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Edward Bulwer-Lytton: Falkland - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
titleFalkland
authorEdward Bulwer-Lytton
year1831
translatorC. Richard
publisherVerlag von Jakob. Anton Mayer
addressAachen
submitted20050613
created20050912
senderniki_nikotini@hotmail.com
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Falkland.

Zweites Buch.

»Mit dem eigenen Herzen sich besprechen und schweigen,« mag für Männer noch so weise seyn, für Frauen ist's gefährlich. Die Thorheiten der Welt fortwährend mitzumachen, wäre für Emilien klüger gewesen als sie zu fliehen; Stillstand, Absonderung vom großen Haufen verursachte das Entdecken, Empfinden, Beklagen einer Leere in ihrem Daseyn; sich mit den Gefühlen beschäftigen, nach denen sie sehnsüchtig verlangte, konnte bei ihr nur das Aufsammeln von Beweggründen zur Verzweiflung seyn.

Bevor sie noch die schmerzliche Kenntnis ihrer Selbst erlangte, an einen Mann verheirathet, den zu lieben unmöglich war, und gleichwohl von der Natur mit einer innigsten Liebe ausgestattet, die sich auf alles verbreitete was sie umgab, hatte nur allein das Schlummern ihrer Gefühle sie vor Elend bewahrt. Ihres Sohnes Geburt öffnete den Empfindungen ihres Herzens ein neues Feld, und den süßesten Reiz ihres eigenen Lebens schöpfte sie aus dem Daseyn dessen, dem sie das Leben gegeben hatte. Hätte sie Falkland nicht kennen gelernt, so mögten alle tieferen Quellen ihrer Liebe in diesen einen gesetzlichen Ausfluß sich geeint haben; aber von Allen die er zu bezaubern wünschte, hatte noch keine seiner Gewalt widerstanden, und eine Neigung die er einflößte, war ganz in Übereinstimmung mit der Kraft und dem Feuer seines eigenen Wesens.

Sobald Emilie einen Falkland liebte, mußte sie im selben Augenblicke verstehn, daß getrenntes, selberberechnendes Leben für sie endete. Schönheit mag unsere Sinne fesseln; aber einen so oberflächlichen Eindruck kann Abwesenheit vergessen machen, oder Vernunft besiegen. Unsere Eitelkeit mag sich in hohen Rang verlieren; aber der Eitelkeit Schwüre sind in Sand gezeichnet. – Doch wer vermögte den Genius zu lieben, ohne klar zu erkennen, daß Gefühle von solcher Liebe erweckt, das tiefste Innere, die eigene Unsterblichkeit betheiligen. Sie erregt, vereint, umfaßt alle unsere Empfindungen, sogar die leisesten und verborgensten. Flößte Alltäglichkeit Liebe ein, so mögen auch Gegenstände des gewöhnlichen Lebens ein Gefühl ersetzen oder zerstören, welches ein solcher allgemeiner Gegenstand erweckte. Lieben wir dagegen ein Wesen, wie wir es unter der uns umgebenden Kleinlichkeit und Flachheit nicht wiederfinden können, so sollten wir dann einen neuen Gegenstand aussuchen, um denjenigen zu ersetzen, der auf Erden seines Gleichen nicht hat? Das Erwachen aus einem solchen Entzücken, gleicht der Rückkehr aus dem Feenreiche; wenn aber die Erinnerungen aus einem voller Frische erhalten sind, wie vermögten wir dann die Langweiligkeit des irdischen Daseyns zu ertragen, zu der uns die Zukunft verurtheilt?

Seit einigen Wochen hatte Emilie nicht an Madam St. John geschrieben, und ihr letzter Brief, hatte über Falkland mit einer Zurückhaltung gesprochen, durch welche ihre Freundin mehr beunruhigt, als getäuscht wurde. Sie hatte aber in der That auch eine triftige und geheime Ursache zur Besorgnis. Falkland war der Gegenstand ihrer eigenen, ihrer ersten Liebe gewesen, und sie konnte genugsam die außerordentliche, die geheimnisvolle Gewalt, welche er nach Willkür auf ein fremdes Gemüth auszuüben wußte. Freilich hatte er ihre Gefühle für ihn nie erwiedert, hatte sie sogar nicht einmal gekannt; und in der Reihe von Jahren, die abgelaufen waren seit sie ihn zuletzt gesehn, so wie in den neuen Verhältnissen, welche ihre Verheirathung mit Herrn St. John für sie herbeiführte, hatte sie ihre frischere Neigung bald vergessen, als Emiliens Brief dieselbe ihrem Gedächtnisse auf's neue zurückrief. Als Antwort darauf schrieb sie ihrer Freundin eine leidenschaftliche, liebevolle Warnung. Nach der Klage über Emiliens lange beobachtetes Stillschweigen, sagte sie viel Verwerfliches von Falklands Charakter, und vieles was sie vor dessen Zauber bewahren sollte; sie versuchte dabei Tugend und Stolz im Verein anzuregen, die in Gemeinschaft oft da siegen wo sie abgesondert leicht unterliegen müßten. Wahrscheinlich vermuthete Mad. St. John, daß nur die Freundschaft sie dazu antreibe, aber in den Beweggründen zu den aller besten Handlungen weilt stets ein verborgenes Übel; eigennützige Eifersucht, die obgleich hoffnungslos dennoch nicht überwunden wurde, herrschte vielleicht über minder selbstsüchtige Gefühle, welche letzten allein sie sich eingestehen wollte.

Es war mein Zweck in diesem Buche das Zunehmen der Leidenschaften zu schildern; die Geschichte mehr durch Gedanken und Gefühle aufzuhellen, als durch Ereignisse und Einwirkungen; die kleinern, geistig-feineren Gewirre und Geheimnisse des Menschenherzens, die in modernen Schriften so spärlich zur Anschauung kommen, offner darzulegen. In dieser Absicht habe ich den Faden der Geschichte von Zeit zu Zeit abgebrochen, um die darin vorkommenden Karaktere lebendiger herauszuheben; weil ich auf den gewöhnlichen Ehrgeiz von Erzählern keinen Anspruch mache, habe ich mich befugt geachtet, in voller Freiheit von ihrem gewohnten Gange abzuweichen. Hierin findet sich der Beweggrund und zugleich die Entschuldigung für das Einschalten der folgenden Bruchstücke und der gelegentlichen Briefe. Diese zeichnen den innern Kampf, während Erzählung nur die Außenseite des Ereignisses im Blicke halten würde; sie erforschen »den Blitzstrahl bis zu seinem Wolkenursprunge« während die Geschichte uns den Fleck bezeichnen würde, den er versengte oder zerstörte.

Bruchstücke aus Lady Emilie Mandevilles Tagebuche.

Dienstag. Mehr als sieben Jahre sind verflossen seitdem ich dieses Tagebuch begann. So eben habe ich es vom ersten Anfange durchgesehen. Vielfach und verschieden sind die Gefühle die es zu schildern versucht: – Anmuth, Empfindlichkeit, Freude, Kummer, Hoffnung, Vergnügen, Ermüdung, Langweile; aber nie, nein niemals Erniedrigung, oder Reue; diese waren in den Lichtjahren meiner frühesten Jugend mir nicht vom Verhängnis beschieden. Wie soll ich sie jetzt beschreiben? Einen langen Brief von Julie habe ich erhalten, habe ich gelesen, so gut meine Thränen mir das gestatten wollten. Es ist nur zu wahr, daß ich nicht wagte ihr zu schreiben; wann werde ich diesen Brief beantworten? Sie hat mir den Zustand meines Herzens gezeigt; ach! schon vorher empfand ich darüber mehr als Argwohn. Hätte ich vor zwei Monaten, – vor sechs Wochen – träumen können, daß ich je einen Gedanken hegen sollte, dessen ich mich schämen müßte? – So eben war Er hier – Er – der einzige in der Welt, denn die ganze Welt scheint in ihm zusammengefaßt. Er bemerkte meine Angst, denn ich blickte ihn an, und meine Lippen bebten, meine Augen standen voller Thränen! – Er nahte sich – setzte sich dicht zu mir – flüsterte mir seine Theilnahme, seine ängstliche Besorgnis zu; – und war da Alles? – Habe ich denn geliebt ehe ich noch wußte, ob ich geliebt werde? – Nein, nein; die Zunge schwieg, aber das Auge, die Wange, das Benehmen – weh mir! diese waren nur zu beredt.

