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Fabeln und Parabeln

Abraham a Sancta Clara: Fabeln und Parabeln - Kapitel 21
Quellenangabe
typefable
titleFabeln und Parabeln
authorAbraham a Sancta Clara
year1954
publisherAlbert Langen / Georg Müller Verlag
addressMünchen
sendergerd.bouillon
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Der Glücks- und Unglücksbaum

Ein Geldnarr, der vom Geiz mehr als Tobias vom Schwalbenkot verblendet worden, stund in immerwährender Forcht, daß ihm ein Dieb möcht übers Geld kommen, daher er denselben guldnen Schatz bald da und bald dort verborgen wie ein Hund ein Bein und Knochen, war demnoch, seines Sinns und Meinung nach, nie recht versichert vor dergleichen Raubvögeln. Einsmals fallt ihm ein, es wäre kein bessers und hierzu bequemers Ort, solches Geld zu verbergen, als ein Baum im Garten, zumalen die Dieb ihren Raub und Beut nur in Häusern, Kästen oder Schränken und Kisten zu fischen pflegen. Zu diesem End und Zweck besieht er ganz genau sowohl in seinem als auch im benachbarten Garten die großen Bäum, worunter er einen, seines Gedünkens nach, sehr tauglichen auserkiesen. Den hat er nachmals in aller Geheim bestiegen und ganz droben, unweit vom Gipfel, wahrgenommen, daß der Baum etwas hohl sei, so da war nach seinem Wunsch. Nachdem er sehr behutsam vorher umgeschaut, ob er von jemand nit vermerkt werde, hat er geschwind den ledernen Sack voll Dukaten in besagten hohlen Baum hineingesteckt und mit der alten Rinde gar sauber zugedeckt und verhüllt, ist darauf ganz trostvoll herabgestiegen, als sei sein Schatz bestermaßen verwahrt.

Eben zur selben Zeit befand sich dieses Geizhalses nächster Nachbar in sehr großer Drangsal und Betrübnis, weil er ein Haus voll Kinder hatte, die immerzu eine Stadt in Ungern belagerten (die heißt Brodt!), und noch darzu die Creditores und Schuldenforderer stets ums Haus prozessionsweis gehen, das Kreuztragen (bei dieser Gläubigerprozession) aber allzeit ihm zukam. Das alles hat den armen Tropfen in solche Kleinmütigkeit gestürzt, daß er endlich beschlossen, sich selbst lieber das Leben zu nehmen und abzukürzen, als ferners in solchem Elend zu verharren – wie er denn unsäumlich sich um einen guten Strick umgesehen, womit er sich möchte erdrosseln. Mit solchem harten Flor vom Seiler begibt er sich eilfertig, jedoch in der Still in seinen Garten, willens, daselbs dies verzweifelte Werk zu vollziehen. Und siehe, wie Gottes Vorsichtigkeit und Vorsehung so wunderlich auf Erden spielt: er besteigt ebendenselben Baum, worin kurz vorhero der Geiznarr sein Geld verborgen! Nachdem er bereits den Strick um den starken Ast geflochten, wollt er vorher umsehen, ob nit einige Leut ihn wahrnehmen. Im währenden Umschauen vermerkt er was im hohlen Baum, schaut, greift, findet, hebt den Sack voll Dukaten heraus. Was für Freuden in seinem Herzen entstanden, ist leicht zu erachten; er gedachte nit anderst, als habe ihm die göttliche Vorsichtigkeit zum Unterhalt seiner armen Kinder dieses so stattliche Vogelnest zugeschickt. Dahero hat er ohne weitres Nachsinnen den Baum verlassen, den Strick aber hangen lassen: »Laß Strick Strick sein«, gedachte er, »mir ist lieber dies Glück als der Strick; mir ist weit angenehmer dies Heil als das Seil – es mag sich ein andrer daran henken! Mich gelüstet heut nit nach dergleichen Spagatsalat.«

Unter solcher Zeit machte sich der obbenannte Geizhals tausend Mucken und Sorgen, so daß er manche Nacht nit eine halbe Stund konnte schlafen, war immerzu in Angst und Forcht, es möcht ihm eine Maus übern Käs oder ein Mauskopf über die Cassa kommen. (O Narr, so du nur halbenteil wegen Gott soviel tätest wachen, ich glaub, du kämest auf die Eremitenbank im Himmel!) Die Forcht hat ihn endlich so stark getrieben, daß er frühmorgens, sobald der Tag anbrach, beschlossen, seinem liebsten Schatz eine Visita zu geben – so auch geschehen. Wie nun dieser geizige Baumhäkl hinauf geklettert und leider gefunden, daß seine Dukaten Federn bekommen haben, auweh! Ach, das Gesicht erbleicht, das Herz fallt in die Strümpf, die Seufzer brechen aus, die Augen schwimmen. »Nun ist's aus«, sagte er; »trösten kann mich niemand. Ist mein Geld hin, soll auch das Leben hin sein. Ist mir leid, daß ich nit gleich einen Strick bei Händen hab: die Verzweiflung wollt ich mit einem Knopf und Knoten auflösen!« Wie er so ganz entrüstet umgeschaut, da nimmt er wahr, daß gleich neben ihm ein Strick hange (der, den unlängst zuvor der glückselige Schatzfinder hinterlassen!). Diesen erwischt ganz gierig der verzweifelte Geldnarr, und es bindet also den Hals zu, der als Geizhals gelebt. O Narr!

Ein wunderseltsamer Baum ist dieser gewest, indem er einem das Leben gebracht, dem andern aber das Leben genommen; einem hat er aus der Not geholfen, den andern hat er zum Tod gezogen; einen hat er aus dem Elend errettet, den andern hat er ins Elend gestürzt; einem hat er das Herz erfreut, dem andern hat er das Herz abgestoßen: auf gleichen Schlag tragt es sich zu mit dem Neidigen, dem des Nächsten Glück ein Unglück ist; ja, eines andern sein Segen ist dem Neidigen ein Degen, der ihn verwundet; eines andern sein Heil ist dem Neidigen sein Seil, so ihn erdrosselt.

 


 

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