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Magnus Gottfried Lichtwer: Fabeln - Kapitel 106
Quellenangabe
typefable
booktitleLichtwer's Fabeln
authorMagnus Gottfried Lichtwer
year1842
firstpub1748
publisherBibliographisches Institut
addressHildburghausen und Amsterdam
titleFabeln
pages188
created20110426
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vater und Sohn.Vid. Joh. Flitneri Joces. Nequit. Censura. Od. 3. pag. 17.

                  Des reichen Pachters Kind, der hoffnungsvolle Sohn,
Studirt und promovirt im dritten Jahre schon,
    Und kömmt von Erfurt, o welch' Glücke!
    Mit einem großen D zurücke.
    Der beste Schöps muß an den Spieß,
    Und wer im Städtchen Vetter hieß,
    Der lief, als er das Ding vernommen,
    Und schrie: Herr Doctor, seyd willkommen!

    Der Ruhetag folgt auf den Schmaus,
    Da packte der Herr Doctor aus,
Und zog ein Buch hervor, vor dessen Größ' und Schwere
    Der Vater fast entlaufen wäre.

        Ei, rief er, Kind! ich bitte Dich,
    Was hält dies dicke Buch in sich?

Dies Buch, versetzt der Sohn, und seines Körpers Bürde
    Ist Schuld an meiner Doctorwürde,
O, dies Buch ist ein Buch, denn, lieber Vater! wißt,
    Daß es das Corpus Juris ist.
Die großgedruckte Schrift, im Mittelpunkt der Seiten,
Heißt Euch der Text, und hat gar wenig zu bedeuten;
Allein der kleine Druck, am Rande hier und da,
    Das sind die Glossen, Herr Papa,
    Die von Juristenkünsten handeln,
Der Kern des ganzen Rechts, das Ränk' und Kniffe lehrt,
    Wodurch sich Recht in Schuld verkehrt,
Dadurch wir Schwarz in Weiß, und Weiß in Schwarz verwandeln.

    Der Vater merkte sich das Ding,
Bis Nachmittags der Sohn zu seinen Freunden ging;
    Er hatte kaum die Thür in Händen,
Da gürtete daheim der Vater seine Lenden,
    Fiel, ohne Scham und Scheu vor dem Justinian,
Mit einer Scheer', o Trotz! das Corpus Juris an,
Und schnitt mit einer Wuth, auf die ich selber fluche,
    Die Glossen aus dem ganzen Buche,
    Da hatte keine Gnade Statt,
    Die Scheere schnitt von Blatt zu Blatt.
Jetzt kömmt der Sohn zurück; er tritt in seine Stube,
Und glaubt, er sehe sich in einer Mördergrube:
Da lag der halbe Rumpf von dem Acursius,
Und dort des Baldus rechter Fuß,
    Das Aug' entdeckte hin und wieder
    Zerstümmelter Legisten Glieder.
    Ach Vater! hob er endlich an,
    O sagt, was hab' ich Euch gethan?
    Wär' ich nicht Kind, bei meiner Ehre! –

        Gemach! versetzt der Alte, höre,
Du handelst wunderlich, wenn Dich das Ding verdrießt.
    Durch diese Deine feinen Glossen,
    Juristen-Künste, Ränk' und Possen,
Hab' ich ein schön' Stück Feld vor Kurzem eingebüßt.
Hätt' ich die Scheere nicht für jetzt zur Hand genommen,
Wir wären noch zuletzt um Haus und Hof gekommen.

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