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Fabeln aus Europa außerhalb Deutschlands

: Fabeln aus Europa außerhalb Deutschlands - Kapitel 65
Quellenangabe
titleFabeln aus Europa außerhalb Deutschlands
authorVerschiedene Autoren
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Bär, Fuchs und Wolf und ihre Abenteuer auf der Imola-Feldmark

Aus Finnland

14. Abenteuer

Der Bär führte seine Drohung aus und drang in des Bauern Haferfeld, wo er sich recht was zu Gute tat; aber da er so unvorsichtig war, stets nur den einen Weg ins Feld zu wählen, bemerkte es der Bauer bald und stellte dort eine Falle auf. Als nun der Bär nach gewohnter Weise des Nachts hinschlich, und niemand den armen Kerl warnte, blieb er mit der einen Tatze in dem Garne stecken. Dies gefiel ihm durchaus nicht; er tanzte und sprang umher, um loszukommen, und da es nicht half, stieß er ein so lautes Geheul aus, daß der Bauer eilig hinzukam. Der Bär bat ihn himmelhoch um Gnade und sagte: »Befreie mich, Brüderchen! Ich will es dir gut lohnen!« – »Der Schaden wäre nicht groß, wenn ich dich hier sterben ließe; hast du doch schon seit langer Zeit mein Haferfeld verwüstet!« erwiderte der Bauer, »aber ich will dir zeigen, daß ich gegen einen alten Freund keinen Groll hegen mag, für diesmal lasse ich dich laufen!« – Der Bauer befreite den Bären; doch kaum hatte dieser den Gebrauch seiner Glieder wiedererlangt, als er seine Beteuerungen in den Wind schlug und mit zornigem Gebrumm auf den Bauer losging: »Ich fresse dich, du Lump! Einmal hast du mich schon bei der Ernteteilung betrogen, und jetzt stellst du mir sogar noch Fallen hin!« – »Ich lasse mich nicht fressen!« rief der Bauer. »Du hast mir doch vorhin einen guten Lohn für meinen Freundesdienst versprochen!« – »Das will ich auch halten!« versetzte höhnisch der Bär, »du weißt es doch, in dieser Welt wird stets das Gute mit Bösem vergolten.« – »Damit gebe ich mich nicht zufrieden«, stritt der Bauer dagegen; »laß uns vor Gericht gehen, dort mag unser Zwist geschlichtet werden.«

Der Bär war damit einverstanden, und beide gingen hin, einen Richter zu suchen. Nach einer Weile begegneten sie einem Pferde, hielten es an und fragten: »Wir suchen einen Richter; willst du das Urteil in unserer Sache sprechen?« – »Stellt mir nur erst die Sachlage dar«, antwortete das Pferd; »dann will ich wohl entscheiden, wer von euch im Unrecht ist.« – Der Bauer erzählte die ganze Geschichte, wie sie in Streit geraten, und fügte hinzu: »Ich befreite den Bären aus der Gefahr, weil er mir Freundeslohn dafür versprach; aber nachdem ich ihm die Wohltat erwiesen, warf er sich auf mich, um mich zu fressen, und behauptet, das sei stets der Welt Brauch, Gutes mit Bösem zu vergelten!« – »Weiß Gott, der Bär hat recht«, sagte darauf das Pferd. »Undank ist stets der Welt Lohn. Habe ich doch dreißig Jahre lang meinem Herrn treu gedient, und doch hörte ich ihn gestern einem Knechte gegenüber den Ausspruch tun: ›Morgen kannst du dies alte Pferdegerippe töten; man hat doch nichts mehr als Ärger davon.‹ Der Bär hat darum wohl das Recht, dich zu fressen, denn, ich wiederhole es, Undank ist nun mal der Welt Lohn.« – Gegen dieses Urteil erhob der Bauer eifrigen Widerspruch und verlangte die Sache einem andern Richter vorzulegen. Der Bär hatte nichts dagegen, und so wanderten die beiden weiter in den Wald hinein, bis sie auf einen alten Hund stießen, den man an einen Tannenast gebunden hatte, um ihn daran aufzuhängen. – »Das ist ein alter, welterfahrener Hund«, meinte der Bauer; »er mag den Richterspruch fällen.« –»Gut, versuchen wir's mit ihm«, sagte der Bär, und sie brachten den Streit und dessen Ursache vor den Hund. Dieser hatte kaum die Geschichte gehört, als er ausrief: »Der Bär hat recht. Auch ich galt einmal viel und diente meinem Herrn treu und redlich, indem ich den Hof bewachte und auf Marder, Iltis und Eichhorn anschlug; dazu habe ich eine Menge tüchtiger Jungen geboren, aus denen vorzügliche Jagdhunde geworden sind. Und doch, weil ich alt geworden bin, hat man mich an diesen Baum gebunden, um mich daran aufzuhängen! ja, das ist wahr, Undank ist der Welt Lohn!«

