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Fahrten und Abenteuer des jungen Shakespeare

Léon Daudet: Fahrten und Abenteuer des jungen Shakespeare - Kapitel 2
Quellenangabe
authorLéon Daudet
titleFahrten und Abenteuer des jungen Shakespeare
publisherFranckh'sche Verlagshandlung W. Keller & Co.
yearo.J.
translatorA. Berger
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160929
projectid2035d19e
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Erstes Kapitel.

Am 10. August 1584 um fünf Uhr morgens verließ der Triton, Kapitän Blacknaff, mit geschwellten Segeln den Hafen von Dover. Sein Bestimmungsort war Rotterdam, wo er Gewürz einholen sollte.

Auf dem Bug des Schiffes stand ein junger Mann mit stolzem Antlitz und mit funkelnden Augen. Er hatte den Blick auf die hohe See gerichtet und sprach zu sich selbst:

»Was bin ich, ich schwaches Gemisch von Knochen, Muskeln und Blut, dem das gefällige Ungefähr der Sprache den Zettel ›William Shakespeare‹ aufgeklebt hat, was bin ich anderes als ein bißchen Teig, das Freude und Schmerz kneten können, bis eine Laune des Künstlers mich form- und zwecklos liegen läßt, wie einen Lehmkloß, der sich mit der Erde wieder vereinigt. In diesem Augenblick beherrscht mich die Freude, denn die Freiheit reißt mich, den Zwanzigjährigen, hin. Die grauen, unregelmäßigen niedrigen Hügel, die dort schwinden, denen der heiße Strudel des Meeres seinen nebeligen Atem zuhaucht, sind mein Vaterland, mein Heim. Dort lasse ich mein sanftes Weib und zwei kleine Wesen zurück, deren ganzer Wortschatz in dem Ruf ›Milch‹ besteht. Dort sind meine Gewohnheiten, die einanderfolgenden Schalen meines Ich, dort sind meine Erinnerungen. Aber etwas kochte in mir. Dieses Etwas nahm das Aussehen einer Hand an, die auf das Unbekannte, das Geheimnisvolle der dunkeln Mutter der Zukunft deutete, und eine Stimme riet mir, mich in den Strudel alles Seienden und Lebenden zu stürzen. Eine denkwürdige Stunde schlägt für mich. O ihr blendenden, unbeweglichen Fluten, du vielverheißender, wolkenloser Himmel, ihr allmählich in das Nichts euch verlierenden Ufer, mit frischer jungfräulicher Seele umfasse ich euch!

Die Temperatur versprach brennendheiß zu werden. Das Verhältnis der Elemente war vertauscht. Wie ein Strom geschmolzenen Bleies schwamm die Sonne auf dem trägen, matten Bett des Ozeans, während in der Ferne der Horizont dampfte. Trotzdem belebte eine frische Brise die Segel des Triton. Das Wasser schoß über seine geneigten Flanken, und voll freudigen Stolzes schien auch das Schiff vorwärts zu streben. Kapitän Blacknaff war überall zugleich. Er trieb seine aus sechs Leuten bestehende Mannschaft an, befragte Wind und Flut und besichtigte, die Hand über die Brauen gelegt, die hohe See. Er war ein dicker Geselle, ein echter Bacchusbau. Obgleich sein Bauch einer Kuppel glich, war sein Kopf knochig geblieben. Die unerschöpfliche Heiterkeit des Fünfzigers mit dem runzeligen Silengesicht war längs der ganzen Themse berühmt. Sein Lachen, die Hauptbethätigung seines Lebens, hatte drei Akte: Zunächst kam ein Zittern des ganzen Körpers, das von den Beinen ausging, sich längs der Wadensäulen dem Rumpfe mitteilte, den Hals schwellte und die Adern bläulich färbte; dann folgte eine allgemeine Verbreiterung des Gesichtes, Augen und Mund sperrten sich auf, wobei der letztere hinter einem Bart, der so gelb war, wie eine Kanne Ale, zweiunddreißig unversehrte Zähne enthüllte. Das ging nicht ohne ein donnerähnliches, schnaubendes, in mehrfachem Ausbruch sich entladendes Geräusch ab. Endlich beruhigte sich diese Eruption langsam unter Schließung der Mündungen und dem allmählichen Aufhören des Donners. Kaum war das Stück jedoch zu Ende, so fing es aus der geringsten Ursache, manchmal auch ohne jegliche oder aus entgegengesetzter Ursache von neuem an; denn das Lachen drückte alle Leidenschaften des Kapitäns aus – Zorn und Heiterkeit, Wollust und Furcht, Kälte und Hitze, Hunger und Durst.

»Hollah, Look! frisch, Jungens! Bei der Dirn, die euch geschaffen hat! hißt noch das da auf! Steuer! Fred! Steuer, Mondkalb, Steuer!«

Dieses Geschrei riß Shakespeare aus seinem Sinnen. Es widerhallte in ihm mit mit solcher Macht, daß er davon ganz erschüttert ward und seine Einbildungskraft sich sofort mit Schiffbrüchen, Schlachten und allerlei Schreckensbildern bevölkerte. Die Wirklichkeit erweckte in seinem Geiste stets so beharrliche Träume, daß sie manchmal zur Betäubung, zur Lähmung des Gehirnes führten. Aber jetzt erblickte er Fred, der in diesem Augenblick das Steuer hielt, und dieser Fred war für ihn eine Offenbarung.

Der Mann, den Kapitän Blacknaff beständig »Mondkalb« titulierte, war ein mißgestalteter Zwerg mit einem unverhältnismäßigen mit Warzen und Beulen bedeckten Schädel. Er besaß einen dünnen Körper, breite Schultern, krumme Beine und endlose Arme, die in riesige Schaufeln ausliefen. So im vollen Licht der Sonne, im vollen Glanze betrachtete Shakespeare, ganz im Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit, lange mit Behagen dieses scheusälige Wesen. Er entstellte es noch auf tausenderlei Art, machte aus ihm ein Heer von Knirpsen, ein Geschlecht von Gnomen, einen einzigen teufelähnlichen Zwerg, einen neuen, einen furchtbaren Pol der Menschheit; für ihn allein verdunkelte Fred die goldene Herrlichkeit der Natur, die unendliche, funkelnde, blaue und grüne Scheibe des miteinander verschmelzenden Himmels und Wassers. Er wurde für ihn der Geist des Bösen und Häßlichen, das tückische Schicksal, das an der Wiege der Kinder wacht, der Name der Bäume, der Kiesel, der die Felsen schafft, und im Ei der Dinge das Vorzeichen der Zerstörung ist. Das Steuer, das er mit seiner häßlichen Pfote lenkte, war in Wirklichkeit das Steuer des durch den Sternenraum jagenden Weltschiffes. Seine Kameraden hatten sich an seine Mißgestalt gewöhnt und sahen sie nicht mehr. Trotzdem wirkte sie heimlich auf sie. So bemerken wir den Dämon nicht, der unsere Pläne durchkreuzt.

»Hör mal, Passagier«, rief der Kapitän, »du kannst dich rühmen, Glück zu haben! Ein wahres Zucker- und Honigwetter! Wenn's andauert, fahren wir in zwei Tagen Holland an. Dann noch zwei Tage fürs Laden, und nächste Woche geht's wieder heim. Wirst du mitmachen? – – Nein? Du thust unrecht. Wenn wir Gewürz an Bord haben und der Himmel klar ist, haben wir das reine Paradies. Die Ladung durchduftet alles. Neulich bracht' ich ein hübsches Mädel 'rüber – Achtung, Bob! Was kommt dort für ein Segel? Klettere auf die Wanten, Jung' ... Ein hübsches Mädel von da drüben, rund und rot wie ein Apfel.« Er brach in Lachen aus. »Aber wie heißt du eigentlich, Kamerad?«

»William Shakespeare, aus Stratford am Avon.«

»Und was treibst du?«

»Ich handle mit Worten. Mein Vater mit Wolle.«

»Haha, du Possenreißer! Du bist ein müßiger Schwätzer. Das hat dich wohl kahlköpfig gemacht. Wann wirst du mir meine zwei Goldstücke aufzählen?«

»Sogleich, wenn du willst.« Der junge Mann bedachte, daß er zweihundert Pfund im Gürtel habe und dieser Schatz sich nicht so bald erschöpfen würde.

