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Fahrten und Abenteuer des jungen Shakespeare

Léon Daudet: Fahrten und Abenteuer des jungen Shakespeare - Kapitel 3
Quellenangabe
authorLéon Daudet
titleFahrten und Abenteuer des jungen Shakespeare
publisherFranckh'sche Verlagshandlung W. Keller & Co.
yearo.J.
translatorA. Berger
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160929
projectid2035d19e
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Zweites Kapitel.

»Halt! halt! wenn ihr nicht leck werden wollt!«

Diese Worte tönten in einiger Entfernung aus der Nacht. Sie erklangen auf deutsch. Shakespeare redete diese Sprache, dank seinem Vater, von Kindheit an. Aber der Anruf und die seltsame Drohung erfüllten ihn mit Freude, denn sie bedeuteten das Ferne, das Unbekannte, neue Gemütsbewegungen.

Lichter liefen über den Fluß. »Die Geusen, die Geusen!« wiederholten die Matrosen des Triton leise und erschreckt. Sie zogen rasch die Segel ein, und zwei oder drei kleine Boote legten an die Schiffe an. Etwa zehn Soldaten kletterten flink wie Katzen aufs Deck. Sie trugen Laternen in der Hand, bei deren Licht man hin und wieder ein Stück von einem kriegerischen Gesicht, einen aufgedrehten Schnurrbart, einen düstern Blick, das Blinken der Lederriemen unterscheiden konnte.

»Was hast du an Bord?« wandte sich der Anführer rauh an Blacknaff.

»Ich komme aus Dover, um Gewürz zu holen, Kapitän. Ein Einwohner von Stratford begleitet mich.«

»Wo ist er? Wer ist er? Wozu kommt er her?« Shakespeare spürte auf seinem Gesichte die Wärme der Laterne, die ihn hell beleuchtete. Er beantwortete die Fragen gut, und der Fragesteller schien befriedigt zu sein. »Gut, gut« brummte er und wandte sich dann wieder zu Blacknaff:

»Habt ihr gestern die Taufe bekommen, heh?«

Ein schallendes Lachen war die Antwort.

»Seid ihr keinem von der Mörderbande begegnet?«

(Die Mörderbande, damit waren die Spanier gemeint.)

»Nein, sie würden sich nicht herwagen.«

Diese Schmeichelei ging unbemerkt vorüber.

»Die fragen viel darnach! Man hat uns signalisiert, daß eine ihrer Galeeren vor Ostende liegt. Ah, wehe den Hunden! Seit sie vor einem Monat – Wann habt ihr die Nachricht in London vernommen?«

Blacknaff begriff, daß es sich um die Ermordung Wilhelms des Schweigsamen handelte, aber er war sich über dieses Ereignis nicht ganz klar.

»Vor etwa drei Wochen« stammelte er. »Ja, drei Wochen ... oder vor 14 Tagen.«

Shakespeare sehnte sich, Auskunft über eine Tragödie zu erhalten, die ihm großartig erschien. Er trat einen Schritt auf eine hohe Gestalt zu, deren spitzigen Bart und entschlossenes Antlitz sich jetzt aus dem Dunkel abhob. »Nicht wahr, es ist in Delft geschehen?«

»Ja, in Delft. Es war ein Franzose, aber von den anderen gekauft.«

Während dieses Zwiegespräches umgaben die Geusen Cook, Bobby, Tom, die übrige Mannschaft das Triton und erzählten Näheres über das Drama, das Holland in Aufregung versetzte. Rufe, Flüche wurden laut, während das Wasser längs der an dem Schiffe vertauten Boote klatschte und die auf dem Deck stehenden Laternen bestiefelte Beine, Degenspitzen, Mantelfransen beleuchteten; weiter oben kam ein dunkler Streifen und dann die feinen Umrisse der Maste, die schwärzer waren als die verschwommene Masse des Himmels.

Als die Schar unter einem schrecklichen Lärm von klirrenden Waffen, stampfenden Tritten und Fluchen verschwunden war, und die wieder gehißten Segel den Triton den Fluß hinauftrugen, stieß Blacknaff einen langen Seufzer aus?

»Bst, Kinder, die sind wir glücklich los! Das sind brave Leute, aber es giebt auch welche ... Gesindel!« – Denn die Geusen waren unter den Schiffahrern fast ebenso gefürchtet wie die Spanier.

Auf der Maas glänzten Laternen. Schiffe, Kauffahrer oder Fischer, fuhren vorbei; sie meldeten ihr Nahen durch langgedehnte Schreie, eine Art schleppenden Singsang. »Rechts passieren – links passieren – Wir segeln dicht an Bord vorbei. Wir folgen dem Ufer – Von woher? – Aus welchem Land?«

Der Wind trug die Antworten davon. William wunderte sich über die Geschicklichkeit der Steuerleute, die trotz der Dunkelheit ausweichen konnten. Er ergötzte sich an dieser gleitenden Flucht, diesem Hinstreichen von Vögeln mit ausgebreiteten Flügeln, dem grauweißen Phantom der Segel, den gelben oder roten Lichtern, die das Wasser vervielfältigte. Die Wolken vor dem Monde wurden dünner und schufen ihm eine silberne Krone, aus der ein schwacher Schein herabfiel. Er erblickte die flachen Ufer der Maas, unermeßliche, moorähnliche Ebenen. Sein Geist war von dem Erscheinen der Geusen, ihren energischen Gesichtern, dem unermüdlichen Haß, der aus ihren Augen glänzte, noch ganz erschüttert. Blacknaff aber brummte, während er ein Tau aufrollte:

»Ich scher' mich was um ihren Schweigsamen!« Diese feigen Worte und das Gelächter der Matrosen flößten dem jungen Manne Widerwillen gegen seine Gefährten ein. Da er immer bereit war, sich für jede Sache zu ereifern, bei der sein Geist sich aufschwingen konnte, so erregte er sich gegen die Spanier und stellte sie sich schändlich und feige vor. Ohne zu wissen, was sie zu Tyrannen Europas machte, bewunderte er die Energie ihrer Gegner, der Holländer, ihren Widerstand hinter Wällen von Leichen. Die Schilderung dieser begeisterten Aufopferung, dieser Kämpfe gelangte mit den Kasten der Hausierer, durch den Mund der Handelsherren, durch Legenden, grobe Stiche entstellt, nach England. Am Herdfeuer, längs der Themse oder auf den Landstraßen erzählte man sich Geschichten von Gemetzel, Wut, Todeskampf und Hoffnung.

»So schön wie die Antike, so schön wie die Antike!« murmelte er vor sich hin, indem er an die Scenen dachte, die er nun in der Nähe haben sollte. Denn er wollte sich nach den geringsten Umständen erkundigen, die Söhne der Opfer, die Witwen, die rauchenden Ruinen befragen, den Blutspuren von dem Leichnam bis zur Rache folgen. Die Rache! Sie furcht die Züge wie ein schweres geheimes Leiden. An Stelle eines jeden unterbliebenen Messerstiches tritt eine Runzel. Sie ist die große Lehrmeisterin der Dramen und Heldenthaten, sie sichert die Fortdauer der Gewaltthaten.

»So schön wie die Antike!« Die tragische Geschichte der Maas, auf der so viele Leidenschaften dahinschwammen, löste die des Tiber ab. Stiefel oder Kothurn, Tunika oder Wams, Helme oder schwere, schief und prahlerisch aufgesetzte Filzhüte, diese Zuthaten deckten die nämlichen Schauspieler. Der Fall Wilhelms des Schweigsamen war das Echo von Cäsars Fall.

»Aber was das Buch nicht bietet, was mein Geist nicht ausfüllen konnte, das sind die körperlichen Umrisse und die Volksmassen, welche die aktuellen Leidenschaften zum Ausdruck bringen. Cäsar, Brutus, Antonius, Coriolan, Timon bleiben für mich schwebende Schatten. Sie verfolgen mich, aber ich kann ihre ungreifbaren Gespenster nicht mit Leben erfüllen. Morgen werde ich etwas zum Nähren dieser Visionen besitzen. Aus dem heute fließenden Blut werden mir die fernliegenden Jahrhunderte erstehen. Diese Geusen werden meine Prätorianer sein. Die Aufregung des ersten besten, der vorübergeht, wird mir die Gebärden Roms zeigen. Seltsamer Starrsinn der Menschheit, die, seitdem sich die Bretter der Welt erhoben, stets dasselbe Stück mit denselben Umständen, demselben Auf und Nieder des Glückes, demselben Schwanken und denselben Krisen wiederholt!

Der Triton fuhr in einen engeren Kanal. An den Ufern erhob sich ein Haufe von Häusern, deren unbewegliche Silhouetten von schwankenden Masten überragt wurden; denn es lagen hier Schiffe aller Art und von allen Größen – runde und stämmige, schlanke und viereckige. Auf den Decks sprangen geschäftige Matrosen herum.

Die Mannschaft des Triton hatte ein schwieriges Manöver auszuführen. Bei der Enge des Kanals war es keine leichte Aufgabe, das Schiff an eines dieser anderen Schiffe zu vertauen. Es gab endlose Zurufe und Zwiegespräche; die Laternen zitterten über dem Wasser, hohe, dunkle Gestalten erschienen. Blacknaff sprach ziemlich schlecht deutsch, und Shakespeare mußte mehrmals als Dolmetscher dienen.

»Ist das Meer im Kanal wieder ruhiger?«

»Seid ihr Spaniern begegnet?«

»Können auch nicht vertauen. Wir segeln morgen. Das Herauskommen wird Mühe genug kosten.«

»Wie steht der Kurs vom Gewürz?«

Liebenswürdige oder rohe, gleichgültige oder peinliche, insbesondere mißtrauische Charaktere traten aus dem Dunkel hervor. Endlich fand sich ein englisches Schiff, das durch den Mund seines Kapitäns einwilligte, als Vermittler zwischen dem Quai und dem Triton zu dienen. Der letztere wurde nun an seinen Landsmann befestigt.

Während die Matrosen sich mit dem Vertauen beschäftigten, gingen Blacknaff und sein Passagier ans Land. Auf dem schlecht beleuchteten Quai waren nur wenig Leute zu sehen. Trotzdem fand der Kapitän Gelegenheit, ein paar Kameraden mit seinem schrecklichen Lachen zu begrüßen. Shakespeare hatte ihm seine zwei Goldstücke ausgezahlt. Er trug seinen Quersack auf dem Rücken und schritt fröhlich auf dem fremden Boden einher.

»Hör' mal!« sagte Blacknaff zu ihm, »da du keine Bekannten hier hast, werde ich dich in den Holznapf, den Gasthof meines Freundes, des wackern, ehrlichen Moorels, führen. Er hat eine hübsche Tochter, eine berühmte Tafel und treffliche Betten. Wirst du lange in Rotterdam bleiben?«

»Ich weiß nicht. Das wird von meiner Laune abhängen.«

»Dann möge deine Laune meinen Rat anhören. Dieses Land ist die Beute des Aufruhrs.« – Der Kapitän liebte eine feierliche Rede. – »Nimm weder Partei für die einen noch für die anderen, denn man weiß nie, wer morgen der Stärkere sein wird. Mißtraue den gutmütigen Mienen dieser dicken Holländer. Sie sind Diebe und Hasser; und was deinen goldgespickten Beutel betrifft, so laß ihn immer an einem sichern Ort.«

Sie hatten ein schmales, verpestetes Gäßchen durchschritten. Auf dem Pflaster schnarchten Betrunkene, Opfer des Bieres. Dann gingen sie einen breiteren, von hohen Häusern begrenzten Kanal entlang; er war ebenfalls mit Schiffen bedeckt, deren Maste wie ein Heer von Lanzen wimmelten. Der warme Augustabend erzeugte wunderliche Gerüche, in denen die von Teer und altem Holz vorherrschten.

Eine Schar Menschen, in deren Händen Laternen schaukelten, hielt sie auf. Gleich dem Geusenanführer von vorhin fragte sie der Kommandant der Patrouille, woher sie kämen und wohin sie gingen. Blacknaff wies einen schmutzigen Paß vor, der zwischen seinen knotigen Fingern tanzte. Diese Wächter entzückten Shakespeare; er liebte bereits dieses unruhige Land, in dem alle Geister gespannt waren, wo im Dunkeln Spione und Verräter, malerische, lichtscheue Gestalten sich regten. Welch ein Gegensatz zu den ruhigen Nächten von Stratford, dem Schrei des Nachtwächters oder dem des Fuhrmanns, der von seiner kleinen Fähre nach den Säumigen spähte!

Blacknaff teilte seine Zufriedenheit nicht. »Schmutziges Land, wo man immer in den Klemmen der Soldaten steckt,« brummte er. »Diese Leute denken nur ans Molestieren, Mißhandeln und Kehlabschneiden. Das ist ihr Metier. Sie verabscheuen die Kaufleute. Ich wollt', sie würden sich alle untereinander abmurksen ... Ah, da sind wir endlich!« Er schlug mit seiner starken Faust an eine kleine Thür. Sie that sich auf, und die beiden Gefährten traten in einen ziemlich großen, aber niedrigen Saal, in dem mehrere Personen an langen Tischen saßen und tranken. Große Ampeln hingen von der Decke herab. Die Luft war erstickend heiß und schwer. Es roch nach Schweiß, Fleisch und Stickluft.

»Der Wirt ist also nicht da!« schrie Blacknaff, der seine Furchtsamkeit so hinter dem Schein von Kühnheit versteckte.

»Mein Vater wird kommen, ihr Herren. Habt Ihr eine gute Fahrt gehabt, Kapitän?«

»Verzeiht, Eva, ich erkannte Euch nicht in der Menge. Ja, wir haben uns auf der Ueberfahrt durchgeschlagen, obwohl das Meer wie eine alte Furie war und der Hagel auf unsern Köpfen platzte. Ich bringe Euch einen Reisenden, Herrn William Shakespeare von Stratford.«

»Seid willkommen, Herr!«

Shakespeare betrachtete Eva. Sie war ein schlankes, junges Mädchen mit blauen Augen und zarten Zügen. Ihr blaßblondes Haar – das hübscheste Haar von der Welt – war so harmonisch geordnet, daß es in einem tief in den Nacken hinabreichenden anmutigen Spitzenhäubchen gefangen ward. Auf den Schläfen ward es von den Goldschilden festgehalten. Ihre Arme waren bis zum Ellbogen entblößt und ziemlich dick für ihre Gestalt, endeten aber in ein paar feine Hände; sie streichelte sie errötend und wippte dabei im Takt ihren rechten Fuß, der wie eine kleine Maus aussah.

Während Shakespeare nach einem Kompliment suchte, das in diesem keuschen, sanften Geiste zurückbleiben würde, erschien der Vater Moorels. Er trug unter jedem Arm eine Flasche. Sein Gesicht war ein wahrer Kürbis, dessen Schale durch die innere Sonnenwärme guten Essens und Trinkens in ein helles Rot übergegangen war. Sein Kinn war nicht doppelt, sondern vier- oder fünffach. Die kleinen, von Runzeln umgebenen Augen in dem feisten Gesicht glänzten vor fröhlicher Schalkheit, und seine ungeschlachten kurzen Arme bildeten zwei Henkel für seinen Wanst, den er beim Sprechen fortwährend betastete. Aber aus diesem breiten, stämmigen Körper kam eine dünne, durchdringende Stimme hervor – ein paradoxes, lächerliches Organ, das einem Eunuchen, einem mageren Weibe hätte angehören können. Es klang wie zerknittertes Pergament.

»Immer frisch und gesund, Papa Moorels; im Holznapf magert man nicht ab!« Blacknaff schüttelte und drehte ihn wie einen dicken Säugling, den man bewundert, klopfte ihn auf Schultern, Bauch, Schenkel und Rücken und überzeugte sich von der guten Beschaffenheit dieses reichlichen Fleisches. Der Wirt hatte seine Flaschen hingestellt und lachte, soweit es seine außerordentlich aufgeblasenen Backen zuließen.