Mittwoch. O wie süß war es, auf seine leisen, sanften Töne zu horchen; den Ausdruck seines Gesichtes zu erlauschen, – die Luft die er athmete einzufangen. – Aber nun, da ich die Ursache kenne, sehe ich ein, daß diese Lust ein Verbrechen ist, und dies machte mich sogar in seiner Gegenwart elend. Heute war er noch nicht hier. Schon ist es nach drei Uhr. Wird er kommen? – Ich stehe vom Stuhle auf – ich gehe zum Fenster um frische Luft zu schöpfen – ich bin unruhig, bewegt, erschüttert. Lady Margrete spricht zu mir – ich antworte kaum. Mein Knabe – ja, mein lieber, lieber Heinrich kommt, und ich empfinde wieder, daß ich Mutter bin. Nie will ich die Mutterpflicht verletzen, obschon ich eine andere Pflicht vergessen habe die eben so heilig, wenn gleich nicht so lieb ist. Nie soll mein Sohn um seine Mutter erröthen müssen! – Ich will entfliehn; will Ihn nicht wieder sehn! –

Erasmus Falkland Esqr. an den ehrenwerthen Friedrich Monkton.

Schreib mir Monkton – ermahne mich, rathe mir, oder verlaß mich für immer. Glücklich bin ich, aber auch elend; ich wandle umher im Wahnsinn eines unseligen Fiebers, der mir Träume eines seligen Lebens vorgaukelt, aber jeglicher dieser Träume bringt mich dem Tode näher. Tag auf Tag habe ich hier verweilt, bis Wochen verflogen sind, – und weshalb? Emilie gleicht keiner Frau von Welt; – ihr sind Tugend, Ehre, Treue, mehr als gesellschaftliche Convenienzen. Lady A.... sagte einmal: »wo Verheimlichung bewahrt wird, ist kein Verbrechen.« So kann Emiliens Glaube niemals seyn. Sie würde ihre Schuld nie in Weltlichtsinnn noch in erkünsteltes Gefühl verkleiden. Sie wird elend seyn – und das für immer. Ich halte ihrer Zukunft Loose in meiner Hand, und dennoch bin ich verworfen genug zu schwanken, ob ich sie retten, oder zu Grunde richten will. Ha! wie schrecklich, wie selbstsüchtig, wie entwürdigend ist ungesetzliche Liebe!

Du kennst mein theoretisches Wohlwollen für jedes lebende Wesen; oft hast du über meine Eitelkeit gelächelt. Jetzt begreife ich, daß du recht hattest; denn jetzt scheint mir's eine übermenschliche Tugend, die nicht zu verderben, die mir auf Erden das Theuerste ist.

Ich entsinne mich, daß ich dir vor einigen Wochen geschrieben ich wollte nach London kommen. Damals ahnete ich meines Geistes Schwäche im mindesten nicht. Ich sagte ihr, daß ich die Absicht habe fortzureisen. Sie ward bleich, – sie zitterte – aber sie sprach nicht. Diese Anzeichen die meine Abreise hätten beschleunigen sollen, beraubten mich sogar der Kraft an Entfernung zu denken.

Immer noch bin ich hier; täglich gehe ich nach E..... Zuweilen sitzen wir schweigend bei einander, ich wage nicht zu sprechen. Wie gefährlich sind solche Augenblicke! Amutiscon lingue parden l'alme.

Gestern ließ man uns allein. Mit Lady Margrete hatten wir von gleichgültigen Dingen gesprochen. Mehre Minuten vergingen schweigend, ich blickte auf; Lady Margrete hatte das Zimmer verlassen. Das Blau röthete meine Wangen – meine Augen begegneten Emiliens Blicken, und eine Welt hätte ich darum gegeben, von meinen Lippen zu wiederholen, was diese Augen sagten. Die Sprache sogar versagte mir, – mich erstickten wiederstreitende Gefühle. Kein Lüftchen regte sich, deutlich hörte ich meines Herzens Schläge. Ein Wetterschlag wäre jetzt eine Erleichterung gewesen. O Gott! giebt es einen Fluch so ist es der, von Gefühlen entflammt, erfüllt, zum Wahnsinn getrieben zu werden und diese verbergen zu müssen! – Das ist in der That was Bacon nennt: »Kannibal seines eigenen Herzens seyn!«

Bei Sonnenuntergang war Emilie allein auf dem Rasen der sich gegen den See neigte, die blauen stillen Wasser blinkten in helleren Zwischenräumen, durch die vereinzelten von der Sonne beschienenen Bäume. Mit schmerzlichen, thränenvollen Blicken schaute sie in die sinkende Sonne. Das Innerste ihrer Seele trauerte. Jenes Immergrün mit welchem die Liebe ihr Werk zuerst umkleidet, war bereits verwittert, und nun erst sah sie der Trümmer Verwüstung, welche sich unter ihnen verborgen hatte. Verloren war ihr für immer die Frische unerwachter Gefühle, die Alles aus sich her mit ewiger Sonnenröthe, mit Morgenthau und Frühduft erfüllt. Das Herz mag das Verlorengehen oder Brechen einer schuldlosen, gesetzlichen Liebe ertragen, »– die Narbe bleibt zwar, doch die Wunde heilt« – dagegen ist eine nächtige, schuldvolle Liebe in ewigen, unerlöschlichen Zügen eingegraben! – Die eine gleicht dem Witz, der wahrscheinlicher Weise mehr blendet als zerstört, und der in seiner Gefahr sogar göttlich, dem alten Aberglauben zufolge, das heiligt, was er versengt; die andere aber gleicht jenem gewissen, mörderischen Feuerregen, welcher auf die Städte im Alterthume niederfiel, und in die von ihm selber geschaffene öde Wüstenei des Fluches Gedächtnis und Verewigung prägte.

Ein leiser, zitternder Ton erreichte Emiliens Ohr; sie wandte sich um, – Falkland stand neben ihr.

»Ich fühlte mich unglücklich und ruhelos,« sagte er; »und kam Sie aufzusuchen. Einer der Kirchenväter hat es geschrieben, daß wenn ein schuldbeladener, unglücklicher Mensch das Antlitz eines Engels nur während weniger Minuten zu erblicken vermögte, so würde die Himmelsfreude und die Glorie die auf ihm thront sich in sein Herz senken, er würde mit einemmale die Kluft vergangener Jahre wieder überschreiten und zurück in die ersten unbefleckten Zeiten der Reinheit und Hoffnung gesetzt werden: vielleicht gedachte ich dieses Lehrspruches, als ich zu Ihnen kam.«

Emilie erröthete tief bei dieser Anrede, und im Erröthen allein bestand die Antwort, welche sie der gesagten Schmeichelei ertheilte, dann sprach sie: »ich weiß nicht wie es zugeht, aber diese Stunde enthält für mich immer etwas schwrmüthiges, etwas trauerndes, wenn ich anschaun muß, wie der schöne Tag mit aller seiner Pracht und lieblich tönenden Herrlichkeit, mit seinem Sonnenglanze und mit dem Gesange der Vögel versinkt.«

»Und doch dünkt mich,« erwiederte Falkland, »wenn ich mich in die Zeiten zurückversetze, in welchen meine Empfindungen mehr mit den Ihrigen im Einklange standen, – denn jetzt haben alle äußere Gegenstände ihren Einfluß und ihr Anziehendes für mich verloren – daß diese Schwermuth welche Sie wahrnehmen, eine nicht zu beschreibende aber unvertilgbare Süßigkeit in sich begreift, die nicht gegen frohsinnigere Stimmung vertauscht seyn mögte. Schwermuth die aus keiner uns innewohnenden Ursache entsteht, gleicht der Musik – sie bezaubern uns nach Maßgabe ihrer Wirkung auf unser Gefühl. Vielleicht besteht ihr hauptsächlicher Reiz in der Reinheit einer Quelle aus der sie entspringt, wiewohl das Verderbnis späterer Jahre erfordert wird um diese zu ergründen und zu würdigen. So lange unsere Empfindungen mit den leidenschaftslosen ursprünglichen Natureindrücken in Übereinstimmung bleiben, können sie nur um weniges getrübt und abgenutzt werden; der Trübsinn von dem Sie reden ist so ganz frei von Bitterkeit, so verknüpft mit den edelsten, entzückendsten Gefühlen, die uns beseligen, daß ich annehmen mögte des Himmels Glückseligkeit enthalte mehr Schwermuth, als Luft

Sie schwiegen einige Augenblicke. Nur selten deutete Falkland auch in so leiser Art auf die Zukunft einer andern Welt; wenn dies aber geschah, so war es niemals in gedankenloser, alltäglicher Weise, sondern in einem Tone der tief in Emiliens Herz drang.

