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Fabeln aus Asien

: Fabeln aus Asien - Kapitel 8
Quellenangabe
titleFabeln aus Asien
authorVerschiedene Autoren
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Die Krähe und der Kranich

Aus Australien

Früher, als die Erde noch ganz jung war, lebte an einem Teich, auf dem wunderschöne Wasserblumen schwammen, ein graugefiederter Kranich.

Mücken, Fliegen und bunte Schmetterlinge schwirrten um ihn herum; Schnecken krochen von Blatt zu Blatt; Würmer durchwühlten die Erde; und Eidechsen huschten durchs Gras. Der Kranich lebte wie in einem Paradies.

Das Quaken der Frösche im Teich war Musik in seinen Ohren, denn es erinnerte ihn ständig an köstliche Festessen. jeden Tag wählte sich der anspruchsvolle Feinschmecker eine andere Speise.

Es gab auch Zeiten, in denen er nur Pflanzenkost zu sich nahm. Die unzähligen Kräuter, Blüten und Gräser, die ihn umgaben, forderten ihn geradezu heraus, von der reichlichen Auswahl ein erlesenes grünes Menü zusammenzustellen.

Damals besaßen die Tiere noch das Feuer, und der Kranich liebte es ganz besonders, Frösche und Fische in glühender Asche zu rösten.

Eines Mittags, als er wieder einmal einige gute Bissen in der heißen Asche liegen hatte, flog eine Krähe herbei, die den Kranich schon eine Weile bei seiner Arbeit beobachtet hatte, und bat ihn um einen Fisch.

»Du mußt noch ein bißchen warten«, antwortete der Kranich und fächelte mit seinen breiten Schwingen dem glimmenden Feuer etwas Luft zu. »Es dauert nur noch wenige Flügelschläge, dann sind die Fische gar.«

Die Krähe schaute ungeduldig in die Glut, wo die Fische lagen, und hopste unwillig auf und ab.

»Jetzt sind sie aber gut!« entschied sie und wollte sich mit einem Stock einen wohlduftenden Bissen aus der Asche angeln – sie war so vorsichtig, weil sie ihr Kleid nicht beschmutzen wollte; denn in jener Zeit besaßen die Krähen noch schneeweiße Federn.

»Weißfeder!« schimpfte der Kranich, der sich in seiner Küchenehre gekränkt fühlte. »Du wirst doch wohl noch warten können, bis ich dir ein paar Fische anbiete. Sie sind noch nicht fertig!«

Die gefräßige Krähe versuchte mit allen Mitteln, den Kranich davon zu überzeugen, daß die Fische halb gar am besten schmecken. Dabei fiel dem Kranich etwas ein, und er stellte kennerhaft fest: »Am besten schmecken sie mit Dillkraut und Salbei.« Und er drehte sich vom Feuer weg, um ein paar Kräuter zu pflücken.

Die Krähe, die es nicht erwarten konnte, nützte den Augenblick und ergriff den Stock. Flink stocherte sie einen Fisch aus der Asche.

Als der Kranich das sah, wurde er sehr böse. Er nahm den Fisch, den die Krähe sich mopsen wollte, und schlug damit nach ihrem weißen Köpfchen.

Entsetzt wich dir Krähe zurück, stolperte und flog in die schwarze Asche. Sie schrie vor Wut und Angst und konnte sich nicht sofort wieder aufrappeln. Der Kranich zog sie wortlos heraus. Mit leerem Magen und die Federn voller Asche eilte sie laut keifend davon.

Seit dieser Zeit haben alle Krähen ein dunkles Gefieder. Die Krähe konnte es nicht überwinden, daß sie wegen einer solchen Kleinigkeit ihre weiße Federpracht hatte einbüßen müssen. Sie sann auf Rache.

Eines Nachmittags, als der Kranich nach einer reichlichen Mahlzeit am Ufer des Teiches ein Nickerchen hielt und behaglich schnarchte, pirschte sich die Krähe leise heran. Sie packte eine der abgenagten Fischgräten und steckte sie dem Kranich ganz vorsichtig in den halbgeöffneten Schnabel. Dann flog sie geräuschlos in einen dichtbelaubten Baum und linste in schadenfroher Erwartung zu dem ahnungslosen Schläfer hinüber.

Endlich erwachte der Kranich. Er reckte sich genüßlich und sperrte weit den Schnabel auf, um kräftig zu gähnen. Sofort fühlte er ein Kratzen und Stechen im Hals. Er spuckte und würgte, aber die Fischgräte rührte sich nicht. Er wollte um Hilfe schreien. Doch er brachte nur ächzende Laute hervor.

So hatte sich die Krähe für ihr dunkles Gefieder gerächt, und seit dieser Zeit hat der Kranich eine krächzende, heisere Stimme.

 


 

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