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Fahrten und Abenteuer des jungen Shakespeare

Léon Daudet: Fahrten und Abenteuer des jungen Shakespeare - Kapitel 8
Quellenangabe
authorLéon Daudet
titleFahrten und Abenteuer des jungen Shakespeare
publisherFranckh'sche Verlagshandlung W. Keller & Co.
yearo.J.
translatorA. Berger
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160929
projectid2035d19e
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Siebentes Kapitel.

Shakespeare erwachte. Seine Hände brannten, und er fuhr, um sie abzukühlen, über seine grobe Decke. Ein blasser Sonnenstrahl glitt in das kleine Zimmer. Er erleuchtete die gelben Holzwände, auf denen die Geburt Christi, der Kalvarienberg, Magdalena zu Füßen des Kreuzes abgebildet waren, den großen, dunklen Schrank, den Fayenceofen und den schmalen Alkoven, in dessen Hintergrund sich das Bett befand. »Wo bin ich? – Diese Ueberraschung überkommt mich zum zweiten Male – schon gestern – ja, man hat es mir gesagt, – wie heiß mein Kopf ist – in Dänemark, bei braven Bauern – sie haben mich aufgenommen – Straßenräuber – ich habe mich verteidigt und bin gefallen – mein Pferd, mein Degen, mein Quersack ist hin – o, mein alter, vergriffener Plutarch – Schnee, Schnee, Schnee, – Readway tot – Fischart verschwunden – teurer Freund – fort mit dir, spöttischer Sonnenstrahl! Er dringt gerade bis zu diesem Kasten, diesem andern Sarg, in dem ich liege. Alles wundert mich, als würde ich von neuem geboren. Ist das Fieber? Seltsame Gedanken umgeben mich; selbst wenn ich weinte, könnten die Thränen mein geängstigtes Herz nicht erleichtern.«

Die Thüre that sich langsam auf, und ein zartes, junges Mädchen trat ein. Sie hatte blaßblondes Haar, trug ein graues Kleid mit roten Verzierungen, und der Dichter bemerkte ihre klaren Augen, ihre von einigen Sommersprossen getüpfelten Wangen, ihre kleinen, etwas dicken Hände. Sie trug auf einem Zinnteller eine Tasse und näherte sich vorsichtig dem Alkoven.

»Seid Ihr ausgeruht, armer Herr? Trinkt, die Kranken sind immer durstig!« Sie sprach mit sanfter, ernster Stimme in sehr reinem Deutsch.

»Habe ich Euch bereits gesehen?« fragte der Dichter, durch den Genuß der warmen Milch beruhigt.

»Schon einigemale, seit man Euch hierhergebracht hat, aber Ihr wußtet von nichts. – Seid Ihr ein Fremder?«

»Ein Engländer.« – »Wie heißt Ihr?«

»Aino Petersen.«

»Sind das Eure Eltern, die mir das Leben gerettet haben?«

»Mein Stiefvater fand Euch vor fünf Tagen ohnmächtig im Schnee. Straßenräuber haben Euch angegriffen, geplündert und liegen gelassen. Als man Euch zu Bette brachte, stöhntet Ihr sehr, und wir glaubten, daß Ihr schrecklich verwundet wäret. Aber der Arzt beruhigte uns. »Sobald er essen kann, wird er gesund sein,« sagte er. »Die ganze Nacht rieft Ihr nach Euren Kameraden und Eurem Pferde und tranket die Milch mit einer kläglichen Miene, über die ich lachen mußte, denn ich wußte, daß Ihr außer Gefahr wäret.«

»Wie heißt das Dorf, dessen Dächer ich aus dem Fenster sehe?«

»Hadersborg, in Dänemark.«

»Bin ich weit von Kopenhagen?«

Sie lächelte. »Ich war noch nie dort. Jetzt gehen die Schlitten schnell. Man fährt über Fühnen, wo meine Mutter geboren ist, die beiden Belte und Seeland. Es muß eine prächtige Stadt sein!«

