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Familie Dungs

Kurt Aram: Familie Dungs - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Aram
titleFamilie Dungs
year1913
correctorJosef Muehlgassner
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5. Kapitel

Als Alfred Dungs nach einer schlechten Nacht gegen Morgen aus seinem Schlafwagencoupé trat, um in dem Nachbarwagen eine Zigarette zu rauchen, öffneten sich fast in demselben Augenblick die beiden Nachbarcoupés, und heraus traten frisch und munter die drei Brüder Kufferath, geborene Kölner, die sich in Holland niedergelassen hatten. Man stutzte einen Augenblick, lachte überrascht und schüttelte sich die Hände.

»Mein Gott, Dungs, das soll uns Glück bringen, daß Sie uns gerade über den Weg laufen!« riefen die drei Brüder und schüttelten Alfred nochmals die Hände; und alle vier begaben sich in den Nachbarwaggon in ein Coupé erster Klasse, das leer war.

Alfred Dungs war namentlich mit Joseph Kufferath, dem jüngsten der drei, viel zusammen gewesen und durch ihn auch mit den beiden andern bald vertraut geworden. Ganz jung waren die drei Kölner nach Holland ausgewandert und hatten es, soviel man wußte, und wie sich aus ihrem Auftreten ergab, zu viel Geld gebracht. Wie sie das angestellt hatten, darüber war Alfred nicht orientiert, da er sich bisher dafür nicht sonderlich interessiert hatte.

Alle Mißstimmung verflog Alfred beim Anblick dieser drei Brüder, von denen einer hübscher und munterer als der andere war. Große, schlanke und kräftige Menschen, jeder kaum ein Jahr älter als der andere und alle drei unzertrennlich, wenn nicht Geschäfte sie in verschiedene Windrichtungen zerstreuten. Aber es hatte schon fast etwas Komisches, wie bald sie sich trotzdem immer wieder zusammenfanden.

»Ihrem Aussehen nach zu urteilen, haben Sie wohl wieder etwas Großes vor?« meinte Alfred lächelnd, denn wie beutegierige Wikinger saßen die drei um ihn herum, laut, geschäftig und tatendurstig.

Joseph blinzelte den beiden andern zu, und alle drei sahen wie auf Kommando unter sich.

»Ich wollte wahrhaftig nicht indiskret sein,« beteuerte Alfred, »es war wirklich mehr façon de parler ...«

Josua, der älteste, wehrte beschwichtigend ab. »Wissen wir, wissen wir. Sie interessieren sich ja verdammt wenig für Geschäfte, haben es ja auch nicht nötig.«

»Erlaube mal!« warf der mittlere, Jakob mit Vornamen, ein. »Was heißt nötig?«

Josua erwiderte: »Wie soll er sich denn dafür interessieren, er fiel doch gleich in ein gemachtes Bett. Wir mußten es uns erst richten.«

»Du bist still, Küken!« rief Jakob dem Jüngsten zu, der etwas einwenden wollte.

»Kinder haben zu schweigen, wenn erwachsene Leute reden. Wie oft soll ich Dir das sagen!«

Die Brüder neckten einander, das ganze Coupé war voll Lachen und Lärmen. Alfred kannte das, und in diesem Augenblick tat es ihm wohl. Die Art der drei hatte so etwas Frisches und Aufmunterndes.

»Sie haben ja Trauer,« sagte Joseph leise und wies auf das schwarze Band um Alfreds Aermel. Alle drei machten wie auf Kommando betrübte und teilnehmende Gesichter.

Alfred sprach ein paar Worte vom Tode seiner Großmutter. Die Kufferaths hatten Frau Anton Dungs senior zwar nicht persönlich gekannt, aber viel von ihr gehört. Ihrer Art nach kannte sie doch jedermann am Niederrhein und in Westfalen. Also interessierte es sie wirklich, was Alfred berichtete, und sie hörten aufmerksam und artig zu.

Schließlich meinte Josua seufzend: »Was wird die arme Madame Adele dazu sagen? Sie hing wirklich an ihrer Schwiegermutter. Gestern waren wir noch mit ihr zusammen in Paris. Da wußte sie offenbar noch nichts davon. Morgen oder übermorgen treffen wir sie in Berlin.«

Alfred schwieg und die beiden anderen Brüder sahen Josua zornig an. Er hatte wohl ganz und gar vergessen, daß Madame Adele Alfreds Mutter war?

Josua entschuldigte sich bei Alfred. Daran hatte er im Augenblick in der Tat nicht gedacht, und um seinen faux pas wieder einigermaßen gutzumachen, erzählte er nun ganz ausführlich von Madame Adele, und wie reizend sie die Brüder in Paris chaperonniert habe. Auch die beiden anderen Brüder erzählten von Madame Adele, und alle drei waren begeistert von ihr.

»Eine reizendere Mama kann ich mir gar nicht denken,« sagte Joseph. »Darum beneide ich Sie wirklich, Dungs!«

Es war doch ein eigentümliches und etwas schmerzhaftes Gefühl für den Sohn, der seine Mutter seit Jahr und Tag nicht gesehen hatte und auch nie eine Nachricht von ihr erhielt, woran er aber selbst mit schuld war, wie er sich eingestehen mußte, da er ebenfalls nichts von sich hören ließ, ein wehes Gefühl, von relativ fremden Leuten zum ersten Male wieder von seiner Mutter sprechen zu hören. Wenn ihm das gestern gesagt worden wäre, heute würden ihm die Kufferaths von seiner Mutter sprechen, wäre er wahrscheinlich einem solchen Gespräch direkt aus dem Wege gegangen. Er hätte Angst davor gehabt. Er hätte gefürchtet, man würde vielleicht nicht mit dem nötigen Respekt von ihr sprechen. Im Hause Dungs galt sie ja wie eine Verlorene, der man alles, nur nichts Gutes zutraute. Etwas von dieser Stimmung in der Familie war auch in Alfred lebendig. Und nun redeten diese drei gefunden und durchaus nicht rücksichtsvollen Menschen so hübsch und fast enthusiastisch von ihr.

Ein wenig ernüchtert wurde Alfred freilich, als Jakob dem Sohn nun berichtete, daß sie auch geschäftlich seiner Mutter manchen wichtigen Fingerzeig verdankten und manche wertvolle Verbindung.

