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Christoph Martin Wieland: Euthanasia - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Dreißigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleEuthanasia
pages142
created20131123
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Christoph Martin Wieland.

Euthanasia.Im Jahr 1805 gab ein zu Leipzig privatisirender Gelehrter, Namens Karl Wötzel, Doctor der Philosophie, eine Schrift heraus unter dem Titel: Meiner Gattin wirkliche Erscheinung nach ihrem Tode. Diese Schrift erregte um so mehr Aufsehen, da der neue Geisterseher sich durchaus als einen Philosophen gab und von seinen philosophischen Schriften – die man freilich nicht kannte – mit Bedeutung sprach. In kurzer Zeit erlebte diese Schrift drei Auflagen und war überall das Gespräch des Tages. Desto ernstlicher glaubte man daher es mit ihr nehmen zu müssen, und die Ersten, welche dagegen auftraten, waren Cannabich, Helmuth, Ihling und die Recensenten in der Jenaischen und Halleschen Literatur-Zeitung, worauf sich eine Fluth satirischer Schriftchen dagegen ergoß: Meiner Großmutter, meiner Katze Erscheinung u. s. w. Die Schrift des D. Wötzel war dem Herzoge von Weimar zugeeignet, und da Wieland der Vorlesung derselben beiwohnte, so weckte dieß seine alte Neigung wieder, psychologische Probleme zu lösen und Wunder zu beleuchten. Dazu hätte nun der erste der hier mitgetheilten Dialogen zugereicht; allein, da der D. Wötzel einen Beweis von der Möglichkeit der Geistererscheinungen versucht hatte, so veranlaßte dieß Wielanden, nicht nur den Beweis vom Gegentheil zu führen, sondern auch seine Leser überhaupt auf einen Standpunkt zu stellen, von welchem aus die Lüsternheit nach der Geisterwelt sehr gemäßigt zu werden schien. Aus diesem Grunde hat er es nicht auf eine Athanasia (Unsterblichkeit), sondern auf eine Euthanasia, ein sanftes, heiteres Scheiden von dem Leben, angelegt, fest überzeugt, daß dieß der Hauptpunkt sey, worauf der Mensch während des Lebens seine Aufmerksamkeit zu richten habe, nicht aber Vision und Geistererscheinung. Hierüber hat ihn nun gewiß kein Tadel treffen können, wohl aber hat man Anstoß daran genommen, daß er, um den Beweis von Unmöglichkeit der Geistererscheinungen zu führen, die persönliche Fortdauer nach dem Tode mit Erinnerung leugnet. Im Jahr 1810 erschien zu Leipzig eine Schrift unter dem Titel: Bemerkungen über Wielands Euthanasia, zur Beruhigung für diejenigen, welchen die Hoffnung eines künftigen Lebens und der Vereinigung mit den Ihrigen theuer und wichtig ist. Der Verfasser dieser Schrift bemerkt sehr wahr, daß Wieland, was er hier leugnet, anderwärts behauptet hat. Widerspricht er sich nun, oder hat er seine sonstigen Behauptungen aufgegeben? – Dieß ist der Punkt, auf den hier vorläufig aufmerksam gemacht werden, über den aber an einem andern Orte die Erklärung folgen soll. Zu welcher Zeit Wieland Recht hatte, als er behauptete oder leugnete, dieß zu entscheiden, ist des Herausgebers Pflicht nicht.

Auch D. Wötzel hat sich die Ehre nicht entgehen lassen, Wielanden als seinen Gegner zu behandeln. Der Mann, der zu ruhiger Prüfung aufforderte, Lästerungen und Verunglimpfungen sich verbittend, nannte in seiner näheren Erklärung und Aufschlüssen über seine Schrift u. s. w. (Leipzig1805) seinen Jenaischen Recensenten einen animosen, parteiischen, leidenschaftlichen, erbitterten, unreifen und unerfahrnen Jüngling, einen boshaften Verleumder, einen wüthend ergrimmten, reißenden Wolf in Schafskleidern und will das lateinische e – unter der Recension nicht lächerlich machen, obgleich man sonst dadurch nur eine gewisse Classe von Wesen zu bezeichnen pflege. – Es braucht wohl nur gesagt zu werden, daß kein anderer Mensch dieser Recensent war als der achtungswürdige Verfasser der Psychologie, Physiologie, Moral, der Adiaphoren u. s. w., kurz, der Kirchenrath K. Ch. E. Schmid in Jena, um keinen Zweifel übrig zu lassen, daß auf solch einen Gegner hier keine Rücksicht zu nehmen sey.

 


 

Erstes Gespräch.

107 Selmar und Wilibald, Bewohner einer kleinen Stadt in **, leben von ihren Schuljahren an in einer Art von freundschaftlicher Verbindung, die weder durch äußere Umstände noch irgend etwas Unverträgliches in ihrer Sinnesart und Lebensweise gestört wird und sich daher, mancher Ungleichheiten ungeachtet, ja vielleicht eben dieser wegen, schon seit vielen Jahren immer gleich erhalten hat. Durch eine lange Gewohnheit ist es ihnen zum unentbehrlichen Bedürfniß geworden, alle Wochen wenigstens ein paar Abende allein bei einander zuzubringen, um sich unter vier Augen, in zwangfreier Offenheit, mit diesem oder jenem, was der Moment zufällig darbietet, und was für beide Interesse hat, zu unterhalten. Niemals oder sehr selten wird eine dritte Person zu diesen traulichen Abenden zugelassen; Blandinen, Wilibalds Schwester, ausgenommen, eine junge Wittwe, die bei ihrem Bruder lebt und, in einer Ecke des Zimmers mit der Stricknadel beschäftigt, gewöhnlich nur als Zuhörerin an der Unterredung Antheil nimmt; es wäre denn, daß die beiden Freunde selbst sie darein zu ziehen suchen, oder die Sache, worüber gesprochen wird, von solcher Art ist, daß eine gebildete und gesetzte Person ihres Geschlechts sich ohne Anmaßung berechtigt glauben kann, eine active Rolle dabei zu spielen.

Es war an einem solchen Abend, daß folgendes Gespräch vorfiel, zu welchem eine vor Kurzem erschienene seltsame Druckschrift die Veranlassung gab. Blandine, die unter andern 108 Vorzügen ein außerordentliches Gedächtniß besitzt, konnte der Versuchung nicht widerstehen, es Tags darauf, ohne Vorwissen ihres Bruders, von Wort zu Wort aufzuschreiben. Eine Freundin, der sie es zu lesen gab, konnte sich eben so wenig enthalten, es im Vertrauen einer andern mitzutheilen; und so gerieth es von einer Freundin zur andern endlich in die Hände eines Freundes, der es heimlich abschrieb und, da er selbst ein Schriftsteller ist, die üble Gewohnheit hat, von Allem, was ihm lesenswürdig däucht, gedruckte Abschriften in die Welt zu schicken.


109 Selmar fand, bei einer seiner nächtlichen Zusammenkünfte mit Wilibald, ein kleines Buch aufgeschlagen auf dem Lesepult seines Freundes liegen. Er nahm es auf und fand mit einem sichtbaren Ausdruck von Vergnügen, daß es die von einem durch die Buchstaben D. J. K. W** bezeichneten Ungenannten »Jedermann zur Beherzigung und den Psychologen zu unparteiischer Prüfung dargestellte Geschichte der wirklichen Erscheinung seiner Gattin nach ihrem Tode« war.

Ich habe dich doch nicht im Lesen gestört, lieber Wilibald? sagte Selmar, indem er das Buch wieder hinlegte, wie es gelegen hatte.

Wilibald. Ich bin kurz vor deinem Hereintreten damit zu Ende gekommen.

Selmar. Findest du es nicht auch sonderbar, daß eine so merkwürdige Geschichtserzählung wie diese so wenig Aufmerksamkeit bei den Psychologen und im großen Publico überhaupt zu erregen scheint?

Wilibald. Mir, lieber Selmar, käm' es noch viel sonderbarer vor, wenn eine solche Geschichte Aufmerksamkeit erregte.

Selmar. Und warum das, wenn ich bitten darf?

Wilibald. Das solltest du mich kaum fragen, wenn du die Schrift des D. W**ls gelesen hast.

Selmar. Ich habe sie gelesen und wiederhole eben darum meine vorige Frage.

Wilibald. Nun dann, so ist meine Antwort: weil in unsern unglaubigen Zeiten schwerlich Jemand lebt, der sich 110 weiß machen läßt, daß Madame W**l ihrem Gemahl nach ihrem Tode wirklich erschienen sey.

Selmar. So beweise wenigstens ich mit meiner Person gegen deine Behauptung. Ich bin, wie du weißt, eben Keiner von den Leichtgläubigsten und habe bei Weitem den größten Theil der Gespenstergeschichten, deren ich eine unzählige Menge in meinem Leben gehört und gelesen, immer mit den Mährchen meiner Mutter Gans in einerlei Rubrik gestellt; aber unter jenen allen ist auch vielleicht nicht eine, an welcher ich so auffallende Kennzeichen der Glaubwürdigkeit und Wahrheit gefunden hätte, als an dieser.

Wilibald. Was die Glaubwürdigkeit der Erzählung betrifft, lieber Selmar, so begehre ich nicht zu leugnen, daß Herr D. W**l sich wirklich einbilden mag, Erscheinungen von seiner Frau nach ihrem Tode gehabt zu haben: aber, ob ihm seine Einbildung keinen Streich gespielt, das ist ein Anderes, und davon kann ich mich weder aus seiner Erzählung noch aus seiner Hypothese von der feinern Körperhülle der Verstorbenen auf keine Weise überzeugen.

Selmar. Aber ich bitte dich, Wilibald, was kannst du, um der Erzählung einer geschehenen Sache Glauben beizumessen, mehr verlangen, als Alles, was du bei dieser vereinigt findest? Der Erzähler ist – wie er selbst mit einer Freimüthigkeit versichert, die das Bewußtseyn voraussetzt, daß Niemand, der ihn kennt, das Gegentheil behaupten könne – der Erzähler, sage ich, »ist ein Gelehrter, der sich durch Schriften über beinahe alle philosophische Disciplinen nicht unvortheilhaft bekannt gemacht hat. Freunde und Feinde (sagt er) müssen ihm bezeugen, er habe von Kindheit an einen bemächtigten Unglauben an Hexen, Gespenster, Geister u. s. w. geäußert und, so oft sich etwas dieser Art ereignet haben 111 sollte, nichts angelegener gehabt, als die Sache mit der größten Unerschrockenheit selbst zu untersuchen, um ihr auf den Grund zu kommen und sich und Andere von der Nichtigkeit solcher Hirngespinster zu überzeugen; und wiewohl der Uebermuth, womit er dabei verfahren zu seyn gesteht, sich in seinen männlichen Jahren allmählich gemildert, so habe er doch nie aufgehört, allen Arten von Vorurtheilen, besonders dem Aberglauben auf der einen und dem grundlosen Unglauben auf der andern Seite, bei jeder Gelegenheit eifrigst entgegen zu wirken.« Diesem Charakter gemäß bewies Herr D. W**l in der ganzen Erscheinungsgeschichte, die er uns bis auf die kleinsten Umstände darzustellen beflissen ist, einen in solchen Fällen vielleicht beispiellosen Grad von Muth, Besonnenheit und Vorsichtigkeit gegen alle mögliche Täuschung. Er blieb immer so ganz Herr über seine Einbildungskraft, hütete sich so sorgfältig vor jeder Ueberraschung, jedem voreiligen Trugschluß, leistete so treulich Alles, was von einem zuverlässigen Beobachter gefordert werden kann, daß mir wenigstens keine angebliche Begebenheit dieser Art bekannt ist, wobei derjenige, dem sie begegnet seyn soll, nur halb so viel Behutsamkeit angewandt hätte, um weder von sich selbst noch von Anderen betrogen zu werden. Wenn mich nun ein solcher Mann in ganzem Ernst versichert, daß seine verstorbene Ehegattin, einem vor ihrem Tode gegebenen (wiewohl nachher wieder zurückgenommenen) Versprechen zufolge, ihm bei völligem Bewußtseyn, daß er mit allen seinen Sinnen wache, bei Nacht und sogar bei hellem Tag erschienen sey und ihn vernehmlich angeredet habe: so muß ich bekennen, ich sehe nicht, wie ich ihm meinen Glauben versagen könnte. –

Wilibald. Nämlich, daß er sich's wachend oder träumend eingebildet, ja! diesen Glauben können wir ihm ohne 112 Beleidigung nicht versagen: aber, zu glauben, daß die Verstorbene selbst sich ihm in eigener Person wirklich dargestellt habe, dazu finde ich, wie gesagt, in seinem ganzen Buche keinen hinreichenden Grund; wiewohl vielleicht Niemand lebhafter wünschen mag, als ich, sich von der Realität einer solchen Erscheinung überzeugen zu können.

