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Fabeln aus: Figuren zu meinem ABC-Buch oder über die Anfangsgründe meines Denkens

Johann Heinrich Pestalozzi: Fabeln aus: Figuren zu meinem ABC-Buch oder über die Anfangsgründe meines Denkens - Kapitel 25
Quellenangabe
typefable
titleFabeln aus: Figuren zu meinem ABC-Buch oder über die Anfangsgründe meines Denkens
authorJohann Heinrich Pestalozzi
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created20020304
publisherCotta
firstpub1797
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Der Unterschied des Waldlebens und des gesellschaftlichen Zustands

Nerin und Philo, zwei Freunde, besuchten sich alle Jahre an dem nämlichen Tag und an dem nämlichen Ort, an dem sie sich zuerst kennenlernten, um das Band ihrer damals geschlossenen Freundschaft zu erneuern.

Im vierten Jahr hatten sie im Schatten der Bäume, mit welchen dieser Platz bewachsen war, folgendes Gespräch.

Nerin: Bei allem, was ich bisher erfahren, ist mir doch noch nicht heiter, worin der Unterschied zwischen dem Waldleben und dem gesellschaftlichen bürgerlichen Zustand eigentlich bestehe; im Gegenteil, ich sehe täglich mehr, daß der Starke in dem einen Zustand eben wie in dem anderen den Schwachen augenblicklich als Zange und Angel zu seinem Dienst braucht, sobald er etwas im Wasser oder im Feuer sieht, das er lieber mit einer fremden Hand als mit der Seinigen daraus herausnehmen und herausfischen möchte.

Philo: Das ist allgemein so, wenn der Mensch im gesellschaftlichen Zustand nicht zur Erkenntnis einer höheren Wahrheit und eines höheren Rechts gebracht wird, als diejenige ist, die er bei der sinnlich-tierisch befangenen Ansicht dieser Gegenstände schon im Waldleben besitzt.

Nerin: Und was ist denn diese höhere Wahrheit, die der Mensch im gesellschaftlichen Zustand erkennen muss, wenn ihn dieser Zustand wirklich höher heben soll, als er im blossen Waldleben zu gelangen vermag?

Philo: Sie ist nichts anderes als die Erkenntnis, daß der Segen des gesellschaftlichen Zustands, sowohl in seinem Einfluss auf das Privatleben seiner einzelnen Glieder als auf den öffentlichen Zustand des gesellschaftlichen Lebens überhaupt, nicht aus dem Fleisch und Blut unserer sinnlichtierischen Natur, sondern aus dem Geist und Leben des inneren, göttlichen Wesens unserer Menschlichkeit selber hervorgeht.

Nerin: Aber kann die Erkenntnis dieser Wahrheit aus dem Dichten und Trachten des gesellschaftlichen Zustands als solchem hervorgehen?

Philo: Nein, die reine Ansicht einer solchen höheren Wahrheit und eines solchen höheren Rechts kann nicht aus der Natur des gesellschaftlichen Zustands als solchem hervorgehen, wohl aber kann der gesellschaftliche Zustand durch die Belebung des inneren, göttlichen Wesens der Menschennatur in den Individuen der Gesellschaft durch Reinigung und Heiligung ihrer selbst in allen Ständen mit den Ansprüchen einer solchen höheren Wahrheit und eines solchen höheren Rechts in Übereinstimmung gebracht werden. Dieses aber kann nur dadurch und nur insoweit geschehen, als die einzelnen Glieder des gesellschaftlichen Zustands in allen Ständen sich über die Selbstsucht ihrer sinnlichen Natur und ihrer Ansprüche erheben.

Nerin: Das ist richtig. Das reine Wesen aller wahren Fundamente des Menschensegens, die Menschlichkeit selber, geht durchaus nicht aus Gefühlen, Ansichten, Neigungen, die dem kollektiven Zustand unseres Geschlechts als solchem eigen sind, sondern einzig und allein aus Gefühlen, Ansichten und Neigungen hervor, die die individuelle Veredlung unseres Geschlechts und ihr festes Emporstehen über die Neigungen unserer sinnlichen tierischen Natur anspricht und sich eigen macht.

Das ist aber durchaus nicht die Sache des gesellschaftlichen Zustands; der Trieb dazu geht durchaus nicht aus der Natur dieses Zustands hervor und wird ebensowenig durch die Formen und Gestaltungen desselben in der Reinheit seines inneren Wesens belebt. Wir können uns nicht verhehlen: Das Streben, die Gefühle, Gesinnungen und Fertigkeiten, die der Individualveredlung unseres Geschlechts eigen sind, psychologisch so rein und tief zu begründen, als es notwendig wäre, wenn sie vom gesellschaftlichen Zustand selber als das oberste Gesetz seiner Vereinigung erkannt werden müsste, liegt durchaus nicht in dem Wesen des gesellschaftlichen Zustands. Es kann aber auch nicht darin liegen. Es ist im Gegenteil wahr: Sowohl die wesentliche Natur des gesellschaftlichen Zustands als seine Formen und Gestaltungen wirken im Gefolge des Übergewichts ihrer kollektiven Ansicht und Behandlung des Menschengeschlechts den wesentlichen Ansprüchen der Individualveredlung desselben mit grossen Sinnlichkeitsreizungen entgegen und entfalten, nähren und beleben in der Menge des Volkes, in allen Ständen beinahe unwiderstehliche Neigungen, Gesinnungen, Ansprüche und Angewöhnungen, die den wesentlichen Bedürfnissen seiner Veredelung, das ist, des progressiven Wachstums der geistigen, sittlichen, häuslichen und bürgerlichen Kräfte, die der Menschlichkeit und allen ihren Segnungen zugrunde liegen und aus ihr hervorgehen, entgegen.

