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Iwan Andrejewitsch Krylow: Fabeln - Kapitel 34
Quellenangabe
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typelegend
authorIwan Andrejewitsch Krylow
titleFabeln
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
seriesReclams Universal-Bibliothek
volumeBand 143
printrun5. Auflage
year1976
firstpub1874
translatorFerdinand Löwe
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100318
modified20170607
projectidb7f4ecb8
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33. Der Sack

Im Vorgemach lag manches Jahr
ein leerer Sack in einer Ecke ungenutzt:
Es hatte höchstens der Lakaien Schar
sich ihre Stiefeln daran abgeputzt.
Doch plötzlich
kommt unser Sack zu Ehren ganz ergötzlich.
Man füllt ihn nämlich mit Dublonen,
im Geldschrank wird er aufbewahrt;
der Herr tut alles, ihn zu schonen,
und hütet ihn so säuberlich, so zart,
daß ihn kein Wind und kein Insekt berührt.
Jetzt findet bald auch an dem Sack
die ganze Stadt Geschmack.
Sooft bei dessen Herrn ein Freund gastiert,
hebt schmunzelnd er vom Sacke an.
Ist dieser grade aufgeschlagen,
so blinzelt jeder hin mit Wohlbehagen;
darf einer gar sich nahn,
wird sicherlich der Sack getätschelt und gestreichelt.
Da nun dem Sacke alles schmeichelt,
tut er auch groß,
fängt an zu kritisieren
und läßt famose Weisheit los.
Was der sagt, sei nicht wahr,
und dieser sei ein Narr,
und jener Schaden sei nicht zu kurieren.
Es lauschen alle ihm mit offnem Munde,
obgleich so baren Unsinn schwatzt
der grobgewebte Kunde,
daß schier der Hörer Trommelfell noch platzt.
Die Menschen haben leider das Gebrechen,
es mag ein Sack, hat er nur Gold,
das Allerdümmste sprechen –
sie finden es doch schön und hold.
Blieb denn der Sack noch lange so geehrt,
ward lang er als Orakel noch betrachtet?
Genau so lang, bis man ihn ausgeleert;
dann warf man ihn beiseit,
und seit der Zeit
hat man nichts mehr von ihm gehört.
Es soll die Fabel niemand kränken,
doch wem wird es nicht klar,
wenn er sich ansieht unsre Schenken,
daß deren Pächter ähnlich sind aufs Haar
solch einem Sacke?
Einst trugen sie die schmutz'ge Kellnerjacke.
Und jene Spieler, die vorzeiten
ein Goldstück kannten nur von weitem –
die dann durch sehr zweideut'ge Künste
errafften reichliche Gewinste:
mit Grafen, Fürsten leben sie
jetzt in der besten Harmonie;
mit jenem allgewaltigen Magnaten,
des Vorgemach sie sonst voll Scheu betraten,
jetzt spielen sie mit ihm Boston.
Ein großes Ding ist eine Million!

Doch, werte Herrn, wollt euch darob nicht blähn.
Denn, um die Wahrheit zu gestehn,
verhüte Gott, daß euer Glück sich wandelt,
ihr werdet sonst ganz wie der Sack behandelt.

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