»Es eilt nicht. Ich hab' Vertrauen zu dir. Ich kannte einen Shakespeare, der war Samenhändler in einer kleinen Straße in Bankside. War ein berühmter Säufer, der in einer Sturmnacht starb, das hat niemand je erfahren. Zweifellos war er aus deiner Verwandtschaft. Zweifellos.«

Shakespeare lehnte sich an einen Mast. Mit Wonne hörte er zu, wie der Wind durch das Takelwerk wehte. Diese Harfe spielte ihm eine abenteuerliche Weise vor.

Mittlerweile beobachteten Kapitän Blacknaff und seine Mannschaft mit höchster Aufmerksamkeit das Aeußere des eben von Bob signalisierten Seglers und schon ließen sich verschiedene Meinungen darüber hören.

»'s ist ein Spanier.«

»Nein, die sind dicker.«

»Vielleicht ein Korsar.«

»Dann wär' er schon über uns her.«

»Also ein Holländer.«

»Werden sehen.«

Man sah nichts, denn der kleine Segler wendete vor dem Winde und verschwand bald.

Im selben Augenblick ließ der Wind nach, noch ein paar Mal schlugen die Segel immer schwächer an, dann hingen sie unbeweglich still, und auch das Brausen des Wassers längs der Stückpforten hörte auf. Der gräuliche Fred setzte sich mit einem ungestalten Grinsen auf seinem Steuer zurecht, und der Triton blieb gleich einem Leichnam auf einem Fleck liegen, ohne sich zu rühren.

»Verspätung, verfluchte Verspätung!« brummte der Kapitän lachend, während seine Leute den Kopf schüttelten, als glaubten sie nicht mehr an eine Brise.

»Wir werden noch nicht die Ruder einlegen,« fuhr er fort. »Manchmal kommt es von Westen, wenn man es gar nicht erwartet hat.«

Auf der ganzen Oberfläche des Meeres war auch nicht die geringste Falte mehr sichtbar. Die Glut der Sonne verwandelte den Horizont in eine Feuerhülle, das kleinste Stückchen Metall funkelte, knisterte und brannte.

»Das ist der Höllenchor,« meinte Look, ein alter Seemann, dessen ehrliches Gesicht an einen mit Tang bedeckten Felsen gemahnte. »Zu dieser Stunde, um diese Jahreszeit giebt es oft Teufel, die über die Wogen huschen und die Schiffer hinabreißen.«

»Schweig doch, du heiserer alter Seehund«, entgegnete der junge, skeptische Tom. »Die Teufel, das sind die Spanier mit ihren roten Mützen und ihrem Schweinegebrüll. Aber,« fügte er nachdenklich hinzu, »wir haben Musketen und Pulver, mit denen wir sie beschwören können.«

»Haha, Junge, du wärst mir der Rechte!« lachte der Kapitän achselzuckend. »Die Spanier sind tüchtige Seeleute. Wenn man ihnen begegnet, thut man am besten, die Flagge zu streichen und zu gehorchen – oder die See zu gewinnen, wenn die Segel gut sind. Ich bin 48 Stunden lang ihr Gefangener gewesen und weiß, was das heißt. Sie zwangen mich, ein Muttergottesbildchen und eine Menge kleiner Heiliger zu küssen – Ich fühlte, wie mir die Haut überm Gerippe zitterte. Einer war da, der der Anführer zu sein schien und in einem unverständlichen Kauderwälsch mit mir sprach. Zuletzt ließen sie mich los, nachdem sie mir zehn Tauhiebe über den Rücken gegeben hatten, die mir noch heute als Denkzeichen auf dem Hintern sitzen geblieben sind.«

Und wieder erschallte sein dröhnendes Lachen.

Shakespeare hörte nicht zu. Die Worte trafen wie tonlos sein Ohr, aber die feurige Ruhe des Meeres brannte sich ihm glühend in das Herz.

Er staunte über die fieberhafte Erregung, in die die Ortsveränderung sein Gehirn versetzte; sie war so stark, daß er in wenigen Stunden mehr Träume durchlebt hatte, als in einem ganzen Jahr in Stratford am Avon. Dabei waren diese Träumereien derart, daß sie trotz ihrer Unbestimmtheit und schwankenden Art stets auf den Menschen und seinen Charakter zurückführten. Das Wort »Stratford« überraschte ihn, wie etwas schon Fernes, das sein Herz nicht mehr klopfen ließ. Er sah vor sich wieder die Gesichter seines Vaters und seiner Frau, die Sorgenfalten, die sie bei seiner Abreise hatten, das friedlich aussehende Haus, den Hund, der vor der Thür mit dem Schweife wedelte, einen Lichtstrahl, ein dort vergessenes kleines Bündel. Er hörte das Tiktak der großen Uhr, empfand wieder die Erregung, die diese kleinen Umstände in ihm hervorgerufen hatten, und hätte sie mittels thränenfeuchter, bebender Worte auszudrücken vermocht; aber wiederaufleben lassen konnte er sie nicht, und die Scene berührte ihn nicht mehr als den Zuschauer ein Schauspiel. Die Gegenwart beschäftigte ihn zu sehr, als daß er sich aufrichtig der Vergangenheit hätte hingeben können, und er freute sich darüber. Er verglich die von der Erinnerung niedergedrückten Herzen mit jenen Mädchen, die während des Küssens sich immer einen andern Liebhaber vorstellen, als den, den ihre Arme umschlingen. Wie ein Baum, wie eine Pflanze hätte er sich ganz und gar der unmittelbaren Natur hingeben und ihr Leben in sich pulsieren fühlen mögen.

Die Matrosen bereiteten ihre Mahlzeit. Mit leichten Axthieben teilten sie einen Fisch in Stücke und tauchten ihn dann in Salzwasser. Look holte zwei Kannen Ale, die mit einem feuchten Tuch umwickelt waren, damit das Ale frisch bleibe. Ein anderer kochte ein Viertel Fleisch.

»Du wirst ein famoses Frühstück bekommen, Kamerad,« sagte der Kapitän. »Eine Mahlzeit wie sie die Königin an Festtagen hat. Hahaha! Und die Herrscher der Flut und die Sirenen werden es dir unter einem Gewölbe aus gediegenem Golde auftragen. Aber diese Ruhe erschreckt mich. Es ist mir schon passiert, daß ich zwei Tage lang fast unbeweglich daliegen mußte. Das wäre ein Unglück. Ich habe kaum genug, um meine Leute zu lohnen.«

»Wir werden rudern, Kapitän.«

»Wird wohl nötig sein, aber es wäre hart. Aber nun zu Tisch. Haha, zu Tisch! Und der Windgott mög' uns beschützen!«

Er sah die herabhängenden, unbeweglichen Segel mit ironisch flehender Miene an. Dann ließ er sich gleich seinen Gefährten nieder und lud Shakespeare ein, neben ihm Platz zu nehmen. Der Dichter vermied es voll Ekel, Fred anzuschauen, der den Dienst versah und mit seinen krummen Beinen herumsprang. Die rauhen Scherze beschäftigten ihn nicht mehr. Diese gebräunten Gesichter, die Hände, die sich nach dem Essen ausstreckten, die breiten, in Bewegung befindlichen Kinnbacken erweckten in ihm die Vorstellung von Menschenfressern, von Unglücklichen, die sich auf der See verirrt haben und gezwungen sind einander zu verzehren. Von solchen Dingen hatte er als Kind des Abends in dem kleinen Laden seines Vaters erzählen hören. Die grämliche Lampe verbreitete dabei einen unvergeßlichen Geruch, der durch den gegenwärtigen Fleischgeruch wieder lebendig wurde. Seine Phantasie gefiel sich in der Ausmalung der Perioden des Schreckens und der Empörung, denen dann wie jetzt eine Periode der Beruhigung folgt, denn nach der schlimmsten Aufregung und Erschütterung strebt die Natur immer nach dem Gleichgewicht der Ruhe. Was für eine dramatische Wirkung hätte eine Gesellschaft von friedlich lebenden Leuten gemacht, wenn man nur aus einigen kurzen, zögernden Antworten die Beschaffenheit und die grausige Notwendigkeit der aus dem Fleische von ihresgleichen bereiteten Gerichte erkannt hätte! Bei diesem Momente seiner Einbildung mußte er innerlich lächeln; einer der Matrosen wiederholte mit tierischer Beharrlichkeit: »Mein Stück hat zu lange gekocht, mein Stück hat zu lange gekocht.« Gewiß, sein Ton wie seine Gebärde hätten zu dem Gebilde seiner Phantasie gepaßt.

