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Fabeln und Parabeln

Abraham a Sancta Clara: Fabeln und Parabeln - Kapitel 8
Quellenangabe
typefable
titleFabeln und Parabeln
authorAbraham a Sancta Clara
year1954
publisherAlbert Langen / Georg Müller Verlag
addressMünchen
sendergerd.bouillon
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Die Schwalbe und die andern Vögel

Die Schwalm hat sich vor diesem und ehdem gleich andern Vögeln in Wäldern und Feldern aufgehalten. Als sie aber wahrgenommen, daß ein Bauer auf einem großen und breiten Acker den Hanfsamen ausgeworfen, da hat sie sich unverzüglich zu den gesamten Vögeln begeben und ihnen treuherzig geraten, sie sollten allen möglichsten Fleiß anwenden, wie sie doch möchten den Samen als eine ihnen höchst schädliche Sach hinwegbringen; es koste nit mehr Müh, als daß ein jeder Vogel ein oder zwei Körnle mit dem Schnabel hinwegtrüge. Die Vögel lachten die Schwalm aus als ein Einfalt und Dummrian; ja, etliche hielten sie gar für eine unnützige Schwätzerin, die den ganzen Tag hindurch mit Plaudern zubringe und folglich nit wenig Lugen einmische, maßen noch bei den Leuten ein teutsches Sprüchwort: wenn man einen gar höflich Lügen straft, d. h. der Lüge zeiht, so sagt man: er schwälmelt. Die gute Schwalm mußte solche Unbild ertragen; denn ich sahe wohl, daß unter den Vögeln große Flegel seien. Sie konnt's aber aus Gutherzigkeit nit lassen, daß sie nit nach etlichen Tagen ihren Ratschlag wiederholte; ja, sie hat's ihnen wohlmeinend zu verstehen gegeben, daß der Hanf wirklich grad eben aufwachse und folgsam noch Zeit war, solchen mit geringer Müh auszuraufen. Weil aber die guten Vögel hierüber fliegende Gedanken gemacht und die Sach weder reiflicher entörtert noch weniger zu einem Schluß gebracht, also hat sich die vorsichtige Schwalm, um fernerem Übel zu entgehn, gänzlich entschlossen, dero Gesellschaft hinfüran zu meiden, und sodann ihr Nest nit mehr in Hecken und Gesträuß gemacht, sondern sich sehr weislich in die Häuser salviert, wie man's noch derzeit wahrnimmt. – Unterdessen ist der Hanf fast mannshoch aufgewachsen, auch zur völligen Zeitigung kommen, daß er also nach ausgestandner Dürre (Dörrung) und Breche in der alten Weiber Hand geraten und, nit ohne öfters Hecheln und Lecken, zu einem Faden promoviert worden, woraus endlich ein großes, langes, breites Garn gestrickt worden, wormit nachmals viel tausend Vögel auf unterschiedliche Manier gefangen werden. – In solchem äußersten Elend haben die übrigen Vögel ihre Zuflucht gesucht bei der Schwalm und selbige demütigst beratschlagt und befragt, wie doch ferneren Gefahren und Nachstellungen vorzubiegen sei, worauf die Schwalm geantwortet, daß es nunmehr viel zu spat, und hätte man, nach ihrer Einratung, sollen gleich den Samen aus dem Weg räumen.

Hast's gehört, Mensch? Alle bösen, verruchten und leichtfertigen Gedanken, so dir immerzu einfallen, sind nichts anders als ein Samen, die der leidige Satan in den Grund deines Herzens beginnt einzuwerfen; aber gib um Gottes willen acht, gib acht, daß, sofern nur einziges Körnl dareinfällt, du solches ohne einige Verweilung wiederum ausrottest; sonst wächst es in einem Vatterunser lang so stark aus, daß es dich nachmals ums ewige Vatterland bringt . . . O freche Jugend, du bildest dir ein, daß du allen Mutwillen in größter Freiheit treiben könnest, weder Gott noch Menschen förchten, weder Regeln noch Gesetz halten, und sparst etwa deine Beßrung ins Alter; aber wisse, daß Gott auch die Jungen in blühenden Jahren oft unvermerkt hinwegzucke!

 


 

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