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Fabeln und Parabeln

Abraham a Sancta Clara: Fabeln und Parabeln - Kapitel 15
Quellenangabe
typefable
titleFabeln und Parabeln
authorAbraham a Sancta Clara
year1954
publisherAlbert Langen / Georg Müller Verlag
addressMünchen
sendergerd.bouillon
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Der Bauer und die Schlange
– mit Schimmel, Hund und Fuchs –

Ein Bauer wollte einst etwas in die nächstgelegne Stadt tragen zum Verkaufen; unterwegs aber, wegen der schweren Last, tat er bei einem Felsen rasten, worin eine große Schlang versperrt gelegen. Wie diese den Bauern wahrgenommen, so fangt sie an, inständig zu bitten, er wolle doch sich ihrer erbarmen: »Ich bitt dich um Gottes willen, der dem Moses im Alten Testament befohlen, mich aus Erz und Glockenspeis auf eine hohe Säul zu setzen, ich bitt, ich bitt und bitt dich tausend- und tausendmal, hilf mir doch aus diesem Loch; denn ich, wegen des schweren Steins, nit kann herauskriechen.« – »Wie wirst du mich aber belohnen?« fragt der Bauer. »O mein herzallerliebster Mann, ich will dir den Dank geben, womit die Menschen die größten Guttaten pflegen zu bezahlen.« – »So sei's denn!« Der Bauer wälzt den großen Stein hinweg, so daß also die Schlang in die freie Luft gekommen und des langen Arrests entledigt worden. Wie sie sich nun in der Freiheit befunden, so will sie mit großer Gewalt den Bauern umbringen. »Holla!« schreit der Bauer, »was ist das? Soll das meine Belohnung sein um die große Guttat? Ist das der Welt Dank?« – »Ja«, spricht die Schlang; »die Menschen pflegen in der Welt das Gute mit dem Bösen zu vergelten, und solchen Weltdank hab ich dir versprochen.« – »Weißt du was, mein Schlang«, entschuldigt sich der Bauer, »ich bin ein einfältiger Mann und nit schriftgelehrt: ich will mich mit dir ohne gelehrte Zeugen in keine Disputation einlassen, sondern wir wollen andre suchen, die hierinfalls verständig urteilen werden. Ist es Sach (ergibt sich), daß ich unrecht hab, so will ich gern sterben.«

Begeben sich demnach beide, der Bauer und die Schlang, auf den Weg und treffen bald einen alten Schimmel, der nichts als Haut und Bein tragte. Dieser hatte seine Weid auf einem dürren Feld und war allbereits schon dem Schind-ophilo übergeben. »Willkommen, Herr Schimmel! Wie, daß Ihr Euch ganz alleinig auf diesem öden Feld aufhaltet? Aus was Ursachen ist der Herr nit zuhaus im Stall bei einer guten Haberkost?« – »Ach, meine Herren!« antwortet der Schimmel; »ihr dürft euch destwegen nit so stark verwundern; es ist schon allbereits der Welt ihr Brauch! Ich bin 30 Jahr bei einem Edelmann gewest, dem dieses Geschloß vor euern Augen zugehörig, hab ihm gedient, wie's einem redlichen Pferd zusteht. Ich weiß mich wohl zu erinnern, daß ich ihn im vorigen Türkenkrieg bei Komorn etlichmal hab vom Tod errettet. Jetzt, daß ich alt, schäbig und ganz kraftlos bin, hat er mich dem Schinder übergeben.« – »Siehst du's Bauer? Hast's vernommen, wie die Welt das Gute mit dem Bösen belohnt? Also, jetzt bring ich dich um!« sagt die Schlang. »Gemach!« bittet der Bauer, »gemach! Die Sach muß durch einen allein nit geschlichtet werden. Wenn mehrere dieses Urteils werden sein, alsdann will ich mich ganz urbietig ergeben.« – »Gut!« – Die zwei beurlauben sich vom Schimmel und nehmen ferners ihren Weg fort. Bald aber treffen sie einen Hund, der mit einem alten Strick an einem Zaun angebunden war. »Willkommen, Herr Melampus! Wie so melancholisch? Ihr müßt eine schlechte Kost haben, weilen Ihr so beindrechslerisch und knochendürr ausschaut! Wie kommt's, daß Ew. Hundheit also bei diesem Zaun sich befindet?« – »Ach!« seufzte der Hund, »das ist mein Lohn, daß ich meinem Herrn so getreu gedient hab. Was Strapaza hab ich in mancher Jagd und Hetz ausgestanden und ihm so mit eignen Zähnen manches Schnappbißl erhascht! Will geschweigen, daß ich Schelmen und Dieb mit meinem Wachen und Bellen nächtlicherweil hab abgetrieben. Anietzo, da ich alt, matt, müd und verdrossen bin, hat er mich an den Zaun binden lassen, und wird bald einer kommen, der mich erschießen muß.« – »Also!« sagt die Schlang, »Bauer, halt her; dein Handel ist nun verloren: zwei haben dich überstritten und besiegt.« – »Ei, nit so gäh, meine Schlang! Sofern der Dritt auch solcher Meinung wird sein, so will ich mich nachmals keineswegs weigern.«

