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Fabeln aus: Figuren zu meinem ABC-Buch oder über die Anfangsgründe meines Denkens

Johann Heinrich Pestalozzi: Fabeln aus: Figuren zu meinem ABC-Buch oder über die Anfangsgründe meines Denkens - Kapitel 17
Quellenangabe
typefable
titleFabeln aus: Figuren zu meinem ABC-Buch oder über die Anfangsgründe meines Denkens
authorJohann Heinrich Pestalozzi
senderhttp://pestalozzi.hbi-stuttgart.de/neuhof/fabeln.xml
created20020304
publisherCotta
firstpub1797
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Die Lobrede des Maulbrauchens und der Frechheit vom Mephistopheles

Die Fürsten der Hölle beklagten sich einmal in ihrem gemeinen Rat, es gehe im Reich der Lügen und des Unrechts nicht, wie es sollte, vorwärts. Die Gewaltmittel, welche die Diener der Hölle wider ihre Erzfeinde - die Wahrheit, die Liebe und das Recht gebrauchen, verfehlen ganz ihre Zwecke. Die Zeugen der Wahrheit, die Helden der Liebe, die Opfer des Rechts leiden ihre Marter umsonst. Je mehr man die Feinde der Hölle verfolge, je mehr scheine sie Anhänger zu gewinnen.

Eine Weile stand die Hölle von dieser Antwort betroffen. Dann stand aber Mephistopheles auf und sagte zur versammelten Hölle: Es ist wahr, unsere Diener verstehen es nicht, unser Reich unter den Menschen zu fördern. Sie sollten den Erbfeind unseres Reiches, die Wahrheit und die Liebe, nicht nur mit Feuer und Schwert, sie sollten ihn weit mehr mit Maulbrauchen verfolgen. Sie müssen besser lernen, den Menschen mit leeren Worten Staub in die Augen zu werfen und die Sache des Unrechts, als wäre sie die Sache des Rechts, die Sache der Lügen, als wäre sie die Sache der Wahrheit, zu plädieren und demonstrieren, das Krumme gerade und das Gerade krumm zu machen und jedem Gegner das Wort der Wahrheit, fast ehe er es ausgesprochen, im Munde zu verdrehen; sie müssen lernen, die Äusserungen von Gutmütigkeit, Wohlwollen und Liebe als die Sache menschlicher Erbärmlichkeiten und Schwächen, mit denen man nur Mitleid haben müsse, in die Augen fallen zu machen. Nur auf diesem Wege geht es in der Welt, wie sie jetzt ist, für uns vorwärts, wie es soll; dazu aber braucht es wahre Teufelskräfte; Leute, die uns jetzt wahrhaft dienen können, dürfen durchaus nicht alle Menschenschwächen in sich selber vereinigt tragen, wie viele dieser Toren, die uns gerne dienen möchten, zu glauben scheinen. Wir müssen unter den Schwächlingen des Menschengeschlechts die Frechsten, die wir finden können, in unseren Dienst bringen. Frechheit im Maulbrauchen, mit Schlauheit im Stillschweigen und Geheimnismacherei verbunden, kann uns allein zu der Siegeskrone helfen, für die wir einst mit dem Himmelskönig selber Krieg führten und jetzt noch mit den Schwächlingen des Menschengeschlechts gegen die Brosamen von Liebe und Wahrheit, die von unserem feindseligen Himmel auf ihre arme Erde herabfallen, ein Nebenwerk von Kleinkrieg zu führen genötigt sind. Die einzige Kraft unserer Feinde auf Erden liegt in diesen Brosamen von Liebe und Wahrheit, die ihnen vom Himmel zugefallen; aber dieses Geschenk liegt in den Händen von grossen Schwächlingen, gegen die wir nichts anderes und nichts mehr als Frechheit im Maulbrauchen bedürfen. Wer frech ist, zudringlich und schlau, der arbeitet in unserem Dienst. Welche Farbe, welche Meinung und welchen Glauben jeder unserer diesfälligen Diener und Handlanger auch habe, macht uns gar nichts; wenn er nur also teuflisch frech ist, so haben wir alles, was wir von ihm bedürfen. Wir können die Frechheit nicht genug loben. Lieblosigkeit, Rechtlosigkeit, Hartherzigkeit und ein eingewurzelter Lügengeist sind der Frechheit angeboren und von ihr unzertrennlich. Und das ist ja alles, was wir bedürfen, um unseren Kampf gegen das Himmelsgeschenk von Wahrheit und Liebe unter den Schwächlingen von Menschen siegend zum Ziel zu führen.

Die ganze Hölle jubelte dem Mephistopheles Beifall entgegen, und der Fürst der Hölle sprach das Wort aus: So muss es sein, so muss es geschehen, unser Reich muss unter den Schwächlingen des Menschengeschlechts nicht durch Henkersgewalt, es muss mit Maulbrauchen und Frechheit geäufnet werden.

Die ganze Hölle horchte, und alle Teufel gehorchten.

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