Die lärmende Heiterkeit Blacknaffs erregte die Aufmerksamkeit der Trinkenden, und Shakespeare unterschied eine Anzahl von Gesichtern, deren Typus ihm ganz neu war. Es war nicht dasselbe Fett wie in England, und die Magerkeit besaß hier etwas besonders Anormales. Gerötete Vollmondsgesichter und Spitzbärte herrschten vor; alle diese kräftigen Bursche in ihren reichen, geschmeidigen Kostümen machten den Eindruck einer starken Rasse.

»Ich vertraue dir meinen jungen Mann an«, wiederholte Blacknaff, indem er auf Shakespeare deutete. »Beim Teufelsdreck, 's ist ein braver Jung! Hahaha, beim Teufelsdreck! Er fürchtet sich vor nichts, weder vor Gift, noch vor Seeleuten, noch vorm Sturm und auch nicht vor der Flasche. Hörst du, alter Schlauch, altes Faß! Vorwärts, entkorken wir eine.«

»He, kleine Hausfrau, he! Einen Kornbranntwein!«

Eine Stimme hinter Shakespeare rief diese Worte auf englisch. Er drehte sich um und erblickte ein langes Gesicht, ein Paar dunkle Augen unter einem breiten Filzhut mit Federn.

»Das ist ein Landsmann von Euch, der Ritter John, gegenwärtig mein bester Mieter,« sagte Moorels mit Respekt.

Eva kehrte mit Gläsern und einer alten, bestaubten Flasche zurück. Während sie den Tisch herrichtete, begegneten ihre Augen denen Williams. Sie lächelte.

»Nicht wahr, meine Kleine ist hübsch?« rief der Wirt stolz. »Und gut, und arbeitsam! Seit dem Tode meiner armen Frau führt sie das ganze Haus. Und wie sie es hält! Alles glänzt nur so! Sie ist zu gleicher Zeit meine Tochter, meine Mutter und meine Gebieterin. Wenn sie mir befehlen würde, mich in den Kanal zu werfen, so würde ich mit Freuden hineinspringen. Aber sie wird einmal reich sein! Der »Holznapf« ist ein gutes, wohlbekanntes und altes Haus. Es sind schon die größten Persönlichkeiten hier durchgekommen, und unser armer, lieber Herr, dessen Seele jetzt bei Gott ist, unser Wilhelm, war dreimal hier und ließ Eva auf seinen Knien tanzen, während er ihr einen Kriegsmarsch vorpfiff. Aber sie erinnert sich nicht mehr daran, denn sie war damals zu jung.« –

Das junge Mädchen, das diese Lobsprüche in Verlegenheit brachten, schritt nach dem Hintergrunde des Saales.

»Sie ist stolz und schüchtern,« fuhr der entzückte Vater fort. »Was für einen Gang sie hat! Sonntags bleibt sie, statt mit ihren Altersgenossinnen umherzulaufen, zu Hause und liest mir vor. Dann setzen wir uns vor die Thüre; sie näht, und ich sehe ihr zu. Wollt Ihr es glauben, – ich muß alle fünf Minuten aufstehen und sie küssen.« –

Blacknaff kannte diese väterliche Manie des dicken Moorels und ließ ihn reden, während er den Branntwein kostete, mit der Zunge schnalzte und mit der Rückseite seiner breiten Hand den Bart wischte.

»Werdet Ihr lange unser Gast sein?« wendete sich der Wirt zu Shakespeare.

»Das kommt darauf an; ich reise zum Vergnügen. Ich werde mir die Merkwürdigkeiten der Stadt ansehen.«

»Merkwürdigkeiten? Mein lieber Herr, wir haben keine,« rief Moorels mit seiner scharfen Stimme, indem er mit seinen zu kurzen Armen eine komische Gebärde machte. In unserer Stadt giebt es nichts, als Händler, Seeleute und Soldaten, wie überall. Einst hatten wir schöne Häuser und Schätze; aber jetzt ist alles zerstört, alles geplündert, alles fortgeschleppt worden. Wir sind hier nicht einmal mehr lustig. Seit dem schrecklichen Unglück im vorigen Monat werdet Ihr nichts als traurige Mienen und thränenvolle Augen sehen.« – Er seufzte. – »Wir haben unsern Wilhelm so sehr geliebt. Nach meiner Tochter lag er mir zunächst am Herzen. Nein, nein, wenn man sich unterhalten will, darf man nicht nach Holland kommen. – Setz' dich einen Augenblick zu uns, Herzchen; du wirst sonst durch das viele Bedienen müde.« – Er faßte Eva um die Taille, und sie gehorchte. Sie schien zerstreut zu sein, und ihre blauen Augen folgten irgend einem fernen Bilde, das sie hinderte, sich ins Gespräch zu mischen.

Der Anblick der Schönheit entflammte Shakespeare stets. Fehlte sie, so konnte er wohl alles verstehen; aber es war eine trockene, undankbare Arbeit. War sie jedoch vorhanden, so begann er zu fühlen, und ein süßes Profil, oder ein Busen, der sich harmonisch unter der Spitze hebt, erweckte in ihm die Begeisterung. Er sagte Eva einige Schmeicheleien, aber sie hörte nicht zu, sondern hielt das Kinn in die Hand gestützt, an der ein goldener Ring funkelte.

»Laß den Herrn doch gewähren, mein Liebchen. Er ist kein Galan, denn er ist verheiratet und hat zwei Kinder. – Denkt Euch nur, sie hat eine furchtbare Angst vor der Ehe. Sie hat die besten Freier zurückgewiesen. – Seht Euch den dort an, unten im Saale, auf der dritten Bank. Er hat sich vor Verzweiflung zu den Geusen anwerben lassen. Er ist der Bastard eines Edelmannes, schön, wie der Tag und betet Eva an. – Sie wollte nichts von ihm wissen. Ich bin ein alter Egoist, und darum ist es mir recht; ich weiß, was mein Geschlecht wert ist. Wahrlich nicht viel, nicht viel.«

»Die schönsten Dinge müssen ein Ende nehmen,« brummte Blacknaff, der die Flasche stark in Angriff genommen hatte und seinen Abend nicht verlieren wollte. »Auf Euer Wohl, Kameraden, und glückliche Reise.« – Er stieß mit Shakespeare an. –

»Trinkt auf die Rache, und zwar laut« flüsterte Moorels. »Das ist so Sitte seit dem Morde.«

»Auf die Rache!« brüllte Blacknaff. Alsogleich erhoben sich alle Anwesenden, und eine Menge von kräftigen Stimmen wiederholte ernsthaft: »Auf die Rache!« – Shakespeare bemerkte, daß ein seltsames Lächeln das Gesicht des Ritters John verzog. Aber dieses Aufbäumen des Hasses ließ ihn freudig erschauern. In den Adern der Trinkenden lief echtes Blut. Wer hätte geglaubt, daß diese plumpen Menschen sich derart von einem Gefühle erschüttern lassen würden?

»Habt Ihr auch auf die Rache getrunken?«

»Gewiß, Herr; ich bin eine gute Patriotin und möchte, daß man die Spanier bis auf den letzten niedermetzelt.«

Die blonde Eva sprach diese blutdürstigen Worte mit entzückender Energie aus. – Shakespeare betrachtete den roten Bogen ihrer Lippen, die mehr für Küsse als für Bisse geschaffen waren. Um ihren Taubenhals lag ein Samtband, von dem ein goldenes Kreuz herabhing. Diese glänzenden Punkte an ihren Fingern, Schläfen und an der Brust hoben ihre zarte Anmut.

Blacknaff verabschiedete sich väterlich von seinem Passagier. »Das ist ein Lachen im Sturm, das ich nimmer vergessen will,« sagte sich der junge Mann. »Ich bin erst zwei Tage unterwegs, und schon fällt der Rotbart unter der Schere der Vergangenheit. Aber der letzte Faden, der mich an England knüpfte, zerreißt.«

»Das ist ein Prachtkerl von Kapitän,« erklärte Moorels, nachdem der Koloß sich entfernt hatte. »Ihr dürftet auf Eurer Insel nicht viele seinesgleichen haben. Und einen Appetit hat er! – Ich lasse ihm immer fünf gewöhnliche Portionen auftragen. – »Du erinnerst dich, meine Teure, wie er einmal wettete, ganz allein acht Hühner zu verzehren. – Meiner Treu', er hielt Wort, und die Brühe kam ihm zu den Ohren heraus. – Ich werde Euch das Zimmer neben mir geben, Herr; es ist groß und bequem. Man hat Euren Quersack schon hineingetragen. Fordert alles, was Ihr braucht. – Entschuldigt mich jetzt, aber ich muß mich mit meiner Kundschaft beschäftigen.« – Eva folgte ihrem Vater wie eine Nachtwandlerin.

Shakespeare blieb vor den Gläsern und Flaschen allein. Da rückte der, den man den Ritter John nannte, seinen Stuhl näher heran. – »Ihr seid Engländer, Herr, nicht wahr?« – Er senkte die Stimme. »Ich glaube, daß Euch das Verschwinden des Schweigsamen ziemlich kalt lassen muß?«

Der Dichter war auf seiner Hut, umsomehr, als der durchdringende Blick seines Gegenüber Eindruck auf ihn machte. – »Wenn man auf der Reise ist, muß man die Leidenschaften der Länder, durch die man kommt, ein bißchen mitempfinden; sonst wäre es langweilig.« –

Das Gesicht des Ritters wurde plötzlich aufmerksam und eisig. »Das ist Ansichtssache. Das Vergnügen ist größer für den, der die Leidenschaften studiert, ohne sie zu teilen.«

Die Spitzfindigkeit Williams erwachte. Es war ihm nicht unlieb, aus den banalen Gesprächen herauszutreten. »Ich glaube, Herr, um gut zu beobachten, muß man fühlen,« sagte er.

»Sehr richtig, aber es giebt eine Art zu fühlen, bei der man seine Persönlichkeit unversehrt erhalten kann.«

»Das ist Verstellung.«

»Ihr habt damit eine erhabene Fähigkeit genannt.«

»Wir sind beinahe derselben Ansicht. – Ich habe stets den Wunsch empfunden, Komödiant zu sein.«

»Ihr werdet dabei Eure Seele verlieren. Wozu auf die Bretter steigen, wenn das Leben selbst eine fortwährende Maskerade ist? Wenn Euch eine einzige Rolle nicht genügt, so könnt Ihr ja eine ganze Reihe spielen: Den Verliebten, den Krieger oder solchen Prahlhans, der seine Rapiere schwingt, indem er »Rache« brüllt, den Fürsten, den Händler. Das Repertoire ist sehr mannigfaltig.«

Daraufhin goß sich der Ritter John ein Glas Branntwein ein und schüttete es in einen kleinen Mund mit schmalen Lippen, der von einem langen, braunen Schnurrbart verdeckt wurde. –

Seine Manieren und eine gewisse fremdartige Aussprache fielen William auf. »Das ist kein Engländer,« dachte er bei sich. –

»Seid Ihr von London, Herr?« fragte er.

»Ja, von London.«

»Seid Ihr schon lange in Holland?«

»Was liegt daran?« wich der Unbekannte scherzend aus. »Ihr seid jung und gleicht trotz Eurer Bildung den Leuten aus dem Volke, die sofort wissen wollen, mit wem sie es zu thun haben. Laßt mich ein wenig im Dunkeln, ich werde so Eure Neugierde mehr reizen, und Ihr werdet meiner Rede mehr Aufmerksamkeit schenken. Mein Alter wird Euch ein Bürge für meine Klugheit sein. Ich bin 43 Jahre alt.«

»Ich kannte einen Narren, der 64 Jahre alt war,« sagte Shakespeare.

»Sehr stolz,« fuhr der Ritter fort, als spräche er mit sich selbst. – »Scharfsinnig, stolz und treu. – Verzeiht, ich ziehe ganz laut die scharfen Umrisse Eures Charakters.«

In diesem Augenblick erhob sich im Saale ein schrecklicher Aufruhr. Zwischen zwei Gruppen der Trinkenden war ein Streit entstanden, und Fäuste schlugen auf den Tisch. Eine schwere Flasche, mit großer Kraft geschleudert, streifte das Gesicht der blonden Eva, und zerschlug in tausend Stücken an der Wand.

Als der Wirt die Gefahr sah, in der sein Kind geschwebt hatte, geriet er in heftige Wut. Sein ungeheures Gesicht wurde fahl, er warf sich zwischen die Kämpfenden. »Ihr habt beinahe meine Tochter getötet! Kanaillen, Banditen, hinaus mit euch! Nie dürft ihr mir wieder herein – ich bring' euch um, mögt ihr Geusen sein, soviel ihr wollt!« – Er schnaubte wie ein Büffel und fuchtelte mit den kleinen Armen umher. Seine schrille Stimme ließ seine Gebärden noch komischer erscheinen und lenkte die Geusen von ihrem Streit ab.

»Du verlierst den Kopf, Giftmischer!« –

»Lauter, lauter, alter roter Hahn!« –

»Dein Fett wird schmelzen!«

Eva stürzte auf ihren Vater zu und versuchte, ihn zum Schweigen zu bringen und zu trösten. »Es ist mir ja nichts geschehen; es geschah ja nicht absichtlich.« – Ihre schönen Augen flehten um Nachsicht. – Er streichelte, küßte sie und begann dann wieder zu schmähen: »Mein Herzchen, mein Liebchen, wenn sie dir 'was gethan hätten – wenn ihr sie verwundet hättet! Ich hätte euch alle umgebracht. – Hast du dich nicht geängstigt? Wirst du nicht krank werden? Wer ist der Lump, der diese Flasche geschleudert hat?«

Erschöpft sank er auf eine Bank nieder, hielt aber seine Tochter bei den Armen fest und bedeckte sie mit Küssen. Die Edelleute zuckten die Achseln. Ihre Heiterkeit war dahin, und der Abend endigte in schlechter Laune.

»Leb' wohl, alter Narr! Wenn ich je wieder den Fuß in deine alte Baracke setze, so will ich verfl – –«

»Ich kümmere mich viel um Eure Kundschaft. Guten Abend, geht zum Teufel!«

»Wir werden ihm von dir erzählen!«

Einzelweise oder in murrenden Gruppen entfernten sich die Gäste. – Shakespeare, den diese ganze Scene interessiert hatte, sah ihnen nach, wie sie sich in nachlässigem, stolzem Gange entfernten. Die meisten hatten große Bäuche, um die sie breite Ledergürtel geschnallt trugen; manche waren schlank und jünger und trugen feine Degen oder Dolche. – Er bewunderte diese heldenhaften Genußlinge, die sich für die Unabhängigkeit ihres Vaterlandes opferten. – Die Sarkasmen des Ritters John mißfielen ihm. Dieser, rittlings auf seinem Stuhle sitzend, murmelte nicht gerade schmeichelhafte Bemerkungen vor sich hin: »Solche Tölpel wollen Verteidiger sein – das nennt sich Bettler und platzt vor Fressen –«

»Warum macht Ihr diese Bemerkungen nicht laut?«

»Weil wir in einer Zeit leben, junger Mann, in der man die Wahrheit nur verkünden darf, wenn man hundert Bewaffnete hinter sich, vor sich und zur Seite hat.«

»Und die Märtyrer?«

»Sie maßen ihren Reden so viel Wichtigkeit zu, daß sie sie ihrem Leben vorzogen. Aber das war eine schlechte Berechnung. Denn jedes sich öffnende Grab schließt einen Mund.« –

Moorels, noch immer zitternd, trat herein. »Meine Tochter verwunden! Begreift Ihr das, Ihr Herren? Ich habe mich hinreißen lassen, aber ich konnte mir nicht helfen. Pah, es sind gute Jungen! Auch ist der »Holznapf« der Zusammenkunftsort der Patrioten. Man nennt mich den Vater der Geusen. Ich habe sie schon zu einer Zeit aufgenommen, da es noch ein gefährlich Ding war. Beinahe mußte ich meine Haut dabei lassen. Meine Kleine war glücklicherweise nicht bei mir; ich hatte sie zu Verwandten im Norden geschickt, wohin die Mörder nicht kamen.«

Eva, von einigen Dienerinnen unterstützt, that Gläser und Flaschen in den Schrank. Dann wurden die Fenster mit schweren Laden geschlossen.

