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Fabeln und Erzählungen

Christian Fürchtegott Gellert: Fabeln und Erzählungen - Kapitel 108
Quellenangabe
typepoem
booktitleFabeln und Erzählungen
authorChristian Fürchtegott Gellert
year1989
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4920-3
titleFabeln und Erzählungen
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1746
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Elmire und Selinde.

                               

Mit ihren Kränzen in den Haaren
Erschienen einst vor Charons Kahn
Zwo Jungfern in den besten Jahren
Und wollten eilends überfahren.
Der Schiffer, sonst ein finstrer Mann,
Sah seine Schönen freundlich an:
»Ihr Kinder, kommt ihr gar zu Paaren?
Was hat euch denn die Oberwelt gethan?
Vor kurzem kam ein hübscher Jüngling an;
Du da in deinen schwarzen Haaren,
War dieses etwan dein Galan?
Ich möcht' es bald aus deinen Augen lesen.
Und du dort, lächelndes Gesicht,
Nicht war, ihr seid verliebt gewesen?
Gesteht mir's, eher fahr' ich nicht.«

»Mein Herr, was will Er mit der Liebe?«
Fiel ihm Elmire hitzig ein;
»Kann man denn ohne diese Triebe
Kein schön und glücklich Mädchen sein?
Was? Ich verliebt? Er irrt sich. Nein,
Ich kann es Ihm durch einen Eid versichern,
Daß ich bei meinem hohen Stand,
Dank sei's der Tugend und den Büchern,
Die Liebe nicht gewünscht, noch weniger gekannt.
Und kurz, was brauch' ich mehr zu sagen,
Da ich die Liebe stets verschmäht?
Verschon' Er mich mit solchen Fragen,
Wovon vielleicht Selinde mehr versteht.«

»Ich«, sprach sie, »will's aufrichtig sagen,
Ich schäme mich der süßen Schwachheit nicht.
Mein Schäfer war, wie man in unsrer Sprache spricht,
Mein größter Wunsch, und ich sein Glück und sein Gedicht.
Ich gab ihm oft Gelegenheit zum Küssen
Und that, als wollte mich's verdrießen;
Doch in der That verdroß mich's nicht.
Ich zürnte, wenn er zärtlich red'te,
Und hätte doch geweint, wenn er geschwiegen hätte.
Ich schalt ihn, daß er mir von nichts als Liebe schrieb
Und meinen Reiz in Liedern übertrieb,
Im Herzen aber war mir's lieb.
Ich ließ mich oft von ihm nachlässig überschleichen
Und floh geschwind und ließ im Weichen
Geschickt ihm Zeit, mich zu erreichen.
So hab' ich unschuldsvoll, bis mich der Tod ereilt,
Ein zärtlich Herz mit ihm geteilt.«

»Gut«, fing der Fährmann an, »gleich wird sich's offenbaren,
Wer unter euch den Kranz mit Ehren trägt.
Sobald ich meinen Kahn bewegt,
So wird er der, die nicht mit Recht ihn trägt,
Mit Ungestüm vom Kopfe fahren.
Kommt, Kinder, kommt, damit wir's sehn!«
Den Augenblick riß ihn Elmire von den Haaren;
Allein Selinde ließ ihn stehn.

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