Endlich sagte sie: »Betrachten Sie jenen schönen Stern, den ersten und hellsten! Oft dachte ich mir er gliche dem Verheißen eines Lebens nach dem Tode; sey uns ein Pfand dafür, daß selber in den Tiefen der Mitternacht, die Erde ein unausgelöschtes, ein unauslöschbares Himmelslicht behalten solle!«

Emilie richtete ihren Blick auf Falkland als sie dies sprach und auf ihrem Antlitz flammte die Begeisterung ihres Innern. Doch er war todtenbleich. Wie eine Wolke überflog sein Gesicht der Ausdruck wechselvoller, unaussprechlicher Gedanken, schnell verschwand sie wieder, und ließ seine Züge ruhig und hellleuchtend in ihrer edlen, geistvollen Schönheit. Als sie ihn anblickte sehnte ihre Seele sich zu ihm, mit Schwesterzärtlichkeit.

Langsam wandelten sie heim.

»Oft schon überraschte mich,« sprach Emilie nach einigem Zögern, »die geringe Begeisterung, welche Ihnen dem Anschein nach, selber bei solchen Dingen eigen ist, die bei Ihnen zu tiefer Überzeugung geworden seyn müßten.«

»Nachdenken hat meine Begeisterung verscheucht;« erwiederte Falkland, »verlorene Hoffnung führte mich zum Betrachten, und über Betrachtungen vergaß ich meine Gefühle. Hätte ich nur nicht so leicht wieder erlangt, was ich für immer verloren zu haben wähnte!«

Falkland wechselte bei diesen Worten die Farbe; Emilie seufzte, weil sie ihn verstand. In ihm hatte diese Anspielung auf seine Liebe eine ganze Folge gefährlicher Erinnerungen erweckt; denn Leidenschaft ist des menschlichen Herzens Lauwine: – ein Hauch schon, vermag sie von ihrem Ruhepunkte zu trennen.

Sie schwiegen immer noch; denn Falkland getraute sich nicht zu reden bis er, als sie ihr Haus erreicht hatten, Entschuldigungen herstammelte um nicht mit hinein zu gehn und sich entfernte. Er kehrte zurück zur einsamen Heimath. Der Park von E..... war in höchst geschmackvoller und kostbarer Art angelegt, so daß er einen ergreifenden Gegensatz zu der wilden einfachen Natur der Umgegend bildete. Selber die kurze Entfernung zwischen Mandevilles Landhause und L. – bildete einen so entschiedenen Wechsel im Charakter der Gegend, als nur irgend ein weites Entlegenseyn hätte hervorbringen können.

Falklands alterthümliches, halbverfallenes Haus, mit verwitterten Bogengängen und übermoseten Mauerdecken lag an einem sanften Abhange, umgeben von düsteren Ulmen und Lerchenbäumen. Es enthielt immer noch Spuren seiner ehemaligen Wichtigkeit sowohl, als der Gefahren, denen es dieserwegen ausgesetzt worden. Ein breiter mit Geröhrig überwachsener Graben, deutete den ehemaligen Burggraben an; große unbehauene Steinmassen die umher lagen verkündeten, daß diese Veste ehemals Außenwerke hatte, und daß sie in den »Parlamentskriegen« kräftigen Widerstand gegen Iretons und Fairfax Streithaufen leistete.

Der Mond, dieser Schmeichler alles Vergehenden, verbreitete seine reiche, sanfte Schönheit über eine Gegend die ohne ihn gewiß öde und freudlos gewesen wäre; sein Kuß wollte das hohe stille Kraut zum Leben, das hin und wieder aus den Trümmern emporsproß, gleich falschen Gastfreunden gefallener Großen. Für Falkland hatte dieser Schauplatz weder Reiz noch Anziehungskraft; mit theilnahmslosen, unbeachtenden Blicken betrat er sein gewohntes Zimmer. Dieses war das einzige im Hause, dessen Einrichtung Wohlleben, oder nur Behaglichkeit verrieth. Große Bücherschränke mit köstlichem Schnitzwerke von Elfenbein ausgelegt; Brustbilder der wenigen in der Welt erschienen Männer, welche nach Falklands Würdigung verdienten, der Nachwelt aufbewahrt zu werden; treffliche Gehänge Flandrischen Gewebes; Französische Lehnsessel und Sophas von rothem Damast und reicher Vergoldung, Überbleibsel aus den Prunktagen des vierzehnten Ludwig – deuteten einen Aufwand von Kosten an, der mehr Falklands Reichthume als der gewöhnlichen Einfachheit jenes Geschmackes entsprach.

Auf einem großen Schreibtische lagen Bücher in verschiedenen Sprachen und über die aller entgegengesetztesten Gegenstände. Zwischen ihnen umher gestreut fanden sich Briefe und Zeitungen; dies sah Falkland ohne sonderliche Aufmerksamkeit durch. Eine der brieflichen Mittheilungen war von Lord ..... dem M..... Bitter lächelte er beim Lesen der übertriebenen Schmeicheleien, und durchschaute den seichten Kunstgriff, welchen sie zu verbergen bestimmt waren. Den Brief warf er hin und durchblätterte die umherliegenden Bücher mit dem krankhaften, übersättigten Gefühle, daß allen Menschen eigen wird, die gründlich genug gelernt haben, um deutlich zu erkennen, wie viel sie erlernten und wie wenig sie wissen.

»Wir verbringen unser Leben,« dachte er, »im Aussäen dessen was wir nie ärndten sollen! Wir bemühen uns einen Thurm aufzubauen der bis in den Himmel reichen muß, um einem Fluche auszuweichen; und plötzlich trifft uns ein anderer! Über ein gemeinschaftliches Wehe wollten wir uns erheben, und sind von dem Augenblicke an, durch eine abgesonderte Sprache von unserm Mitgeschlechte getrennt. Ich habe Gelehrsamkeit, Wissenschaft, Philosophie, die Welt des Menschen, und die der Einbildungskraft prüfend durchstreift – aber wozu? Meine Glückseligkeit beschränkte sich in den Kreis der Weisheit. Mit verächtlichen, vorwurfsvollen Blicken betrachtete ich die Zwecke anderer. Ich lebte in der Gemeinschaft solcher die mir vorangegangen sind; umgab mich mit den Denkmalen ihres Geistes und machte mich mit ihren Aussprüchen so bekannt, als mit denen von Freunden; ich drang in den Mutterschooß der Natur, und verfolgte die geheimnisvollen Elemente bis zu ihrem Ursprunge; ich schwang mich auf zu den Sternen und entfernte deren Ordnung und das Geheimnis ihrer Bahnen; ich befragte den tobenden Sturm um sein Ziel und die Winde nach ihrem Zuge. Dies reichte nicht hin meinem Durst nach Kenntnissen zu stillen, und ich suchte in dieser niederen Welt nach neuen Quellen der Befriedigung. Ungesehn und ungeargwohnt, erschaute und bewegte ich die Triebfedern des Automats, welches wir »das Gemüth« nennen. Ich fand einen Schlüssel zum Labyrinth menschlicher Beweggründe, und ich beobachtete die Herzen derer die mich umgaben, wie durch ein Fenster. Eitelkeit aller Eitelkeiten! Was habe ich eingesammelt? – Von meinem Stamme habe ich mich abgesondert, aber nicht von meinen Leidenschaften, diesen ärgsten Feinden. Meine Seele habe ich zu einer Einöde gemacht, doch verspottete ich sie nicht mit der Benennung: Friede. Als ich dem Troste entfloh, konnte ich mir selber doch nicht entfliehen; gleich den verwundeten Hirsche, trug ich des Pfeiles Widerhaken in mir, und konnte dem nicht entrinnen!«

Mit diesen Gedanken ermannte er sich aus einer Träumerei und versuchte noch einmal seine eigenen Betrachtungen durch solche zu vergnügen die uns Ruhe lehren sollten, weil sie auf den Blättern Verstorbener eingegraben sind; sein Versuch blieb so fruchtlos wie vorher. Seine Gedanken waren unstät und verwirrt, er vermogte sie weder zu besänftigen noch zu sammeln; er las zwar, doch unterschied er kaum eine Seite von der andern; er begann zu schreiben, doch wollten die Gedanken nicht fließen wie er sie hervorrief; die einzige halbgelungene Anstrengung seine Empfindungen zu meistern, zeigte sich in einigen Streck-Versen die ich dem Leser mittheilen will. Es ist das allgemeine Eigenthum der Dichtkunst, daß wie unvollkommen ihr Besitz auch sein mag, sie dennoch in dem Maße zu den Herzen Anderer spricht, als die Gefühle welche sie ausdrücken mögte in unserm eigenen Herzen erkannt werden; ich füge die Zeilen, welche an dem Abende entworfen wurden hier in der Hoffnung bei, sie werden treffender als viele Seiten, des Verfassers schweigsamen, reizbaren und eigenthümlichen Karakter, so wie die sonderbare Gefühlspein schildern, aus der sie eine Bitterkeit schöpfte, die in ihnen vorherrscht.

