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Fabeln aus Asien

: Fabeln aus Asien - Kapitel 10
Quellenangabe
titleFabeln aus Asien
authorVerschiedene Autoren
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Der steinerne Affe

Weit, weit, im Gebirge der »Blumen und Früchte«, welches noch nie von eines Menschen Fuß betreten wurde, lag einmal ein riesengroßes, steinernes Ei. Wer dieses Ei dorthin gebracht hatte und wie lang es dort gelegen sein mag, weiß kein Mensch zu sagen, denn niemand hat es je gesehen. Aber es lag dort hoch oben an der Sonne, und eines Tages krachte es, und ein steinerner Affe kroch daraus hervor. Es war der schönste Affe, den es jemals gegeben. Sein Körper aus glänzendem, polierten Stein strahlte in der Sonne, und hochmütig blickte er auf die anderen Affen herab.

Diese kamen in Scharen gelaufen und verneigten sich vor ihm und besprachen aufgeregt diesen sonderbaren Fall. Endlich erwählten sie ihn zu ihrem König, denn keiner war so geeignet, sie zu beherrschen, wie der steinerne Affe. Er nahm die Würde auch sofort an, denn er fühlte sich dazu berufen.

Nachdem er König geworden, sprang der Affe den Berg hinunter, kam an das Meer und wollte nun auf der ganzen Erde umherreisen. Er sammelte dabei ungeheuer viele Kenntnisse und ging zuletzt zu einem großen Magier, um die verschiedensten Künste von ihm zu erlernen. Sein Wissen war unerreicht, und alle Affen der Erde beugten sich vor ihm und bewunderten ihn wie ein höheres Wesen. Er hatte nicht nur alle Gelehrsamkeit der Welt in sich aufgenommen, sondern vor seinen Zaubersprüchen öffneten sich die Berge; er drang in die Tiefe der Meere, sprang hinauf zum Himmel, und nichts konnte sich vor ihm verbergen. Doch seine Hauptkunst war der große Luftsprung. Er konnte nämlich einen Sprung machen, mit dem er in einem einzigen Augenblick auf ungeheure Entfernungen verschwunden war, um im nächsten Augenblick vor seinen erstaunten Zuschauern wieder zu erscheinen.

Durch die Bewunderung, welche die andern Affen ihm zollten, wurde er aber selbstbewußt und übermütig. Er wollte seine Macht immer mehr ausdehnen und stiftete damit manches Unheil. »Ich bin mächtiger als alle Geschöpfe der Erde«, rief er aus. »Nun habe ich es satt, über euch Affen zu regieren. Ich will Herr des Himmels werden!«

Erschrocken blickten alle zu ihm auf, und der Drachenkönig sandte einen Boten zum Himmel mit der Bitte, Buddha möge sich der Erde erbarmen und den steinernen Affen nicht in den Himmel kommen lassen, denn dieser hatte durch seinen Übermut schon Unheil genug auf der Erde angerichtet. Doch ehe Buddha die Botschaft zu Ende hören konnte, sauste der steinerne Affe auch schon mit seinem Zaubersprung durch die Luft daher.

Der Herr des Himmels trat gelassen auf ihn zu und sprach: »Was willst du hier, Affe?«

»Ich will Herr des Himmels werden!« rief dieser. »Denn ich kann mehr als alle deine Geschöpfe. Dir selbst ist es nicht möglich, meine Künste nachzumachen und ich übertreffe dich in jeder körperlichen Geschicklichkeit. Kannst du, zum Beispiel, einen solchen Luftsprung machen wie ich und in einem Augenblick verschwinden? Versuch es einmal!«

Da lächelte Buddha belustigt und sagte ruhig: »Gut, wie wollen eine Wette eingehen. Wenn du aus meiner Hand, die ich unter dich halte, herausspringen kannst, so will ich dir meinen Platz einräumen und du sollst Herr des Himmels werden. Kannst du es aber nicht, dann verlasse den Himmel sofort und lasse dich nie mehr blicken.«

Der Affe mußte sich den Bauch halten vor lauter Lachen über diese leichte Wette und sprach kichernd: »Nun, so streck doch deine Hand aus, Vater Buddha, und sieh selbst, was ich kann.«

Und Buddha streckte seine Hand segnend nach der Erde aus. Der steinerne Affe sprang darauf, machte einen Purzelbaum und flog und flog durch den unendlichen Raum und immer weiter, bis er an das Ende der Welt kam. Dort standen fünf rote Säulen.

»Ha«, rief der Affe triumphierend, »nun soll Buddha sehen, wer Herr des Himmels wird! Und zum Beweis, daß ich am Ende der Welt war, will ich ein Zeichen in eine dieser Säulen schneiden und es dem Herrn zeigen.« Dann drehte er sich um, schwang sich durch die Lüfte und im nächsten Augenblick saß er wieder in Buddhas Hand. Da hörte er die Stimme des Herrn, welche mahnend sprach: »Nun, Affe, wann wirst du endlich aus meiner Hand herausspringen?«

»Was – aus deiner Hand?« schrie der Affe erbost. »Weißt du nicht, daß ich durch die Lüfte sprang und am Ende der Welt war? Da stehen fünf Säulen, und es ist nur gut, daß ich ein Zeichen hineinschnitt, um es dir zu beweisen. Willst du sehen, wo ich war, so setze dich auf meinen Rücken, und ich führe dich in einem Augenblick wieder hin.«

Doch der Herr des Himmels entgegnete ernst: »Affe, soll es dieses Zeichen sein, welches du in meinen Finger gemacht hast? Sieh es dir an und wisse, daß meine Hand während deines ganzen Sprunges unter dir war. Wo immer du hinspringst und wohin du dich wenden magst, es ist dir unmöglich, von mir fortzukommen, denn die ganze Erde liegt in meiner Hand. Nun kehre zurück und bleibe fortan bescheiden auf dem Platz, den ich dir angewiesen habe.«

Darauf drehte er seine Hand um, und der Affe war in dem steinernen Berg gefangen. Erst nach vielen Jahrhunderten ließ ihn Buddha wieder heraus.

 


 

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