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Fabeln und Erzählungen

Christian Fürchtegott Gellert: Fabeln und Erzählungen - Kapitel 104
Quellenangabe
typepoem
booktitleFabeln und Erzählungen
authorChristian Fürchtegott Gellert
year1989
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4920-3
titleFabeln und Erzählungen
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1746
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Der wunderbare Traum

                        Aus einem alten Fabelbuche
(Der Titelbogen fehlt daran,
Sonst führt ichs meinen Lesern an),
Aus dem ich mich Rats zu erholen suche,
Wenn ich selbst nichts erfinden kann;
Ans diesem alten deutschen Buche,
Das mir schon manchen Dienst getan,
Will ich mir einen Traum erwählen.

Als ich einmal, so fängt mein Autor an,
Nach seiner Weise zu erzählen,
In einer Kirche saß, so fiel mir jähling ein:
Wer mag von so viel tausend Seelen,
Die diesen Ort zu ihrer Andacht wählen,
Doch wohl die frömmste Seele sein?
In den Gedanken schlief ich ein,
Und sah im Traum vor mir des Tempels Schutzgeist stehen,
»Du«, sprach er, »wünschest dir, das frömmste Herz zu sehen?«
Und rührte mein Gesicht mit seiner Rechten an.
Mir kam, sobald er dies getan,
Ein sanfter kalter Schauer an.
Und plötzlich sah ich mich in heilgem Glanze stehen.
»Fang an«, sprach er, »die Kirche durchzugehen.
Der, den dein Glanz so rührt, daß er dich dreimal küßt,
Der hat das frömmste Herz, das hier zu finden ist.«

Ich ging, um es recht bald zu wissen,
In dem empfangnen Glanz hart vor der Sakristei
Einmal, und noch einmal, vorbei,
Weil mir es schien, als wolle man mich küssen.
Ich wartete noch eine gute Frist,
Und ward einmal; allein ganz kalt, geküßt.

Ich ging darauf in die Kapellen,
In denen ich die frömmsten Mienen fand,
Und alles schien sich aufzuhellen,
Man lächelte, man tat galant
Und küßte mir zur Not die Hand.

Drauf ließ ich mich auf einer höhern Bühne
Gesichtern, voll von Ernst und tiefer Weisheit, sehn.
Ich blieb ein feines Weilchen stehn.
Sie sahn mich an, und machten eine Miene,
Als ob sie sich an mir schon satt gesehn.
Und ungeküßt mußt ich von dannen gehn.

Ich stellte mich nun vor die niedern Stände.
Hier warfen mir viel weiße Hände,
Da einen Kuß, dort einen zu.
Ich ließ mein Auge lange fragen:
Ach, gutes Herz! wo wohnest du?
Allein man wollt es nicht, mich zu umarmen, wagen,
Und ich ging ganz betrübt auf meinen Schutzgeist zu.
Mein traurig Schicksal ihm zu klagen.
Indem, daß ich noch durch die Halle schlich,
Sah mich, in einem schlechten Kleide,
Ein liebes Mädchen an, und seht, sie küßte mich
Mit einer plötzlichen und unschuldsvollen Freude.
Und eh ich noch von ihr den dritten Kuß erhielt:
So fühlt ich schon die selgen Triebe
Der Redlichkeit und Menschenliebe
So stark in mir, als ich sie nie gefühlt.
Ein Mädchen, rief ich aus, an das die Welt kaum dachte,
Besitzt das beste Herz! Ich rief es, und erwachte.

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