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Fabeln und Parabeln

Abraham a Sancta Clara: Fabeln und Parabeln - Kapitel 28
Quellenangabe
typefable
titleFabeln und Parabeln
authorAbraham a Sancta Clara
year1954
publisherAlbert Langen / Georg Müller Verlag
addressMünchen
sendergerd.bouillon
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Der genarrte Getreidedieb

Es waren in einem Dorf zwei Nachbarn, die aber beide nur eine Scheuer oder Stadel hatten, worin sie ihr Korn oder Kernl aufbehalten haben. Diese erstgemeldeten Bauern hatten an sich gar ungleiche Sitten, maßen einer gar ein arger und karger Vogel, der in allwegs dahin getrachtet, wie er aus fremden Händen möcht Riemen schneiden, der ander aber ein einfältiger und harmloser, anbei aber sehr gewissenhafter Mann, dem nichts als die Redlichkeit im Busen gesteckt – wider das gemeine Sprichwort: »Die Bauren sind Lauren (Laurer = Schlaufüchse), solang sie dauren.« Der erst, als ein eigennutziger Gesell, hat bei sich beschlossen, dem andern als seinem Nachbauern den Treidhaufen zu rupfen, erwählte aber hierzu keine bequemre Zeit als die Nacht, die meistens aller Dieb ein Wettermantel und Deckmantel muß abgeben. Damit er aber bei der finstern Nacht wisse, welches das seinige und welches des Nachbarn Treid sei, hat er gegen den Abend seinen alten Rock oder Joppen auf den Treidhaufen des Nachbauern gelegt, damit er nachmals bei anbrechender finstern Nacht davon stehlen könnte. Es geschah aber, zweifelsohne durch sondern göttlichen Willen, daß auch dieser arme Schlucker noch denselben Abend, und zwar etwas spat, den Treidkasten besuchte; und wie er des Nachbarn Rock auf seinem Korn gefunden, kunnt er sich nit gnugsam darüber verwundern. Wie aber alle guten, redlichen Gemüter sich so leicht nit in bösen Argwohn entlassen, so auch forderst er; ja, er urteilte daraus noch die große Lieb und Wohlgewogenheit seines Nachbauern. »Was?« sagt er bei sich selbst; »mein Nachbar meint es so gut und treuherzig mit mir, daß er sogar sein eignes Treid in Gefahr setzt und das meine mit seinen Kleidern zuhüllt, damit's vom eindringenden Regen nit mög Schaden leiden. Ei, so will ich mich diesfalls in Guttaten nit überwinden lassen, sondern will lieber ich seinen Nutzen mehr befördern als den meinigen«, nimmt zugleich den Rock und deckt des andern Treid nach Möglichkeit darmit zu. Bei stockfinstrer Nacht steigt der lose Gesell in aller Still auf den Treidkasten, tappt hin, tappt her, bis er endlich den Treidhaufen angetroffen, worauf der Rock gelegen. Und weil er der Meinung gewesen, als gehör der seinem Nachbarn zu, hat er einen großen Sack davon angefüllt und voller Freuden, nach Diebesart in aller Still, sich davongemacht, nachmals aber, nit ohne Schamrot, erfahren, daß er von seinem eignen Treid gestohlen.

Sag her, Theologe und Schriftgelehrter, ob dieser ein Dieb sei oder nit. »Freilich!« ist die Antwort; »freilich ist er ein Dieb: er hat einen rechten Diebstahl begangen, er hat Gott den Herrn tödlich beleidigt . . .« – »Hat er doch dem andern nichts entfremdet und genommen, sondern von seinem eignen Sack angefüllt!« – »Was schadet all dies? Er hat im Sinn gehabt, dem andern zu nehmen. Sein Gedanken ist gewest, dem Nächsten zu stehlen; und ob ihm schon das nit gelungen, so hat ihn doch der eigne Gedanken zu einem Dieb gemacht« – fahrt also ein mancher mit dem bösen Gedanken und Willen, ohne böses Werk, zum Teufel! Wie sollen denn die Gedanken zollfrei sein!

 


 

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