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Fabeln aus Asien

: Fabeln aus Asien - Kapitel 5
Quellenangabe
titleFabeln aus Asien
authorVerschiedene Autoren
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Der hochmütige Geier

Aus Burma

In grauer Vorzeit war der Geier ein friedfertiger, freundlicher Vogel, der sich mit den anderen Tieren gut verstand. An einem heißen Sommertag überflog er in großen Kreisen die weite, offene Landschaft und beobachtete mit seinen scharfen Augen eine Büffelherde.

Er hatte ein krankes Tier entdeckt, und als dieses in der Hitze zusammenbrach, flog er herab, setzte sich ruhig in die Nähe des sterbenden Tieres und wartete geduldig, bis es kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Erst als er ganz sicher war, daß das Tier nicht mehr lebte, stillte er seinen Hunger.

Danach flog der Geier zum Fluß, um sich gründlich zu reinigen, denn er ist ein sehr sauberes Tier. Und nach dem erfrischenden Bad stolzierte er am Flußufer entlang und unterhielt sich angeregt mit einer Ente. Dabei fiel zufällig sein Blick ins klare Wasser.

Entsetzt flog der Geier in die Luft, kehrte aber sofort wieder zum Fluß zurück. Er mußte wissen, ob das wirklich sein Spiegelbild gewesen war, was ihm eben so gräßlich aus den Wellen entgegengelacht hatte.

»Oh, wie häßlich bin ich!« stöhnte er auf »Mein Gefieder ist zwar dicht und schön, aber dieser Kopf und dieser Hals! Ich bin eine Schande für alle Vögel. Nur eine einzige große Feder ziert mein Haupt und spärliche kleine Federchen bedecken meinen Hals.«

Der Geier schämte sich sehr und flog zu einer fernen Felshöhle, um sich dort vor den Augen der anderen Tiere zu verbergen. Er jammerte und haderte mit seinem Schicksal. »Warum muß gerade ich so häßlich sein?« klagte er. »Selbst die Enten und die Gänse haben einen hübschen Kopf. Warum bin ausgerechnet ich nicht schön!« Bekümmert aß er keinen Bissen mehr und ließ sich auch von niemanden trösten. Er wäre in seiner Höhle elend verhungert, wenn die anderen Vögel nicht Mitleid mit ihm gehabt hätten.

Der königliche Adler ließ alle Vögel zu sich rufen und sprach: »Wir müssen unserem Freund helfen. jeder von uns reiße sich eine schöne Feder aus und bringe sie ihm! Dann kann der Geier seinen Kopf und seinen Hals bedecken und muß sich nicht länger vor uns schämen.«

Alle Vögel waren mit dem Vorschlag einverstanden und flogen mit einer Feder zu ihrem unglücklichen Freund. Bald war dieser mit den glänzendsten Federn überhäuft. Und nicht nur der Kopf und der Hals erstrahlten unter dem neuen Kleid, nein, er hatte auch noch genug Federn, um seinen ganzen Körper zu schmücken. Überglücklich trat der Geier wieder in das Sonnenlicht und ließ sich von seinen Freunden unter lautem Jubel zum Fluß führen. Jetzt konnte er sich an seinem Spiegelbild nicht satt genug sehen. Immer wieder drehte er und wendete er sich und starrte voller Stolz ins Wasser. Er hatte das prachtvollste Gefieder von allen Vögeln.

Von nun an flog der Geier sehr häufig zum Fluß, um sich darin zu betrachten. Von Tag zu Tag wurde er hochmütiger und blickte auf die anderen Vögel herab. Spottend verfolgte er die kleine Nachtigall: »Wie abscheulich siehst du aus. An deiner Stelle würde ich mich nicht einmal des Nachts zeigen, sondern unter der Erde verbergen und die schöne Natur nicht mit meiner Häßlichkeit beleidigen. Sieh nur meine Farbenpracht!«

Von morgens bis abends flog er laut geifernd umher und wollte von allen bewundert werden. Unaufhörlich gab er mit seiner Schönheit an. »Kein Wunder, daß du nicht fliegen kannst! Mit deinem dürftigen Federkleid kommst du nicht eine Buschhöhe über das Wasser hinaus!« zischte der Geier abfällig der Ente auf dem Fluß zu. »Schau mich an, wie reich ich bin!« Der Geier plusterte sich auf, schwang angeberisch seine Flügel und schwebte eingebildet davon.

Eines Morgens verkündete er allen Vögel: »Ich bin der stattlichste Vogel unter euch. Darum werde ich ab heute euer König sein. jeder muß mich verehren und mir gehorchen.«

Jetzt riß den Vögeln die Geduld. Laut zeternd eilten sie zum Adler und beschwerten sich über den aufgeblasenen, unverschämten Geier. Da wurde der Adler zornig: »Dieser undankbare Wicht verdient nicht unser Mitleid. Stürzt euch alle auf ihn und nehmt ihm eure Federn wieder ab!«

Die Vögel ließen sich das nicht zweimal sagen. Sie fielen über ihn her, zupften und rissen an seinem Gefieder, daß auch manche Feder zu Boden flatterte und vernichtet wurde, die dem Geier selbst gehört hatte.

Gerupft und häßlicher als zuvor stand der Geier da. Die große Feder von seinem Kopf und auch die wenigen kleinen Federn von seinem Hals waren der Abrechnung zum Opfer gefallen.

Seit dieser Zeit sind Kopf und Hals des Geiers ohne Federn, und er ist ein zanksüchtiger Vogel geworden, der niemanden in seiner Nähe duldet.

 


 

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