besseres zu tun. Wenn derlei Hugo Momm Spaß machte, so war er eben nicht Hugo Momm, sondern Anton Dungs, dem solche Kindereien nichts zu bedeuten hatten.

Aber wenn nun Hugo Momm fortfuhr, ähnliche Dinge zu treiben wie bei der »Hispania«, nur aus Wut und Erbitterung darüber, daß ihm seine Frau gestorben war?

Anton Dungs erhob sich und fuhr sich über die Stirn. Seine Mutter war ihm eingefallen. Wie hatte sie doch damals gesagt? Hier ist eine Macht, gegen die kann keiner von uns an, auch du nicht, hatte sie gesagt. Nun ja, die Mutter hatte recht. Das hatte auch Hugo Momm erfahren müssen, und deshalb benahm er sich so närrisch und störte ihm seine Kreise. Als könne er sich dadurch rächen an jener Macht, gegen die sie alle nichts vermochten.

Wieder einmal wurde es Anton Dungs schwer und dumpf zu Sinn. Es geschah ihm oft so, wenn er an jenes Gespräch mit der Mutter dachte. Er persönlich fürchtete sich gewiß nicht vor dem Tod. Schon deshalb nicht, weil er ja gar keinen Grund hatte, für seine Person an ihn zu denken. Damit hatte es noch gute Weile. Aber die Mutter hatte er ja nun wirklich jener Macht preisgeben müssen und nichts dawider unternehmen können.

Anton Dungs verließ das Kontor, denn wenn ihm solche Gedanken kamen, ging er ihnen aus dem Wege, indem er sich doppelt eifrig an die Arbeit hielt. Es waren nutzlose, unfruchtbare Gedanken, die zu nichts taugten. Fort damit! Aber sie Peinigten, sie taten weh.

Im Walzwerk traf er seinen Aeltesten und Generaldirektor Loh. Dieser hotte eine neue Erfindung gemacht, die nun so bald wie möglich praktisch ausprobiert werden sollte. Aber es zeigte sich, daß dafür in dem alten Walzwerk kein Platz mehr war. Anton Dungs junior kam den beiden wie gerufen, die schon einen Anbau erwogen an der Hand der Zeichnungen, die der Generaldirektor bei sich hatte.

Anton Dungs junior ließ sich in der Sache von seinem Generaldirektor gleich an Ort und Stelle Vortrag halten. Er prüfte dabei die Zeichnungen auf das eingehendste und brachte Bedenken gegen diese oder jene Einzelheit sofort vor.

Der Generaldirektor und der junge Dungs sahen sich an. Es war doch ein wahres Vergnügen, mit Anton Dungs junior zu arbeiten; und wie schnell er wußte, worauf es ankam, und wie er, wenn ihm etwas nicht recht behagte, nicht nur tadelte, sondern sofort auch mit einem Verbesserungsvorschlag bei der Hand war.

Es handelte sich um eine neue »Schnellbahn« für Stabeisen. Das bisherige Verfahren hatte immer noch zu viel menschliche Hilfe in Anspruch genommen und war zu langsam gewesen. Generaldirektor Loh hatte nun einen Ausweg gefunden, bei dem nur noch zwei Mann unmittelbare Bedienung nötig waren; und die Prozedur, welche das glühende Eisen zu durchlaufen hatte, um als Stabeisen transportbereit dazuliegen, ließ sich mit Hilfe der Elektrizität um das Zehnfache beschleunigen. Das bedeutete einen außerordentlichen Vorteil für die Fabrik, die so ihr Stabeisen um vieles billiger herstellen konnte als jede andere. Außerdem ließ sich in Zeiten der Hochkonjunktur in derselben Zeit wohl fünf- bis sechsmal so viel Stabeisen gewinnen als bisher. Die Sache hatte nur einen Haken. Bei der kolossalen Geschwindigkeit, mit der aus elektrischem Wege das glühende Eisen über die »Schnellbahn« durch die verschiedenen Oeffnungen getrieben wurde, um den gewünschten Umfang zu erlangen, bestand die Gefahr, daß die heißen Schlangen, je dünner sie wurden, um so leichter über die vorgezeichnete Bahn hinaussprangen und jeden, der nicht auf der Hut war, sehr schwer verletzten. Angenommen, so eine zwanzig Meter lange glühende Eisenschlange lief mit Windeseile über ihre Laufbahn durch die Oeffnung, die sie wieder um einiges verdünnte und damit zugleich die ganze Schlange beträchtlich verlängerte, etwa fünf Meter, so mußte man erwägen, daß sich die Schlange gewaltig bog und krümmte, und da sie sich in einer großen Geschwindigkeit zugleich zur nächsten Oeffnung bewegte, so sprang sie wohl gelegentlich über die vorgeschriebene Bahn hinweg. Wehe dem, der ihr dann gerade in den Weg kam! Sie würde den Weg durch ihn hindurch nehmen oder ihn so hart mit ihrem glühenden Leib treffen, daß der Mann verloren war. Also mußte man jeder der glühenden Eisenschlangen einen möglichst großen Spielraum gewähren und dafür sorgen, daß niemand außer den beiden Männern, welche die Eisenschlange mit einer Zange am Kopf zu greifen und ihn hurtig in die betreffende Oeffnung zu stoßen hatten, in der Nähe sich aufhielt. Das war das Problem, welches die drei jetzt beschäftigte.

Noch einmal erwogen sie jede Einzelheit ganz genau, berechneten auch bis ins kleinste die Unkosten – der Generaldirektor hatte eine Aufstellung auch darüber zur Hand –, und dann sagte Herr Anton Dungs junior: »Das machen wir, Herr Loh, das machen wir!«

Generaldirektor Loh strahlte über das ganze Gesicht, und er schüttelte Herrn Anton Dungs junior freudig die Hand. Das war doch etwas anderes wie bei den Aktiengesellschaften, wo man ganze Sitzungen lang mit allen möglichen Leuten herumreden mußte, bis man sie überzeugt hatte. Anton Dungs sagte einfach, nachdem er sich von den Vorteilen überzeugt hatte, das machen wir, – und es war gemacht.

