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Magnus Gottfried Lichtwer: Fabeln - Kapitel 88
Quellenangabe
typefable
booktitleLichtwer's Fabeln
authorMagnus Gottfried Lichtwer
year1842
firstpub1748
publisherBibliographisches Institut
addressHildburghausen und Amsterdam
titleFabeln
pages188
created20110426
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Kobold.

                Die Zeit zermalmet Stahl und Stein,
Thron, Schönheit, Schwert und Buch zerstiebt durch ihre Feile,
            Sie stürzt auch Mausoleen ein,
            Ihr Zahn vertilgt die Vorurtheile.
            Jetzt ist nichts unter'm Himmel leer,
Jetzt darf die Erde sich trotz Ketzermachern drehen,
            Jetzt brennt man keine Hexen mehr,
Jetzt kann ich ohne Furcht auf Gegenfüßlern stehen.
Ich lobe mir die Zeit, in der wir jetzo sind,
            Wenn unsre Väter, wie wir lesen,
            Der Eitelkeit mehr feind gewesen,
            So sind wir Kinder nicht so blind.

Als noch der böse Nix die Wöchnerinnen schreckte,
            Der Kobold hübsche Mädchen neckte,
Die weiße Frau dem Knecht das Deckebette nahm,
Und der verwünschte Mönch des Nachts zur Köchin kam,
Ließ auch auf einer Burg ein Poltergeist sich sehen,
            Klein wie ein Zwerg, vom Ansehn alt,
            Als Greis in runzlichter Gestalt,
            Gekleidet wie die Pilger gehen.
            War je ein Kobold lobenswerth,
So war es dieser hier: er stand vor Stall und Herd,
Doch durfte man durch Spott es nicht mit ihm verderben,
            Sonst folgten Schläge, Beulen, Scherben.
Dabei besaß er auch die Kunst zu prophezei'n,
Nie fiel ein Sterbetag bei seiner Herrschaft ein
            Da man nicht, eh' der Fall geschehen,
            Den Zwerg in Boy verhüllt gesehen.

So suchte dies Gespenst durch Dienst und guten Rath
            Dem Geisterpöbel vorzudringen.
            Ich will nur einen Streich besingen,
Den allerklügsten Streich, den je ein Kobold that!
            Es sah das Schloß nicht ohne Schauer
            Ihn plötzlich in der tiefsten Trauer,
Ein abgekrempter Hut, der fast den Mann verbarg,
Ein ungeheurer Flor, der sich nicht enden wollte,
Dies Alles wies, daß bald ein Großer sterben sollte.
Die Meisten deuteten es auf des Burgherrn Sarg,
            Viel riethen auf den Sohn und Erben,
            Ja, Mancher sah sie beide sterben.
            Man rieth sich endlich ungesund;
            Indessen starb des Burgherrn – Hund.

Hier hörte man den Herrn auf seinen Kobold schmälen:
Was? willst du einen Hund zu meiner Freundschaft zählen?
            Nur nicht zu hitzig, rief der Geist,
Wer ward von dir geküßt, aus deiner Hand gespeist?
Wer lag an deiner Brust? Wer schlief in deinen Armen?
Wer war dein Augentrost, und fand bei dir Erbarmen?
Wer anders, als dein Hund? Es fiel mir also ein,
            Daß er vielleicht dein Bruder wäre.

* * *

        Hier schämte sich der Herr. Du, merke dir die Lehre:
Wer Thier' als Menschen liebt, der scheint kein Mensch zu seyn.
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