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Fabeln aus Europa außerhalb Deutschlands

: Fabeln aus Europa außerhalb Deutschlands - Kapitel 59
Quellenangabe
titleFabeln aus Europa außerhalb Deutschlands
authorVerschiedene Autoren
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Bär, Fuchs und Wolf und ihre Abenteuer auf der Imola-Feldmark

Aus Finnland

8. Abenteuer

Voller Herzeleid über die empfangenen Schläge lief der Wolf im Walde umher und jammerte über sein hartes Schicksal, ohne zu bedenken, daß seine eigene Dummheit daran schuld war; es dauerte auch gar nicht lange, da überkam ihn neues Ungemach.

Auf dem zu Ilmola gehörigen Landstrich stand eine kleine Hütte, welche von einem armen Ehepaare bewohnt wurde; dieses besaß zwar einen Hammel und eine Ziege, hatte aber keine Mittel für sie Futter zu schaffen. Eines Tages sagte deshalb der Mann zu seinem Weibe: »Ich meine, es wäre das Klügste, die armen verschmachtenden Tiere zu schlachten, sie müssen doch vor Hunger sterben, da wir sie nicht füttern können. Was meinst du dazu?« –»Ach, warum sollen wir sie schlachten? Sie sind ja so ganz abgemagert«, erwiderte die Frau. »Wir wollen sie lieber auf die Landstraße treiben, da mögen sie sich mit den Gräserchen emähren, die sie hier und da finden!«

Gesagt, getan. Die Tiere wurden hinausgetrieben und fristeten ihr Dasein mit Gras und Blättern, so gut sie konnten. Bald kam aber die Furcht vor Raubtieren über sie. »Wenn uns nur nicht Wölfe oder Bären angreifen!« sagte die Ziege. »Wir müssen irgend etwas ersinnen, womit wir uns im Notfalle heraushelfen können!« – »Ja, das müssen wir durchaus«, bestätigte der Widder, »aber was können wir schwachen Kreaturen zur Schutzwehr beginnen?« – »Ich weiß schon einen Rat, wenn du mir nur einen Sack schaffst«, versetzte die Ziege bestimmt. – Der Widder ging hin, um das Verlangte zu suchen und sah auch bald auf der Landstraße einen alten Sack liegen, den irgendein Reisender verloren haben mochte. Er brachte ihn der Ziege und forschte neugierig, was sie damit vorhabe. »Das will ich dir zeigen«, antwortete die Ziege; »jetzt laß uns diesen Sack mit Holzstückchen füllen, und wenn ein Wolf kommt, so stark damit klappern, daß selbst unser schlimmster Feind vor Schrecken davonlaufen muß!«

Kaum hatte die Ziege dem Widder ihren Plan auseinandergesetzt, als sich auch bereits unser Wolf am Waldesrand zeigte. Blitzschnell tat die Ziege einige Holzklötze in den Sack, warf sich diesen auf den Rücken und ging tapfer dem Wolf entgegen. Dieser erstaunte nicht wenig, als er die Ziege in solchem Aufzuge kommen sah, und fragte: »Was trägst du denn da im Sacke?«-»Oh, nichts besonderes«, antwortete die Ziege gleichmütig; »es sind nur einige Wolfsköpfe und Beine, die wir erbeutet haben. Schon seit einem Monat wandern wir hier im Walde herum, ohne jegliche andere Nahrung als hin und wieder einen elenden Wolf. Von diesen Köpfen und Beinen haben wir bisher notdürftig gezehrt, aber heute ist der Hunger ganz stark; wie gut, mein Lieber, daß wir dich gerade heute getroffen haben! Ohoi, Hammel! Schlachte mal diesen Wolf!« Diese letzten Worte stieß die Ziege wie im Zorne, beinahe gellend aus und jagte damit dem Wolf einen so gewaltigen Schrecken ein, daß er ganz jämmerlich zu flehen begann: »Ihr lieben Leute, ich bitte euch, schlachtet mich nicht! Laßt mich gehen, ich bringe euch stattdessen zwölf andere Wölfe zur Beute!« – »Wenn du die Wahrheit sprichst, lassen wir dich laufen«, sagte die Ziege. – »Verschonet mich, ihr Lieben, ich will euch gewiß nicht betrügen«, bat der Wolf in seiner Herzensangst. – »Nun, so geh denn hin und vergiß nicht dein Versprechen«, sagte endlich die Ziege und ließ ihn laufen.

Unser Wolf ging aber spornstreichs zu seinen Brüdern und rief ihnen schon von ferne zu: »Fliehet, rettet euch, liebe Brüder! Der Hammel und die Ziege kommen heran und wollen uns fressen!« Verwundert fragten die andern Wölfe: »Wie können sie uns fressen? Unser sind dreizehn, und ihrer sind nur zweie; das ist ja Unsinn! Auf, laßt uns ihnen entgegenziehen, wir werden sie schon besiegen!« Und kühnen Mutes zogen sie hin in den Streit.

Als die Ziege sie herannahen sah, flüsterte sie dem Hammel zu: »Jetzt gilt's! Nun kommen sie, uns zu fressen; laß uns schnell entfliehen!« Sie erblickte ganz in der Nähe eine Fichte, deren Stamm gebogen war, und kletterte mühsam daran hinauf. Das glückte; sie verbarg sich im Gezweig und spornte den Hammel an, ihr eilig zu folgen, denn die Wölfe waren schon ganz nahe. Der alte Hammel versuchte sein Möglichstes, aber er kam nur um einige Zoll hinauf, weiter ging es nicht! Da hielt er sich in seiner Todesangst krampfhaft fest und zitterte am ganzen Leibe.

Inzwischen waren die Wölfe der Fährte gefolgt und setzten sich alle im Kreise um die Fichte und warteten. Diesen Augenblick hatte die kluge Ziege vorausgesehen; sie herrschte laut dem Hammel zu: »Fange sie! Erwürge sie! Hier haben wir reiche Beute!« und machte Miene, hinunterzuklettern. Darüber erschrak der Hammel so heftig, daß er die Besinnung verlor und plötzlich mitten in die Wolfsgesellschaft hineinplatzte. Das kam aber so unerwartet, daß die Wölfe in blinder Angst nach allen Himmelsrichtungen hin auseinanderstoben und nicht wiederkehrten. Die Ziege und der Hammel waren gerettet und lebten fortan still und unangefochten im Walde.

 


 

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