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Familie Dungs

Kurt Aram: Familie Dungs - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Aram
titleFamilie Dungs
year1913
correctorJosef Muehlgassner
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10. Kapitel

Anton Dungs junior war außer sich. Seit einem Jahr ging ja auch wirklich alles verkehrt. Mit Alfred hatte es angefangen. Er wollte und wollte nicht wieder zur Vernunft kommen. Konnte er der Firma etwas Schlimmeres antun, als einfach in eine andere Firma eintreten, den Kredit seines Namens mißbrauchen und ihn dadurch schädigen? Da war es doch nicht mehr als billig, daß man sich im Interesse der Firma am Pflichtteil Alfreds schadlos hielt. Gut, wenn er nicht wieder an den Platz zurückkehren wollte, wohin er gehörte, und wo man ihn brauchen konnte, so war kaufmännisch doch gewiß nichts einzuwerfen, wenn man den Schaden wieder dadurch gutzumachen suchte, daß man ihn zwang, auf sein Pflichtteil zu verzichten. Das war doch einigermaßen ein Aequivalent für den Verlust Alfreds, seiner Person und seiner Fähigkeiten, und für den Verlust der Millionen, die ihm der Kredit der Firma verschafft hatte, und die für sie endgültig verloren waren. Das war doch eine Rechnung mit Gegenrechnung, klipp und klar und so einfach, daß es auch ein Kind begreifen mußte. Statt dessen lag ihm Anton in den Ohren, auf solche Forderungen zu verzichten. Es sei nicht anständig und verstoße wider die guten Sitten, die Notlage eines Dritten so auszubeuten.

Anton Dungs junior verzog das Gesicht zu einem grimmigen Lächeln. All diese neumodischen, hochtrabenden Worte! Wider die guten Sitten! Das war ihm in den letzten Jahren schon häufiger vorgehalten worden. Er machte einen Kontrakt mit jemand. Punkt für Punkt wurde er durchgegangen. Er faßte den Kontrakt so günstig wie nur möglich für seine Firma ab. Der Partner las ihn Punkt für Punkt und erklärte sich einverstanden und unterschrieb. Aber wenn man dann plötzlich von seinem kontraktlichen Recht Gebrauch machte, und es dem andern nicht paßte, dann schrie er, der Kontrakt sei wider die guten Sitten. Er hätte sich doch lieber vorher den Kontrakt besser ansehen sollen, als nachher schreien. Wenn er klüger war als der andere, so konnte man ihm doch keinen Vorwurf daraus machen. Er bestand auf seinem Recht und nichts weiter. Wenn er und seine Juristen davon mehr verstanden als der andere, so war das doch dessen Schuld und nicht die seine. Wenn Alfred so dumm war, nicht daran zu denken, seine Verpflichtungen bei den Banken nicht unverkäuflich zu machen, so war es doch seine Schuld, für die er eben jetzt bezahlen mußte, wenn Anton Dungs junior die Forderungen aufkaufen und gegen ihn ausspielen konnte. Darin bestand doch nun einmal das Geschäft, daß der eine Mensch klüger war als der andere. Oder sollte heutzutage am Ende die Dummheit privilegiert werden? Aehnlich sähe das schon einer Zeit, die alles, was schwach war, hegte und pflegte, hingegen den Starken gerne Knüppel zwischen die Beine warf.

Das war genau so wie mit seinen Wohlfahrtseinrichtungen. Sie waren musterhaft. Aber er pflegte sie nicht aus sozialem Mitgefühl und dergleichen, sondern aus sehr einfachem geschäftlichen Interesse. Es rentierte sich eben, wenn man seine Leute, vom obersten bis zum untersten, gut hielt. Aber es fiel ihm nicht ein, deshalb gefühlvoll zu werden und in sozialen Redensarten zu machen. Und weil er das nicht tat, war es den Phrasendreschern wieder nicht recht. So vorzüglich all diese Wohlfahrtseinrichtungen waren, so gerne andere sie sich zum Vorbild nahmen, man rechnete sie ihm einfach deshalb nicht zum Vorzug an, weil man behauptete, sie kämen nicht aus der rechten Gesinnung.

Wieder lächelte Anton Dungs bitter. Ob er wohl heute so dastände, wenn er auf all das larmoyante Gerede Rücksicht genommen hätte? Sein Aeltester aber schien sich von derlei düpieren zu lassen. Und es war erst recht so eine neumodische Narrheit, daß er durchaus selbständig sein wollte. Konnte sich dieser junge Mensch heute nicht mit dem Bewußtsein begnügen, daß er einmal einer der wenigen unabhängigen und wirklich selbständigen Leute in Deutschland sein würde? Wenn die Fabrik nach dem Tode von Anton Dungs junior an seinen Aeltesten überging, dann war er ein König, mehr als ein König, denn für den Leiter dieser Fabrik gab es kein Parlament, keine Minister oder andere Abhängigkeiten, da gab es nur den eigenen Verstand und das eigene Gewissen als Richtschnur. War das vielleicht nichts? Und lohnte es sich daher nicht, lieber zu lernen und Erfahrungen zu sammeln, bis man sowieso Alleinherrscher wurde, statt wie ein kleiner Kommis von Selbstständigkeit zu reden und zu träumen?

Aber er mochte seinem Aeltesten so viel davon predigen, wie er wollte, er bekam einen dicken Kopf und blieb dabei, selbständig werden zu wollen.

Und nun lag da zu allem Ueberfluß auch noch dies närrische Berliner Fräulein mit einem Typhus oder dergleichen bei Helene Momm, und Helene Momm sah ihn ja fast so an, als habe er einen Mord begangen. Zu kindisch! Als ob er das kleine energische Fräulein nicht weit besser verstände als Helene Momm. Dies Berliner Fräulein, das war doch noch aus festem Holz geschnitzt. Wie sie für ihr Glück kämpfte, das ließ er sich gefallen, das imponierte ihm eigentlich. Aber war er schuld, daß sie den Typhus bekam und nun nicht weiterkämpfen konnte? Sollte er am Ende deshalb klein beigeben, weil sie krank geworden war? Damit mochte man kleinen Konfirmandenmädchen kommen, aber doch ihm nicht.

Anton Dungs erhob sich von seinem Kontorstuhl und ging in die Fabrik. Das war immer noch das beste, um allen Aerger und alle dummen Gedanken loszuwerden. Die Schornsteine stießen den Rauch in dicken Schwaden aus, in den Hallen glühte und ächzte das Eisen, in den Werkstätten hämmerte und klopfte es, aus den Hochöfen spritzten die Feuerfontänen, die Fördertürme bebten, und auf ihren Eisenplatten donnerten die Kohlenwagen, die Maschinen stampften, die Lokomotiven fauchten. Wie klein war da aller Aerger, wie wenig bedeuteten da alle dummen Gedanken. Hier war Leben, Tätigkeit und Schaffen!

Anton Dungs junior badete förmlich in all diesen Geräuschen, die ihn umgaben. Es war für ihn die wirksamste Erholung. Andere Kuren brauchte er überhaupt nicht.