Shakespeare ward nun von kindlicher Neugierde ergriffen, das Grundtemperament der sieben Männer, mit denen er zwei Tage verbringen sollte, zu ergründen. Nach dem Aeußern hielt er wohl den einen für lachlustig, den zweiten für feige, den dritten für mutig, aber das waren nur äußerliche Annahmen. Er wünschte und hoffte auf etwas Zuverlässigeres, eine Offenbarung, denn er hatte bemerkt, daß ein Mensch manchmal plötzlich einen Satz ausspricht, der sein Inneres ganz öffnet, die Angel seines Schicksals zeigt oder durch einen bezeichnenden Blick oder eine rasche, die Luft durchschneidende Bewegung einem Vogel gleich seinen Todesflug andeutet. Seine Neigung zum Tragischen bewog ihn, auf dem Gesichte seiner Gegenüber nach solchen Geständnissen zu spähen. Diese Begier war auch der Grund davon, daß er niemanden einer Beachtung unwert hielt, weder Fuhrmann noch Wilddieb, noch die alte, meckernde Närrin, die man des Abends auf den Straßen von Stratford traf, weder den jungen Knaben, der bei anbrechender Nacht vor Furcht zittert, noch die Dirne, die um den Kirchhof streicht. Besitzt doch ein jeder, von der Königin bis zum Gassenmädchen, vom Herrn bis zum Bettler sein eigenes Wunder, die Thür und den Schlüssel zu diesem Wunder, d. h. eine besondere Seele, die in einem Augenblick, gleichsam seiner Apotheose sich offenbaren kann.

Shakespeare wendete sich zu dem gefräßigen Blacknaff, der bequem auf einem Schemel saß, während seine Mannschaft drunter und drüber am Fuße der Masten und neben den Kammern lag.

»Kapitän,« sagte er, »erzählt uns doch, um uns die Zeit während der Windstille zu vertreiben, irgend ein Abenteuer aus Eurem Seemannsleben. Ihr müßt gar seltsame Dinge gesehen haben!«

Der Koloß hielt geschmeichelt mit den Kaubewegungen inne und wischte sich mit der rauhen, behaarten Hand die Stirn ab. »Meiner Treu, du hast recht. Haha, ich bin soviel herumgefahren, unter so verschiedenen Himmeln herumgekommen, daß ich nicht mehr recht weiß, ob ich meine Reisen nicht geträumt habe. Manchmal schlage ich mich auf den Leib, um mir zu beweisen, daß ich am Leben bin, und dann erinnern mich diese Schläge an andere, die ich bekommen habe! So wie ihr mich hier seht, Kinder, war ich ein schrecklicher Kämpe, und wer mit Blacknaff dem Wahren, dem Blacknaff, wie er zwanzig, dreißig, sogar vierzig Jahre alt war, Händel suchte, konnte sich hinterher sagen, daß er's mit keiner Kuh zu thun gehabt hätte. Haha!«

Ein heftiges Gelächter verzerrte sein breites Gesicht mit den vorspringenden Backenknochen. Seine Matrosen stimmten, teils aus Schmeichelei, teils aus Interesse, ein; denn ein solches Vorspiel kündigte gewöhnlich Wunderdinge an. Die gefüllten Mägen stimmten zur Lustigkeit, und die Alekrüge waren vollständig geleert. Ein jeder nahm eine bequeme und malerische Stellung an. Die einen streckten sich aus, die anderen erhoben sich, und alle bildeten einen Kreis um den Erzähler. Selbst die Sonne schien aufzumerken.

»Ich war 23 Jahre alt und hatte schon sechs Reisen gemacht,« fuhr Blacknaff fort. »Eine davon mit dem berühmten Thomas Readwick, von dem ihr sicherlich habt erzählen hören; denn nachdem er ein treuer Unterthan des Königs gewesen, ward er Korsar und später gehenkt. Er starb mutig, schimpfend und fluchend wie bei Lebzeiten, vorher aber ließ er mir dies Messer, das er immer im Gürtel trug. Wenn es reden könnte, würde es von vielen Kehlen und Leibern erzählen, die es aufmachte wie Austern.« Die Klinge, die der Kapitän dabei herauszog, funkelte; alle bewunderten sie.

»Ich hatte die weiten Expeditionen satt und schiffte mich mit Vergnügen auf einer kleinen Planke, die unserem Triton glich, ein; sie sollte ganz sachte Tuch aus Glasgow holen. Der Kapitän war ein sehr stiller Mann, gerade das Widerpart von Thomas Readwick. Er fürchtete sich vor allem, vor dem Wasser, den Fischen, den Möven, vor Wind und Flut und schlug ein Kreuz, sobald es ein wenig finster wurde. Haha!«

Das laute Lachen der Zuhörer wiederhallte wie ein Echo.

»Der arme Teufel bekam sein Teil weg, denn mitten unterwegs brach der Sturm los, und wir trieben mastlos, wie eine Boje, ohne Speise und ohne Mut umher. Obendrein erhob sich ein Nebel, der Gott weiß wie lange dauerte und unser Kompaß war vom Teufel besessen. Der Kapitän verbrachte seine Zeit mit Beten, und ich, so jung ich war, hatte die Leitung des Schiffes übernommen; das heißt, ich ließ dem Schicksal seinen Lauf, denn wir hatten weder Mast noch Segelwerk mehr – nichts als ein paar Ruder und ein kleines Stück Steuer.

Endlich hob sich der Nebel, und wir meinten zu träumen: wir befanden uns vor einer unbekannten, mit prächtigen Bäumen bewachsenen Küste und eine Art kleiner Hafen streckte uns die Arme entgegen. Wir schlossen daraus, daß die Insel bewohnt war. Wir, die fünf Matrosen, ich und der Kapitän, schifften uns aus und marschierten durch einen Wald, in dem eine Menge unsichtbarer Vögel sang.«

Shakespeare bemerkte die wachsende Aufmerksamkeit, die sich auf den Gesichtern der Zuhörer malte.

»Nach einigen Stunden Wegs waren wir erschöpft und machten auf einer Lichtung Halt. Dort herrschte ein bläulich und rosa Licht, wie ich es nie mehr wiedersehen sollte, und Hunger und Durst quälten uns nicht mehr. Wir waren wie betäubt. Plötzlich hörten wir Trompeten klingen. Ein Zug von reichen Herren und schönen Damen, die alle auf von Gold und Juwelen funkelnden Schimmeln saßen, kam uns entgegen. Sie hielten vor uns an, und der, welcher der König zu sein schien – er hatte weißes Haar, trug ein in einem Karfunkel endigendes Scepter und sah sehr weise aus – befragte uns über unsere Nation und die Umstände, die uns in seine Staaten verschlagen hätten. Ich antwortete, so gut ich konnte. Als ich meine Erzählung beendet hatte, winkte der Fürst einigen Herren, die uns auf ihre Pferde hoben. So brachte man uns in eine prächtige Stadt, in der wir etwa einen Monat in Wonnen aller Art verbrachten. Unsere Wirte waren gut und schön und kümmerten sich um nichts als um Liebe. Die Stadt war in großen Terrassen angelegt, auf denen Männer und Frauen die Zeit mit Küssen und mit dem Trinken von herrlichen Weinen vertändelten. Wenn man von diesen Weinen einmal gekostet hatte, bekam man Lust, bei seiner Geliebten zu sterben. Ich zittere noch jetzt, wenn ich daran denke.«

Der Kapitän lachte nicht mehr. Sein Blick war starr und glühend geworden, und sein Gesicht nahm bei dieser seltsamen Erinnerung einen edlen Ausdruck an.