»Sie müssen jedenfalls mit uns frühstücken, wenn Ihre Mutter da ist. Nicht wahr, das versprechen Sie uns? Es wird ihr eine große und angenehme Ueberraschung sein, das weiß ich, und wir mochten ihr wirklich auch einmal eine rechte Freude bereiten, wenn sie nach Berlin kommt. Wir sind Ihrer Mutter wirklich sehr verpflichtet.«

Alfred nickte zustimmend. Wenn der Enthusiasmus der Brüder auch wieder mit Geschäften zusammenhing, also nicht ganz selbstloser Natur war, so wollte er seine Mutter unter allen Umständen wiedersehen. Er gehörte ja jetzt sozusagen schon gar nicht mehr zu den Dungs. Da konnte er sich das doch wirklich gestatten.

»Wir wohnen ja alle im Kaiserhof, da macht sich das ganz von selbst,« meinte Josua, der sich nicht gerne lange bei bloßen Gefühlen aufhielt.

»Nein, diesmal steige ich nicht im Kaiserhof ab,« erwiderte Alfred schnell, denn mit seiner Mutter unter einem Dache weilen und doch nicht das nächste Anrecht an sie haben, nein, das vertrug er nicht.

»Also steigen Sie bei Adlon ab?« fragte Joseph.

Alfred nickte, wenn er bis jetzt auch noch nicht daran gedacht hatte. Bis jetzt war es ihm ja selbstverständlich gewesen, da abzusteigen, wo er bisher immer gewohnt hatte. Erst in dieser Minute hatte sich das geändert.

»Also bon, dann frühstücken wir Freitag zusammen im Kaiserhof, und nur wenn etwas dazwischen kommt, geben wir Ihnen Nachricht,« schlug Jakob vor, und Alfred war damit einverstanden.

»Das ist ja schon Potsdam!« rief Josua ganz erschrocken. »An die Gewehre, Jungens, und Sie werden auch Toilette machen müssen, Dungs. Da haben wir uns aber tüchtig festgeplaudert.«

Sie begaben sich wieder in ihren Schlafwagen zurück und machten sich zum Aussteigen fertig. Als der Zug in Bahnhof Friedrichstraße einlief, traf man sich wieder und stieg miteinander aus.

Die Brüder Kufferath ließen es an Lärm nicht fehlen, bis sie sich glücklich in zwei Autos verstaut hatten, und als Alfred dann in sein Auto stieg, war es ihm, als habe ihn plötzlich alle Luftigkeit und Frische verlassen. Wie beneidenswert die drei Wikinger waren, wie er sie jetzt bei sich nannte. Ihnen konnte es nicht fehlen.

Recht unbehaglich war es Alfred in seinem ungewohnten Hotelzimmer zumute. Nun konnte er sich nicht mehr über die Kufferaths amüsieren, nun mußte er wieder an sich denken; und gerade jetzt kam ihm seine Situation so unklar wie nur möglich vor, wo die Kufferaths, die so guter Dinge ihren gemeinsamen Weg gingen, nicht mehr bei ihm waren.

Aber was half das alles. Durch! hieß jetzt für ihn die Devise. Erst Klarheit schaffen mit dem alten Karst, und da fielen ihm auch schon wieder Dengerns ein. Sobald es anging, fuhr er zu ihnen hinaus in den Grunewald, nachdem er sich telephonisch vorher versichert hatte, daß er sie zu Hause treffen würde.

Er wurde auch sofort von dem Grafen angenommen, aber der Graf kam Alfred heute wesentlich kühler vor als früher. Oder war er nur so empfindlich in diesem Augenblick?

Man wechselte ein paar gleichgültige und nebensächliche Worte, jeder fühlte aber, daß sie nichts mit der Sache zu tun hatten, um derentwillen man zusammensaß. Dann sagte Alfred: »Ich würde Sie nicht so zeitig gestört haben, wenn es mir nicht aus einem Anlaß privater Natur um Ihren Rat jetzt schon zu tun wäre.«

»Ich stehe Ihnen gerne zur Verfügung, weiß im Augenblick nur nicht recht, worauf es Ihnen ankommt, Herr Dungs.«

»Ich weiß nicht, ob Fräulein von Karst, nachdem sie Ihrer Frau Schwester beim Umzug geholfen, direkt nach Hause gefahren ist? ...«

»Sie ist nach Hause gefahren,« unterbrach ihn der Graf, »und wir sahen sie eine halbe Stunde auf dem Bahnhof hier, nicht länger.«

Alfred wurde es immer unbehaglicher. »Ich weiß selbstverständlich auch nicht, ob Fräulein von Karst bei dieser Unterhaltung auf dem Bahnhof irgendwie von meiner Person Notiz genommen hat, und in welchem Sinne ...« Alfred unterbrach sich und stockte, denn wozu all diese steifen Worte, die wie auf Stelzen ihm aus dem Munde kamen, ohne daß er es verhindern konnte, da der Graf ihm mit keinem Wort und keiner Geste entgegenkam. Dagegen empörte sich etwas in ihm.

»Es fiel in unserem Gespräch wiederholt Ihr Name, Herr Dungs,« sagte Graf Dengern.

»Gestatten Sie mir, bitte, nun ohne Umschweife zu reden, Herr Graf.«

»Ich bitte darum, Herr Dungs.«

»Ich liebe Ihre Schwägerin und möchte Sie um Ihre Unterstützung bitten und Ihren Rat und Ihre Meinung, da ich vorhabe, möglichst heute noch Ihrem Herrn Schwiegervater meine Aufwartung zu machen.«

Die Starrheit im Gesicht des Grafen lockerte sich ein wenig, und er begann von seinem Schwiegervater zu sprechen, der noch so ein rechter pommerscher Junker alten Schlages sei. Zwar habe seine Schwägerin einen großen Einfluß auf ihren Vater, der sie wohl über Gebühr verwöhne, wenn er sich offen ausdrücken solle, aber der Alte würde doch wohl verdammt große Augen machen, wenn er von Lottens Neigung erführe. Er sitze auf seiner Klitsche, komme möglichst wenig nach Berlin, verkehre so gut wie nur mit einigen Nachbarsfamilien, die von der gleichen Art seien wie er selbst, und an eine Verbindung mit der Großindustrie, wie man sie jetzt ja häufiger finde, habe er wohl noch nie gedacht. Er könne sich wohl auch kaum eine rechte Vorstellung von dem machen, was das heutzutage heiße: Großindustrie. Er persönlich denke darüber, wie Herr Dungs wohl wisse, ganz anders, und ein gut Teil seiner Standesgenossen, soweit sie nur ein wenig im modernen Leben ständen, ja auch, denn sie seien selbst Großindustrielle geworden. Von seiner Seite dürfe er also einer Unterstützung sicher sein.

