Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Kurt Aram >

Familie Dungs

Kurt Aram: Familie Dungs - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Aram
titleFamilie Dungs
year1913
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid08fdf36d
Schließen

Navigation:

2. Kapitel

Die Aerzte hatten zwar auf das energischste abgeraten und, da sie Frau Anton Dungs senior lächeln sahen und dies Lächeln kannten, jede Verantwortung abgelehnt, wenn Frau Dungs trotzdem auf ihrem Willen bestände, aber Frau Dungs hatte auf ihrem Willen bestanden, war aufgestanden, trotzdem sie sich kaum aufrecht halten konnte, und ließ sich nun in ihren geliebten Wintergarten fahren. Die Orchideen und Rhododendren standen in voller Blüte.

Frau Anton Dungs schickte den Diener fort, sie wollte allein sein, und nur, wenn ihr Sohn käme, solle man ihn hierher führen.

Nun saß sie zwischen ihren Blumen und Palmen. Sie ließ, da sie sich allein wußte, den Kopf hintenüber sinken und atmete schwer. Der Körper, der ihr bisher immer gehorcht hatte, parierte nicht mehr, und das war ihr das sicherste Zeichen dafür, daß es nun wirklich zu Ende ging.

Frau Anton Dungs lächelte mit geschlossenen Augen. Ihr war es recht, sie hatte ihr Teil auf Erden getan, so gut es nur irgend ging, und es war wahrhaftig nicht immer leicht gewesen, denn ihr Mann war kein geringerer Dickkopf gewesen, als es ihr einziger Sohn war. Machten die sich und anderen ganz unnütz das Leben schwer! Wenn wenigstens in ihrem Sohn ein Tropfen Blut von ihrer Art wäre. Aber nein, er war ganz der Vater, in jeder Beziehung. Immer nur arbeiten, arbeiten; und da man in der Arbeit seinen Mann stand und es zu etwas brachte, betrachtete man das ganze Leben nur unter dem Gesichtspunkt der Leistung und Gegenleistung, als sei es ein Kontobuch, in dem sich aus Plus und Minus ohne weitere Schwierigkeiten und rein mit dem Kopf die Bilanz ziehen läßt. Aber das Leben ist nun einmal komplizierter und stellt auch noch andere Anforderungen als rechnerische und kann nicht nur mit dem Kopf beherrscht und gelöst werden.

Frau Anton Dungs atmete leichter, aber sie hielt die Augen immer noch geschlossen. Der Körper war müde und matt, so frisch und lebendig sich auch der Geist noch fühlte.

Anton Dungs senior war mit seiner Art immerhin noch besser gefahren als der Sohn. Früher waren ja nicht nur die Geschäfte, sondern auch das Leben einfacher gewesen. Sie wußte das am besten. Als sie immer weniger von ihrem Manne hatte, weil die Geschäfte ihn immer ausschließlicher in Anspruch nahmen, hatte sie sich rechtzeitig damit abgefunden und ihre Liebhabereien gepflegt. Da waren vor allem die Blumen, die sie, über alles liebte.

Frau Anton Dungs senior richtete sich in ihrem Fahrstuhl ein wenig auf und blickte guter Dinge um sich. Die Orchideen, die Rhododendren, die Palmen, ja sie gediehen unter ihrer Pflege und erwiesen sich stets dankbar dafür. Mit den Blumen hatte man keinen Aerger, nur Freude. Und auch mit der Kunst war es ähnlich, wenn man sie von den Künstlern zu trennen wußte. Das aber hatte sie mit der Zeit gelernt. Sie dachte an ihr Hausquartett. Wie viel schöne Stunden reinen Genusses verdankte sie der Musik. Sie blickte voll dankbarer Andacht auf die Büsten Mozarts und Beethovens, die sie hier in ihrem Wintergarten hatte aufstellen lassen, denn von allen Künsten paßte die Musik noch am besten zu ihren Blumen. Frau Anton Dungs senior saß jetzt gerade in ihrem Fahrstuhl und spürte in diesem Augenblicke fast gar nichts mehr von der Mattigkeit und Schwäche ihrer Glieder, und nun lachte sie leise und herzlich. Wirklich, das Theater war ihr zu einer wahren Leidenschaft geworden. Fast wie bei der alten Frau Goethe. Aber das Theater konnte sie nicht von seinen Künstlern, den Schauspielern trennen, und deshalb lachte sie so herzlich. Mit was für gewaltigen Worten schütteten diese Künstler ihre kleinen Sorgen, die ihnen so ungeheuer vorkamen, aus in das Herz der alten Frau Dungs. Wie leicht war diesen Sorgen meist abzuhelfen, und mit wie gewaltigen Worten zeigten sie dann der alten Frau Dungs ihren Dank. Unwillkürlich stellte sich Frau Dungs jetzt die geliebten Komödianten bei ihrem Begräbnis vor. O, gewiß würde keiner fehlen, und Tränen würden rollen, die sonoren Stimmen würden sehr schön tremolieren, und die ausdrucksvollen Gesichter all dieser lieben großen Kinder würden in tragischen Falten liegen, als sei ihnen mindestens ein Shakespeare gestorben.

Frau Anton Dungs senior legte schnell die Hand vor den Mund, denn sonst hätte die Heiterkeit sie von neuem überwältigt, und was sollten ihre Leute wohl denken, wenn sie schon wieder ihr Lachen hörten? Ach Gott, eine würdige Greisin, wie man sich das vorstellt, war sie wirklich nicht.