Selmar. Ich bin sehr begierig zu hören, was du gegen den vorliegenden Fall einzuwenden haben kannst.

Wilibald. So vieles, lieber Selmar, daß ich dir rathe, dich vorläufig mit Geduld zu waffnen; denn du nöthigest mich, in eine Untersuchung einzugehen, womit wir vor der Geisterstunde schwerlich zu Rande kommen werden.

Blandine. Da könnte ja Madame W**l dir, Bruder, und uns Andern einen großen Dienst erweisen, wenn sie so artig wäre, selbst zu kommen und ihrem Manne Zeugniß zu geben, daß er sie wirklich gesehen habe. Das würde uns ohne weitere Untersuchung auf einmal aus dem Wunder helfen. –

Wilibald. – oder uns noch zehnmal tiefer hinein werfen.

Selmar. Wie, Blandine? Sie hätten den Muth, sich eine solche Erscheinung zu wünschen, und getrauten sich, sie auszuhalten?

Blandine. Warum nicht? Was sollte ich von einem guten Geiste zu befürchten haben? Zumal in so guter Gesellschaft –

Wilibald. – und da die Geister der Verstorbenen, wie der größte aller Geisterseher Swedenborg bezeugt, sich weit mehr vor uns Lebenden fürchten, als wir uns vor ihnen.

Selmar. Ich denke doch, wir würden alle drei große Augen machen, Blandine, wenn wir einen solchen Besuch 113 bekämen; ihr unglaubiger Bruder vermuthlich die größten. Aber, weil sich doch wohl auf eine solche Gefälligkeit gegen unsre Sinnen von Seiten der seligen Frau Doctorin keine Rechnung machen läßt, so würdest du mich sehr verbinden, Freund Wilibald, wenn du einstweilen meinem Verstande zu Hülfe kommen und mir die Einwendungen ausführlich mittheilen wolltest, die du gegen die Erscheinung der W**lschen Gattin zu machen hast. Alles, was ich mir dabei ausbedinge, ist, daß du dich, da ich kein Philosoph von Profession bin, so viel möglich zu mir herablassest und nichts vorbringest, wozu mehr als Menschenverstand und gewöhnliche Sprachkenntniß erfordert wird.

Wilibald. Du sollst dich nicht über mich zu beklagen haben, Selmar. Also ohne Weiteres zur Sache oder zu dem, was Herr D. W**l das Experiment und Factum selbst nennt. Die Dame, die dieses sonderbare Duodrama mit ihm spielt, und die er uns als eine Frau von vorzüglichen Eigenschaften schildert, wurde etwas über ein Jahr vor ihrem Tode von einem bösartigen schleichenden Fieber befallen, welches endlich eine entschiedene Wassersucht herbeiführte, wie der Herr Doctor als Physiolog vermuthet hatte, ungeachtet sein damaliger Arzt diese Vermuthung lächerlich fand und behauptete, »daß eine so starke, große, robuste und junge Frau in ihren besten Jahren eher alles Andere in der Welt bekommen könne als die Wassersucht.« Gleichwohl traf die Vorhersehung des scharfsichtigern Gemahls nur zu bald ein; und wiewohl ein anderer geschickterer Arzt die Wassersucht dreimal hob, so mußte doch, da sie zum vierten Mal wieder kam, auch dieser gestehen, daß alle ärztliche Hülfe und Kunst an dieser hartnäckigen Krankheit scheitern werde. Nun begab sich's, »da der Tod in den beiden letzten Monaten 114 schon ganz unvermeidlich schien,« daß Herr D. W**l (dessen philosophischer Apathie und jovialischer Fröhlichkeit auch eine so traurige Aussicht nichts anhaben konnte) seine todtkranke Gemahlin »mehr im Scherz als im Ernste bat, ihm (wenn es ihr anders möglich seyn sollte) auf irgend eine für ihn ganz untrügliche, völlig überzeugende und befriedigende Art bald nach ihrem Tode wieder zu erscheinen; damit er, wiewohl von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele als Mensch und als Christ überzeugt, auch als Philosoph von der lebendigen Fortdauer des menschlichen Geistes nach diesem Leben auf immer außer allen Zweifel gesetzt werden möchte.« – Die gefällige Frau, wiewohl sie zweifelte, ob ihr »die pünktliche Erfüllung eines solchen Versprechens möglich seyn würde,« gab ihm doch »mit liebevollem Lächeln und feierlichem Ernst ihr Wort, daß sie ihm wo möglich nach ihrem Tod erscheinen wolle; nahm aber ihr Versprechen am Abend vor ihrem Ableben (aus Beweggründen, die den Philosophen, der ihr so etwas zumuthete, billig hätten beschämen sollen»Du würdest (sagte sie) doch so lange der ungläubige Thomas bleiben, bis ich dir handgreifliche Beweise meiner Gegenwart gäbe, welches mir schwer werden dürfte. Und, gesetzt auch, dieß geschähe wirklich, so würden dir doch andere Menschen, wenn du es ihnen auch noch so heilig versichertest, schwerlich Glauben beimessen.« W.) wieder zurück und bat ihn sehr ernstlich, sie desselben zu entlassen: entweder weil sie in Geheim befürchtete, daß sie durch ihr gegebenes Wort gezwungen seyn könnte, ihm auch wider ihren Willen zu erscheinen; oder weil sie die Erfüllung desselben für eine Pflicht hielt, wovon ihr Gemahl allein sie loszählen könne.« Dieser entließ sie also ihres Versprechens mit Freuden, und von nun an ward nicht wieder daran gedacht.

Vierzehn Tage nach ihrem Tode, am 31. Juli, erhielt Herr D. W**l einen Besuch von seiner alten Mutter und der ältesten Tochter seines Bruders. Abends, da sie in der Hinterstube, neben der Schlafkammer, worin die Frau Doctorin gestorben war, in traulichem Gespräche beisammen saßen, sagte die Mutter auf einmal: Ich begreife nicht, was 115 mit dem Lichte vorgeht; der Wind scheint es beinahe auszulöschen, und doch weht draußen kein Lüftchen, das Fenster ist auch zugemacht, und es ist kein Zug auf dem Tische möglich. Ei, sagte die Nichte, wie der Wind draußen im Schlafcabinet braust und hier mit dem Vorhang weht! Er muß also doch gehen. – Um sich hiervon zu überzeugen, öffnete der Herr Doctor (der weder von dem Fackeln des Lichts noch von dem brausenden Wind im Schlafcabinet etwas gemerkt zu haben scheint) das Fenster, »konnte aber nicht den geringsten Luftzug oder auch nur ein sanftes Wehen wahrnehmen; vielmehr schien die ganze Natur zu schlummern und vom höchsten Grade der Hitze ermattet dahingesunken zu seyn.« – Nun, Blandine, was sagst du zu diesem Wunder?

Blandine. Es ist offenbar, sollt' ich meinen, daß entweder die beiden Frauenzimmer getäuscht wurden, oder das Wehen und Brausen eine Ursache gehabt haben muß.

Selmar. Eine Ursache allerdings; aber was für eine natürliche Ursache läßt sich hier denken?

Blandine. Zu einer körperlichen Bewegung denke ich mir immer eine körperliche Ursache, wenn ich sie gleich nicht immer bestimmt angeben kann. Wie oft begegnet nicht, daß wir, zumal bei Nacht, etwas sehen oder hören, ohne daß wir uns von der eigentlichen Ursache gewiß machen können? Am Ende hatte wohl die Nichte Recht; es wird doch ein Wind gegangen seyn. Auf jeden Fall hätte Herr W**l wohl gethan, uns die ganze innere Beschaffenheit seiner Wohnung aufs genaueste zu beschreiben.

Selmar. So viel wenigstens sagt er ausdrücklich, daß aus dem Schlafcabinet oder Alkoven ein kleines Fenster in die Stube, worin sie sich befanden, gehe – 116

Wilibald. Und daß dieses kleine Fenster verschlossen gewesen, sagt er nicht ausdrücklich. Es ist also zu vermuthen, daß es offen war.

Blandine. Ehe ich ein Wunder glaube, will ich mir lieber einbilden, daß eine Fledermaus das Gebrause in dem Schlafzimmerchen und, etwa durch ein Loch in der Fensterscheibe, das Wehen des Lichts auf dem Tische hervorgebracht habe.

Wilibald. Bravo, Schwester! Auch unser Philosoph war nicht weniger unglaubig als du und suchte (wie er versichert) den beiden Personen das bemerkte Wehen und Windbrausen »ganz natürlich zu erklären, ohne dabei im mindesten an etwas Anderes zu denken.« Die Sache mußte ihm also als etwas ganz Natürliches vorkommen; nur hätte er seine natürliche Erklärung den Lesern um so weniger vorenthalten sollen, da er überhaupt kein Bedenken trägt, seine Erzählung ohne alle Noth und wo seine Umständlichkeit für die Hauptsache ganz überflüssig ist, bis zum Ueberdruß der Leser in die Länge und Breite auszudehnen. Noch sonderbarer ist, daß »Tags darauf derselbe Fall wieder eintrat, aber die Aufmerksamkeit der drei anwesenden Personen im Ganzen (wie Herr W. sich ausdrückt) noch weniger auf sich zog als Abends zuvor; wiewohl auch an diesem ersten August kein wehendes Lüftchen in der Atmosphäre zu spüren war.« – Ungeachtet dieser wenigen Aufmerksamkeit auf ein so außerordentliches, zum zweiten Mal wiederkommendes Ereigniß (welche mir weder an den beiden Frauenzimmern noch an dem Herrn Doctor selbst sehr natürlich scheint) ging er dennoch »erst ohne Licht, hernach mit brennendem Wachsstock in das Schlafcabinet, um zu sehen, ob etwa die in den Hof gehenden Fenster offen ständen und den Zug beförderten. 117 Aber Alles war zu, und nicht der geringste Zug vorhanden.« – Nun erklärte der Herr Doctor dieses ganze Wehen theils für sinnliche Täuschung, theils für etwas sehr Natürliches, weil doch wenigstens die Thür offen stehe, »ohne daß er auch jetzt sich irgend einen andern Gedanken einfallen ließ, noch (wie er sagt) sich einfallen lassen konnte.« Ich gestehe, daß ich diese Unmöglichkeit nicht einsehe; im Gegentheil, jeder Andere in seiner Lage würde durch eine unfreiwillige, aber höchst natürliche Wirkung der Einbildungskraft und des Gedächtnisses genöthigt worden seyn, an das ehemalige Versprechen der kürzlich Verstorbenen zu denken. Sie hatte es zwar mit seiner Bewilligung zurückgenommen: aber war es denn unmöglich, daß sie ihren Sinn zum zweiten Male geändert hätte? Und wenn dieß der Fall war, ist es denn etwas so Undenkbares, daß der mehrbesagte unerklärbare Wind eine Art von schonender Anmeldung seyn konnte, wodurch sie ihren Gemahl zu einer künftigen Erscheinung vorbereiten wollte? –

Blandine. Halt, Bruder! Mir fällt ein Ausweg ein, wie es mit diesem anscheinenden Wunder ganz natürlich zugegangen seyn könnte.