Langsam, ganz langsam ließ er sich weitertragen von den Wellen dieses Lärms, der immer lauter und wilder ihn umbrandete, ein gewaltiges Orchester, das in seinen Ohren zu einer herrlichen Harmonie wurde, aus der er zugleich jedes einzelne Instrument heraushörte. Mit einer Art Wollust sog Anton Dungs all die Geräusche in sich ein. Jede Maschine hatte ihr besonderes Leben, und dem entsprach auch der besondere Lärm, den sie machte, gleichsam der Atem, der von ihr ausging. Und dieser Lärm hatte wieder seine Nuancen, an denen Anton Dungs sofort hörte, ob die Maschine in Ordnung war und alles an ihr richtig funktionierte, oder ob sich irgendein Fehler eingeschlichen hatte, der noch lange nicht zu sehen war, aber sich doch schon seinem Ohr bemerkbar machte. Schon manchem war es ganz unheimlich geworden, wenn er plötzlich stehenblieb, lauschte, den Kopf schüttelte und sagte, im Walzwerk 3 sei etwas nicht in Ordnung, die Schmiedepresse gebe nicht den richtigen Ton. Und wenn man dann hinging und genau nachsehen ließ, so stimmte es immer.

So ließ sich Anton Dungs auch jetzt von den Wogen des Lärms durch das ganze Werk tragen. Er lauschte auf jeden Ton, und es war kein Mißton darunter. Das ganze Werk war ein einziges, gesundes, kräftiges Atmen und Arbeiten. Ein großes Wohlbehagen durchflutete Anton Dungs.

Nun wandte er sich zu der neuen Schnellbahn in der neuen Riesenhalle, die erst seit wenigen Wochen in Tätigkeit war. Da hatte sein Generaldirektor in der Tat eine wertvolle Erfindung gemacht, und natürlich traf er ihn auch in der neuen Halle, strahlend von Erfinderglück.

Anton Dungs trat näher und sah mit seinem Generaldirektor den glühenden Eisenschlangen zu, die wie hurtige Blitze über die Schnellbahnen zuckten, immer länger, immer dünner wurden, sich wanden und drehten, bäumten und bogen, wilde, gefährliche Schlangen, die sich zu wehren schienen gegen den Zwang, der sie in ganz bestimmten Bahnen hielt. Für einen Augenblick hielt hier eine solche Schlange an, machte einen gewaltigen Buckel, es sah aus, als wolle sie zu einem weiten Sprung ausholen und über alle Hindernisse, die ihren Lauf beengten, hinwegsetzen. Aber schon hatte ein Arbeiter sie mit der Eisenzange beim Kopf gefaßt, ein Ruck, und sie fuhr zischend und glatt durch das Eisenloch. Dort fuhr eine solche Schlange wie der Blitz eine Laufbahn in die Höhe, immer länger, immer dünner werdend, und es sah aus, als suche sie nach rechts oder links zu entkommen.

»Es geht prächtig, nicht wahr?« meinte Generaldirektor Loh. »Besser, als selbst ich es erwartet hatte.«

Anton Dungs junior nickte zustimmend, sah noch einen Augenblick zu und meinte dann: »Also, wie wir ausgemacht, fünfzig Prozent vom Reingewinn dem Werk und fünfzig Ihnen. Diesmal mache ich schon halbpart, es ist wirklich der Mühe wert.«

Der Generaldirektor strahlte nun erst recht. Nicht nur des Gewinnanteiles wegen, mehr noch der Anerkennung wegen, die in Anton Dungs' Worten lag. Er war sehr sparsam mit anerkennenden Worten.

»Kommen Sie mit?« fragte Anton Dungs. Der Generaldirektor nickte, und Anton Dungs wandte sich ab von der Schnellbahn. Er wollte dem Ausgang zugehen, blieb aber betroffen stehen. Was war denn das, sah er recht, wer trat denn da eben in die Halle? Oder täuschte er sich? Nein, er täuschte sich nicht. Anton Dungs wich vor der Gestalt, die näherkam, einen Schritt zurück und noch einen. Generaldirektor Loh sah, was drohte, er streckte die Hand aus, die Arbeiter in der Nähe schrien auf. Aber es war zu spät. Anton Dungs war beim Zurückweichen auf die eine Laufbahn getreten, eine der Feuerschlangen fuhr ihm zischend am Bein entlang. Der Schmerz ging bis auf die Knochen. Anton Dungs taumelte, eine der Feuerschlangen machte einen Buckel und sprang ihm quer über die Brust, so daß er zu Boden fiel. Ein Vorgang weniger Sekunden. Die Maschinen waren schon abgestellt. Ruhig und unbeweglich lagen die glühenden Schlangen. Anton Dungs schwerverwundet zwischen ihnen. Der ganze Lärm der Riesenhalle war mit einem Griff verstummt, und durch die jähe Totenstille hörte man Anton Dungs stöhnen. Mehrere Arbeiter waren um ihn beschäftigt. Neben ihm kniete Madame Adele, denn sie war die Gestalt, vor der er zurückgewichen. Generaldirektor Loh war zum Telephon geeilt und machte die Aerzte mobil.

Wenige Minuten später wurde Anton Dungs auf einer Tragbahre hinausgetragen. Einen Augenblick lang sahen sich die Arbeiter in die blassen Gesichter. Dann tat der Hallenmeister einen Griff, und die Maschinen waren wieder in Bewegung. Die glühenden Eisenschlangen liefen wie der Blitz ihre Bahnen, die Halle hatte ihr gewöhnliches Leben wieder

*

Die Aerzte zeigten sich sehr besorgt. Die Wunden waren nicht tödlich, aber furchtbar schmerzhaft; und namentlich die in der Nähe des Kniegelenks konnte, wenn irgendeine Komplikation eintrat, das Bein kosten. Die Hauptsorge der Aerzte aber bestand darin, daß leicht eine Blutvergiftung hinzukommen konnte.

Als Anton Dungs wieder zu sich kam, gab man ihm vor allem eine kräftige Morphiumeinspritzung, denn ohne das hätte er nach Meinung der Aerzte die Schmerzen nicht ertragen können, und er mußte ja nun für alle Fälle bei klarer Vernunft sein, um Verfügungen treffen zu können, wenn Komplikationen eintreten sollten.

An dem Schmerzenslager saßen Anton und Generaldirektor Loh. Ganz im Hintergrund, so daß es Anton Dungs nicht sehen konnte, Madame Adele.

Anton Dungs wollte sich aufrichten, aber es gelang ihm nicht. Man hatte ihn sehr fest einbandagiert.

Einen Augenblick sah der Verwundete verwundert um sich. Was war denn eigentlich passiert? Dann blickte er fragend seinen Aeltesten und Generaldirektor Loh an. Sofort trat der alte Hausarzt vor und beruhigte ihn. Er müsse nur absolute Ruhe halten, dann werde der Unfall ohne schlimmere Störung vorübergehen, davon sei er fest überzeugt.