Ihr Gesicht wurde ernster, denn sie dachte nun wieder an ihren Sohn. Wenn sie nicht mehr da war, würde wohl niemand mehr Einfluß auf ihn haben, und immer einseitiger, eigensinniger und tyrannischer würde er werden. Dabei litt er immer noch unter dem Verlust seiner Frau, die ihm eines Tages einfach davongegangen war, weil sie sich gar zu sehr vernachlässigt fühlte. Ach ja, die schöne Adele konnte sich nicht wie Frau Anton Dungs senior mit Blumen und Kunst begnügen. Ihre Liebhaberei war es nun einmal, sich bewundern zu lassen. Dazu brauchte sie Geselligkeit, dazu gehörten Männer. Als sie das in ihrem Hause nicht mehr fand, verließ sie es und suchte sich die Gesellschaft, die ihrer Liebhaberei entsprach. Die schöne Adele! Die Greisin schüttelte wehmütig den Kopf, wo sie nun ihrer gedachte. Außer dem A in ihrem Vornamen paßte wirklich nichts in ihrer Art zu den Dungs. Sie hatte es ja kommen sehen, es mußte ja so kommen. Sie kannte doch ihren Sohn. Aber er war nun einmal auf die Adele versessen, er hatte es sich in den Kopf gesetzt, sie zu heiraten und nicht eher geruht, als bis es ihm gelungen war. Und dann? Die Greisin lächelte wieder wehmütig. Ihr Sohn und die Frauen! Sein Vater hatte schon nichts von ihnen verstanden, und nun erst dieser Sohn, der seinem Vater in allem und jedem glich, nur daß er in einer Zeit lebte, die weniger einfach und so viel freier und rücksichtsloser war, in einer Zeit, wo sogar die Frauen Forderungen stellten und in der Oeffentlichkeit mittaten. Ja, ja, die schöne Adele! Lange hatte die Greisin nichts mehr von ihr gehört. Ob sie nun wohl zufrieden war, so zufrieden wie Frau Anton Dungs senior inmitten ihrer Blumen? Ob sie ihre Kinder gar nicht vermißte und entbehrte? Mein Gott, sie war ja nun schon so lange daran gewöhnt, nichts mehr von den Kindern zu haben. Sie hatte sie wohl gar längst vergessen. Die Greisin traute es ihr wohl zu, verachtete sie um deswillen aber keineswegs. Für die schöne Adele war es doch nur ein Glück, wenn sie vergessen konnte, daß sie Mutter war. Anton hätte es ja nie zugegeben, daß sie sich um die Kinder kümmerte. Und nun seufzte Frau Dungs senior, denn sie gedachte ihrer Enkel. Der älteste, der Anton, war nichts weiter als der getreue Gehilfe seines Vaters. Daß er so gar keine eigenen Wünsche besaß! Nur einen selbständigen Wunsch hatte er einmal laut werden lassen: nicht heiraten! Der Junge war wirklich gar zu verständig und nüchtern. Der Adam, der jüngste, war insofern aus der Art geschlagen, als er sich für Bücher und Wissenschaften interessierte, ein ganz neuer, völlig fremder Zug im Bilde der Familie Dungs. Aber immerhin würde sich seine Liebhaberei für das Geschäft nutzbar machen lassen. Er studierte Chemie und Physik, womit der Vater glücklicherweise einverstanden war, da diese Wissenschaften für die Praxis, für Kohle und Stahl, von großem Wert sein konnten.

Und nun gedachte Frau Anton Dungs senior des zweiten Enkels, des Alfred, mit dem sein Vater so gar nichts anzufangen wußte. Er hatte etwas von der schönen Adele, seiner Mutter, und er hatte auch viel von seiner Großmutter. Und nun wollte er heiraten. Aber nicht, wie es sich für einen Dungs gehörte, ein reiches, junges Mädchen von hier, etwa die Helene Momm, auf die es Anton, wie sie ihren Sohn kannte, sicher ganz besonders abgesehen hatte, sondern eine Norddeutsche und eine Adlige noch dazu. Würde Anton Dungs junior Augen machen! Harte Kämpfe würde das geben! Denn, was den Dickkopf anlangte, da war auch Alfred ein echter Dungs.

Die Greisin horchte auf. Dieser eilige, geschäftige Schritt, das war Anton, kein Zweifel, und schon trat Anton Dungs junior auch ein. »Aber Mutter!« sagte er vorwurfsvoll.

Frau Anton Dungs senior lächelte. »Ich weiß, Anton, ich soll im Bett bleiben. Aber ich wollte noch einmal zu meinen Blumen.«

»Ganz erhitzt siehst Du aus. Soll ich Dich nicht lieber in Dein Schlafzimmer fahren?«

»Gönne mir noch für eine Stunde die Blumen hier, Anton. Es dauert sowieso nicht mehr lange. Aber nicht wahr, dann sorgst Du dafür, daß die Blumen anständig gehalten werden, so lange sie noch leben. Ich habe sie verwöhnt, und ich möchte, daß sie es nicht zu sehr zu spüren bekommen, wenn ich fort bin.«

»Aber Mutter!« Er setzte sich neben sie, und man sah ihm an, wie ihn die Art der Mutter erregte und angriff.