Selmar. Lassen Sie hören!

Blandine. Man hat Beispiele, daß es muthwillige Spaßvögel gibt, die sich kein Gewissen daraus machen, mit so hochgelahrten und treuherzigen Leuten, wie unser Doctor zu seyn scheint, bei Gelegenheit ihr loses Spiel zu treiben. Könnte nicht der Inhalt der zwischen Herrn W. und seiner sterbenden Gattin, des Erscheinens wegen, in Gegenwart der Krankenwärterin vorgefallenen Unterredung auf diese oder jene Art einem solchen Spaßmacher zu Ohren gekommen seyn? – Bei nächtlicher Weile läßt sich leicht eine kleine 118 Leiter an eines der in den Hof gehenden Fenster, die der großen Hitze wegen offen standen, anlegen. Braucht es sodann mehr als einen tüchtigen Blasebalg, um in dem Schlafcabinet so viel Wind zu machen, als nöthig war, damit Licht und Vorhang in dem anstoßenden Zimmer durch die offenstehende Thür in einige Bewegung gerathen konnten?

Wilibald. Deine Hypothese läßt sich hören, Blandine, und wir werden uns vielleicht noch gezwungen sehen, unsre Zuflucht zu ihr zu nehmen. Für jetzt folgen wir der Entwicklung dieser in ihrer Art einzigen Gespenstergeschichte. Am Abend desselben Tages legt sich der Herr Doctor zur Ruhe, kann aber so wenig als an den vorgehenden vierzehn Tagen und Nächten schlafen und sieht sich daher genöthigt, »zum Zeitvertreib an seine gelehrten Arbeiten, Beschäftigungen und Plane (kurz, eher an alles Andere als an seine selige Frau) zu denken.« – Auf diese Weise »war es bei stiller mondheller Nacht über halb Eins geworden, als auf einmal, wie es ihm vorkam, ein plötzlicher Sturmwind sich erhob und zuerst zu dem kleinen, offenstehenden, oben an der Decke befindlichen Alkovenfensterchen, von dem vordersten Saal an der Treppe aus dem Hofe herein, so stark zu blasen schien –«

Blandine (zu Selmar leise). Merken Sie sich den Sturmwind, der zu blasen scheint –

Wilibald. – daß sein Deckbette wirklich in eine starke Bewegung gerieth. »Sein erster Gedanke war, Gott zu danken, daß doch wieder einmal ein kühles Lüftchen wehe;« aber, dieses frommen Dankgefühls ungeachtet, wandte er sein nach der Wand des Alkovens gerichtetes Gesicht verdrießlich auf die Seite vor dem Bette herum. Siehe! da fühlte er, »daß ein eiskalter Wind ihm unter der durch 119 denselben aufgehobenen Decke auf den Rücken blies, und es nicht anders war, als ob ihm Jemand sein Deckbette mit Gewalt entreißen wolle.« – Dessenungeachtet ließ sich Herr W**l noch immer nicht einfallen, daß etwas Anderes als ein wirklicher Sturmwind so unhöflich seyn könne. Ich will doch aufstehen, dacht' er weislich, und die Fenster zumachen. Gesagt, gethan! Aber, als er zu den Fenstern auf die Straße hinaus sah, war kein Lüftchen weder zu fühlen noch zu hören. Er machte nun auch die Fenster auf der hintern Etage zu und konnte auch dort nichts von einer Bewegung der Luft verspüren. Das scheint nun allerdings nicht recht natürlich zugegangen zu seyn, und dennoch machte es auf den hartglaubigen Mann »nicht den mindesten Eindruck.« Er ging ruhig in sein Bette zurück; freilich nicht, um zu schlafen, sondern blos, »um seine unterbrochnen Meditationen weiter fortzusetzen, ohne sich vor der Hand um diesen Zufall weiter zu bekümmern.«

Was für eine Vorstellung will Herr W**l daß wir uns von ihm machen sollen? Er hört mitten in der windstillsten Nacht plötzlich einen Sturmwind, der ihm die Bettdecke nehmen will und ihm von der Wand her eiskalt in den Rücken bläst; wie er aufsteht, um sich genauer zu erkundigen, überzeugt er sich, daß nicht das leiseste Lüftchen geht, und doch fällt ihm nur nicht ein, sich darüber zu verwundern und der Ursache eines so unnatürlichen Vorfalls nachzudenken. Das heiße ich doch das Epikuräische Nil admirari weit getrieben!

Selmar. Ich auch; indessen beweiset es mir die erstaunliche Unbefangenheit des Mannes bei dieser Geschichte, und wie wenig diese unerklärbaren Ereignisse auf seine Einbildung wirkten, wie völlig er also in der Verfassung war, 120 die dazu erfordert wird, eine außerordentliche Begebenheit mit kaltem Blut und freiem Geiste zu beobachten.

Wilibald. Es fällt ziemlich stark in die Augen, daß unser Philosophus diese Meinung von sich zu erwecken beflissen ist, um desto glaubwürdiger zu scheinen, wenn er endlich, nach so vielem Präambuliren, zur Hauptsache kommen wird. Indessen bleibt gerade diese seine Gleichgültigkeit, wenn sie nicht angenommen ist, immer ein noch größeres Wunder als der Sturmwind bei ruhiger Luft; und ich denke mich nicht zu irren, wenn ich behaupte, daß es mit dem besagten Sturmwinde nicht so ganz richtig zugegangen seyn müsse. Es könnte leicht seyn, daß Blandinens Blasebalg hier im Spiel gewesen wäre. Vierzehn schlaflose Nächte hinter einander müssen endlich den kältesten Kopf erhitzen, die derbsten Fibern schlaff, und die stärksten Nerven allzu reizbar machen. Tief in der Nacht kann ein Mann, der sich in diesem Falle befindet, zwischen Wachen und Schlummern den plötzlichen Wind aus einem Blasebalg leichtlich, einen Augenblick lang, für einen Sturmwind halten. Fenster und Thüren standen offen, und das Wohnhaus des Herrn Doctors – wiewohl wir uns aus dem, was er nach und nach davon offenbart, keinen sehr deutlichen Begriff machen können – scheint doch so beschaffen zu seyn, daß der Spaßvogel, der in Blandinens Hypothese diesen Spuk macht, gar wohl Mittel und Wege finden konnte, einen Mann, der so fest entschlossen war, keine Gespenster zu glauben, um so leichter zu täuschen, je weniger Mißtrauen dieser in sich selbst setzte. Und daß der Sturmwind so gar arg nicht gewesen seyn könne, läßt sich auch schon daraus schließen, daß Herr W**l so wenig daraus machte, ihn in seiner Danksagung an Gott nur für ein kühles Lüftchen gelten ließ und, sobald er sich von der 121 Stille der äußern Luft überzeugt hatte, ruhig wieder zu Bette stieg, »ohne die Sache des geringsten Nachdenkens zu würdigen.«

Aber nun erfolgte etwas, das seinen Gedanken auf einmal eine andere Richtung gab. Wie er in seinen Alkoven zurückkehren wollte, schlug sein Hund, Mignon (der in einem Korbe neben ihm zu schlafen pflegte), an, da er doch, kurz zuvor, bei dem Geräusch (des Sturmwindes oder des aufsteigenden Doctors?) munter geworden war und sich, ohne einen Laut von sich zu geben, gescharrt hatte. Nichts scheint weniger außerordentlich, als daß der Hund, der bisher geschlafen, durch das Geräusch, das der Herr Doctor beim Aufstehen machte, halb aufgeweckt und seinen Herrn witternd, sich ohne anzuschlagen blos vollends aus dem Schlaf kratzte und erst, da der Herr zurückkam, zu bellen anfing, um ihm einen Beweis seiner Wachsamkeit zu geben. Aber der Herr Doctor (dessen Imagination so unthätig nicht gewesen seyn mochte, als er uns glauben machen will, und der sich plötzlich erinnert zu haben scheint, daß die Hunde, wenn sie ein Gespenst wittern, vor Furcht keinen Laut von sich geben sollen) »fand es sonderbar,« daß der Mignon, der sonst bei jedem Geräusch zu bellen pflegte, jetzt nicht den geringsten Laut von sich gab. »Du willst doch, dachte er zum Scherz, falls es ja möglich seyn sollte, daß etwa deine selige Gattin ein Späßchen mit dir machen wollte und könnte, laut fragen: »Wer da? Bist du's, Hannchen?« – Und so that er!

Blandine. Und was antwortete Hannchen ihrem scherzhaften Ehgemahl?

Wilibald. Leider keine Sylbe! Aber es war nicht anders, sagt Herr W**l, als ob etwas durch das Alkovenfensterchen nach dem Vorsaal hinaus an die Treppe kletterte, 122 ein kleines Geräusch, wie etwa eine Katze, machte, und klink, klirr! ging es silberhell in dem Alkovenfensterchen, als wenn Jemand mit dem Finger daran schnippte. »Sogleich (fährt er fort) sprang ich zum Bette heraus, warf den Schlafrock um, eröffnete die Saalthür und untersuchte den vom Mond erhellten Vorsaal, die Treppen und das ganze Haus, so weit es nicht verschlossen war; aber Alles vergebens. Auch keine Thür war offen; keine ging auf oder zu, ob ich gleich auf Alles genau gemerkt und jede Bewegung wahrgenommen haben würde.«

Ich muß gestehen, sagte Selmar, und hielt wieder inne, etwas verlegen, wie es schien, über das, was er gestehen wollte.

Blandine. Nicht wahr, daß Hannchen, wenn sie die Katze war, die durch das Fensterchen nach dem Vorsaal hinaus die Treppe hinan kletterte und das Fensterglas klirren machte, in der That für einen seligen Geist ein sehr sonderbares, um nicht zu sagen, albernes Späßchen mit ihrem gewesenen Manne trieb.

