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Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Fabeln - Kapitel 29
Quellenangabe
titleFabeln
authorJohann Wilhelm Ludwig Gleim
modified20170815
typefable
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Der Hund und der Wolf.

                        Ein armer magrer Wolf, der wenig Lämmer stahl,
Begegnete bergab, in einem engen Thal,
Einst eines reichen Mannes Hund,
Mit Namen Sigismund;
Ei! denkt der Wolf, wär' ich entkräftet nicht,
An diesem Herrn wollt' ich mich rächen
Für manchen bösen Biß. O du, du Bösewicht!
Er denkt's, er wagt's nicht auszusprechen.

So freundlich, als wenn er
Sein Freund, sein treuer Bruder wär',
Spricht er zum Hunde:
                                    »Schöner Hund,
Gott grüß' euch; sehr gesund
Seht ihr mir aus, ihr wohlgepflegeter,
Ihr schöner, lieber Hund!
Was euch so schön macht und so rund,
Ach! das kommt nicht in armer Wölfe Mund!«
»Und wer ist Schuld daran«, fragt Bruder Sigismund,
»Daß ihr so fett nicht seyd, wie wir?
Warum behaltet ihr
Den öden Wald
Zu euerm Aufenthalt,
In dem ihr euch so kümmerlich müßt nähren,
Den eine ganze Nacht ihr oft durchtraben müßt,
Euch einen haben Tag des Hungers zu erwehren?
Und oft auch wohl kommt es, daß es nicht möglich ist!
Ein besser Loos erwählten wir,
Als wir den öden Wald verließen!
Der Mensch ist ein gesellig Thier;
Was er genießt, läßt er uns mit genießen;
Und wenn an seinem Tisch er etwa Gäste hat,
Dann macht er uns und sie mit Leckerbissen satt!«

»Ei, Lieber! sagt, ich bitte, mir,
Was thut ihr denn dafür?«

»Nichts, gar nichts!« sagt der Hund; »wir bellen nur ein wenig
Und haben unser Fest,
Sobald ein Bettler, Bauer oder König
Vor seiner Thür sich sehen läßt!
Auch schmeicheln wir dem Herrn im Hause,
Wir schmausen hoch bei seinem Schmause!
Kurz, armer Freund, wir sind des Menschen treue Diener;
Dagegen nehmen wir mit Knochen junger Hühner
Und zarter Tauben gern fürlieb – –«

»Das thät' ich auch!« versetzt der arme Lämmerdieb
Und geht sogleich den Weg zum Herrn des Hundes mit.
Gesellig gehen sie, wie Brüder, einen Schritt.
Nicht lange. Denn der Wolf, der so gesellig trabt,
Betrachtet seinen Freund, sieht seinen Hals geschabt,
Fragt, »Was, was ist denn das,
Am Halse da?« – »Nun, eine Kleinigkeit!
Mein altes Halsband war zu enge,
Mein neues, das ist weit!«

»Ein Halsband? Ist dein Herr so strenge?
Legt er dich an?« – »Nicht allezeit,
Nur dann und wann, der Kinder wegen.
Daran ist nichts gelegen«.
»Nichts? Bruder, nichts? Die Sklaverei macht Reude!
Geh' du bei deinem Herrn zu schmausen, ich beneide
Dich nicht um deines Schmauses Freude.
Geh'! Freiheit ist ein edles Gut!
Sie gibt Vernunft und Lebenslust und Muth!
Der wäre wohl recht dumm, der dich beneiden könnte!«
Sprach Freimann Wolf, und lief, als wenn der Kopf ihm brennte,
Den Weg zur Freiheit – –
                                          »Warte doch!«
Rief Sigismund. Der Wolf, in seinem Elemente,
Sah sich nicht um, lief fort und läuft wohl noch.

 


 

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