Wissen.

»Mitternacht ist's; rings um die Lampe die ihren einsamen Schimmer über mein Gemach verbreitet sind die mannichfachen Schätze aufgestellt, die unseren Fiebertraum der Jugend Nahrung geben.

»Dem Traum, – dem Durst – dem müden, wahnbildenten und doch zierlichen Verlangen nach Wissen; von dem getrieben der Mensch sich auf Flügeln erheben und des Himmels Äther trinken mögte!

»Es drängt ihn den geheimnisvollen Schleier zu lüften den die Natur über Meer und Erde, über Sterne und Wolken hingebreitet hat; und im Innern des Menschen will er den dunkelsten aller Nebel, vor seinem forschenden Auge verschwenden.

»Ach! welchen Vortheil gewährt die mitternächtige Lampe? welchen, das sinnesverwirrende Streben des Geistes? O der leeren Hoffnungen und der eitlen Mühen, die uns zwiefach erblindet zurückließen.

»Was lehrt uns die Vergangenheit? – Den ewig gleichen langweiligen Fortgang von Ruhm, Sünde und Trübsal: die Zukunft habe ich befragt, und aus ihrem unergründlichen Schlunde ertönte keine Antwort.

»Es schwieg die Sonne und es schwieg die Wolke; nur durch ihr Athemgesäusel antwortete die Luft: aber gütig war die Erde; aus dem Grabe erstieg die ewige Antwort: – Tod.

»Dies, war alles; wir bedürfen keines Weisen um uns die einzige Wahrheit der Natur zu lehren! Thoren sind wir, die goldenen Stunden unserer Jugend über der Weisheit nutzloser Blätter zu vergeuden.

»Emsig verschaffen wir uns durch Wissenschaft, was nur Hinfälligkeit der Jahre uns bringen sollte: – den schleichenden Pulsschlag, die fieberbleiche Wange, und den auf seinen Schwingen zusammenbrechenden Geist.

»Denken, lehrt nur Pein, nur Verachtung alles dessen, was Andere vergöttern, nur ein Gefühl des Allein- und Fremdseyns in der umgebenden Welt, als stünde man vereinzelt am öden Strande.

»Wir verlieren die einzigen Bande welche müßigen Gaffern aus Barmherzigkeit verliehn zu seyn scheinen; wir erkennen daß Liebe, Glaube, Hoffnung nur Träume sind, und wenden uns ab vom Himmelslichte, zu finsterer Verzweiflung.«

Ich gehe zu einem wilder bewegten Abschnitte meiner Geschichte über. Die bisher nur durch Augen verrathene Leidenschaft, ward jetzt von Lippen wiederholt, und der Schauplatz welcher Zeuge vom ersten Geständnis der Liebenden war, erschien auch des letzten Schlußzieles ihrer Liebe würdig.

E..... war etwa zwölf englische Meilen von einer berühmten Klippe am Meeresufer entlegen, und lange schon hatte Lady Margrete einen Ausflug nach diesem Orte vorgeschlagen, der eben so bemerklich durch seine Naturschönheiten, als durch die an ihn geknüpften Sagen war. Endlich wurde ein Tag dazu festgesetzt. Falkland war der Damen Begleiter. Als er unterwegs nach etwas Vermißtem in den Wagentaschen suchte, berührte er Emiliens Hand und drückte sie unwillkürlich. Hastig ward sie ihm entzogen, aber er fühlte ihr Zittern. Er wagte nicht aufzublicken, diese eine Berührung hatte ihm ein neues Leben mitgetheilt; berauscht von den entzückenden Gefühlen, lehnte er sich schweigend im Wagen zurück. Fieber durchbrannte seine Adern – das Zucken dieser Berührung hatte sein ganzes Wesen in Flammen gesetzt, in einen einzigen Nerv umgewandelt.

Lady Margrete sprach vom Wetter und von dem erwarteten Anblicke, war neugierig zu wissen wie weit man schon gekommen, schmälte über schlechte Wege, bis sie endlich gleich einem Kinde sich in den Schlaf plauderte. Madam Dalton las »Guy Mannering;« aber Emilie so wenig als ihr Liebhaber, theilten die Beschäftigungen oder Gedanken ihrer Begleiterinnen; fromm und in sich gekehrt, lebten sie nur noch für das sichtbare Daseyn der Gegenwart. Der Mensch ist stets beschäftigt entweder vor, oder hinter sich zu schauen; giebt es aber eine Zeit in der wir ausschließlich die Gegenwart empfinden, – in welcher wir unser Leben wirklich fühlen, und zugleich erkennen daß diese Augenblicke der Gegenwart voll des höchsten Genusses eines entzückenden Daseyns sind, – so wird uns diese zu Theil wenn wir bei dem einen Wesen uns befinden, dessen Leben und Gemüth zum großen Antheile und Tadel unseres eigenen Daseyns wurden.

Sie erreichten den Ort ihrer Bestimmung, ein kleines Landhaus am Strande. Kurze Zeit ruheten sie hier aus, und wanderten dann über den Sand der Küste, nach der Klippe hin. Seit Falkland Emilien kennen gelernt, war ihr Karakter sehr geändert. Sechs Wochen vor dem Zeitpunkt den ich jetzt beschreibe, glich sie mit ihrem leichten tändelnden Wesen fast noch einem Kinde, jetzt waren aber diese Anzeichen des nicht wach gewordenen Herzens zu einer Zärtlichkeit verschmolzen, voll jener Schwermuth die bei der ganzen wohllustvollen Weichheit welche sie athmet und einflößt, dennoch so rührend und so heilig ist.

Mogte es aus der allen Frauen innewohnenden Gefallsucht, oder aus einer Ursache herrühren die ihrer Natur eigenthümlicher war, am heutigen Tage schien sie froher, als Falkland sie je gesehen zu haben sich erinnerte. – Sie lief auf der ebenen Standfläche hin, hob Muscheln auf, netzte ihre kleinen Feengleichen Füße in den Meerswogen, wagte nicht ihn anzublicken, und sprach doch zuweilen mit ihm in dem raschen Tone des Leichtsinns, der ihn verletzte und beleidigte, obgleich er die Tiefe von Gefühlen erkannte welche sie ihm so wenig als sich selber verbergen konnte. Allmählich wurde seine Antworten kalt und sarkastisch. Nun stellte Emilie sich gereizt, und als man ausfindig machte, daß die Klippe fast noch zwei Meilen entfernt sey, weigerte sie sich weiter zu gehen. Lady Margrete überredete sie endlich, und nun setzte man die Wanderung so verdrießlich fort, als eine aus Engländern bestehende Vergnügungsgesellschaft dies nur vermogte; als man bis auf drei viertel Meile dem Orte nahe war, erklärte Emilie sie sey so ermüdet, daß sie sich unfähig fühle weiter zu gehen. Falkland blickte sie vielleicht mit nicht sehr freundlichem Ausdrucke an, gemahnte aber, daß sie wirklich bleich und ermüdet aussah; als ihr Blick den seinigen begegnete, traten Thränen in ihre Augen.

Mit einem gewissen Eifer sagte sie: »Herr Falkland dies ist gewiß, ganz gewiß kein Anstellen; ich bin sehr müde; aber ich will dennoch lieber den Versuch machen weiter zu gehen, als Ihr Vergnügen stören.«

»Mein liebes Kind,« sagte Lady Margrete, »Sie scheinen ermüdet; Mad. Dalton und Falkland können bis zur Klippe gehen, ich bleibe bei Ihnen zurück.«

Emilie, welche wußte wie sehr Lady Margrete die Felsklippe zu sehen wünschte, wollte von diesem Vorschlage nichts hören, und bestand darauf, allein zurückzubleiben. »Niemand wird mir davon laufen,« sagte sie; »und bis zu Ihrer Rückkunft werde ich mit Muschelsammeln mir die Zeit vertreiben.«

Nach langen erfolglosen Gegenvorstellungen ward dieser Plan angenommen; sehr ungern begleitete Falkland die beide Damen; nach dem ersten Schritte wandte er sich schon um, um zurückzublicken; er traf ihr Auge, und empfand in dem Augenblicke, daß ihre Versöhnung besiegelt sey.