»Wir müssen ja doch einmal davon reden, Anton, und mir wird dann leichter sein, denn Du weißt, darin war ich immer eine rechte Kaufmannsfrau, ich habe kein Geschäft auf die lange Bank geschoben, auch ein unangenehmes nicht, wenn es doch abgeschlossen werden mußte.«

»Du darfst nicht so reden, Mutter!«

»Im Liegen denke ich so viel schlechter, Anton, ist das nicht merkwürdig? Hier im Fahrstuhl, zwischen meinen Blumen, geht es viel besser als im Bett.«

»Soll ich nach dem Arzt schicken?« Anton Dungs junior war schon aufgesprungen. Aber seine Mutter bat ihn, sich wieder zu setzen und die Aerzte in Frieden zu lassen, die ihr ja doch nicht helfen könnten.

Er nahm ihre Rechte zwischen seine beiden Hände, und aus seinem Munde kam es leise und stockend: »Du darfst mich nicht allein lassen, Mutter!«

»Auf meinen Willen kommt es dabei ja nicht an, Anton.«

»Vielleicht doch, Mutter. Vielleicht mehr, als Du glaubst. Du kämpfst nicht mehr dagegen an, Mutter, Du willst nicht mehr.« Er sprach auch jetzt leise und stockend.

»Ganz unrecht hast Du wohl nicht, Anton. Aber ich glaube, ich kann nicht mehr dagegen ankämpfen, Anton, und da ich das eingesehen habe, will ich nicht mehr, wenn man das noch Willen nennen darf. Ich bin müde, Anton, sehr müde. Und wenn man müde ist, sehnt man sich nach Schlaf, und der beste Schlaf für eine alte Frau wie ich ...«

Hastig unterbrach er sie. »Wollen wir nach dem Süden, Mutter? Vielleicht helfen neue Eindrücke? Du hast zu lange hier gesessen.«

»Ich möchte schon, Anton, gerade jetzt, wo ich alt bin, möchte ich gerne Italien wiedersehen, ich würde es heute mit ganz anderen Augen sehen als damals und viel mehr davon haben, aber es geht nicht, Anton, ich kann nicht mehr, und da bleibe ich doch lieber hier. In das Unabänderliche muß man sich fügen, und es ist am besten, man sträubt sich erst gar nicht.«

Die Greisin sah voll Mitleid auf ihren Sohn, in dessen Zügen es rang und kämpfte. O, sie verstand sehr wohl, was in ihm vorging, sie war wohl die einzige, die es verstand. Ein Unabänderliches hatte es noch nie für ihn gegeben, und jetzt sah er ihm zum erstenmal ins Gesicht. Als der Vater starb, war der Sohn kaum fünfzehn Jahre alt. Heute war es ganz etwas anderes.

»Du wirst Dich darein finden müssen, Anton.« Sie strich mit der Linken leise über seine Hand, die immer noch auf ihrer Rechten lag. »Ich weiß, wie schwer Dir das fällt, schon weil Du es gar nicht gewohnt bist. Aber hier ist eine Macht, gegen die kann keiner von uns, auch Du nicht.«

»Ich bin sehr allein, Mutter,« kam es gepreßt und fast widerwillig zwischen seinen festgeschlossenen Lippen hervor, die blaß waren.

»Aber, Junge, Du übertreibst, Du wirst sentimental, Anton. Das kenne ich gar nicht an Dir. Was sollen da andere Leute sagen, die keine Kinder haben!«

»Bleibe hier, Mutter! Tue mir das nicht an!«

»Du bist ja wie ein Kind, Anton, siehst Du das denn nicht? Es liegt doch nicht an mir, willst Du denn das gar nicht einsehen?«

»Du freust Dich ja fast, Mutter!«

»Nein, Anton, im Augenblick tue ich das wirklich nicht. Ich bin ja Deine Mutter und sehe, wie es Dir nicht in den Kopf will, und ich würde es Dir gerne noch für eine Weile ersparen, Du bist doch mein einziger, Anton. Verstehst Du mich?«

Anton Dungs junior nickte.

»Und da Du ein kluger Mann bist, Anton, so wüßte ich Dir einen Rat, wie Du Dir das Schwere vielleicht bei Zeiten erleichtern kannst. Außerdem wäre es mir eine große Freude ...«

Anton Dungs junior sah gespannt auf.

»Sorge Dir für eine hübsche junge Schwiegertochter, Anton.«

Das Gesicht des Sohnes wurde hart und abweisend.

Die Greisin ließ sich aber nicht abschrecken und lächelte leicht. »Ich weiß, Du hast sehr viel gegen die Frauen, und daß Deine Mutter schließlich auch nichts anderes ist, daran denkst Du nicht, weil Du nicht willst. Was Du mit Adele durchgemacht hast, war gewiß nicht leicht ...«

Er fuhr auf. »Ich bitte Dich, davon kein Wort!«

Aber die Mutter ließ sich nicht stören. »Aber es war doch nicht nur ihre Schuld, sondern auch Deine, ja vor allem Deine; und wenn das Deine Mutter sagt, kannst Du es schon glauben. Ein Dungs heiratet keine Spanierin, bloß weil er in sie bis über die Ohren verliebt ist. Wenn er es aber doch tut, dann zieht er auch die Konsequenzen. Eine Spanierin ist nicht so ruhig und gehorsam, wie wir Frauen es hier gegen unsere Männer sind. Du hast Dich zu wenig um sie gekümmert, Du hast sie vernachlässigt, und da sie nicht von hier war, hat sie sich keinen Wintergarten angelegt und damit getröstet, sondern ... Du weißt ja ... Ich muß Dir das wirklich einmal sagen, Anton, denn ich sehe ja, wie Du Dich immer mehr gegen sie und die Frauen überhaupt verbitterst und nicht einsehen willst, daß Du selbst schuld hast.«