»Mein Liebchen ist eine Patriotin, Ihr Herren; und wie mutig sie ist! Eine wahre Löwin! Als sie den Mord des Schweigsamen erfuhr, war sie wie toll. Sie wiegelte die Vorübergehenden auf. Ich habe ihr die Lieder aus meiner Jugendzeit gelehrt. Sie singt sie prächtig. – Eva, laß' doch das Geschirr und sing' uns etwas vor dem Schlafengehen.«

»Aber Vater, ich habe sie vergessen.«

»Ich bitte dich, du kränkst mich sonst.«

Auch der Ritter John bat um ein Lied. Endlich setzte sich das junge Mädchen neben dem Vater nieder und stimmte, einen Arm um seinen Hals schlingend, mit ein wenig herber, aber höchst ausdrucksvoller Stimme ein Haß- und Trutzlied gegen den Herzog Alba an, dessen Refrain Moorels mitbrüllte:

»Und seine Leber, sein Herz, seine Lung',
Die werfen wir den Schweinen hin«.

In den Blicken des Alten glühte es auf. Er sah die Flammen der Scheiterhaufen, die Mönche, die Kruzifixe wieder vor sich, hörte den Schrei der Opfer, der Verwandten und Freunde, die durch den Rauch und die Kirchengesänge hindurch ihre Sache den Lebenden anvertrauten. Diese stolzen Bilder erregten seine Muskeln und gaben seinem Körper die kühne Haltung der Erinnerung. Eva fühlte mit ihm mit. Mit ihren goldenen Zieraten und ihren plötzlich hart gewordenen Augen erschien sie Shakespeare wie eine antike Amazone. Er beobachtete ihre starr gewordenen Hände, ihren vom Gesang und Zorn geschwellten Hals, den schmerzlich und spöttisch verzogenen Mund. Die Söhne dieser Sängerin würden mannhafte Krieger sein und ihre Schwerter auf den Nerven der Feinde einen wilden Kriegstanz spielen. So werden die Rächer gesäet –

»Wir werfen ihn den Schweinen hin,
Wir werfen ihn den Schweinen hin!«

»Bravo! großartig!« Der Ritter John schien ganz begeistert zu sein. Moorels umarmte seine Kleine. »Nun, habe ich gelogen? Sie rührt alles in mir auf.« – Er warf sich auf den Boden und faltete die Hände. »Das Herz unseres Vaterlandes klopft in ihrem hübschen Herzchen. – Wenn Ihr wüßtet, Ihr Herren, was für einen Eindruck ihre Stimme auf mich macht, so würdet Ihr mich lächerlich finden. – Ich gehe ins Paradies ein, ich höre meine Frau und meine Mutter, die mich sehr geliebt haben. Ich habe Lust, zu schluchzen und vor Freude zu springen.«

Eva lachte gerührt. – »Steh' doch auf, die Herren werden sich über dich lustig machen.« –

»Du hast recht, ich gehe schlafen.« –

»Ich zuerst. Gute Nacht, Ihr Herren, gute Nacht, Vater!« –

Er preßte sie lange in seine Arme; sie verschwand flink. Moorels zitterte vor Erregung. »Manchmal des Nachts gehe ich an ihre Zimmerthüre, um auf ihr Atmen zu horchen,« sagte er. »Wenn Wind geht, höre ich nichts, aber wenn die Luft still ist, ist es gerade so, als ob man ganz leise mit Spitzen raschele. – Früh morgens kommt sie in mein Zimmer und lacht und geht hin und her. Sie ist wie ein Vogel. Und was für drollige Geschichten sie mir erzählt! Sie sieht ernsthaft aus, weil sie schüchtern ist, aber sie treibt allerlei Possen – Verzeiht, Ihr Herren, ich ermüde Euch; aber wenn es sich um sie handelt, kann ich nicht still werden. Ein Glück, daß ich nicht weiß, wer jene Flasche geworfen hat. – Eure Zimmer sind bereit; Herr – Euer Name ist für einen Fremden schwer auszusprechen« –

»Shakespeare« –

»Ich hoffe, daß Ihr zufrieden sein werdet – guten Abend, Ritter, guten Abend, Ihr Herren!« –

Er trabte mit seinen geschwollenen Beinen davon. William und sein Gefährte erhoben sich, wünschten einander gute Nacht und folgten ihm.

Am nächsten Morgen schritt Shakespeare schon zu früher Stunde, nach neuen Eindrücken begierig, nach Aufregung lechzend, voll brennender Neugierde in Rotterdam umher. Durch eine gute Nacht in einem bequemen Bette hatte er sich von der Ermüdung der Ueberfahrt erholt. Es war ein klarer Tag. Gegenüber dem »Holznapf,« auf dem anderen Kanalufer drehte eine ungeheure, schwarze Mühle stumm ihre Flügel, die immer unermüdlich riesige, dreieckige Stücke des blauen Himmels zu mahlen schienen. Auch sonst waren am Horizont, hinter den Häusern und Kanälen, Mühlen sichtbar, die sich eifrig ihrer Arbeit hingaben. Sie bildeten bewegliche Silhouetten zwischen den steifen Masten der Schiffe. Wegen der frühen Stunde waren auf den Quais anfangs nur wenige Leute zu sehen, zumeist geschäftige Hausfrauen, Trunkenbolde, die die Sonne geweckt hatte, Soldaten, die auf Wache zogen. Die letzteren sahen mißtrauisch drein und hatten ernsthafte Mienen, die bewiesen, daß das Land im Belagerungszustande war; ihre schweren Stiefel hämmerten im Takte auf den Boden. Bald begann sich auch das Leben auf den Schiffen zu regen, und Zurufe in allen Sprachen ertönten. Shakespeare gefiel dieses Schauspiel. Wenn er nach London ging, brachte er oft den Tag an den Ufern der Themse zu, dort, wo das starke Herz der Großstadt schlägt. Aber hier war vieles anders: Alles, der ungewohnte Klang der Sprache, das Gewirre der Gestalten und Interessen, eine seltsame Mischung von Krieg und Handel, die enge Verbindung der Schiffe, der Häuser und Mühlen, zog ihn lebhaft an. Er bemühte sich, in diesem Lande, das für seine Augen ganz neu war, die nationalen Typen, jene großen, körperlichen Kennzeichen herauszufinden, die eine Rasse auf einige Familien beschränken und den Schlüssel zu den Temperamenten geben. –

Eine Frau schalt ihren Gatten; es war ein kräftiger Greis, mit energischen Zügen, der sich aber demütig vor ihren Vorwürfen beugte. Ringsum lachten die Matrosen höhnisch. Als sie müde zu sein schien, ergriff sie ihr Gatte beim Arm und zog sie sanft aus der Gruppe fort. In dieser Bewegung lag so viel Zartheit, daß der junge Mann darüber staunte. Aber das sind flüchtige und geheime Schönheiten. Kann man das Geheimnis eines Händedrucks, einen flüchtigen Augenblick, einen Umstand anderen zugänglich machen? Ein Dramaturg, dachte er – denn seine Leidenschaft bezog alles auf das Theater – ein Dramaturg muß so beiseite lassen, was den Duft des Lebens ausmacht – das feine Spiel der Gebärden, Blicke und andere unaussprechliche Aeußerungen des Seins, durch die sich eine Seele plötzlich enthüllt. Ich streife an zahllosen Leuten vorüber, sehe ihre Formen und Farben, wohne mannigfaltigen kleinen Scenen bei und fühle überall etwas Unausdrückbares. Um die Erregung zu beschreiben, die mir dieser Greis verursachte, wäre ein ganzes Buch nötig – aber eines, das nicht mit Worten, sondern mit Gefühlen und Regungen geschrieben ist. Das kommt daher, daß ich mich in dem Zustande eines Sehers befand. Während sich die anderen an dem Hafen des Lebens tummeln, wo eine Entladung aller Gefühle, ein Umtausch aller Gedanken stattfindet, stehe ich selbst wie ein verschlossenes, geheimnisvolles Haus da, das aber von dem ausgedehntesten Schauspiel, von meinem eigenen, eine ganze gärende Welt umfassenden Leben, erfüllt wird. Wie werden diese beiden Wirbel sich vereinigen? Vor allem, wie kann man dieses Zusammenfließen der beiden Ströme sichtbar und greifbar machen, selbst mit Hilfe der Sprache und Gebärden?«

Obwohl zwei stämmige Seeleute ihn anstießen und die Abfahrt eines Schiffes mit schwarzem Segelwerk den Kanal in Aufruhr brachte, wurden seine Betrachtungen immer spitzfindiger. »Manchmal bin ich fröhlich gestimmt und wohne der Fröhlichkeit anderer bei; dann erfolgt eine Häufung und Summierung der Eindrücke. Aber wenn ich traurig bin und der Fröhlichkeit anderer beiwohne, durchdringen und bekämpfen einander die Strömungen; dann überschwemmt mich die Woge der Schwermut. Und dieser Zustand verleiht gleich der Einsamkeit die Fähigkeit alles zu verstehen, weil er beide Sprachen, die der Freude und der Trauer, vermischt, in denen die Tragikomödie »Der Mensch« geschrieben wird. In mir dreht sich eine Mühle; zwei ihrer Flügel leuchten, zwei sind dunkel, und unaufhörlich zermahlen sie meinen Himmel.«

Der grüblerische Traum verschwand. Die Wirklichkeit erfaßte ihn wieder, und während die Glocken mit aller Kraft läuteten, während die Menge immer dichter wurde und mitten im Freien eine Art Markt sich bildete, auf dem die Gevatterinnen miteinander stritten, während die feinen Maste ihre schwankenden Schatten über rote Gemüse und goldene Früchte warfen, bemerkte er eine Gruppe von Kindern. Es waren kleine Knaben und Mädchen mit entschlossenen, schlauen Gesichtern, denen ein älterer Knabe in schlechtem Deutsch eine Geschichte erzählte: »Da packte der Schwan den abscheulichen Spanier mit seinem Schnabel und schüttelte ihn fest. Dann verschlang er ihn und am nächsten Tage hatte er Leibweh.« Seine Spielkameraden lachten. William trat näher. Kinder erregten ihn wie Gedichte mit immer neuen Strophen. Ihre rasche, schmiegsame Phantasie stimmte mit der seinen überein; es fehlten ihr jene langweiligen Zwischenglieder, gewissermaßen der unreine Niederschlag der reiferen Jahre.

»Was ist das für eine Geschichte?« fragte er den Erzähler.

Das Kind warf ihm einen bösen Blick zu. »Zuerst sage mir, aus welchem Lande du bist.«

»Ich bin ein Engländer.«

»Dann ist's gut; die Engländer sind unsere Freunde. Es giebt überall Spione.« –

»Was ist das für ein Schwan?«

»Das ist ein Tier, das weniger fragt, als du.« –

Diese Antwort erregte allgemeine Heiterkeit.

»Du hast unrecht, so mit mir zu sprechen,« meinte William. »Das ist nicht gastfreundlich. Ich liebe Holland sehr.«

»Dann sprich: Tod den Spaniern!«

»Tod den Spaniern!«

»Nieder mit Farnese!«

»›Nieder mit Farnese!‹ Was für ein seltsames Spiel ist das?«

»Das ist kein Spiel, sondern eine Uebung. Wenn wir sie töten werden, können wir ihnen wenigstens etwas vorsingen.«

»Möchtest du also gerne töten?«

»Solange einer von den Verfluchten in den Niederlanden bleibt, werden wir, meine Kameraden und ich, unsere Dolche schärfen. Die Mädchen werden die Verwundeten pflegen. Nicht war, Mädels?«

»Ja! Ja! Ja!«

»Du weißt, daß der Schweigsame ermordet ward?«

»Ja!« –

»Nun, dann sieh' diese Hände an. Sie werden nicht eher ruhig sein, als bis sie von spanischem Blute rot sind.«

Der kleine Kerl sprach mit bestimmtem Tone, mit der Sicherheit eines Feldherrn; seine geschwätzige Schar war ernst geworden.

»Wie alt bist du?«

»Alt genug, um unsere Väter zu rächen, und hinter den Querpfeifen zu gehen; ich bin 12 Jahre alt.« Und er machte eine Gebärde, als spiele er ein Kriegslied auf.

»Wie heißt du?«

»Lukas!«

»Und ihr anderen denkt wie er?«

»Ja! Alle, alle!«

Daraufhin tanzten die Kinder, sich bei den Händen haltend, um Shakespeare herum und sangen:

»Und England wird uns helfen,
Sie spießen und braten und fangen,
Und England wird uns helfen,
Das Gesindel zu verjagen.«

Dann liefen sie springend und lachend hinweg.

Shakespeare schritt weiter. Es kam ihm der Gedanke, daß die Kinder an der Brust der Völker ein ungeheures Volk bilden, aus dem man die künftigen Ereignisse herauslesen kann. Was sie vor sich sehen, fällt in ihre stürmischen Herzen und bildet den fruchtbaren Samen für ihre Handlungen. – Diese von Ekel und Haß erfüllten kleinen Holländer würden ihr Land befreien; vielleicht würden sie dabei sterben, da die Aufgabe zu schwer war. Das Pflichtgefühl, das die Rache einflößt, genügt nicht; um sie zu erfüllen, bedarf es auch der Muskeln. Dieser große Baum erfordert reichliches Mark. Die Leidenschaften der Jugend sind so zähe, daß sie den Körper durch das Uebermaß der Bilder zerstören.

Und der Dichter träumte von einem Bunde energischer Kinder, die von langer Hand eine Befreiung oder Rache für ihre niedergemetzelten Väter vorbereiteten. Mit dem reiferen Alter nahm die Kraft ihres Rachegefühls ab, und da der Augenblick zur Verwirklichung gekommen war, fehlte ihnen die Willenskraft dazu. Weiterhin stellte er sich ein einziges Wesen vor, das eine solche Last zu tragen hätte; es erlag unter dem Gewichte und bot den Zuschauern den Anblick einer erschöpften Seele. Die Zuckungen und das Aufbäumen dieser Seele würde zugleich ein Spiegelbild unserer erfolglosen Wünsche, unserer hoffnungslosen Schicksale, unserer in Vernichtung endenden Gelüste darbieten.

In einem Nebengäßchen richtete ein Bücherantiquar seinen Laden her. Er gähnte und reckte sich, als hätte er schlecht geschlafen. Sein noch junges Gesicht war mit Schmarren und Narben bedeckt, die tiefen Runzeln glichen.

Shakespeare liebte gute Bücher und verschmähte nicht einmal die schlechten, nicht einmal solche, die nur der Beichte oder der flüchtigen Laune eines mittelmäßigen Autors ihr Dasein verdanken. Oft findet sich auch in den leichtsinnig verfaßten oder den allzumühsam gefeilten Werken ein verkannter Keim, der nur der Wärme einer echten Phantasie bedarf, um zu einer duftenden Blume aufzuwachsen. Das schönste aller Werke entstünde vielleicht durch die Zusammenstellung aller interessanten Worte, die untergeordnete Schriftsteller da und dort sagten, und die nur auf ihre Propheten warten.

Er trat also bei dem Antiquar ein und fragte, wie es seine Gewohnheit war: »Was giebt es Neues?« – Aber der Mann schüttelte seinen narbigen Kopf. »Nichts, Herr, nichts, armer Herr! Der Geist hat keine Zeit mehr zu schaffen. Die heutige Stunde gehört Schmähschriften, theologischen Diskussionen, italienischen Makkaronis und geographischen Werken.«

Der Dichter, der neben einem Haufen von Büchern stand, betrachtete die wunderlichen Titel, die ihn in der That nicht lockten. Der Verkäufer interessierte ihn mehr.