Endlich kamen sie zur Klippe; die beiden Frauen wurden für die Beschwerlichkeit ihrer Wanderung reichlich entschädigt durch deren Höhe, durch die Felsenhölen, und durch das romantisch Anziehende der Ueberlieferungen die sich daran knüpften. Falkland war durchaus ohne Gefühl für Alles ihn Umgebende, war ganz erfüllt von »bitter süßen Gedanken.« Vergebend erzählte der Mann den sie als einen Wächter und Führer hier vorfanden, Wundergeschichten und eben so vergebens ertönte seine der Erhabenheit des Anblicks gezollten Andeutungen. – Die ersten Worte welche ihn aus seiner Dumpfheit weckten waren diese: »mag es eurer Ehrenhaftigkeit gefallen, es ist sehr glücklich, daß Sie so eben der Fluth entgingen. Erst in vergangener Woche ertranken drei Menschen bei dem Versuche hieher zu kommen; so wie es jetzt an der Zeit ist, werden sie den Weg hinter er Klippe zurück nehmen müssen.«

Falkland starrte empor, er fühlte seines Herzens Pulse stocken.

»Guter Gott!« schrie Lady Margrete auf, »was wird aus Emilie werden!«

Sie befanden sich in diesem Augenblicke in einer der Felshölen, wo sie schon zu lange gezögert hatten. Falkland stürzte hinaus auf den Strand. Mit tiefem Getöse schwoll die Flut herauf; es erklang in seiner Seele wie Todtengeläute. Er blickte zurück auf den Weg den sie gekommen waren; kaum hundert Yards entfernt hatten die Wogen schon den Pfad überschwemmt. Eine Ewigkeit hätte den Schauder dieses Augenblicks nicht ersetzen können! Geistesgegenwart war ein bezeichnender Zug in Falklands Karakter. Er wandte sich zu dem Mann der neben ihm stand, gab ihm eine kaltblütige und genaue Beschreibung des Ortes an welchem sie Emilie zurückgelassen hatten; hieß ihn so schnell wie möglich zu seiner Wohnung eilen, sein Boot abstoßen und der bezeichneten Stelle zurudern. – »Eilt« sagte er, »und ihr müßt früh genug kommen, ist's so, dann sollt ihr künftig Armuth nicht mehr kennen.«

Im nächsten Augenblicke war er schon um mehre Ellen von der Klippe entfernt. – Er rannte, oder flog vielmehr bis die schwellenden Wogen ihn aufhielten. Er stürzte sich hinein, die Fluth füllte eine Vertiefung zwischen zwei Felsen aus, das Wasser stieg ihm bis an die Brust. Als er hindurch war, und die sandige Fläche wieder gewahrte, dachte er, noch ist Hoffnung da.

Nun vergingen einige Minuten in denen er sich seines Daseyns kaum bewußt war; dann stand er sich athemlos zu ihren Füßen. In der Richtung gegen T..... (dem kleinen Wirthshause, von dem die Rede gewesen,) hatten die Wogen schon den Fuß der Felsen erreicht, und jede Hoffnung zum Rückwege benommen. Die einzige Rettung welche ihnen blieb, war die Möglichkeit, daß die Fluth jene tiefe Schlucht auch nicht undurchgänglich gemacht habe, die Falkland so eben durchwatete. Kaum sprach er, mindestens war er sich durchaus nicht dessen bewußt, was er sagte. Athemlos und bebend eilte er mit ihr davon; das Tosen der schwellenden Fluth rauschte in seine Ohren, die immer höheren Wogen benetzten seinen Fuß. So kamen sie zur Schlucht; ein Blick genügte ihm zu zeigen, daß ihre einzige Hoffnung dahin war. Das Wasser welches vorhin schon bis an seine Brust reichte, war seitdem beträchtlich angeschwellt; schwimmen konnte er nicht. In diesem Augenblicke gewahrte er, daß ein eilig nahender, furchtbarer Tod sie umringt hielt.

Wird man es glaublich finden, daß mit dieser Gewißheit auch seine Furcht endete? Er blickte auf das bleiche aber ruhige Antlitz derjenigen die sich ihm anschmiegte, und eine sonderbare, sogar mit Freude vermengte Ruhe erfüllte ihn. Ihr Athem berührte seine Wange, ihre Gestalt lehnte auf ihm, seine Hand umfaßte die ihrige, sollten sie sterben, so war dieser, ihr Tod; und was hätte das Leben ihnen werthvolleres verleihen können.

Er kniete nieder vor ihr und sprach: »in diesem Augenblicke wage ich auszusprechen, was meine Lippen sonst nie verrathen hätten. Ich liebe dich – ich bete dich an! Wende dich so nicht von mir. – Im Leben waren unsere Wesen getrennt, sind aber unsere Herzen im Tode geeint, so wird der Tod uns süß seyn.«

Sie wandte sich zu ihm, ihre Wange war nicht mehr bleich. – Er raffte sich empor – drückte sie an seine Brust, seine Lippen preßten die ihrigen. – Ha dieses daurende, tiefempfundene, glühende Aufpressen! Jugend, Liebe, Leben, Seele, alles ist zusammengefaßt in diesem einen Kuße.

Eben die Ursache welche sein Geständnis herbeiführte heiligte seines Herzens Wahnsinn. Was hatte eine, nur beim Herannahen des Todes erklärte Leidenschaft, mit den irdischen Wünschen des Lebens gemein? Sie blickten empor zum Himmel; er war ruhig und wolkenlos; der Mond ruhte balsamisch und duftend, ihre Seufzer waren bewegter als die Luft. Sie wandten ihr Auge dem prachtvollen Meere zu, welches ihr Grab seyn sollte; Seevögel schwebten ausfordernd darüber hin; ferne Fahrzeuge schienen erfreut, ihren Lauf zu verfolgen. Alles war mit dem Hauch, der Glorie und dem Leben der Natur angefüllt, und in wie wenigen Minuten sollte dies Alles zu einem Nichts werden. Ihr Daseyn glich den Schiffen die auf weitem Meere untergingen, bei dem Lächeln des nämlichen Elements das sie verschlang. Sie blickten einander in die Augen, und schmiegten sich noch dichter zusammen. Ihre Herzen, sicher durch Vereinzelung, vermengten sich bei der Gefahr und verschmolzen zu einem. Es vergingen Minuten, und schwere Wogen rollten schäumend darauf. Sie standen auf dem höchsten Anberge den sie erklimmen konnten. Die Brandung spritzte zerschellend über ihre Füße hin; immer höher und höher bauschten die Wellen, – sie standen sprachlos. Ihn dünkte er höre ihr Herz klopfen doch ihre Lippe zitterte nicht. – Ein schwarzer Punkt! – ein Nache!

»Blick auf, Emilie! blick auf! schau wie er die Wogen durschneidet. Herbei, herbei! nur noch ein wenig länger und wir sind gerettet. – Er naht sich immer mehr, noch wenige Ellen – er berührt den Fels!«

Ach! was war ihnen von nun an das Leben werth, da der Augenblick, in welchem sie diesen Reiz entdeckten zugleich ihr unseliges Verhängnis bezeichnete, und da der Tod dem sie entronnen waren ihre Einung allein bewirken konnte, ohne ihre Schuld zu besiegeln?

Erasmus Falkland Esqr. an den ehrenwerthen Friedr. Monkton.

Ich will dir morgen ausführlich schreiben. Dinge haben sich ereignet, welche vielleicht der Zukunft ganzes Aussehn ändern. Jetzt gehe ich zu Emilien um sie zur Flucht zu bereden. Wir sind ja keine »Leute von Welt,« die durch den Verlust der öffentlichen Meinung vernichtet würden. Sie hat empfunden, daß ich ihr bei weitem mehr seyn kann als die Welt; und ich, ha! was wollte ich nicht für eine Berührung ihrer Hand hingeben? –

Bruchstücke aus Emiliens Tagebuche.

Freitag. Seitdem ich gestern die Geschichte unserer Rettung auf diese Blätter niederschrieb, habe ich nichts anders gethan, als an diese Augenblicke denken, die, weil sie zu süß auch zu gefährlich waren; doch habe ich endlich mein Herz gekühlt; zu lange habe ich meiner Schwäche nachgegeben; mir schaudert vor dem Abgrunde dem ich entronnen bin. Noch kann ich fliehen. Er wird heute kommen, er soll mein Lebewohl empfangen.