Wilibald. Auch wollen wir uns nicht so gröblich an ihr versündigen und einer so verständigen, guten und christlichen Frau, wie Herr W**l sie uns weitläufig abgeschildert hat, eine so unziemliche Spaßhaftigkeit zutrauen; wenn gleich ihr selbst so scherzlustiger Gemahl es nicht für unmöglich hielt, daß sie sich etwa ein Späßchen mit ihm machen wolle und, »weil er dieß denn doch nicht glauben konnte,« lieber annahm, daß hier etwas Unbegreifliches vorgegangen, als daß, wenn irgend ein unbekanntes Wesen bei nächtlicher Weile durch ein Alkovenfensterchen hinausschlüpft und eine Treppe hinankletternd ein Geräusch wie etwa eine Katze macht, dieses unbekannte Wesen eine wirkliche leibhafte Katze 123 gewesen sey. Wie die Katze in den Alkoven gekommen, was sie darin gesucht, warum sie sich durch das Fensterchen wieder zurückgezogen, und mit welchem Grade von forte oder piano dieß habe geschehen müssen, um an dem vermuthlich wackelnden Glase ein silberhelles Klirren hervorzubringen? ob man von Allem diesem das Wie und Warum angeben könne oder nicht, thut nichts zur Sache: genug, wir brauchen nur anzunehmen, daß eine wahre natürliche Katze den Spuk verursachte, so erklärt und begreift sich jeder Umstand von selbst; auch der, daß der Herr Doctor keine Thür auf- und zugehen hörte, und Alles, was nicht immer offen war, verschlossen fand. Denn, daß die Katzen, wenn sie nur erst eine Treppe gewonnen haben, keine Thüren auf- und zuzuschließen brauchen, um sich aus dem Staube zu machen, kann für einen so geübten Naturforscher nichts Befremdendes haben. Und dennoch hatte diese kleine Kette unerwarteter, obgleich (den Sturmwind ausgenommen) höchst unbedeutender Ereignisse das Gehirn des guten Mannes so stark angegriffen, daß ihm die Sache vor der Hand unbegreiflich war. Es ging ihm wie dem Demokritus, von welchem die Abderiten, seine Mitbürger, erzählten, er habe sich acht Tage lang den Kopf darüber zerbrochen, warum die Feigen, die ihm seine Köchin vorgesetzt, nach Honig röchen und schmeckten, bis ihm diese endlich aus Mitleiden entdeckte, die Feigen hätten einige Tage in einem Honigtopfe gelegen. Tiefsinnige Leute übersehen oft die wahre Ursache eines Dinges blos deßwegen, weil sie ihnen vor der Nase liegt. Die Einbildungskraft unsers Doctors war nun einmal aufgeregt; je mehr er über die Sache nachdachte, je weniger »vermochte er der wahren Ursache dieser frappanten Begebenheit auf die Spur zu kommen.« Daß vielleicht ein Blasebalg und eine Katze im Spiel 124 seyn könnte, fiel ihm so wenig ein, als dem edeln Ritter von Mancha, daß die Riesen, die ihm in der Ebne von Montiel aufstießen, nur Windmühlen seyn könnten. Kurz, allem seinem Unglauben zu Trotz richtete er – eine lange herzbrechende Anrede an die Verstorbene. »Solltest du es wirklich seyn, theures Hannchen, sagte er mit leiser Stimme, so gib mir deine Gegenwart auf eine untrügliche, gewisse, ganz unzweideutige Art zu erkennen. Bis jetzt muß ich noch der unglaubige Thomas bleiben u. s. w. Offenbare dich mir also, wenn es dir wirklich möglich und gefällig seyn sollte, auf eine unzweifelhaft zuverlässige Art, wo möglich auf eine handgreifliche; mit dieser jetzigen, wofern es eine seyn sollte, könnte ich mich unmöglich begnügen, wofern du nicht stärker, völlig untrüglich gewiß dich mir offenbartest oder erschienest.«

Blandine. Eine handgreifliche Offenbarung ist, dünkt mich, eine seltsame Zumuthung von einem Philosophen an einen Geist. Eine tüchtige Ohrfeige von Hannchens Hand würde ihm also für einen vollständigen Beweis der Unsterblichkeit der Seele gegolten haben?

Wilibald. Und so wäre es ja ein wahres Unglück für ihn gewesen, daß dein postulirter Spaßvogel in diesem Augenblick nicht bei der Hand war und Gewandtheit genug besaß, dem Herrn Doctor bei dieser Apostrophe an das sel. Hannchen in den Rücken zu kommen?

Blandine. Ich bin sehr begierig zu hören, wie die gute Dame sich bei dieser Beschwörung benahm, worin ihr Thomas so viel Glauben und Unglauben zugleich zeigte.

Wilibald. »Auch auf diese Aufforderung (sagt der naive Mann) blieb Alles so still wie vorher.«

Blandine. Dacht' ich's doch! Die Bedingungen, worauf er so eigensinnig besteht, sind für eine so kürzlich verstorbene 125 Frau auch gar zu hart. Um ihnen genug thun zu können, hätte es in ihrer Macht stehen müssen, ihren schon vierzehn Tage begrabenen Leichnam wieder zu beleben.

Wilibald. – und, um ihren Mann recht handgreiflich von ihrer Gegenwart gewiß zu machen, hätte sie sich wohl gar entschließen müssen, wie die berüchtigte Braut zu Korinth, mit ihm zu Bette zu gehen. Das wäre wenigstens freundlicher gewesen, als die Ohrfeige, wodurch du an ihrem Platz, wie es scheint, ihm dein Daseyn manifestirt hättest. Aber, ernsthaft von einer so ernsthaft possirlichen Sache zu reden, ich finde deine Bemerkung über das seltsame Schwanken des Doctors zwischen seinem Glauben und Unglauben an Hannchens Gegenwart sehr richtig. Könnte wohl etwas Lächerlicheres seyn als diese pathetische, wiewohl mit leiser Stimme (als schämte er sich vor sich selbst und ihr) vorgebrachte Aufforderung, wofern er nicht voraussetzte, daß sie ihn hören könne?

Selmar. Ihr verfahrt auch gar zu hart mit dem ehrlichen Doctor, der euch schon durch die blose so naiv treuherzige und arglose Art, wie er sich selbst und sein Hannchen der Welt preisgibt, zu einer mildern Behandlung bewegen sollte. Bedenke wenigstens, lieber Wilibald, daß es dem Doctor hier um ein Experiment zu thun ist, wobei es auf nichts Geringeres ankommt, als mit Gewißheit auszumachen, ob ihm seine verstorbene Frau wirkliche Beweise von ihrer fortdauernden Persönlichkeit in einem neuen geistigen Leben bereits gegeben habe oder noch geben werde. Da ist denn doch, däucht mich, unläugbar, daß er bei diesem Experiment mit der größten Aufmerksamkeit und Geistesgegenwart und mit der behutsamsten Vorsicht zu Werke gegangen. Denn noch in derselben Nacht, wo ihm alle diese ungewöhnlichen Dinge 126 begegnet waren, schrieb er alles Vorgefallene mit Kreide auf den Tisch, um sich früh Morgens desto fester davon überzeugen zu können, daß es keine Täuschung seiner Phantasie gewesen. Sein Eifer, hinter die wahre Ursache jener ihm unerklärbaren Ereignisse zu kommen, war so groß, daß er ebenfalls noch in der nämlichen Nacht einen Versuch mit dem Alkovenfensterchen machte, ob er auf irgend eine Art einen ähnlichen hellen Klang hervorbringen könnte: es wollte ihm aber eben so wenig gelingen, als ihn die Erklärungen befriedigten, die er sich selbst zu geben vermochte. Auch Blandinens Katze, ja sogar der Gedanke, daß irgend ein Spaßvogel im Spiel seyn könnte, fiel ihm endlich ein: aber, da er nicht einsah, wie die Katze zum Alkoven herein oder heraus hätte kommen können, ohne von dem Hunde angebellt oder von ihm selbst gesehen zu werden: so gibt er diese Hypothese wieder auf; zumal, da der wunderbare Sturmwind, der ihm beinahe die Bettdecke nahm und ihm von der Wandseite eiskalt an den Rücken blies, durch die Katze nicht zu erklären war. Daß aber irgend ein Schalk ihn etwa zum Besten haben wolle, findet er darum nicht denkbar, »theils weil kein Mensch im Hause etwas von der Sache wußte, theils weil er in seinem Schlafcabinet jede Katze, also noch mehr jeden Menschen draußen auf der Treppe hätte schleichen hören.« Da er sich also diese Dinge schlechterdings nicht aus natürlichen Ursachen zu erklären wußte, was Wunder, wenn der Gedanke, daß seine Verstorbene vielleicht daran Theil habe, sich ihm wider seinen Willen aufdrang? Nun konnte und wollte er zwar diesem Gedanken ohne die vollständigste Ueberzeugung kein Gehör geben: da er aber gleichwohl für die Unmöglichkeit einer solchen Erscheinung keinen entschiedenen Grund zu haben glaubte, was hätte ihn abhalten sollen, bei dieser Gelegenheit 127 einen Versuch zu machen, wobei, wie er auch ausfallen möchte, in keinem Fall nichts zu wagen war?

Wilibald. Wenn ich mich nicht schämte, daß verständige Leute, wie wir zu seyn glauben, sich länger bei solchen Armseligkeiten aufhalten sollten, so hätte ich noch Manches gegen die Abneigung unsers Philosophen, sich die Abenteuer dieser Nacht aus natürlichen Ursachen zu erklären, einzuwenden. So beweisen z. B. alle vergebliche Versuche, die er angestellt, um noch einmal einen so hellklingenden Ton aus dem Alkovenfensterchen hervorzulocken, nichts gegen meine Behauptung, daß es natürlich damit habe zugehen können. Aehnliche Fälle, wo eine bekannte oder unbekannte Ursache zufälliger Weise eine Wirkung hervorbringt, die mit aller angewandten Mühe und Kunst nicht wieder zu bewirken ist, kommen so häufig im gemeinen Leben vor, daß es lächerlich wäre, mehr davon zu sagen. Eben so ist es ja nicht unmöglich, daß etwa eine Dienstmagd oder auch eine andere Person im Hause ein eben so leises Gehör gehabt haben könnte, als der Herr Doctor, und unbemerkt gehorcht hätte, wenn er sich etwa mit seiner Mutter und Nichte über den nächtlichen Spuk am 31. Juli und 1. August besprochen; so daß Herr W**l leicht zu rasch urtheilen könnte, da er die Dazwischenkunft irgend eines leichtfertigen Spaßvogels für etwas Undenkbares hält. Aber, wenn wir auch so gefällig seyn wollten, als er nur immer verlangen kann, was wäre damit gewonnen, als daß wir am Ende annehmen müßten, das sel. Hannchen sey selbst der Spaßvogel gewesen und habe sich wirklich eine kleine, zwar unschuldige, aber etwas kindische Kurzweile mit ihrem ehemaligen Eheconsorten gemacht; sie sey es gewesen, die den übernatürlichen Windstoß in seiner Stube und Schlafkammer erregt und ihm, wie er sich im Bette von der Wand wegkehrte, 128 eiskalt in den – Rücken geblasen habe; sie sey durch das Alkovenfensterchen wie eine Katze die Treppe hinaufgeklettert, und sie habe das silberhelle Klirren des Fensterglases hervorgebracht. Ich gestehe, daß ich an Herrn W**ls Platz lieber Katzen und Ratten, Nachtvögel, Spaßvögel und Blasebälge zur Erklärung jener kleinen Ereignisse zu Hülfe rufen, als den Verdacht einer so läppischen, einem Geist aus der bessern Welt so unanständigen Spielerei auf meine gewesene Gattin bringen wollte. Wenn etwa ihre Meinung gewesen wäre, ihn auf eine künftige sichtbare Erscheinung allmählich vorzubereiten, sollte sie – die (nach ihres Gatten Versicherung) als Weise und Christin so exemplarisch gelebt und geduldet hatte und so erbaulich gestorben war, – sollte sie keine edlere, ihres Charakters und neuen Standes würdigere Mittel dazu haben erfinden können? Würde sie wohl die treuherzige Frage, bist du es, Hannchen? mit einem Eulenspiegelstückchen beantwortet haben? Oder würde sie ihm nicht auf seine so ernstliche und dringende Beschwörung, wo nicht eine befriedigende Antwort, doch wenigstens ein christliches Zeichen gegeben haben?