Anton Dungs junior blieb ganz still, so schwer es ihm auch fiel. Und dann sagte er plötzlich wie erleichtert: »Du fühlst Dich doch recht wohl, Mutter, daß Du mir damit kommst.«

Die Greisin lachte wieder leise und herzlich. »Du meinst, weil ich den Mut habe, Dir das so geradeaus zu sagen? Ja, Anton, das bekomme ich immer noch fertig, und wenn Du ein noch so böses Gesicht machst und durchaus nichts davon hören willst. Das hilft Dir alles nichts, dafür bin ich Deine Mutter. Und deshalb sage ich auch noch einmal: hole Dir eine hübsche, nette Schwiegertochter, damit wieder eine junge Frau in die Familie kommt. Ihr verbauert und versauert mir sonst alle miteinander, und Du nicht zum wenigsten.«

Er meinte: »Anton will aber nicht heiraten.«

»Dumm genug von ihm,« erwiderte die Mutter. »Wo er es doch wirklich nötig hätte, daß ihn eine junge Frau einmal aus der Ruhe brächte ... Aber wer nicht will ..., Du weißt schon ... Und wie ist es mit Alfred?«

»Der Berliner!« antwortete Anton Dungs junior geringschätzig, weiter nichts.

»Du solltest nicht so von ihm sprechen, bloß weil er seiner Mutter ähnlich sieht, das ist grausam und ungerecht,« sagte Frau Dungs vorwurfsvoll.

»Es ist nicht deshalb, darauf kannst Du Dich verlassen. Aber er ist ihr ähnlich, seinem Wesen nach, und das ist schlimm.«

»Kann ich nicht finden,« meinte die Mutter.

»Er hängt an Aeußerlichkeiten, er liebt den Genuß, er redet viel und leicht, und noch vieles andere, was er nicht von uns hat.«

»Die Dungs sind auch keine Engel!« sagte Frau Dungs senior ärgerlich.

»Aber ihre Art hat das Geschäft hochgebracht, und nur ihre Art wird es auf der Höhe halten,« entgegnete der Sohn nicht ohne Schärfe.

»Ich halte es für möglich, daß eine andere Art auch von Nutzen sein kann. Doch darüber wollen wir nicht streiten. Jedenfalls ist seine Art kein Hindernis, wenn es sich um eine Heirat handelt.«

»Ich nehme an, er hat mit Dir darüber gesprochen?« fragte der Sohn.

»Sonst würde ich nicht davon reden,« erwiderte die Mutter.

»Nun, wenn er durchaus heiraten will, dann könnte er ja zum Beispiel die Helene Momm nehmen, wenn sie ihn mag. Es soll ein ordentliches und tüchtiges Mädchen sein, und es wäre vielleicht gar nicht dumm, wenn wir so ...« Er brach unwillkürlich ab, denn Frau Anton Dungs senior sah ihn vorwurfsvoll und bekümmert an.

»Die Ehe ist doch kein Geschäft, Anton!«

»Aber er könnte endlich auch einmal etwas fürs Geschäft tun, und vielleicht ist dies die einzige Art, die ihm liegt,« erwiderte der Sohn bitter.

»Als Du heiratetest, hast Du nach dem Geschäft nicht gefragt,« meinte die Mutter leise.

»Das hatte ich auch nicht nötig, denn ich habe sonst genug fürs Geschäft getan. Oder willst Du das bestreiten, Mutter?«

»Das bestreite ich gewiß nicht, Anton. Aber was Dir recht war, ist Deinem Sohne billig, sollte ich meinen.«

»Gegen Helene Momm ist doch wirklich nichts einzuwenden. Sie kennt die hiesigen Verhältnisse, sie weiß, wie wir sind, sie kann sich darein schicken, und ich leugne auch gar nicht, daß ich eine solche Verbindung für vorteilhaft halte. Das ist doch kein Unrecht? Die Momms legen sich immer mehr auf Reederei, Eisenbahnen, Elektrisches und dergleichen. Wir bleiben bei Kohle und Eisen. Beide zusammen ...«

Die Mutter unterbrach ihn. »Gewiß ist das kein Unrecht, aber es reicht nicht, Anton, wenn man heiraten will.«

Der Sohn erhob sich erregt. »Du willst doch wohl nicht von Liebe reden und so?«

»Doch, das will ich, Anton, gerade das!«

»Dafür habe ich kein Verständnis!« klang es erbittert.