Sonnabend, Morgens vier Uhr. Seit eilf Uhr saß ich allein in diesem Zimmer. Ich kann meinen Gefühlen keinen Ausdruck geben, sie scheinen gleichsam zusammengeduckt unter einer Last die abzuheben unmöglich ist. Er ist fort und für immer. Hier sitze ich und wiederhole mir diese Worte, kaum ihre Meinung begreifend! Ach! wenn nun der morgende Tag kommt, und ein anderer und so fort, und ich ihn nicht sehe, dann freilich werde ich zu der ganzen Todespein meines Verlustes erwachen! Er kam hier – sah mich allein – flehete mich mit ihm zu entrinnen. Ich wagte nicht seinen Augen zu begegnen, ich härtete mein Herz gegen seine Stimme. Ich wußte was ich thun müsse – und habe es gethan; aber welche Kämpfe, welches Elend hat es mich gekostet! Wer hätte glauben sollen, daß es so schwer wäre tugendhaft zu seyn. Seine Beredsamkeit vertrieb mich aus einer Vertheidigung in die Andere, und zuletzt blieb mir keine andere als jene Barmherzigkeit. Ich öffnete ihm mein Herz – zeigte ihm dessen Schwäche, und erflehte seine Schonung. Meine Thränen, meine Angst überzeugten ihn von meiner Aufrichtigkeit. Wir schieden in bittern Gefühlen aber dem Himmel sey gedankt, frei von Schuld. Er hat um die Erlaubnis gebeten mir zu schreiben; konnte ich ihm die verweigern? – Doch darf ich und kann ich ihm nicht antworten. – Wie wäre es auch möglich meinem Herzen zu gestatten, irgend eines seiner Gefühle als Erwiederung kund zu geben. Denn könnte ich wohl ein Wort des Kummers, oder einen Ausdruck der Zärtlichkeit lesen, welchen mein innerstes Herz nicht nachhallte?«

Sonntag. Ja der Tag – doch daran darf ich nicht denken, nicht einmal meiner Religion darf ich mich weihen. O Gott, wie verloren bin ich! Sein Besuch war immer des Tages große Stunde, nahm alle meine Hoffnungen in Anspruch bis er kam, und alle meine Erinnerungen wenn er mich verlassen hatte. Jetzt sitze ich hier und betrachte die Stelle, die er auszufüllen pflegte, bis ich fühle, daß die stillen Thränen meine Wangen herabträufeln; sie erscheinen ohne Anstrengung und verschwinden ohne Linderung.

Montag. Heinrich sagte, wo Falkland sey; ich beugte mich nieder um meine Verlegenheit zu verbergen. Wann werde ich von ihm hören? – Morgen? – Ach wäre die Zeit schon da. Die Uhr habe ich vor mich hingestellt und zähle wirklich die Minuten. Ein Buch hat er hier gelassen, einen Band von »Melmoth.« Jegliches Wort habe ich darin gelesen, und so oft ich zu einem Zeichen kam, das er mit der Bleifeder gemacht, hielt ich ein um mich meinen Träumereien über sein wechselreiches, beredtes Antlitz, und über den leisen, sanften Ton seiner süßen Stimme zu überlassen, bis das Buch meinen Händen entfiel, und ich emporschreckte um das Äußerste meiner Trostlosigkeit zu empfinden.

Erasmus Falkland Esqr. an den Lady Emilie Mandeville.

– Hotel London.

Zum erstenmale in meinem Leben schreibe ich Ihnen! Wie zittert meine Hand – wie glüht meine Wange! Tausend und aber tausend Gedanken drängen sich mir auf; ersticken mich fast durch die Mannichfaltigkeit und Verwirrung der Gefühle, welche sie erregen! – Mich erfüllt eben so sehr das Entzücken an Sie zu schreiben, als die Unmöglichkeit Gefühlen Ausdruck zu geben die ich mir selber nicht deutlich enträthseln kann. Sie lieben mich Emilie, und doch bin ich von Ihnen entflohn, und zwar auf Ihr Geheiß; aber der Gedanke, daß ich, wiewohl abwesend, doch nicht vergessen bin, macht mich Alles ertragen.

Mit einem fieberhaften Gefühle von Ermüdung und Schmerz, bemerkte ich meinen Einzug in diesen unermeßlichen Zusammenfluß menschlicher Laster. Eben so schnell erkannte ich die Unfruchtbarkeit dieses verderbten Bodens, der so ganz unfähig ist eine Liebe zu nähren; desto inniger schmiegte ich Ihr Bild an mein Herz. Sie sind es die mir neues Leben einflößte, als ich meines Daseyns völlig überdrüssig war. Sie hauchten mir einen Theil Ihrer Seele ein, die meinige empfindet den Einfluß davon und wird geheiligter. Von den Müßiggängern die mich belästigen mögen, schließe ich mich aus; in meinem Herzen habe ich mir einen Tempel erbaut, eine Gottheit darin bewahrt, und die Eitelkeiten der Welt sollen das nicht entheiligen, was Ihnen geweihet ist. – Emilie, gedenken Sie unseres Abschiedes? – Ihre Hand war von der meinigen umklammert; Ihre Wange ruhte wenn auch nur für einen Augenblick an meiner Brust; die Liebe lockte Thränen hervor, welche die Tugend schon an ihrer Urquelle läuterte. Nie waren sich Herzen so nahe und doch so getrennt; nie gab es zärtlichere, und doch so ganz gefahrlose Stunde. Leidenschaft, Kummer, Wahnsinn versanken vor Ihrer Stimme, trübten in meiner Seele wie ein stiller tiefer See. – »Tu abbin veduta il leone ammansarsi alla sola tua voce.Ultime lettere de Jacopo Ortis.

Ich riß mich los von Ihnen; stürzte durch das Schloß fort; da stand ich am Teiche, dessen Ufer ich so oft mit Ihnen betreten, ich entblößte meine Brust dem Winde, und badete meine Stirn mit dem Wasser. Thor der ich war; das Fieber glühte im Innern! Aber nicht so, meine angebetete reizende Freundin, sollte ich Sie trösten und aufrichten. Während ich Ihnen schreibe, zerschmilzt die Leidenschaft in Zärtlichkeit und verbreitet sich besänftigend über Ihr Andenken. Gleich einem beseligenden Thau erscheinen mir die Erinnerungen an eine so zarte und doch so kraftvolle Tugend, an so innige und doch so heilige Gefühle, an Thränen, welche der von Ihnen ausgesprochene Beschluß hervorrief. Möge Ihr eigenes Herz Sie belohnen, meine Emilie; – Ihr Liebhaber vergißt daß er anbetet um sich daran zu erinnern, daß er Sie ehrt.

Der Nämliche an eben dieselbe.

– Park.

Das Gewirr und Geräusch Londons vermogte ich nicht zu ertragen. Ich sehnte mich nach Einsamkeit um ungestört mich Ihrem Andenken zu weihen. Gestern kam ich hier, in der Heimath meiner Kinderzeit an. Rings umgeben mich Schauplätze und Bilder, die den blühenden Erinnerungen meiner schuldlosen Jahre geweihet sind. Sie änderten nicht. Kommende und schwindende Jahreszeiten ersetzen ihnen aufs neue den Raub den sie anrichteten. Was der Dezember ertödtet, belebt der April wieder; aber der Mensch hat nur einen Frühling, sein zerstörtes Herz nur einen Winter. In eben diesem Zimmer habe ich gesessen und gegrübelt über Träume und Hoffnungen – doch gleichviel, jene Träume konnten mir keine Erscheinung zeigen die Ihnen gliche, noch jene Hoffnungen mir eine Segnung versprechen die so unschätzbar wäre als Ihre Liebe.