»Sagtet Ihr nicht gestern, daß man, als man mich entkleidete, bei mir mehrere Sachen fand, die die Diebe übersehen hätten?«

Sie öffnete den Schrank und brachte William seinen Gürtel, in dem sechzig Goldstücke und der Brief Readway's zurückgeblieben waren. Er stieß einen freudigen Seufzer aus. »Aino Petersen, solange ich lebe, wird Euer hübsches Gesicht Liebe und Dankbarkeit in mir erwecken. Sowie Ihr jetzt gerade im Lichte steht, werdet Ihr mir immer eine liebe, eine wunderbare Erinnerung sein.«

Sie wurde ganz rot, machte ihm eine tiefe, spöttische Verbeugung und schritt mit leichter Anmut zum Zimmer hinaus.

*

Shakespeare frühstückte mit der Familie Petersen in dem zu ebener Erde gelegenen Saale. Die Thür, die auf die einzige, schneebedeckte Straße des Dorfes führte, stand offen, aber es war nicht kalt, denn ein helles Rebenholzfeuer züngelte an den Wänden des Herdes empor, und in der Mitte hing der Kessel herab. Die Decke war mit mächtigen, glänzenden Balken belegt. An den Wänden zogen sich grell gemalte Darstellungen von Sagen und religiösen Scenen hin. Durch das Fenster erblickte man den kleinen, einförmig weißen Garten, den schwarzen Zaun und die Felder.

Aino und ihre Mutter Katharine bedienten den Tisch. Sie waren einander seltsam ähnlich, und trotz einiger grauen Haare sah Katharine noch sehr jung aus. Behende nahm sie das Geschirr, die Flaschen und Fischkonserven aus den schweren, geschnitzten Eichenholzschränken. Sie hatte kurz nach dem Tode des Vaters ihrer Kinder geheiratet und betete ihren zweiten Gatten, Erik Petersen, einen kräftigen Mann mit einem viereckigen Gesichte und intelligenten Zügen, an. – Er saß William gegenüber und schob sich große Bissen mit den Fingern in den Mund. Sie schmeichelte ihm, puffte ihn, wählte ihm die besten Bissen aus und lachte, wenn sie ihn mit vollen Backen lachen sah. Hjalmar, der Bruder Ainos, ein etwa zehnjähriges, frühreifes Kind, mit einem von zwei großen, feuchtblauen Augen erhellten, blassen, gedunsenen, dicken Gesichte, ebenso blaßblondem Haar, wie die Schwester, einer unverhältnismäßigen Stirn und ungeschicktem Benehmen, saß am Ende des Tisches schweigsam und verträumt vor seinem Essen, indem er von Zeit zu Zeit seinem Stiefvater einen haßerfüllten Blick zuwarf.

Wohl zum zehnten Male erzählte Erik die Rettung Shakespeares. »Ich kam von der Arbeit aus Apenrade zurück – Frau, noch ein Stück Häring; er schmilzt auf dem Gaumen – Und das Drollige dabei war, ich glaubte Schreie zu hören. Na, Ihr war't in keiner guten Lage.« –

»Ihr nahmt mich auf Euren Rücken?«

»Mußt' ich wohl. Ihr rührtet Euch ebensowenig, wie ein Leichnam, und wart kalt, – ein Stück Eis.«

Ein Mann trat hustend und spuckend ein; er trug einen struppigen Pelz, wie eine alte Katze, und schüttelte auf der Schwelle seine bereiften Stiefel ab.

»Grüß Gott, Vater Jakob! Trinkt mit uns!«

»Gott schütze Euch! Der Weg liegt mir in den Beinen.« Nachdem er sich aus den Pelzen herausgewickelt hatte, zeigte er ein weinerliches Gesicht. In seinem Barte und seinen Augenbrauen glänzten Reifkrystalle. Er trank mit großem Behagen und schnalzte mit der Zunge. »Der Weg liegt mir in den Beinen,« wiederholte er, und dann Shakespeare anblickend, fügte er hinzu: »Ah, das ist der Herr! Hat man keine Nachricht von den Räubern?«

»Gar keine!«

»Dergleichen ist seit fünf Jahren nicht vorgekommen. Das ist Pech.« Er schüttelte voll Weisheit den Kopf, setzte sich ans Feuer und wärmte sich die knotigen, rissigen Hände.