Aber der Generaldirektor hatte noch etwas auf dem Herzen. Wenn man schon an einen Anbau ging, dann sollte man ihn auch gleich recht groß und geräumig herstellen. Fast alle Hallen waren schon wieder zu eng, überall drückte und drängte es sich. Anton Dungs junior ging mit den beiden durch die Hallen, überzeugte sich, daß sein Generaldirektor nicht unrecht hatte, überlegte einen Augenblick und meinte dann: »Wissen Sie was, Herr Loh? Bauen wir lieber eine große, neue Halle.«

»Offengestanden, Herr Dungs, scheint mir das auch praktischer zu sein.«

»Also schön, abgemacht. Gehen wir gleich ins Bureau, die Architekten werden sich freuen, wieder eine größere Aufgabe zu haben. Aber schnell muß es gehen.«

»Es wird gehen, Herr Dungs. In drei, höchstens vier Monaten bauen sie uns die schönste und beste Halle.«

Eilig schritten sie zum Bureau. Der Generaldirektor freute sich, und die Architekten freuten sich erst recht. Und von hier lief es mit derselben Freude durch das ganze Werk. Anton Dungs merkte das sofort. Man grüßte ihn schmunzelnd und vertraulicher als sonst. Er war doch ein Hauptkerl, und es war ein Vergnügen, mit ihm zu tun zu haben und bei ihm zu arbeiten.

Anton ging seinem Vater nicht von der Seite mehr. Er wußte ja, daß Dr. Miller aus Berlin zurückgekommen, und war sehr gespannt, was er ausgerichtet hatte. Aber er fragte seinen Vater nicht, er wartete, daß er selbst darauf zu sprechen käme.

Vor dem Tor der Fabrik hielt Anton Dungs' bescheidener Einspänner, und der Vater lud den Sohn ein, mitzufahren.

Gemächlich setzte sich das Fuhrwerk in Bewegung. Das Pferd hatte Anton Dungs schon so lange treu gedient, daß er es nicht liebte, wenn man das Tier unnütz anstrengte. Der alte Kutscher liebte es erst recht nicht. Also kam man recht langsam voran, wie es dem Pferd gerade behagte. In der Beziehung ließ Anton Dungs sich recht viel gefallen. Erst als das Tier wußte, daß es wirklich dem Stall zuging, setzte es sich in einen gemütlichen Trab.

Der Vater erzählte derweil dem Sohn, was Dr. Miller in Berlin ausgerichtet habe.

Der Sohn meinte: »Du hättest vielleicht doch gut daran getan, nicht gerade ihn zu schicken.«

»Hätte ich vielleicht den Justizrat schicken sollen? Dann hätte Alfred gemeint, ich nähme die Sache wunder wie wichtig, und das tue ich durchaus nicht. Außerdem hätte der Justizrat die doppelten Spesen gemacht, und mehr hätte er wohl auch nicht ausgerichtet.«

»Soll ich ihm vielleicht einmal schreiben?« fragte der Sohn.

»Daß Du Dich nicht unterstehst!« fuhr der Vater auf. »Das ist eine Angelegenheit zwischen mir und ihm und niemand anders, da soll sich kein Dritter hineinmischen, auch Du nicht.«

»Aber ich verstehe mich vielleicht besser auf ihn,« begann der Sohn wieder, »und es ist doch nicht nötig, daß Ihr immer mehr auseinander kommt.«

»Er wird schon wieder zu mir kommen, darauf verlasse Dich!«

»Ich meine ja auch ...«

»Er wird müssen, ob er will oder nicht. Oder glaubst Du wirklich, daß ihn irgend jemand gegen meinen Willen etwa zum Kompagnon macht?«

Der Sohn schüttelte den Kopf.

»Nun also! Die Kasse habe ich ihm schon gesperrt. Was mag er bei sich haben? Ein paar Tausender, das ist alles. Damit kommt er nicht weit, wie ich ihn kenne!«

Der Sohn widersprach nicht, um den Vater nicht noch mehr aufzubringen.

»Oder glaubst Du, daß man ihm auf sein Pflichtteil einen größeren Kredit gibt?« fragte der Vater nach einer Weile.

Der Sohn zuckte die Achseln.

»Aber glaubst Du, daß man ihm Kredit gewährt, ohne bei mir anzufragen?«

»Das glaube ich allerdings nicht,« antwortete der Sohn.

»Na also!«

Nach einer Weile sagte Anton Dungs junior: »Ich könnte ihn ja beobachten lassen, wie ich es schon früher getan habe. Aber es paßt mir diesmal nicht. Diesmal soll er auch ausessen, was er sich eingebrockt hat, diesmal helfe ich ihm nicht aus der Patsche, und das täte ich ja doch wieder, wenn ich erführe, wie es um ihn steht. Schon unseres Namens wegen. Aber diesmal gebe ich nicht nach. Mag man darüber auch reden und denken, was man will.«

»Wie meinst Du das, Vater?«

»Glaubst Du, das bleibt lange verborgen, wie es um uns steht? Und überall wird man für ihn Partei nehmen, daran zweifle ich nicht. Schon aus Schadenfreude, schon um mich zu ärgern. Aber ich versichere Dir, ich ärgere mich nicht, nicht im geringsten. Er soll sehen, wie weit er kommt. Das wird ihm eine gute Lehre sein fürs ganze Leben. Und in drei, vier Wochen ist ja immer noch Zeit für ihn, nach Spanien zu reisen. So eilt es ja glücklicherweise nicht. Die Liebelei wird ihm derweil ja wohl auch aus dem Kopfe gehen. Und der Herr von Karst wird sich schön bedanken für einen Schwiegersohn, der nichts hat und außerdem noch bürgerlich ist.«

»Rege Dich nicht auf, Vater.«

»Ich sage Dir, ich rege mich gar nicht auf. Es ärgert mich nur, daß der Junge so einen Dickkopf hat.«

Sie sprachen dann wochenlang nicht mehr über dieses Thema. Aber die Wochen vergingen, ohne daß Alfred etwas von sich hören ließ. Und was noch merkwürdiger war: sie vergingen, ohne daß irgend jemand mit einer Forderung an Anton Dungs junior dieses Sohnes wegen herangetreten wäre. Auch wurden nicht von irgendeiner geschäftlichen Seite Erkundigungen eingezogen, wie es Anton Dungs junior eigentlich erwartet hatte.

Er stand gerade mit seinem Aeltesten bei der neuen Halle, an der mit Eifer gearbeitet wurde, da sagte der Sohn gepreßt: »Ich ertrage das nicht mehr länger!«

Der Vater wußte gleich, was gemeint war, und erwiderte: »Ich verstehe das einfach nicht.«

»Wenn er sich nun irgendein Leid angetan hat?« fragte der Sohn leise.

»Du, Du, Du bist wohl nicht recht klug! Ein Dungs? Nein, mein Junge ... Außerdem, das wüßten wir längst, darauf kannst Du Dich verlassen.«

»Das denke ich wohl auch,« erwiderte Anton gedrückt.

Sie sprachen von etwas anderem.

Nun war ein ganzes Vierteljahr vergangen, ohne daß Alfred etwas von sich hatte hören lassen.