»Es handelt sich auch nicht darum, daß Du heiraten sollst!« antwortete die Mutter möglichst sanft. »Er hat eine Neigung für ein Mädchen aus gutem Hause ...«

»Das ist selbstverständlich!«

»Und wenn dies Mädchen auch eine Norddeutsche ist ...«

»Wenn sie wenigstens mit den Donnersmarck oder solchen Leuten verwandt wäre, dann wollte ich es noch gelten lassen, wenn es schon keine von hier sein soll. Das gäbe neue Beziehungen, damit ließe sich am Ende etwas machen. Aber so ...«

»Du scheinst zu wissen?«

Anton Dungs junior lachte bitter. »Meinst Du, ich lasse den Berliner ohne Aufsicht?«

»Pfui! So viel Mißtrauen gegen Dein eigen Fleisch und Blut!«

»Er ist kein Dungs! Er ist nicht mein Fleisch und Blut!«

»Um so mehr solltest Du ihn auf seine Art glücklich werden lassen und ihm nicht die Deine aufdrängen wollen.«

»Gib Dir keine Mühe, Mutter. Solange ich noch etwas zu sagen habe, sage ich: daraus wird nichts, nie und nimmer wird daraus etwas! An einer Dummheit in der Familie ist es genug, mehr als genug. Das Geschäft hat hinreichend darunter zu leiden gehabt.«

»Du meinst Adele?«

Er nickte. »Die Dungs sollen im Lande und in ihrer alten Art bleiben, und wenn sie heiraten, sollen sie sich hier die passende Frau suchen ...«

»Aber Du sagtest doch eben selbst, er sei gar kein rechter Dungs?«

Der Sohn überhörte den Einwand und fuhr fort: »Wäre wenigstens etwas für die Fabrik dabei herausgekommen, dann hätte ich es leichter verschmerzt mit der Adele. Aber so? Wenn er keine von hier will, dann muß es wenigstens eine sein, die für unsere Fabrik von Wert ist. Hat er dann Pech mit ihr, geht die Sache nicht, wie er es sich einbildet, solange er verliebt ist, dann braucht er sich wenigstens nicht vorzuwerfen, unser Werk geschädigt zu haben. Das soll ihm erspart bleiben, soweit es in meiner Macht steht. Glaube mir, Mutter, das ist das allerschlimmste.«

»Aber, Anton, so nimm doch Vernunft an! Er ist doch ganz anders wie Du, er würde sich vielleicht gar nicht solche Vorwürfe machen. Daß Du auch immer nur alles nach Dir beurteilst!«

»Bin ich dabei schlecht gefahren, Mutter?«

»Aber wir reden doch eben nicht vom Geschäft, Junge!« Sie hob ganz verzweifelt die Hände. »Und wer sagt Dir denn, daß es wirklich ein Vorteil ist, wenn der Alfred die Helene Momm heiratet? Das kann erst recht ein Unglück werden, auch wenn sie von hier ist. Du bist nicht gescheiter als die alten Römer, mein Junge. Der Julius Cäsar und der Marc Anton und der Pompejus, die haben auch alles untereinander verheiratet, weil sie dachten, es ist für ihr Geschäft vom Vorteil. Aber es ging doch alles drunter und drüber und hat ihnen gar nichts genützt.«

»Von solchen Büchersachen weiß ich nichts und will ich nichts wissen,« sagte Anton Dungs junior verkniffen. »Ich will nicht, daß mein Sohn meine Dummheit nachmacht. Das dulde ich nicht!«

»Aber, Anton, Du bist doch alt genug, um zu wissen, daß kein Sohn aus den Dummheiten seines Vaters etwas lernt, jeder lernt doch nur aus seinen eigenen Dummheiten, das müßtest Du doch auch wissen!«

Er fuhr sich energisch über die Stirn, als könne er so alle Unbehaglichkeiten dieses Gesprächs fortwischen, und schwieg. Auch die Mutter schwieg. Es hatte ja keinen Zweck, ihren Sohn noch mehr aufzuregen. Sie kannte ihn zu genau, um nicht zu wissen, daß im Augenblick nichts zu machen war. Auch fühlte sich die Greisin plötzlich wieder so matt und schwach, daß sie sich kaum noch aufrecht halten konnte, was sie doch wollte, schon damit sich ihr Sohn nicht auch noch darüber aufregen müsse.

»Fahre mich ins Schlafzimmer, Anton,« bat sie leise.

Der Sohn fuhr aus düstern Gedanken auf und erschrak heftig. Wie hinfällig die Mutter aussah. »Du fühlst Dich sehr elend?«

Die Greisin versuchte zu lächeln. »Es geht schon wieder vorüber, Anton, Du brauchst Dich nicht aufzuregen. Ich möchte mich nur ein wenig hinlegen.«

Vorsichtig schob der Sohn den Fahrstuhl aus dem Wintergarten über den Gang in das Schlafzimmer seiner Mutter und schellte dann nach der Schwester.

»Ich bitte dich, bleibe bei mir. Du mußt es mir versprechen. Nicht wahr, Du versprichst es mir?« sagte er hastig. »Dann wollen wir auch noch über das andere reden. Aber erst, wenn Du Dich wieder kräftiger fühlst, nicht wahr?«

Die Greisin lächelte leise. »Es ist schon gut, Anton, ich will jetzt ein wenig schlafen.«

Als die Schwester eintrat, entfernte sich Anton Dungs junior eilig, und Frau Anton Dungs senior wurde zu Bett gebracht.

Sie schlief fast in demselben Augenblick ein, so erschöpft war sie. Die Schwester ließ sich im Hintergrund des Zimmers nieder und nahm eine geräuschlose Handarbeit vor. Sie stammte aus dem Westfälischen und war nun schon lange in dieser Gegend tätig. Ihr Vater hatte eine große Stecknadelfabrik besessen, die bei dem großen Krach in den siebziger Jahren fallierte. Schwester Emma war durchaus mit ihrem Schicksal zufrieden und wurde auch in den Häusern, wo sie pflegte, als völlig gleichstehend betrachtet und behandelt. Man wußte ja, weshalb sie Schwester geworden war und nicht geheiratet hatte, und es brauchte ja nur wieder einmal ein großer Krach zu kommen, um gar manche Haustochter vor eine ähnliche Situation zu stellen wie Schwester Emma.

