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Iwan Andrejewitsch Krylow: Fabeln - Kapitel 21
Quellenangabe
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typelegend
authorIwan Andrejewitsch Krylow
titleFabeln
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
seriesReclams Universal-Bibliothek
volumeBand 143
printrun5. Auflage
year1976
firstpub1874
translatorFerdinand Löwe
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20170607
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20. Der Lügner

Einst kam zurück von weiten Reisen
ein Edelmann – vielleicht ein Graf –,
der ging, da einen alten Freund er traf,
mit ihm spazieren über Feld
und öffnete alsbald der Rede Schleusen.
Er prahlte sehr und brüstete sich höchlich
mit dem, was er gesehen in der Welt,
ganz unbekümmert, ob, was er erzählt,
auch möglich.
»So was«, spricht er, »seh' ich nun wohl nicht mehr.
Wie ist das Land hier traurig!
Bald schwitzt man arg, bald friert man sehr,
die Sonne blendet bald, und bald ist's dunkel schaurig.
Da drüben aber ist ein Paradies,
ein Land so recht nach meinem Herzen,
schon die Erinnerung daran ist süß.
Dort braucht man Pelze nicht noch Kerzen,
man weiß dort kaum, was nächtlich Dunkel sei,
das runde Jahr ist dort ein einz'ger Mai.
Da pflanzt man nicht, noch streut man ein die Saat,
und was trotzdem doch für Gewächse reifen –
kaum zu begreifen!
Zum Beispiel, als ich Rom betrat,
da sah ich eine Gurke, meiner Treu,
der kolossale Eindruck ist mir heut noch neu,
glaubst du's, sie war dir wie ein Berg so groß.« –
»Je nun«, versetzt der Freund, »es birgt die Welt
der Wunder viel in ihrem Schoß,
nur daß nicht jedem alles gleich ins Auge fällt.
Da nahen selber wir uns grade
solch einem Wunderwerk, von dem du noch nichts weißt,
denn das behaupt' ich dreist,
daß du's nicht sahst auf deinem Wunderpfade.
Siehst du wohl jene Brücke,
die vor uns liegt, sie ist von Ansehn schlicht,
jedoch höchst wunderbar in einem Stücke,
denn einen Lügner trägt sie nicht.
Wenn er noch bis zur Mitte nicht gegangen,
so zieht's ihn jäh hinunter in den Fluß;
doch Wahrheitsfreunde drangen
noch immer, sei's zu Pferde, sei's zu Fuß,
hinüber.« –
»Wie tief ist denn der Fluß? Wohl wie der Tiber?« –
»Ei nun, er ist nichts weniger als seicht.
Du siehst nun, Freund, was alles man erfährt.
Die röm'sche Gurke ist wohl staunenswert,
berghoch, mir däucht,
so sagtest du, nicht wahr?« –
»Nun wenn auch nicht berghoch, haushoch bestimmt.« –
»Ist immer schwer zu glauben zwar,
allein, wer da vernimmt,
daß diese Brücke keinen Lügner trägt,
der wird von gleichem Staunen wohl bewegt.
Und erst noch dieses Frühjahr, leider,
stürzten herab – die ganze Stadt weiß das –
zwei Journalisten und ein Schneider.
Nun, mit der Gurke, das ist auch kein Spaß;
haushoch – ei freilich,
höchst wunderbar, wenn du berichtest treulich.« –
»Na, ganz so arg ist es mitnichten,
ich muß dich nämlich unterrichten,
man baut nicht aller Orten
geräumig wie bei uns zu Lande.
Was sind denn das für Häuser dorten?
Zur Not für zwei, mein Wort zum Pfande,
die obendrein nicht stehn noch sitzen können!« –
»Mag sein, doch will sich's wohl geziemen,
die Gurke hoch zu rühmen,
die zwei Personen faßt.
Den Preis zwar wird man unsrer Brücke gönnen,
die gar nicht spaßt,
denn eh' der Lügner drauf fünf Schritte tut,
reißt's ihn hinunter in die Flut.
Gewiß, auch deine Gurke dort in Rom . . .« –
»Hör doch«, fiel hier der Lügner ihm ins Wort,
»wozu die Brücke? Laß uns oben dort
nach einer Furt nur suchen in dem Strom!«

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