»Woher rührt diese Armut?«

»Vom Kriegslärm, Herr, von der Gewaltthätigkeit, von der Verrohung der Sitten. Ich war Soldat, war Geuse; seht meine Narben. Ich bin im Blute gewatet, habe Köpfe zerschlagen, meine Stiefel mit Menschenfett gefettet; jetzt habe ich genug davon und griff daher zu diesem friedlichen Berufe. Aber die Welt ist, wie ich; sie hat den Krieg satt. Die Bildung hat derart abgenommen, daß man nur noch Bilder kauft.«

»Und in England?«

»Oh, England liebt noch die Poesie. Eure Harfen haben noch einen guten Klang. Aber Frankreich, Spanien, Deutschland und selbst Italien, das schöne Vaterland der alten Meisterwerke, sind von ihren gegenwärtigen niedrigen Aufgaben so voll und berauscht, daß auch die Kunst dort sich herabwürdigen und ihnen dienstbar werden mußte.«

Ein Berg von Büchern fiel zusammen. »Hebt sie nicht auf; es ist nicht der Mühe wert! Sie sollen bleiben, wo sie sind! Es sind die faulen Kunststücke Luthers und seines Trosses. Seid ruhig, in fünf Minuten wird ein Fanatiker eintreten und diese Wunderdinge aufheben, abstäuben und küssen.«

William blätterte in einem Erasmus. Der Buchhändler lächelte enttäuscht. »Ja, das ist jetzt unser großer Mann! Ihr werdet seinen Namen in der ganzen Stadt hören. Ich finde keinen Geschmack an ihm. Seine Feinheit ist gewöhnlich, seine Phantasie beschränkt; es ist nichts Wahrhaftes in ihm.«

»Ich glaube, daß Ihr Eure Zeit zu sehr anschwärzt,« antwortete der Dichter. »Was heute häßlich erscheint, wird im Laufe der Zeiten schön erscheinen. Ein Plutarch wird das Leben vieler Leute, die Ihr verachtet, veredeln.« –

»Plutarch, Plutarch!« Der Mann zuckte die Achseln. »Das ist auch ein Eiferer für große Feldherrn und Prahlhänse, ein Naiver, auf den Geschrei und Hinterhalte Eindruck machen. Ich habe diese Dinge aus der Nähe gesehen; nein, um dieser Welt zu entfliehen, setze ich mich in einen Winkel meines Ladens und öffne aufs Geratewohl meinen Virgil.«

»Den Schlachtenmaler!«

»Ich spreche nicht von der Aeneide. Was mir gefällt, sind die »Georgica«. Sonnige, ruhige Stunden, während die Bienen in der blauen Luft summen – das ist Poesie. Ich liebe auch Plato mit seinen herrlichen Profilen, den jungen Männern und Philosophen, die Freundschaft und Liebe verbinden, mit seinen Sätzen aus poliertem Elfenbein und seinen mit Sentenzen geschmückten Portiken. Ach! einst war kein Mangel an diesen blendenden Gedanken zu finden, an diesen göttlichen Träumern. Die Erde war ein seliger Aufenthalt. – Schrecken Euch Gotteslästerungen, Herr?«

»Das hängt davon ab, welche Form man ihnen giebt.«

»Wisset also, daß die allgemeine Traurigkeit davon kommt, daß es nur mehr einen einzigen Gott giebt. Man streitet über ihn, und die verschiedenen Temperamente schreiben ihm verschiedene, einander widersprechende Eigenschaften zu. Daher die Reformatoren, die Scheiterhaufen, die Inquisition. Einst hatten die Nordländer ihren Gott, und die Südländer wieder einen anderen; Weingärten, Wälder, Ernten, Berge und Ebenen hatten ihre Götter. Es gab einen Gott für Traurige und Schwermütige, einen für Fröhliche und Gesunde, einen für Lasterhafte, einen für Tugendhafte u. s. w. Ein jeder ging in seinen Tempel, und keinem fiel es ein, den des Nachbarn umzuwerfen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zur Ueberzeugung, daß die Offenbarung eines einzigen Gottes ein großer, ein nicht wieder gut zu machender Fehler war.«

Da Shakespeare nicht antwortete, fuhr er fort: »Ihr macht ein mürrisch Gesicht, Ihr seid jung und nährt Euch von Vorurteilen; für mich waren meine Wunden ebensoviele Augen, die mir halfen, klar zu sehen. Holland ekelt mich, Europa widert mich an, das Jahrhundert empört mich. Ich spotte über die meisten Dinge, die meine Zeitgenossen respektieren, und die, über die sie spotten, verehre ich. So befinde ich mich wie auf einer Insel, auf der ich einsam, aber zufrieden lebe. Wäret Ihr kein Fremder, so würde ich nicht so sprechen. Wenn ich allein bin, lese und lese ich immer zu. Ich schiffe mich auf einem der kleinen, gebundenen Boote ein, auf die Ihr in diesem Augenblick den Ellenbogen stützt, und lande an entfernten Küsten. Ich sehe lächelnde Kurtisanen mit langen Haaren und funkelnd von Geschmeide, flötenspielende Weise und junge, grübelnde Wüstlinge auf mich zukommen. Krieger jage ich wütend davon. Der einzige Erträgliche war Koriolan, weil die Poesie sich in ihm in Form von Verrat regte; aber seine Gewissensbisse machen ihn verhaßt. Ihr lacht und haltet mich für paradox. Ich schwöre Euch, daß ich aufrichtig bin. Ach, Herr, wann werdet Ihr es müde sein, das Tier im Menschen zu bewundern und den niedrigsten Instinkt zu verherrlichen?«

»Ich nehme an, daß ein Künstler, ein junger Künstler, ein junges Werk unternehmen will,« fiel Shakespeare ein. »Wie soll er da ein Thema finden, wenn Ihr ihm die Gewaltthaten verschließt?«

»Im Traum, Herr! Seit ein einziger Gott alle anderen Götter abgesetzt hat, fliegen glücklicherweise genug Sylphen, Kobolde und Feen in der Luft umher, um mit ihrer Hilfe aufregende Abenteuer zu bevölkern. Der ganze Olymp schweift durch den Raum – bläuliche Phantome, strahlende oder gespenstische Visionen, Kobolde, die kleine vergoldete Wagen ziehen, Gnomen, die sich für die Suppe ebenso interessieren wie für Philosophie, böse Nachtgeister, die im Mondenschein vor der Kirchhofsthüre kauern. Erzählt uns solche Geschichten, Herr, und ich weissage Euch eine Zukunft.« – Der Buchhändler erhitzte sich. Seine Narben wurden rot, und seine Nasenflügel zuckten. – »Flieht, flieht den Boden mit den verpesteten Ausdünstungen, den Boden mit seinen Würmern und Kadavern, den Boden, an dem die Pfoten und Füße kleben, über den die häßlichen Schnecken kriechen. In Zeiten, da das Häßliche vorherrscht, ist die wahre Poesie nur in den Lüften zu suchen.«

Der anfangs zurückhaltende, junge Mann wurde nun von der Beredsamkeit des seltsamen Buchhändlers hingerissen, der in Ermanglung von Flügeln den Raum mit seinen langen Armen durchmaß. Irgend ein unsichtbarer Dreifuß schien den Antiquar zu erregen. »Denkt an die Blumen, Herr, denkt an die Vögel. Vertraut Euch den Quellen, horcht auf das Mondlicht, horcht vor allem auf die Träume, die wunderbaren Träume, diese Wolken der Seele, die alle Tropfen der Gefühle aufsaugen und herrliche Formen annehmen. Ach, wenn ich die geheimnisvolle Macht besäße, wenn ich die Perle meines Denkens in der Flüssigkeit einer rhythmischen Sprache auflösen könnte, würde ich diese Wunderdinge feiern! Ich würde das Ohr der Menschen bezaubern und sie vielleicht besser machen.« Der Redner hielt, von seiner langen Tirade erschöpft, inne. Aber wie ein ins Ziel geschleuderter Wurfspieß vibrierte er noch und blitzte Shakespeare mit seinen grauen, von tanzenden Lichtern erhellten Augen an. William hatte sich diese Theorien schon zu eigen gemacht. Während der Antiquar sprach, bereicherte sich sein Streben und der Kreis seiner Vorstellungen, und seine Aufrichtigkeit ließ ihn dem Antiquar zustimmen. Er gefiel sich auch in dem Gedanken, dieses Feuer in den Dienst einer anderen Leidenschaft zu stellen und sich die Veränderungen auszumalen, die in Sprache, Haltung und Physiognomie entstehen würden.

Als die Begeisterung des Antiquars auf ihrem Gipfel angelangt und erschöpft war, wollte er sie wieder beleben.

»Ich gebe diese Apotheose der Feerie zu, aber gesteht, daß die Wirklichkeit mächtigere Rechte hat. Ich bin überzeugt, daß Ihr während des ganzen letzten Monats an nichts anderes denken konntet, als an die Ermordung Wilhelms des Schweigsamen.«

»Sprecht mir nicht von dieser gräßlichen Begebenheit,« rief der Buchhändler, und seine Augen wurden feucht. »Sie hat mich so menschenfeindlich gemacht. Ich sah, wie wenig Seelengröße hienieden verstanden wird. Ich fühle die Nutzlosigkeit jedes edlen Bestrebens, jeder Großmut. Ach, Herr, was war das für ein Mann! Ein Heiliger! Und was für ein gutes Lächeln hatte er!«

»Warum nannte man ihn den ›Schweigsamen‹?«

»Weil er ein Dichter und der Schwermut unterworfen war. Stets zwischen seinen Pflichten und seinen Träumen hin und her geworfen, opferte er der Menschheit die Blüte der Menschheit. Jetzt fängt man schon an, ihn zu vergessen – es ist kaum einen Monat her. Die Kunden, die in meinen Laden kommen, sprechen von etwas anderem; sie sind nicht mehr so besessen, wie zuerst. – Ihr geht?«

»Der Hunger quält mich. Ich kehre in den Gasthof zurück.«

»Ich will Euch ein Geschenk machen.« – Er reichte seinem Besucher ein zierliches Buch. – »Es sind leere Seiten, und Ihr könnt Eure Eindrücke darin eintragen. Das ist auf der Reise manchmal sehr nützlich.«

Als Shakespeare in den »Holznapf« zurückgekehrt war, und an der Tafel zwischen dem Ritter John und Eva, dem Vater Moorels gegenüber, saß, erzählte er von dem Buchhändler. –

»Das ist ein Narr,« erklärte der Ritter kalt. – »Als ich neulich so wie Ihr durch die Stadt schlenderte, trat ich in sein Loch ein, und er erzählte mir ebenfalls eine Menge Geschichten, albernes Zeug.«

»Er hat mich lebhaft interessiert.«

»Mich nicht. Ich verabscheue die Verwirrung, das Chaos. Was mir gefällt, sind richtige, modern gefaßte Ideen.«

William, den diese Widersprüche seines Landsmannes ärgerten, schwieg.

»Was hat meine süße Eva heute morgen getrieben?« fragte der Wirt. »Ich fing schon an, unruhig zu werden.«

Das junge Mädchen sah nachdenklich aus. »Ich war auf dem Markte,« antwortete sie zerstreut.

Shakespeare bemerkte unter ihren blauen Augen zwei schwarze Ringe.

»Und wem bist du begegnet, mein Liebchen, mein Engelchen?«

»Niemandem von Bedeutung, lauter Gevattern oder Schwätzern. Die Leute erzählten, daß die Unseren bei der Furt von Middelburg einen Trupp Spanier erwischt hätten, die in Seeland landeten. Man hat sie alle gefangen genommen. Wenn es wahr ist, wird man sie hierher bringen.«

Eine lebhafte Freude malte sich auf dem dicken Gesichte Moorels'. »Was, eine so wunderbare Nachricht verbirgst du uns? Ha! Ha!« Er rieb sich die kleinen, fetten Hände. »Wir werden Euch lehren, Ihr Herren, das edle Blut wittern zu wollen, das Ihr vergossen habt! Die Hunde, die Teufel! Hoffentlich wird man sie so martern, daß sie es nicht wagen werden, mit ihrer zerrissenen Haut vor ihrem Vater, dem Satan, zu erscheinen.«

»Sind ihrer viele?« fragte der Ritter John.

»Ich hoffe es, Herr,« antwortete Eva lebhaft.

»Eine rührende Nächstenliebe!« lachte der Engländer höhnisch.

»Nächstenliebe, Nächstenliebe,« sprach Moorels. »Wozu denn? Herr, wir wären Narren, wenn wir für diese wilden Tiere das geringste menschliche Gefühl hätten. Sie haben unser Holland verwüstet, Frauen und Kinder niedergemetzelt, Städte verbrannt, in Harlem zwanzigtausend und in Leyden zehntausend Menschen getötet.«

»Zu Zeiten des Herzogs Alba, den der Himmel zermalmen möge, trat man bei jedem Schritte auf Leichen,« fiel Eva ein. Sie schüttelte zornig den Kopf, so daß ihr goldener Schmuck sich bewegte.

»Und aus welchem Grunde wollen uns die Ungeheuer unterwerfen? Um uns ihren unedlen, bestialischen, blutigen Glauben aufzudringen, von dem wir nichts wissen wollen. Ihr höchster Gottesdienst war die Ermordung unseres Führers, unseres Wilhelm, für den jeder von uns mit Freuden sein Leben hingegeben hätte.«

Der Ritter John schien nicht zuzuhören. Er schlug nachlässig mit seiner Gabel auf den Tisch.

Der Wirt erhob sein Glas. »Ich trinke auf den Fang, den wichtigen Fang!« Er wischte sich die Lippen ab, zog seine Tochter an sich und umarmte sie fieberhaft. »Mein Liebchen, du bist das Abbild deiner Mutter. Sie lechzte auch nach Rache. Abends, wenn wir im Bette lagen, sprach sie davon, wie von einem Traume, wie von der herrlichsten Sache, die es gibt. Wir hörten das Schießen. Fielen die Spanier, fielen unsere Brüder? Meine milde Eva, du fürchtest den Tod nicht?«

»Gewiß nicht, Vater! Ich bin in seinem Schatten geboren und liebe ihn.« Das weiße Gesicht leuchtete seltsam. »Es giebt Stunden, da ich ihn herbeiwünsche.«

»Sprich' nicht so, sprich' nicht so! Was würde aus deinem Alten, wenn du ihn zurückläßt? Wenn der Krieg wieder anfängt, bringe ich dich fort von hier. Ja! ja! Magst du auch noch so viel dein hübsches Köpfchen schütteln. Es sind schon viele stolze Häupter von Holländerinnen gefallen; den Schurken macht es ein Vergnügen, ihnen die Augen auszustechen. Oh! deine großen, edlen, göttlichen Augen! Das grausame Eisen würde sie durchbohren, deine zarten Händchen –« er bedeckte sie mit leidenschaftlichen, raschen Küssen – »deine Füßchen, deren Tritt auf den Dielen mein Herz klopfen läßt, würden von den spanischen Stiefeln zerquetscht werden. – Oh Grauen, das darf nicht sein!«

Diese Inbrunst regte Shakespeare heftig auf. Durch das vernehmliche unaufhörliche Brausen des Todes hatte sich das Leben in diesem Lande, in dem Feuer und Schwert an ihrer düsteren Arbeit waren, auf ein höheres Niveau gehoben. Die tragischen Kräfte traten aus diesem alten Wirte mit der wunderlichen Gestalt ebenso natürlich hervor, wie aus den Helden Plutarchs. Seine schlanke Tochter schien zu einer jener Thaten bereit zu sein, die den schwachen, unbekannten Namen der Frau unsterblich machen. Den jungen Dichter überlief ein Zittern, wie jedesmal, wenn ein heftiges Verlangen ihn belebte. Aber als sein Blick dem Evas begegnete, wendete sie sich mit einer Art von Zorn ab. Ein verächtliches Lächeln verzog ihren feinen Mund. In einem Nu hatte sie die Huldigung verstanden und abgewiesen.