Es ist unwidersprechlich; es mangeln der Massenkultur unseres Geschlechts und der einzig möglichen Massenbehandlung desselben wesentliche Fundamente, deren festes, gesichertes Dasein die Individualkultur desselben wesentlich anspricht und ansprechen muss. - Noch mehr, sie, die Massenkultur unseres Geschlechts, ruht als solche wesentlich auf Fundamenten, die den Ansprüchen unserer Individualkultur unwidersprechlich entgegenstehen. Die Massenkultur, und mit ihr die wesentlichen Formen und Gestaltungen des gesellschaftlichen Zustands gehen unwidersprechlich überwiegend von den Ansprüchen unseres Fleisches und unseres Blutes aus. Die Individualkultur und die wesentlichen Bedürfnisse unserer sittlichen und geistigen Veredelung sowie unseres häuslichen Lebens und Wohlstands gehen überwiegend von den Ansprüchen unseres inneren, höheren und göttlichen Wesens aus.

Philo: Wenn man diese Ansicht tiefer in ihrem psychologischen Zusammenhang mit dem Wesen der Menschennatur auffasst, so erklärt es sich dann auch ganz heiter, warum der gesellschaftliche Zustand in unserer Mitte so vielseitig nur als eine künstliche Umwandlung der ekelhaften, rohen Aussenseite der tierischen Verwilderung im Waldleben, in eine, das Ekelhafte, Rohe dieser Aussenseite mildernde, aber das Innere ihrer Verwilderung fest erhaltende Kunstform dieser Aussenseite erscheint, deren täuschendes Blendwerk sich oft bis zum Schein des ÄsthetischArtigen erhebt und in Gewändern auftritt, die unserer Zeit-Schneider-Kunst nicht bloss bei eitlen Damen, sondern selber bei der stolzesten Armee unseres Weltteils Ehre machen könnten. So weit indessen die Kunst dieser Umwandlung der tierischen Rohheit des Waldlebens in gefällige Formen des Zivilisationsverderbens getrieben ist; so ist unstreitig, daß ohne Erkenntnis der höheren Wahrheit, die aus den Tiefen des inneren Wesens der Menschlichkeit selber hervorgeht, nicht einmal der einzelne Mensch, will geschweigen, die Masse des gesellschaftlichen Zustands sich über die selbstsüchtigen Gefühle, Ansichten und Neigungen der sinnlichen, tierischen Menschennatur und die ihr wesentlich beiwohnende Unrechtlichkeit, Lieblosigkeit und Unedelmut zu den Gesinnungen der wahren Menschlichkeit zu erheben vermag. Der tierische Sinn unseres Geschlechts kennt das Wesentliche der Menschlichkeit und seiner, aus dem inneren, göttlichen Wesen hervorgehenden Ansprüche nicht. Er kann sie nicht erkennen. Die Anerkennung ihres reinen, heiligen, selbstsuchtlosen Wesens ist keine Folge der Erfahrungen äusserer Dinge, sie ist keine Folge der Erfahrungen von Welterscheinungen in ihrer äusseren Gestalt; sie ist eine Erfahrung meiner selbst in mir selbst und der Kraft meiner selbst über mich selbst und über mein sinnliches, tierisches Wesen. Aber der gesellschaftliche Zustand, der in seinem Wesen nicht aus den inneren Individualerfahrungen meiner selbst in mir selbst, sondern aus den Erfahrungen äusserer Dinge und äusserer Verhältnisse und ihres Eindrucks auf mich ausgeht, lenkt in allen Ständen an sich selbst durchaus nicht zur Entfaltung, Nahrung und Belebung der Erfahrungen meiner selbst in mir selbst, sondern vielmehr zur Belebung und Entfaltung von Erfahrungen äusserer Welterscheinungen, die aus der Selbstsucht unserer tierischen Natur hervorgehen.

Nerin staunte. Diese Ansicht schien ihm im ganzen Umfang gleich wichtig und heiter, und Philo fuhr fort: Alle sich auf ihren äusseren, sinnlichen Erfahrungskreis einschränkenden Menschen kommen deswegen auch allgemein dahin, den Zweck des gesellschaftlichen Zustands in allen Ständen auf die Ausdehnung, Sicherstellung, und Beruhigung sich angewöhnter Sinnlichkeitsgeniessungen einzuschränken; sie untergraben aber in sich selbst dadurch die Kraft unserer wirklichen Menschlichkeit.