»Nehmen Sie das auf Ihren Eid, Doktor?«

Der Arzt redete viel, um dem Verwundeten zu beweisen, daß es mit den Verletzungen nichts Besonderes auf sich habe.

Anton Dungs verzog schmerzhaft das Gesicht. Der Arzt redete ihm zu viel und zu lange, als daß er ihm glauben konnte.

»Warum habe ich eigentlich fast gar keine Schmerzen, Doktor?«

Der Arzt erklärte es ihm, und der Kranke fragte, weshalb man ihm die Einspritzung gemacht habe. Der Arzt erwiderte, damit die Wunden nicht so schmerzten. Der Kranke fragte, ob das der einzige Grund gewesen sei. Der Arzt antwortete, man habe auch daran gedacht, daß er vielleicht noch irgendwelche Anweisungen geben wolle, denn einige Wochen würde er nun ruhig liegen müssen und sich nicht bewegen können, darauf müsse er sich gefaßt machen.

Anton Dungs machte ein nachdenkliches Gesicht. »Also so steht die Sache,« sagte er leise.

»Die Schmerzen werden größer werden, Vater, wenigstens ist das möglich, und für diesen Fall wäre es doch gut ...«

Der Kranke unterbrach ihn. »Da bist Du ja nun so selbständig, wie Du es Dir nur wünschen kannst, Anton.«

»Ich bitte Dich, Vater ...«

Eine Weile sah der Kranke vor sich hin. »Man soll mir Fritz schicken und den Justizrat. Jede weitere Einspritzung verbitte ich mir!«

»Das darfst Du nicht, Vater!« sagte Anton bestürzt.

»Ich verbitte sie mir!« wiederholte Anton Dungs. »Ich will mich nicht betäuben lassen, Doktor, ich will bei klarem Verstand bleiben.«

Der Arzt suchte ihm klarzumachen, daß man ihm so doch nur die unvermeidlichen Schmerzen lindern wolle, daß er deshalb durchaus bei klarem Bewußtsein bleiben werde, aber es half ihm nichts, Anton Dungs verlangte, daß nichts derart mehr unternommen werde. Er werde auch ohne die Gifte der Aerzte über die Schmerzen hinwegzukommen wissen.

Da Anton Dungs sehr erregt wurde, mußte man ihm einfach versprechen, seinen Willen zu respektieren.

»Und nun brauche ich niemand mehr als Fritz und den Justizrat, und Du, Anton, gelobst mir, nicht wieder hierherzukommen, bis ich Dich rufen lasse.«

Anton sträubte sich, aber auch darauf bestand sein Vater. Er wolle nicht, daß ihn der Sohn sähe in seinen Schmerzen und in seiner Wehrlosigkeit.

Sein alter Diener Fritz trat ein, denn man hatte längst nach ihm geschickt, wußte man doch, wie gut er sich auf die Art seines Herrn verstand.

»Da bist Du ja, Fritz, das ist recht. Wirst Du's aushalten können?«

Der alte Mann nickte heftig, und Tränen traten ihm in die Augen.

Anton Dungs sah die andern voller Ungeduld an. Sie entfernten sich. Man winkte Madame Adele zu, aber sie schüttelte ablehnend den Kopf. Sie blieb unter allen Umständen hier. Da man Anton Dungs nicht auf ihre Gegenwart aufmerksam machen wollte, denn das würde ihn sicherlich sehr aufregen, gab man nach und entfernte sich ohne Madame Adele.

Kaum waren sie draußen, winkte Anton Dungs hastig seinem alten Diener und befahl ihm, in das Kontor zu gehen. Im Schreibtisch in der Schublade links da liege ein Revolver, den solle er sofort holen.

Fritz erschrak heftig.

»Du brauchst nicht zu erschrecken,« meinte der Verwundete mit leichtem Spott, »ich will mich nicht totschießen, wahrhaftig nicht, so dumm bin ich nicht. Aber ich will mich verteidigen können, wenn sie mir doch wieder eine Einspritzung machen wollen, verstehst Du? Den linken Arm kann ich ja noch ganz hübsch bewegen, siehst Du? Sie sollen nur nicht glauben, daß ich mich nicht wehren kann, weil ich krank bin und sie mich hier festgebunden haben. Also lauf und komme gleich wieder.«

Fritz ging eilig hinaus.

Stumm und wehrlos lag der Kranke auf seinem Lager. Kein Laut kam von seinen Lippen. Stumm und steinern saß Madame Adele auf ihrem Platz. Kein Laut kam von ihren Lippen. Das war zu fürchterlich, das hätte nicht geschehen dürfen. Wie konnte sie auch erwarten, daß er so bei ihrem Anblick erschrecken würde und ganz vergessen, an welch gefährlicher Stelle er sich befand.

Fritz erschien wieder mit dem Revolver und warf einen ängstlichen Blick auf Madame Adele, die er sofort wiedererkannt hatte.

Sie legte einen Finger an die Lippen, und Fritz schwieg

»So, schieb mir das Ding hier unter die Decke, und wenn ich ohnmächtig werde oder sonstwie die Besinnung für einen Augenblick verliere, und sie mir wieder mit ihrem Zeug an den Leib wollen, dann sagst Du ihnen, daß ich jeden niederschießen würde, der es wagte, so etwas gegen meinen Willen zu tun, verstehst Du?«

Fritz nickte und setzte sich auf den Stuhl, der am Fußende des Bettes stand.

Eine Weile war es still in dem Zimmer.

»Er bleibt lange, der Justizrat,« klang es voller Ungeduld vom Bett her.

»Er wird gleich hier sein, Herr Dungs,« antwortete es vom Fußende her.

»Was ist eigentlich aus meiner Frau geworden, weißt Du das, Fritz?«

Der alte Diener schüttelte den Kopf. Seinem Herrn direkt ins Gesicht lügen, wo Madame Adele doch hier saß, das gewann er nicht über sich.

»Sie zu sehen, das hatte ich am wenigsten erwartet.«

»Ich werde mich erkundigen, Herr Dungs.«

Anton Dungs antwortete nicht, er stöhnte leise.

Justizrat Seiffert trat ein.

»Ein hübscher Anblick, nicht?« sagte der Kranke stöhnend. »Haben Sie alles bei sich?«

Der Justizrat nickte und blickte verwundert auf die Dame im Hintergrund, die er nicht kannte.

Der alte Diener griff ihn am Arm und bedeutete dem Justizrat, zu schweigen.

»Was gibt es denn, Fritz?« fragte der Kranke mißtrauisch.

Der Justizrat nickte.

»Aber gar nichts, Herr Dungs,« antwortete statt seiner der Justizrat.

»Mit dem Testament ist ja alles in Ordnung?«

»Ich möchte Ihnen noch ein paar Zeilen diktieren, als Anhang sozusagen.«

Wieder sah der Justizrat auf die fremde Dame, die sich nun erhob und leise nach der Tür schritt. Der Justizrat und Fritz stellten sich unwillkürlich so vor dem Bett auf, daß der Kranke die Dame nicht sehen konnte.