Selmar. Ich bitte nicht zu vergessen, daß Herr Dr. W. nicht behauptet, daß seine verstorbene Frau die Urheberin der sonderbaren Dinge gewesen sey, die ihm in jenen drei Nächten aufstießen. Er findet diese Dinge blos unerklärbar, und, wenn er für möglich anzunehmen scheint, daß die Verstorbene dabei geschäftig gewesen, so sollten wir vielmehr seine Einbildungskraft, die es ihm vorspiegelt, als seinen Verstand, der ihr widerspricht, deßwegen in Anspruch nehmen. Kurz, er erzählt uns die Facta, wie er sie aufs genaueste beobachtet zu haben sich bewußt ist, und gesteht nur, daß sie ihm unbegreiflich sind. 129

Wilibald. Sehr natürlich! Da er für einen ungewöhnlich starken Geist gelten möchte, der durch nichts aus seiner Fassung zu bringen ist und sich nur auf handgreifliche Beweise ergibt: so scheint er wohl selbst gefühlt zu haben, wie übel es sich schicken würde, wenn es das Ansehen hätte, als ob er sich durch so zweideutige Anscheinungen von seinem Unglauben bekehren ließe. Aber gibt er denn nicht durch die feierliche Anrede an sein Hannchen – selbst indem er sie versichert, noch immer der alte Thomas zu seyn – unleugbar zu erkennen, daß er an ihre Gegenwart glaubt und es nicht für unmöglich hält, daß die Neckereien jener Nächte von ihr herrühren könnten?

Selmar. In der That scheint dieß, wenigstens in der Nacht zwischen dem 2. und 3. August der Fall gewesen zu seyn. Aber schon am folgenden Nachmittag hatte er diese kleine Anwandlung von menschlicher Schwachheit so völlig wieder überwunden, daß er seinen vertrauten Freund, den Advocaten K., aufs positivste versicherte, er könne das Vorgegangene unmöglich für untrügliche Kennzeichen der Anwesenheit seiner Gemahlin halten: nur unzweideutigere, untrüglichere, ganz sichere könnten ihn davon überzeugen; sie müßte ihm NB. in eigner Person erscheinen und mit ihm reden.

Wilibald. Gleichwohl ist aus dem unmittelbar Folgenden klar, daß er selbst in diesem Augenblicke nicht recht wußte, was er wollte. Er versichert den Advocaten K. (dessen kindische Gespensterfurcht mit der prahlerischen Herzhaftigkeit unsers Philosophen sehr komisch contrastirt), »daß er zwar wie bisher so auch künftig, in allen Fällen vorsichtig und behutsam, aber auch unerschrocken, muthig und entschlossen seyn werde und daher diesen Abend in derselben Kammer und in 130 demselben Bette, worin seine Frau gestorben, ganz ruhig zu schlafen gedenke, indem er versichert sey, daß ihr Geist die Erde verlassen habe, um dieselbe niemals wieder zu begrüßen. Indessen sollte ihm doch ihre Erscheinung das größte Vergnügen machen, weil dadurch sein Wunsch erfüllt würde, sich auch als Philosoph auf immer von der persönlichen Fortdauer unsers Geistes nach dem Tode völlig zu überzeugen. Zu fürchten sey da ohnehin nichts, weil sie ihm, selbst bei einer handgreiflichen Erscheinung, gewiß nichts zu Leide thun würde, es auch nicht vermöchte, daß sie (wie er glaubte) ihm in keiner andern als in Gestalt eines körperlosen Schattens und blos luftigen Wesens erscheinen könnteDieß glaubt er und besteht darauf, daß sie ihm handgreiflich erscheinen müsse, wenn er sich von ihrer Unsterblichkeit als Philosoph überzeugen solle! Welch ein Kopf! W.. »Doch ich werde (setzt er sogleich hinzu) nichts von dem Allen sehen, empfinden, erfahren, sondern vortrefflich schlafen und blos im Traume mich sehr angenehm mit der Verblichenen kindlich unterhalten, nur im Traume sie erblicken und vielleicht gar umarmen; nur auf diese Art wird sie mir erscheinen; sonst glaube ich an keine andere Wiedererscheinung, auf die ich gewiß ewig vergeblich warten müßte.« Die Erfahrung rechtfertigte seine Voraussehung: er schlief in Hannchens Sterbebette so gut, wie er seit langer Zeit nicht geschlafen hatte; auch erschien sie ihm im Traume (was sie seit ihrem Tode fast alle Nächte gethan hatte) und offenbarte ihm (wie er sich ausdrückt) durch freundschaftlichen Umgang ihre liebevolle Gesinnung gegen ihn. Eben dasselbe widerfuhr ihm auch in der folgenden Nacht; er schlief, blos im lieblichen Traume mit der »Verstorbenen auf die angenehmste Art beschäftigt,« ungestört bis gegen fünf Uhr. Sollte man nun nicht meinen, Herr W**l, so überzeugt, als er ist, daß seine Frau ihm auf keine andere Art als im Traume erscheinen könne und bei seiner mehrmaligen Entschließung, ruhig abzuwarten, 131 bis sich etwa eine natürliche Auflösung des Unbegreiflichen in seinem Abenteuer ergeben möchte, sollte man, sage ich, nicht meinen, er werde sich nun mit der außerordentlichen Geistesstärke, auf die er sich so viel zu Gute thut, diese Dinge aus dem Sinne schlagen, sich den Kopf nicht vergebens »auf seinem Sopha mit ernsthaftem Nachdenken darüber« zerbrechen und sich dadurch recht geflissentlich in dem ewigen Schwanken zwischen einem Glauben und einem Unglauben, die einander immer wechselweise ein dementi geben, zu erhalten suchen? Aber theils sein eigner Hang zum Grübeln, theils der leidige Freund, sein tägliches Brod (wie er ihn nennt), der alle Nachmittage kommt, sich zu erkundigen, was in der letzten Nacht vorgegangen, und ihm mit seinem unermüdlichen Deraisonniren den Kopf zu verwüsten, lassen ihn zu keiner Ruhe kommen. Was Wunder, daß, »nachdem er drei Nächte hinter einander in Hannchens Bette vortrefflich geschlafen, ohne (außer den blosen Traumbildern von der angenehmsten Art) durch irgend etwas gestört worden zu seyn,« es endlich mit ihm zu neuen Erscheinungen kommt, gegen welche die vorhergehenden bloses Kinderspiel sind?

Blandine. Wirklich? Du erregst meine ganze Neugier, Bruder. Ich gestehe meine Schwachheit; nächst einem artigen Feenmährchen höre ich nichts lieber als eine hübsche Gespenstergeschichte, zumal wenn sie mir die Haare ein wenig zu Berge stehen macht.

Wilibald. So gut wird es dir hier schwerlich werden, liebe Blandine. Indessen behandelt doch Herr W**l die Sache ernsthaft genug, um uns zu reizen, ein wenig genauer nachzusehen, was an der Sache gewesen seyn könnte. Nachdem der Herr Doctor (wie gesagt) in drei Nächten nichts 132 Außerordentliches erfahren noch bemerkt hatte, apostrophirt er seine Verstorbene abermals in einer Anrede, welche drei Seiten seines Buchs einnimmt und in ihrer Art einzig ist. Man sieht daraus (das gute Hannchen wenigstens müßte gar zu treuherzig gewesen seyn, wenn sie sich durch seine glatten Reden hätte verleiten lassen, es nicht zu merken), daß es ihm nicht ganz recht war, kein neues, untrügliches und handgreifliches Zeichen ihrer Gegenwart erhalten zu haben. Er versichert sie zwar, als ein Mann, der Lebensart hat und einer Dame gehörig zu begegnen weiß, daß er an dem fortdauernden Leben ihres Geistes nicht zweifeln wolle, da sie selbst auf ihrem Sterbebette so fest davon überzeugt gewesen sey; zeigt ihr aber dennoch einen Augenblick darauf, daß er allerdings, zwar nicht als gefälliger Ehemann, nicht als Mensch, noch als Christ, aber, leider! »als Philosoph bisweilen noch manche Zweifel dagegen unwillkürlich bemerke u. s. w.« Gleichwohl »wolle er sich mit dem erlebten (zu seiner Ueberzeugung freilich nicht zureichenden) Facto, wenn es anders von ihr herrühren sollte, lieber begnügen, als ihren Geist durch Bitten und Wünsche beunruhigen, ihm leibhaft und sinnlich wahrnehmbar zu erscheinen. Er glaube nun auch die Unmöglichkeit der Gewährung eines solchen Wunsches um so gewisser einzusehen, da er sich versichert halte, sie würde, wenn es in ihrer Macht stände, solchen aus Liebe zu ihm auch noch in der Ewigkeit erfüllen und ihm dadurch den letzten Beweis ihrer unaussprechlichen Ergebenheit geben; zumal da er nun bereits drei Nächte in ihrem Sterbebette gelegen, ohne das Geringste außer ihrer Erscheinung in seinen Träumen bemerkt zu haben.« – In dieser Gemüthsverfassung nahm er dann gleichsam auf immer Abschied von ihr mit der wiederholten Versicherung, sie auch nicht durch den leisesten 133 Wunsch wieder in ihrer Seligkeit zu stören. »Jeder Gedanke daran« (so beschloß er seine lange und zärtliche Apostrophe an die sanfte, gute, theure Seele) »soll von jetzt an aus meiner Seele ganz und mit männlichem Nachdruck auf immer verbannt seyn!« Um diesem löblichen Vorsatz desto getreuer bleiben zu können, beschloß er weislich, diese Nacht wieder in seinem eigenen Bette vorn im Alkoven zu schlafen und alle mögliche Vorsicht zu gebrauchen, daß Niemand etwas von dieser Veränderung seiner Schlafstätte merken, und nicht etwa irgend ein listiger Spaßvogel ihm einen unerwarteten Streich spielen könne.

Blandine. Er scheint also doch selbst auf den Gedanken der Möglichkeit einer solchen leichtfertigen Spukerei gefallen zu seyn?

Wilibald. Auch schmeichelte er sich, seine Maßregeln so gut genommen zu haben, daß er von dieser Seite ganz sicher seyn könne. Er schlich sich gegen Mitternacht nach seiner gewöhnlichen Schlafstätte und »war nun bis gegen ein Uhr ganz Ohr, ohne das geringste Geräusch, Schleichen und dergleichen bemerken zu können.«

Blandine. Begreift ihr etwas von diesem seltsamen Benehmen des Mannes? Warum und zu welchem Ende diese Vorsichtsmaßregeln, dieses stundenlange Lauschen. wenn er nicht die mindeste nähere Aufforderung erhalten? Drei Nächte hatte er ruhig und ungestört in seines Hannchens Sterbebette geschlafen; er durfte also hoffen, daß es auch in den folgenden so seyn würde; warum denn verändert er seine Schlafstätte? Und da er der Verewigten so feierlich versprochen hatte, jeden Gedanken an irgend eine sinnliche Offenbarung ihres Daseyns ganz und gar zu verbannen: wozu braucht er denn eine Glockenstunde lang ganz Ohr zu seyn und zu lauschen, wo nicht das Geringste zu erlauschen war? 134

Wilibald. Du siehst, Blandine, daß der gute Doctor, trotz seinem männlich nachdrücklichen Entschluß und Versprechen, sich das Experiment, das er so gern hätte anstellen mögen, nicht aus dem Kopfe schaffen konnte. Oder war es vielleicht eine geheime Ahnung dessen, was ihm nun bald begegnen sollte? Denn bald nach ein Uhr, als der gute Mann, »des vergeblichen Lauschens überdrüssig und (wie natürlich) verlassen vom wohlthätigen Schlaf, sich NB. ohne dabei unaufmerksam auf irgend etwas vor seinem Saale zu seyn, seinen gelehrten Meditationen überließ: siehe! da kam es ihm, als er gerade eine höchst interessante Idee gefaßt hatte, vor, als öffnete sich ganz leise sein Alkovenfensterchen, welches er (wohl zu merken!) vorher fest zugeschoben hatte.« Sogleich war er leise auf den Füßen, horchte, schlich sich hinaus und öffnete pfeilschnell die Saalthür, ohne vorher und auch jetzt das Geringste gewahr zu werden. Zwar das Fensterchen (sagt er) war wirklich geöffnet, im Hause aber Alles ruhig bis Morgens um fünf Uhr, wo er auf jede Bewegung der Thüren Acht gab, die alle knarrten. »Wenn also auch,« setzt der scharfsinnige Mann hinzu, »irgend ein schlauer Fuchs herumgeschlichen wäre (der aber in diesem Hause gar nicht anzutreffen war), so hätte ich denselben gewiß auf den knarrenden Treppenstufen bemerken müssen und können.«

Blandine. Da wird also der Verdacht wohl wieder auf dem seligen Hannchen sitzen bleiben?