Alfred verbeugte sich dankend, aber steif und förmlich. Er hatte sich das Benehmen des Grafen, der doch sonst ganz anders zu ihm war, freier und entgegenkommender gedacht. Daß sich auch bei ihm irgendwie Standesvorurteile geltend machen würden, wenn auch mehr durch die Art, wie er sprach, diese vorsichtige, zurückhaltende Art, das ärgerte Alfred. Sein Stolz bäumte sich dagegen auf. Aber er nahm sich zusammen, indem er an Lotte dachte, und ließ sein Gegenüber ruhig weiterreden. Der Graf wollte hinter den vielen Worten offenbar die eigene Unsicherheit verbergen, die er in dieser Sache namentlich dem alten Herrn von Karst gegenüber empfand.

Die Gräfin erschien, die in ihrer Gestalt ein wenig an Lotte erinnerte. Auch sie begrüßte Alfred mit mehr Zurückhaltung als sonst, und als ihr Mann kurz angedeutet hatte, worum es sich handle, und meinte, sie könne Herrn Dungs noch viel besser Auskunft geben als er, begann sie ebenfalls mit vielen Worten von ihrem Vater zu reden. Aus den vielen Worten hörte Alfred in seiner Empfindlichkeit aber auch nicht viel mehr heraus als ein leichtes Widerstreben gegen die Sache, während Alfred bisher angenommen hatte, sie protegiere sie.

Er wollte sich schon erheben und empfehlen, da glaubte er, aus einer Bemerkung der Gräfin entnehmen zu können, daß dieses Widerstreben sich nicht gegen seine Person und auch nicht gegen seine bürgerliche Abkunft richte, sondern vielmehr gegen den etwas gar zu großen Reichtum der Dungs. Dengerns wollten offenbar deshalb sich seiner nicht mehr annehmen, damit es in der Gesellschaft nachher nicht heiße, sie hätten diese »Geldheirat« vermittelt. Sie fürchteten ein wenig den Neid und die bösen Zungen der Gesellschaft.

Alfred konnte nun ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken und begann von seinem Vater zu erzählen und dem, was sich in den letzten Tagen zwischen ihm und seinem Vater zugetragen hatte.

Er erwartete, daß Dengerns nun offenherziger und zugänglicher würden. Statt dessen beobachtete er, wie der Gräfin Gesicht lang und länger wurde. Schließlich fragte sie: »Wie glauben Sie nun, daß alles werden soll, wenn es zu so schroffen Auseinandersetzungen mit Ihrem Vater gekommen ist? Sie nehmen mir diese offene Frage gewiß nicht übel, da ich ja Lottes Schwester bin.«

Alfred setzte auseinander, was er zu tun gedenke. Aber da er das selbst noch nicht genau wußte, bewegte sich auch seine Auseinandersetzung in recht vagen und allgemeinen Worten. Er fühlte, daß er immer mehr an Terrain bei Dengerns verlor und brach das Gespräch ab, das jetzt nur noch peinlich war.

Der Graf begann zu erzählen, was inzwischen in Berlin sich ereignet hatte, derweil Herr Dungs abwesend gewesen. Die Gräfin plauderte von der letzten Premiere, und nun waren beide wieder von der alten Liebenswürdigkeit und Zugänglichkeit.

Einige Minuten hielt Alfred noch aus, und dann empfahl er sich eilig, ohne daß noch einmal die Rede auf den eigentlichen Zweck seines Besuches gekommen wäre. Das nennt man ja wohl einen Korb, dachte Alfred mißmutig. Wenn ich bei dem alten Karst noch weniger Glück habe, dann sieht es übel aus.

Nachdenklich pendelte Alfred in der Siegesallee auf und ab. Plötzlich durchfuhr ihn ein großer Schreck. Wenn nun auch Lotte ihre Meinung geändert hat, dachte er. Wie kam er dazu, ihrer so sicher zu sein?

Eine große Unruhe bemächtigte sich seiner. Was garantierte ihm dafür, daß Lotte bei so vielen Widerständen und einer so unklaren Situation gegenüber auch weiterhin zu ihm hielt? Es war eigentlich von einem so jungen und verwöhnten Mädchen etwas viel verlangt.

Ach, hätte er jetzt doch die drei Kufferaths in der Nähe gehabt, daß sie ihm mit ihrem Lachen und Lärmen die trüben Gedanken verscheuchten! Oder seine Mutter. Es müßte gut sein, in der augenblicklichen Situation eine Mutter um sich zu haben. Er versuchte, sich das vorzustellen, schon um der Unruhe Lottes wegen aus dem Wege zu gehen, aber es gelang nicht. Es konnte ja auch gar nicht gelingen, da er seit jungen Jahren keine Mutter mehr um sich gehabt hatte. Was war er doch im Grunde für ein armer, bedauernswerter Geselle!

Er sah auf, denn sein Name wurde gerufen. Die Brüder Kufferath sausten in einem Auto vorbei und winkten und lachten. Eine Mutter hatten sie wohl auch nicht. Sie vermißten sie wohl auch nicht, sie waren ja zu dritt.

Alfred schlich sich auf wenig betretenen Seitenpfaden zum Brandenburger Tor in sein Hotel zurück, ließ sich das Kursbuch geben und schlenderte dann, da er noch Zeit hatte, zum Stettiner Bahnhof. Er mußte Lotte so bald wie möglich wiedersehen und mit dem alten Karst ins reine kommen. So ging es nicht weiter. Aber wenn das glücklich erledigt war, was dann? Was wollte er anfangen, was sollte aus ihm werden? Darüber mußte er sich nun doch wohl demnächst klar sein. Auch damit ging es so nicht weiter.