»Es ist doch noch jemand im Zimmer!« sagte Anton Dungs erregt und suchte sich aufzurichten, aber es ging nicht.

»Ich versichere Ihnen, Herr Dungs, es ist niemand mehr im Zimmer als Sie und ich und Fritz.«

»Dann phantasiere ich ja wohl schon,« sagte der Kranke unruhig, »dann ist es aber wirklich Zeit, daß Sie schreiben, Justizrat.«

Nach wenigen Minuten verließ der Justizrat das Zimmer und traf draußen die fremde Dame, die sich ihm sofort vorstellte.

Der Justizrat machte eine tiefe Verbeugung vor der ehemaligen Frau seines Chefs, wartete einen Augenblick, und da sie ihm nichts weiter zu sagen hatte, machte er noch eine tiefe Verbeugung und entfernte sich eilig, froh, daß ihn die Dame nicht in ein Gespräch verwickelt hatte. Sie war ja nur die ehemalige Frau seines Chefs.

Madame Adele ging leise vor der Tür, die in das Zimmer des Kranken führte, auf und ab. Sie lauschte, aber es war ganz still in dem Zimmer.

Anton erschien und näherte sich etwas zaghaft seiner Mutter.

Sie streckte die Hand nach ihm aus. »Daß wir uns so wiedersehen müssen. Wer hätte das gedacht.«

Er führte ihre Hand an seine Lippen.

»Wie ähnlich Du Deinem Vater bist, Anton.«

Anton konnte kein Wort erwidern, so sehr hatten ihn die Ereignisse erschüttert.

Sie nahm seinen Arm, und nun gingen sie zusammen auf und ab.

»Wie geht es Lotte?« fragte Madame Adele nach einer Weile.

Anton berichtete, daß die Krisis immer noch nicht vorüber sei, es beruhige sie aber sichtbar, daß Alfred bei ihr sei.

»Was wir plötzlich für eine Unglücksfamilie geworden sind, Anton!«

»Es wird vorübergehen, Mama,« suchte Anton zu trösten, denn Madame Adele sah fürchterlich angegriffen aus.

»Es muß vorübergehen, Anton, sonst habe ich keine ruhige Stunde mehr.«

Fritz trat aus dem Zimmer. »Er schläft,« sagte er leise.

Madame Adele huschte in das Zimmer und setzte sich auf den alten Platz und war trotz aller bittenden Gebärden ihres Sohnes nicht wieder fortzubringen.

Der Kranke stöhnte im Schlaf und stöhnte immer lauter, die Wirkung der Einspritzung war im Schwinden begriffen.

Madame Adele wich nicht von ihrem Platz. Schließlich ließ sie sich wenigstens von Fritz auf der Chaiselongue ein Lager zurechtmachen. Sie stand ja so im Hintergrund, daß Anton Dungs sie nicht sehen konnte.

Es kamen qualvolle Tage, denn der Kranke, der sich standhaft weigerte, noch irgendein Betäubungsmittel zu sich zu nehmen, hatte entsetzliche Schmerzen auszuhalten, die fast über eines Menschen Kraft gingen. Am bedenklichsten aber war es, daß er zu fiebern begann und das kranke Bein anschwoll. Die Aerzte schüttelten immer bedenklicher den Kopf. Aller Wahrscheinlichkeit nach war schon eine Blutvergiftung eingetreten. Es ließ sich nicht ganz sicher feststellen, denn die Schwellungen konnten ja auch einfach eine Folge der schweren Verwundung sein, aber das Fieber, das immer höher stieg, ließ fast mit Gewißheit darauf schließen. Wenn man das Leben des Patienten retten wollte, würde wohl nichts anderes übrig bleiben, als die Amputation des kranken Beines. Man zögerte so lange, als es irgend ging, dem Kranken davon Mitteilung zu machen. Aber schließlich sagte der Hausarzt, er müsse eine weitere Verantwortung ablehnen, wenn man nicht zu der Amputation schritte, die man ja nicht ohne Einverständnis des Kranken vornehmen durfte.

Man machte Anton Dungs die nötige Mitteilung, aber der Kranke wollte nichts davon wissen.

Die Aerzte redeten auf ihn ein, aber er blieb bei seiner Weigerung.

Der Hausarzt sagte ihm, sein Leben stehe auf dem Spiel. Er antwortete, es sei ihm immer noch lieber, zu sterben, als ein Krüppel zu werden.

Anton wurde gerufen und mußte seinem Vater zureden. Anton Dungs junior hob die Linke, die krampfhaft den Revolver hielt, und erklärte, er werde jeden über den Haufen schießen, der ihm näherkomme.

Da war nichts zu machen, man mußte ihn gewähren lassen.

Und nun kamen erst die schlimmsten Tage. Der zähe Körper rang mit Riesenkräften gegen die Vernichtung, die ihm drohte. Dieser verzweifelte Kampf hatte fast nichts Menschliches mehr, und Madame Adele hielt sich oft die Hände vor die Ohren und barg den Kopf tief, tief in die Kisten, weil sie vermeinte, diesen fürchterlichen Kampf, diesen grauenhaften Jammer nicht länger mehr hören zu können.

Die Aerzte verließen das Zimmer nicht mehr, denn es konnte ja jeden Augenblick zu Ende gehen.

Apathisch lag der Kranke da, die Krankheit schien, endlich Herr geworden zu sein über diesen zähen Körper. Aber dann begann von neuem der Kampf. Immer wieder. Einen ganzen Tag lang ging es so.

Es war Abend geworden, niemand traute sich, Licht zu machen. Der Kranke war ganz still, man hörte kaum seinen Atem. Warum den armen Körper zu neuem Kampf reizen, indem man Licht machte?

Man saß und lauschte und wartete auf das Ende.

Plötzlich erhob sich der Hausarzt leise, trat zu dem nur schwach Atmenden und fühlte seine Stirn. Die Stirn war kühl und leicht angefeuchtet.

Der Hausarzt winkte den beiden Kollegen, die hinzutraten, die Stirn befühlten und den Kopf schüttelten. Madame Adele und Anton traten auch näher. Ihnen war, als hätte der Aermste nun wohl ausgelitten.

Der Hausarzt zog Madame Adele und Anton beiseite. »Wenn es Wunder gäbe,« flüsterte er, »es ist fast wie ein Wunder, wir dürfen wieder hoffen, dieser Körper war der Stärkere, Herr Dungs schläft, ich glaube, er wird durchkommen.«

»Doktor, ist das wahr?« flüsterte Madame Adele erregt.

Der Hausarzt nickte.

Sie ergriff seine Hand und küßte sie immer wieder, und Anton mußte sie aus dem Zimmer führen, denn nun war es mit ihrer Kraft und Selbstbeherrschung zu Ende.