Nach der Mahlzeit nahm der Ritter John William beiseite. »Mein lieber Landsmann, ich sehe, daß ich Euch mißfiel, und das thut mir leid, denn Ihr seid mir außerordentlich sympathisch. Fürchtet nichts! Ich habe es weder auf Eure Börse, die übrigens ziemlich schlecht gespickt sein muß, noch auf Euer kostbares Leben abgesehen. Ich sage das ohne Ironie, weil Ihr mit einem ungewöhnlichen Geiste begabt seid. Kommt also in mein Zimmer mit und laßt uns ein paar Augenblicke miteinander plaudern.«

Der junge Mann ließ sich, wie stets, durch die Begierde, Neues kennen zu lernen, leiten.

»Ein neuer Charakter wird sich mir öffnen,« dachte er, während er dem Ritter folgte. »Wir wollen, ehe diese Grotte sich wieder schließt, so rasch als möglich ihre Schätze forttragen.«

Das Gemach, das sie betraten, war kalt und kahl. An der Mauer hingen ein langer Degen und ein paar Pistolen; auf einem kleinen Tische lagen einige Bücher.

»Setzt Euch,« sagte der rätselhafte Ritter John gebieterisch. Sein Gesicht sah ironisch und stolz aus; er fuhr sich mehrmals mit den langen Fingern durch den schwarzen Schnurrbart. »Wir wollen durch die große Thüre der Freimütigkeit miteinander in Verbindung treten,« sagte er. »Ich bin kein Engländer. Nehmt nicht diese erstaunte Miene an, denn Ihr habt ohnehin daran gezweifelt; bemüht Euch auch nicht, meine Nationalität zu erraten, denn ich habe keine. Mein Lieber, ich bin ein Soldat eigener Art. Ich habe mich ohne Waffen anwerben lassen, und diese Pistolen dienen nur zu meiner persönlichen Verteidigung. Dabei habe ich sehr berühmte, sehr starke und gefürchtete Kameraden, Führer, die ich verehre, und zahlreiche Feinde. Hier lebe ich unter ihnen, aber unbekannt, heimlich, verstohlen; wenn Ihr die Thüre öffnen, und das, was ich Euch leise erzähle, laut hinausschreien würdet, käme der alte Moorels sogleich herbeigelaufen, um mich mit eigenen Händen zu erwürgen.«

»Ihr seid Spanier,« rief Shakespeare. »Ich habe es mir gedacht.«

»Ihr geht zu rasch vor, mein Lieber, viel zu rasch. Laßt doch, da Ihr ins Theater vernarrt seid, die Wahrheit wie in den antiken Stücken nach und nach ans Licht kommen; raubt nicht dem Zuschauer durch ungeschickte Vorankündigung der Lösung sein Vergnügen. Ich erkläre Euch jetzt, daß ich die Spanier vorziehe; freilich, sie würgen, köpfen, brennen und schneiden, aber die anderen thun dasselbe. Das sind wechselseitige Phänomene, die von der notwendigen menschlichen Wildheit herrühren. Aber sie haben vor ihren Nachahmern den Vorteil, daß sie für einen Glauben kämpfen, der der wahre ist.«

»Ein Jeder hält seinen Glauben für gut und hängt an ihm. Es ist abscheulich, im Namen einer Religion der Sanftmut andere zu peinigen.«

»Halt, Ihr verwirrt alles! Gleich bei Euren ersten Worten gestern abend, habe ich Eure Intelligenz lebhaft bewundert. Bei einem jungen Manne ist nichts so herrlich, wie die Intelligenz. Sie ist eine Erleuchtung des Körpers und der Seele. Aber sie darf nicht den tiefen geistigen Kräften schaden, die in dem katholischen Dogma enthalten sind.«

»So waren also die Alten, alle diese prächtigen Dichtungen nichts wert? Ich erkläre Euch, daß ich sie weit höher –«

»Das ist wieder etwas anderes. Die Alten waren darauf aus, die körperliche Schönheit zu erhöhen, und das katholische Dogma hat ebenfalls sein eigenes Absehen, nämlich die moralische Schönheit zu erhöhen. Der Schatten des Kreuzes hat für die Erde ein ganz neues Muster geschaffen.«

Die Stimme des Ritters John klang bald scharf und schneidend, bald sanft überredend; dabei begleitete er seine Reden mit kleinen methodischen Handbewegungen. In der That, sein Ton hatte nichts Spöttisches an sich. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, um das richtige Wort, die richtige Form zu finden, um Shakespeare zu packen; dieser bewunderte ihn, obschon er das Spiel merkte. Aber der künstlerische Instinkt riß ihn hin; dieses Zwiegespräch wurde für ihn ein Tournier von Repliken und Argumenten, dessen Wendungen ihn reizten, und an dem er teilnahm, ohne Gefahr zu laufen, seine Ueberzeugung zu ändern.

»Ihr verwünscht die Spanier und laßt Euch von den beweglichen Reden Moorels' und seiner Tochter rühren,« fuhr der andere mit Wärme fort. »Die Spanier und ihre Könige aber wollen das Schönste, was es giebt: die Rettung der Welt! – Die Religion, sagt Ihr, ist ganz Sanftmut; aber Ihr müßt drei Perioden unterscheiden: Die Offenbarung oder Opferperiode; den Triumph oder die ruhige Periode; den Kampf oder die neue Schmerzensperiode, aus der unfehlbar das Licht hervorgehen wird. Wir sind beim Kampf. Der ungeheuerliche Irrtum Luthers und seiner Mitschuldigen hätte die Menschen beinahe ein zweitesmal ins Verderben gestürzt. Was sind einige Scheiterhaufen gegen die ewigen, allgemeinen Flammen?

Hört nur diese Legion von Verdammten, die sich in unsagbaren Schmerzen winden! Was fordern sie? Irdische, vergängliche Qualen, die sie von diesen erbarmungslosen Martern befreien würden. Die Spanier wollen die Sünder wider ihren Willen den Klauen des Teufels entreißen. Was sie hier zwischen den Ruinen und Leichen suchen, sind nicht Schätze, wertvolle Waren, Sklaven, sondern Seelen. Versteht Ihr? Seelen, in denen der wieder erstehende Glaube leuchtet. Wenn das Dogma überall wieder eingesetzt sein wird, werden sie ihr Wort erfüllt haben, und die Jahrhunderte werden ihren Namen segnen.«

»Vielleicht entschuldigt die Spanier ihr Glaube; aber vom menschlichen Standpunkte aus begehen sie Greuel,« murmelte Shakespeare.

»Vom menschlichen Standpunkte aus,« seufzte der Ritter John, indem er sich erhob und mit großen Schritten im Zimmer umherschritt. »Jetzt sind wohl für unsere Augen, für unsere Ohren, für alle unsere Sinne die Scheiterhaufen etwas Gräßliches, aber es handelt sich um die Zukunft, die ungeheure Zukunft.«

»Gedanken werden nicht in Blut erstickt.« –

»Es ist gesunder als Ueberredung, mein Lieber; der Glaube, wie die Liebe braucht das Bild des Todes.«

»Die Spanier schaffen Märtyrer; sie werden die Reformation verewigen.«

»Nein, sie werden sie vernichten. Falsche Märtyrer wirken wie Gift auf die Sekte.«

Shakespeare begann zu lachen. »Ihr seid ein wunderbarer Mann. Ihr erkennt den wahren Märtyrer am Geruche, am Geschrei, am Rösten. Dieser hier ist ein guter Märtyrer: Nero hat ihn getötet. Neue Hoffnung wird von ihm ausstrahlen. Jener ist ein schlechter: Der Herzog Alba hat ihn getötet. Er wird wie Gift auf die Sekte wirken. Seid Ihr auch ganz sicher, daß Ihr bei der Wahrheit seid?«

»Gewiß, denn ich habe den Glauben,« antwortete der Ritter John ernst. »Ich bin ein Soldat Christi und muß seine Lehre verbreiten. Er befiehlt: Geh' und ich gehe; überzeuge, und ich überzeuge; zerstöre den Irrtum, und ich zerstöre ihn. Aber Ihr habt den Teufel in Euch; man muß ihn unbedingt bannen.«

»Indem Ihr mich den Flammen überliefert?«

»Nein, nur der Meditation.« Der Ritter griff nach einem kleinen Buche, das auf dem Tische lag und reichte es Shakespeare. »Das werdet Ihr bei Eurem geistreichen Antiquar nicht finden; dennoch ist es eines der schönsten Meisterwerke des Herzens und des menschlichen Geistes. Hört nur den Titel an: Geistige Exercitien, durch die der Mensch dahin geführt wird, sich selbst zu besiegen und sein Leben zu ändern, ohne sich durch irgend eine verdeckte Fessel bestimmen zu lassen. Der Schreiber dieses Buches ist mein Herr. Ihm allein gehorche ich. Wenn Ihr diese Worte begreift, vor allem, wenn Ihr sie anwendet, werdet Ihr die ewige Seligkeit haben. Sie stehen weit über den Spaniern, den Holländern und ihren erbärmlichen Streitigkeiten. Sie passen für alle; aber sie stehen auch weit über den schmutzigen Pamphleten Luthers, Calvins, Huttens, Fischarts. Sie schmähen nicht; sie sind die bewaffnete Sanftmut.«

Sein Ton veränderte sich und wurde fast feierlich. Shakespeares Auge entging keine der Veränderungen, die sich auf diesem dunkeln Gesichte malten, und er gab ihnen im Geiste ihre jeweiligen Namen: schlau, exaltiert, mißvergnügt, schmeichelnd, unerschrocken.

»Hört mich jetzt an. Um meine Aufgabe zu erfüllen und meinem Orden zu gehorchen, lebe ich im Mittelpunkte des Hasses. Bei der geringsten Vergeßlichkeit würde ich eine Beute des Todes. Ich trotze freudig dieser scheinbaren Gefahr. Was auch geschehen möge, meine Seele wird gerettet sein. Dieses Vertrauen, diesen festen Glauben habe ich aus diesem kleinen Buche geschöpft; ich mache Euch damit ein herrliches Geschenk. Benützt es, ich beschwöre Euch. Es schien mir, daß Eure feurige Phantasie, die in Euren brennenden Augen sichtbar ist, darin eine heilige Nahrung finden wird – wer weiß, vielleicht den Blitz, der erhellt, zerschmettert und läutert.« –

Mit einer wunderbaren Leichtigkeit wechselte nun der Ritter den Gegenstand und sein Benehmen. »Ehe wir uns trennen, will ich Euch einen Rat geben: Laßt Euch von den Reizen Evas nicht fangen. Male olet – sie riecht nach Unheil. Ohne daß ihr Vater es weiß, verläßt sie nachts das Haus. Der gute Alte, wenn er das ahnen würde! Ich höre ihre leisen Schritte im Gang, denn dieses Zimmer liegt in der Nähe des ihrigen. Wisset, lieber Freund, ich errate die Zukunft; nicht durch verdammungswürdige Zaubereien, sondern einfach vermittels scharfer Beobachtung. Euch habe ich sofort beurteilt. Ich zerlege einen Charakter, wie meine Pistolen, wenn sie rostig werden.«

Sobald Shakespeare in seinem Zimmer angelangt war, schrieb er in das Büchlein des Antiquars die einfachen Worte: »Ritter John: Kunstkniffe und Art eines Fanatikers,« dann öffnete er aufs Geratewohl die »Geistlichen Exercitien« und stieß auf eine Betrachtung über den Tod. Nach zwei Seiten begann er zu gähnen. Es wurde ihm darin angeraten, seine Sinne in dieser und jener Weise anzuwenden, so daß er sich zuletzt selbst, von seinen Verwandten und Bekannten umgeben, in Todesnöten daliegen sah. Dann kamen Begräbnis, Sarg, Würmer und Skelette, zuletzt ein Gebet und das Bekenntnis vollständiger Demut. Aber das war ein plumpes, kindisches, für gewöhnliche Geister bestimmtes Verfahren. »Die armen Leute, die einer solchen Gymnastik bedürfen!« dachte der Poet bei sich, »und freilich sind die meisten Menschen von einer dickern Rinde umgeben als eine alte Eiche und merken nichts von dem herrlichen Wirbel, in den die Geburt sie geschleudert hat. Aber wo haben diese heiligen Leute her, daß der Gedanke des Todes eine Heiligung sei? Ich finde, daß er zur Schwelgerei antreibt. Er verfeinert die Empfindsamkeit bis zu wollüstiger Verzückung; da wir seit den ersten, schwankenden Schritten der Kindheit unserm Grabe zuschreiten, sollen wir es mit offenen Armen, mit schwellendem Herzen und sehnenden Augen thun. Nein, ich glaube trotz allen Bemühens nur an das Leben. Eine dunkle Religion, voll Mythologien und Symbolen, Kruzifixen und Wundern regt sich in mir. Ich habe so viele Lazarusse aus dem kalten Grabe der Leidenschaften auferstehen sehen, daß mich nichts mehr überrascht. Wer der Natur lauscht, der hört in der Wüste unaufhörlich den Schrei zahlloser Stimmen. Was Gott den Menschen vergab, ist nichts gegen das, was ein jeder sich selbst vergiebt – –«

Mehrere Tage lang erschien der Ritter John nicht mehr bei den Mahlzeiten, da er des Morgens zeitig weg ging und erst spät am Abend zurückkehrte. Shakespeare aß mit Moorels und seiner Tochter zusammen. Er betrachtete Eva verstohlen und las in ihren Augen den seltsamsten Stimmungswechsel. Bald lag darin eine grenzenlose Hoffnung, bald mischten Haß und Liebe ihre Zwillingsflammen zu einem unruhigen, starren Ausdruck. Der Wirt jedoch bemerkte davon nichts und bedeckte in seiner väterlichen Leidenschaft die schlanke, anmutige, ein Geheimnis bergende Gestalt mit Küssen und Liebkosungen. Da William davon sprach, demnächst nach Amsterdam reisen zu wollen, gab ihm Moorels einen Empfehlungsbrief an seinen Vetter Doelen. »Er hält einen Gasthof, »die rote Laterne,« den die Jugend gern aufsucht,« fügte er hinzu. »Ihr werdet Euch dort nicht langweilen. Es kommen Künstler und große Herren hin, und mein Vetter führt den Tanz an. Obwohl er nahe an die sechzig ist, ist er noch ein berüchtigter Prasser. Der Teufel muß ihn wohl erhalten, denn er füllt sich an wie eine Zisterne, frißt wie ein Schwein und ist dabei nie krank.«

Shakespeare verbrachte den Abend oft in dem Wirtshaus, indem er zerstreut auf die endlosen Gespräche der Trinkenden horchte. Die Einzelheiten der Unterhaltung waren ihm gleichgültig; nur Gebärden und Gefühle erregten sein Interesse.

Es machte ihm Vergnügen, wenn die Trunkenheit die schwerfälligen nordischen Temperamente frei enthüllte und Wildheit, Unschuld und Laster nackt zeigte. Manchmal trat ein plötzlicher Wechsel ein: Der Heuchler hatte einen Anfall von Freimut, der Schweigsame von Schwatzhaftigkeit, der Sanfte von Heftigkeit. Die Namen Farnese, Herzog Alba, Luther, Calvin, Erasmus, Wilhelm und Moritz von Oranien klangen, von schweren Zungen ausgesprochen, mit Schmähungen oder Lob bedeckt, durch alle diese Gespräche, während mächtige Fausthiebe, Degen- und Becherklirren sie begleiteten.