Am einfachsten wäre es gewesen, sich mit einem Konkurrenten seines Vaters zusammenzutun. Aber selbst wenn er einmal alle persönlichen und moralischen Bedenken, die dagegen sprachen, beiseite setzte, so gab es da noch einen Punkt, über den er nicht hinwegkam. Eine solche Stellung verdankte er im Grunde nicht sich, sondern eben doch auch nur dem Namen seines Vaters. Wohin er blickte, was er erwog, immer stieß er wieder auf ihn. Immer sah er das etwas boshafte Lächeln seines Vaters: siehst du, mein Junge, wenn ich nicht wäre, gelänge dir gar nichts. Selbst daß dich die Konkurrenz annimmt, verdankst du nur mir. Das aber wollte Alfred nicht. Er suchte und begehrte eine Tätigkeit auf einem anderen Gebiet, wo sein Vater nichts bedeutete. Seinen Kredit benutzen und selbst eine Fabrik gründen? Das reichte nur zu einer kleinen Fabrik, und Aussichten auf Erfolg hatte er damit auch nur, wenn er bei Kohle und Eisen blieb; und damit war er wieder dem Wohlwollen seines Vaters ausgeliefert. Auch das ging nicht.

Mit derlei Gedanken quälte er sich und war froh, als er im Zuge saß und an anderes denken mußte, an den alten Karst und Lotte.

Als er ausstieg, tat er sich nach einem Wagen um, der ihn zu dem Gute des Herrn von Karst fahren sollte. Aber er fand keinen Wagen, der sofort für ihn zu haben war, und so entschloß er sich denn, zu Fuß die Chaussee entlang zu pilgern. Nicht unähnlich einem armen Handwerksburschen kam er sich vor. Wer ihm das vor acht Tagen gesagt hätte!

Der Boden war schwer, ein ganz anständiger Weizenboden. Alfred sah sich interessiert nach allen Seiten um. Und da fiel ihm auch schon ein, am einfachsten wäre es wohl, er widmete sich fortan einfach seinem Gut. Das würde gewiß auch Lotte behagen. Aber das Gut warf nicht so viel ab, daß man davon leben konnte. Er hatte bisher dabei ja nur zugesetzt. Ohne das Geld seines Vaters war es auch damit nichts. Und Geld würde er für die Bewirtschaftung seines Gutes auch nicht leicht bekommen. Das verzinst sich zu schlecht. Geld bekam er leicht nur, wenn er in der Großindustrie blieb; und anständig verzinsen konnte er das Kapital, das er brauchte, einem Gläubiger auch nur, wenn er es in der Industrie zu etwas brachte. Nur sie warf, wenn er Glück hatte, so hohe Zinsen ab, daß er dabei bestehen konnte. Eine verdammt schwierige Geschichte, die ihn immer kleinlauter werden ließ, je länger er darüber nachdachte. Und dabei marschierte er direkt einem Junker ins Haus, um ihn um die Hand seiner Tochter zu bitten. Wenn er den Habenichts nun einfach vor die Tür setzte? Denn darauf, daß er Anton Dungs' Sohn war, würde der alte Herr schwerlich viel geben, gab er doch selbst in diesem Augenblick nicht viel darauf.

Alfred blieb stehen und wischte sich die Stirn. Ihm war recht beklommen zumute. Eigentlich war es ein Leichtsinn und eine Dreistigkeit sondergleichen, sich auch noch eine Frau nehmen zu wollen, wenn man selbst nicht aus noch ein wußte und sich geschworen hatte, keinen Pfennig mehr von Anton Dungs anzunehmen.

»Fred! Fred!« rief es da, und ehe er sich dessen versah, war Lotte bei ihm, sprang vom Gaul und fiel ihm um den Hals. Ganz erschrocken aber löste sie schnell die Arme wieder und stand nun errötend neben ihm. »Ich habe mich so gefreut, daß Du gekommen bist,« sagte sie entschuldigend.

Da sah sich Alfred schnell um, ob auch niemand in der Nähe sei und küßte sie. Ganz leicht und froh war ihm ums Herz, nun er Lotte wieder hatte. Ehrbar schritten sie neben dem Gaul auf der Chaussee einher, und Lotte erzählte, wie Ise gar nicht sehr nett gewesen sei, nachdem Anton Dungs im Hause gewesen, und wie auch ihr Schwager ein bedenkliches Gesicht aufgesetzt habe. Da sei sie eben sofort ausgerissen, zumal sich Fred auch nicht gerade besonders nett benommen habe und ihr durchaus nicht aus der Patsche geholfen, wie sie es erwartet hatte.

Das verstand Alfred nicht gleich, und deshalb setzte ihm Lotte auseinander, wie leichtsinnig es von ihr gewesen und wie kompromittierend für sie, daß sie Ise gleich in ihr neues Heim begleitet habe, bloß weil zufällig Alfred Dungs in derselben Stadt zu Hause war. Das gehöre sich doch wirklich nicht. Sie sah Alfred von der Seite an und lachte. Ein Mädchen, das auf sich hält, benähme sich doch anders, nicht wahr? Wenn sie es aber doch getan, so habe Alfred auch sofort die nötigen Schritte tun müssen, ihren Faux pas wieder gutzumachen, statt wie ein flüchtiger Bekannter bloß um sie herumzugehen und abzuwarten, was der liebe Gott mit dem allen wohl vorhabe.

Wieder sah sie ihn von der Seite an und lachte über sein ernstes Gesicht, und weil er ihre Rede, trotzdem er sie nicht verstand, so schwer nahm. Sie persiflierte doch nur ihre Schwester Ise und deren Anschauung, wenn sie so redete, und sie tat das doch nur, weil sie sich freute, daß Alfred nun endlich gekommen war. Mehr bedeutete doch das alles nicht.

Jetzt erblickte Lotte auch den schwarzen Flor an Alfreds Arm und sah erschrocken zu ihm auf. Deshalb war er so ernst. Daß sie das nicht gleich gesehen hatte!

»Die Großmutter?« fragte sie leise.

Er nickte.

Eine ganze Weile gingen sie stumm nebeneinander. Sie hatte seine Hand gefaßt.

»So eine reizende Frau!« sagte Lotte. »Sie hat Dich sehr gern gehabt.«

»Und Dich auch,« meinte Alfred.

Sie schwiegen wieder beide, und dann bat Alfred, sie möge ihm von ihrem Vater erzählen, und wie er ihn aufnehmen würde.