Der Hausarzt behielt recht. Anton Dungs schlief und schlief, das Schlimmste lag hinter ihm, er würde wieder gesunden. Die Aerzte hatten einfach nicht den Mut, das mit Bestimmtheit auszusprechen, denn es erschien ihnen gar zu unglaublich. Aber es verhielt sich dennoch so, und nach einigen Tagen machten sie Anton und seiner Mutter die Mitteilung, aller Voraussicht nach werde nichts weiter zurückbleiben als eine Schwäche in den Streckmuskeln des linken Beins, wogegen sich später aber auch noch mancherlei mit Aussicht auf Erfolg unternehmen ließe.

Nun mußte sich Madame Adele wieder stets auf ihrem Platz im Hintergrund halten, denn Anton Dungs junior, der allmählich wieder zu Kräften kam, sollte sie noch nicht sehen.

Anton wollte durchaus, daß die Mama jetzt das Krankenzimmer verließe und selbst gepflegt würde, denn sie hatte es ja fast nötiger als der Vater. Aber Madame Adele ließ sich nicht daraus ein. »Ich bitte Dich, laß mich um Gottes willen hier, es ist das beste für mich. Nur wenn ich sehe, wie er von Tag zu Tag besser wird, wird auch mir wohler. Verstehst Du das denn nicht?«

Anton verstand es ganz gut, aber er meinte, einmal tüchtig ausschlafen und aus der Krankenluft endlich einmal wieder herauskommen, das sei auch etwas wert. »Es ist so schön draußen, Mama, und Alfred und Lotte und Helene sind doch auch noch da und haben Ansprüche an Dich.«

»Später, Anton, später, das eilt ja jetzt wirklich nicht so, nicht wahr, mon ami

Anton mußte sie gewähren lassen.

Es war gegen Abend, da sagte Anton Dungs junior plötzlich ganz unruhig zu seinem alten Diener: »Jetzt brauchst Du mir wirklich nichts mehr vorzumachen, Fritz, ich dulde das nicht länger. Es ist doch noch jemand hier im Zimmer, und er war die ganze Zeit über da.«

»Aber Herr Dungs,« stotterte Fritz verlegen.

»Du hast ganz recht, Anton, es ist noch jemand hier,« sagte es da aus dem Hintergrund des Zimmers.

»Dann komme gefälligst näher,« antwortete er aus dem Bett.

Madame Adele kam näher, sehr blaß, sehr erregt.

Anton Dungs sah sie an, und ein leises, fast ein wenig verlegenes und hilfloses Lächeln glitt über sein Gesicht. »Du bist es?«

Sie stand nun dicht vor ihm.

»Steckt Dein Graf vielleicht auch noch im Zimmer?« brummte Anton Dungs junior.

Madame Adele ließ sich auf den Boden gleiten, nahm seine Hand und küßte sie. Die Tränen liefen ihr über die Wangen, während sie sagte: »Wie freue ich mich, daß Du schon wieder so grob sein kannst, Anton. Nun habe ich wirklich keine Sorge mehr um Dich.« Sie erhob sich, beugte sich über ihn und küßte ihn auf die Stirn.

»Laß das, ich bitte Dich!« sagte Anton Dungs junior verlegen und wollte sich wehren, aber es gelang ihm nicht, denn er war immer noch fest einbandagiert.

»Wie froh ich bin, daß Du einen solchen Dickkopf hast, Anton,« sagte Madame Adele und küßte ihm wieder die Stirn, denn er konnte sich ja nicht wehren. »Es ist das erste Mal, daß ich mich wirklich darüber freue, Anton, denn ohne diesen Dickkopf – weiß Gott, sie küßte ihn schon wieder – hätte man Dich amputiert und wer weiß was sonst noch mit Dir angestellt.«

»Setze Dich doch wenigstens ruhig hin,« sagte Anton Dungs und genierte sich vor seinem alten Diener.

Fritz merkte das wohl, wurde selbst ganz verlegen, machte sich allerhand im Zimmer zu schaffen, bis er glücklich in der Nähe der Tür war, und verschwand.

Anton Dungs junior lauschte plötzlich angestrengt. »Sag' mal, ich bin wohl gar nicht in meinem Hause?«

»Nein, Anton.«

»Wo bin ich denn?«

Sie setzte ihm auseinander, daß man es damals nicht gewagt habe, ihn nach Hause zu transportieren, er läge in dem kleinen Zimmer in der Fabrik, das für Unfälle vorgesehen sei.

Wieder lauschte Anton Dungs junior, und ein breites, behagliches Lächeln legte sich über sein Gesicht. »Hörst Du die Maschinen? So ist es recht. Nun höre ich sie wieder. Ah!« Er dehnte sich ein wenig, so gut es ging.

Einige Zeit schwiegen sie, dann knurrte er: »Nun kannst Du wieder zu Deinem Grafen nach Paris gehen.«

Madame Adele lächelte zum ersten Male wieder, seit langer Zeit. »Du bist wohl eifersüchtig, Anton?«

»Ich?« Er lachte grimmig. »Was geht mich das an!«

Der Hausarzt erschien und meinte, nun sei es für heute genug der Unterhaltung, man solle es damit auch nicht übertreiben.

»Glauben Sie wirklich, ich ließe mir von Ihnen noch viel sagen?« fragte Anton Dungs junior spöttisch. »Sie haben sich doch nicht gerade sehr weise benommen, Doktor, als Sie mir ein Bein abschneiden wollten. Oder irre ich mich?«

»Davon wollen wir lieber nicht reden, Herr Dungs, und was mich anlangt, ich bin wahrhaftig froh, daß ich mich geirrt habe, das kann ich Ihnen sagen.«

Madame Adele erhob sich und verließ mit dem Arzt das Zimmer. Anton Dungs junior war schon wieder ganz der Alte. Es war zweckmäßig, man ließ ihn ab und zu allein, vielleicht vermißte er sie dann leichter einmal, als wenn sie ihm immer so zahm und gefällig zur Hand saß.

Am anderen Tage fragte der Patient den Hausarzt, wie lange er wohl noch das Bett zu hüten habe?

»Je länger, um so besser,« meinte der Arzt ausweichend.

»Nun, dann kann ich ja wohl in einigen Tagen wieder aufstehen,« meinte der Patient.

Der Arzt schwieg.

»Sie könnten mir doch wenigstens eine Antwort geben, Doktor.«

»Wozu soll ich Ihnen antworten, Herr Dungs? Sage ich, was ich denke, und es paßt Ihnen nicht, tun Sie ja doch, was Sie wollen.«

Anton Dungs lächelte, wandte sich an seinen Diener und sagte: »Dann können wir ja wohl den Justizrat kommen lassen.«

»Was willst Du mit ihm, Anton?« fragte Madame Adele erschrocken.

Er sah sie ruhig an. »Ich habe ihn da neulich etwas aufsetzen lassen für den Fall, daß es mit mir zu Ende ging. Der Fall trifft nun nicht mehr zu, also auch nicht mehr das, was ich ihn aufsetzen ließ.«

»Anton!« Sie hob bittend die Hände.

»Also, Fritz, hole mir den Justizrat.«

Der Diener ging, und auch der Arzt empfahl sich.