Shakespeare war vier Tage in Rotterdam, aber er hatte durch seine Wahrnehmungen und Beobachtungen Geist und Phantasie mit so vielen Keimen befruchtet, daß diese kurze Zeit ihm wie ein Jahr erschien. Wenn die Nacht anbrach, kamen ihm die Stunden des Morgens wie etwas unendlich und lange Vergangenes, Fernes vor. Er gab sich diesem berauschenden Zustand mit außerordentlichem Genusse hin, denn er wünschte vor allem, sich in seinen Gedanken schrankenlos ergehen zu können. – Wie hart ihm auch die Prüfung ankommen mochte, er hatte sich fest gelobt, den Seinigen nicht zu schreiben, und der unruhige Zustand der Länder, die er zu bereisen gedachte, ließ ihn auch von ihnen keine Nachricht erwarten. Allein und frei, hatte er so den ungeheuren Vorteil vollständiger Unabhängigkeit und konnte das Weltall betrachten, als werde es bei jedem Schritte neu vor ihm geboren.

Während er an einem prächtigen Sonnentage voll flammenden Goldes durch eine schmutzige Straße schritt, die zur Maas führte, hörte er einen lauten Lärm, durch den die scharfen Töne der Querpfeifen schrillten. Männer, Weiber und Kinder begleiteten einen Soldatentrupp mit kriegerischen Schritten, unter wildem Lärm und Gebärden. Shakespeare erkannte den kleinen Lukas. »Wohin gehst du?« rief er ihm zu, während ihn der Strom selbst mitriß.

»Ich will zusehen, wie man die Mörder tötet. Kommt auch mit, es wird lustig sein!«

Die Spanier, die man bei der Furt von Middelburg erwischt hatte, wurden jetzt zur Folter geführt. Die stolzen, düsteren, hageren Gestalten schritten mit gefesselten und auf dem Rücken zusammengeschnürten Händen zwischen zwei Doppelreihen von Musketen und Piken tragenden Geusen mutig dem Tode zu. Man hatte ihnen groteske, spitzige Mützen aufgesetzt, die die Inquisition parodieren sollten. Der Anblick dieses verhaßten Symbols reizte den Haß der Menge auf, aber die rauhen Gesichter der Spanier blieben unbeweglich, und William behielt ihre finsteren Blicke, die scharf waren wie polierter Stahl, auf ewig im Gedächtnis. Er folgte der Menge. Steine und Verwünschungen flogen wie wilde Vögel umher; Zorn und Freude verzerrten die Gesichter. Aus allen Nebengassen liefen noch Leute herbei.

»Tod den Piraten!« – Geballte Fäuste reckten sich in die heiße Luft. Aus plötzlich aufgerissenen Fenstern ertönten Beschimpfungen, und man spie auf die Verhaßten. Die Hunde bellten, die Glocken läuteten, und die Querpfeifen gaben zu diesem Lärm den Takt.

Als die Rotte auf dem breiten, geräumigen, leuchtenden Quai anlangte, entstand eine Stauung. Ein Kreis wurde gebildet. Zwischen den hohen Silhouetten der Maste erschienen die grünen Wiesen des jenseitigen Ufers. Eine laute Stimme gebot Schweigen. Die Spanier standen gefesselt und geknebelt mitten in der Sonne im Mittelpunkte der Scene und hörten, verächtlich lächelnd, das in verwickelten, juridischen Formeln und Definitionen abgefaßte Urteil an, das ihnen der Gerichtsschreiber, ein Mann von starkem Aeußern und friedlichem Gesicht, vorlas. In dem Gedränge war Shakespeare zufällig in die erste Reihe geraten. Seine Augen überflogen das große Menschengewimmel. Zwischen den dickbäuchigen Bürgern drängten sich viele Frauen; einige trugen ihre Kinder, reckten zornig die Köpfe vor, und ihr goldener Schmuck glitzerte. Hinter diesen Köpfen erhoben sich andere, neugierige, haßerfüllte, mit Hüten, Mützen oder Hauben bedeckte, ernste, blasse oder gerötete Köpfe, mit denen die braunen Gesichter auf der Folterstätte einen auffallenden Kontrast bildeten. Dicht neben sich bemerkte der Dichter Eva mit ihrer hübschen Gestalt, ihrem Füßchen, das stets ein wenig aus dem grünen Sammetrock hervorsah, und ihrem weißen Nacken. Die Haltung ihres Körpers drückte Aufmerksamkeit aus, und während sie sich vorbeugte, sah er, daß ihr Blick von einem wilden Feuer belebt wurde.

Nun trat der Henker vor, gefolgt von seinen Gehilfen, die sorgfältig eine Reihe von komplizierten, in der Sonne blitzenden Apparaten herrichteten. Er war ein kräftiger, in Rot und Schwarz gekleideter Mann; von seinem Gürtel hingen Messer und hölzerne Werkzeuge herab. William betrachtete seine ungeheuren Hände – diese Hände, so geübt, Schmerz zuzufügen, Blut zu vergießen und auf jede Weise schweren Todeskampf zu bringen. Der Mann war wie eine Todesmaschine. Er empfing und führte den Befehl aus ohne Freude, ohne Widerwillen, ohne Zorn und befriedigte als empfindungsloses Werkzeug die Leidenschaften seiner Mitbürger.

Das erste Opfer trat vor, ohne zu zittern. Er war groß, bleich, und seine Haltung war so edel, daß er, obwohl er auf ebenem Boden einherging, Stufen hinanzuschreiten schien. Der Henker ergriff zwei Holzspäne und trieb sie gerade unter die Lider. Die Augen, zwei feuchte, blutige Kugeln, sprangen heraus. Shakespeare, von Grauen erfüllt, sah das Gesicht zucken, aber der Körper blieb unbeweglich. Die Gehilfen entkleideten ihn geschickt, indem sie die Stiefel, die Hosen, die Lederriemen des Leibrockes zerschnitten und aufschnürten. Gleich einer Schlangenhaut fielen diese Stücke zu Boden. Der Spanier blieb nackt und hochaufgerichtet stehen. Auf seiner haarigen Brust bildete eine Art Tätowierung ein schwarzes Kreuz und die Jungfrau. Ein ungeheures Zetergeschrei erhob sich. Der Henker nahm ein glühendes Messer von einer Kohlenpfanne und schnitt rasch und zierlich, als zerteile er ein seltenes Fleischstück, Hautstreifen ab, die bei der Berührung des heißen Eisens zischten. Zuerst kam der Bauch an die Reihe, dann die Brust, dann die Arme, die Finger, bis unter die Achselhöhle. Schwarzes Blut bezeichnete den Weg. Die Hautstreifen schrumpften ein, und ein versengter Geruch verbreitete sich. Mittlerweile begann die bisher aufmerksame und ruhige Menge zu trampeln. Der Anblick des Folterns hatte sie berauscht; Gelächter und Schmähungen ertönten, und man warf dem Märtyrer die Missethaten seines Volkes, den Tod Wilhelms des Schweigsamen vor. Die Frauen nannten den verfluchten Namen des Herzogs Alba zugleich mit dem ihrer Väter und Gatten, die in einem erbarmungslosen Kriege gefallen waren. Gesichter erhoben sich zum Himmel und flehten ihn an, diese gerechten Leiden, die Schärfe des Stahls, das Brennen des Feuers zu erhöhen. Andere weinten vor Schmerz und Wut. Die dickbäuchigen Bürger standen mit verschränkten Armen da und machten spöttische Mienen. Diese Martern gaben ihnen weder ihr verlorenes Vermögen, noch ihre versenkten Schiffe oder ihre geplünderten Häuser zurück, aber sie würden ein abschreckendes Beispiel sein. Die Geusen hingegen, die die Gefangenen bewachten, waren an derlei Schauspiele gewöhnt und begannen sich nach einigen zerstreuten Blicken unter lebhaften Gebärden zu streiten. Die lautesten Schreier waren die Kinder, die sich bis in den inneren Kreis vorgedrängt hatten; sie klatschten in die Hände, fluchten, stürmten, trieben den Henker an und weideten sich lärmend an jeder Einzelheit.

Shakespeare empfand eine wilde Angst, der sich ein herbes, furchtbares Vergnügen beigesellte. Was ihn derart erhitzte, war nicht das der Scene eigene Gemisch von Unerschrockenheit und Feigheit, nicht die grausame und rachgierige Menge, die der Blutthat neue Blutthat entgegensetzte; es war auch nicht der Anblick des Unglücklichen, der jetzt blutbefleckt am Boden lag. Nein, alle diese Empfindungen zusammen kämpften zwar deutlich in seiner Seele, aber über ihnen strahlte gleich der Sonne über diesem armen braunen Körper die wilde, ungezügelte Freude an der Kunst und dem Drama. Vergeblich flehte er zu dem Mitleid, dieser unnahbaren, geheimnisvollen Herrscherin, die manchmal um eines Hundes oder Bettlers, um eines weinenden Kindes oder einer herzzerreißenden Gebärde willen von ihrem Thron herabsteigt, und manchmal im Angesicht einer blutigen Schlacht, eines Haufens von Leichen stumm und unbeweglich die Lippen zusammenpreßt. »Komm',« flehte er, »komm' herab, die du oft ohne Ursache meine Augen mit Thränen füllst und meinem Herzen den feurigen Pulsschlag der Hingebung verleihst, – du, die du mir das Opfer als die Sühne all der Schmerzen zeigst, die ich des Nachts, wenn ein unerklärlicher, ferner Schrei mich weckt, rings um mich auf Erden lebendig fühle! Daß doch das Mitgefühl, der Grundzug meines Wesens, sich in dieser Minute zu mir herabsenken und diese fleischliche und schändliche Wollust verscheuchen möchte!« Aber das Mitleid regte sich nicht, und von fieberhafter Kälte geschüttelt, fuhr der Dichter fort, zu beobachten. –

In dem gräßlich entstellten Körper war noch ein Rest von Leben zurückgeblieben, denn ein dumpfes Stöhnen drang aus dem schäumenden, verzerrten Munde. Da stimmte die düstere Schar der Spanier, um diese Schwäche zu verhüllen, ein Kriegslied, einen heroischen Sang an, der den Tod eines Helden feierte. Der Leichnam rührte sich nicht mehr. Die Seele war, begleitet vom rauhen Trotzgesang der Brüder, emporgestiegen.

Der Nächste sang noch, als der Henker ihn empfing. Er war schlank, schwächlich und sah in den Händen des kräftigen Holländers wie ein Spielzeug aus. Er sang, als man ihm die Ohren und die große, gebogene Nase aus seinem olivenbraunen Gesichte schnitt. Der Refrain, in den die Seinigen einfielen, übertönte das Beifallklatschen der Menge. Er sang, als man ihm die Gelenke der Knie und Ellenbogen aufschnitt und mit Pfeffer bestreute; er sang, während seine Füße auf den glühenden Platten einschrumpften. Nun machte sich der Folterer an diesen zähen Mund und die marternde Holzbirne zerriß ihn. Ein dumpfes Krachen bezeugte das Bersten der Kinnbacken. Er fiel zu Boden, wollte aber nicht sterben, und seine Augen, die verschont worden waren, blieben bis zum Ende in dem zuckenden Fleisch lebendig; als würden sie einzig beseelt von dem kühnen Liede, das die anderen unverzagt weiter sangen.

Nachdem das Blei geschmolzen war, wurde es die Nahrung des dritten, und dem vierten wurde der Kopf gespalten, nachdem man ihm die Knochen zersägt hatte. Der Henker und seine Gehilfen verloren keine Zeit. Während sie sich so eifrig über ihre Arbeit bückten, sah es aus, als pflegten sie die Opfer irgend einer furchtbaren Katastrophe, als reichten sie ihnen Arzneien, als ließen sie ihnen die liebevollste Sorgfalt angedeihen. Aber diese grimmige Sorgfalt reihte einen Leichnam an den anderen, sammelte die zerstreuten Gliedmaßen, schürte das Feuer der Kohlenpfannen, schärfte die Werkzeuge und Schwerter. –

Die zwölf Gefährten ertrugen bis zum letzten die Folter ohne Schwäche, obwohl die von einer solchen Standhaftigkeit empörte Menge sie anspie und verspottete. Ihre Stimmen wurden immer schwächer, aber der letzte Ueberlebende höhnte noch den Henker durch seinen Gesang, der stärker war, als die Folter. Er wurde buchstäblich zerhackt, stückweise zerschnitten, denn er war der Führer und von stolzer Haltung. Nun ertönten die Querpfeifen. Die Zuschauer näherten sich den noch warmen Opfern, und die Kinder zogen die Leichname an den Haaren. Die Luft war verpestet; Müdigkeit und Ekel gewannen die Oberhand über den Haß. Die Arbeiter wuschen sich die Hände; die Sonne ging auf der Maas unter, das Wasser des Flusses färbte sich purpurn.

Die Menge verlief sich; die einen eilten der Stadt zu, die andern den Schiffen, wohin ihre Geschäfte sie riefen. – Shakespeare bemerkte, daß sie nicht mehr über das Schauspiel sprachen. Er selbst hatte einen bittern Geschmack im Munde; seine Beine waren steif, seine Seele grauenvoll und öde. Ein düsteres, unbestimmtes Herzweh machte ihn gegen die goldige Dämmerung, die Bewegung des Volkes ringsum, den rosigen, klaren Horizont gleichgültig. – So endete das Heldentum in Fäulnis und Kot. Eine Pyramide von Leichnamen – das war der Schluß dieses Glaubensaktes, wie der Ritter John es nannte, dieses Widerstandes, dieses Hasses –

Hinter ihm ertönte eine sanfte Stimme: »Kehrt Ihr in den Gasthof zurück, Herr Shakespeare?« – Es war Eva, die leicht der Stadt zuschritt.

»Ja!«

»Dann werde ich Euch begleiten, denn ich kehre auch heim. Mein Vater wird sehr glücklich sein, wenn ich ihm das Schauspiel erzähle.«

Shakespeare dachte an das Wort des Ritters John: Male olet. Das blutdürstige junge Mädchen flößte ihm Widerwillen ein, und er antwortete: »Ich habe es ekelhaft gefunden.«

Sie war darob nicht böse, sondern antwortete einfach: »Das kommt daher, weil Ihr den Tod nicht liebt.« – »Freilich, ich bin eine Patriotin,« fuhr sie fort, da er sie erstaunt ansah. »Aber was mir bei diesem Schauspiel mehr gefallen hat, das war der Tod selbst. Ich schätze es, wenn man ihm tapfer entgegentritt.« Sie dachte nach, und ihre blauen Augen nahmen einen feierlichen Ausdruck an. »Diese Spanier waren tapfer. Ich liebe den Tod unter allen seinen Verkleidungen, besonders aber, wenn er im Gewand der Gewaltthat naht. Das versetzt mich in Begeisterung. Ich hatte Lust, mich dem Henker darzubieten und ihm zuzurufen: »Nimm mich hin!« Ach, wenn ich in der schrecklichen Zeit alt genug gewesen wäre, was für ein schönes Ende hätte ich da gefunden!«

Sie schritten nebeneinander her, und ihr grüner Sammetrock streifte ihn. Die ungeheure Scheibe der Sonne ging langsam in einem Flammenpalast unter. Sie wies mit dem Finger, an dem ihr goldener Ring glitzerte, darauf. »Seht sie an! Ist sie nicht herrlich, wenn sie stirbt? So ist es bei allen Wesen – ihre Gedanken scheinen edel und rührend zu werden. – Wie schön die Männer vorhin sangen! Mich überlief's. – Was ich da sage, scheint Euch seltsam zu sein; aber ich bin unter Mord und Brand geboren worden und trage vielleicht auf meiner Stirn ein verhängnisvolles Zeichen.«

»Wenn Euer Vater das hörte, würde er erschrecken,« sagte Shakespeare. »Er liebt Euch so sehr.«

»Oh, mein armer Vater kennt mich nicht. Ich habe ihm meine wirkliche Natur immer verborgen. Wenn ich mir seine Verzweiflung vorstelle, so er durch Zufall meinen Leichnam erblicken würde, ergreift mich eine innige Rührung. Als ich klein war, unterhielt es mich, von hoch, sehr hoch, herabzuspringen, so daß ich mir beinahe das Genick gebrochen hätte, und dabei rief ich aus vollem Halse: Um so schlimmer für mich.«

Und sie lächelte. »Als Ihr ankamt, saht Ihr mich verliebt an. Ihr werdet nun sehen, wie thöricht das war. Die Liebe ist für mich ein gefälliger Gott, der die Form eines Leichentuches annimmt. Zwischen zwei Wesen, die sich lieben, befinden sich immer brennende Fackeln, betende Greise; darum bleibt man einander so fern.«

Diese wunderlichen Worte, diese melodische Stimme entflammten den jungen Mann. Er legte seine Hand auf die feine bleiche Hand Evas, die sich sacht zurückzog.