Lotte erzählte, daß er über die Absicht seiner Jüngsten sehr erstaunt gewesen sei und es erst gar nicht habe glauben wollen. »Du mußt ihm das nicht übelnehmen, Fred, es ist ihm so fremdartig und wunderlich, weißt Du. Er kann sich seine Mädels nur als Offiziersfrauen oder auf einem Gut vorstellen.«

Alfred nickte und meinte, er habe gar keinen Grund, sich darüber zu wundern, sein eigener Vater sei ja noch viel wunderlicher. Und nun erfuhr Lotte, daß die beiden in Unfrieden auseinander gegangen waren.

Sie war sehr traurig und unglücklich darüber, aber Alfred setzte ihr auseinander, daß sie wirklich viel weniger damit zu tun habe, als es auf den ersten Blick aussähe, denn so sei es doch nicht weitergegangen, auch ohne das würde es zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen sein, da ihm seine Stellung schon längst nicht mehr behagte. Er bat sie, ihm weiter über ihren Vater zu berichten. Lotte tat das auch sofort. Fast zwei Tage habe er mit ihr geschmollt, als er merkte, ihr sei es ernst. Gestern sei er dann nach Berlin gefahren und am Abend sehr nachdenklich nach Hause zurückgekehrt. Er habe sie rufen lassen und ihr vorgestellt, ob sie sich auch überlegt habe, was das heiße, gerade einen Dungs heiraten zu wollen, deren Verhältnisse so glänzend seien.

Alfred lächelte spöttisch und ein wenig schmerzhaft.

»So hat er doch wörtlich gesagt,« fuhr Lotte fort. »Er hat sich eben in Berlin nach Euch erkundigt!«

»Und weiter?« fragte Alfred.

»Weiter nichts. Er hat den Kopf geschüttelt, als ich ihm auseinandersetzte, mir sei das Nebensache, und hat mich wieder allein gelassen. Aber es ist mir natürlich gar nicht Nebensache, sondern es geniert mich auch, Fred, sehr sogar. Aber ich wußte ja wirklich nicht, daß Ihr so viel Geld habt, sonst ...«

»Sonst, Lotte?«

Sie lächelte. »Sonst hätte ich mich besser in acht genommen und mich nicht um Dich gekümmert.«

»Das alles bloß des Geldes wegen!«

»Mir wird noch ganz schwindelig, wenn ich an Eure Fabriken denke und all das, was Euch gehört. Ich wollte wirklich, Du hättest nicht so viel Geld, Fred.«

»Wenn das Dein einziger Kummer ist, Lotte, dem kann ich abhelfen. Ich persönlich habe nämlich gar nicht viel Geld, seitdem ich mit dem Alten aneinander geraten bin und nichts mehr von ihm haben will.«

»Wirklich?« fragte Lotte ungläubig.

»Du kannst Dich darauf verlassen.«

Lotte atmete auf und erklärte, nun sei es ihr viel leichter ums Herz, nun werde schon alles gut werden. »Oder tut es Dir sehr leid?«

»Daß ich nicht viel Geld habe, Lotte?«

Sie nickte.

»Mein Gott, ich weiß es im Augenblick wirklich nicht. Es ist mir ganz ungewohnt, ich kann mir wohl überhaupt noch nicht recht vorstellen, was das heißt. Leid tut es mir eigentlich durchaus nicht. Leid täte es mir nur, wenn dadurch etwas zwischen uns beide käme, aber ...« Er stockte und sagte dann: »Ich glaube, ich habe immer noch mehr als sehr viele andere. Ich weiß es wirklich nicht genau, und ich denke, wir wollen jetzt nicht weiter davon reden.«

»Da kommt mein Vater,« sagte sie und lief von ihm fort, während er den Gaul bei den Zügeln nahm und langsam weiter ging. Auch eine nette Situation, dachte er, ich hier auf der Landstraße, einen Gaul am Zügel und den zukünftigen Schwiegervater in Sicht. Weiß Gott, am liebsten stiege ich auf und machte mich davon.

Lotte kam mit ihrem Vater, auf den sie eifrig einredete, langsam näher. Ein schlanker, sehniger Herr mit lebhaften Bewegungen. Mehr Kavallerist als Landjunker wollte es Alfred scheinen, der die Blicke nicht von ihm ließ.

Lotte stellte vor, und der alte Karst brummte etwas, das eine Einladung, aber auch ganz etwas anderes sein konnte.

Alfred beschloß, es als Einladung aufzufassen.

»Weißt Du was, Lotte? Steig' wieder auf und sieh einmal nach, wie es mit dem Essen steht,« brummte der Alte.

Sie streichelte ihm die rosigen Wangen. »Sei artig, Papa!« bat sie leise und schmeichelnd.

Der Alte knurrte etwas.

»So artig, wie Du's irgend zuwege bringst, Papa,« bat die Tochter schmeichelnd.

»Nun mach' schon, daß Du auf den Gaul kommst. Ich werde Herrn Dungs nicht fressen, wo er nun einmal hier ist.«

Der Alte half ihr beim Aufsteigen und gab dem Gaul einen Klaps, kaum daß sie im Sattel saß. Lotte nickte Alfred noch schnell aufmunternd und liebevoll zu und galoppierte fort.

Die beiden sahen ihr nach.

»Reiten kann sie,« sagte der Alte befriedigt.

»Der Gaul ist gut. Trakehnen, scheint mir,« meinte Alfred fragend.

Ein verwunderter Blick traf ihn unter buschigen weißen Brauen. Woher versteht der Kaufmann denn was von Pferden? fragte der Blick.

Alfred sagte, er habe sich vor einem halben Jahr zwei Ostpreußen kommen lassen. Sie gingen vorzüglich in der Ebene, aber sowie es gebirgig würde, lahmten sie leider. Sie könnten sich in ihrer Hochbeinigkeit nicht daran gewöhnen.

Der Alte wunderte sich, wie man auf die Idee kommen könne, ostpreußische Gäule nach Westfalen zu verpflanzen. Das könne doch gar nichts taugen. Aber heutzutage werde eben alles zusammengeworfen, auch was gar nicht zueinander passe.

O weh, dachte Alfred erschrocken.