Anton Dungs junior wurde ernstlich unruhig. Nicht als ob er geglaubt hätte, Alfred wäre etwas Schlimmes zugestoßen. Das war ja Unsinn, und wenn ihm doch einmal etwas derart durch den Kopf schoß, so wies er einen solchen Gedanken sofort mit aller Energie zurück. Ein Dungs geht weder in der Welt spurlos verloren, noch verunglückt er, ohne daß man etwas davon erfährt. Nein, die Situation lag ganz anders. Es ging ihm gut, und deshalb ließ er nichts von sich hören. Wie aber hatte er das zustande gebracht? Das war das eigentliche Rätsel, das Anton Dungs nun ernsthaft beunruhigte. Sollte der Junge wirklich ohne ihn fertig geworden sein? Er mußte doch wohl. Damit hätte Anton Dungs also ihm gegenüber den kürzeren gezogen? Das wollte und wollte ihm nicht in den Kopf.

Er ließ sich seinen Aeltesten ins Schloß kommen, denn nun wollte er nicht länger in Geduld abwarten, was weiter geschehen würde, nun wollte er eingreifen und das Rätsel lösen. Um jeden Preis. Das wäre ja noch schöner, wenn der Junge obenauf wäre. Das wäre ja wirklich gegen Recht und Gerechtigkeit!

Auch der junge Dungs meinte, als sein Vater mit ihm davon sprach, Alfred habe irgendwie ein angenehmes Unterkommen gefunden, und zwar aller Voraussicht nach im Ausland, denn in Deutschland hätte man gewiß davon erfahren. Man könne ja vielleicht den altbewährten Londoner Detektiv einmal suchen lassen. Aber davon wollte der Vater diesmal nichts wissen. Er hatte das Gefühl, als müsse er selbst eingreifen, als entwische ihm sonst der Sohn auf Nimmerwiedersehen.

Er war dieser Tage bei dem Obersten gewesen, weil es sich des neuen Exerzierplatzes wegen gerade so gemacht hatte. Vielleicht wußte er etwas durch seine Schwägerin. Aber der Oberst hatte ihn sehr kühl und förmlich behandelt. Er tat jetzt fast so, als ob Anton Dungs ihn beleidigt habe, und er hatte doch nur gut an ihm gehandelt, und wie es sich in solchen Fällen gehörte.

Er hatte sogar den Obersten schließlich gefragt, wie es seiner Schwägerin gehe? Sie habe das damals doch sicher nicht tragisch genommen.

Aber der Oberst hatte nur geantwortet: »Es geht ihr gut.« Weiter nichts. Damit konnte man nicht viel anfangen.

»Weißt Du,« sagte der Sohn, »mir ist da schon seit längerer Zeit ein Gedanke gekommen, der mir manches erklären würde, aber ich weiß nicht, ob ich ihn äußern soll, denn ich habe eigentlich keine triftigen Anhaltspunkte dafür.«

»So rede doch!« drängte der Vater.

»Vielleicht hat sich Mama seiner angenommen?« meinte der Sohn zögernd.

Der Alte sprang auf. »Adele?« Wie geringschätzig er das sagte. Dann aber schlug er wütend auf den Tisch. »Aber natürlich, das sieht ihr ganz ähnlich! Ich Narr, daß ich daran nicht gedacht habe! Selbstverständlich, sie steckt dahinter! Du hast ganz recht! Nein, daß ich daran nicht gedacht habe! Ich werde alt! Wirklich, ich bin nicht mehr bei Verstand. Natürlich, niemand anders als Adele hat die Hand im Spiel!«

Und wieder schlug er auf den Tisch und tobte durch das Zimmer. So hatte selbst Anton seinen Vater noch nicht gesehen.

»Und jetzt lacht sie sich ins Fäustchen, haha! Ich sehe sie ordentlich. Dumm war sie nie, nein, gewiß nicht.« Er schlug sich vor den Kopf und konnte es sich nicht verzeihen, daß er daran nicht gleich gedacht hatte. Und dann rief er nach dem Diener und schrie: »Fritz, packe meinen reinen Kragen ein, ich reise nach Paris!«

Der Sohn gab sich alle Mühe, den Vater zurückzuhalten. Er war ja rein außer sich.

»Ich bitte Dich, Du mußt Dich erst beruhigen, so kannst Du doch nicht reisen. Blicke doch nur in den Spiegel. Es gibt ja ein Unglück, wenn Du Dich so aufregst.«

Anton Dungs trank mit Hast ein Glas Wasser und wurde ganz still. Er schüttelte nur immer wieder stumm über sich selbst den Kopf.

»Könnte ich Dir nicht diese Reise abnehmen?«

Davon wollte Anton Dungs nichts wissen. Nein, das mußte schon er selbst erledigen. Nur er kannte ja die Schliche und Wege in Paris, um dahinter zu kommen, was Adele eigentlich angestellt hatte, um ihm diesen Tort anzutun. Dem war Anton nicht gewachsen.

Anton meinte, es wäre doch wirklich besser, man versuche es im guten, und am allerschönsten wäre es, man versöhne sich wieder mit Mama.

»Jetzt?« Der Vater sah seinen Sohn ganz sprachlos an. Was war denn mit ihm passiert, daß er einen solchen Vorschlag im Ernst zu machen wagte? War ihm auch sein Aeltester über den Kopf gewachsen und revoltierte?

Anton sah seinem Vater ruhig ins Auge. »Das ist wirklich meine Meinung, und es wäre besser, wir hätten schon längst einmal darüber gesprochen. Wir sind doch nun alle keine Kinder mehr, auch Adam ist erwachsen. Ich sollte meinen, da hätte es wirklich keinen Zweck mehr, mit der Mama so umzugehen. Die Mama hatte es hier ihrer ganzen Art nach doch auch nicht leicht.«

»Wer sagt das?« fuhr der Vater dazwischen.

»Großmutter hat oft genug davon erzählt,« erwiderte der Sohn ganz ruhig.

Der Vater nahm noch einen Schluck Wasser und setzte das Glas so hart auf den Tisch, daß es zersprang.

»Ich verlasse mich daraus, daß Du die Augen offen hältst, solange ich fort bin,« sagte er rauh.

Anton nickte und sah seinen Vater bittend an. Er machte eine abwehrende Handbewegung, und Anton entfernte sich.

Anton Dungs junior fuhr nicht direkt nach Paris, sondern erst nach Berlin, und zwar logierte er sich in dem Hotel ein, wo Alfred gewohnt hatte. Die Adresse hatte er sich ja notiert.