Während der nun folgenden Stille empfand Shakespeare ein Gefühl des Wohlbehagens. Er war dem Tode entgangen, das Zimmer war warm, Aino erregte seine Wollust, Hjalmar sein Interesse, Ort und Stunde seinen Dichtergeist. Die Wesen, die ihn umgaben, die verzierten Mauern, die beschneite Perspektive hatten für ihn mit einmal ein wunderbares Relief, eine traumhafte Beleuchtung. Die Seelen öffneten sich bis in ihr Geheimstes und boten ihm ihre Erinnerungen, tiefsten Eindrücke, ihre kleinen, aber für ihr Schicksal bedeutenden Umstände, die Quellen der Freude und der Rache, dar. –

Erik erhob sich. »Ihr könnt Euch wärmen, Vater Jakob,« sagte er. »Ich gehe an die Arbeit. Am Eingange des Fleckens wird ein Schuppen für die Ochsen gebaut. Er ist ein guter Versorger, der Winter.«

Er küßte seine Frau und Aino, holte aus einem Winkel ein Bündel Werkzeuge und seinen Mantel und warf noch von der Straße aus Katharinen Küsse zu. Hjalmar schnitt eine Grimasse des Widerwillens. »Ich gehe mit der Schwester Holz auflesen,« sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. »Und ich begleite Euch,« fügte William hinzu. –

Alle drei verließen das Haus und schritten durch den Stall. Dort schnaubte Grollo, der Grauschimmel und beste Freund Aino's. Nach der Mahlzeit brachte sie ihm stets irgend einen Leckerbissen und streichelte seine braune Schnauze. Sie lobte seine Zähne und zeigte sie und seine Augen, »die so weich sind, wie Wolle« und küßte sie. »Ich liebe ihn so, daß ich fast jede Nacht von ihm träume, und bin überzeugt, daß er auch von mir träumt. Ich erzähle ihm meine Freuden, meine Schmerzen, und er hört zu und tröstet mich, indem er seinen haarigen Kopf an mir reibt. Wenn ich fröhlich bin, wiehert er oder läßt die Ohren tanzen. Einmal war er im Hofe und sollte gerade aufs Feld hinaus. Da sah er durchs Fenster, daß ich weinte – nicht wahr, mein guter Freund, damals hast du die Scheibe zerbrochen, um mir deine Zärtlichkeit zu beweisen? Wenn ich an der Mauer vorübergehe, sogar wenn die Thüre geschlossen ist, ahnt er meine Nähe und wiehert auf besondere Art. Man sollte glauben, daß er meinen Namen auszusprechen sucht. – Aino, Aino, du alter Narr! Das ist für ein Pferd zu schwer. Deine dicke Zunge ist nicht geschmeidig genug.« Das Gesicht gegen die Mähne drückend, mit der sich ihr blaßblondes Haar vermischte, begann sie zu lachen, und in ihrer Haltung lag etwas so Reines, so Liebevolles, daß den Dichter eine köstliche Rührung überkam.