Zuletzt hatte sie Helene Momms Mutter gepflegt, die dann gestorben war. Frau Hugo Momm junior war eine stille, bescheidene Frau gewesen, die ganz in ihren Kindern aufging und es sehr gerne gesehen hätte, wenn ein Dungs ihre Aelteste geheiratet hätte. Auch mit Schwester Emma hatte die alte Dame wiederholt über diesen ihren Wunsch gesprochen, wenn Hugo Momm junior das auch nicht haben wollte und sich darüber ärgerte, denn die Momms hätten es durchaus nicht nötig, den Dungs nachzulaufen oder irgendwelche Avancen zu machen.

Nun pflegte also Schwester Emma die alte Frau Dungs. Sie war zwar erst acht Tage im Hause, und es ging wohl nicht an, sich schon ein Urteil zu bilden oder gar ein vertrauliches Wort zu reden. Aber sie wußte, daß Helene Momm in Alfred Dungs verliebt war, und daß sie ihn gerne geheiratet hätte, wenn er nur wollte. Vielleicht wäre es doch gut, recht bald einmal darüber ein Wörtlein an Frau Anton Dungs senior zu verlieren.

Schwester Emma wurde ganz erregt, wie sie daran dachte. Mit Anton Dungs junior war ja nicht mehr zu reden, seitdem er das Unglück mit seiner Frau gehabt hatte. Mit Hugo Momm junior war ebenfalls kein rechtes Auskommen mehr, seitdem die Frau tot war. Also mußte Schwester Emma sich ein wenig um die Sache kümmern, und was die Familie Dungs anlangte, so mußte eben Frau Anton Dungs senior die Sache in die Hand nehmen. Nur so ließ sich wieder Ordnung in die beiden Familien bringen.

Schwester Emma erhob sich und trat an das Bett, denn Frau Dungs hatte die Augen aufgeschlagen.

»Kennen Sie den Egmont, Schwester Emma?« fragte Frau Dungs.

Die Gefragte errötete, denn Bildung war ja ihre schwache Seite.

»Der Goethe läßt ihn einmal etwas sehr Schönes über Schlaf und Tod sagen. Wenn die beiden einander wirklich verwandt sind, braucht man sich nicht vor dem Tod zu fürchten. Was meinen Sie, Schwester Emma?«

Die Schwester gab die Auskunft, die sie in solchen Fällen zu geben pflegte, und die dem entsprach, was ein kirchengläubiger Pfarrer ebenfalls gesagt haben würde.

Die Greisin hörte aufmerksam zu, trotzdem sie das alles ja auch von Jugend auf kannte, meinte dann aber doch, was der Egmont gesagt habe, gefiele ihr eigentlich besser. Darauf konnte die Schwester nicht entgegnen, weil sie nicht wußte, was Egmont gesagt hatte.

Die Hausglocke läutete, und Frau Dungs richtete sich energisch auf. »Das hätte ich wirklich fast vergessen,« murmelte sie, »das wird sie vermutlich sein, sie wird sich doch für die Blumen bedanken.« Frau Dungs bat die Schwester, sich zu erkundigen, ob Besuch gekommen sei.

Schwester Emma kehrte sofort mit dem Bescheid zurück, ein Fräulein von Karst sei da und ließe fragen, ob Frau Dungs sie empfangen wolle.

»Rufen Sie mir bitte den August, Schwester.«

»August, der alte Diener von Frau Dungs, erschien, und Frau Dungs beschied ihn, er solle die junge Dame in den Wintergarten führen und ihr sagen, sie käme gleich.

»Und dann telephonierst Du in die Fabrik, ich ließe sagen, der Alfred möge auf einen Sprung zu mir kommen, ich habe ihm etwas Eiliges zu sagen. Und wenn er dann kommt, führst Du ihn ins Wohnzimmer. Da soll er warten, bis ich ihn rufe.«

Der Diener verschwand, und Schwester Emma fragte besorgt: »Wollen Sie wirklich wieder aufstehen, Frau Dungs? Was wird der Doktor sagen?«

»Es geht nicht anders, Schwester, ich muß aus den Federn, denn ich mag das junge Fräulein nicht hier empfangen.«

»Ich kann ihr ja vielleicht etwas ausrichten, Frau Dungs? Sie sind doch krank, und da kann es Ihnen doch niemand übelnehmen ...«

»Es geht nicht anders, Schwester Emma, das muß ich schon selbst besorgen. Also helfen Sie mir. Im Fahrstuhl sehe ich doch nicht ganz so armselig aus wie im Bett.«