Er ruhte sich erst ein wenig und durchblätterte dann die Fremdenlisten vom Frühjahr an. Ganz richtig, hier stand ja Alfred Dungs verzeichnet. Er blätterte zurück und blätterte vorwärts. Aber unter all den Namen fand er keinen, den er irgendwie mit seinem Sohn in Verbindung bringen konnte. Das hieß ja nun noch nicht viel. Es konnte sich zufällig zwischen Alfred und einem der Namen eine Beziehung ergeben haben, von der er nichts wußte. Jedenfalls wurde er aus diesen Listen nicht klüger. Er hatte damit gerechnet, etwa auf den Namen seiner Frau zu stoßen oder irgendeines der vielen Menschen, von denen er wußte, daß sie mit ihnen gesellschaftlich oder geschäftlich zu tun hatte. Er war ja auch heute noch über ihren Verkehr einigermaßen orientiert, und er wußte auch, daß sie sich immer noch an mancherlei Spekulationsgeschäften beteiligte. Das hatte ihr schon als junge Frau im Blute gesteckt, so unangenehm und unsympathisch es ihm gewesen war.

Am nächsten Tage siedelte er in den Kaiserhof über und ließ sich auch hier die Fremdenlisten geben. Aha, da stand ja seine Frau, und auch der unzertrennliche Vicomte, dieser alte Narr, fehlte nicht, ohne den sie überhaupt nicht mehr leben konnte. Es stimmte schon alles aufs schönste. Sie waren in derselben Zeit hier gewesen wie Alfred. Und dann stieß er auf die Namen der Kufferaths. Er wußte, daß Alfred sie kannte. Er wußte, daß sie tüchtige Geschäftsleute waren, wenn er sich auch nie darum gekümmert hatte, was sie eigentlich trieben. Nun, das ließe sich ja leicht in Erfahrung bringen. Wenn ihn nicht alles trog, hatte er nun die Fäden in der Hand, die ihm den Sohn aus seinem Einfluß fortgezogen hatten. Wie unglaublich dumm, daß er nicht früher daran gedacht hatte. Wer weiß, ob es jetzt nicht schon zu spät war, Alfred zurückzugewinnen. Nun, versuchen würde er es jedenfalls, und noch in derselben Nacht fuhr er nach Paris.

*

Der älteste von Anton Dungs' Söhnen sah sich zum ersten Male allein verantwortlich an der Spitze des großen Unternehmens stehen. Ein merkwürdiges Gefühl, über dem sogar die Sorge um den so heftig erzürnten Vater zurücktrat, das ihn in den ersten Stunden, nachdem er das Schloß verlassen hatte, beherrschte. Er fürchtete allen Ernstes, den Vater könne der Schlag treffen, wenn er sich so weiter aufrege. Aber der Vater fuhr ab, und da er am andern Tage nichts von sich hören ließ, weder telephonisch noch telegraphisch, war anzunehmen, daß er sich wieder gefaßt hatte und das Schlimmste überstanden war.

So begab sich denn Anton an diesem Morgen getrost zur Fabrik in dem angenehmen Gefühl, Alleinherrscher zu sein, und dies Gefühl verstärkte sich mit dem Tage, da er von dem Vater einen Brief erhielt, in dem er mitteilte, er komme jetzt der ganzen Affäre auf die Spur, werde aber wohl noch acht bis zehn Tage in Paris bleiben, wenn Anton ihn nicht dringend nötig habe.

Darauf antwortete Anton, es gehe soweit ganz gut, und er werde seinen Vater sofort benachrichtigen, wenn man seiner nicht länger entbehren könne. Er hoffe aber, das werde in den nächsten acht bis zehn Tagen nicht unbedingt nötig sein. Im übrigen gäbe er nochmals zu bedenken, ob der Rat nicht doch erwägenswert sei, eine Aussöhnung mit Mama herbeizuführen.

Darauf erhielt Anton keine Antwort mehr. Der Vater hatte es ihm wohl übelgenommen, daß er nochmals auf diesen Punkt zurückgekommen war. Aber Antons Selbstgefühl regte sich, nun er Alleinherrscher war. Er hatte das ja noch nie auskosten dürfen. Er war dabei zu verständig, um irgend etwas von Wichtigkeit auf eigene Verantwortung hin zu unternehmen. Aber in einem so großen Betriebe verging kein Tag, wo nicht diese oder jene Entscheidung zu treffen war, und bisher war keine, auch die geringste nicht, getroffen worden, ohne daß man nicht wenigstens erst telephonisch bei Herrn Anton Dungs junior angefragt hatte. Der Sohn wollte es selbst nicht anders. Nicht weil er sich solche Entscheidungen nicht zutraute, sondern einfach deshalb, weil es immer so gewesen war. Jetzt war es auf einmal anders. Es tat sehr wohl. Man war doch längst kein Kind mehr. Nun bekam er doch endlich auch zu spüren, daß man erwachsen war.

Den Tag über blieb er auf der Fabrik, wie er das sonst auch getan hatte. Und in den ersten Tagen ging er von der Fabrik direkt nach Hause, wie er es von jeher gewohnt war.

Er war den Menschen gerne aus dem Weg gegangen, denn man gab ja doch nicht allzuviel auf seine Meinung und sein Urteil. Er war ja nur der Sohn von Anton Dungs junior und weiter nichts. Das bedeutete in den Augen der Fernerstehenden vielleicht nicht wenig, aber hier inmitten all der Industriellen war es recht wenig, solange er in ihren Augen kein selbständiger Kaufmann war, sondern eben nur der erste Angestellte seines Vaters.

Aber nach einigen Tagen behagte es ihm nicht mehr, allein zu Hause zu sitzen. Er hatte tüchtig gearbeitet, er hatte hier und da eine Anordnung getroffen, die ihm gefiel, und die er für gut und klug hielt. Er fühlte plötzlich das Bedürfnis, andere Menschen zu sehen, um von ihnen zu hören, was sie trieben und wie sie tätig waren.

Er besuchte also abends das Bürgerkasino, wohin er früher nur ging, wenn er mußte, das heißt: wenn sein Vater es wünschte. Aber er hatte sich immer wie das fünfte Rad am Wagen gefühlt. Da verkehrten Leute, die nicht älter waren als er und doch schon selbständige Fabrikbesitzer waren, Altersgenossen und Schulkameraden, die ihn ein wenig mitleidig von der Seite ansahen.

Jetzt war das anders. Man wußte, daß Anton Dungs junior auf Reisen war, und daß er seinem Aeltesten die Leitung überlassen hatte. Gewiß, er war ein tüchtiger Mensch, aber unselbständig, sehr unselbständig, wie es bei einem solchen Vater nicht wundernahm. Wenn dieser ihn aber jetzt ruhig gewähren ließ und nicht den Generaldirektor Loh zum Vertreter bestimmte, wie es früher zuweilen geschehen war, so hielt er augenscheinlich selbst von seinem Aeltesten mehr, als man angenommen hatte.