»Anton!« sagte Madame Adele und sah ihn bittend an.

»Was willst Du eigentlich?«

»Das weißt Du doch, Anton!«

Er stützte sich auf seinen linken Arm, so daß er nun halb aufgerichtet in seinem Bette saß. »Was meinst Du eigentlich, was ich den Justizrat damals niederschreiben ließ? Oder warst Du da auch im Zimmer?«

»Ich bin hinausgegangen. Was gehen mich Deine Geheimnisse an!« antwortete Madame Adele gereizt.

»Weshalb interessierst Du Dich denn jetzt auf einmal dafür?«

»Das weißt Du so gut wie ich.«

»Du scheinst anzunehmen, ich habe meine Ansicht über Alfred geändert und dem Ausdruck gegeben?«

»Das hoffte ich allerdings,« sagte Madame Adele erregt.

»Da irrst Du Dich eben.«

»Das sehe ich. Leider!« Sie sprang auf und wollte das Zimmer verlassen.

»Werde doch nicht wieder wild, Adele, bleibe doch hier, bis der Justizrat kommt.«

»Ich meine, Du warst doch wirklich krank genug, und Du hattest Zeit genug, über das alles einmal nachzudenken, Du warst doch wahrhaftig kein Engel!«

Er lächelte dünn. »Hast Du das je von mir erwartet?«

»Nein, gewiß nicht!«

»Das freut mich, denn ich habe Dich immer für eine kluge Frau gehalten.«

Sie schwieg.

»Warum schweigst Du, Adele?«

»Es hat ja doch keinen Zweck, mit Dir zu reden. Du bist und bleibst, wie Du einmal bist.«

»Du hast mich sozusagen aufgegeben?«

Sie schwieg wieder.

»Sei doch nicht so stumm, Adele!«

Sie rang die Hände voller Qual, und dann stürzte es aus ihr hervor, und es gab kein Halten mehr. Auch die französischen Kraftausdrücke fand sie wieder und bedachte ihn reichlich damit.

Er sah sie aufmerksam an, während sie tobte und durch das Zimmer raste. Sie war wahrhaftig immer noch wie als ganz junges Mädchen und als junge Frau. Nicht im geringsten hatte sie sich geändert. Und gerade diese tolle Leidenschaftlichkeit, dies vulkanische Temperament hatte ihm so gefallen, hatte es ihm angetan, daß er sie nicht vergessen konnte.

Plötzlich ließ er sich wieder in die Kissen zurückfallen, er war ganz blaß geworden. Madame Adele sah es, aber sie bereute es durchaus nicht, daß sie so heftig geworden war. Es ging ja doch wirklich über Menschen Begreifen, wie er sich benahm.

Sie trat an das Bett, in dem er wehrlos lag. O, wie wohl das tat, daß er endlich einmal stillhalten mußte, ob er wollte oder nicht. Alles mußte herunter, was sie auf dem Herzen hatte, nichts sollte ihm erspart bleiben. Wo er Alfred doch nicht schonen wollte, Brauchte sie ihn auch nicht zu schonen. Und so ein harter, ungalanter Mensch wollte sich über den Vicomte lustig machen, der im kleinen Finger zuvorkommender und menschlicher war als der ganze Anton Dungs. Und da wunderte sich dieser grausame Mensch gar noch, wenn man lieber mit höflichen und wohlerzogenen Leuten zusammen war als mit so einer bête noire! Und da maßte er sich das Recht an, ihr deshalb Vorwürfe zu machen? Bei ihm hielt es ja überhaupt niemand aus. Weder die Frau noch die Kinder. So ein Tyrann!

Anton Dungs blieb ganz still und ließ den gewaltigen, wilden Strom der Anklagen ruhig über sich ergehen.

»Im stillen lachst Du wohl noch über mich?« rief Madame Adele im höchsten Zorn. »Auch das sähe Dir ganz ähnlich. Du bist es gar nicht wert, daß man sich solche Sorgen um Dich gemacht hat, daß niemand mehr um Deinetwillen eine ruhige Stunde hatte!«

»Was macht denn das kleine Berliner Fräulein?« fragte er ruhig mitten in die Sturzrede hinein.

»Die hast Du auch unglücklich gemacht, und Dein Verdienst ist es nicht, wenn sie nun wieder gesund ist.«

»Also gesund ist sie wieder?«

»Gott sei Dank, das ist sie, und Du sollst ihr nichts mehr zuleide tun können, so wahr ich auch noch auf der Welt bin!«

»Ich bitte Dich, Adele, nicht gar zu heftig, der Justizrat kommt.«

»Schicke ihn wieder fort, Anton, ich bitte Dich, höre einmal auf mich, dies einzige Mal. Ich will Dir auf den Knien dafür danken, Anton!«

Der Justizrat trat ins Zimmer, verbeugte sich feierlich vor Madame Adele, die ja mit ihrem Gatten nun wieder besser zu stehen schien, und beglückwünschte dann Herrn Dungs, daß er so wohlauf sei und ja nun bald wieder völlig hergestellt sein würde.

»Anton, ich bitte Dich zum letzten Male!« Madame Adele nahm nicht einmal mehr Rücksicht auf die Gegenwart des Justizrats. Dieser sah verwundert auf die beiden. Das sah ja nichts weniger als friedlich aus. Er erlaubte sich, Madame Adele halb den Rücken zuzuwenden, während er in die Brusttasche seines Gehrockes griff.

»Ich nehme wohl richtig an, Herr Dungs, daß Sie mich des Testaments wegen rufen ließen, oder vielmehr jenes Anhanges wegen zu Ihrem Testament, den Sie mir damals diktierten. Sie sind ja nun wieder völlig hergestellt, und ich dachte mir daher gleich, daß Sie diesen Anhang wieder an sich nehmen oder in Ihrer Gegenwart vernichtet sehen wollten.« Er zog ein versiegeltes Kuvert aus der Tasche.

Anton Dungs hielt es in der linken Hand. In diesem Augenblick nahm auch er keine Rücksicht auf die Anwesenheit des Justizrats, sondern sagte zu Madame Adele: »Ich kann Dir auch jetzt nur noch einmal versichern, daß ich meine Anschauung über Alfred durchaus nicht geändert habe.«

Madame Adele wandte sich mit einem Ruck ab und wollte zur Tür.

»Nur noch einen Augenblick, Adele, ich habe eine Bitte an Dich!«

»Du ... Du, das wagst Du!«

»Haben Sie einen Bleistift bei sich, Herr Justizrat?«

»Gewiß, Herr Dungs.«

»Dann streichen Sie bitte aus, was auf dem Kuvert steht, denn das paßt nicht mehr. Erst nach meinem Tode zu öffnen, steht da. Also, das streichen Sie durch.«

Der Justizrat tat, wie ihm geheißen, wenn auch nicht ohne ein leichtes Erstaunen. Wozu solche Umstände? Man zerriß den Brief oder verbrannte ihn. Das war doch viel einfacher.

»So, nun geben Sie mir das Kuvert wieder,« sagte Anton Dungs junior.

