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Magnus Gottfried Lichtwer: Fabeln - Kapitel 92
Quellenangabe
typefable
booktitleLichtwer's Fabeln
authorMagnus Gottfried Lichtwer
year1842
firstpub1748
publisherBibliographisches Institut
addressHildburghausen und Amsterdam
titleFabeln
pages188
created20110426
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Nachtigall und der Gimpel.

            Der Menschen Lust, der Vögel Zierde,
Die Nachtigall, floh, voll Begierde
Nach fremder Luft, ihr Vaterland;
Der Wald schien leer, da sie verschwand,
Die Zahl der Trauernden unzählig,
Nur ihre Neider waren fröhlich.

    Ein junger Gimpel, schön vor andern,
Entschloß sich, willig mit zu wandern,
Sein Ansehn war ihr wohl bewußt,
Ein feurig Roth brannt' auf der Brust,
Der Kopf war schwarz, und grau der Rücken;
Mag sich ein Vogel schöner schmücken?

    Es trugen sie die leichten Flügel
Bald über Seen, bald über Hügel,
Sie flogen endlich manchen Tag,
Bis einst ein Wald vor ihnen lag.
Was kann die Vögel mehr vergnügen?
Sie säumten nicht, herab zu fliegen.

    Sie senkten sich noch fliegend Beide,
Als schon den Bürgern dieser Haide
Der Ruf von ihnen Nachricht gab.
Indessen flogen sie herab,
Und fanden ganze Vögelschaaren,
Die, sie zu sehn, gekommen waren.

    Des Schiffes Lauf bestimmt das Segel,
Ein bunter Schmuck den Ruhm der Vögel,
Des Menschen Werth gar oft ein Kleid.
Man pries des Gimpels Kostbarkeit;
Ei, sprach man, was für inn're Gaben
Mag nicht ein solcher Stutzer haben?

    Die Nachtigall fand wenig Ehre,
Es hieß, daß sie der Diener wäre;
Man schloß, wie viele kleine Herr'n,
Blos von den Schalen auf den Kern.
Der Gimpel wird ersucht zu singen;
Man glaubt, es würde himmlisch klingen.

    Der Gimpel sang, die Vögel lachten,
Als sie nicht fanden, was sie dachten;
Er sang, wie ein Dompfaffen-Sohn,
Langweilig, stets in einem Ton.
Hier sah man nun mit Mißvergnügen,
Daß Putz und Schönheit öfters trügen.

    Jetzt läßt sich Philomele hören,
Es wechseln in den Vögel-Chören
Verwund'rung, Lust und Achtsamkeit.
Ihr Lied bezaubert selbst den Neid,
Die Stärk' und Göttlichkeit des Klanges
Rührt alle Töchter des Gesanges.

    Die Schönheit, rief man, deiner Lieder
Beschämt, o Fremdling, dein Gefieder!

* * *

So mehrt des Körpers schlechtes Kleid
Erhab'ner Geister Trefflichkeit,
Anstatt daß wir in schlechten Seelen
Die Schönheit zu den Fehlern zählen.
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