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Expressionismus

Hermann Bahr: Expressionismus - Kapitel 8
Quellenangabe
typeessay
authorHermann Bahr
titleExpressionismus
publisherDelphin-Verlag
printrunElftes bis achtzehntes Tausend
year1920
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080611
modified20171009
projectid1c52e01c
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Beispiellos

Alle Reden der Expressionisten sagen uns schließlich immer nur, daß, was der Expressionist sucht, ohne Beispiel in der Vergangenheit ist: eine neue Kunst bricht an. Und wer ein expressionistisches Bild sieht, von Matisse oder Picasso, von Pechstein oder Kokoschka, von Kandinsky oder Marc, von italienischen oder böhmischen Futuristen, stimmt ein: er findet sie wirklich beispiellos. Das allein haben auch alle diese Gruppen gemeinsam. Die neueste Malerei besteht ja aus lauter kleinen Sekten, die einander verwünschen. Gemeinsam ist ihnen, daß sie sich vom Impressionismus ab, ja gegen ihn wenden (weshalb ich auch alle zusammen Expressionisten nenne, wenn das auch zunächst nur der Name der einen Sekte ist und die anderen dagegen protestieren werden). Gemeinsam ist ihnen, daß, wenn der Impressionismus immer ein Stück der Wirklichkeit vortäuschen, auf Illusion hinwirken will, sie dies verschmähen. Gemeinsam ist ihnen, sich allen Forderungen, die wir an ein Bild, um es nur überhaupt als ein Bild gelten lassen zu können, zu stellen gewohnt sind, leidenschaftlich zu wiedersetzen. Wenn wir uns mit keinem dieser Bilder auskennen, eins ist uns allen gewiß: sie vergewaltigen die Wirklichkeit, sie vergewaltigen den Augenschein, sie vergewaltigen die Sinnenwelt. Das ist ja der wahre Grund der allgemeinen Empörung: alles, was bisher, seit überhaupt gemalt wird, der Sinn aller Malerei war, scheint hier verleugnet und etwas angestrebt, was seitdem überhaupt gemalt wird, noch niemals versucht worden ist. So kommt es dem Betrachter vor und der Expressionist selbst wird mit dem Betrachter darin ganz einverstanden sein. Nur behauptet der Betrachter, was nicht durch die Natur beglaubigt werde, ja was vielmehr der Natur mit Absicht widerstrebe, könne niemals Kunst sein, der Expressionist aber behauptet, gerade dies sei Kunst, sei seine Kunst. Und wenn der Betrachter heftig entgegnet, der Maler könne nichts malen, als was wir sehen, so versichert der Expressionist: Auch wir malen nichts als was wir sehen! Aber darüber können sie sich nicht verständigen. Sie können sich über das Sehen nicht verständigen. Sie meinen, wenn sie vom Sehen sprechen, jeder was anderes damit. Was ist Sehen?

Umberto Boccioni: Das Lachen

Umberto Boccioni: Das Lachen

 


 

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