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Fabeln und Parabeln

Abraham a Sancta Clara: Fabeln und Parabeln - Kapitel 5
Quellenangabe
typefable
titleFabeln und Parabeln
authorAbraham a Sancta Clara
year1954
publisherAlbert Langen / Georg Müller Verlag
addressMünchen
sendergerd.bouillon
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Löwe und Maus

Ist einmal ein Leb, weil er dem Raub nachstellte, in einem Garn gefangen worden; und indem er sich vielfältig bemühte, sich herauszuwickeln, so war doch alles umsonst, gab sich endlich schon den Tod und hoffte alle Stund, daß die Jäger werden kommen und ihm den Garaus machen. Unterdessen lauft aus der Erde heraus eine kleine Feldmaus, sieht den Leben im Garn, ganz eingewickelt und ermattet, geht besser hinzu, traut sich, mit ihm zu reden: »Ihro Majestät, Herr Kinig, wie geht's Ihnen? Wie sind S' in diese Strick und Unglück geraten? Ist mir über alle Maßen leid, Herr Kinig! Ich will heraushelfen; aber ein Ding, das müssen Sie mir nit abschlagen.« – »O Gott«, sagt der Leb, »mein Meiserl, ich will mich mein Lebtag dankbar einstellen.« Es solle nur begehren; was in seiner Macht und Vermögen seie, das solle sie unfehlbar zu gewarten haben. »Ihro Majestät«, sagt 's Meiserl »wann S' mich wollen heiraten und zu Ihrer Gemahlin nehmen, so will ich Sie erledigen!« – O weh! dachte der Leb; es wird mir ein Spott sein, wenn ich einen so kleinen Pumpernickel zu einem Weib hab; doch aber, das Leben ist gut, ist heilig! – »Ja, ja, ja, mein Meisl, vom Grund meines Herzens will ich dich heiraten.« – »Gut, gut!« Das Mäuserl fangt an zu nagen und nagt alleweil, daß ihm schier die Zähn ausfallen. – Mein, wie tut man sich halt befleißen, daß man nur einen Mann bekommt! – Das Mäuserl nagt fürwahr so lang und stark, daß es in kurzer Weil das ganze Garn oder Netz zernagt und dem Leben ein so groß Loch gemacht, daß er leicht hat kinnen heraus. Wie er nun, der Leb, von dieser durchsichtigen Keichen und Gfängnis ist erledigt worden, damit er beständig auf seinem Versprechen bliebe, so tut er's, das Meiserl, heiraten. Sind lustig auf der Hochzeit. Wie aber der Leb mit dem Meisl den ersten Tanz tut – weiß nit, wie er umgegangen –, so tritt er mit der Pratze aufs Meiserl, und es ist elendiglich ums Leben gekommen. Diese neue Braut hat man begraben und ihr diese Grabschrift aufgesetzt:

»So geht's«, sagte der Leb, »wenn man so hoch will sei –
Ist nie kein Glick darbey!«

 


 

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