Die Ebene bildete eine ungeheure, einförmige, weiße Schneefläche unter dem bleichen Himmel, und etwas wie ein blauer Dampf stieg davon auf. Rechts rauchten einige Schornsteine; Baumreihen von tiefem Schwarz waren sichtbar. Shakespeare schritt zwischen dem, wie gewöhnlich, so schweigsamen Hjalmar und seiner Schwester einher, deren Wangen die Kälte rot färbte. Sie wickelte sich fester in ihren Wollmantel. Er wunderte sich über regelmäßige Linien, die sich in gerader Richtung oder in geometrischen Figuren bis zur äußersten Grenze des Gesichtskreises über die weiße Fläche zogen. Einige schienen dünner zu sein und durch Hüpfen hervorgebracht; andere waren dicker und aus fünf ganz deutlichen Eindrücken gebildet. Aino erklärte ihm diesen Unterschied. »Dies hier sind die Spuren der Raben. Wenn der Herbst naht, kommen sie mit schrecklichem Geschrei und verwüsten die Vogelnester. – Jene dort gehören den Füchsen. Ihr seht die sternenförmigen Pfoten und den Schwanz, der einem kleinen Besen gleicht. Sie streichen um die Häuser und wissen nicht, daß ihre Spuren sie verraten. Aber wenn es ihnen gelingt, eine Henne zu erwischen, laufen sie so rasch davon, daß man sie nicht mehr einholt.«

Beim Anblick dieser seltsamen Spuren, denen er nun auch seine eigenen hinzufügte, dachte William an den sichtbaren Zug der Helden auf dem Wege der Menschheit. »Wenn einer der Räuber, die mich angriffen, in meinem Quersacke wühlt, meinen Plutarch entdeckt und ihn versteht, so werden die berühmtesten Feldherren in seinen Augen Füchse und Raben sein, deren Schritte man durch die Jahrhunderte verfolgt,« dachte er bei sich.

»Woran denkt Ihr? Ihr seht traurig aus!« unterbrach die harmonische Stimme des jungen Mädchens seine Betrachtungen. –

»Ich sagte mir, daß man bei Euch so glücklich ist, daß ich mich zweifellos bei Euch schließlich ganz vergessen werde. Erst, wenn ich sehr alt und ganz gebrochen bin, werde ich mich wiederfinden, zu spät, um in mein Land zurückzukehren.«

»Wie alt seid Ihr?«

»Zwanzig Jahre. Und Ihr?«

»Siebzehn. – Ist England schön?«

»Es ist nach meinem Herzen.«

»Warum habt Ihr es denn verlassen?«

»Wie ich glaubte, um mich über Menschen und Dinge zu belehren; jetzt merke ich, daß es nur geschah, um Eure Bekanntschaft zu machen.«

Sie verzog reizend den Mund und schüttelte den Kopf, ohne zu antworten.

»Ich langweile mich,« erklärte Hjalmar plötzlich. »Guten Abend! Zum Essen bin ich wieder zu Hause.« Er verließ sie, ohne daß seine Schwester etwas that, um ihn zurückzuhalten. Der Umriß seiner kurzen, stämmigen Gestalt war noch lange auf dem Schnee sichtbar. –

»Was hat Euer Bruder denn? Er scheint furchtbar traurig zu sein.«

Sie seufzte. »Der Arme ist krank. Ich wundere mich, daß er Euch noch nichts gebeichtet hat. Seit unsere Mutter wieder heiratete, haßt er den Stiefvater. Den ganzen Tag verzehrt er sich in seinem Winkel vor Zorn und des Nachts – denn sein Zimmer liegt neben dem meinigen, – höre ich, wie er aufsteht, und einem Unsichtbaren droht: Hund, Hund, Dieb! Ich werde dich töten, ich werde dir den Hals durchschneiden! Manchmal schlägt er heftig auf die Möbel und die Wand, oder er schluchzt und stöhnt. Das ist für uns alle ein großer Kummer und macht das Leben unleidlich. Wie groß Eriks Geduld auch sein mag, fürchte ich mich doch vor dem, was geschehen wird.«

»Erinnert Ihr Euch noch an Euren Vater?«

»Gewiß! Er war viel älter, als meine Mutter und sehr mürrisch. Hjalmar, der damals noch ein kleines Kind war, liebte er sehr, aber mich sah er fast gar nicht an.«

Sie waren bei einem kleinen Wäldchen angelangt. Die Bäume schienen abgestorben zu sein und reckten ihre fleischlosen, trockenen Zweige in die fahle Luft hinaus.

