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Fabeln und Erzählungen

Christian Fürchtegott Gellert: Fabeln und Erzählungen - Kapitel 122
Quellenangabe
typepoem
booktitleFabeln und Erzählungen
authorChristian Fürchtegott Gellert
year1989
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4920-3
titleFabeln und Erzählungen
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1746
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Der Schäfer und die Sirene.

                                       

Ein Schäfer aus der goldnen Zeit,
In seinem stillen Hirtenstande
Ganz Ruhe, ganz Zufriedenheit,
Trieb öfters an des Meeres Strande,
Und was er sang, war Fröhlichkeit.
Ihn rührten keine Schäferinnen.
Gefiel ihm Daphne ja zuweilen bei dem Spiel,
So konnte sie doch nichts gewinnen,
Als daß sie flüchtig ihm gefiel.
Ein seltner Fall, daß ohne Schöne
Ein junger Schäfer glücklich war!
Doch seinem Herzen droht Gefahr.
Welch eine reizende Sirene
Schwimmt dort! Kaum wird er sie gewahr,
So fühlt sein Herz Lieb' und Gefahr.
Er steht, und will nicht stehen bleiben,
Erstaunt, blickt auf die Sängerin,
Will abwärts mit der Herde treiben
Und treibt nur mehr ans Ufer hin.

Nun irrt allein, ihr guten Herden!
Der Schäfer hat für euch itzt keine Zeit.
Er klagt durch Lieder und Gebärden
Der Schönen seine Zärtlichkeit,
Verspricht ihr alle seine Herden
Und alles Glück der goldnen Zeit.
Sie, wohl in ihrer Kunst erfahren,
Hört nichts von dem, was er verspricht,
Scherzt mit der See, putzt an den Haaren,
Als sähe sie den Schäfer nicht,
Und nötigt ihn durch schlaue Blicke,
Den Antrag ihr noch oft zu thun.
»Ich«, singt sie, »bin nicht mein. Neptun bestimmt mein Glücke,
Und wenn ich dich nicht flüchtig nur entzücke,
So geh' und bitte den Neptun.«
Er bat. »Nein«, sprach der Gott der Meere,
»Wenn ich die Bitte dir gewähre,
Gewähr' ich dir dein Unglück nur.«
Der Schäfer schleicht betrübt nach seiner Hütte;
Nun lacht ihm weiter keine Flur.
So oft Neptun am Strande fuhr,
So wiederholt' er seine Bitte.
»Neptun! So soll das Meer die trefflichste Gestalt,
Die mich entzückt, in seinen Schoß begraben?« –
»Nein«, rief der Gott, »du sollst sie haben;
Denn du verlangst sie mit Gewalt.«

Wie hurtig schwamm nunmehr die Schöne
Dem Ufer zu! Wie schön sang sie, wie zauberisch!
Er reicht' ihr seine Hand. »Komm, göttliche Sirene!« –
Doch welch Entsetzen! Seine Schöne,
Sein Liebling, war halb Mensch, halb Fisch.
Mit Zittern floh Damöt vom Meere
Und gab nachher der Flur sehr oft die Lehre,
Daß unser liebster Wunsch oft große Thorheit wäre.

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