Gedenken Sie noch des Augenblickes – oder vielmehr konnten Sie ihn jemals vergessen – in welchem die Tiefen unserer Seelen sich erschlossen? Ach! nicht an dem Schauplatze hätte solches Gelübde Ihnen zugeflüstert werden, hätte Ihre Zärtlichkeit die Erniedrigung erröthend geben sollen. Die in Dunkel verhüllte Leidenschaft deckte Gefahr auf, und Liebe, uns im Leben versagt, war unser Trost im Todesschrecken. – Und jener heilige Kuß, der erste, einzige Augenblick in welchem unsere Lippen die Einigung unserer Seelen theilten! Sagen Sie mir nicht es sey unrecht sich daran zu erinnern! – Sagen Sie mir nicht, ich sündige, wenn ich Ihnen gestehe daß ich Stundenlang allein sitze und im Entzücken jener wohllustvolen Erinnerung schweige. Die Gefühle welche Sie in mir hervorriefen mögen mich elend aber nicht schuldvoll machen; denn Liebe zu Ihnen kann das Herz nur heiligen – sie ist eine Flamme welche dem Altar auf welchem sie brennt die Weihe giebt. Von der Stunde an in welcher ich liebte, empfand ich, daß meine Seele reiner wurde. Ich hatte nicht geglaubt, daß eines Weibes Liebe die Göttlichkeit der Tugend besitze, die ich in der Ihrigen anbetend verehre. Die Welt ist keine Nährerin unserer Jugendtraumbilder von Reinheit und Leidenschaft; mit ihrem Treiben vermischt, mit ihren Freuden bekannt geworden, übersättigten die letzten mich mit dem was Böse ist, während das erste mir Unglauben gegen Reinheit einflößte. Ihr Geschlecht betrachtete ich als ein Räthsel welches meine Erfahrung bereits gelöset habe. Den Französischen Philosophen ähnlich, welche im Bemühen die Wahrheit zu umschließen, sie ganz verlieren, und welche die Moral der Achtung vor Maximen opfern faßte ich meine Weiber-Kenntnis Aphorismen und Antithesen, wenn ich in meinen allgemeinen Satzungen mich nicht getäuscht fand. Ich gestehe daß ich irrte, – von diesem Augenblick an entsage ich den kälteren Betrachtungen einer bittern Erfahrung, dem Weisheitsgewinne eines forschenden, aber sehr bewegten Lebens. Mit Entzücken kehre ich zurück zu seinen ersten Traumbildern von Schönheit und Liebe; auf dem Altar meiner Seele weihe ich sie Ihnen, Sie haben diese Bilder verkörpert, gesammelt, ihnen Leben eingehaucht.

Bruchstücke aus Emiliens Tagebuche.

Montag. Dieses ist der freudenloseste Tag der ganzen Woche, denn er kann mir keinen Brief von ihm bringen. Unlustig stehe ich auf, lese und lese immer wieder den letzten von ihm erhaltenen Brief – unnöthige Mühe! er ist mir in's Herz gegraben! Mich verlangt nur danach, daß der Tag zu Ende sey, weil ich morgen vielleicht von ihm hören werde. Erwache ich Nachts aus meinem unruhigen oft unterbrochenen Schlafe, so schaue ich auf ob der Morgen dämmert, nicht weil er Leben und Licht bringt, sondern weil er mir Kunde von ihm zuführen mag. – Wird mir ein Brief von ihm gebracht, so lasse ich ihn Minuten lang ungeöffnet – mein Auge sättigt sich an seiner Handschrift – ich prüfe das Siegel – ich bedecke den Brief mit meinen Küssen bevor ich mir den Genuß erlaube ihn zu lesen. Dann berge ich ihn in meinem Busen, und nehme ihn nur hervor um ihn wieder und wieder zu lesen – ihn mit meinen Thränen der Dankbarkeit und Liebe – wehe mir! auch der Pein und Reue! – zu benetzen. Wie kann das Ende dieser Liebe seyn? Ich wage so wenig zu hoffen, daß sie fortdaure als daß sie aufhören könnte; in beiden Fällen bin ich auf immer elend.

Um Mitternacht. Man bemerkt meine Blässe, die Thränen die in meinen Augen zittern, die Unlust und Niedergeschlagenheit meines Wesens. Ich glaube Mad. Dalton errieth die Ursache. In meinem ganzen Gemüthe erniedrigt und gedemüthigt, fliehe ich zu dir Falkland, suche Schutz bei dir. Deine Liebe kann mich zu meinem frühern Zustande nicht wieder erheben, aber sie kann mich mit meinen jetzigen versöhnen – nein, nicht versöhnen – aber mir zur Stütze dienen, um ihn zu ertragen. – Noch einmal küsse ich deinen geliebten Brief – ach! wäre der Morgen schon da!

Dienstag. – Ein Brief von ihm – so gütig, so zärtlich, so ermuthigend; mögte ich doch sein Lob verdienen! wehe mir! ich sündige indem ich ihn lese. Ich weiß, daß ich stärker gegen meine Gefühle ankämpfen sollte – einmal versuchte ich's; ich betete zum Himmel um Beistand; ich entfernte Alles von mir, was mich an ihn erinnern konnte; drei Tage lang wollte ich seine Briefe nicht öffnen. Dann vermogte ich nicht länger zu widerstehn, und die Kraftlosigkeit meines Kampfes bestätigt meine Schwäche nur noch mehr. Ich entsinne mich, daß er uns eines Tages von einer wunderschönen Stelle im Persius sprach, die als der Gottlosen bittersten Fluch den bezeichnet: daß sie Tugend erkennen mögen, aber unfähig sind sie zu erlangen; – diese ist meine Strafe.

Mittwoch. Mein Knabe war bei mir; aus meinem Fenster sehe ich ihn Feldblumen sammeln, und jedem Schmetterling nachjagen, der ihn entgegen flattert. Sonst war er mein ganzes Entzücken, meine ganze Beschäftigung; jetzt ist er mir lieber als je zuvor, aber nimmt nicht alle meine Gedanken mehr in Anspruch. Ich durchblätterte mein Tagebuch; früher enthielt es die kleinen Tagesvorfälle, jetzt bezeichnet es nichts als die Eintönigkeit der Trübsal. Er ist nicht hier – er kann nicht kommen. – Welches Ereignis könnte ich also aufzeichnen?

Erasmus Falkland Esqr. an den Lady Emilie Mandeville.Die meisten von Falklands Briefen an Emilie zu unterdrücken, hielt ich angemessen.

– Park.

Wüßten Sie wie ich mich nach einem Worte von Ihnen sehne, wie mich dürstet – nach dem einen Worte das mir sagte, Sie seyen wohl und haben mich nicht vergessen! – doch ich will Sie nicht quälen. Meine Gefühle werden Sie errathen und dem Zwange den ich ihnen anlege Gerechtigkeit widerfahren lassen – indem ich keinen Versuch mache Ihrem Entschluß nicht schreiben zu wollen, umzuändern. Ich weiß, daß er gerecht ist, und unterwerfe mich dem Ausspruche; aber könnten Sie mich tadeln, wenn ich unruhig und schmerzlich klage. Mitternacht ist vorbei, ich schreibe Ihnen immer Nachts, denn alsdann vermag meine Einbildung mich am leichtesten zu Ihnen meine Geliebteste zu versetzen, mein Geist ist dann in mehr zärtlicher und ungetheilter Gemeinschaft mit Ihnen. Am Tage gelingt es der Welt zuweilen sich meinen Gedanken aufzudrängen, und ihre Thorheiten massen sich den Platz an, den ich »nur für dich und für den Himmel bewahren mögte.« Nachts aber erinnert mich jeglicher Umstand noch lebendiger an Sie: die Stille der sanften Wolken – die schmeichelnde Weichheit der ruhigen Luft – die Sterne in ihrer lieblichen Heiligkeit – alle diese athmen und reden mir von Ihnen. Ich denke mir, daß ich Ihre Hand in der meinigen hatte, daß ich den sanften Wohllaut Ihrer Stimme trinke, und die Luft wieder einsauge, welcher Ihre Lippe Athem und Duft verlieh. Im Lichtschimmer und mit der Ruhe eines Geistes, der auf Erden wanderte um uns eine Liebe zu lehren die man im Himmel empfindet, wähnte ich sie bei mir im einsamen Zimmer zu sehen.

Diese Trennung kann ich so nicht lange ertragen, glauben Sie mir, ich kann nicht; ich muß mehr, oder weniger machen. Sie müssen mein seyn für immer, oder unsere Trennung muß ohne die mindeste Linderung bleiben, welche mehr Grausamkeit als Trost ist. Wollen Sie mich nicht begleiten, so verlasse ich England allein. Ich darf nicht stufenweise von Ihrem Bilde entweichen, sondern muß den Zauber mit einemmale zerbrechen. Wenn ich dann wieder im Weltgewühle bin, Emilie, wenn keine Kunde meines Ergehens an Ihnen gelangt, wenn dem Zeitverlaufe seine ganze Nacht der Entfremdung gelassen ist, – dann, wenn Sie mich endlich vergessen haben, wenn der Friede Ihres Gemüthes wieder hergestellt ist, wenn Sie keine Kämpfe mit Ihrem Gewissen zu führen haben – dann werden Sie nicht länger Reue erdulden; dann Emilie, wenn wir wirklich getrennt sind, möge des Schauplatzes, der Zeuge unserer Liebe war, der Briefe, welche meine Gelübde aufbewahrten, des Elendes, welches wir erlitten, und der Versuchung, der wir widerstanden, in unserm späten Alter noch gedacht werden, und wenn wir dem Himmel erklären, daß wir schuldlos waren, mögen wir auch hinzusetzen – daß wir liebten.

