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Faber oder Die verlorenen Jahre

Jakob Wassermann: Faber oder Die verlorenen Jahre - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Wassermann
titleFaber oder Die verlorenen Jahre
publisherS. Fischer/Verlag/Berlin
seriesDer Wendekreis
volumeVierte Folge
printrunErste bis zehnte Auflage
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070708
projectid7fe887c4
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7

Es war um die Dämmerungszeit; Faber hielt den Knaben auf den Knien und erzählte. Die begierigen Augen lösten seine Zunge aus jahrelangem Bann. Kaum wagte Christoph die Lider zu schließen, als fürchte er, es entgehe ihm etwas, wenn er den Blick nicht ununterbrochen auf den Mund des Erzählers heftete.

Das trostlos Eintönige der Gefangenschaft berührte Faber nicht; der Neigung zum Unheimlichen und Phantastischen bot die Natur Stoff genug. Von Wölfen zu vernehmen, die über die unendlichen Schneeflächen in mordlustigen Rudeln zogen, war allein schon Märchen. Die gewaltigen Ströme, grün vereist; unter der Erde vergrabene Dörfer, von denen in der Ebene nur ein paar Pfähle kündeten; Wälder, durch deren Dickicht kein Jäger zu dringen vermochte und die Hunderte von Meilen bis ans Polarmeer hinaufreichten. Wenn der Schnee schmilzt, ist alles Land überschwemmt; wochenlang mußt du im Boot fahren, eh du ein Ufer gewahrst. Bleigrau liegt das Wasser, die Schneegänse ziehen nach Norden, Fischreiher schießen herab und holen sich Nahrung aus der Flut. Schön sind manchmal die Nächte in der Unendlichkeit; die Sterne dicht nebeneinander gestickt, die Milchstraße als ein silberner Teppich; aus weiter Ferne kommt schwermütiger Gesang; ein Nachtvogel schnalzt in der Luft. Da wandert man gerne, wenn man wandern kann, wenn man frei ist ...

Aber Christoph will Abenteuer hören. Man hat ihm von der Flucht des Vaters erzählt; er will es von ihm selber hören. Man muß sich die Gelegenheit zunutze machen, wenn man einen Vater besitzt, der spannende Dinge erlebt und sich nicht übel dabei betragen hat. Aber dies fällt Faber nicht mehr so leicht. Immerhin, er versucht es; und es läßt sich ganz erbaulich an für Christoph; die geheimen Verschwörungen und Bestechungen; daß ein Chinese gedungen wird, um Kleider zu besorgen; äußerst gruselig und angenehm das Warten auf die vereinbarte nächtliche Stunde; höchst aufregend das Entrinnen in der Finsternis, Kriechen auf allen Vieren, durch die Sümpfe waten, beim geringsten Laut sich im Gestrüpp verbergen, beim Nahen des Tages die Spuren verwischen und in einem ausgedörrten Regenloch liegen bleiben, zugedeckt mit Sand und Laub bis es Abend wird; es ist zum Jauchzen prächtig, und man genießt es, zu wissen, daß andere, die bereits Fluchtversuche unternommen haben, mit Lagerhunden verfolgt, zurückgeschleppt und erschossen worden sind.