Wilibald. Keinesweges! Wenigstens war unser Mann von einem solchen Argwohn weit entfernt. Ich schob, sagt er, mein Fensterchen wieder fest zu, verwahrte es bestens und dachte: es rührt gewiß vom Winde her, ohne daß du denselben bemerkt hast, noch jetzt gewahr werden kannst. 135

Blandine. Hat man wohl jemals erhört, daß ein Wind, der nicht ging, ein fest zugeschobenes Fenster aufgeschoben hätte? Was sagen Sie dazu, Selmar?

Selmar. Ich muß gestehen, mir kommt es unmöglich vor, daß sogar ein heftiger Wind das fest zugeschobene Alkovenfensterchen hätte aufschieben können.

Blandine. Also Hannchens Geist?

Selmar. Das begreif' ich eben so wenig als der Doctor – aber –

Wilibald. So werden wir das Wunder entweder unerklärt lassen oder unsre Zuflucht, wo nicht zu einem herumschleichenden schlauen Fuchs, doch zu einem gewandten und behenden Spaßvogel nehmen müssen, der die Gelegenheiten zu Ausführung eines Spuks in einem baufälligen alten Hause (worin alle Thüren und Treppen knarren) besser kannte als unser Doctor. Wenigstens wundert's mich, wie der letztere, der sich selbst weiß machen konnte, ein ihm unbemerkbarer Wind sey vermögend gewesen, das Fensterchen aufzuschieben, für etwas Unmögliches hält, daß ein von ihm nicht bemerkter Spaßvogel der Thäter gewesen seyn könnte? Wer mit dem angestrengtesten Lauschen und Horchen einen so starken Wind überhören kann, sollte der nicht eben so leicht einen leisen Schleicher auf einer knarrenden Treppe überhören können!

Blandine. Man sollt' es meinen.

Wilibald. Wenn es die Verstorbene war, die das Fensterchen aufschob, so ist (wie Selmar selbst gesteht) schlechterdings nicht abzusehen, was sie damit wollte? Hatte er sich nicht deutlich genug erklärt, daß ihn nur eine unzweideutige, untrügliche, völlig überzeugende Offenbarung ihrer Gegenwart befriedigen könne? Und was noch mehr ist, hatte 136 er nicht auf alle Ansprüche an dergleichen Erscheinungen förmlich Verzicht gethan? Wenn sie sich ihm also gleichwohl wie mit Gewalt aufdringen wollte, warum wählte sie ein so zweckwidriges Mittel?

Blandine. Es müßte nur seyn, weil sie sich vielleicht durch diesen neuen Versuch, der schon etwas mehr Kraft als die vorhergehenden erforderte, zu einer künftigen handgreiflichen Erscheinung vorbereiten wollte. Ich stelle mir vor, daß es den Verstorbenen mit den neuen ätherischen Leibern, die sich ihnen anbilden sollen, wie den neugebornen Kindern geht, und daß es Zeit und mancherlei Versuche und Uebungen braucht, bis sie sich desselben nach Willkür zu bedienen wissen.

Selmar. Das läßt sich hören, und mich wundert, wie Herr W. nicht durch seine eigne Theorie von dem subtilen Organ, das die Seele im Tode aus dem groben irdischen Körper herauszieht und in ihr neues Leben mit sich nimmt, auf diese oder eine ähnliche Vermuthung geleitet wurde.

Wilibald. Die Theorie, die du im Sinne hast, und die er uns im Verfolg mit seiner gewohnten Redseligkeit vorträgt, scheint damals nur noch als ein ungebildeter Embryo in seinem Kopfe gelegen zu haben; sonst würde er doch wohl das leise Aufschieben des Fensterchens eher seinem Hannchen, als einem Winde, den er nicht gewahr werden konnte, zugeschrieben haben. Wie dem aber auch seyn möchte, genug, er setzte sich vor, den fatalen Vorfall möglichst zu vergessen, verschwieg ihn sogar seinem Freunde K. absichtlich und »marquirte auch an diesem Abend den Umstand, daß er sein Nachtlager abermals vorn (im Alkoven) nahm, auf die ausgesuchteste Art,« ungeachtet er sich aufs vollkommenste von der Unmöglichkeit überzeugt hielt, daß ihm von irgend 137 Jemand in oder außer dem Hause ein muthwilliger Streich gespielt werden könne.

Blandine. Wozu also eine so außerordentliche Vorsicht?

Wilibald. Vermuthlich glaubte er, man könne in einem solchen Falle des Guten nicht zu viel thun, und wollte sich wenigstens gegen jeden möglichen Vorwurf, daß er es an mißtrauischer Vorsicht und Wachsamkeit habe fehlen lassen, auf alle Weise sicher stellen. Aber Alles vergeblich! In der nächstfolgenden Nacht, als er sich nach zwölf Uhr eben niederlegen wollte, »öffnete sich das Fensterchen abermals ganz deutlich, ohne daß draußen das Geringste zu bemerken war.«

Blandine. Das war doch wirklich zu arg!

Wilibald. Und was würdest du nun an seinem Platze gethan haben, Schwester?

Blandine. Vorausgesetzt, daß ich mit der kaltblütigen Unerschrockenheit und Besonnenheit des Herrn Doctors begabt wäre, würde ich dem Spuk, ohne mich zu rühren, ganz gelassen zugesehen und ruhig abgewartet haben –

Wilibald. Man sollte denken, das wäre, was jeder gesetzte Mann an seiner Stelle gethan hätte. Aber unglücklicher Weise besitzt Herr Dr. W**l zu aller der Vorsicht und Wachsamkeit, kühnen Entschlossenheit und unerschütterlichen Herzhaftigkeit, die er uns in seinem Buch nicht oft und stark genug anpreisen kann, auch ein heftiges Temperament, das unter gewissen Umständen, seinem eigenen Geständnisse nach, wie ein Bergstrom unaufhaltsam losbricht. Es ist zu beklagen, daß dieses ungestüme Temperament gerade in diesem Augenblick losbrach, wo ruhige Aufmerksamkeit dem Beobachter so nothwendig gewesen wäre. Anstatt den weitern Erfolg in unbeweglicher Stille abzuwarten, »rief er Halt! und dieß so laut, daß sein Mignon es hinten hörte und 138 anschlug.« – Ich war (sind seine eignen Worte) mit gespannter Aufmerksamkeit sogleich mit Allem versehen (womit, sagt er nicht, vermuthlich mit einem tüchtigen Prügel, den er auf alle Fälle bei der Hand hatte) und zur Saalthür hinaus, untersuchte Alles vergeblich, ließ den Hund heraus – und fand nichts.

Selmar. Aus diesem Benehmen ist, däucht mich, klar, daß Herr W**l, trotz seiner Ueberzeugung von der Unmöglichkeit, daß ihm von irgend einem schlauen Fuchs ein loser Streich gespielt werden könne, einen geheimen Argwohn hegte, das Fensterchen könnte doch wohl von einem mit Fleisch und Bein bekleideten Gespenste geöffnet worden seyn.

Wilibald. Aber auch in diesem Falle würde er besser gethan haben, anstatt so laut aufzuschreien, daß der Hund davon erwachte und zu bellen anfing, lieber den Athem an sich zu halten und zu lauschen, ob er irgend eine Bewegung hören könne, oder was etwa die Folgen des aufgeschobenen Fensterchen seyn möchten. Jetzt war es Zeit zum Lauschen, und da hätte ihm seine gespannte Aufmerksamkeit gute Dienste thun können. Denn, wenn der Spuk von einer Person herrührte, die den Herrn Doctor zum Besten haben wollte, so war vorauszusetzen, diese werde ihre Maßregeln so genommen haben, daß sie nur wenige Augenblicke nöthig hätte, um sich den Nachforschungen des geäfften Doctors zu entziehen. Während der letztere Halt rief, aus dem Bette sprang, in seinen Schlafrock schlüpfte, sich mit allem Nöthigen versah und die Saalthür öffnete, mußte doch mancher Augenblick vergehen. Die gespannte Aufmerksamkeit kam nun zu spät, nachdem er durch den Lärm, den er machte, den behutsamen und behenden Schleicher zu einem schleunigen Rückzug genöthigt hatte. 139

Blandine. Es ist wirklich zu bedauern, daß Herr W**l uns keinen Grundriß oder wenigstens keine genaue und vollständige Beschreibung von allen Theilen seines Wohnhauses und von dessen Umgebungen mitgetheilt hat, damit wir uns besser überzeugen könnten, ob die ihm begegneten außerordentlichen Dinge durch einen ihm gespielten künstlichen Betrug zu erklären seyen oder nicht. Denn seine Versicherung, daß er nichts dergleichen habe gewahr werden können, und sein fester Glaube an die Ehrlichkeit und den guten Willen der übrigen Hausbewohner reichen nicht zu, einem unglaubigen Thomas alle Zweifel zu benehmen. – Aber was that er nun, nachdem seine Bemühung, dem Wunder auf den Grund zu kommen, abermals vergeblich gewesen war?

Wilibald. »Verdrießlich (sagt er) ging ich zur Ruhe, mit dem festen Vorsatz, nun vollends an nichts mehr zu denken, auf nichts mehr draußen zu merken und in meinem Alkoven übrigens Alles ruhig abzuwarten, wenn ja irgend einmal etwas sich ereignen sollte, welches doch unmöglich von außen herrühren konnte, wenigstens von keinem Menschen.«

Blandine. Diesen festen Vorsatz, an nichts mehr zu denken und auf nichts mehr zu merken, hat er schon mehr als einmal gefaßt und immer schlecht gehalten. Mir ist unbegreiflich, wie ein so besonnener Mann nicht wenigstens nach diesem neuesten Ereigniß auf einen Einfall kam, der ihn wahrscheinlich gegen alle künftige Beeinträchtigungen dieser Art gesichert hatte. Die Quelle alles Uebels war am Ende doch das Alkovenfensterchen. Er hatte es zwar allemal wieder zugeschoben, so oft es von der unsichtbaren Hand aufgeschoben worden war: aber was hatte das geholfen? An seiner Stelle würde ich den Schieber mit drei oder vier tüchtigen Bretnägeln zugenagelt haben. Ich wette, was man 140 will, das Fensterchen würde nicht wieder aufgeschoben worden seyn.

Wilibald. Sehr wahrscheinlich; es sey nun, daß ein loser Schelm oder das wohlselige Hannchen dabei im Spiele war. Wenigstens zeigte sich's, daß auch die letztere, da sie ihm, in der zweiten Nacht auf diese, sichtbar erschien, nicht anders als durch das aufgeschobene Fensterchen herein kommen konnte.

Blandine. Sie machte also doch endlich Ernst aus der Sache? Das freut mich. Ich bin sehr begierig zu hören, wie die liebe Dame sich dabei benahm, sie, die ihm bisher schon in Traumbildern von der angenehmsten Art ihre unaussprechliche Ergebenheit so oft bewiesen hatte.