In währendem Zank laßt sich ein Fuchs sehen, der sich selbst freimütig als Richter bei diesen streitenden Parteien aufgeworfen, ruft dahero den Bauern ein wenig beiseits und fragt ihn, ob er mit Hennen versehen sei und wieviel er ihm woll spendieren, wenn er ihn aus dieser äußersten Lebensgefahr salviere. »Ich schenk dir alle Hennen, mein guldner Fuchs«, sagt der Bauer. Da fangt der Fuchs an, mit besondrer Wohlredenheit die Sach vorzutragen, alle Umständ reiflich zu erwägen. »Damit aber hierinfalls keinem eine Unbild oder Unrecht geschehe«, sagt der Fuchs, »ist's notwendig, den Augenschein einzunehmen, wie sich der Handel hat zugetragen.« Begeben sich daher alle drei zum Felsen. Der Fuchs schüttelt den Kopf und laßt sich verlauten, als komm's ihm unmöglich vor, daß die große Schlang in diesem Loch sei gesteckt. »Mein Schlang, geh her und zeig mir's: wie bist du darinnen gewest?« Die Schlang schlieft hinein; der Bauer mußte den Stein vorwälzen. Alsdann fragt mehrmalen der Fuchs: »Mein Schlang, ist's also gewest?« – »Ja, ja, ganz natürlich so ist's gewest.« – »Nun, nun«, antwortet der arge Fuchs, »ist's so gewest, so soll's also verbleiben!«

Dergestalten war der Bauer aus seiner Gefahr errettet und hat voller Freuden dem Fuchs versprochen, er solle morgen früh um 7 Uhr in seinem Haus zu einer guten Hennensuppen erscheinen. – Der Bauer kommt etwas spat nach Haus, wessenthalben das Weib die Stirn schon mit trutzigen Runzeln ausgespaliert hat und den armen Mann mit rauhen Worten bewillkommt. »O mein Weib«, sagt der Bauer, »wenn du solltest wissen, wie's mir ergangen, du würdest weit anderst reden. Meine guldne Urschl, du hättest bei einem Haar deinen Mann verloren! Gedenk, was mir für ein Unstern begegnet! In augenscheinlicher Lebensgefahr bin ich gewest«, und erzählt ihr's mit allen Umständen. »Doch hat der Himmel einen ehrlichen Fuchsen zu mir geschickt; der hat mich durch seinen Witz und Verstand wunderbarlich erledigt und befreit. Dessentwegen hab ich ihm aus schuldigster Dankbarkeit all unsre Hennen versprochen, und morgen, will's Gott, in der Früh um 7 Uhr wird er sie abholen.« – »Was? holen?« sagt sie; »was? Hennen holen? Meine Hennen holen? Hol dich der Tei–! Was hast du mit meinem Geflügelwerk zu schaffen, du Schmarotzer? Wer wird dir nachmals die Eier legen, du Bengl, du Büffl! Komm mir nur der Fuchs; ich will ihm schon einen hölzernen Vergeltsgott zu verkosten geben!«

Der arme Fuchs wußte um all diese Bosheit nichts; daher ist er in der Früh in guter Sicherheit und Vertrauen ins Haus gekommen, hoffte denselbigen Tag auf eine absonderliche Mahlzeit. Kaum aber daß er einen guten Morgen abgelegt, hat ihm die Bäurin mit einem Scheitholz das Ruckrat eingeschlagen, so daß also der arme Fuchs in diesen seinen Todesnöten über nichts mehr lamentierte als die Undankbarkeit der Welt, wie solche das Gute mit dem Bösen so vielfältig vergelte und bezahle.

Was kann besser die Wahrheit an Tag geben als dieses Gedicht! Und sind fürwahr die Poeten nit allezeit Phantasten und Narren, wenn sie eine dergleichen lehrreiche Fabel phantasieren, worin ganz natürlich entworfen ist der jetzige Welt-Dank. Wie oft sehen wir, hören wir, greifen wir dergleichen Undankbarkeiten! Und ist nit vonnöten, alte Bücher und alte Geschichten zu zitieren, die dergleichen Laster häufig vortragen, sondern man hat ganz frische und nagelneue solche Begebenheiten.

 


 

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