Schon deshalb beachtete man jetzt Anton im Bürgerkasino mehr als früher ... Jeder der Großindustriellen interessierte sich nun für Anton und wünschte sich ein Urteil über ihn zu bilden und selbst zu sehen, ob Anton Dungs junior gut daran getan, seinen Aeltesten mit seiner Stellvertretung zu betrauen. So wurde Anton reichlich ins Gespräch gezogen, und wenn man ihm auch etwas gar zu deutlich auf den Zahn fühlte, so daß Anton leicht merkte, weshalb man sich plötzlich für ihn so lebhaft interessierte, so freute sich Anton gerade darüber, denn er wußte ja, daß er in geschäftlichen Fragen seinen Mann stand; und das war im Bürgerkasino die Hauptsache. Nach der geschäftlichen Schätzung richtete sich im wesentlichen auch die gesellschaftliche. Ein amüsanter Erzähler, ein guter Tänzer und dergleichen, das war ja ganz nett als Zeitvertreib und für die Damen, aber die Hauptsache war eben doch auch hier die geschäftliche Tüchtigkeit.

Nun, in der Beziehung sagte Anton den Herren recht zu. Er trat bescheiden auf, hatte aber feste Ansichten, die er wohl zu begründen wußte, und konnte sogar lebhaft und eindringlich werden, wenn es sich um die Fragen handelte, die hier jedermann beschäftigten: Kuxe, Eisen, Kohle. Anton Dungs junior hatte nicht übel daran getan, sich von seinem Aeltesten vertreten zu lassen, das mußte man sagen. Man nahm ihn ernst, man begann mit ihm für die Zukunft zu rechnen, man fragte ihn um seine Meinung, auch wenn es sich um wichtigere Dinge handelte, und nicht nur, wie es zuerst gewesen war, wenn es um Kleinigkeiten ging.

Im Bürgerkasino traf er nun auch mit Hugo Momm einige Male zusammen. Der lange, hagere Herr, der sich gern ein wenig feierlich gab, so recht ein Gegensatz zu Anton Dungs junior, interessierte sich noch ein wenig mehr als die andern für Anton. Herrn Momms beide Söhne waren noch klein und kamen noch für geraume Zeit für das Geschäft nicht ernstlich in Betracht. Helene war sein einziges Kind, das erwachsen war. Da nun Hugo Momm mancherlei Pläne gegen Anton Dungs junior schmiedete, so mußte ihm daran liegen, zu erfahren, wes Geistes Kind dieser Anton eigentlich war.

Man kannte einander rein gesellschaftlich von Jugend auf, man verkehrte ja auch hier und da gesellig miteinander, wenn es die Gelegenheit gerade so mit sich brachte, aber sonst wußte man nicht viel voneinander. Für das ganze Bürgerkasino wurde es nun ein recht pikantes Schauspiel, Hugo Momm und Anton häufiger beieinander zu sehen. Man wußte ja, daß die Dungs und die Momms auf manchen Gebieten Gegner und Konkurrenten waren, und man war gespannt, wie es Hugo Momm in seiner feierlichen Art gelingen werde, Anton auszuhorchen. Aber Anton hielt sich tapfer und klug. Er blieb stets zuvorkommend gegen den feierlichen Herrn Momm, aber verstand es zugleich, mit vielen Worten nichts zu sagen. Und dann war da noch etwas, weshalb man diese beiden mit besonderen Augen betrachtete. Helene Momm war ja nun doch ein erwachsenes Mädchen, das unter die Haube gehörte, und das natürlichste wäre gewesen, wenn einer der Dungs sie geheiratet hätte. Eine Zeitlang hatte man geglaubt, Alfred werde Helene Momm heiraten. Aber der war ja nun rein wie vom Erdboden verschwunden. Also würde es nun vielleicht etwas zwischen Anton und Helene werden. Er war der Aelteste, und wenn er sich bisher auch nicht um die Mädchen viel gekümmert hatte, so würde er doch wohl nicht ewig Junggeselle bleiben wollen. Er hatte ja doch auch sozusagen die Verpflichtung, für Nachwuchs zu sorgen, denn ein Werk wie das Dungssche läßt man doch nicht in fremde Hände kommen, solange es sich irgend vermeiden läßt. Und der Aelteste des Hauses war doch von jeher der nächste dazu, daran zu denken und dafür zu sorgen. Das gehörte sich so.

Als das Bürgerkasino den nächsten Abend mit Damen veranstaltete, war man in der ganzen Stadt gespannt, ob sich Anton einfinden und mit Helene Momm tanzen würde. Anton stellte sich ein und tanzte auch gleich mit Helene Momm, wie man voller Befriedigung feststellte.

Daß dies Ereignis so schnell eintrat, daran war Helene Momm freilich mehr schuld als Anton Dungs, aber das wußte man nicht.

Schwester Emma hatte nämlich die ganze Zeit über Helene Momm mit den merkwürdigsten Ansichten über Alfred Dungs' Schicksal in den Ohren gelegen. Sie hatte ihr erzählt, es habe einen fürchterlichen Krach zwischen dem alten Herrn Dungs und Alfred gegeben, sie wisse das aus bester Quelle, und nur deshalb sei Anton Dungs junior nach Paris gereist. Man solle zwar darüber nicht sprechen, aber sie wisse ganz genau Bescheid. Alfred Dungs habe sich in ein armes Mädchen verliebt und wolle es durchaus heirateten. Das wolle der Vater unter keinen Umständen zugeben, was man ihm gewiß nicht übelnehmen könne. Aber Alfred, der ja überhaupt nicht sei, wie es sich gehöre, bestände auf seinem Willen, und nun habe der Vater ihn enterbt. Jawohl, enterbt!

»Ja aber, mein Gott, Schwester Emma, das geht doch nicht so von einem Tag zum andern, das weiß ich doch auch!«

»Bei Anton Dungs junior geht das schon,« behauptete Schwester Emma, und soviel sie wisse, sei Alfred daraufhin nach Amerika ausgerissen, um sich dort eine neue Existenz zu gründen und dann das arme Mädchen hinüberzuholen, denn die müsse ihn wohl rein verhext haben.

Schwester Emma sprach immer wieder von diesem armen Mädchen, denn sie hielt es für ihre Pflicht, Helene Momm klaren Wein einzuschenken, damit sie nicht etwa immer noch glaube, Alfred werde zurückkehren und sie heiraten. Daran war ja gar nicht mehr zu denken nach allem, was sich ereignet hatte, und Helene Momm sollte nur so schnell wie möglich jeden Gedanken an ihn aus ihrem Herzen reißen.

