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Edward Bulwer-Lytton: Falkland - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
titleFalkland
authorEdward Bulwer-Lytton
year1831
translatorC. Richard
publisherVerlag von Jakob. Anton Mayer
addressAachen
submitted20050613
created20050912
senderniki_nikotini@hotmail.com
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Vorrede.

Wenn ich den Titel »Roman« für dieses Buch ablehne, so geschieht es in dem Vertrauen, man werde nicht dafürhalten, daß ich denselben geringschätze. Ich bin mir im Gegentheile bewußt, daß Falkland von den meisten Lesern unter den Roman gestellt werden wird, und darf mir kaum damit schmeicheln, daß einige wenige ihn für etwas mehr halten wollen. Für eine Klasse wird mein Buch zu leichtfertig, für eine andere zu langweilig seyn. Kalte Menschen wird es unzufrieden machen, und zugleich die Erwartung der leicht Erregbaren täuschen; die ersten durch Gefühlsschilderungen, welche sie nicht als wahr anzuerkennen vermögen; die andern durch Betrachtungen über das Leben, welche die von ihnen angenommene Philosophie bestreiten. Welcher Beweggrund mich immer zur Herausgabe vermogt hat, Erwartung günstigen Erfolges bestimmte mich gewiß nicht dazu; es wäre möglich, daß noch Niemand der einen ähnlichen Versuch machte, so aufrichtig als ich das Verdienst der Gleichgültigkeit in Betreff des Erfolges, für sich in Anspruch genommen hat.

Vielleicht gründet die erste Anlage zu dieser Geschichte sich auf Thatsachen, wie sehr dieselben auch für den Druck abgeändert seyn mögen, vielleicht finden sich unter den Briefen, welche der Welt in der Hoffnung bekannt gemacht werden, daß sie »eine Moral zeichnen« einige die ursprünglich nicht geschrieben wurden, um »eine Erzählung zu schmücken;« gleichwohl ist dieser Umstand eine für mich nutzlose Betheurung, und die Nachforschungen Anderer müßten unbefriedigt bleiben. Auch solche Personen welche die Karaktere unnatürlich, die Gefühle überspannt finden, würde meine Versicherung, daß die Karaktere lebten, daß die Gefühle empfunden sind, nicht genügen; in einem gesellschaftlichen Zustande in welchem Alles erkünstelt ist, erscheint nichts verfälschter als das eigentliche Wahre.

Ich besorge einigermaßen, daß Leser welche über das Ganze nur nach dessen einzelnen Theilen abzusprechen pflegen, das Buches Ende tadeln mögen, weil sie es mißverstanden. Ich besorge außerdem noch, daß gelegentliche Schilderungen in zu lebendigen Farben vorgetragen, und daß skizirte Gefühle zu treu gezeichnet erscheinen; möge man aber, bevor man mich verurtheilt bedenken, daß kein Mißgriff in der Moral größer (wieweil auch allgemeiner) ist, als der, ein Strafurtheil zu sprechen, ohne vorher das Vergeben herauszuheben; und habe ich im Darstellen der Bestrafung die Wahrheit nachgeschildert, so war es ebenfalls nothwendig, dieses nämliche Vorbild zu erforschen, um der Leidenschaften Fortgang zu beschreiben. Wiewohl ich eingestehe, nach Ähnlichkeit gestrebt zu haben, vermied ich doch eben so sorgfältig jede Ausschmückung; im Abmalen der Schuld habe ich nicht ein einzigesmal den Versuch gemacht deren Elend zu übertünchen, oder deren Schande zu verschleiern. Ward meine Geschichte auf Irrungen des Herzens begründet, so geschah das, weil die nützlichsten aller Sittenlehren aus den Folgerungen gezogen werden können, welche jene herbeiführen.

In Falklands Karakter habe ich zu zeigen gewünscht, daß alle Tugend schwach, und daß alle Weisheit da unzureichend sey, wo nicht ein vorherrschender, feststehender Grundsatz Criterion jedes neuen Wechsels in unserem Betragen und zugleich auch Bürgschaft dafür ist, daß wir das einmal Erwählte verfolgen wollen. Nicht nur in der allgemeinen Anlage der Geschichte, sondern auch in den eingestreuten Betrachtungen habe ich zu verwirklichen versucht, was der große Zweck aller menschlichen Geisteswerke seyn müßte.

Wird diesem Buche das gute Glück Leser zu finden, deren Leidenschaften zu Lehrern ihres Nachdenkens werden, denen Beobachtung über Menschennatur, wenn auch in sich irrig, dennoch stets der Wahrheit zuträglich erschien, und die der Meinung sind, daß oft mehr Kenntnis des geheimsten Herzens in einen einzelnen Gedanken zusammengefaßt, als über tausend Ereignisse verbreitet werden mag; wird diesem Buche das Glück, solche Leser zu finden, so vertraue ich es ihnen furchtlos an, – freilich nicht um ihre Billigung für dessen Abfasser zu erlangen, aber mindestens doch um über dessen gute Absicht gerechtfertigt zu werden.

Jetzt bleibt mir nur noch hinzuzusetzen, daß ich bei dem Antreten einer Laufbahn, ohne meiner Mitbewerber Beweggründe, noch ihren Ehrgeiz zu theilen voller Vertrauen erwarte, daß man mich nicht der Anmaßung bezüchtigen wird, wenn ich so wenig die Sprache der Hoffnung als die der Besorgnis reden kann, welche Anderen so gewöhnlich sind; Menschen die aus Erfahrung, nicht aus Genius Anspruch machen, sind im Berühren der Gränze ihrer Verdienstlichkeit dem Irrthume nicht zu leicht unterworfen und auch nicht besonders empfänglich für die allgemeine Meinung über den Umfang derselben. Habe ich als Schriftsteller irrthümliche Betrachtungen angestellt, so rührt das daher, weil Ereignisse mich dazu leiteten mehr meine eigenen Folgerungen, als die Schlüsse Anderer zusammenzufassen; habe ich durch meine Schilderung die Gefühle verletzt, so war es, weil keinem Muster nachbildete, sondern nur der eigenen Erinnerung, und vermag ich jetzt über den Erfolg meines Versuches nicht sehr eifrige Betheiligung zu empfinden, so ist's weil ich aus meiner Menschkenntnis mir ein Reich gebildet habe, das menschliches Lob nicht zu erweitern, menschlichen Tadel nicht zu zerstören im Stande ist.

London, 7. März 1827.

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