Aus dieser Ansicht erhellt denn auch ganz klar, warum besonders in Tagen, in denen die sinnliche Selbstsucht aller Stände durch ihre gesteigerte Kunst, wo nicht so gewalttätig, doch gewiss so gierig und zaumlos ist, als sie beinahe je gewesen, so viele Menschen in den verschiedenen Ständen im gesellschaftlichen Zustand gegenseitig so leidenschaftliche Ansprüche an Menschlichkeit gegeneinander machen und sich hinwieder ebenso leidenschaftlich über die Verletzung der Menschlichkeit gegenseitig anklagen. Und hinwieder erhellt aus eben dieser Ansicht, wie leicht in unseren Tagen eine Menge Leute dahin kommen, sich vollkommen überzeugt zu halten, der Mensch könne im gesellschaftlichen Zustand gar nicht durch die Überzeugung des Rechts, er müsse unwidersprechlich nur durch Täuschung, Gewalt, Schrecken und Zerstreuung dahin gebracht werden, zu tun, was das oft nichtige und irrende Blendwerk äusserer Verhältnisse unabhängig von den inneren Ansprüchen seiner Natur, selber mit Erdrükkung und Verkrüppelung der Kraftanlagen, die die göttliche Vorsehung zur Begründung seiner sittlichen, geistigen und häuslichen Selbständigkeit in ihn gelegt hat, von ihm fordert.

Die beiden Freunde fragten sich noch, ehe sie auseinandergingen, durch was für Mittel dem Vorschritt des Zivilisationsverderbens, das in unseren Tagen durch die zügellose Selbstsucht unserer Zeit so allgemein verheerend auf alle Stände des gesellschaftlichen Zustands einwirkt, Einhalt getan werden könne und fanden einstimmig, dieses könne nur durch Mittel geschehen, die geeignet seien, die sittlichen, geistigen und häuslichen Segenskräfte der Menschennatur in den Individuen unseres Geschlechts in der Tiefe unseres inneren Wesens zu erneuern, um ihnen dadurch ein Übergewicht über das gesellschaftliche Verderben, das die Quellen des Menschensegens nach allen Richtungen untergräbt, zu verschaffen. Sie fanden, das einzige Heilmittel unserer Tage bestehe in der sorgfältigsten Beförderung der Bildungsmittel der einzelnen Segenskräfte, die in allen Ständen des Landes wirklich da sind und vorliegen und deren erweiterten und geheiligten Spielraum, ich möchte sagen, die Not der Zeit so wesentlich fordert. Sie fanden ihn wesentlich in der Erhöhung der Wohnstubenkräfte des Volkes in allen Ständen und sahen die Möglichkeit dieser Erhöhung nur in der Vereinfachung der Entfaltungs- und Bildungsmittel dieser Kräfte sowie hinwieder in der Vereinfachung ihrer Anwendungsmittel, welches beides aber nur durch eine merkliche Rücktretung unserer Stände zu der kraftvolleren und bedürfnisloseren Einfalt unserer Väter möglich gemacht werden könne, indem dadurch allein die Mehrzahl unserer abhänglichen, dienstbedürftigen und gnadensuchenden Landeseinwohner gemindert und die Zahl der kraftvollen, unabhängenden Mitbürger in allen Ständen vermehrt und so eine neue Basis einer solideren Selbständigkeit derselben in unserer Mitte gelegt werden könne. Mit einem Wort, sie glaubten, die Übel unserer Zeit zu mindern, müsse man jeden Keim des Edlen, Guten und Schönen, wenn es auch nur noch ein halbes Leben zeigen sollte, mit edler Schonung warten und pflegen und besonders grossen Landesübeln mehr bei ihren Quellen Einhalt zu tun suchen, als bei ihrem Ausfluss mit grossem Geräusch eine überflüssige und nichtshelfende Mühe zur Schau tragen. Auch dieses meinten sie, man müsse vor der Wahrheit und vor dem Recht, wenn sie etwa in grossherzigen Erscheinungen in unserer Mitte hervortreten würden, zum voraus den Hut abziehen, und auch, wenn sie sich in schwacher, ohnmächtiger Gestalt, ich möchte sagen, im Bettelkleid, zeigen würden, ihnen nicht, wie asiatische Tiermenschen ihren Leibeigenen, ins Gesicht speien.

Ihr letztes grosses Wort war dieses: Die Veredelung des häuslichen Lebens in allen Ständen und die Errichtung von Landesschulen, die das Beten, das Denken und das Arbeiten mit psychologischer Tiefe und in Übereinstimmung eines in allen Ständen mit den Bedürfnissen veredelten Hauswesens zu befördern geeignet seien, sei der einzige wahre Anfangspunkt echter und allgemeiner Hilfsmittel gegen die millionenfach ungleichen Erscheinungen des inneren Wesens unseres Zeitverderbens, über welches die Welt in allen Ständen allgemein, schon seit so langem, ein so lautes Klagegeschrei erhebt, indessen aber nur wenige dieser Klagenden grosse Lust und grosse Gewandtheit zeigen, etwas tiefer in den Kessel hineinzugucken, in dem sich das innere Wesen dieses Verderbens siedend kocht und täglich mehr in unserer Mitte emporsprudelt.

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