Und die Regierung gehe natürlich mit schlechtem Beispiel voran, wetterte der Alte. Ostpreußische Beamte werfe sie an den Rhein und Rheinländer nach dem Osten. Sie bilde sich ein, die verschiedenen Stämme lernten so einander besser verstehen. Ja Kuchen, hat sich was mit Verstehen, da verstehe man sich aus der Entfernung immer noch besser. »Wenn ich nun hier mit einemmal niederrheinisches Saatkorn benutzen würde statt pommersches, was? Ein kompletter Esel wäre ich. Das Zeugs würde hier einfach nicht gedeihen. Aber auf solchen Unsinn kommt ja auch gar kein Mensch. Na, und was dem Roggen recht ist, dürfte einem Regierungsrat billig sein.«

Nun erlaubte sich Alfred aber doch einen Einwand, denn ihm war, als ziele diese Unterhaltung im Grunde noch mehr auf ihn als auf Roggen und Regierungsräte. Und er behauptete, wenn er es auch nicht ganz genau wußte, aber ihm war, als habe er es einmal gelesen, bei den Menschen sei es schon deshalb anders, weil doch eben Ostelbien vom Westen aus kolonisiert worden sei. Was also an reinem deutschen Blut im Osten säße, käme einfach aus dem Westen und Süden. Es könne sich also sehr wohl miteinander vertragen.

Der Alte erwiderte, die Gelehrten möchten sich derlei wohl aus den Fingern saugen. Was sollten sie auch sonst anfangen. Auch möge das mit dem Kolonialland seine Richtigkeit haben, aber es sei lange her, sehr lange, und ein Weizen, der sich in Mecklenburg eingewöhnt habe, sei eben anders als ein westfälischer Weizen, wenn einer äußerlich auch aussähe wie der andere.

Nun schwiegen die beiden, und Alfred folgte dem Alten getreulich in einen Kleeacker hinein.

»Sehen Sie, da hat so ein Lümmel wieder die Sichel liegen lassen.« Der Alte hob sie auf.

»Erlauben Sie,« sagte Alfred und nahm ihm die Sichel ab. Wieder traf ihn ein prüfender Blick unter den weißen Brauen hervor. Dann stapfte der Alte weiter querfeldein auf einen Feldweg zu. Alfred mit seiner Sichel hinterdrein.

Als sie auf den Feldweg gekommen waren, sagte der Alte: »Nun schießen Sie schon los!«

»Wie meinen Sie?« fragte Alfred, der den andern nicht gleich verstand.

»Ich meine, da wir nun wieder einen Weg unter den Füßen haben und allein sind, könnten Sie losschießen: ich liebe Lotte von Karst und so weiter ...«

Alfred hielt an, und dann lachte er laut hinaus. Er mit der Sichel in der Hand auf einem Feldweg seine Werbung vorbringend. Nein, da mußte er zunächst einmal lachen.

Der Alte schmunzelte. Dies Lachen gefiel ihm. Der junge Mensch ließ sich wenigstens nicht verblüffen.

»Entschuldigen Sie, Herr Baron ...«

»O bitte, bitte, lachen ist eine gesunde Beschäftigung.«

»Wenn Herr Baron also gestatten, so bitte ich hiermit um die Hand Ihrer Jüngsten.«

»Gestatten,« fiel der Alte ein, »hat sich was mit Gestatten.«

»Aber Sie sagten doch eben selbst?« meinte Alfred, dem um vieles leichter geworden war bei der drolligen Art des alten Herrn.

»Ich sagte: schießen Sie schon los,« brummte der Alte, »weil es ja doch einmal sein muß, nicht wahr? Lotte hat mir damit ja schon hinreichend in den Ohren gelegen. Wenn man schon etwas Unangenehmes schlucken muß, dann lieber gleich und ohne langes Fackeln. Zu gestatten habe ich da leider verdammt wenig. Wenn ich etwas zu gestatten hätte ...« Der Alte schluckte, er mochte wohl an die Bitte seiner Tochter denken und sah auf seinen Begleiter.

Alfred wiederholte seine Werbung mit denselben lakonischen Worten wie vorhin, denn hier mit einer Sichel in der Hand auf einem Feldweg ging es beim besten Willen nicht feierlicher und ausführlicher.

Der Alte schwieg eine Weile, dann meinte er: »Ich war da gestern bei meinem Bankier in Berlin, um mich ein wenig zu erkundigen. Greuliche Stadt übrigens!«

Alfred hütete sich, zu widersprechen.

»Dieser Mensch, den Bankier meine ich, bekam ein ganz festtägliches Gesicht, als Ihr Name fiel. So wie unsereins an Kaisers Geburtstag aussieht. Verstehen Sie mich?«

»Gewiß, Herr Baron.«

»Nun sagen Sie mir schon in drei Teufels Namen, was machen Sie denn mit all dem Geld?« rief der Alte ärgerlich.

»Es ist nicht so schlimm, Herr Baron ...«

»Erlauben Sie mal, ich bin durchaus nicht zu Scherzen aufgelegt,« brummte der andere.

»Sie haben mich unterbrochen, Herr Baron, ich wollte nämlich sagen, ich selbst habe gar nicht so viel. Das ganze Geld steckt in den Fabriken meines Vaters, und an das Kapital kann keiner, solange er lebt.«

»Das ist sehr vernünftig von Ihrem Vater,« meinte der Alte, dem sichtlich behaglicher wurde. »Dann läßt sich ja schon eher reden.«

Nun setzte Alfred dem alten Herrn die Lage etwas genauer auseinander, soweit es ihm für seine Zwecke in diesem Augenblick praktisch erschien. Ihm jetzt schon zu sagen, daß er in Wahrheit gar nicht wußte, was er eigentlich anfangen sollte, das war doch nicht nötig, solange man nicht direkt danach fragte. Wenn nur erst einmal das Eis gebrochen war, und der Alte sich im allgemeinen einverstanden erklärte. Nachher ließ sich ja weiterreden. Der alte Karst gefiel Alfred so gut, daß er jede Befangenheit ihm gegenüber verlor. Er war entschieden ein Original, aber entschieden auch ein weniger gefährliches als sein Vater. Das erleichterte Alfred wesentlich.