»Sie sind trostlos,« sagte William, »sie flehen die Sonne an. Seht her, ob sich dieser nicht vor Verzweiflung windet. Er ruft um Hilfe; er liegt im Todeskampfe. Ach, mein teurer Readway!«

»Wer ist der, dessen Namen Ihr im Fieber wiederholtet?«

»Einer meiner Freunde – er war schön, edel und stolz. Wir zogen miteinander durch Deutschland. In Kiel hatte er einen Zweikampf mit seinem Nebenbuhler, und in unseren Armen blieben die Ueberreste des tapfersten aller Dichter zurück.«

Sie blieben stehen. Ein Schwarm krächzender Raben verfolgten einander auf dem glanzlosen Himmel. Ueber den grünen Augen Ainos lag ein unbestimmter Nebel. Diese frostige Einsamkeit flößte Shakespeare ein Bedürfnis nach Wärme, nach Zärtlichkeit ein. Er ergriff die kalten Hände seiner Gefährtin, und sie ließ es geschehen. Er näherte sich ihr; sie fuhr zusammen, und ihr Blick, in dem der seine versank, drückte Freude und Furcht aus. Dann fühlte er zwei zarte eisige Lippen und die kalte Frische der Zähne auf seinem Munde. Bald aber wurde die Berührung warm und süßer als ein Traum. Ganz allein auf der weißen Fläche, den Arm um einen bebenden Körper geschlungen, trank er lange diese reine Seele in sich. Das Geschrei der dunkeln Vögel und die Umrisse der Zweige auf den beschneiten Wiesen bedeuteten den Tod. Umso feuriger riefen sie die Liebe und das Leben an. Als ihre Arme sich lösten, fiel William vor dem jungen Mädchen nieder, küßte ihr Kleid und täuschte seine Begierde mit Liebesworten.

Ohne etwas zu reden, kehrten sie in der rasch herabsinkenden, violetten Dämmerung, der opalglänzende Schatten folgten, ins Haus zurück. Das Land glich einem Netze von Nebel und Dunkel. Eine Flut weißer Wolken machte sich los, durch die die Lichter von Hadersborg glänzten. Von diesen rasch dahinziehenden Gespenstern gestreift, hielten sie sich bei den Händen und ihre verschlungenen Finger schufen ein neues Wesen, dem Aino die Leidenschaft, der Dichter einen Wirbel wirrer Gefühle, und die nordische Nacht ihren geheimnisvollen Atem einhauchte.

Als sie in den erleuchteten und heißen Saal traten, saß Katharine Petersen am Stickrahmen und Hjalmar neben dem Herde. Er hielt den Kopf zwischen den Händen und sann nach, indem er in die Flammen schaute.

*

Die Tage, die nun folgten, waren entzückend. Aino, von der Liebe verwandelt, enthüllte William ein ursprüngliches Temperament, bei dem die Intuition den Instinkt fortsetzte. Nie waren die Küsse feurig, nie die Umarmungen lange genug. Nach jeder Mahlzeit verschwanden sie, und die weiße Ebene wurde ihr Asyl. Mit etwas rauher Stimme sang die kleine Dänin dem Dichter die hübschesten Lieder des Landes vor; alle besaßen den Duft der naiven Leidenschaften, die sie zum Ausdrucke brachten. Sie verstand jetzt den Sinn der glücklichen Worte, die sie einst blindlings ausgesprochen, und er verfolgte in ihren wechselnden Augen den Fortschritt der göttlichen Flamme, er belauschte die Metamorphose. »Mein Vielgeliebter, mein Vielgeliebter,« wiederholte sie, seine Hände drückend, und diese einfachen Worte nahmen nach und nach immer mehr Kraft an. Sobald sie die Umfriedung der abgestorbenen Bäume erreichten, hinter denen ihre Gestalten nicht mehr sichtbar waren, hing sie sich mit der Geschmeidigkeit eines Kätzchens an ihn, bedeckte sein Gesicht mit raschen, brennenden Küssen, umarmte ihn bis zum Ersticken; wenn ihre erschöpften Münder sich trennten, blieb der ihre in einem seltsamen Lächeln erstarrt halb offen, und über sie gebeugt, bewunderte er die Feinheit ihrer Züge, die zuckenden Nasenflügel, die durchsichtigen Lider, die zarte Stirne, auf der die Haare mit einem kurzen, blonden Flaume ansetzten.

