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Magnus Gottfried Lichtwer: Fabeln - Kapitel 56
Quellenangabe
typefable
booktitleLichtwer's Fabeln
authorMagnus Gottfried Lichtwer
year1842
firstpub1748
publisherBibliographisches Institut
addressHildburghausen und Amsterdam
titleFabeln
pages188
created20110426
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Zauberin.

            O Fotis! lebe wohl, ich sterbe,
Mein Schatz ist dieses Zauberbuch;
Das ist mein Gut, du bist der Erbe,
Du bist es ohne Widerspruch.
Nimm es und lies: Die Welt wird zittern,
Der Abgrund fliehn, der Himmel wittern,
Sprach Pamphile, die Zauberin,
Zu ihrer Magd, und fuhr dahin.

    Und Fotis nahm die Zauberschriften,
Und ward dadurch bald fürchterlich;
Sie rief die Leichen aus den Grüften,
Sie trieb die Ströme hinter sich,
Durch ihren Spruch versetzt sie Berge,
Macht Stein' aus Volk, aus Riesen Zwerge;
Thessalien sang ohne Scheu,
Daß Fotis eine Göttin sey.

    Der Ruf erhebt sie zur Sibylle,
Man glaubt, vor ihr sey nichts versteckt,
Der Menschen Thun, der Götter Wille
Sey vor ihr klar und aufgedeckt.
Vom Nil und Ganges, von den Meeren
Kömmt Volk, der Fotis Spruch zu hören;
Der Stuhl, darauf die Weise sprach,
Gab Delphens Dreifuß wenig nach.

    Was ganze Völker göttlich nannten,
Schien einem einz'gen Schäfer nichts,
Olint, den sieben Heerden kannten,
Hielt es für Blendwerk des Gesichts.
Verweg'ner Schäfer! bleib' in Schranken,
Denn Fotis straft auch die Gedanken,
Die ihrer Ehre schädlich sind;
Schlägst du der Zaubrer Zorn in Wind?

    Umsonst, Olint ist nicht zu zwingen,
Der Fotis Langmuth macht ihn kühn,
Er will sie um die Ehre bringen,
Und es gelingt ihm sein Bemüh'n.
Es sey nun ein betrübt Geschicke,
Es sey, daß dieses Schäfers Tücke
In Fotis Buch vergessen war,
Die Kunst ward endlich offenbar.

    Dort, wo in Tempe's Lustgehölzen
Zwölf Bäche sich in gleicher Eil'
Von Pelions Gebirgen wälzen,
Entdeckt sich einer Höhle Theil,
Die Felsen stützten sie, wie Mauern,
Sie war des Klügsten der Centauern,
Des weisen Chirons, Aufenthalt,
Und viel Olympiaden alt.

    Hier lag und schlief in dunkler Stille
Die allzu sichre Zauberin,
Ihr Buch, das Leibbuch der Sibylle
Warf sie unachtsam vor sich hin.
Sie schläft, Olint wacht ihr zum Schaden,
Kömmt im Gesicht der Oreaden,
Durchsucht der Fotis ödes Haus,
Und holt das Zauberbuch heraus.

    Es sammeln sich der Hirten Töchter
Aus Neugier all' um den Olint,
Und dieser zeigt mit Hohngelächter,
Wie eitel Fotis Künste sind.
Man machte mit dem Zauberbuche
Sofort selbst allerlei Versuche,
Und fand, daß es theils Gaukelei,
Theils Wirkung der Naturkunst sey.

    Die Wahrheit besser zu ergründen,
Wird Fotis endlich selbst besucht,
Man siehet sie die Hände winden,
Man hört, daß sie dem Glücke flucht.
Man lacht, und sie beschwört die Götter
Umsonst zur Tilgung ihrer Spötter;
Sie ward der Kinder Zeitvertreib,
Ein Spott des Volks, ein schwaches Weib.

* * *

          Dies sag' ich allen kleinen Geistern;
Auch ihr sucht durch gelehrten Dunst
Der Welt die Augen zu verkleistern,
Als wär't ihr Zaubrer in der Kunst.
Excerpta, Lexika, Register,
Die Concordanz bei manchem Priester,
Das ist der Quell des großen Lichts,
Nimmt man euch die, so könnt ihr nichts.
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