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Fabeln aus Deutschland

: Fabeln aus Deutschland - Kapitel 9
Quellenangabe
titleFabeln aus Deutschland
authorVerschiedene Autoren
modified20170815
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Das Kamel und der Gott Jupiter

Früher hatte das Kamel noch schöne, lange Ohren, einen schlanken Rücken und ein weiches, dunkelbraunes, fast rötliches Fell. Mit erhobenem Haupt streifte es durch Wüsten und Steppen, sah auf alle anderen Tiere herab und lachte über kleinere, schwächliche Wesen. "Ich bin das schönste und mächtigste Tier auf der ganzen Welt", prahlte es immer wieder. "Ich kann am schnellsten und am längsten galoppieren."

Eines Tages traf das Kamel bei seinem Steppenbummel einen kräftigen Stier, der friedlich graste. Sofort stellte es fest, daß dieses Tier etwas besaß, was es selbst nicht hatte, nämlich starke, gebogene Hörner.

Mißmutig trottete das Kamel zur nächsten Wasserstelle und betrachtete eindringlich seinen Kopf; aber es entdeckte nicht einmal eine Spitze von einem Horn daran. "Jupiter hat bei mir etwas vergessen", murrte es gekränkt.

In diesem Augenblick brach mit lautem Grunzen ein Wildeber aus dem Gestrüpp hervor. Ein junger Tiger hatte ihn aufgespürt und jagte ihn vor sich her. Das Kamel entfloh mit eiligen Schritten. Es sah nur noch, wie das sonst so plumpe Borstenvieh sich heldenhaft und geschickt mit seinen Hauern zur Wehr setzte.

Jetzt war das Kamel endgültig verstimmt. Beleidigt lief es zu Jupiter und sagte vorwurfsvoll: "Du hast dem Stier Hörner gegeben, dem Schwein scharfe, lange Zähne, mich hingegen hast du unvollkommen geschaffen. Zwar schufest du mich schön und stark. Doch was hilft mir meine Kraft, wenn ich keine Waffen habe, mit welchen ich mich gegen meine Feinde verteidigen kann. So wehrlos wie ich bin, bedeute ich eine Schande für alle Tiere des Landes."

"Du bist also mit meinem Werk nicht zufrieden und möchtest, daß ich es verbessere?" fragte der Gott und warf dem Kamel einen warnenden Blick zu. Über ihm zogen sich dunkle Wolken zusammen.

Aber das Kamel bemerkte in seinem Eifer die mahnenden Zeichen nicht und antwortete erfreut: "Ja, Vater Jupiter, gib mir auch stattliche Hörner, damit ich meine Gegner niederstoßen kann und mich nicht länger schämen muß, weil ich jedem feindlichen Angriff hilflos ausgeliefert bin."

Nun erfaßte Jupiter ein göttlicher Grimm. Er trat einen Schritt auf das Kamel zu; ein leichter Sturm zog auf, und dumpfes Grollen brodelte hinter den düsteren Wolken. "Habe ich dir nicht ein langes Leben geschenkt, ungeheure Zähigkeit verliehen und Kraft gegeben, damit du große Lasten für die Menschen tragen kannst und diese dich vor allen anderen Tieren der Wüste und Steppe verehren und schätzen? Ja, du hast recht, meine Schöpferarbeit ist zu tadeln, denn ich habe ein undankbares Wesen viel zu schön und edel gestaltet. Ich will mein Werk ändern."

Er packte das Kamel bei seinen schönen, langen Ohren und schnitt ein großes Stück davon ab. "Von nun an sollst du häßlich und verkrüppelt durch die Wüste schaukeln. Auf deinem Rücken sollen dir zwei Buckel wachsen, an Brust, Knie und Knöchel werden sich Schwielen bilden, dein Fell sei zottig und färbe sich bleich und schmutziggelb, wie der Neid ist, der dich befallen hat."

Und Jupiter hob die Hand; der Sturm brach los, er trieb die schwarzen Wolken zusammen, sie wurden dichter und dichter und hüllten das Kamel schließlich ein wie die Nacht. Die Erde erbebte. Und jupiter sprach: "So sei es!"

Da verzog sich die Finsternis, und das Kamel erschauderte, denn es erblickte in dem klaren Gewässer, das neben dem Himmelsgott floß, seinen mißgestalten Körper. Schweigend schwankte es in die Wüste zurück.

 


 

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