»Diese Wesen lebten wie die Feen. Sie kannten den Haß nicht, hatten weder Priester, noch Richter, noch Aerzte oder Soldaten, und niemand war der Herr eines andern. Dem Greise, der mich ausgefragt hatte, wurde gehorcht, weil er für den Weisesten galt. Sie erzählten mir, daß ihr Volk von zwei Liebespaaren abstammte, die die empörte Flut während einer Lustreise auf die Insel geworfen hatte. Der Ueberlieferung nach beteten sich diese Liebenden zugleich paarweise und wechselweise an, so daß sie die Freundschaft der Liebe zugesellten. Das erklärt die Anziehungskraft, die sich in den Bewohnern fortpflanzte.

Als wir abreisten – denn wir wollten das Vaterland wiedersehen, und außerdem standen die Gesetze der Insel einem zu langen Aufenthalt von Fremden entgegen – überhäufte man uns mit Vorräten, Früchten, Stoffen und Küssen. Während wir den Hafen verließen, umhüllte uns derselbe Nebel und wich erst bei der schottischen Küste. Kein Schiffahrer hatte je etwas von dieser Zauberinsel gehört. Meine Kinder, ich wünsche euch, daß ihr eines Tages dort landen möget.«

Nach dieser Erzählung trat Schweigen ein. Der Kapitän betrachtete die noch immer funkelnde und glatte hohe See, die Matrosen schüttelten die Köpfe. Endlich meinte der jüngste, ein Schiffsjunge mit einem durchtriebenen Gesicht, Namens Toni: »Vielleicht habt Ihr geträumt. Es heißt, daß der Hunger den Menschen phantastische Dinge vorgaukelt und daß sie dann einen Mast für ein Haus ansehen.«

»Nein, nein« antwortete der Kapitän ernsthaft. »Wir armen, unwissenden Seeleute sind nicht imstande, solche Wunderdinge zu erfinden. Ich erinnere mich, daß mein Geist sich unter diesen wunderbaren Wesen öffnete, wie Holz unter der Axt. Alles, was ich sah, was ich hörte, was ich berührte, hatte für mich einen anderen Sinn als heute.«

Diese Bemerkung entzückte Shakespeare, denn sie war aufrichtig und bewies die Macht der Illusion, die gleich dem Schmerz die große Geburtshelferin des Menschen im Menschen ist. Ob nun diese Insel in Wirklichkeit oder im Geiste Blacknaffs bestand – sie behielt denselben Wert, denn sie erweckte in ihm in beiden Fällen reine, schöne Gedanken, die sonst keine Gestalt gewonnen hätten. Er selbst, Shakespeare, zog Nutzen aus dieser Fiktion, indem er sie weiter ausspann: es giebt nichts Seltsameres als eine vom Zufall verpflanzte kleine Gruppe von Geschöpfen, die nun durch das Spiel der natürlichen Leibeskräfte und den Streit der Leidenschaften eine Gesellschaft aufbauen. Er sah sie vor sich, wie sie, die Beute des Guten und des Bösen, ganz nackt, der wunderlichen Verkleidung durch soziale Regeln und Vorurteile bar, am Strande einen Haß- und Liebestanz aufführten. Dieser phantastische Aufbau einer neuen Welt ermattete ihn derart, daß er sich erhob, auf das Vorderdeck des Schiffes schritt, sich dort ausstreckte und, von der Verdauung träge geworden, einschlummerte, den Kopf in den Armen vergraben, um dem heißen Glanz des Meeres zu entgehen.

»Wer ist denn dieser Sonderling?« fragten die Matrosen den Kapitän Blacknaff.

»Ich weiß nicht mehr von ihm als ihr, Kinder. Er spricht wenig und sieht doch nicht dumm aus.«

»Vielleicht ist's ein Astrolog. Er hat einen Quersack bei sich, in den er wohl seine Zaubersachen gethan hat. Am Ende bringt er uns Unglück.«

»Es haben mir welche erzählt, daß sie solch einen Unbekannten an Bord nahmen, der nichts sprach. Und auf einmal, unterwegs, fängt das Meer zu schwellen, der Sturm zu wehen an, und der Unbekannte wird ein Uhu, der davonfliegt und schreit: »Schiffbruch! Schiffbruch!« Und sind sie richtig bei der Ueberfahrt von Jersey gescheitert.«

»Waren alle tot, Bobby?«

»Alle bis auf einen, der das Kreuzzeichen gemacht hatte, als der Teufel, denn es war ein Teufel – den Fuß aufs Schiff setzte.«

»Ich glaube nicht an solche Geschichten«, sagte Tom, der Schiffsjunge.

»Du glaubst an nichts« entgegnete Bobby brummend. »Aber du wirst sehen, du wirst sehen.«

»Heh, ihr Herzensluder!« schrie der Kapitän, »wir werden also doch unser Knochenmark hergeben müssen. Die See rührt sich nicht mehr wie das Leichentuch meines Großvaters. Fred, leg' die Ruder ein.« Das Ungeheuer gehorchte.

»Frisch jetzt, Jungen. Wir müssen nun dem Odem des lieben Herrgott nachhelfen.«

Shakespeare erwachte, in Schweiß gebadet, und vernahm einen klagenden, von rauhen Schreien unterbrochenen Gesang. Es waren seine Gefährten, die sich im Takt auf die schweren Ruder legten. Er sah wie sie sich, zwei und zwei einander gegenüber sitzend, aufrichteten und beugten, während die Stimme Blacknaffs sie ermutigte.

»Im Hafen von Dover
Kam eines an,
Haha, zieh an, haha, Jung!
Dessen Segel war rot,
Ganz rot vor Blut.

Kaum legt' er an,
Kam eines herfür,
Haha, zieh an, haha, Jung!
Dessen Hand war rot,
Ganz rot vor Blut.«

Der Triton fuhr dahin, aber mit außerordentlicher Langsamkeit, und sein Segelwerk hing noch immer herab. Die Hitze war niederdrückend.

»Du hast gut geschlafen, Kind von Stratford. Hast du nicht geträumt, daß wir in Rotterdam landeten?«

»Aus seinem Gürtel
Zog er eines herfür,
Haha, zieh an, haha, Jung!
Dessen Klinge war rot,
Ganz rot vor Blut.«

Shakespeare, von der funkelnden Sonne geblendet, schritt schwankend auf eine kleine Bretterhütte zu, die sich in der Mitte des Triton erhob und zugleich als Schutz und Vorratskammer diente. Die Temperatur glich der eines Backofens. Er setzte sich neben einem Bündel Stricke nieder und ergriff seinen Quersack, der aus grober, grauer Leinwand bestand und mit Leder gefüttert war. Er hatte ihn bei seinem Nachbar, dem Vater Johnson, gekauft, der stets allerlei für Reisende nützliche Gegenstände auf Lager hatte. Während er ihn mit seinen feuchten starren Händen betastete, ward sein Herz bewegt; denn dieser Quersack war jetzt sein Haus, sein Herd, der stille Gefährte seiner Phantasie. Er hatte dem Abschied, seinem letzten Schwanken beigewohnt, und in seinen runzligen Falten hätte er vielleicht etwas von der Angst wiedergefunden, die jedes nach Freiheit suchende Wesen ausströmt. Er betrachtete ihn liebevoll und hätte sich nicht allzu sehr gewundert, wenn er das Wort ergriffen und gesagt hätte: »Wohlan, William, du bist nun am Ziel deiner Wünsche. Während du dir die Seele mit Schauspielen füllst, bleibe ich in einem Winkel des Zwischendecks liegen und bewahre dir in meinem Leibe das, mittelst dessen du auf dem ermutigenden Wege der Erinnerung wieder zur Vergangenheit zurückkehren kannst. Dank mir, bist du nicht allein; ich bin der mit dir wandernde Wurzelkeim, der dich stets an dein Vaterland fesseln wird.«

Mechanisch zählte er die Falten, die der Quersack beim Niederfallen gebildet hatte. Es waren ihrer sieben – ein glückliches Vorzeichen.