Wenn sie der Liebkosungen müde waren, erzählte er ihr Geschichten. Sie wollte immer schreckliche hören, um sich unter dem Schutze seiner Kraft zu fühlen. Er beschwor Feen und Riesen, Ungeheuer mit Vipergesichtern und entzückende, schlafende Prinzessinnen herauf, die ein goldgepanzerter Ritter weckte. Diesen Heldinnen lieh er das Gesicht Ainos, und sie lachte, den Kopf zurückbeugend, umschlang seinen Hals mit den Armen und unterbrach die Geschichten mit ihren Küssen. Nie fragte sie ihn nach seinem Lande oder seiner Familie oder seinem vergangenen Leben. Sie nahm ihn hin, wie er war, unbekannt, dunkel, wie die düstere Landschaft, durch die sie bei anbrechender Nacht heimgingen. Sie wußte nur, daß er ein Dichter war, daß er die Wolken, den Reif, die armen Bäume mit den erfrorenen Herzen und die uralten Balladen liebte, deren Refrain einer eintönigen Glocke gleicht. Wunderbarerweise gewann ihre Stimme an Fülle, und sobald sie von dem Leid des Verlassenseins sang, erriet der Dichter ihre Wunde. Sie war ein Wesen, das einzig Gefühl war, und stachelte ihren Wunsch durch das grausame Bild des Schmerzes. Die Art und Weise, mit der sie ihn dann umarmte, bedeutete: »Du wirst bald fortgehen; ich will die Liebe genießen, genießen.«

Weder Erik noch Katharine hatten einen Argwohn. Bei den Mahlzeiten unterhielten sie sich von ihren täglichen Geschäften und Arbeiten, während Aino und William, nebeneinander sitzend, ihre Träume verfolgten. Oft erhob sich Aino, holte eine rauchende Schüssel, stellte sie mit ihrem hübschen Lachen auf den Tisch, und er betrachtete ihren leichten Gang, ihre feine Taille in dem Wollkleide mit dem roten Besatz. Die Abende waren kurz. Der Vater Jakob, ein paar Nachbarn, immer dieselben, brave Leute, mit abgearbeiteten und gedunsenen Gesichtern, kamen herein, um bei den Petersens den mit Branntwein versetzten, duftenden, kochenden Kräutertrank zu trinken. Sie sprachen über den rauhen Winter, das Vieh, Todesfälle und Geburten. Das Tiktak einer großen Holzuhr begleitete das Gespräch. Die Magierkönige auf der Wand setzten ihren unbeweglichen Zug fort. Die Flammen auf dem Herde sanken langsam zusammen und schossen dann plötzlich hoch und purpurrot auf. Shakespeare hörte ein dumpfes Murren. Das war Hjalmar, der in einem Winkel, wie ein wildes Tier, derart seinen Widerwillen und seinen Haß zum Ausdrucke brachte.

Eines Tages nahm das Kind den Dichter beiseite. »Ich weiß, du liebst meine Schwester, und meine Schwester liebt dich,« sagte es. »Das geht mich nicht an. Aber laßt Euch nicht überraschen – der Schurke wäre nur zu froh.« –

»Sprichst du so von deinem Stiefvater?«

»Ja, von dem Elenden, der mir meine Mutter gestohlen und aus ihrem Herzen die Erinnerung an den verjagt hat, dessen Stelle er vertritt.«

»Er scheint kein böser Mann zu sein.«

»Darum hasse ich ihn noch mehr. Seine Sanftmut ist List. Er fürchtet mich, das schwöre ich dir, und wenn ich ihn ansehe, wendet er sich ab. Er glaubt meinen Groll zu entwaffnen. Ach, welch ein Unglück, klein zu sein und einen Dolch nicht führen zu können!«

Die blauen Augen wurden grausam. Das Bild des Mordes malte sich auf dem blassen, zitternden Gesichte.