Sie näherten sich dem Hof, und Alfred sprach immer noch, ohne daß er von dem Freiherrn von Karst unterbrochen wurde. Jetzt könnte er auch etwas sagen, dachte Alfred, denn nachgerade bin ich mit meinem Latein zu Ende. Aber der Alte schwieg beharrlich.

Auf der Freitreppe des großen einstöckigen Wohnhauses stand Lotte und sah den beiden entgegen. Das Herz klopfte ihr im Halse, denn sie war sich durchaus nicht im klaren darüber, wie ihr Vater die Sache in Wirklichkeit aufnahm. Es war natürlich ein gutes Zeichen, daß die beiden so einträchtig über den Hof kamen, aber Alfred sah nicht auf und ihr Vater auch nicht. Sie haben sich doch hoffentlich nicht jetzt schon gezankt, dachte Lotte erschrocken.

Ihr Vater sah auf und rief: »Lotte, führe den Gast in den Salon, ich komme gleich nach.«

Lotte tat, wie ihr befohlen, und fragte Alfred natürlich gleich, wie sie miteinander ausgekommen seien.

Alfred zeigte ein etwas klägliches Gesicht. Das intensive Schweigen des Alten hatte ihn doch ein wenig stutzig gemacht. Ganz so sicher wie vor einer halben Stunde fühlte er sich im Augenblick nicht mehr. »Am besten ist es jedenfalls, Du gibst mir einen Kuß,« meinte er, und das tat sie denn auch.

Der Alte ließ auf sich warten.

»Am Tage des Abiturs damals wartete ich mit ähnlichen Gefühlen, ob ich vom Mündlichen dispensiert würde oder nicht,« versuchte Alfred zu scherzen. »Wäre ich nicht dispensiert worden, so wäre ich nämlich durchgefallen, denn für das mündliche Examen hatte ich mich überhaupt nicht vorbereitet.«

»Aber Du wurdest dispensiert?« fragte Lotte, während sie angestrengt lauschte.

Alfred nickte. »Damals habe ich Glück gehabt.«

Sie schwiegen.

Wieder begann Alfred: »Mein jüngster Bruder hatte es nicht so gut, er mußte ins Mündliche. Er fragte mich damals, wie ich es gehalten hätte. Ich erzählte es ihm, und er hielt sich an meine Erfahrung, er arbeitete nämlich auch nur fürs schriftliche Examen. Im Mündlichen fiel er denn auch glücklich durch. Er hatte keine schlechte Wut auf mich. Er hätte ja aber meinem Rat nicht zu folgen brauchen. Nachher setzte er sich auf die Hosen, und nach einem halben Jahr war er auch so weit. Aber er hat es mir jahrelang nicht vergessen können, daß ich ihm damals einen Rat gegeben habe, der für ihn nicht paßte.«

So redete er hin und her über Dinge, die sie alle beide nicht im geringsten interessierten.

Alfred sprang auf. »Das ist wirklich unerträglich, dies Warten!«

»Papa wird ja gleich kommen,« tröstete Lotte.

»Ich glaube, er will mich aushungern. Mein Magen krümmt sich sozusagen jetzt schon.«

Lotte wollte hinaus, aber Alfred hielt sie zurück. »Ich habe zwar vorhin mit einer Sichel in der Hand um Dich angehalten, aber nun die Antwort in Empfang nehmen mit einem Butterbrot in der Hand, dem fühle ich mich nicht gewachsen.«

»Ich bitte Dich, sei nich so ... so ...«

»Galgenhumor!« erwiderte er und nahm wieder Platz.

Endlich trat Herr von Karst ein. Lotte sah fragend und bittend auf ihn. »Also setzen wir uns, und Lotte kann hierbleiben.«

Sie setzten sich um einen runden Tisch.

»Ich habe mir die Sache noch ein wenig überlegt,« begann der Alte. Er wandte sich zu seiner Tochter. »Wir unterhielten uns nämlich vorhin auch vom Saatkorn, und wie das pommersche nicht auf westfälischen Boden passe. Da behauptete Herr Dungs, mit den Menschen sei es anders. Nun ja, alle Vergleiche hinken, und so mag auch meiner gehinkt haben. Am Ende passen Pommern und Westfalen ganz gut zusammen. Wenigstens ist es möglich ...«

»Papa!« unterbrach ihn Lotte.

Er wandte sich wieder seinem Gaste zu. »Einiges habe ich in unserem Gespräch vorhin vermißt, und ich bitte Sie, es mir nicht übelzunehmen, wenn ich jetzt danach frage.«

Alfred verneigte sich feierlich.

»Mir fiel auf, daß Sie gar nicht von Ihrer Mutter sprachen.«

»Ich habe sie lange nicht gesehen,« sagte Alfred hastig. »Sie ist von meinem Vater geschieden und lebt meist in Paris.«

»Ach so, pardon, das ist etwas anderes,« meinte Herr von Karst mit einem bedenklichen Gesicht.

Es war allen dreien sehr, sehr unbehaglich zumute.

»Und wie stellt sich eigentlich Ihr Vater zu der Sache? Sie haben mir zwar sehr viel von ihm erzählt, aber darüber bin ich mir durchaus nicht im klaren.«

Alfred antwortete ruhig: »Er ist dagegen!«

»So, hm ...«

»Papa, ich bitte Dich!«

»Das ist allerdings ...« Der Alte schluckte alles Weitere tapfer herunter, denn schließlich war der Mann da vor ihm sein Gast, und was er hatte sagen wollen, wäre keineswegs schmeichelhaft gewesen. Immerhin gefiel es ihm, daß dieser Herr Dungs keine Flausen machte.

Nach einem Augenblick des Nachdenkens fragte er: »Und wie denken Sie sich nun Ihre Existenz unter solchen Umständen?«

»Das weiß ich selbst noch nicht,« antwortete Alfred ruhig.

Der Alte sprang auf, aber Lotte fiel ihm sofort in die Arme und küßte ihn. »Werde nicht böse, Papa, ich bitte Dich!«

»Nehmen Sie es mir nicht übel, Herr Dungs, aber ich finde es doch ungewöhnlich, zum mindesten ungewöhnlich, daß Sie um die Hand meiner Tochter bitten, noch bevor Sie selbst wissen ...«

»Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche, Herr Baron. Sie haben gewiß recht von Ihrem Standpunkt aus, ich verstehe das durchaus ...«

»Sehr verbunden!« knurrte der Alte dazwischen.