Er öffnete ihn und zog zuerst ein abgenutztes zerrissenes Buch hervor, von dem gar manche Seite die Spur des Daumendrucks trug. Das war das »Leben der edlen Griechen und Römer« des Plutarch, übersetzt von Sir Thomas North. Er hatte es vor fünf Jahren, bei seinem Erscheinen von einem Hausierer gekauft, dessen joviale Miene und überredenden Worte er nicht vergessen hatte. Und das war seine erste Reise gewesen. Mit einem einzigen Schwung, durch jene geheime Kraft, die in uns Jahrhunderte entfesselt, ward er der Zeitgenosse aller dieser Helden, aller dieser Heldinnen mit den regelmäßigen Zügen, deren Gebärden und Worte die Zeiten überdauert hatten. Und in ihm selbst erstanden und handelten Gestalten, die jenen Eroberern, jenen Treuen, jenen Falschen, jenen Liebenden, jenen Weisen glichen. Wessen Abenteuer er auch beim Lichte der Lampe, den Kopf in die Hände gestützt, voll Leidenschaft verfolgte, er entdeckte in seiner eigenen Brust einen Bruder; während der folgenden Tage ward er dann von den Zügen dieser neugeschaffenen Gestalt, deren Leidenschaften er teilte, bis in die Träume verfolgt. Da er stets eine Neigung zum Dramatischen besaß, war es ihm, als bekleide er sich mit dem Nachlaß dieser berühmten Toten, ihrem seelischen Gehalt und dem Schein ihrer irdischen Hülle und trete so auf das gewaltige Welttheater.

Er bewegte sich, schrie, weinte, sah mit grausamer Angst den fliehenden, schweren Galeeren nach, wiegelte das Volk auf und verwünschte die Tyrannen. Oft schien in ihm auf einmal eine ganze Menge, nicht bloß ein Wesen aufzuleben und seinen Geist und Körper einzunehmen; die Gestalten in ihm vervielfältigten sich und spielten mehrere Rollen auf einmal: die Hände bewaffneten sich mit Dolchen, die Zunge mit Schmähworten, ein ungeheurer Stolz schwellte seine Brust. Auf dieses zügellose Schaffen der Einbildungskraft folgte stets eine tiefe Schwermut. Es war spät, alles schlief, die Lampe knisterte matt, und nur das Geschrei seiner zwei kleinen Kinder oder das prophetische Miauen einer Katze störte diese bevölkerte Stille. William war es zu Mute, als spüre er um sich fliehende, gleitende Phantome, und unter seinen fieberhaft brennenden Lidern leuchtete noch der letzte Widerschein der Panzer.

Aber dieses Buch hatte ihn auch gelehrt, daß ein Mensch den Keim zu allen Entwicklungsformen der Menschheit in sich trägt und daß eine leichte Wendung genügt, um aus einem Weisen einen Narren, aus einem Prahlhans einen Menschenfeind zu machen, ja daß manchmal der bloße Zufall diese Wandlungen bewirkt. Im Lichte Plutarchs schuf sich Shakespeare eine Anzahl von Anschauungen und Bildern, die er seine Geliebten nannte und freudig liebkoste. Eines der liebsten darunter war ihm ein plötzlicher Gewissensumschwung: ein Schurke ward ein Ehrenmann, ein Feigling durch einen einzigen Akt ein Held.

Unter dem Buche des Sir Thomas North befand sich eine alte Kopfbedeckung, eine hohe, altmodische Mütze mit zackig ausgeschnittenem Rande. Shakespeare nahm sie als Erinnerung an seinen Vater mit sich, dessen Haupt sie lange Jahre geschmückt hatte. »Ich bin überzeugt, daß sie ganz voll von deinen Gedanken ist« hatte er beim Abschied zu dem Greise gesagt. »Sie wird mir nichts als treffliche Ratschläge geben.« Nach der Mütze zog er einen vollständigen, zweiten Anzug, Leibrock, Hose und Gürtel heraus, dann einen Dolch, der in einer Scheide steckte, eine Pistole und zuletzt eine kleine Schatulle, die seine Hand erbeben ließ.

Die Schatulle war aus verschiedenem Metall gearbeitet; poliertes Zinn und Kupfer hoben sich von der matten Bleioberfläche wie Silber und Gold ab. Das Zinn bildete eine fliehende Hirschkuh, das Kupfer stellte einen sie leidenschaftlich verfolgenden Jäger dar. Das galt für den Deckel; denn die beiden zinnernen Seiten zeigten einen Hund und ein Horn, die beiden kupfernen die zwei Profile eines sauertöpfisch blickenden Herrn. Dieser Gegenstand gehörte der Mutter Shakespeares. William kannte ihn, ehe er ihm noch einen Namen zu geben vermochte, und die ersten Bewegungen seiner kleinen Finger galten den Umrissen der Hirschkuh und des Hornes, den harten Reliefs des Jägers und des Hundes. Von dort schöpften seine Blicke die Bewunderung für das Glänzende, und bis zum Alter der Vernunft wurden alle Geschichten von den Festen, den Turnieren der hohen Herren und schönen Damen, die in seinem Vaterhause erzählt wurden, durch diese kostbare Schatulle bildlich dargestellt.

Die Schatulle war nicht leer. Sie enthielt ein Fläschchen wunderbaren Balsams für alle Wunden oder Schlangenbisse und zwei kleine Stoffstückchen, die Shakespeare mit Rührung betrachtete. Das eine enthielt eine blonde Locke seiner Frau, das andere Haare von noch sanfterem Blond. Er hatte sie von dem Haupte seiner ersten Liebe abgeschnitten, einem kleinen zwölfjährigen Mädchen Namens Mary, das er angebetet hatte, als er im selben Alter stand. Sie wohnte in einem lustigen, von Bäumen und einem Flußarm umgebenen Hause an einem Ende von Stratford. Es schien, daß alle Vögel der Nachbarschaft dort ihre Versammlungen abhielten, und in den hohen grünen Wipfeln raschelte ein jedes Blatt. William streckte sich neben dem rieselnden Wasser ins Gras. Er hielt eine anbetungswürdige, nervige kleine Hand, die von Zeit zu Zeit die seine drückte. Auf der Straße ertönte Lärm – derbe Stimmen, Pferdetritte, schwere Stiefel. Wenn er den Kopf wendete, erblickte er in dem blassen Dämmerlicht das wunderbarste, rosige Kindergesicht und die zwei blauen Augensterne. »Mary, ich liebe dich«, seufzte er, und diese Worte zogen auf seinen Mund ein Paar feine Lippen herab, die ihn verbrannten. Um sie zu zerstreuen, ersann er nun eine Geschichte, in der ihre Augen zwei ferne Länder wurden; an deren Ende standen zwei Throne, einer aus Diamant, der andere aus klarem Wasser, und darauf saßen der König und die Königin der Blicke. Sie geboten ihren flinken Unterthanen, die stets über Berge und Ebenen jagten. Manche von ihnen kehrten nicht mehr wieder. Mary, ebenso naiv wie frisch, wollte noch immer mehr wissen und wunderte sich über die geringsten Widersprüche in diesen gebrechlichen Abenteuern, die ihr kleiner Dichter für sie aufbaute. Manchmal gab er den Bösen den Vorzug vor den Guten, und wenig fehlte, so wäre die Prinzessin Heuschrecke von der bösen Grille aufgefressen worden. Er lachte über ihre Empörung und sie lachte, weil sie ihn lachen sah, während er rasch das Los seiner Personen änderte. Eine ganze Woche schmollte sie mit ihm wegen des Todes ihres Helden, des lieben Kolibri, und er mußte ihn in einem unvermuteten Epilog wieder lebendig machen.