Lotte stand derweil im Wintergarten, und es war ihr recht beklommen zumute. Sie hatte eigentlich nicht erwartet, angenommen zu werden. Frau Dungs war ja krank. Und weil sie das nicht erwartet hatte, deshalb war sie gekommen. Man gab seine Visitenkarte ab und hatte seiner Pflicht genügt. Alfred Dungs hatte zwar von der alten Dame stets mit besonderem Respekt gesprochen, so daß sie wirklich anders sein mußte als die anderen Dungs, aber Lotte war eben doch so deprimiert von allem, was sie gestern gesehen hatte, und die Einwendungen der Schwester hatten, wenn sie es auch nicht Wort haben wollte, dennoch so großen Eindruck auf sie gemacht, daß sie im Augenblick jedenfalls am liebsten gar nichts von der Familie Dungs gesehen hätte. Unter allen Einwendungen Ises hatte natürlich am meisten Eindruck auf Lotte gemacht, Alfred Dungs benehme sich nicht im geringsten wie ein Mann, den eine ernsthafte Neigung in ihrem Bann halte. Er war auf der ganzen Fahrt ruhig, freundlich, aufmerksam gewesen, wie ein wohlerzogener Mensch es ist. Aber Ise hatte so unrecht nicht, wärmer, inniger als ein wohlerzogener Mensch hatte er sich nicht benommen. Möglicherweise hatte ihn Ises Gegenwart daran gehindert. Möglicherweise entsprach es seiner Natur nicht, sich vor dritten Personen weich und innig zu zeigen. Aber auch, wenn sie einander bei Dengerns in Berlin getroffen und für einige Augenblicke allein gewesen, hatte er sich immer in den Grenzen einer wohltemperierten Herzlichkeit gehalten. Damals hatte ihr gerade das besonders gefallen, aber jetzt machte es sie, namentlich unter der Einwirkung ihrer Schwester, mißtrauisch gegen ihre eigenen Gefühle. Am Ende hatte sie wirklich hinter der Art Alfred Dungs ganz etwas anderes gesucht, als dahintersteckte? Vielleicht empfand er wirklich nicht mehr als eine angenehme, freundschaftliche Gesinnung ihr gegenüber?

Lotte fühlte, wie ihr die Schamröte ins Gesicht trat. Was mußte er dann von ihr denken, daß sie hierher gereist war? Warum hatte ihr aber dann die alte Frau Dungs Blumen geschickt? Das war doch wie eine Aufforderung: komme zu mir, ich möchte dich kennen lernen. Das setzte doch voraus, daß Alfred Dungs zu seiner Großmutter von ihr geredet hatte.

Lotte von Karst ging unruhig hin und her. Ja, ich bin ihm nachgelaufen, denn ich bin doch nur seinetwegen mit Ise gereist. Meine ganze gute Erziehung habe ich darüber vergessen. Es ist einfach eine Schande, und wenn die Menschen davon wissen, bin ich unmöglich unter ihnen. Ein Mädchen, das einem jungen Mann nachläuft, werden sie sagen, trotzdem der junge Mann ihr gar keinen Grund zu solchem Schritt gegeben hat. Schändlich, daß ein junges Mädchen aus gutem Hause sich so weit vergißt, weil es sich um einen Millionär handelt, denn das allein würde den Menschen ihr Verhalten begreiflich und zugleich verächtlich machen, ganz besonders verächtlich.

Lotte hielt mitten in ihrer Wanderung inne, denn eine Tür wurde geöffnet und ein Fahrstuhl hereingefahren, in dem eine alte Dame saß, ein weißes Spitzenhäubchen auf dem weißen Haar. Die alte Dame nickte freundlich und schickte den Diener fort. Dann streckte sie Lotte die Hand hin, die diese an die Lippen führte, so verehrungswürdig erschien ihr die alte Dame.

»Nun setzen Sie sich hübsch hierhin, und dann wollen wir plaudern.«

Lotte wurde ganz verlegen und entschuldigte sich, aber sie habe nicht gewußt, daß die gnädige Frau ernsthaft krank sei, und es täte ihr so leid, sollte sie die gnädige Frau gestört haben.

Die Greisin lächelte freundlich. »Wissen Sie was, so wollen wir nicht miteinander sprechen. Lassen Sie die gnädige Frau und nennen Sie mich Frau Dungs, wie ich es gewöhnt bin. Sie werden sich dann auch leichter an diesen Namen gewöhnen, mein Kind.«

Lotte wurde sehr rot und verlegen.

»Und nun erzählen Sie mir einmal von zu Hause, denn wir wollen uns doch kennen lernen, nicht wahr?« sagte aufmunternd Frau Dungs.

Wie das so schnell kam, wußte Lotte selber nicht, aber sie erzählte in der Tat ganz offen und rückhaltlos von zu Hause. Sie fühlte sich so wohl und geborgen neben der alten freundlichen Dame und faßte sofort ein großes Vertrauen zu ihr.

Sie erzählte vom frühen Tod ihrer Mutter, von der frühen Heirat ihrer beiden Schwestern, und wie sie allein mit ihrem Papa und einem Bruder gehaust habe, ohne daß die Gouvernanten viel dagegen hätten machen können. So sei sie groß geworden, und ehe sich Lotte dessen versah, war aus der Erzählung eine Entschuldigung geworden, weshalb sie so selbständig und wenig weiblich gehandelt habe und hierher gekommen sei.

Die Greisin lächelte verständnisvoll, und als Lotte nun einhielt und wohl auf eine Antwort wartete, da nickte Frau Dungs nur voller Behagen und reichte Lotte aufs neue die Hand, die diese wiederum ehrfurchtsvoll küßte.