Alfred ließ sich dadurch nicht stören. »Ich liebe Ihre Tochter, und da schien es mir doch das einzig richtige, vor allen Dingen und zuallererst mit diesem Bekenntnis offen vor Sie hinzutreten, Herr Baron. Welche Komplikationen das bei mir zu Hause hervorrufen würde, das konnte ich nicht wissen, als ich mich Ihrer Tochter erklärte. Als ich mich ihr aber erklärt hatte, und wir eins waren, da war es meines Erachtens meine erste und wichtigste Pflicht, an Sie heranzutreten, Herr Baron, und Ihnen auch reinen Wein einzuschenken, wenn Sie fragten. Demgemäß habe ich gehandelt, und wenn ich nur in dem, was mir die Hauptsache ist, hoffen darf, so werde ich die anderen Dinge schon ins reine bringen, so oder so. Ich darf wohl sagen, darauf können Sie sich verlassen.«

»Das läßt sich ja hören,« meinte der Alte. »Also bringen Sie die anderen Dinge, wie Sie sagen, ins reine, und dann wollen wir weiter sehen.«

»Welche anderen Dinge, Herr Baron? Sagen Sie es mir bitte ganz unumwunden!«

Der Alte sah ihn wieder verwundert unter seinen Brauen her an. Dann lächelte er ein klein wenig. »Sie haben eine Art! ... à la bonheur! ...«

»Nicht wahr, Papa!« sagte Lotte schmeichelnd.

»Du bist gar nicht gefragt, Lotte, Du bist gefälligst ganz ruhig.«

»Aber mich geht es doch weiß Gott auch an, Papa!«

Der Papa ignorierte das und wandte sich wieder an Alfred. »Unter den anderen Dingen verstehe ich vor allem eine gesicherte Existenz.«

Alfred nickte zustimmend.

»Und zweitens eine Aussöhnung mit Ihrem Vater.«

Alfred sah nachdenklich unter sich. Dann meinte er: »Sie kennen meinen Vater nicht, Herr Baron, sonst würden Sie das vielleicht nicht fordern.«

»Es ist die reine Inquisition!« rief Lotte empört.

Aber die beiden Männer taten, als hätten sie das gar nicht gehört, und Alfred fuhr fort: »Aber ich will es immerhin versuchen, sowie ich meine gesicherte Existenz habe, wenn ich annehmen darf, daß ... Sie dann mit mir zufrieden sind.«

Herr von Karst erhob sich und reichte Alfred die Hand. »Lassen wir dies Gespräch hiermit ruhen. Es war für keinen von uns erquicklich, aber es ließ sich nicht vermeiden. Und nun wollen wir zu Tisch gehen, und ich denke, Sie können noch den einen oder andern Tag unser Gast sein.«

»Du lieber, guter Papa!« jubelte Lotte und fiel ihm um den Hals, was sich Herr von Karst jetzt gerne gefallen ließ.

Man ging zu Tisch und war guter Dinge.

»Der Appetit ist Ihnen wenigstens nicht vergangen,« meinte Herr von Karst nach einer Weile zu Alfred.

»Ich bitte um Entschuldigung, Herr Baron, aber ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen, und in der Beziehung können wir aus der westfälischen Gegend es jedenfalls mit den Pommern aufnehmen.«

Man stieß an, und schmunzelnd meinte Herr von Karst, dem Alfred immer besser gefiel: »Man erlebt ja manches, wenn man alt wird, aber so etwas ist mir doch noch nicht vorgekommen, Herr Dungs. Sie hätten Kavallerist werden sollen. Sie verstehen sich darauf, Attacken zu reiten. Prosit!«

Nach Tisch ließ Herr von Karst die beiden allein, so daß sie Zeit hatten, sich auszusprechen.

Erst zum Kaffee erschien er wieder, und dann ritten sie miteinander aus. Am Abend kam Hans von Karst, Lottes Bruder, der den Tag über auf einem Vorwerk beschäftigt gewesen war. Der Neunzehnjährige hatte noch nicht weiter mitzureden, und da er seiner Schwester sehr zugetan war, kam er Alfred Dungs mit Herzlichkeit entgegen.

Als Alfred dann später am Abend sein Zimmer aufsuchte, reckte er sich zufrieden und glücklich. Der Tag war immerhin besser abgelaufen, als sich erwarten ließ, und für den alten Karst hatte er einfach eine Schwäche. Aber als er eine Weile allein war, überschlichen ihn doch wieder mancherlei sorgenvolle Gedanken. Was diese sogenannte gesicherte Existenz anging, so war ihm das doch lange nicht so sicher, wie er den anderen gegenüber tat. Und nun hatte er ja Zeit und Muße, sich weiter über dies Problem den Kopf zu zerbrechen. Er versuchte es, aber es wollte nichts Gescheites dabei herauskommen, er war zu müde. Und wie es zu einer Versöhnung mit seinem Vater kommen sollte, auch das war ihm vollkommen unklar. Der alte Karst hatte gut reden, er kannte seinen Vater nicht.

Müde und abgespannt und wieder voller Sorgen ging Alfred zu Bett. Er wollte so gerne schlafen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Die Augen fielen ihm zu, aber sein Geist fand keine Ruhe. Die gesicherte Existenz und Anton Dungs junior, das waren zwei Probleme, die schon den Schlaf rauben konnten.

Er lauschte mit geschlossenen Augen. Wie ruhig und friedlich es hier war. Kein Leben mehr im Haus, nichts regte sich auf dem Hof, alles schlief. Wenn er doch auch endlich hätte einschlafen können. Es nützte ja gar nichts, hier wach zu liegen, wo ihm doch nichts Gescheites einfiel.

Er zählte von eins bis hundert, vorwärts und rückwärts, aber es half nichts, er wurde immer wacher, so sehr der Körper auch nach Schlaf begehrte.

Schon wollte er sich wieder erheben, da fiel ihm plötzlich seine Mutter ein. Uebermorgen würde er ja mit ihr zusammen sein. Vielleicht wußte sie einen guten Rat. Sie war ja so viel herumgekommen und kannte so viele Menschen, und er war doch ihr Sohn. Gewiß, die Mutter würde einen Rat wissen, die Mutter. Ganz ruhig und still wurde es in ihm, und er schlief ein.

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