»›Fritz, packe meinen reinen Kragen ein, ich reise nach Paris‹! So hat er gesagt und auf den Tisch gehauen!« erzählte Schwester Emma.

»Ist denn Alfred Dungs in Paris?«

»Der?« Schwester Emma lachte. »In Amerika ist er, wie ich doch schon gesagt habe. Oder glaubst Du mir nicht mehr, Helene?«

Helene Momm beteuerte hoch und heilig, daß sie Schwester Emma jedes Wort glaube, das sei doch selbstverständlich. Aber sie wisse nur nicht, was das alles gerade mit Paris zu tun habe?

Schwester Emma wußte es auch nicht, aber das durfte sie unter keinen Umständen zugeben, denn sonst hätte ihr Helene überhaupt nicht geglaubt, auch das mit dem armen Mädchen nicht, was doch die Hauptsache war.

Schwester Emma machte zunächst einmal ein ganz geheimnisvolles Gesicht, und dann lächelte sie und dann stieß sie Helene an, um Zeit zu gewinnen, und fragte mehr gedehnt: »Das weißt Du wirklich nicht?«

Helene wurde ganz beunruhigt.

»Wohnt denn nicht Frau Anton Dungs junior in Paris?«

»Das ist richtig,« sagte Helene.

»Und sieht ihr denn nicht Alfred Dungs besonders ähnlich, hat er nicht auch so etwas ... etwas ... Spanisches?«

Helene nickte bestätigend.

»Nun siehst Du. Das ist doch alles sehr einfach. Frau Anton Dungs junior hat nämlich ihrem ungeratenen Sohn helfen wollen, und davon hat Herr Anton Dungs junior Wind bekommen und ist nach Paris gereist, um ihr das zu verbieten. Was sagst Du nun?«

Herrn Anton Dungs junior war derlei schon zuzutrauen, das mußte Helene zugeben. Der arme Alfred! Er tat ihr sehr leid, und sie hätte ihm gerne geholfen, wenn sie nur gewußt hätte, wie sie das anstellen könne. Und mochte er auch das arme Mädchen liebhaben, das war doch für sie gewiß kein Grund, ihn im Stich zu lassen, wenn sie ihm helfen konnte. Im Gegenteil, wo sie doch wußte, daß er ein armes Mädchen liebte, konnte niemand etwas Schlimmes dabei finden, wenn sie für Alfred Dungs eintrat und sich darum kümmerte, was aus ihm geworden sei, und ob man nicht etwas für ihn tun könne.

Aus solchen Erwägungen heraus war denn auch Helene Momm an dem Abend mit Damen in das Bürgerkasino gegangen, denn Schwester Emma hatte ihr berichtet, Anton Dungs werde auch da sein. Sie waren ja auch noch Schulkameraden gewesen, da konnte sie sich schon bei ihm nach Alfred erkundigen.

Es wurde Helene nicht leicht, zu dem Abend mit Damen ins Bürgerkasino zu gehen, wo doch das Trauerjahr kaum herum war und ihr das Herz wirklich nicht noch Tanz und Lustigkeit stand. Aber ihr Vater war sehr damit einverstanden, als sie ihn deshalb fragte. Er meinte sogar, es sei hoch an der Zeit, daß sie einmal wieder unter Menschen käme. Und dann tat sie es doch auch eines anderen wegen, dem man vielleicht nützlich sein konnte.

So war Helene Momm denn mit ihrem Vater in das Bürgerkasino gegangen und hatte die erste Gelegenheit benützt, um mit Anton Dungs in ein Gespräch zu kommen; und da sie doch nicht gleich von Alfred anfangen konnte, zog sich das Gespräch etwas in die Länge. So geschah es, daß sie gleich mit ihm tanzte, denn sie war noch nicht zu ihrem Ziel gelangt, und daß man nun im Bürgerkasino der Meinung war, aus Anton Dungs und Helene Momm werde wohl ein Paar werden.

Anton Dungs war kein guter Tänzer. Aber das schadete nichts, denn Helene Momm war an schlechte Tänzer gewöhnt, und außerdem war ihr das Tanzen heute Nebensache.

Anton fühlte sich auch ihr gegenüber viel freier, als es sonst jungen Mädchen gegenüber der Fall war. Er war ja nun ein selbständiger Mensch, der bewies, was er konnte. Hugo Momm respektierte ihn deshalb. Weshalb sollte er sich da noch vor seiner Tochter genieren? Dazu lag doch wirklich kein Grund mehr vor.

»Wie geht es Deinem Bruder?« hauchte Helene während des Tanzens.

Anton hielt einen Augenblick an, denn tanzen und sprechen zu gleicher Zeit war ihm ein bißchen viel auf einmal. Aber das Paar wurde so heftig gestoßen, daß sich Anton mit seiner Partnerin schleunigst wieder in Bewegung setzte. »Es geht ihm gut,« stammelte er. »Ausgezeichnet sogar, denn er ist ein fleißiger Student und will eine ganz neue Wissenschaft vom Stahl begründen.«

Anton lachte vergnügt, aber Helene lachte nicht mit. Was ging sie Adam an. Sie meinte den anderen Bruder.

»Das freut mich, daß es Adam so gut geht,« sagte sie. »Und was macht Alfred?«

Nun hörte Anton wieder auf zu tanzen und führte Helene Momm zu einer Bank, damit man sich vernünftig unterhalten könne, wenn ihr das schon lieber war als tanzen. Ihm war es jedenfalls lieber.

»Man hört so vielerlei in der Stadt über ihn,« sagte Helene, »und da wir doch zusammen zur Schule gingen ...«

Anton zeigte plötzlich ein sorgenvolles Gesicht. Am liebsten hätte er ihr sein Herz ausgeschüttet, denn es mußte gut tun, aber es war ja Helene Momm, die Tochter von Hugo Momm, da mußte man vorsichtig sein. Er seufzte nur. Das sagte nicht viel und verpflichtete zu nichts.

Helene blickte ihn aufmunternd an.

»Was erzählt man sich denn?« fragte Anton vorsichtig.

Helene hätte ja nun auch am liebsten nicht viel gesagt, denn schließlich war Anton doch der Aelteste von Anton Dungs junior, und man konnte nicht wissen, wie er es aufnahm. Aber ihr Mitleid mit Alfred war denn doch stärker als alles andere und riß sie hin, ihm zu erzählen, was man in der Stadt von Alfred spreche, wobei sie nicht daran dachte, daß weniger die Stadt als Schwester Emma so sprach. Anton hörte aufmerksam zu. Eigentlich war es sehr nett von Helene Momm, so offen zu ihm zu reden und das alles zu sagen. Das war gar nicht, als ob sie Hugo Momms Tochter sei, die sich gerade vor einem Dungs zurückhalten müßte. Es gefiel ihm sehr gut, daß sie so offen war, und dann war es auch gut, zu wissen, was eigentlich die Stadt über Alfred sagte.