»Adele!«

»Was willst Du noch?« fragte sie unwillig.

»Ich bitte Dich, komme ein wenig näher. So weit kann ich noch nicht reichen.«

Madame Adele trat näher.

Anton Dungs junior war ein wenig rot und verlegen. »Ich bitte Dich, bringe das Kuvert dem kleinen Berliner Fräulein mit einem Gruß von mir.«

»Anton, was heißt das?«

»Sie soll lesen, was ich da geschrieben habe, Adele.«

»Anton, ich bitte Dich!«

Anton Dungs junior lächelte. »Es ist nichts Schlimmes, Adele, Du wirst es selbst sehen.«

»Ja, aber ... ich verstehe nicht ...«

»Soll ich mich vielleicht nicht rächen dafür, daß Du mir so zugesetzt hast?«

Sie wollte auf ihn zu, aber er wehrte ab. »Du weißt ja noch gar nicht, was in dem Kuvert enthalten ist, Adele. Gehe lieber gleich damit zu dem kleinen Fräulein; und ich bin neugierig, was Du für ein Gesicht machst, wenn Du wiederkommst.«

»Quäle mich doch nicht so, Anton!«

Er lächelte. »Und was hast Du die ganze Zeit über getan? ... Beeile Dich lieber, Adele!«

Sie ergriff das Kuvert und ging eilends hinaus.

Anton Dungs junior sah ihr lächelnd nach. »Verstehen Sie sich auf Frauen, Herr Justizrat?«

»Ich bedaure, ich bin ihnen stets möglichst aus dem Wege gegangen,« erwiderte der Justizrat gemessen.

*

»Mein Gott, Mama, wie siehst Du denn aus, was ist denn geschehen?« rief Alfred und eilte auf sie zu.

»Wo ist Lotte?« rief Madame Adele und wehrte ihrem Sohn.

»Hier bin ich ja, Mama,« sagte Lotte und trat auf sie zu.

»Hier, nimm das und lies, aber gleich, und lies laut!«

Madame Adele ließ sich erschöpft auf einen Stuhl fallen. Auch Anton und Helene Momm näherten sich besorgt der Mama.

»Beeile Dich, Lotte, drehe nicht erst lange an dem Brief herum!« rief Madame Adele.

Lotte las: Für den Fall meines Todes füge ich meinem Testament noch folgendes hinzu. Ich bestimme, daß die Forderungen unserer Firma an meinem Sohn Alfred von seinem Pflichtteil abgezogen werden, und zwar dermaßen, daß sein Erbteil davon nicht berührt wird. Mein Sohn Alfred mag selbst festsetzen, ob die Forderungen auf einmal in ihrer ganzen Höhe von dem Pflichtteil abgezogen werden, oder ob sie nach und nach von dem ihm zustehenden Gewinnanteil alljährlich abgezogen und so mit verrechnet werden sollen. Ich würde es ferner im Interesse der Firma für einen Vorteil halten, wenn mein Sohn Alfred wieder in sie eintreten würde, entsprechend den Anweisungen, die ich in meinem Testament vorgesehen habe. Zu der Wahl seiner Braut, die sich so tapfer zu wehren weiß, kann ich meinen Sohn Alfred nur beglückwünschen. Anton Dungs junior. Für die Richtigkeit der Unterschrift: Seiffert, Justizrat und Notar.

Madame Adeles Augen waren immer größer und größer geworden. »Gib mir den Brief einmal, Kind,« sagte sie hastig.

»Ich verstehe kein Wort davon,« sagte Lotte verwirrt.

Nun aber sprachen Alfred und Anton und Helene Momm auf sie ein, denn nun war ja alles gut.

Die drei waren so mit Lotte beschäftigt, daß sie auf die Mama nicht achteten. Sie wurden erst aufmerksam, als sie die Mama laut schluchzen hörten.

»Aber, Mama!« Alle umdrängten sie.

»Ist das eine Art, quält man so eine Frau?« schluchzte Madame Adele, »gehört sich das? Meint er, ich sei ein Stein? Konnte er mir das nicht sagen?«

Sie war gar nicht zu beruhigen.

»Ich werde jetzt zu Papa gehen,« sagte Alfred.

»Keine Macht der Welt bringt mich mehr zu ihm!« schluchzte die Mama. »So ein Unmensch! Ich fahre gleich wieder nach Paris. Ihr braucht mich ja auch nicht mehr. Ich gehe wieder!«

Sie hatten ihre liebe Not mit der Mama.

»Ich kann ihm ja auch gar nicht wieder unter die Augen treten,« schluchzte sie. »Wenn Ihr wüßtet, was ich ihm alles gesagt habe! Und er schweigt zu allem, er tut den Mund nicht auf, er läßt mich reden und reden, dieser Barbar, nur damit er mich jetzt demütigen kann. O, jetzt liegt er in seinen Kissen, und wenn er könnte, er hielte sich die Seiten vor Lachen. So ein heimtückischer Mensch!« schluchzte sie. Ein wahres Glück, daß sie das Taschentuch vor den Augen hielt, denn ihre Kinder konnten nicht anders, sie mußten lächeln.

»Auf der Stelle fahre ich nach Paris!« Madame Adele erhob sich. »Mich so zum Narren zu halten!«

Lotte und Helene ruhten nicht eher, als bis sie die Mama im Schlafzimmer hatten und im Bett, was ihnen erst nach vielen Mühen gelang. Die arme, liebe Mama. Lotte und Helene konnten nicht anders, sie mußten wieder lächeln, und sie hatten ja glücklicherweise die Läden heruntergelassen, so daß es ziemlich dunkel war und die Mama dies Lächeln nicht sah.

Alfred war derweil zu seinem Vater gegangen. Die beiden sahen sich in die Augen und drückten sich stumm und bewegt die Hand.

»Ich danke Dir,« sagte Alfred immer wieder.

»Setze Dich ein bißchen,« meinte der Vater, und nun suchte er dem Sohn sein Verhalten zu erklären. Es sei durchaus nicht purer Eigensinn von ihm gewesen, wie sie alle wohl angenommen hätten. Alfred habe ihm immer seines Charakters wegen mehr Sorge gemacht als seine Brüder, denn er ähnele darin allzu sehr seiner Mutter und lasse sich mehr von augenblicklichen Stimmungen leiten, als für einen Kaufmann gut sei. Außerdem habe er als ein Dungs eigentlich nie etwas vom Ernst des Lebens zu spüren bekommen. Bei den beiden andern verhalte es sich zwar auch so, aber da sei es nicht so gefährlich, denn Anton ginge nun einmal ganz und gar in der Fabrik auf und Adam in seiner Wissenschaft. Alfred aber mit seinem unruhigen Kopf und den mancherlei Plänen hätte übel anlaufen können; und so habe sich sein Vater denn nicht nur über den Eigensinn des Sohnes geärgert, sondern auch, als er wirklich die eigenen Wege ging, recht um ihn geängstigt, denn es konnte nach Meinung des Vaters gar zu leicht schief mit ihm gehen. Das sei ja nun glücklicherweise nicht geschehen. Er habe sich darin getäuscht, wie er zugeben müsse. Um so besser für sie alle. »Und nun erzähle mir von Java,« schloß Anton Dungs junior, »es interessiert mich, und ich bin da ja kein Konkurrent.«

Alfred erzählte, und sein Vater hörte aufmerksam zu. Zuweilen nickte er zustimmend, zuweilen unterbrach er aber auch den Sohn und setzte ihm auseinander, warum er in diesem Fall anders gehandelt hätte. Für Alfred ein recht lehrreiches Gespräch.