»Lasset, sie ist zu kalt und will nicht mehr erwärmt werden. Herr, der Tod hat einen süßen Geschmack; der Tod hat einen stolzen Blick; der Tod ist schöner als eine mit Kleinodien beladene Geliebte. Weiht Euch ihm, seid sein Ritter! Ihr werdet die schönsten Pferde und die prächtigsten Häuser haben. –«

Er deutete auf die funkelnden Kanäle, in denen sich das Licht, die schwankenden Schiffe, das brausende Leben spiegelte. »Und all' das soll man verlassen?«

»Pah! Das ist eine Thür, die man aufstößt, ohne hinter sich zu blicken. Denkt Ihr denn unaufhörlich an die Stunde, die Euch verläßt, wenn Ihr in die Stunde ohne Stunde eingeht? – Ich bilde mir ein, daß in dem Lande, in dem sich jetzt die Spanier mit ihren zerstückelten Körpern und ihren verzerrten Mienen befinden, alles sehr frei und ungebunden ist.« – Sie machte eine hübsche Gebärde, als erfreue sie ein heiterer Gedanke. »Alles schwebt und fließt durcheinander, ohne irgend aufgehalten zu werden. Ach, der Tod wird mich antreten, ohne mich zu verletzen, denn er ist ein alter Bekannter. Wie oft habe ich schon an ihn gedacht!«

Sie langten beim »Holznapf« an, und sie verließ ihn mit schmerzlichem Auflachen. Als er in sein Zimmer trat, fand er dort den Ritter John vor. »Ich habe Euch erwartet, mein Lieber,« sagte er. »Ich will Abschied von Euch nehmen. In wenigen Stunden wird Rotterdam nur mehr ein Wort in meiner Erinnerung sein.«

»Wie, Ihr reist ab?«

»Gewiß; man ruft mich zurück. Uebrigens weiß ich jetzt alles, was ich zu wissen brauchte. Meinen Aufenthalt verlängern, hieße eine nutzlose Unvorsichtigkeit begehen.«

»So wird also nur eine halbe Freundschaft zwischen uns bestanden haben, da die Hälfte Eures Gesichtes für mich im Dunkeln bleibt.«

»Ei, ei, junger Mann, Ihr seid neugierig. Das ist das schönste aller Laster. Bei Eurer forschenden Natur habt Ihr Euch sofort gefragt: Worin besteht das Geheimnis dieses Sonderlings? Was verbirgt er unter seinem Federhut? Was bedeutet sein langes Ausbleiben, seine Zurückhaltung, was bedeuten seine unbestimmten Ratschläge? Wozu gab er mir heimlich jenes kleine Buch, obwohl es nur philosophische Vorschriften enthält? – Aber richtig, habt Ihr das Büchlein auch nur durchgeblättert?«

»Offen gestanden, erschien es mir fade.«

Auf dem Gesichte des Ritters malte sich beträchtliche Ironie.

»Fade! Ja, das ist die richtige Definition. Fade, wie gewisse tropische Früchte, die süßlich schmecken und einem dabei hinterher den Mund zerreißen. Was Euch verletzte, war das Mißverhältnis zwischen Eurer Einbildungskraft und den kurzen moralischen Vorschriften, die es erteilt. Wisset, daß ein Werk, das sich an alle wendet, auch Schlüssel für alle haben muß. Ihr habt ohne Zweifel den unrichtigen ergriffen; nun, Ihr werdet es später einsehen. Aber für den Fall, daß Eure abenteuerliche Fahrt Euch nach Deutschland führen sollte, ist hier ein Brief, der Euch nicht schädlich sein wird.« – Er reichte ihm ein sorgfältig versiegeltes viereckiges Papier. »Wenn Ihr nach Hamburg kommt, einer wichtigen Stadt, die von Schiffen wimmelt, so erkundigt Euch nach dem Gasthof zu den »drei Kronen.« Der Wirt ist ein scheußlicher Zwerg, dem auf der Stirne eine ungeheure gelbe Warze sitzt. Wenn Ihr ihn zum erstenmale seht, so sprecht: » Semper olim.« Das wird die beste Empfehlung sein. Uebergebt ihm dann diesen Brief, auf dem die drei Buchstaben A, B, C, stehen, und er wird Euch den Adressaten zeigen. Mein Freund, das ist eine Persönlichkeit, deren Gespräch Euch entzücken, deren Einfluß Euch sehr nützlich sein wird.«

»Ihr seid geheimnisvoll wie eine unterirdische Grotte, aber ich danke Euch für diesen Beweis des Interesses,« sagte Shakespeare, indem er das Papier ergriff.

»Er ist größer, als Ihr denkt, mein Lieber. Wenn ich auch sehr mißtrauisch bin, ist doch mein Mitgefühl rege. – Habt Ihr von den unglücklichen Spaniern gehört, die heute gefoltert wurden?«

»Ich wohnte der Folter bei.«

»Ah! – Sind sie gut gestorben?«

»Wunderbar.«

»Habt Ihr einen Kleinen, mit gelbgrüner Hautfarbe und einer großen Nase bemerkt?«

»Gewiß. Das ist ein Held. Man hat ihm die Ohren und das Kinn ausgerissen, die Knie aufgeschlitzt und den Mund mit der Folterbirne aufgebrochen, – aber was habt Ihr? Warum werdet Ihr so bleich?«

In der That, der Ritter John war furchtbar fahl geworden; seine Beine zitterten, und er mußte die Lehne eines Stuhles ergreifen, um aufrecht zu bleiben. –

»Es ist nichts – eine gewöhnliche, vorübergehende Schwäche. – Das Kind hat also Mut gezeigt?«

»Einen antiken Mut. Er sang während seines Martyriums ein wunderliches Lied mit vielen O's, das seine Gefährten im Chor wiederholten. Nie werde ich diesen magern, zuckenden Körper, diesen schrecklichen Blick vergessen.«

Der Ritter John schlug ein großes Kreuz und fiel auf die Knie. Sein Gebet dauerte einige Minuten. Als er sich erhob, ergriff er die Hände Williams und sagte einfach: »Das war mein Bruder, mein armer kleiner Bruder. Ich habe ihn in den Armen gehalten, verzärtelt, gepflegt, in der Furcht Gottes und in der Verachtung der Menschen aufgezogen. Der Himmel öffnet sich ihm! Seine Henker werden ihre Strafe erhalten.« –

»Ich wußte wohl, daß er ein Spanier ist,« dachte Shakespeare. Er hätte gern einige tröstende Worte gefunden, aber die Last des Tages machte ihn stumm. Er vermochte nur traurig den Kopf zu schütteln.

»Nun ist meine letzte irdische Fessel zerrissen,« fuhr der Ritter mit dumpfer Stimme fort. »Der Herr wollte mich ganz verwaisen und einzig seinem Altar weihen – ohne mich von irgend einer Fessel bestimmen zu lassen – Ich sage Euch: Das Buch ist nicht fade. Lebt wohl!«

Er drückte sich den Federhut auf den Kopf, schnallte seinen Degen um und entfernte sich mit raschen Schritten.

Am nächsten Morgen zur Frühstückstunde zeigte es sich, daß die so pünktliche Eva noch nicht heimgekehrt war.

Vater Moorels ging sehr aufgeregt in dem zu dieser Zeit leeren Wirtshaussaale auf und ab, und Shakespeare bemühte sich vergeblich, ihn zu trösten.

»Sie wird durch irgend eine Gevatterin zurückgehalten worden sein; vielleicht hat sie eine Verwandte besucht.«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Es giebt keine Gevatterin, keine Verwandte, die sie ihren Gewohnheiten abwendig machen würde. Sie fürchtet sich, mich zu beunruhigen, denn sie weiß, daß die geringste Verspätung mich aufregt.«

Er ließ die Dienstleute kommen und fragte sie zornig aus. Aber alle antworteten dasselbe: »Die Jungfer war mit ihrem Korbe auf den Markt zum Einkaufen gegangen; sie hatte mit niemandem gesprochen.«

Wohl zehnmal hintereinander stieg Moorels in das Zimmer seiner Tochter hinauf, was ganz thöricht war, weil sie durch den Saal gehen mußte. – Endlich setzte man sich zu Tische. Er aß nicht, ging jeden Augenblick auf den Quai hinaus, spähte in die Ferne und befragte die Leute, die vorübergingen. Aber keiner hatte Eva gesehen.

Der Nachmittag verging mit vergeblichem Warten. Allmählich wurde der Alte immer aufgeregter. Anfangs war er still; nun stieß er tiefe Seufzer aus, rief »o Gott« und »gebe es der Himmel,« und seine Augen sahen in dem dicken, ziegelroten Gesichte noch kleiner aus. Er packte Shakespeare beim Arm und entwickelte ihm seine Vermutungen, indem er selbst nach einer Erklärung dieser befremdlichen Verspätung suchte. Der Dichter, der sich des Gespräches von gestern entsann, war nicht ohne Unruhe. Seit der Folter der Spanier und dem Abschied des Ritters John empfand er ein Gefühl von Angst. Es war ihm, als schwebe Unheil in der Luft.

»Ei, Papa Moorels, deine Tochter wird wiederkommen! Sie ist dir nicht verloren gegangen.«

»Sie wird mit ihrem Galan einen Spaziergang gemacht haben.«

»Sie ist ja kein wilder Vogel. Sie weiß den Weg zum Nest.«

Unter solchen Qualen kam der Abend heran. Der Alte, der sich nicht mehr beherrschen konnte, ging auf die Suche nach seinem Kinde aus, und Shakespeare begleitete ihn.

Dem Dichter schien sich die Stadt unter dem Einfluß der Nacht und der Ungeduld wie ein langer Pergamentstreifen zu entfalten, der ein unleserliches Geheimnis einschloß. Lichter liefen über die Kanäle, wie auf der Suche nach einer geheimnisvollen That, die hohen Häuser unter dem wolkigen Himmel verbargen viel Unbekanntes, und die Schiffe, die unbewegten Mühlen wisperten sich tragische Geschichten zu.

Sie liefen mehr, als sie gingen. Moorels sprach die Patrouillen, die Brückenwächter, die verspäteten Fährleute an und wurde nicht müde, Evas Aussehen zu beschreiben. »Ein junges blondes Mädchen, von wunderbarer Schönheit mit einem Korb am Arme; es ist meine Tochter, meine Tochter.«

Manche hielten ihre Laternen vor das Gesicht der zwei wunderlichen Gefährten und machten eine ausweichende Gebärde, da sie ihre wirkliche Angst sahen. Andere spotteten oder gaben Ratschläge: »Geht dahin, geht dorthin!«

Sie gingen überall hin; aber überall erhielten sie verneinende Antworten. Ein Trunkenbold hing sich an sie. »Hört mal, ich kenne so'n blondes junges Mädchen.« Moorels stieß ihn mit der Faust zurück.

Shakespeare meinte in einer namenlosen, phantastischen Traumstadt umherzuirren. Er teilte die Todesangst des Wirtes und war überzeugt, daß seine Phantasie denselben Weg nehme, wie die Moorels. Er stellte sich vor, Eva wäre ertrunken, verloren, ermordet, geflohen, vielleicht gar von grausamen Menschen gefangen.

»Habt Ihr Feinde?«

»Nein, daß ich nicht wüßte! O Gott, o Gott, welch' ein Unglück!«

Bei einer Fährte kraute sich der Fährmann den Kopf. »Ein junges blondes Mädchen mit einem Korb am Arm? Ja, ich glaube, heute morgen – aber ich bin nicht sicher, ob sie einen Korb am Arm hatte. 's war auch eine alte Dame dabei.«

»Denkt nach! Sie trug ein Kleid aus Sammet.« –

»Ein Kleid aus Sammet – es gehen viele in Sammetkleidern vorüber.« – Kurz, er wußte nichts mehr und fügte statt des Trostes hinzu: »Mir ist gestern auch ein Hund gestohlen worden.«

Nach den Unbekannten kamen die Verwandten, die Freunde und Freundinnen Evas an die Reihe. Es war spät, und viele lagen schon zu Bette. Sie klopften an die Thüren und weckten die griesgrämige Nachbarschaft. Eine alte Frau oder ein mürrischer Mann, im Nachtkleide, mit der Laterne in der Hand kam zum Vorschein. Der Wirt sprach unverständlich, und Shakespeare mußte für ihn reden. Aber niemand konnte ihnen Auskunft geben. Man hatte Eva seit der vorigen Woche, seit vorgestern, seit gestern nicht gesehen. Sie gingen zu einer Muhme des jungen Mädchens, zu mehreren Basen, zu einem Schmied, dessen Gesellen noch vor einer riesigen, roten Flamme arbeiteten, zu Händlern, zu einigen Geusen, die mißtrauisch ihre Thüren halb öffneten.

Shakespeare war vor Müdigkeit gebrochen. Er sah das Gesicht Moorels' nicht mehr, aber das Geräusch ihrer Schritte wurde von einem unaufhörlichen Schluchzen übertönt, und seine beruhigenden Worte blieben ohne Antwort. Was dem jungen Manne auffiel, das war die vollständige Gleichgültigkeit aller Personen, an die sie sich wandten. Sie hielten es für eine närrische Laune Moorels', und aus allen Worten klang es heraus, daß jeder hienieden sein Teil Glück und Unglück habe und daher die anderen nicht belästigen dürfe. Es waren harte, nüchterne, selbstsüchtige Bürger. Sie waren das Leid schon seit so vielen Jahren gewohnt, daß der Verlust eines jungen Mädchens kein ernstes Unglück zu sein schien.

Einmal, bei Neffen und Nichten, mit denen sich Moorels seit längerer Zeit überworfen hatte, wurden sie sogar recht schlecht empfangen. Es war ein reich mit Spiegeln, Schnitzereien und Fayencen ausgestattetes Haus, das ein Lichtstumpf trübe erhellte.

»Was geht das uns an?« antwortete der Mann mit einem bösen Lächeln.

»Ihr habt sie uns nicht zum Hüten gegeben,« fügte die Frau hinzu.

Und eine Stimme sprach aus dem Dunkel: »Zwischen uns ist alles aus.«

Moorels glaubte, daß sie mehr über die Sache wüßten. Er bat sie um Verzeihung, beschwor sie, ihm die Wahrheit zu sagen, und wurde immer demütiger, je hochmütiger die anderen waren. Zuletzt mußte Shakespeare ihn sanft hinwegführen.

Ein leichter dünner Regen fiel. Sie kehrten kotbedeckt in den »Holznapf« zurück. Das Wirtshaus war leer. Die Dienstleute hatten nichts von Eva gehört. –

»Man hat den Henker mit einem Dolch im Herzen gefunden,« sagte eine der Frauen schüchtern, wie um eine Ablenkung hervorzurufen. »Der Dolch hat die Form eines Kreuzes.« – William dachte an den Ritter John. Aber dieses Ereignis berührte Moorels nicht; er saß am Tisch, den Kopf in beide Hände gestützt, stumm und unbeweglich; in regelmäßigen Zwischenräumen flossen zwei große Thränen aus seinen Augen; die Dienstmägde sprachen leise miteinander und wagten nicht zu Bett zu gehen. Draußen klatschte der Regen; unter der Decke knisterten die Ampeln.