»Ich füge mich auch diesem Richterspruch noch nicht«, eiferte der Bauer; »wir müssen noch ein drittes Urteil hören.« Der Bär, dessen Sache so gut stand, willigte ein, und sie machten sich wieder auf den Weg. Sie mochten wohl eine Weile gewandert sein, als ihnen der Fuchs entgegenkam. Sogleich baten ihn die beiden, einen entscheidenden Ausspruch in der bestrittenen Frage zu tun: »So und so steht es zwischen uns, schlichte du, Brüderchen, den Zwist!« – Der Fuchs versprach ihnen nach vollem Recht zu urteilen; dann schob er sich an den Bauer heran und flüsterte: »Gibst du mir die Hühner aus deinem Hühnerstalle, wenn ich das Urteil zu deinen Gunsten fälle?« –»Gewiß!« beteuerte der Bauer. – Darauf erkundigte sich der Fuchs genau nach dem Vorgange, und der Bauer erzählte ihm, was geschehen war, wie er den Bären befreit habe und zum Lohne für seine Wohltat von ihm mit den Worten angefallen worden sei: »Das Gute vergilt man mit Bösem, das lehrt die Welt, deshalb fresse ich dich jetzt. Ist das gerecht? Urteile du darüber, Bruderherz!« – »Oho!« sagte der Fuchs, »die Sache ist sehr unklar und verwickelt. Das ist eine Arbeit, die man sitzend verrichten muß.« Er hieß die beiden Streitenden auf je einen Grashügel niedersetzen, und nahm in tiefen Gedanken auf einem dritten Platz; nachdem er ein Weilchen scheinbar über die Sache nachgesonnen, erhob er sich und gab feierlich sein Urteil ab: »Je tiefere Einsicht ich in diesen verwickelten Fall erlange, um so mehr scheinst du mir im Unrecht zu sein, Gevatter Bär; aber damit das Recht aufs Strengste gewahrt werde, wollen wir doch das Haferfeld besehen. Du, Bauer, zeige mir, wieviel davon der Bär verwüstet hat.« – Der Bauer führte die andern an das Feld und zeigte dem Fuchs, wie großen Schaden ihm der Bär zugefügt. Der Fuchs wiegte bedächtig das weise Haupt und sprach zum Bären: »Du hast wahrlich dem Manne großes Unrecht angetan; du hast eine Menge von seinem Getreide aufgefressen und das Feld zertreten.« – »So sieht es freilich aus«, brummte der Bär; »aber dafür laßt uns mal anschauen, welch eine Falle mir der Bauer gestellt hat!« – Sie gingen hin, und der Fuchs betrachtete und prüfte alles mit Kennermiene; dann fragte er den Bären: »Bist du nur immer den einen Weg hierher gewandelt?« – »Nur diesen einen«, antwortete der Bär. – »Siehst du, das war nicht recht, immer nur der einen Spur zu folgen«, belehrte der Fuchs; »es wäre doch besser gewesen, auch noch andere Auswege zu haben.« Darauf fuhr er, zum Bauer gewendet, heimlich fort: »Stelle deine Falle wieder auf, damit ich sehe, welcher Art sie ist!« – Der Bauer tat es ganz unbemerkt; als alles in Ordnung war, sagte der Fuchs zum Bären: »Gehe ein wenig auf diesem Wege einher, ich möchte sehen, wie du gewandelt bist.« – Der Bär tat einige Schritte, blieb aber sofort im Garne stecken und konnte nicht mehr vom Fleck. Der Fuchs frohlockte: »Seht ihr, jetzt steht die Sachlage ganz wie im Anfange der Geschichte, und euer Streit war umsonst. Du, Bauer, gehst jetzt nach Hause und lässest einfach den Bären da sitzen, wo er hingehört.«

Der Bauer ging glückselig nach Hause und verabschiedete sich freundlichst beim Fuchs, dem er bedeutete, er könne die versprochenen Hühner abholen, wann es ihm beliebe. Diese Einladung vergaß der Fuchs durchaus nicht; schon am selben Abend schlich er sich in den Bauernhof und gerade zu dem Hühnerstall. Niemand trat ihm entgegen; aber als die Hühner die Anwesenheit des Fuchses bemerkten, fingen sie so entsetzlich an zu gackern und machten einen solchen Lärm, daß die Bäuerin Unrat ahnte und, mit einem großen Holzklotz bewaffnet, hinzueilte. Der Fuchs kam dabei schlimm weg, denn die Frau bearbeitete ihm tapfer Kopf und Rücken. Halbtot entkam der Arme ihren Händen und verließ in brennender Eile das verhängnisvolle Hühnerhaus. In bitterem Schmerze rief er aus: »Das also war der Lohn für meinen Richterspruch! Der Bär hatte doch recht: die Welt vergilt Gutes mit Bösem!«

 


 

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