Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Abraham a Sancta Clara >

Fabeln und Parabeln

Abraham a Sancta Clara: Fabeln und Parabeln - Kapitel 2
Quellenangabe
typefable
titleFabeln und Parabeln
authorAbraham a Sancta Clara
year1954
publisherAlbert Langen / Georg Müller Verlag
addressMünchen
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Der Hahn und der Fuchs

Ein Fuchs hat auf eine Zeit einen Hahn auf einem hohen Zaun krähen gehört, ist demnach eilends hinzugeloffen und hat den Hahn über alle Maßen gelobt und hervorgestrichen. »Mich wundert«, sagt der Fuchs, »daß unser Gott Juppiter mag auf einem Adler reuten; wann er doch hat wollen einen Vogel auserküsen, so hätt er dich, wertister Hahn, sollen erwählen: du trägst ja einen solchen schönen, vielfarbigen Schweif, als wann der selbe von einem Regenbogen war abkopeyet! Anstatt des Barts hat dir die Natur einen so edlen schönen Kamm gespendiert, daß er farbhalber auch mit dem Purpur trutzen könnt; deine scharpfen Klauen sind nichts anres als zwey martialische Waffen, mit denen du dich und dein geflületes Frauenzimmer ganz heldenmütig defendierest. Wie soll ich erst rühmen deine hohe Vernunft, indem du dich gar auf den Lauf der Himmels-Gestirn verstehst, den Tag mit größter Wachtsamkeit andeutest und also den Leuten mehr dienest als die beste Uhr! Deine so herrliche und heroische Stimm zieht männiglich in Verwundrung, und müssen dir billich alle Musicanten derenthalben das Prae lassen; die Lieb gegen den Nächsten ist dergestalten groß bei dir, daß du mehrmalen ein Weizen-Körnerl an deinem eignen Schnabel ersparst und solches den Hennen überlassest. – Ich armer Fuchs bin absonderlich heut glückselig, daß ich deine edle Gegenwart kann genießen; verbergen muß sich fürwahr der Vogel Phoenix, wenn man deine so großen natürlichen Gaben betrachtet.«

Dem Hahn hat diese fuchsische Lob-Predig dergstalten wohlgefallen, daß er sich derenthalben nit wenig übernommen, ja vor lauter Hoffart angefangen zu krähen, worüber sich der Fuchs noch mehrer erfreut hat. »O wohl«, sagt er, »eine himmlische Stimm! Oh, wann ich die Gnad könnte haben, diesem gebenedeiten Schnabel einen Kuß zu geben, so wär ich der Allerglückseligiste unter den Tieren!«

Mein stolzer Goggelhahn läßt sich solchergestalten betören, daß er seinen Kragen tief herabgehebt, um das Osculum pacis, den Friedenskuß, zu empfangen. Der Fuchs aber schnappt zugleich und zieht den Gesellen vom Zaun herunter, ropft diesen hoffärtigen Feder-Hannsen dergstalten, daß kaum etliche Beinerl und Knöcherl übrig geblieben.

 


 

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.