Don Alfonso de Aguilar an Don ....

London.

Unsere Sache befestigt sich täglich mehr. Der große, und gewiß der einzige anerkannte Zweck meiner Sendung ist fast erreicht; aber ich habe noch einen Auftrag, noch einen Anziehungspunkt, den ich Ihnen jetzt erläutern will. Sie wissen, daß meine Bekanntschaft mit der Englischen Sprache und mit diesem Lande aus der Verheiratung meiner Schwester mit Falkland herrührt. Nach der Geburt ihres einzigen Kindes begleitete ich sie nach England, verlebte drei Jahre mit ihr, und gedenke jener Zeiten auch jetzt, unter den heitersten meiner unruhigen und sturmbewegten Laufbahn. Dann kehrte ich nach Spanien zurück, und ward in die Unruhen und Wirren verwickelt die mein unglückliches Vaterland zerrissen. Jahre vergingen; wie wäre überflüssig, Ihnen zu sagen. Eines Nachts ward mir ein Brief gebracht; er war von meiner Schwester, auf ihrem Sterbebette geschrieben. Ihr Gatte war plötzlich gestorben; ihn liebte sie mit der Liebe einer Spanierin und konnte seinen Verlust nicht überleben. In ihrem Briefe sprach sie von ihrem Vaterlande und von ihrem Sohne. Über die neuen Bande, welche sie in England geknüpft, hatte sie das Land ihrer Väter nie vergessen. »Meinen Sohn habe ich schon gelehrt,« so schrieb sie, »daß er sich daran erinnere, wie er zweien Ländern angehört; daß das eine blühend und frei ihm sein Vergnügen gewähren mag, das andere kämpfend und entwürdigt aber seine Pflichten in Anspruch nimmt. Wenn er im Alter, das dich in den Stand setzt seine Denkart zu beurteilen, nur seines Ranges wegen geachtet, seines Reichthums wegen geschätzt wird; wenn weder sein Kopf noch sein Herz ihn für unsere Sache nützlich zu machen versprechen, dann laß ihn ungestört in seinem Wohlergehen hier; wenn er aber, wie ich es voraussage, des Blutes würdig wird, das in seinen Adern rinnt, dann beschwöre ich dich mein Bruder, ihm in's Gedächtnis zu rufen, daß ich auf meinem Sterbebette ihn durch einen Schwur, dem heiligsten aller irdischen Altäre angelobte.«

Als ich vor einigen Monaten nach England kam, beschloß ich über seinen Karakter Kunde einzuziehen, bevor ich wagte ihn persönlich aufzusuchen. Wäre er so gewesen, wie reiche Jünglinge gewöhnlich sind – wäre Verschwendung ihm zur Gewohnheit geworden und Leichtfertigkeit zu einer andern Natur, dann würde ich jenen ersten Auftrag meiner Schwester mit leichterem Herzen erfüllet haben, als ich nun dem zweiten gehorsame. Ich finde daß er unserer Sprache vollkommen Meister ist, daß er große Summen in unsern Fonds angelegt hat, und daß er vermöge der allgemeinen Freisinnigkeit seiner Denkart eben so wahrscheinlich sich unserer Sache annehmen, als es in diesem Falle gewiß wäre, daß er ihr durch sein höchlich gepriesenes Talent nutzen würde. Deshalb stehe ich im Begriff ihn aufzusuchen. Ich erfahre daß er in völliger Abgezogenheit auf dem Lande in der Grafschaft .... lebt, als nächster Nachbar einen Herrn Mandeville, der sehr reich und unserer Sache mit Wärme zugeneigt ist.

Dieser letzte hat mich eingeladen ihn für einige Tage nach seinem Landsitze zu begleiten; und der Wunsch meine Neffen zu sehen, hat mich diese Einladung mit wahrem Eifer annehmen machen. Wenn ich Falkland zum Beistande überreden kann, so wird er uns diesen durch den Einfluß seines Namens, seiner Talente und seines Reichthums gewähren. Von ihm können wir die strenge thatkräftige Hingebung nicht verlangen, zu der wir selber uns weiheten. Unser Loos welches zu ertragen wir selber angelobt haben, setzt uns der Treulosigkeit von Freunden, der Beargwohnung von Feinden, der Kühnheit Verwegener und der Feigheit Zaghafter aus; verlangt von uns Kämpfe im Kabinette, Verrath in der gesetzlichen Versammlung und Tod auf dem Felde der Schlacht. Wer an dem Streiten und Ringen eines aufgeregten, feindlich zerrissenen Landes nicht selber theil nimmt, kann sich keinen Begriff von dem Loose machen das uns zufiel, doch wer unsere schmerzlichen Leiden nicht kennt, vermag auch unsere Tröstungen nicht zu erträumen. Wir wandern gleich dem Bilde des Glaubens über einen öden unfruchtbaren Boden hin; Felszacken, Dornen und Rattenbisse umgeben unsere Schritte; aber wir drücken zu unserm Troste das Kruzifix an die Brust, und richten hoffend unsere Blicke zum Himmel.

Bruchstücke aus Emiliens Tagebuche.

Mittwoch. Seine Briefe haben einen andern Ton angenommen; anstatt mein Elend zu versüßen, verwehren sie es noch; aber ich verdiene alles – alles was mir auferlegt werden mag. Mandeville hat mir geschrieben. Er will für einige Tage hier kommen und beabsichtigt einige Freunde mitzubringen; er nennt ganz besonders einen Spanier – den Oheim von Herrn Falkland, und er fragt mich ob ich diesen gesehen habe. Der Spanier wünschte recht dringend, seinem Neffen zu begegnen; – er weiß also nicht daß Falkland abgereist ist. Es wird mir einigen Trost gewähren Mandeville allein wiederzusehen, aber auch so weiß ich nicht, wie ich ihm entgegen treten kann. Was soll ich ihm sagen wenn er mich bleich und verstört findet? Ich fühle mich in den Staub getreten.

Donnerstag Abend. Mandeville ist angekommen, glücklicherweise war der Abend schon weit vorgerückt, und die Dämmerung verhinderte ihn meine Verwirrung und meinen Schreck zu bemerken. Er war freundlicher als gewöhnlich. O! wie bitter rächt ihn mein Herz. Er brachte den Spanier Don Alfonso de Aguilar mit; mich dünkt, es herrsche zwischen ihm und Falkland eine leichte Familienähnlichkeit. Auch einen Brief von Julie erhielt ich durch Mandeville: er ist kurz aber freundlich; sie deutet gar nicht auf ihn: schon seit einigen Tagen habe ich von ihm nichts gehört.

Erasmus Falkland Esqr. an den ehrenwerthen Fried. Monkton.

Ich bin entschlossen wieder zu ihr zu gehen, Monkton. Ich bin gewiß davon, es ist für uns Beide besser uns wieder zu sehen; vielleicht uns für immer zu vereinen. Wer mich einmal liebte kann mich nicht leicht vergessen! Ich sage dies nicht aus Eitelkeit, denn ich verdanke es nicht dem, daß ich über Andere erhaben wäre, sondern dem, daß ich von Andern verschieden bin. Ich bin überzeugt, daß sie jetzt mehr Reue und schmerzlichen Kummer empfindet, als sie empfinden würde, wäre sie auch viel schuldvoller und bei mir. Dann hätte sie mindestens jemanden, der was sie auch leiden mögte, mit ihr theilte, mit ihr fühlte und sie trösten würde. Einem Wesen von Emiliens Reinheit, erscheint das Verbrechen schon jetzt vollständig. Unschuld will nicht jene feine Scheidelinie der Moral zwischen Gedanken und Handlung ziehen, dergleichen Unterscheidungen erfordern scharfen Verstand und ein kaltes Herz, diese aber bezeichnen nicht die Schuldlosen sondern die Weltfinder. Schwer ist es die Zärtlichkeit, nicht die Person, einer tugendhaften Frau zu erlangen; diese Schwierigkeit ist ihrer Keuschheit Schutzwache; und diese Schwierigkeit habe ich im jetzigen Falle überwunden. Ich habe versucht ohne Emilie zu leben, aber vergebens. Jeglicher Augenblick der Entfernung, lehrte mich nur die Unmöglichkeit erkennen. In vier und zwanzig Stunden werde ich sie wiedersehen. Bei diesem Gedanken schon schwellen meine Pulse auf, wie in einem Fieber.

Lebewohl Monkton. – Mein nächster Brief, wird wie ich hoffe meinen Triumph verkünden. –

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