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Magnus Gottfried Lichtwer: Fabeln - Kapitel 30
Quellenangabe
typefable
booktitleLichtwer's Fabeln
authorMagnus Gottfried Lichtwer
year1842
firstpub1748
publisherBibliographisches Institut
addressHildburghausen und Amsterdam
titleFabeln
pages188
created20110426
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Gartenlust.

            Ein Knabe, der die Welt und was darauf geschah,
    Nur durch das Stubenfenster sah,
    Und niemals aus dem Hause kam,
Empfand so große Lust, ein wenig auszugehen,
    Daß ihn auf wiederholtes Flehen,
Der Vater endlich mit in einen Garten nahm.
O wie erstaunt das Kind, als es ein Beet erblicket,
    Darauf der Flora Wunderhand
    Des Frühlings größten Schatz verwandt,
    Und Alles göttlich ausgeschmücket;
Der Knabe machte sich in die belaubten Gänge,
    Auf denen eine ganze Menge
    Verirrter Nachtigallen sang;
Er kam an einen Fels, allwo von allen Ecken
    Das Wasser in ein Marmorbecken
    Mit silberhellen Wirbeln sprang.
Der Knabe sieht, und meint ein Paradies zu schauen,
    Ach, Vater. spricht er, laßt mich hier,
    Das ist der Götter Lustrevier,
Ich wünsche Lebenslang dies Gartenfeld zu bauen.
    Wen rührt nicht frommer Kinder Flehn?
    Der Vater mußte weiter gehn,
    Und ließ den Sohn vergnügt zurücke,
    Ihm kürzte Lust und Fröhlichkeit
    Die angenehme Sommerszeit,
    Er lobte täglich sein Geschicke.
    Bald band er einen Blumenstrauß
    Von Rosen, bald von Nelken wieder,
Bald las er sich zur Kost die schönsten Aepfel aus,
Und legte sich sodann auf grünen Rasen nieder.
Indessen wuchs das Jahr, die Tage wurden klein,
Der angenehme West zog seinen Odem ein,
Des Gartens schönster Schmuck, die Rosen und die Nelken,
    Begannen endlich zu verwelken;
Der Nordwind zog dem Baum die Sommerkleidung ab;
Der Winter kam heran, mit ihm die weißen Flocken,
    Der Schnee, des grünen Laubes Grab;
Die Vögel zogen heim, der Quell hob an zu stocken,
Und unser Knab' empfand des Frostes Grausamkeit.
    Bei dieser kalt- und rauhen Zeit,
    Da ihm schon Hand und Fuß erstarrten,
    Schien ihm der eh'mals schöne Garten
    Ein Höllenort, ein Ort der Pein,
    Er wünschte schon heraus zu seyn.
Indem er nun betrübt und schwach herumspazierte,
Da kam der Vater an, der ihn nach Hause führte.

* * *

Dieser Garten ist die Welt,
Die im Frühling junger Jahre
Uns mit ihrer bunten Waare
So ausnehmend wohlgefällt.
Aber, wenn wir älter werden,
Wenn der Reif das Haupt umzieht,
So verfliegt die Lust der Erden,
Und zerstiebet in die Luft.
Drum so danke Gott mit Freuden,
Wenn er dich aus diesem Leiden
Wiederum nach Hause ruft.
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