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Fabeln und Parabeln

Abraham a Sancta Clara: Fabeln und Parabeln - Kapitel 50
Quellenangabe
typefable
titleFabeln und Parabeln
authorAbraham a Sancta Clara
year1954
publisherAlbert Langen / Georg Müller Verlag
addressMünchen
sendergerd.bouillon
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Reichstag der Bäume

Die Hl. Schrift protokolliert (Richter 9, 8ff.) parabelweis einen wunderseltsamen Reichstag; nämlich die Bäum haben wahrgenommen, wie alle Geschöpf ihr Haupt und Obrigkeit hätten: die Vögel haben den Adler zum König, die gehenden Tier den Löwen, die schwimmenden den Walfisch, die Metalle das Gold, das Blumengewächs die Rose, die Stein den Diamant, die Wein den Tokayer, die Gestirn am Firmament die Sonn. Deshalb ist nach reifer Erwägung auch von den Bäumen einhellig beschlossen worden, ein Haupt und König aus ihrem Stammhaus zu erwählen. Sie kommen daher anfänglich zum Ölbaum und tun ihm mit gebührenden Komplimenten die Kron anerbieten. »Nein«, sagt der Ölbaum, »wie kann ich meine Feiste verlassen und euer König sein?« (So hör ich wohl: Obrigkeit sein und zugleich feist sein kann nit sein; denn die vielfältigen Mucken, so da die Obrigkeit mehr als das Opfer Abrahams umflodern, lassen den Speck nit wachsen.) Die Bäum gehen weiter und präsentieren die königliche Hochheit dem Feigenbaum. Dieses sonst süße Gewächs macht ein saures Gesicht hierauf mit der unverweilten Einwendung: »Wie kann ich meine Süße aufgeben und eure Obrigkeit sein?« – »Du läppischer Stamm!« möcht jemand sagen; »behalt deine Süßigkeit und werde dennoch Obrigkeit!« Es hat aber dieser grüne Feigenkrämer nit übel geredet; denn regieren, gubernieren, moderieren, korrigieren, invigilieren, kommandieren kommt einen nit süß, sondern sauer an. Bald weisen bald unterweisen bald überweisen bald verweisen bald schaffen und befehlen: bald anschaffen bald zuscharren bald abschaffen, das kommt alles sauer an; weshalb der Feigenbaum sehr vernünftig geantwortet, er könne nit zugleich das Mittel der Süßigkeit zum Titel der Obrigkeit legen. – Die Bäum gehen daher ungesäumt zum Weinstock und tragen ihm mit beweglichem Zureden die Kron an. »Wie kann ich meinen Wein verlassen, der männiglich zur Fröhlichkeit aufmuntert, und eure Obrigkeit sein?« – »Du, Weinstock, bist mir ein wunderlicher Stock! Deine Entschuldigung ist weder gewichtig noch gesichtig und einzusehen; sei und verbleibe beinebens haupt-lustig!« Es war aber eine weisliche Antwort des Weinstocks; denn naß sein und zugleich trocken sein, das kann nit sein; schwarz sein und zugleich weiß sein, das kann nit sein; Obrigkeit sein und zugleich Fröhlichkeit sein, das kann nit sein. – Es kommen die Bäum endlich auch zur Dornenheck mit gebührendem Vortrag: ob er, der Herr Dornbusch, nit möcht König sein. »Ja, ja, ja!« sagt diese spitzfindige Staud; »ich will, ich will!« Wurde demnach Obrigkeit, Oberhaupt und Oberherr die Dornstaud. Diese aus göttlicher Schrift geschöpfte Parabel und Fabel zeigt sonnenklar, wie daß eine Obrigkeit nichts als stechende Dörner finde und empfinde; denn selten ist eine Höh ohne Weh . . ., und gehet's noch allezeit kühler her auf den hohen Bergen als auf den niedern Bühlen.

 

Ihr hölzenen Narren, ihr knopperten Fantasten, ihr groben Waldlümmel, ihr ungeschliffnen Trampel, ihr wilden Birken, ihr grünen Tölpel, verzeiht mir, ihr Bäumer, daß ich euch so hart titulier, ihr grindigen, rindigen Gesellen, was für eine spöttliche Wahl habt ihr vorgenommen, indem ihr die Dornstauden zu einem König erkiesen? Obschon der Öl-, Feigen- und Weinstock solche hohe Dignität und Würde geweigert haben aus gewissen und erheblichen Ursachen, so sind doch mehr Bäum noch gewest, die weit ehrlicher als die krätzige Dornstauden: Ein Eichbaum weicht in der Stärke keinem, warum diesen nit? Ein Zederbaum übergipfelt alle andern in der Höhe, warum diesen nit? Ein Palmbaum ist genugsam bekannt wegen seines Adels, warum diesen nit? Kaum ist diese ohngeschlachte Dornstauden zu solcher Ehr gelangt, da hat sie sich alsobald übernommen, die Untergebnen mit Feur und Brand verzehrt, auch alles unter sich über sich, d. h. durcheinander, geworfen.

So geht's, wenn man Idioten und Strohköpf zu hohen Ämtern bringt, so geschieht's, wenn man ohngeschickte Lümmel und arkadische Trampel und Esel in die Höh promoviert und andre, wohlmeritierte, verdiente und gelehrte Leut über die Achsel anschaut. Wohl eine umgekehrte Welt, wenn das Stroh in größerm Wert gehalten wird als die Goldfäden, wenn man den trüben Plempl dem edlen Malvasier vorsetzt und vorzieht und wenn der Löw dem forchtsamen Hasen muß ein Nachtreter abgeben! Gleichwohl geschieht solches mehrmalen, aber mit größtem Schaden des gemeinen Wesens und Staats.

 


 

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