»Wenn du dieses schändliche Verbrechen begingest, würde Katharine ohne Zweifel vor Kummer sterben.«

»Ach, was liegt daran! Ein Weib, das den Vater seiner Kinder vergißt, verdient alles. Uebrigens wird nichts daraus werden; ich bin zu feige. Einen Tag will ich es, am nächsten Tage zögere ich. Wahrscheinlich werde ich aus dem Hause laufen. Ich werde betteln, arbeiten, in den Krieg ziehen und mir einbilden, daß ich Erik töte. Dann werden sie zufrieden sein – sie werden sich ohne Furcht küssen können. Du kannst dir nicht vorstellen, welch ein Kummer es ist, wenn man des Nachts – ich schlafe neben ihnen – von dem schändlichen Geräusch ihrer Küsse geweckt wird.«

Aino hatte Shakespeare in ihr Zimmer gezogen. Es war ein schmales Gemach, wie die anderen, mit vergitterten Fenstern. Das Bett stand im Alkoven. Aus dem niedrigen Fenster erblickte man die Straße von Hadersborg, den Wirbel eines Schneesturmes. Der Ofen schnaubte. Das junge Mädchen öffnete den schweren Eichenschrank und zeigte dem Dichter die mit Inschriften bedeckten Thüren. »Siehst du, mein Vielgeliebter, hier sind seit Jahr und Tag die bedeutsamsten Tage der Familie verzeichnet. Von den Petersens waren viele Matrosen und Soldaten, die im Kriege getötet wurden. Ich erinnere mich nicht mehr an die Einzelheiten, aber ich weiß, daß diese Kreuze Todesfälle und diese kleineren hier Geburten bedeuten. Die Vierecke erinnern an große Fröste, die Kreise an Dürre oder den Verkauf von Vieh. Es stehen Namen da, die ich nicht lesen kann.«

»Das sind andere Spuren, als die der Raben, aber ihr Sinn ist derselbe,« dachte der Dichter. »Wer weiß, ob das getreue Gedächtnis nicht die in Empfindungen und Träume verwandelten Spuren der Ahnen bewahrt hat; ohne Zweifel sind unsere Beklemmungen und unsere Befürchtungen nichts als Reminiscenzen. Diese Schleier der Seele, hinter denen sich so viele dunkle Dramen regen, erscheinen mir wie Leichentücher, und all unser Schauer rührt von den Toten her.«

Er betrachtete lange die wunderlichen Figuren aus poliertem Holz, deren Umrisse die Zeit beinahe verwischt hatte. Aino lehnte ihren leichten Kopf auf seine Schulter, und durch die Berührung dieses liebenden Mädchens durchdrang ihn die Kraft der Vergangenheit noch mehr. Arme Aino, wie weit war sie von ihm entfernt! Noch nie, weder beim Lesen Plutarchs und der Chronikenschreiber, noch während der langen Abende in Stratford, während des Verkehrs mit seinen Freunden, Scorel, Fischart und Readway, oder inmitten der alten Städte Hollands und Deutschlands, hatte er die Flut der Zeit so steigen sehen, wie nun. »Mein Leben kämpft gegen diese Ruinen und möchte sie wieder auferstehen lassen. Ich habe in mir Matrosen und Krieger genug, um alle die Petersens, alle die Wackeren, deren Namen auf diesem Schrank stehen, wieder in die Welt zu werfen. Ein einziges meiner komplexen Gefühle genügt, um eines dieser einfachen Wesen wieder zu beleben, und manchmal empfinde ich ein Fieber, das imstande wäre, ein ganzes Heer zu schaffen.«

Das sanfte Stimmchen unterbrach die stolzen Gedanken. »Ich habe Grollo drei Tage nicht gesehen. Das ist deine Schuld. Ich kann nur an dich denken, und du, Böser, vergißt mich, selbst wenn du meinem Herzen ganz nahe bist.« Er begriff, daß die Empfindsamkeit des Kindes sich in gefährlicher Weise steigerte, und ein Teil seiner Bilder durch die bloße Berührung in sie überging. Er liebkoste sie, aber sie erriet sein Mitleid; er sprach viele Worte zu ihr, aber sie erriet seine Zerstreutheit. Er erkünstelte ein gerührtes Schweigen, aber sie erriet seine Selbstsucht.