Am Grunde des Quersackes befanden sich nur noch fünf feine Leinenhemden. Er legte die Schatulle, den Anzug, die Mütze, die Pistole und den Dolch wieder hinein, den Plutarch aber behielt er draußen und öffnete ihn, seiner Gewohnheit nach, aufs Geratewohl. »Strabo, der Philosoph, schreibt, daß man brennende Menschen einhergehen sah und daß es einen Soldatenknecht gab, der aus seiner Hand Flammen schleuderte, so daß die, welche ihn sahen, glaubten, daß er verbrannt sei; aber als das Feuer aufgehört hatte, fand es sich, daß ihm nichts geschehen war. Sogar als Cäsar den Göttern opferte, fand sich ein Schlachtopfer, das kein Herz besaß ...«

Ein Strahl der heißen Sonne, die durch die Spalten der Bretterwand drang, fiel plötzlich auf sein Buch. Shakespeare legte seine Hand darauf, so daß sie gleich der jenes Soldatenknechtes Flammen zu schießen schien. Er sah sich auf das Forum versetzt. Es war ein Wahltag; das Licht fiel so senkrecht herab, daß kein Körper Schatten warf. Laute Schreie übertönten einen wirren Lärm. Die Gesichter, von Freude oder Wut verzerrt, hatten sich vergrößert, die hoch über die Köpfe erhobenen Hände klatschten Beifall oder machten drohende Bewegungen. Es war wunderbar, daß ein Volk seinen Herren solche Wichtigkeit beimaß. Eine Stimme rief »William!« und gab ihm rasche Erklärungen: Dieser dort ist Brutus und der andere ist Cassius. Sie sind keine Verräter, aber unbewußt schleicht sich der Neid zwischen sie und bewaffnet ihren Arm mit dem Dolch. Sieh Antonius an und seine spitzbübischen, falschen Augen. Immerfort herumstreifend und fragend, weiß er dem Wahren einen zweifelhaften Anstrich zu geben und aus der Lüge, wie aus Stroh, viele Dinge zu flechten, die ihm nützlich sind.«

In diesem Augenblick erlosch der Sonnenstrahl, wie eine Lampe, die man ausbläst. Das Forum verschwand. Shakespeare fand sich in der Wirklichkeit, in der heißen Hütte zwischen die Stricke zurückversetzt, wieder mit dem Quersack und seinem Plutarch in der Hand, und diese Gegenwart kam ihm nun farblos und freudlos vor.

Doch bald ward seine Aufmerksamkeit erregt: das Schiff schwankte. Die Windstille hatte also aufgehört. Er trat auf das Deck. Die Segel waren gebläht, und der Triton lief über die Wogen, die ein sehr lebhafter, plötzlicher Wind bis an den Horizont kräuselte. Eine lange, schwarze Pyramide, die allmählich am Himmel sich auftürmte, hatte die Sonne bereits verdrängt und verdunkelte die Oberfläche des Meeres. Kapitän Blacknaff zeigte sie seiner Mannschaft mit bedeutungsvollem Mundverziehen. »Hm, hm! Böse Geschichte. Die Brise kommt von West, die Flut von der konträren Seite. Eine tüchtige Bö würd' mich nicht Wunder nehmen.« Er achtete nicht mehr auf seinen Passagier und erteilte Fred wiederholte Ratschläge. Der Gnom legte sich mit seinem ganzen verkrümmten Körper aufs Steuer. Jeder beschleunigte die Arbeit, als sähe er Gefahr voraus.

Shakespeare wünschte sehnlich einen Sturm herbei. Seine bis zum Uebermaß angespannten Nerven bedurften eines neuen Aufruhres.

Auf der dunklen Masse des Himmels verfolgten sich zwei weiße Möven, indem sie schrille Schreie ausstießen. Der Dichter stieg mit ihnen in die Höhe. Ein plötzlicher Blitz zuckte nieder, dem sofort ein schreckliches Donnergetöse folgte, als ob ein Heer von Wagen über die undurchsichtigen Wolken rolle. Gleichzeitig öffneten sich die himmlischen Schleusen, und der Regen rauschte, die Wogen durchsiebend, herab, begleitet von Hagelkörnern, die klirrend auf das Deck auffielen.

»Brammast herunter!« schrie der Kapitän. Er sah riesenhaft aus. Sein vom Lachen erweiterter Mund glich einem wahren Backofen. Den sechs Matrosen fiel es schwer, das ganze Segelwerk herabzulassen, das die Wut des Sturmes furchtbar schüttelte. Als diese Arbeit beendet war, reichte ihnen Blacknaff zum Lohn eine Flasche Branntwein, aus der sie, so gut es ging, einen Schluck tranken; denn bei dem Schlingern und Stampfen vermochten ihre unsichern Beine nicht festzustehen. William ward zweimal hintereinander zu Boden geworfen. Zuletzt entfernte er sich vom Schiffsrand und ergriff mit fester Hand einen Mast. Aber wohin er sich stellte, störte er die Arbeit.

Diese war sehr verwickelt, und sieben Paar kräftige Hände mit knorrigen Fingern vermochten sie nur schwer zu bewältigen. Der Dichter schämte sich, keinen Teil daran zu haben. Als er jedoch seine Dienste anbot, wies sie Blacknaff in protzigem Ton zurück. Laß das, Händler, laß das, du würdest nur irgend eine Dummheit begehen. Begnüge dich damit, die Taufe des großen Wüterichs zu empfangen. Die Männer zogen Ledermäntel mit Kapuzen an, die ihnen das Aussehen von Kobolden gaben. Einen reichten sie auch ihrem Passagier, der froh war, so seinen fast neuen Tuchanzug schützen zu können.

Das Meer hatte seine Farbe verändert. Es war schwarz wie der Himmel und von beweglichen silbernen Streifen durchquert; immer höher ging die See. Der Regen hörte plötzlich auf, um dann noch heftiger loszubrechen, und die Blitze folgten einander unablässig inmitten eines betäubenden Getöses. Gleich goldenen Vögeln durchschossen sie den Raum.

»Frisch, Cook! Den Block dort, Bobby!«

»Eins, zwei! Achtung, eine Spritze! Schlecht gezielt, Dirne, schlecht gezielt!«

»Nimm den Kompaß hinein, Junge!«

»Steuer, Fred! Oder laß es! Der Teufel selber zeigt den Weg.«

Die Kobolde regten sich nach allen Richtungen. Ihre Gestalten waren nicht mehr zu unterscheiden, selbst wenn sie von Zeit zu Zeit einen Schluck Branntwein hinuntergossen; nur die hohe Gestalt Blacknaffs blieb sichtbar. Gleich einem Tier im Käfig sprang er auf den Wanten, dem Vorder- und Hinterdeck und um die Masten umher. In bestimmten Zwischenräumen erklang sein ungeheures Lachen und mischte sich in den Aufruhr der Elemente. Diese umarmten sich mit riesenhafter Liebe. Die vibrierenden Seile wurden zu einem Musikinstrument und feierten die Vermählung von Himmel und Meer. Der Triton hatte seinen gesunden, ehrlichen Schiffsverstand verloren. Er drehte sich, tanzte, wendete und ward nur durch seine Leichtigkeit gerettet.

»Höher, immer höher. Diesmal scheitern wir«, dachte William. Er klammerte sich an den Mast, seine Stütze. Der Staubregen peitschte sein Gesicht, und auf seiner Zunge spürte er einen salzigen Geschmack. Er trank ein paar Schluck Branntwein. Seine Gedanken erhitzten sich. Die Wellen wurden ein ungeheures Volk, dessen Herrscher er war. Er ordnete die Schlacht, die leuchtende Kanonade und trieb die Massen zum Sturm. Er hörte Trompetenklänge, Pferdegewieher, Aechzen der Sterbenden und Verwundeten. Für wieviel unbekannte, wunderbare, allzu schnell hingemähte Menschenlose war er verantwortlich!

»Nimm das Ruder fort, Rind!«

»Bücke dich, bücke dich! Eine Sturzsee!« Eine schwere Woge fegte das Deck. Die Mannschaft hatte sich zu Boden geworfen, und William rollte unter ihnen herum. Da der Branntwein mitwirkte, konnten sie sich nicht mehr erheben; Blacknaffs Gesicht blutete, aber er lachte noch immer, während seine roten Stoppeln ganz mit salzigem Reif bedeckt waren.

»Nie bin ich – nie ... Ochsenhorn, ich bin verwundet. Aber thut nichts ... an die Arbeit.«

Fred steuerte nicht mehr. Das Steuerruder war in zwei Stücke gebrochen.