Wilibald. Vermuthlich brauchte sie zu einer sichtbaren Erscheinung etwas mehr Anstalten. Sie ließ ihn also in der nächstfolgenden Nacht ungestört, sogar ohne alle Träume, bis an den hellen Tag schlafen. Unser Mann war darüber so vergnügt, »daß er, um sich auf alle Art zu zerstreuen, sich von seinem Freunde K. in Gesellschaft führen ließ.« Das Mittel schlug an. »Heiter, vergnügt und zerstreut (sind die eigenen Worte des Herrn Doctors), Sorgen und Kummer vergessen, aber nicht im Geringsten von hitzigen Getränken (die ich nie liebte) berauscht, sondern seelenvergnügt und bei vollem Verstande kehrte ich Abends nach Hause und sang mir zum Zeitvertreibe Hölty's Aufruf zur Freude: Rosen auf den Weg gestreut und des Harms vergessen u. s. w. Nach einem Stündchen begab ich mich gegen halb ein Uhr zur Ruhe, ohne an die Vergangenheit zu denken, und mich um irgend etwas zu bekümmern.«

Blandine. Hannchen war also damals, kaum vier Wochen nach ihrem Tode, schon rein aus seiner Erinnerung 141 weggewischt. Das konnte ihr freilich nicht sehr angenehm seyn. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie ihn deßwegen ein wenig bei den Ohren gezupft hätte.

Wilibald. So rachsüchtig war die gute anspruchlose Seele nicht. Höre also, was geschah, und erröthe über deine Vorschnelligkeit! Der sorgenfreie Doctor hatte ungefähr ein halbes Stündchen abermals gelauscht und vergeblich einzuschlafen gestrebt –

Blandine. Gelauscht? Wozu gelauscht, da er sich um nichts bekümmerte und nicht an die Vergangenheit, also auch nicht an das schon zweimal wunderbarer Weise geöffnete Alkovenfensterchen dachte, noch an irgend einen im Hause herumschleichenden Fuchs, der es etwa aus Neckerei aufgemacht haben könnte? Was war also hier zu lauschen?

Wilibald. Wer wird auch einem Philosophen wie Herrn W**l so streng auf jedes Wort lauern und bei Allem immer nach dem Warum fragen? Genug, da er nicht einschlafen konnte, weil er einzuschlafen strebte und sich also in einer mit dem Einschlafen unverträglichen Thätigkeit erhielt, so lauschte er vermuthlich zum Zeitvertreib; und, siehe da, »bei völliger Stille der schweigenden Nacht öffnete sich auf einmal sein Fensterchen deutlichMit diesem deutlich will er vermuthlich sagen, er habe deutlich gehört, wie es aufgeschoben worden. W., ein schwacher Strahl erhellte seinen Alkoven etwas, und mit gespannter Aufmerksamkeit und ruhiger Entschlossenheit erblickte er wirklich eine weißliche Figur in Lebensgröße seiner verewigten Gattin, die mit sanfter, aber ihm vernehmbarer Stimme sagte. Karl, ich bin unsterblich! Erst einst sehen wir uns wieder!«

Blandine. Bald glaube ich, Herr W**l hat wieder eine Ahnung gehabt. Hätte er sein Fensterchen vernagelt, so wäre ihm diese tröstliche Erscheinung nicht geworden. 142

Wilibald. In Vergleichung mit den vorigen Aeußerungen der Gegenwart seiner Verstorbenen konnte diese allerdings für sehr bedeutend gelten. Aber unser Mann, dem vielleicht (wiewohl er sich nichts davon merken läßt) eine Zauberlaterne eingefallen seyn mochte, begnügte sich nicht am bloßen Sehen; er wollte durch handgreifliche Betastung von der Wirklichkeit dieser Gestalt seiner Gattin überzeugt seyn und »sprang pfeilschnell auf sie zu: aber noch schneller verschwand sie wie leichter Nebel, als er sie eben umfassen wollte.«

Blandine. Das hätt' ich ihm vorher sagen können.

Selmar. Gleichwohl begreife ich nicht, wie der Schäker, welchen Herr W**l selbst im Verdacht gehabt zu haben scheint, Zeit und Gelegenheit hätte finden können, seine Zauberlaterne ins Spiel zu setzen.

Wilibald. Ich muß gestehen, der rasche Mann ließ ihm wenig Zeit dazu. Sein heftiges Temperament brach schon wieder wie ein Bergstrom los. Ein kaltblütiger besonnener Mann, dem es darum zu thun gewesen wäre, bei dieser Gelegenheit ein Experiment anzustellen, würde ganz ruhig das Weitere abgewartet, die Gestalt scharf betrachtet und, da sie sprechen konnte, einige Fragen an sie gethan haben, um zu erfahren, ob sie auch hören könne. Er würde, anstatt Lärm zu machen, Augen und Ohren auf ihre leisesten Bewegungen gespitzt und besonders auch die Art ihres Verschwindens genau beobachtet haben. Von Allem diesem thut unser Philosoph nichts. Wie ein Satyr über eine zitternde Nymphe, fallt er über die weißliche Figur her, um handgreiflich zu erkundigen, was er vorher schon wissen konnte, und ergreift – nichts. Denn das konnte er doch mit der größten Gewißheit voraussetzen, daß die lebensgroße Gestalt einer 143 so ansehnlichen und robusten Frau, wir er uns die seinige durch den Advocaten K. beschreiben ließ, wenn sie durch das kleine Fensterchen hereingeschlüpft kam, weder Fleisch und Bein haben, noch aus irgend einem andern tastbaren Stoffe bestehen konnte. Dieses pfeilschnelle Losspringen auf die Gestalt war also in jeder Hinsicht zweckwidrig und unverständig, auch überdieß seinem so festen Vorsatz, sich, wenn ihm wieder etwas Sonderbares begegnen sollte, ganz ruhig zu verhalten, schnurstracks entgegen. Uebrigens ist aus seinem weitern Benehmen offenbar, daß, sobald er durch das plötzliche Verschwinden der Gestalt wieder zu einiger Besonnenheit kam, sein erster Gedanke war, der Spuk könnte doch wohl von irgend einem Geiste mit Fleisch und Bein herrühren. Um sich hievon zu überzeugen und den leichtfertigen Kobold, wo möglich, auf der That zu ertappen, »war er sogleich mit der auf dem Kamin versteckten brennenden Laterne und mit den GeräthschaftenWarum bedient sich Herr D. W**l, dem es sonst auf überflüssige Worte so wenig ankommt, schon wieder dieses allgemeinen und unschicklichen Wortes? Er kann doch in diesem Zusammenhang schwerlich etwas Anderes gemeint haben, als Stock, Degen oder Schießgewehr? Warum nennt er sie denn nicht bei ihrem Namen? Man kann solche Waffen allenfalls die Geräthschaften eines Soldaten nennen; aber sind sie darum auch die Geräthschaften eines Gelehrten? W. zur Saalthür hinaus und untersuchte in Begleitung des Mignons Alles genau, mit dem festen Entschluß, das Aeußerste zu wagen und den vorwitzigen Fuchs seinen Spaß theuer bezahlen zu lassen.« Aber glücklicher Weise konnte er nicht das Geringste entdecken; Alles war und blieb im Hause ruhig.

Blandine. Das will ich gern glauben. Der Herr Doctor hatte auch dem vorwitzigen Fuchse Zeit genug gelassen, sich zurückzuziehen. Wenn ein solcher wirklich im Spiele war (die Möglichkeit wenigstens setzt Herr W**l durch die vorgenommene Visitation voraus), so müssen wir auch als etwas sich von selbst Verstehendes annehmen, daß die Bedingungen, unter welchen es möglich war, vorhanden seyn mußten. Keinen sehr weiten Weg mußte also der Fuchs nicht zu schleichen haben, um sich wieder aus dem Staube 144 zu machen; auch hatte er vermuthlich weder Schuhe noch Stiefel an, und daß ihn keine knarrende Thür verrathe, dafür war vermuthlich auch gesorgt. Mit der Behendigkeit und Vorsicht, die man einem Schalke wohl zutrauen kann, der sich vermißt, einen so unerschrockenen und hitzigen Mann, wie unsern Doctor, zum Besten zu haben, konnte jener sogar die Zeit ziemlich genau berechnen, die ihm zu seinem Rückzug bleiben würde. Natürlich konnten vom ersten Moment an, da der durch das geöffnete Fensterchen einfallende schwache Strahl die Aufmerksamkeit des schlaflosen Doctors spannte, und während der Augenblicke, die dazu nöthig waren, um die Figur, die ihm seine verewigte Gattin darzustellen schien, recht ins Auge zu fassen und die zehn Worte, die sie zu ihm sprach, zu vernehmen, nicht wohl weniger als sieben bis acht Secunden verstreichen. Aus den raschen Sprung, den er, ohne sich vermuthlich Zeit zu nehmen, vorher in seinen Schlafrock zu fahren, auf die weißliche Figur that, rechne ich nur eine Secunde; aber –

Wilibald. Verzeihung, daß ich dir in die Rede fallen muß, Blandine. Ich habe vergessen, den merkwürdigen Umstand zu erwähnen, daß der Doctor, indem er eben die Gestalt umfassen wollte, die aber unter seinen Händen wie ein leichter Nebel verschwand, »etwas gleich einem elektrischen starken Schlag verspürte, der (wie er sagt) seinen ganzen Körper noch mehr erschüttert haben würde, wenn ihn nicht seine Entschlossenheit, wie ein gedruckter Palmbaum, doppelt stark emporgehalten hätte.«

Blandine. Desto besser für meine Rechnung! Denn du wirst mir nicht abstreiten können, daß diese gewaltige Kraftäußerung, die der Mann anwenden mußte, um seinen so stark erschütterten Körper emporzuhalten, wenigstens wieder 145 ein Paar Secunden wegnahm. Erwägen wir nun, wie manche Secunde erfordert wurde, bis er in Schlafrock und Pantoffeln war, sich mit seiner auf dem Kamin versteckten Laterne und mit allen zu Schutz und Trutz nöthigen Waffen versehen und die verschlossene Saalthür aufgemacht hatte: so wird man es schwerlich übertrieben finden, daß die Zauberlaterne, welcher ich diese Erscheinung zuzuschreiben geneigt bin, sicherlich 20 bis 24 Secunden Zeit hatte, sich so unbemerkt, als sie gekommen war, wieder zurückzuziehen.

Wilibald. Du merkst an dem sanften Kopfschütteln unsers Freundes, daß ihm deine Zauberlaterne nicht recht einleuchten will. In der That läßt sich ohne genauere Localkenntnisse nicht wohl etwas Bestimmtes über die hypothetische Möglichkeit oder Unmöglichkeit, einen solchen Streich glücklich auszuführen, behaupten. In jedem Falle müßte der Mensch, der mit einem so handfesten und entschlossenen Manne, wie Dr. W**l, ein so gefährliches Spiel hätte treiben wollen, ein Wagehals von der ersten Größe gewesen seyn. Eine einzige Secunde zu wenig Behendigkeit würde dem Spaßvogel theuer zu stehen gekommen seyn. »Er wäre zuverlässig ein Kind des Todes,« sagt der Herr Doctor zu seinem Freunde K. »Entwischen sollt' er mir und meinem Hunde bei Gott! nicht! Wenigstens würde ich den Ertappten auf der Stelle empfindlich züchtigen, festhalten und (er möchte auch seyn, wer er nur immer wollte, selbst wenn Sie es wären) ihn der Obrigkeit zur gebührenden Strafe gewiß überliefern.«

Blandine. Wie hart wohl die gebührende Strafe seyn dürfte, die eine vernünftige Obrigkeit einem Menschen, der sich gegen die Majestät der Philosophie unsers Doctors so schwer versündigt hätte, zuerkennen würde? Wenigstens würde 146 sie gegen die Todesstrafe, womit ihm dieser in der ersten Hitze drohte, vermuthlich sehr gelinde ausfallen. Dieß wußte denn auch der Magiker (falls ein solcher im Spiele war) ohne Zweifel sehr wohl, und gegen die Fäuste des Philosophen verließ er sich, denk' ich, auf seine eigenen. Doch ich bin von Herzen bereitwillig, meine Hypothese aufzugeben, weil Ihr Herren doch so viele Schwierigkeiten dabei findet. Aber was bleibt uns denn zur Erklärung der wunderbaren Erscheinung übrig? Die Einbildungskraft des Doctors, wenn man ihr auch alles Uebrige aufbürden wollte, kann doch wenigstens das Alkovenfensterchen nicht aufgeschoben haben.