»In deinen Küssen sind andere Frauen.«

Diese Worte ließen ihn zusammenfahren, denn er dachte an Mary, seine Jugendfreundin, deren feines Haar mit dem Quersack verloren gegangen war. Er beklagte die Flucht der naiven Gefühle, und eine düstere Trauer ergriff ihn, daß er die kalten Peiniger der Reflexion nicht aus seinem Wesen verbannen konnte.

*

Eines Nachmittags, als William Erik und Katharine entgegen gegangen war, bemerkten sie am Eingange von Hadersborg um einen Schlitten eine Menschenansammlung. Der Besitzer desselben, ein kräftiger, in prächtige Pelze gehüllter Greis unterhielt sich mit den Bauern. »Ich komme aus Hamburg und will nach Kopenhagen. Sind die Belte zugefroren, kann ich hinüber?« Die Antworten lauteten bejahend. Einen so rauhen Winter hätte es noch nicht gegeben. Das Eis in den Meerengen sei sicherlich einen Meter dick, und Eisgang nicht zu befürchten, da der Februar erst begonnen habe. Nun erkundigte sich der Reisende nach einem Hause, in dem er die Nacht zubringen und seinen Wagen, sowie die zwei Pferde einstellen könne, denn er gedachte am nächsten Morgen weiter zu fahren. Die Gelegenheit erschien Shakespeare günstig. Er folgte dem Manne und knüpfte Bekanntschaft mit ihm an. Er hieß Rollo, war seinem Berufe nach Theaterdirektor, durch die Lust an Abenteuern ein Nomade und kehrte jetzt zu seiner Truppe nach Kopenhagen zurück, nachdem er in Deutschland einige Geschäfte erledigt hatte. Der Dichter, der seine Aussichten wachsen sah, gab sich ihm als ein erfahrener, englischer Schauspieler aus, und sie sprachen über das Theater, das Drama und die Tragödie. Rollo, über die Begegnung entzückt, deklamierte mit Emphase Stellen aus Plautus und Terenz. Er schien ein außerordentlich gutmütiger, mit sich selbst sehr zufriedener Mann zu sein, der gern Ratschläge gab. »Ihr seid jung,« sagte er. »Da Ihr es wollt, engagiere ich Euch. Ich werde Euch ausbilden; Ihr könnt in geringeren Rollen auftreten, und wenn Ihr Euch gelehrig zeigt, werde ich Euch zum Höchsten erziehen. Ein Liebhaber, ein Liebhaber, das ist das seltenste, was es giebt! Ach, einst habe ich diese Stelle eingenommen, und wenn ich, von einem Dolche durchbohrt, mich zu den Füßen der Ungetreuen schleppte, konnte niemand die Thränen zurückhalten. Auf morgen also, ich zähle auf Euch!«

Als William unter tausend Vorsichtsmaßregeln Aino seine plötzliche Abreise mitteilte, schaute sie ihn unbeweglich und stumm, noch blässer als gewöhnlich an. Ihre Lippen zitterten. Sie waren in dem Saale zu ebener Erde ganz allein. Die Flammen des Herdes tanzten im Wiederschein auf den Wänden, und der gedeckte Tisch erwartete die gewöhnlichen Gäste. »Ich wußte es,« murmelte das junge Mädchen endlich. »Grollo hat es mir vorausgesagt. Das Glück hat keine Dauer.«

Die Trennung war bitter. Nach einem wilden, mit Haß gemischten Kuß huschte der scheue, kleine Schatten davon.

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