Eine natürliche Finsternis hüllte den Sturm ein, denn die Nacht senkte sich nach und nach herab. Unterm Schutz der Dämmerung brach der Orkan, der sich beruhigt hatte, wieder mit Heftigkeit los. Ein unheilvolles Krachen ertönte.

»Der Mast bricht!« heulte eine tonlose Stimme, und Shakespeare begriff bloß, daß seine Gefährten Angst hatten.

»Zum Gebet!« kommandierte Blacknaff. Sie knieten auf das Deck nieder, indem sie sich an die geringsten Vorsprünge klammerten.

»Du aber auch!« William fühlte, wie eine schwere Hand seine Schulter niederdrückte.

Beim Leuchten der Blitze, beim betäubenden Aufruhr des Donners, gänzlich der empörten Unendlichkeit preisgegeben, baten und flehten die zwei Elementen preisgegebenen menschlichen Wesen, schreiend oder stammelnd zu Gott – mehr für die Rettung ihrer Körper als für ihre Seelen. Sie beteten lateinisch, wie in der Kirche. Shakespeare, den die ihn umgebende Angst ruhig und gesammelt gemacht hatte, dachte, daß die Vorsehung zweifellos ein paar gerührte, tief aufrichtige Worte in der rauhen Sprache der Gefahr vorgezogen hätte. Aber wenn auch die Lippen Unverständliches murmelten, so flehten doch die Herzen in heißem Wunsch, und diese auf ihren Knien schwankenden, hängenden Massen in ihrer religiösen Not boten ein seltsames Schauspiel.

Als sie sich aufrichteten, drohte der, der Bobby genannt ward, William mit der Faust. »Kaufmann oder Zauberer, du bist's, der den Sturm verursacht hat. Du hast einen Pakt abgeschlossen.« Er schrie es so nahe vor ihm, während er sich an das Tauwerk klammerte, daß der Dichter seinen feuchten Branntweinhauch einatmete. Seine blauen Augen waren durch den Schreck weit aufgerissen; der Mund hing wie losgehackt herab.

»'s ist nicht deine Schuld, wenn der Mast nicht brach. Ah, zum Donnerwetter, man müßte dich wohl ins Wasser schmeißen, schmutziger, kahlköpfiger Unglücksrabe!«

Die anderen zögerten unentschlossen und mißtrauisch. Derselbe Gedanke wälzte sich seit mehreren Stunden durch ihr schweres, abergläubisches Gehirn.

Ein fernes Donnergetöse gesellte sich den Schimpfworten zu.

»Hörst du,« fuhr Bobby fort, den das Schweigen seines Gegners ermutigte, »ich selbst werde dich ins Wasser schmeißen, Teufelsbüchse.«

Das Schlingern und Stampfen machte im Augenblick ein gemeinsames Handeln der Zornigen unmöglich, aber Shakespeare sagte sich, sie würden sich bald zusammenrotten, und jede Sekunde könnte für sein Geschick entscheidend sein.

»Meine Freunde« antwortete er ruhig, »ihr irrt euch. Ich bin ein guter Christ.« – Hier gab ihm ein feiner Sprühregen die Taufe. »In meiner Pfarre könnt ihr Auskunft bekommen. Aber um euch zu beruhigen, – da ist etwas, was uns retten wird, nachdem es unsere Väter gerettet hat.« Mit seinen starren Fingern zog er mühsam ein kleines Elfenbeinkruzifix unter dem Wams hervor, das ihn nie verließ und sich auf seiner Haut abgedrückt hatte. Selbst von Aberglauben angesteckt, hielt er es langsam gegen Nord, Süd, Ost und West. Dann küßte er es und that es wieder an seinen Platz.

Dieser Anblick überzeugte die Mannschaft. Bobby zuckte die Achseln und schwieg.

»Siehst du« brummte Blacknaff, der sich neutral verhalten hatte. »Siehst du, daß ich keinen Zauberer an Bord nahm? Passagier, wenn wir einmal in Rotterdam sind, wirst du uns einen guten Tropfen zahlen.«

»Bei Gott, das ist die beste und einzige Art, wie man regnen lassen kann« erklärte Tom. »Als ob ein Mensch so etwas in Bewegung setzen könnte!«

Dabei deutete er auf das Meer, das wohl noch immer entfesselt war, dessen Aufruhr aber dennoch auf seiner Höhe angelangt zu sein schien.

Große mit Nebelstaub vermischte Regentropfen waren an Stelle der Sintflut getreten, und das Deck war mit schmelzenden kleinen Hagelkörnern bedeckt. Die angerichtete Verwüstung schien sehr groß zu sein. Die Bretterhütte lag zerbrochen am Boden und mußte wieder aufgebaut werden. Die Mannschaft machte sich fröhlich daran. Tau- und Segelwerk waren beschädigt, teilweise zerrissen, aber Taue und Messer begannen ihre wiederherstellende Arbeit.

Die Brise hatte eine bestimmte Richtung eingeschlagen – »die gute« behauptete Blacknaff. Obwohl sie noch sehr frisch war, wehte sie gleichförmig, so daß man ein Segel hissen konnte. Dem leidenschaftlichen Ausbruch des Meeres, das seine starke Brust so heftig gehoben hatte, folgten allmählich ruhigere Atemzüge. Nur in der Ferne, in der Tiefe des Himmels zeugte manchmal ein dumpfes Grollen von der früheren Wut. Die Nacht war völlig herangebrochen und düster. Plötzlich schob sich der Vorhang der vom Sturm zerstreuten Wolken zurück, als hätten ihn leichte Hände zerrissen, und der Mond kam strahlend inmitten seines Sternenhofes zum Vorschein. Aus seiner blassen, sanften Urne goß er einen Strom von Milch und Silber über die Fluten.

Die Matrosen zündeten eine Laterne an. Sie saßen scherzend um die Lichtstumpfe und feierten das Aufhören des Sturmes durch neue Gläser Branntwein. Shakespeare vertiefte sich in seine stolzen Gedanken, deren berauschender Dunst seine Vernunft trübte. Die Wirklichkeit drang nur noch in einzelnen, unzusammenhängenden, winzigen Bruchstücken zu ihm. Das Lachen Blacknaffs, die lächerlichen Bemerkungen Toms waren nur mehr ein unangenehmes Geräusch. Maschinenmäßig setzte er sich zur Abendmahlzeit in die wiederhergestellte Hütte, die von zwei übelriechenden Laternen schlecht erleuchtet wurde. Maschinenmäßig aß er seine Portion Fisch und Fleisch, antwortete auf Fragen und hörte ein paar Erzählungen an. Sobald er entschlüpfen konnte, eilte er wieder auf den Platz, von wo sein Blick einen solchen Aufschwung nehmen konnte.

Dort saß er zweifellos schon lange unbeweglich, überschäumend von Bildern, die durch einen dünnen Faden mit der Nacht, dem Meer und den Sternen zusammenhingen. Er bildete sich ein, daß an seiner Seite ein schönes, gefügiges und einfaches Geschöpf sitze, dessen Leib er umschlang, dessen Mund er küßte. Zu Ehren des funkelnden Himmelsgewölbes nannte er sie Stella. Er sah ihre Blicke leuchten, hörte ihren leichten Atem. Sie trug eine durchsichtige Tunika, und ihr Leib bog sich anmutig je nach den Bewegungen des Schiffes. Der junge Mann erzitterte vor Wollust. Er führte sie in prächtige, ihrer würdige Länder; aber bald verließen sie sie wieder, um den köstlichen Schmerz der Sehnsucht zu kosten. Stella erhob ihr feines Antlitz, um Nacht und Stille in langen Zügen einzuatmen. Wie frisch und duftend waren ihre Arme!

Der junge Mann keuchte. Die Wogen des Lebens strömten seinen Lippen zu. Als er vorstürzte, um Stella zu ergreifen, verschwand sie plötzlich, und er fühlte, wie ein fester Arm ihn ergriff.

»Was treibst du Kamerad? Du ertrinkst!« Es war Look, der ihn vor dem gefährlichen Ruf der Sirenen gerettet hatte und ihn nun erstaunt schüttelte.

»Es thut nicht gut, wenn man auf dem Platz da einschläft. Die anderen schnarchen. Ich bin auf Wache.«

Sein ehrliches Gesicht glänzte in einem Mondenstrahl. Shakespeare dankte ihm zitternd. Nie mehr, dachte er, würde er eine solche Geliebte besitzen.