Dann wurde Anton Dungs junior unruhig und fragte schließlich: »Wo bleibt denn Deine Mutter?«

Alfred erzählte, wie erregt sie sei, sie wolle durchaus Wieder nach Paris, da sie hier ja wieder überflüssig sei.

»Siehst Du, immer nur Launen und Stimmungen,« sagte Anton Dungs.

Alfred meinte, sie schäme sich wohl auch, weil sie gar so heftig geworden sei, und vor allem aus diesem Grunde wolle sie abreisen.

Anton Dungs junior lächelte listig. »Das ist ihr sehr gesund, wenn sie sich mal ein bißchen vor mir geniert, das kann ihr gar nichts schaden.«

»Sie weigert sich, hierher zu kommen,« sagte Alfred.

»Ich kann doch nicht zu ihr gehen, das muß sie doch wissen,« antwortete Anton Dungs, und es war ihm zum ersten Male nicht unangenehm, daß er immer noch an das Bett gefesselt war. »Das muß sie doch einsehen?«

Alfred nickte. Nun fragte sein Vater, wie er sich nun eigentlich die Zukunft dächte, und der Sohn setzte ihm das auseinander. Er könne und wolle jetzt die Kufferaths nicht im Stiche lassen, er brauche es ja auch nicht, da sein Vater nun bald wiederhergestellt sei.

Anton Dungs junior nickte.

»Wenn ich Dich nun aber einmal brauche? Denn über kurz oder lang wird Dich die Fabrik sowieso nötig haben. Wie denkst Du Dir das?«

Alfred erzählte, Lotte habe ihm berichtet, wie sehr sich ihr Bruder Hans für Java und Alfreds Tätigkeit dort interessiere. Er werde versuchen, den Jungen vom alten Karst dafür freizubekommen, daß er sich in das Zuckergeschäft einarbeiten könne. Er nehme an, das werde gelingen, und dann könne Hans von Karst mit der Zeit an seine Stelle treten, wenn man Alfred hier nötiger habe.

Das schien dem Vater einzuleuchten, und so gingen sie denn zum ersten Male seit langer Zeit zufrieden und wie Freunde auseinander.

Als Lotte und Helene am nächsten Morgen in Madame Adeles Zimmer traten, war sie mit Einpacken beschäftigt.

»Aber, Mama, Du wirst doch nicht wirklich heute schon abreisen wollen?« fragte Lotte erschrocken.

»Es ist das beste, Kind, glaube es mir.«

»Nun kommt doch auch Lottes Vater,« sagte Helene, »so lange wirst Du doch bleiben? Wir wollen doch einmal alle zusammen in Frieden beisammen sein.«

»In Frieden? Da kennst Du Deinen Schwiegervater schlecht, Helene!« rief Madame Adele.

»Er bittet Dich so, Mama, daß Du wieder zu ihm kommst,« sagte Lotte. »Er ist doch noch krank und kann doch nicht zu Dir kommen!«

»Woher weißt Du denn das, ma petite

»Alfred hat es mir gesagt.«

»Er hat immer Glück,« erwiderte Madame Adele. »Jetzt, wo er den ersten Schritt tun müßte, kann er nicht.«

Helene meinte: »Aber, Mama, er hat doch den ersten Schritt getan! Er läßt Dich doch durch Alfred bitten, zu ihm zu kommen.«

»Da muß ich Alfred selbst fragen, sonst glaube ich das nicht.«

Sie fragte Alfred, und er bestätigte die Meinung der beiden Mädchen.

Madame Adele schüttelte verwundert den Kopf. »Wißt Ihr, Kinder, das ist mir fast unheimlich, das sieht ihm gar nicht ähnlich, mich zu bitten. Das lange Liegen hat ihn doch sehr schwach gemacht. Aber natürlich, wenn er mich direkt darum bittet, dann gehe ich zu ihm. Sonst bildet er sich ein, ich fürchte mich vor ihm.«

»Darf ich mit Dir gehen?« fragte Lotte.

»O nein, ma petite! Damit Du es hörst, wenn er mir Malicen sagt. O nein, da bin ich lieber allein mit ihm.«

»Du willst schon wieder nach Paris?« fragte Anton Dungs, als sie bei ihm eintrat.

»Das will ich allerdings.«

»Muß das gleich sein, Adele?«

»Du brauchst mich ja nicht mehr, und die Kinder auch nicht.«

»Woher weißt Du das so bestimmt?«

»Es ging doch ein halbes Leben lang ganz gut ohne mich? Warum soll es jetzt auf einmal anders sein,« meinte Madame Adele bitter.

»Vielleicht ist es doch etwas anders heute, Adele.«

Sie setzte sich besorgt an sein Bett. »Höre, Anton, geht es Dir wieder schlechter? Du fieberst doch nicht?«

»Herrgott, Adele, bist Du boshaft!«

»Ich, mon ami

»Du könntest doch wenigstens versuchen, noch eine Weile hier zu bleiben. Nach Paris kannst Du immer noch.«

Madame Adele starrte ihn an.

»Anton heiratet, Alfred heiratet, vielleicht vertragen wir uns auf unsere alten Tage besser, Adele.«

Sie fühlte nach seinem Puls.

»Du bist fürchterlich, Adele!«

Ein Lachen ging über ihr Gesicht. » Mon ami, Du willst mich doch am Ende nicht wieder heiraten?«

»Wer spricht denn davon!« brummte Anton Dungs.

Alfred trat ein und brachte Lotte.

Alfred Dungs und Madame Adele atmeten erleichtert auf.

Lotte umarmte ihren zukünftigen Schwiegervater, so gut es ging, und war sehr zärtlich und töchterlich zu ihm. Gar nicht ängstlich und zurückhaltend. Und Anton Dungs ließ sich das gerne gefallen.

Eigentlich hat sie ganz recht, dachte Madame Adele. Man kommt immer noch am weitesten mit ihm, wenn man ihn verwöhnt.

Als Lotte dann mit der Mama nach Hause ging, begab sich Madame Adele eilig in ihr Zimmer und packte wieder aus.

Madame Adele blieb, und die Kinder freuten sich darüber, ohne viel davon zu reden. Nur über die Art, wie die Mama mit dem Vater verkehrte und dieser mit ihr, darüber lächelten sie heimlich. Sie kamen sich so sehr viel vernünftiger vor als Anton Dungs junior und Madame Adele.

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