Da Helene so offen war, hatte er wohl keinen Grund, noch länger allzu verschlossen zu bleiben, und er berichtete ihr, was er wußte, und hielt auch nicht mit seiner Meinung hinter dem Berge, daß er Alfred nicht ganz unrecht geben könne, wenn er auf und davon sei. Es sei wirklich nicht immer leicht mit seinem Vater. Jetzt, wo er einmal ohne ihn arbeite, sähe er das so recht.

Daß Anton seinen Bruder nicht einfach verdammte, gefiel nun wieder Helene Momm sehr gut, und daß es offenbar nicht ganz so schlimm stand, wie man sich erzählte, erleichterte sie sehr.

Nun war bei Anton das Eis gebrochen und er dachte weniger an Alfred als an sich selbst, wenn er nun Helene Momm ausführlicher erzählte, wie schwer es oft mit seinem Vater sei.

Helene Momm hörte aufmerksam zu und meinte, das verstehe sie gut, denn auch mit ihrem Vater sei oft kein leichtes Auskommen. Sie seien hier wohl alle so, wenigstens die Väter.

Anton erklärte es ihr. Das liege eben daran, daß diese Väter ihr Geschäft selbst und ohne fremde Hilfe hochgebracht hätten. Deshalb verließen sie sich nur auf sich selbst und glaubten, sie allein verständen etwas von ihrem Geschäft und könnten es auf der Höhe halten, wie sie es hochgebracht hätten. Daß die Kinder auch noch da seien und auch etwas gelernt hätten, daran dächten sie nicht.

Helene Momm, die viel gelesen hatte, solange ihre Mutter noch lebte, setzte Anton auseinander, das sei überall so in der Welt, dieser Kampf zwischen Vätern und Söhnen. Das interessierte Anton sehr und wunderte ihn nicht wenig, und er sah mit Respekt auf Helene, die das alles wußte. Ein nettes und vernünftiges Mädchen, mit dem sich reden ließ. Er verriet ihr, wie er mit dem Gedanken umgehe, seinen Vater zu bitten, sowie er aus Paris zurück sei, ihm irgendeine der Fabriken zur selbständigen Leitung zu übertragen. Entweder das Stammwerk hier, was er aber wohl nicht tun würde, oder eins der Schwesterwerke in der Nähe, denn wie ein fünftes Rad am Wagen möge er sich auch nicht länger fühlen.

Helene nickte eifrig und beifällig und ließ Anton reden. Es freute sie, daß er so offen zu ihr war, gerade zu ihr, der Tochter von Hugo Momm. Sie wußte das zu schätzen. Aber noch lieber wäre es ihr gewesen, er hätte noch etwas über Alfred gesagt. Selbst direkt danach fragen, das ging nun leider nicht, wo er doch so ausführlich von sich selbst sprach.

Als Anton geendet hatte, war er sehr zufrieden mit Helene Momm, die so gut zuhören konnte. Die jungen Mädchen waren sonst doch wirklich nicht so. Und dann verabredeten sie gleich noch einen späteren Tanz miteinander.

»Wir brauchen ja nicht immer zu tanzen,« meinte Helene, »ich tue das heute auch gar nicht sehr gerne, wo doch meine Mutter kaum ein Jahr tot ist. Wir können uns ja zwischendurch ein wenig unterhalten.«

Anton war das sehr recht, und er fand es sehr hübsch, daß Helene Momm so pietätvoll war und ihre Mutter nicht vergaß.

Anton tanzte nun auch mit anderen jungen Mädchen, wie es sich gehörte. Aber er fand, es war doch ein großer Unterschied zwischen ihnen und Helene Momm. Helene tanzte mit anderen jungen Männern, wie es sich gehörte, aber sie fand ebenfalls, es sei doch ein Unterschied zwischen ihnen und Anton Dungs, mit dem sie wenigstens über Alfred reden konnte.

Als dann der verabredete Tanz kam, freuten sich beide und tanzten eigentlich nur der Form wegen ein bißchen, um sich dann wieder auf eine Bank zu setzen und zu plaudern.

»Hat denn Alfred gar nichts von sich hören lassen, hat er auch Dir keine Nachricht gegeben?« fragte Helene.

Anton lächelte geheimnisvoll.

»Er hat Dir geschrieben?« sagte Helene.

Anton lächelte wieder und sagte, gestern habe er in seiner Privatwohnung eine Postkarte von Alfred vorgefunden, und er wolle sie ihr zeigen, wenn sie ihm verspreche, mit niemand darüber zu reden.

Das versprach Helene, und Anton zog eine Postkarte aus seinem Gehrock, die recht zerknittert war. So, als hätte Anton sie seit gestern immer bei sich getragen.

Helene las, äußerlich ganz ruhig, die Postkarte, während ihr Herz aber bedenklich laut klopfte, und dann hielt sie die Karte noch einen Augenblick in der Hand, bis sie sich ruhiger fühlte. Sie gab Anton die Karte zurück und meinte, es müsse doch auch für ihn eine rechte Beruhigung sein, daß Alfred so munter schreibe und sich offenbar ganz wohl fühle.

Anton sagte, darin habe Helene ganz recht, und er hoffe, sich bald auch wohler zu fühlen, wenn er sich erst selbständig gemacht habe. Das war nun einmal das Thema, das ihm unausgesetzt im Kopfe herumging.

Als es dann Zeit wurde, nach Hause zu gehen, begleitete Anton Herrn Hugo Momm und seine Tochter noch ein Stück, denn sie wohnten ja gar nicht weit auseinander, und Hugo Momm schien das nur recht zu sein.

Am andern Morgen stellte sich Schwester Emma schon recht früh ein, denn sie war sehr neugierig, wie der Abend mit Damen im Bürgerkasino wohl verlaufen war. Helene erzählte ihr denn auch alles ganz ausführlich. Nur von Alfred Dungs sprach sie nicht.

»Hat denn Anton Dungs nicht von seinem Bruder gesprochen?« fragte Schwester Emma verwundert. »Das gehört sich doch nicht, daß Anton ihn ganz vergißt, wo er nun allein im Glück sitzt.«

Helene sagte, Anton habe über seinen Bruder gesprochen, aber nicht viel.