Faber, über den die Erinnerung Gewalt erlangt, malt wie träumend fremde Landschaft hin, erspürt mit Sinnen, die die Einsamkeit tausendfach geschärft hat. Mittlerweile ist Fides ins Zimmer getreten, hat sich leise ans Fenster gesetzt und lauscht. Fabers Stimme verändert sich unmerklich, wie wenn ein Druck auf ihm lastete, den er doch nicht weg wünscht. So fuhr er fort, sich mit halblauten Worten in Asiens Unermeßlichkeit zurückzuträumen, und Christoph muß die Ohren spitzen, um keine Silbe zu verlieren. Die unbetretenen Graswüsten und Furcht vor Begegnung mit nomadischen Horden; gelb und starr aufsteigend das pfadlose Gebirge; wo eine Karawanenstraße ist, muß man sie meiden; in den Felsennestern hausen Räuberbanden; die spärlichen Ansiedlungen sind von bissigen Hunden bewacht, die jeden, der sich nähert, zerfleischen; in einem Dorf ist man an einen Händler empfohlen, der den Führer machen soll; Soldaten suchen die Gegend nach Flüchtlingen ab, und man wird in einem feuchten, von Ratten bevölkerten Keller verborgen, neun Tage lang. Eines Nachts geht es endlich weiter; groß und geheimnisvoll ist das Land; alle Farben erschrecken; alle Formen wie aus einer Welt, die man sich nur einbildet. Nach vielstündigem Marsch taucht ein von Papierlaternen beleuchteter Tempel auf; wunderlich wogt die Erde in der purpurbestrahlten Dunkelheit; es sieht aus wie ein vom Wind bewegter See, doch es sind lauter menschliche Körper, die hingestreckt liegen, Beter und Büßer, soweit man blicken kann. Als der Morgen graut, kommen drei ungeheure Gestalten den Berg herab; vergrößert sie das bleiche Zwielicht so furchteinflößend, oder sind es wirkliche Riesen? sie ähneln farbigen Wolken und tragen gestickte Gewänder; ihre Gesichter mit den glanzlosen Jetaugen sind grausam, und sie schreiten als wären sie blind. Wer mögen sie sein? Und eines andern Tages kommt man zu einer Stadt, deren Häuser alle an einer tausend Meter hohen Felswand angeklebt sind; die Gassen sind wie Leitern; unsägliches Gewimmel herrscht in ihnen; unten auf dem Strom ruhen Barken ohne Zahl; auf einer steht ein Löwe, frei, kettenlos; in einer andern liegen gefesselte Sklaven wie Bananenbündel. Faber trägt ein chinesisches Kleid; er folgt seinem Führer die Treppengassen hinauf, durch das unsägliche Gewimmel von Kindern und Tieren und Buden und Karren; da stürzt ein Mensch mit drohend geschwungenem Säbel auf ihn zu, der vielleicht trotz der Verkleidung den Fremden erkannt hat; schon glaubt er sich verloren, als ein weißbärtiger Greis des Weges kommt und gebieterisch den Arm erhebt; er bedeutet den Fremdling, ihm zu folgen und sie gehen in ein seltsam schönes Haus, wo er den müden Gast bewirtet und pflegt und mit Sorgfalt umgibt und seine verwundeten Füße heilt, alles stumm und sanft und freundlich. Dann geht es auf einer viele Tage währenden Fahrt auf einer Barke den riesigen Strom hinab, dem Meere zu, und in der großen Stadt am Meer, zaubervollsten aller Städte, harrt er Monat um Monat und denkt an die Heimat, denkt an Christoph ...

Plötzlich erhob er sich, stellte das Kind auf den Boden und verließ das Zimmer. Christoph schaute ihm betroffen nach. Er ging zu Fides ans Fenster, wo man noch sehen konnte; im Zimmer war es finster. Und sie sah in seinen großen grauen Augen Stolz, Ergriffenheit und Unruhe. Mit einer zerstreuten und versonnenen Gebärde strich sie ihm mit der Hand über das Haar, und während sie den Lichtschalter aufdrehte, seufzte sie leise. Da war Christoph schon emsig bemüht, aus zusammengestellten Stühlen ein Automobil zu fabrizieren, und einen alten Gummiball als Hupe benutzend, gab er garstige Alarmsignale von sich. Ein wenig später verwandelte sich das Fahrzeug: es wurde ein chinesisches Flußboot daraus, das gefesselte Krieger beförderte, und als Fides mit dem Abendbrot kam und an die Schlafenszeit mahnte, fand sie ihn in tiefen Gedanken an Bord sitzen. Er sagte mit gerunzelter Stirn: »Glaubst du, daß der Vater wieder gern bei uns ist? wenn man so wunderbare Sachen erlebt hat, kanns einem zu Hause doch nicht mehr gefallen.«

»O doch,« erwiderte Fides, »die wunderbaren Sachen hören sich oft schöner an als sie beim Erleben sind. Ich glaube bestimmt, daß er gern da ist.«

»Wenn er wieder fortgeht, muß er mich mitnehmen,« sagte Christoph entschlossen; »einen Schildknappen kann man immer brauchen. Ich muß nur herausbringen, ob er mich für stark genug hält. Dann können wir die ganzen Chinesen unterwerfen.«

»Ja, das solltet ihr tun,« pflichtete Fides bei; »es sind sicher recht gefährliche Leute.«

»Nicht alle, aber die meisten, wie?«

»Freilich nicht alle; es gibt fromme und weise Menschen bei den Chinesen, soviel ich weiß.«

»Tausendjährige, nicht wahr?«

»Auch tausendjährige.«

»Findest du nicht, daß der Vater manchmal aussieht als wär er tausend Jahre alt?«

»Wieso? das find ich nicht ...«

»Ich kanns dir nicht erklären. Er schaut einen so an, so alt, so ganz alt. Gefällt er dir?«

»O ja, er gefällt mir gut.«

»Möchtest du seine Sklavin werden?«

»Sklavin? das gibts doch bei uns nicht.«

»Bei uns, na ja; aber wenn du mit nach China gingst, könntest du seine Sklavin werden. Ich der Knappe und du die Sklavin. Fein, nicht?«

»Und deine Mutter? was sollte die derweil beginnen?«

»Das muß ich mir noch überlegen. Vielleicht kommt sie uns nach, wenn sie sieht, daß wir Ernst machen.«

»Wie meinst du das: Ernst machen?«

Der Knabe schwieg, spähte schlau zu Fides empor und zuckte die Achseln. Fides, mit einem Blick auf die große Pendeluhr, beendete das Gespräch und Christoph mußte sich der Stunde fügen.

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