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Iwan Andrejewitsch Krylow: Fabeln - Kapitel 15
Quellenangabe
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typelegend
authorIwan Andrejewitsch Krylow
titleFabeln
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
seriesReclams Universal-Bibliothek
volumeBand 143
printrun5. Auflage
year1976
firstpub1874
translatorFerdinand Löwe
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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14. Die Pest unter den Tieren

Die Pest, des Himmels ärgste Plage,
hat einst den Wald betroffen.
Die Tiere werden scheu und zage –
weit stehn des Hades Tore offen.
Es rast der Tod durch Berg und Tal und Flur.
Verderben folget seiner Spur,
wie Gras mäht er die Opfer nieder,
und was noch lebt, regt kaum die Glieder.
Auch hat die Furcht die Tiere ganz verzaubert,
sie sind's und sind's auch nicht.
Der Wolf verschont das Schaf und macht ein fromm Gesicht,
der Fuchs verfolgt kein Huhn, dem Huhn schmeckt kein Gericht,
es schwirrt das Täubchen unbetaubert,
von Liebe ist nicht mehr die Rede,
und Leben ohne Liebe, ach wie öde!
In dieser Not beruft der Leu der Tiere Schar.
Sie kommen träg heran, ihr Mut ist fast verloren,
sie lagern sich um ihren Zar
und starren hin und spitzen ihre Ohren.
Der Leu beginnt: »Wohl mußten unsre Sünden
der Götter Zorn entzünden,
er lastet auf uns, Freunde, schwer.
Drum möge der von uns, der mehr
als alle übrigen ist schuldbeladen,
freiwillig sich zum Opfer weihn,
auf daß die Götter dann aus Gnaden,
in ihrer Huld,
um unsers Glaubens willen uns verzeihn
die schwere Schuld.
Wer unter euch kennt nicht aus der Geschichte
von solchen schönen Opfern die Berichte?
So wolle nun ein jeder in sich gehn
und hier vor aller Welt gestehn,
was er verbrach, und war's auch unwillkürlich,
denn Reue ist in jedem Fall gebührlich.
Ich selbst bekenne – freilich macht mir's Pein –
nicht rein ist mein Gewissen:
Viel arme Lämmer hab' ich gar nicht fein zerrissen,
und manches Mal – ach, wer ist ohne Fehle? –
ging es dem Hirten selber an die Kehle.
Ich biete mich denn auch als Opfer dar
und gehe ohne Sträuben zum Altar.
Doch scheint es besser, daß zuvor noch alle
hier ihre Sünden beichten
und der, bei dem sich dann die ärgsten zeigten,
als Opfer falle.
Vielleicht gefällt's auch so den Göttern mehr.«
Drauf spricht der Fuchs: »O Zar, du rührst uns sehr;
doch nur aus übergroßer Güte
ziehst du so sehr dir zu Gemüte,
was du getan.
Wenn des Gewissens läst'ge Mahnung
uns stören sollt' auf allen unsern Wegen,
wohlan,
so sagt mir eine sichre Ahnung,
daß wir gar bald dem Hungertod erlägen.
Und dann
gereicht es ja dem Lamm zu hohen Ehren,
wenn du geruhst es zu verzehren.
Was aber anlangt diese Hirten,
so möchten wir fußfällig hier begehren,
du wolltest öfter deine Lenden gürten,
um Mores sie zu lehren.
Dies ungeschwänzte Volk, in seinem dummen Stolze,
glaubt sich ja souverän in jedem Holze!«
Zu Ende ist der Fuchs. Drauf, in demselben Ton,
kehrt sich der Schmeichler Rotte zu dem Thron.
Ein jeder will beweisen um die Wette,
daß in der Tat der Zar gar nichts zu sühnen hätte.
Die Bären, Wölfe, Tiger beichten nun
in aller Demut ihre Sünden,
nur wagt ihr allerschlimmstes Tun
niemand so schlimm zu finden;
so daß, wer nur mit Zähnen oder Krallen
gesegnet ist, nicht nur blieb ungescholten,
nein, hat sogar als Heil'ger bald gegolten.
Nach den Bojaren allen
ist jetzt die Reih' am Stier, der brüllt naiv:
»Auch wir sind Sünder. Etwa vor fünf Jahren,
als Winters Futterkräuter spärlich waren,
da hat mich, denn der Magen stand mir schief,
der Böse provoziert
und mich verführt.
Ich konnte Vorschuß mir von niemand schaffen,
so zupfte ich ein wenig Heu
aus einem Schober bei dem Pfaffen.«
Bei diesen Worten gab's ein groß Geschrei.
Es riefen Wölfe, Tiger, Bären:
»Ha, welch ein Bösewicht!
Da könnt ihr's hören,
von fremdem Heu zu fressen! Ist's ein Wunder,
daß uns des Himmels Strafgericht
nun trifft mit Pech und Zunder?
Den Übeltäter mit gehörntem Kopfe
nehmt alsobald beim Schopfe;
ihn müssen wir zum Opfer wählen
zur Rettung unsrer Leiber, unsrer Seelen,
auf daß bei uns nicht einreißt solche Schand'. –
Für seine Sünden ward die Pest gesandt.«
Da auch der Zar das richtig fand,
so ward der arme Stier sofort verbrannt.

Bei Menschen ist's nicht anders – geht die Rede.
Ist einer gar zu fromm und blöde,
so wird er angeschuldigt frech und schnöde.

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