Shakespeare, den das Wachen in einen fieberhaften Zustand versetzte, hatte eine tolle Vision. Der Geist Evas, nur ihm sichtbar, trat weiß herein. Sie legte einen Finger auf den Mund; ihr Goldschmuck glitzerte gespenstisch, phosphoreszierend, und an ihrem nackten Fuß von vollendeter Form trug sie ebenfalls einen goldenen Ring. Sie näherte sich ihrem Vater und küßte ihn auf die Stirne. Im Raume rauschte es wie Flügel. In des Dichters Seele herrschte eine übernatürliche Unruhe, und sie öffnete sich seltsamen unerhörten Empfindungen und Vorstellungen, die ihm die Verkettung der Dinge in neuem Lichte zeigten. – Die Folter und der Gesang der Spanier, die Worte des Ritters John, das Verschwinden Evas waren die funkelnden Ringe einer silbernen Kette, die das Gespenst zu umgeben schienen und das Geheimnis der anderen Welt bildeten. Die irdischen Ursachen waren Kerkermeister, die irdischen Schmerzen Beschwörer. Denn der Schmerz Moorels' war sichtbar; eine fahle Glorie lag um sein Gesicht. Der Schmerz der Spanier wurde durch eine rote, der des Ritters John durch eine blaue Kugel versinnbildlicht. Diese Kugeln gaben einen Ton von sich, der einem melodischen Stöhnen glich; sie zogen sich an und stießen sich ab, glitten hintereinander durch, so daß ihre Farbe sich vermischte. Dann bildeten sie Zeichen, seltsame Figuren. Eva betrachtete diesen funkelnden Spuk, und ein Lächeln schwebte auf ihren feinen, blutlosen Lippen. Obwohl kein Wort aus ihrem Munde kam, verstand der Dichter ihre Sprache. Sie bestand nicht aus Worten, sondern aus so rührenden Empfindungen, daß sie ihm das Herz durchbohrte – Was für eine grimmige, durchdringende Kälte! Aus der Tiefe eines herben Schweigens stiegen die grünen Pfeile des Tages in den fahlen Himmel auf. Die Maste sahen dünn, die Schiffe und Häuser unheilvoll aus; die Mühlen drehten sich geschwind, wie von einer teuflischen Kraft getrieben. Am Horizonte erblickte man zerstreute Gliedermassen, Folterinstrumente und Blut. Ein großer roter Hahn trat aus einer Straße hervor. Sein Kamm reichte bis an die Giebel. Er pflanzte sich wie ein Feldherr vor der geschändeten Natur auf und stieß seinen prophetischen Schrei aus –

Shakespeare erwachte mit schwerem Kopf und steifen Gliedern vor dem Wirtshaustische. Die Ampeln waren erloschen; die Dienstleute schliefen in wunderlichen Stellungen, und ihre dicken Gesichter sahen ölig aus. Der Vater Moorels hatte seine Stellung nicht verändert, und seine Augen standen weit offen. Es war völlig Tag geworden, und der Regen hatte aufgehört. Plötzlich ertönt das Geräusch schwerer Schritte und ein Klopfen an der Thür. Es sind harte, böse Schläge und durchdringen das Herz wie Holzkeile. Niemand rührt sich. Die Schläge ertönen abermals, noch heftiger, und werden von einem Geräusch von Stimmen und Fluchen begleitet. Moorels hat sich nicht gerührt, seinen starren, entsetzten Blick nicht von der Thüre gewendet. Nun erhebt sich Shakespeare und geht öffnen, prallt aber schreckensstarr vor einem furchtbaren Zug zurück.

Auf einer Bahre, die vier gleiche, in Leder gekleidete Männer trugen, lag die Leiche Evas. Ohne Hülle und ohne Vorsicht war sie darauf hingelegt worden, wie man sie aus dem Kanal gezogen hatte. Ihr Gesicht war geschwollen und verzerrt, unkenntlich, ihr blondes Haar verwirrt und aufgelöst, ihre Kleider klebten am Körper, und der grüne Sammetrock bildete einige dicke, feuchte Falten über ihrem aufgeschwollenen Leib. Die Lider waren halb geschlossen, die Lippen geschwollen, die Nase eingefallen. Ihr goldener Schmuck war verschwunden, und die Spitzen hingen in langen Fetzen herab.

Die jäh erweckten Dienstleute stießen durchdringende Schreie aus, indem sie sich die Augen rieben. Sie rannten um die Bahre herum, während die Träger das Vorgefallene mit ein paar kurzen, rohen Sätzen erklärten. »Ihr Korb schwamm auf dem Wasser; ein Bursch hat uns benachrichtigt. Ei, sie war mächtig schwer.« Shakespeare hatte sich zu Moorels gewendet. Der Alte, der anfangs unbeweglich und versteinert gewesen war, richtete sich mit einem Satze auf. Die Wirklichkeit schien den bösen Traum, der ihn seit langen Stunden niederdrückte, fortzusetzen. Gleich einem ungestalten Automaten schritt er auf die unglücklichen Ueberreste seiner Tochter zu und betrachtete sie lange wie eine tragische Statue. Seine stumpfen, ausdruckslosen Blicke schweiften, wie düstere Fackeln, die ein Unglück beleuchten, von dem farblosen Haar bis zu den kleinen starren Füßen. Durch ein seltsames Phänomen war das Fett seines Gesichtes geschmolzen, so daß er eine ganz neue, verfallene, von schlaffen Runzeln durchfurchte, fahle Maske zeigte. Seine breite Brust hob sich mühsam, und in der Stille der Weinenden hörte man ein kurzes Pfeifen.

Die Männer verschwanden, und die Verzweiflung behielt freien Raum. William war es, als liege sein Herz in einem feuchten Leichentuche. Der Alte erschreckte ihn. Er berührte seine Schultern. Ein furchtbarer Schauer überlief Moorels, und mit seiner schwachen, noch dünner gewordenen Stimme murmelte er: »Ich wußte es schon seit gestern. Wie hübsch sie im Tode ist!«

Das war der höchste Irrtum, zu dem die wahnsinnigste Zärtlichkeit Zuflucht nahm. Shakespeare fühlte, wie Thränen aus den tiefsten Regionen seines Herzens aufstiegen. Mittlerweile setzten die Dienstleute die Komödie des Lärmens und Jammerns fort, weil man doch ein Unglück derart aufnehmen muß. »Tragt sie in ihr Zimmer!« befahl der Wirt kurz, und bald kreischte die Treppe unter der Last des düsteren Zuges.

Während man sie auskleidete und für die Würmer schmückte, rief Moorels im Nebenzimmer in eintönigem, gebrochenem Ton die Reue an. »Ich habe sie zu sehr geliebt! Ich habe das Unglück angelockt! Meine Liebe hat sie gemordet!« – Shakespeare erwartete einen Ausbruch lärmender Verzweiflung, aber er kam nicht. Der gute Mann bewahrte seine ganze Vernunft und hielt einen klaren Monolog: »Warum hat sie das gethan? Sie hatte keinen Kummer, keinen Verdruß; alle Welt liebte sie; wer sie erblickte, war in sie verliebt. – Hat sie Euch nicht auch das Herz bewegt? Jetzt ist es mit all' dem aus, ganz aus!«

Seine Augen blieben trocken. Manchmal schwieg er lange Zeit und dachte nach. »Ich bin so schwach, daß ich vielleicht nicht den Mut haben werde, mich zu töten. Morgen oder übermorgen oder ein andermal – Ich werde warten, ich werde sehen – Es kommt mir vor, daß mein Leben zusammengeschrumpft ist. Es ist ganz, ganz klein geworden und sitzt irgend wo in meinem Körper. Es fände in einem Fingerhut Platz. – Ihr seht ein Kind vor Euch, ein wahres Kind.« –

Er duldete nicht, daß man sie aufbahre. »Es wäre mir lieber, wenn niemand sie gekannt hätte, wenn sie wild in einer Grotte aufgewachsen wäre, wie die Mädchen, die eines Tages Königinnen werden sollen. Sie war immer meine kleine Königin.«

Das trockene Geräusch des Hammers ertönte. Shakespeare fuhr zusammen. »Zittert nicht und versucht nicht, zu sprechen, um das Totengeläute des Hammers zu übertönen. Ich habe sie nicht einmal angesehen, ehe man sie in den Sarg legte. 's ist unnütz; was ich sehen will, ist meine zierliche, lachende Eva, wie sie jeden Morgen in mein Zimmer trat.« –

Die Schläge hämmerten erbarmungslos weiter. Sie erinnerten den Dichter, an die, die am Morgen an der Thüre erschollen waren. Ein Schlag verkündigt und schließt alles Unglück. Die Ruhe Moorels machte ihm größeren Eindruck, als eine lärmende Raserei. So ist das höchste Leid. Es kehrt beinahe zur Ruhe zurück. Der furchtbare Kreis schließt sich immer.

Er dachte auch daran, daß ein Ideal manchmal über der teuersten Zuneigung steht. Der Ritter John hatte nur die Rache heraufbeschworen. Im Altertume hatten die Mütter ihre Söhne der Nation geopfert, um glückliche Omen zu erhalten. Das hätte einige Jahre zuvor auch bei Moorels der Fall sein können. Darum sagte er laut: »Wenn sie für das Vaterland gestorben wäre!«

Der Wirt schüttelte den Kopf, dessen schlaffes Fleisch jetzt tanzte. »Wenn mein Vaterland einen Hals hätte und sein Tod meine Tochter beleben könnte, würde ich es mit eigenen Händen erwürgen.«

Am Abend fand das Totenmahl statt. Es wurde im großen Saale aufgetragen, und alle Verwandten wohnten ihm bei. Sie kamen mit erkünstelter Traurigkeit, die sich rasch verflüchtigte, sobald die Fleischschüsseln und Bierkrüge kreisten. Shakespeare erkannte mehrere, die sie in der Nacht zuvor, während der traurigen Nachforschung aufgesucht hatten. In der Mitte der Tafel saß Moorels wie ein Gespenst; über seinen Augen lag noch derselbe kalte Schleier, und seine seltenen Gebärden waren seltsam verzerrt. Er saß wie auf einer düsteren Insel verloren inmitten dieser gleichgültigen Menschen, der reich geputzten, mit Gold und Spitzen bedeckten Frauen, der kräftigen lebensvollen Männer, die ihre Fröhlichkeit nur schlecht unter einer zurückhaltenden Miene verbargen. Zuerst wurde geflüstert, und daß der Name Evas ausgesprochen ward, verriet sich nur durch die Lippenbewegung des Sprechenden. Der Sitte gemäß wurde ihre Güte und ihre Schönheit gerühmt. Ein jeder fügte eine Erinnerung hinzu. William saß zwischen zwei dicken Holländerinnen, deren nackte Ellenbogen die seinen berührten, und mußte die Lawine der Fragen, der Aeußerungen des Bedauerns und anderes müßige Geschwätz über sich ergehen lassen. Er antwortete einsilbig, denn er fühlte die Heuchelei ihres Mitgefühls, die abscheulichste von allen, heraus. Nur der Vater, der nicht aß, nicht trank, sondern ganz seinem düsteren Traume hingegeben war, nahm ihn in Anspruch. Seine Gedanken flogen auch in das Zimmer hinauf, in dem, vom Sarge fest umschlossen, die anmutigste Mädchengestalt ruhte, deren zarte Haut bereits zerfiel. Nach und nach wurde die Gesellschaft lärmend und beschäftigte sich mit dem Henker, den man mit einem Dolch im Herzen tot aufgefunden hatte. Die Form des Dolches, das Zusammentreffen des Mordes mit der Folterung der Spanier, die teuflische Geschicklichkeit, die den Schlaf und den Rausch des Mannes benützt hatte, alles zusammen verriet die Hand der Jesuiten. [Seit dem Tode des Schweigsamen wußte man, daß sie in Holland umherstreiften] und ihr bloßer Name war ein Schrecken.

Wegen der Hitze blieb die Thüre offen stehen. Von Zeit zu Zeit hörte man eine klägliche Stimme. Ein mit Lumpen bedeckter Bettler flehte das Mitleid der vom Unglück erweichten Herzen an. Ein Balladenhändler trat ein. Er erbot sich, eine Klage um den Verlust einer teuren Tochter zu verfassen, und um sein Talent zu zeigen, sang er von Blumen, die der Hagel vernichtet hat, von Sternen, die die Wolken auslöschten, vom Paradiese, wo alle sich wiederfinden. Der Mann hatte ein müdes, berufsmäßiges Gesicht, und seine heuchlerischen Metaphern flößten Shakespeare einen lebhaften Widerwillen ein. Die Gäste schienen sie jedoch zu befriedigen; die Frauen wiegten ihren Kopfputz hin und her, und die Bürger nahmen ernste, gerührte Mienen an, während sie ihre vom Schmausen feuchten Blicke von dem Sänger zu dem unbeweglich dasitzenden Wirte schweifen ließen. Man wunderte sich über seine Kälte – hatte man doch erwartet, daß er mehr dem stürmischen Bilde entsprechen würde, das man sich von seiner Verzweiflung gemacht hatte.

Plötzlich entstand ein Aufruhr. Ein junger Mann stürzte in den Saal, stieß die Gesellschaft beiseite und fiel Moorels zu Füßen. »Verzeiht, verzeiht, ich habe sie getötet! Verzeiht!« Der Alte fuhr vor Erstaunen in die Höhe und zurück. Der junge Mann stand jetzt aufrecht, so daß man seine kühne Miene, seine schlanke Gestalt sehen konnte; er faltete seine Hände und legte mit lauter Stimme unter allgemeiner Ueberraschung sein Geständnis ab. »Wir liebten uns seit einem Jahre und wollten uns heiraten. Wir waren sogar verlobt, und ich hatte ihr ein Geschenk gegeben. Aber mein Vater verweigerte grausam seine Einwilligung. – O, werdet Ihr mir je verzeihen? – Als sie erfuhr, daß es unmöglich sei, beschwor sie mich, zu sterben –« Sein Ton wurde tragisch. Schluchzen unterbrach ihn; das stolze Gesicht beugte sich zur Erde – »Laß' uns alle beide sterben, alle beide sterben, wiederholte sie ohn' Unterlaß während unserer Spaziergänge, bei unseren Küssen. Sie sagte, daß sie den Tod ebenso liebe, wie mich, daß sie ihn ersehne, herbeirufe. Zuletzt gab ich ihr nach – wir waren entschlossen, sie warf sich zuerst hinein – ihr schöner Körper in dem kalten Wasser des Kanals – O! –«

»Und du?« brüllte Moorels.

»Ihr Herren, hört mich an, und mag ich verdammt sein! Ich hatte nicht den Mut, ihr zu folgen; ich hatte es bei dem Heiligsten geschworen, – an ihrer süßen Brust, bei ihren Augen – und ich konnte es nicht! Ein Schwindel ergriff mich. Den ganzen Tag lief ich wie ein Narr umher. Dann erfuhr ich, daß man sie gefunden hatte. Töte mich, Alter, befrei' mich von einem verpesteten Leben, entreiß' mich dem schmutzigen Lose eines Meineidigen, und meine Seele wird dich segnen.«

Er war herrlich anzusehen. Die Gäste hatten sich erhoben und standen in verschiedenen, aber jetzt von edleren Gefühlen zeugenden Stellungen da, und Shakespeare wurde von Begeisterung ergriffen.

In die Augen Moorels' war das Leben wiedergekehrt. Er betrachtete den jungen Mann zuerst mit Wut, dann mit Mitleid, und als er zu Ende gesprochen hatte, schwieg er ein paar Sekunden. Dann wies er ihm in einer aufrichtigen Regung den Platz neben sich an. »Setz' dich, da du sie geliebt hast, und iß mit uns!« Hierauf seufzte er tief auf und sprach mit erstickter, beschämter, kaum hörbarer Stimme: »Auch ich, ihr Vater, habe noch nicht die Kraft dazu gehabt.«

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