»Das kann ich mir denken,« sagte Schwester Emma, »viel Staat ist ja nicht mehr mit ihm zu machen.«

Da wurde Helene zornig und sagte, es gehe ihm sehr gut, und es sei gar kein Grund vorhanden, daß sich Anton seines Bruders schäme.

»So? Woher weißt Du denn das?«

Sie wisse es, und mehr dürfe sie nicht sagen.

Er sei ja wohl Kellner geworden oder so etwas in New York, habe sie gestern abend gehört, meinte Schwester Emma.

Das sei nicht wahr, das sei einfach gelogen! rief Helene Momm empört. Wie man nur so etwas sagen könne! Es gehe ihm sehr gut und er kaufe große Zuckerplantagen.

»Zuckerplantagen?« sagte Schwester Emma erstaunt, als habe sie nicht recht gehört.

»Jawohl, Zuckerplantagen!«

»Da ist er wohl gar unter die schwarzen Heiden gegangen!« rief Schwester Emma entsetzt. »Das sieht ihm ähnlich!«

Helene Momm schwieg, denn sonst hätte sie Schwester Emma ganz unangenehme Dinge gesagt. Sie war ja wirklich unausstehlich heute.

»Da hat er wohl sein armes Mädchen schon bei sich?« fragte Schwester Emma. »Mitten unter den Wilden?«

Davon wisse sie nichts, entgegnete Helene Momm kühl. Wie konnte Schwester Emma nur denken, sie werde mit Anton Dungs über so etwas reden.

Diesmal gingen die beiden sehr viel weniger herzlich auseinander als sonst, und sie mieden einander in den nächsten Tagen.

Sie ist ja wohl rein nicht mehr bei Verstand, daß sie dem Alfred Dungs, dem Taugenichts, noch so das Wort redet, dachte Schwester Emma indigniert. Helene Momm aber fand, sie habe nie geglaubt, daß Schwester Emma so häßlich über einen Menschen reden könne, bloß weil es Alfred Dungs sei. Und was das arme Mädchen anlange, so sei es sicher nicht zu bedauern, wenn Alfred Dungs es liebhabe.

Helene Momm wurde nun doch wieder recht traurig, wenn sie daran dachte, daß sie nun wahrscheinlich miteinander sehr glücklich seien. Sie kannte natürlich auch die Frau Oberst von Beetzow und wußte schon durch Schwester Emma, daß es sich um eine Schwester der Frau Oberst handle. Sie hätte wohl ganz gerne einmal bei Gelegenheit die Frau Oberst nach ihrer Schwester gefragt. Aber die Frau Oberst war so ganz anders als die Leute hier, da traute sich Helene Momm nicht. Hingegen wußte sie es so einzurichten mit ihren Besorgungen in der Stadt, daß sie zuweilen in der Nähe von Anton Dungs' Privatwohnung vorbeikam. Vielleicht würde er ihr einmal begegnen und sie ansprechen, so daß sie wieder etwas Neues über Alfred und seine Braut, wie sie sie jetzt nannte, erfuhr.

Aber sie begegnete Anton Dungs nicht und hörte auch sonst nichts von ihm, denn ihren Vater mochte sie nicht nach ihm fragen. Er sah ihn ja wohl häufiger im Bürgerkasino und sprach dann wohl auch das eine oder andere Wort mit ihr über ihn am anderen Morgen. Aber er sprach nur von ihm als Geschäftsmann, und daß er sich tüchtig herausmache und Anton Dungs junior mehr Glück mit ihm habe als Verstand, wenn man bedenke, wie wenig Bewegungsfreiheit er bisher seinem Aeltesten gegönnt habe. Ueber Alfred verlor der Vater nie ein Wort. Es war ja wohl fast wie eine Schande für die ganze Stadt, daß er sich nicht mehr sehen ließ.

Helene Momm war wieder einmal bei Anton Dungs' Wohnung vorübergegangen, denn sie hatte so das Gefühl, als müsse sie ihn heute treffen. Sie war recht niedergeschlagen, daß ihr Gefühl sie getäuscht hatte, und da sie doch einmal unterwegs war, ging sie gleich noch ein paar Schritte weiter dem Bahnhof zu, und hier traf sie Anton Dungs, wie er sehr eilig dem Bahnhof zustrebte. Als er sie sah, kam er über die Straße und begrüßte sie.

»Du arbeitest zu viel, Anton,« meinte Helene. »Man sieht es Dir an. Du solltest Dich ein wenig schonen.«

Anton erklärte, das sei es nicht, die Arbeit mache ihm nichts, die sei gesund, aber sein Vater komme jetzt zurück aus Paris und habe ihm telegraphiert, er möge ihn von der Bahn abholen. Das sei es, weshalb er nicht gut aussähe, denn nun werde es wohl nicht ohne Streit abgehen, wenn er seinem Vater erkläre, er wolle nun auch sein Teil Arbeit für sich, für das er allein verantwortlich sei.

Anton sprach kein Wort über Alfred, also würde er wohl nichts Neues von ihm gehört haben. Und da Helene merkte, wie zerstreut er war und es eilig hatte, nach dem Bahnhof zu kommen, verabschiedete sie sich schnell von ihm und wünschte ihm nur noch alles Gute.

Anton bedankte sich dafür, denn gute Wünsche könne er brauchen, zog den Hut und machte, daß er zum Bahnhof kam.

Frisch und guter Dinge sprang Anton Dungs junior aus seinem Waggon und schüttelte seinem Aeltesten kräftig die Hand.

»Nun, wie geht es?«

»Ganz gut geht es,« sagte Anton zurückhaltend.

»Es ist doch nichts passiert?« fragte der Vater hastig und besorgt.

»Du meinst in der Fabrik?«

»Wo denn sonst?« fragte Anton Dungs junior.

»Da ist alles seinen guten Gang gegangen,« erwiderte Anton. »Deshalb brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen.«

»So ist es recht. Es war ja auch wohl eine stille Zeit,« meinte der Vater befriedigt.

Nicht ohne Widerstreben mußte Anton das zugeben.

Anton Dungs lachte leise und verschmitzt. »Es war wirklich gut, daß ich nach Paris fuhr.«

Anton schwieg.

»Sie hatten das wirklich recht geschickt angefangen, Adele und Alfred.«

»Hast Du sie gesehen?«

»Ich werde mich hüten! Nein, so dumm bin ich nicht. Daß sie vor der Zeit Wind bekommen. O nein! Das könnte ihnen passen!«

Anton Dungs junior rieb sich behaglich und eilig die Hände. Er machte wieder ein ganz verschmitztes Gesicht. »Ich sage Dir, wer zuletzt lacht, der lacht am besten, und nun lache ich doch zuletzt.«

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