Jetzt begann Frau Dungs zu erzählen, und zwar ganz ausführlich und offen von den Dungs und ihrer besonderen Art, und wie man sie nehmen müsse. Es sei keine Kleinigkeit, mit ihnen auszukommen, und man müsse sehr jung sein und noch sehr viel Selbstvertrauen haben, um überhaupt durchzukommen. Oder man müsse schon so alt sein wie die alte Frau Dungs, um mit ihnen fertig zu werden. Und dann sprach sie insbesondere von ihrem Sohn Anton, wie er schon in ganz jungen Jahren, als sein Vater starb, die Fabrik, die damals noch nicht sehr groß war, habe selbständig leiten müssen, und wie dank seiner Kraft und Klugheit daraus das große Werk geworden sei, als welches es jetzt in der Welt dastehe. Nur einmal habe er ganz ohne Klugheit gehandelt. Das sei bei seiner Heirat gewesen, und nun könne er sich das, nachdem die Einsicht gekommen, überhaupt nicht verzeihen und der Frau erst recht nicht. Und dann sprach sie von Alfred Dungs, der so viel von seiner Großmutter und auch einiges von seiner Mutter habe, zum Beispiel, daß er so ein hübscher Mensch sei, brünett und groß und schlank, gar nicht wie die Dungs sonst.

Ganz ausführlich und genau erzählte Frau Dungs. Nicht nur deshalb, weil alte Leute überhaupt eine solche Art lieben, sondern noch mehr deshalb, damit sich Lotte von Karst, die aus ganz anderen Verhältnissen kam, leichter zurecht fände und vor allem nicht als Unfreundlichkeit gegen sich auslege, was doch nichts weiter war als einfach Dungssche Art, mit der man eben rechnen mußte. Und schließlich sprach Frau Dungs über Lotte. Was für ein resolutes Mädchen sie sei, und wie sie gerade das an ihr liebe, denn es gäbe ihr die Hoffnung, daß sie mit den Dungs fertig werden könne. Auch solle sie sich nur nicht schämen, daß sie so schnurstracks einfach hierher gereist sei und den Zufall sofort an beiden Händen ergriffen habe, als er sich bot. Das zeuge von einem klaren und geraden Instinkt, und dieser sei für das Leben wichtiger als alle die vielen anerzogenen Sachen, die den Schwachen und Unklaren eine Stütze sein möchten, aber den geraden und selbständigen Menschen nur wenig zu sagen hätten.

Lotte horchte auf, denn was Ise ihr zum Vorwurf machte, erkannte Frau Dungs sozusagen als einen Vorzug an. Und Frau Dungs redete immer eifriger auf Lotte ein, sich doch ja nicht an ihrer Art irremachen zu lassen und kein allzu großes Gewicht darauf zu legen, was die anderen sagten und dächten und urteilten, denn jeder stecke nur in seiner eigenen Haut und wisse im Grunde nur, was dieser zuträglich sei. Es sei eine Anmaßung, von dem eigenen Wohlsein auf das anderer zu schließen und von einem andern dasselbe zu fordern, was nur für einen selbst richtig sei.

Frau Dungs drückte sich mit Absicht so allgemein aus, denn so brachte sie Lotte nicht in Verlegenheit und war doch für die Zuhörerin deutlich genug, ohne allzu persönlich zu werden, was in diesem Augenblick der ersten Bekanntschaft taktlos gewesen wäre.

Der alten Dame lag eine feine Röte im Gesicht, so sehr hatte sie sich in Eifer geredet, und Lotte hatte erst recht einen roten Kopf, so erregt und glücklich zugleich war sie. Es war also doch so unrecht nicht, was sie getan hatte. Ein neuer Mut und eine ganz neue Kraft kam über sie. Von Ise würde sie sich fortan nicht mehr irremachen lassen und auch sonst würde sie den Kopf oben behalten, mochten auch noch manche Schwierigkeiten zu überwinden sein. O, wenn ihr doch nur Frau Dungs noch recht lange zur Seite stände!

Frau Anton Dungs lachte leise, als sie sah, wie Lotte von Karst sie anblickte. Sie sagte: »In einem Punkt haben Sie jetzt eine Aehnlichkeit mit meinem Sohn Anton, Kind. Er möchte nämlich auch, daß ich noch recht lange hierbliebe. Habe ich es nicht gut? Meist ist man froh, wenn man keine Last mehr hat mit alten Frauen. Ist es nicht so? Nein, sagen Sie nichts, Kind, ich weiß ja doch, wie Sie's meinen. Und mein Sohn meint es gewiß genau so gut. Aber man soll sich nicht zu sehr an eine alte Frau hängen, und vor allem soll man nicht mit ihrer Gesundheit rechnen. Doch das brauchen Sie auch gar nicht, Kind. Drücken Sie bitte einmal dort auf den Knopf, ja?«

August erschien und gleich hinter ihm Schwester Emma.

»Sie können gleich hierbleiben, Schwester,« sagte Frau Dungs und stellte Lotte von Karst vor. Den Diener aber fragte sie, ob der junge Herr im Wohnzimmer sei. Als August bejahte, zog die Greisin Lotte von Karst näher und küßte sie innig auf die Stirn. »Jetzt wird August Sie zum Wohnzimmer führen, Kind, denn Sie müssen sich doch endlich einmal aussprechen, nicht wahr?«

Lotte traten Tränen in die Augen.

»Man soll nichts aufschieben, Kind, merken Sie sich das. Also, August, führen Sie das junge Fräulein hinüber. Und Sie, Schwester, fahren Sie mich bitte zurück in mein Schlafzimmer.«

Schwester Emma tat, wie ihr geheißen, aber sie war sehr unzufrieden und voller Groll gegen die junge Dame, die August hinausgeleitet hatte. Die alte Frau Dungs war wohl nicht mehr recht bei Verstand, daß sie so etwas zuließ und gar noch unterstützte? Sie würde doch einmal mit Herrn Anton Dungs junior reden müssen.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.