Die Frische der Nacht versetzte Look in schwatzlustige Stimmung. »Ist das deine erste Ueberfahrt?«

»Ja.«

»Dann hast du kein Glück. Bei mir ist's die zehnte. Ich kenne dieses Meer. Es ist falsch.« – Er schüttelte ein paarmal den Kopf und wiederholte: »Es ist falsch.«

Seine Stimme klang leise, beinahe zärtlich.

»Du siehst jung aus, Passagier. Läßt du Familie in Stratford zurück?

»Mein Weib, meinen Vater und zwei Kinder.«

»Sprechen deine Kleinen schon?«

»Noch nicht.«

»Um so besser für dich. Du wirst dich nicht erinnern, wie sie dir lebewohl sagten.« Er seufzte. – »Ich hab' einst auch Familie zurückgelassen, aber heut' liegen sie alle auf dem Kirchhof bei Lewes. Du weißt, Lewes, da drüben?« – Er deutete nach Westen. »Eine hübsche, kleine Stadt. Seit vierzig Jahren bin ich bei dem Metier.«

»Liebst du es noch immer?«

»Man muß leben. Man ist glücklicher auf der Erde, wenn man reich ist. Aber da oben, sagen sie« – er zeigte auf die Sterne – »da oben wird man später reicher sein. Habt ihr Geld, du oder dein Vater?«

»Ein wenig; wir sind Händler. Es giebt schlechte Jahre.«

»Pah, wenn man nur alle Tage zu essen hat. Früher hoffte ich auch, etwas Bedeutendes zu werden – ein Admiral.« Er lächelte ergeben. »Jetzt denk' ich nicht mehr an solche Dummheiten.«

»Woran denkst du denn?«

»An die Toten. Mein Weib war eine gute Frau. Immer wenn ich wiederkam, war sie zufrieden und meine Tochter auch. Wir hatten Freunde und Nachbarn. Aber einmal, als ich von Spanien heimkam, fand ich niemand mehr vor. Das Haus war geschlossen; sie waren tot.«

Ein langes Schweigen entstand. Looks Augen waren feucht. »Glücklicher, der seine einzige Erinnerung nicht aufgebraucht hat!« dachte der Dichter bei sich. Er beschwor die Möglichkeit herauf, daß die Seinen verschwinden könnten, und malte sich eine Heimkehr gleich der Looks aus. Das kleine Haus war geschlossen, die befangenen Nachbarn verkündigten ihm zögernd die Nachricht, eine Gevatterin überbrachte ihm die letzten Worte des Alten, die ihm, seinem lieben William, gegolten hatten. Er empfand eine selbstsüchtige Bewegung, als er sich solcherart von dem Sterbenden angerufen hörte. Aber er bemerkte auch, daß er noch nicht Gatte oder Vater war, daß seine Kleinen ihm einst am Herzen lagen und daß dieser trockene Teil seiner Seele ihm viele lebendige Quellen verschloß.

Look handhabte geschickt den Stumpf, der von dem Steuer übrig geblieben war, und beobachtete sorgsam das Meer. »Oh, oh« sagte er plötzlich »Trümmer! Ein Schiffbruch!«

Auf der Spitze der Wogen schwammen um den Triton herum riesige Holzstücke. Es waren Trümmer von Masten und Schiffskörpern, die im Mondlicht aneinander stießen.

»Die sind wohl schnurstracks zu Grunde gegangen.« Der alte Seemann schnitt eine Grimasse. »Der Sturm wird Weiber weinen machen.«

Mit Grauen betrachtete Shakespeare die unbekannten Küsten zutreibenden trauervollen Zeugen der Not. Es schien ihm, daß der Triton durch ein schweigsames Volk von Phantomen gleite, die aus ihren feuchten Gräbern aufgestiegen waren und nun hinüber in die unbestimmten Regionen, nach denen der Finger Looks deutete, zogen, um wieder greifbare Wesen herzustellen. Das geschah zweifellos auf einer entlegenen Insel, der Insel der Auferstehung, wo alles sprach – von den Blättern bis zu den Kieseln am Strande. Dort stießen die Trümmer aller moralischen oder materiellen Katastrophen an. Mehrmals im Jahr fanden dort die großen postmortalen Feste statt, bei denen irgend eine der Liebe ähnliche Kraft die getrennten Stücke vereinigte und die Lebenskraft verjüngte.

Der junge Mann brachte einen großen Teil der Nacht bei diesen rätselhaften Träumereien zu; nur von Zeit zu Zeit wurden sie von einer Betrachtung oder einem Ausruf des aufmerksam seine Arbeit versehenden Cook unterbrochen. Er empfand gar keine Müdigkeit. Eine seltsame Kraftlosigkeit ließ unter seinen Lidern gemischte Schauspiele aus dem Plutarch und dem Sturm vorüberziehen; es waren Dramen in verkürzter Form, aus einem einzigen Geschrei, einer Gebärde, einem traurigen oder wütenden Blick bestehend. »Ein Tiertheater, Tragödien, in denen alles instinktiv, fast tierisch und blutig ist. Das ist Schönheit,« sprach er zu sich. Dann: »Ein Drama voll köstlicher Gedanken, voll verfeinerter Gefühle, das den Zweifüßer unter einem Rieseln harmonischer Worte verbergen würde.« Er wußte nicht, welche Wahl er treffen sollte. »Echte, einfache Dramen, das Geplauder Cooks – oder Dramen, die aus dem Unwirklichen, aus Phantomen und Sirenen geschmiedet sind, gleich jenen, die mir eben erschienen, gleich den Wesen, von denen Blacknaff erzählte.«

Dann hielt er im Laden seines Vaters einen Handel mit Lastern. Sie waren dort mit ihren grotesken Masken zur Schau gestellt: Die Gefräßigkeit mit der niederen Stirn, den kugelichten Augen, dem saftigen Munde, dem riesigen Bauche, den gierigen Greifhänden, die Wollust mit ausgespreizten Beinen, heulend, von Zuckungen geschüttelt, mit blutunterlaufenen Augen, verkrümmten Fingern und zischender Sprache, der Geiz mit der hagern Nase, der gelb und grüne Neid, ganz im Profil, der Zorn, dessen Geste die geballte Faust ist, die Furcht, die das Gedärme löst. Vorübergehende traten ein und feilschten. Es waren berühmte Autoren, die für ihre Komödien Personen brauchten. Sie versuchten die Masken, schlugen Aenderungen vor, kritisierten, lachten, sagten Tiraden her. Aber ihre Ausrufe und ihre Zwiegespräche stimmten nicht mit der Rolle überein, die sie zu spielen vorgaben. Shakespeare litt bei diesen falschen Grimassen. Er verbesserte den Ton und die Possen und ward gefräßig, wollüstig, geizig, neidisch und zornig. –

Der Mond erblich; die Sterne wurden unbestimmt. Ein tüchtiger Wind schwellte das Segelwerk. Cook sang an seinem Steuer, und seine Kameraden erwachten und machten sich an die Arbeit, indem sie sich die Augen rieben. Blacknaff lachte bereits, während er sein »Mondkalb« und alle seine Faulenzer antrieb.

»Beim Neptun!« brüllte er, »das sind die Niederlande. Der Sturm gestern hat uns gute Dienste geleistet!«

Er zeigte auf weiße, viereckige Massen, die mit gelblichen Dünen abwechselten. Zeitweise schoben sich diese Wälle zurück, und dann sah man eine grüne, heitere Bucht, kleine Häuser und Bäume. Diese Gewässer waren gefährlich; so wurde seewärts gesteuert.

Die Müdigkeit sank mit ihrem ganzen, unwiderstehlichen Gewicht auf Shakespeare nieder. Er begab sich in die Bretterhütte und schlief dort lange, lange Zeit. »Achtzehn Stunden wie ein Leichnam« meinte Blacknaff. Als er aus diesem Grabe heraustrat, war es tiefe, dunkle Nacht, denn die Wolken verbargen den Mond und der Triton segelte auf den Wassern der Maas.

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