Selmar. Da erwartete ich Sie, Blandine! Es ist klar, daß wir gern oder ungern bekennen müssen, der abgeschiedene Geist der Frau Doctorin selbst sey der Urheber dieser Erscheinung gewesen. Kein Viertes gibt es nicht; wir müßten denn nur den leidigen Satan ins Spiel ziehen wollen!

Wilibald. Das sey ferne, guter Selmar! Vor der Hand halten wir uns an den Geist des seligen Hannchens –

Blandine. Das Schlimme ist nur, daß ich dabei noch viel größere Schwierigkeiten sehe, als bei der magischen Laterne. Wenn Hannchens Geist in eigner Person erscheint, so wird es hoffentlich nicht weniger natürlich dabei zugehen, als wenn eine ihr ähnliche weißliche Figur aus einer Zauberlaterne herausschlüpft. Ich will sagen: der Geist muß nicht nur in seinem dermaligen Zustande ohne Wunder unter dieser Gestalt erscheinen können, sondern dieß muß auch auf eine ihm geziemende und zweckmäßige Art geschehen. Ich gestehe, es will mir nicht recht in den Kopf, daß die selige Frau das Alkovenfensterchen aufschieben mußte, um ihrem unglaubigen Karl einen Besuch zu machen. Ich gebe gern zu, daß sie, wenn sie ihm sichtbar werden wollte, einen Körper haben 147 mußte; aber, von welcher Composition der Körper gewesen seyn kann, in welchem sie sich ihm zeigte, kann ich mir nicht einbilden. Kein ätherischer war es nicht, sonst hätte er eben so ungehindert durch die Glasscheiben gehen können als das Licht. War er aus blosen Düften zusammen geblasen (wie man aus dem Umstand schließen sollte, daß er dem über ihn her stürzenden Doctor wie ein leichter Nebel entschwand), woher kam ihm so viel Kraft, ein wohl verschlossenes Fenster aufzuschieben? Dazu gehört doch schon ein Körper von einer beträchtlichen Dichtigkeit; besaß er aber diese, so hätte ihn der Doctor auch betasten können. Wenn er hingegen ein bloses Duftgebilde war, wie war es möglich, daß eine so lockere Scheingestalt vernehmlich reden konnte? Unser Doctor scheint sich in diesem Augenblick nicht erinnert zu haben, wie viele feingebildete Sprachwerkzeuge von der verschiedensten Art zusammen spielen müssen, um nur die vier Worte: »Karl, ich bin unsterblich,« vernehmlich auszusprechen. Dieß ist indessen noch nicht Alles, was diese Erscheinung verdächtig macht. Daß Hannchen in ihrer neuen Standeserhöhung binnen vier Wochen ihre ehemalige Muttersprache noch nicht vergessen hat, mag ihr meinethalben von wackern deutschen Patrioten sogar zum Verdienst angerechnet werden; aber, wenn sie denn noch immer deutsch sprechen will, so sollte sie es wenigstens ohne allzuderbe Sprachfehler sprechen. Was für eine barbarische Mundart mag das seyn, worin man sagt: »Erst einst werden wir uns wiedersehen.« Und wie kann sie das sagen, da sie sich ja in diesem nämlichen Augenblick wiedersehen?

Selmar. Die Frau Doctorin scheint eine Liebhaberin dieses »erst einst« gewesen zu seyn; denn sie versicherte ihren Gemahl schon auf dem Sterbebette zu zweien Malen, daß sie 148 sich erst einst wiedersehen würden. Wofern übrigens diese Redensart auch undeutsch wäre, so scheint sie doch einen nicht unbedeutenden Beweis gegen den Verdacht eines Betrugs abzugeben. Denn, wenn wir auch annehmen wollten, daß irgend ein unentdeckt gebliebener Schäker das Schattenbild der Verstorbenen durch Kunst hervorgebracht und mit der Anrede an ihren Karl begleitet habe, so wäre doch nicht zu erklären, wie er gerade auf dieselbe sprachwidrige Redensart, deren die Selige sich zweimal auf ihrem Krankenlager bedient hatte, verfallen seyn sollte.

Blandine. Bei meiner Art, die Erscheinung zu erklären, muß ich voraussetzen dürfen, es sey nichts Undenkbares, daß es auf der hohen Schule, wo Herr D. W**l sich aufhält, einen Menschen gegeben, der (aus welchem Beweggrunde, gilt hier gleichviel) sich besonders aufgelegt oder aufgefordert gefühlt haben könnteWenn er unsern Mann so gut kannte, als er sich selbst in seinem Buche zu erkennen gibt, so braucht dieß Wort keiner nähern Erklärung. W.

(Helmuth in seinem Sendschreiben an Herrn Doctor J. K. W. sagt S. 46: »Aber wer sollte Ihnen denn einen solchen Streich wohl haben spielen können? Mir kommt es sehr wahrscheinlich vor, daß solches durch ihren Freund K. geschehen sey.« Die angeführten Gründe mag dort nachlesen, wen die Sache interessirt. Vielleicht hätte es, um diese Gründe ganz überzeugend zu finden, weiter nichts bedurft, als den – Namen statt des K.)

, ihm bei Gelegenheit einen losen Streich zu spielen. Es ist eben so wenig unmöglich, daß dieser Mensch in dem Hause, wo unser Doctor wohnt, Zutritt hatte und mit allen Gelegenheiten desselben bekannt war. Er kann von dem, was zwischen der Frau Doctorin und ihrem Manne auf ihrem Krankenlager vorgefallen, durch Zufall oder Ausforschung der Wärterin, so viel gehört haben, als er wissen mußte, um den Scenen, die er dem Doctor spielen wollte, die möglichste Wahrscheinlichkeit zu geben. Da ich in Allem diesem nichts Unmögliches sehen kann, so mag ich mir lieber einbilden, die Sache sey auf diese Weise natürlich zugegangen, als eine wirkliche Erscheinung der Verstorbenen zugeben, welche so vielen Einwendungen und Schwierigkeiten unterworfen ist.

Wilibald. Wie dem auch sey, unser Mann hatte ganz andere Gedanken bei der Sache. Nachdem er von der 149 vorbesagten Untersuchung, ohne etwas Verdächtiges entdeckt zu haben, zurückgekommen war, stellte er Betrachtungen über das Vorgefallene an, die er uns mit der ihm eigenen Redseligkeit und Naivetät auf sechs ganzen Oktavseiten mittheilt. »Gott! (dachte er) sollte es möglich seyn, daß du, ewigtheure Gattin, wirklich mir erschienen wärst, aus unauslöschlicher Liebe zu mir noch nach dem Tode an mich gedacht, dich vielleicht in dem reinsten Genusse der Seligkeit freiwillig unterbrochen, auch wider Neigung nochmals dein Jammerthal betreten hättest und mir wirklich in der einzigen Absicht wieder auf die überzeugendste Art, die dir vielleicht möglich gewesen wäre, erschienen wärest: o, wie unaussprechlich müßte deine Liebe gegen mich noch jetzt, und wie gränzenlos müßte sie einst gewesen seyn! wie hoch müßtest du (um menschlicher Weise zu reden) bei Gott angeschrieben stehen, damit dir vielleicht von ihm oder durch ihn auf eine unbegreifliche Art dieß vergönnt worden wäre!« – Mir, ich gesteh' es, ist diese Apostrophe im Mund eines Philosophen noch viel unbegreiflicher, als die Art der Erscheinung selbst.

Blandine. In meinen Augen ist sie das beste Portrait von unserm Doctor werth. Mir däucht, ich seh' ihn vor mir stehen, wie er leibt und lebt.

Wilibald. Das Lustigste kommt indessen hinten nach. »Aber dann (fährt er fort sein Hannchen in Gedanken anzureden), dann wünschte ich gar sehr, daß du länger bei mir vielleicht hättest verweilen können oder wollen.« –

Blandine. Wirklich? Wünschte er das so gar sehr? Und wer, um alles Wunders willen, war denn Schuld daran, daß sie so schnell wieder verschwand? Verjagte er sie denn nicht selbst durch sein pfeilschnelles unartiges auf sie Zuspringen? 150

Wilibald. Wahrscheinlich würde jeder Andere sich selbst dieser unbesonnenen Uebereilung wegen angeklagt und die bitterste Reue darüber gefühlt haben. Aber Herr W. denkt, sagt und handelt nicht leicht wie andere Leute. Immer völlig mit sich selbst zufrieden, expostulirt er lieber mit seiner Ewigtheuren, daß sie vielleicht nicht länger habe verweilen wollen, um alle die wichtigen Fragen anzuhören, welche er an sie zu thun so sehr gewünscht hätte.

Blandine. Die wünschte ich doch selbst zu hören!

Wilibald. »Wie viel hätt' ich dich alsdann noch zu fragen gehabt! sagt er: z. B. wie es dir ginge? Auf welchem Planeten, in welcher Sphäre vielleicht dein Geist schwebt? Ob du wohl auch gar deine beiden, dir vorangegangenen Lieblingshündchen, Diane und den ersten schönen Mignon, wiedergefunden hättest oder noch finden würdest, von denen du so oft in deiner Krankheit träumtest, sie wären auf deinem Bette herumgehüpft, um dich zu holen, worüber du so sehr erfreut warst? Ob sie also auch wohl fortlebten?«

Blandine. Das sagt' er wirklich? –

Wilibald. Und in vollem Ernst, wie es scheint. Aber das Beste ist der Schluß, worauf er seine Hoffnung, daß die holden Geschöpfe wohl noch in der andern Welt fortleben könnten, gründet. »Solltest du mir jetzt wirklich erschienen seyn, dann wäre es wohl möglich anzunehmen, daß unsre ehemaligen Lieblinge ebenfalls fortlebten.«

Blandine. Die Leute müssen keine Kinder gehabt haben, daß sie eine so zärtliche Liebe zu ihren Hunden trugen.

Wilibald. So scheint es aus allen Umständen. Ich übergehe mehrere andere Fragen dieser Art – und mache euch nur auf die häufigen Vielleicht aufmerksam und auf den 151 ewigen Zweikampf zwischen Glauben und Unglauben oder vielmehr die seltsame Parallele, worin beide nebeneinander fortlaufen, bis sie endlich in dem immer wiederkehrenden Zweifel, »doch am Ende ist vielleicht dieß Alles blose Täuschung meiner Einbildungskraft?« zusammen fließen.

Selmar. Wir wollen billig seyn, liebe Freunde. Es ist aus dem ganzen Buche und besonders aus den Unterredungen des Doctors mit seinem Freunde K. ersichtlich, daß er (außer dem Vorwurf von Uebereilung und Schwäche), nichts so sehr fürchtet, als vor der Welt in dem lächerlichen Licht eines Geister- und Gespenstersehers zu erscheinen und für einen leichtglaubigen, mit altväterischen Vorurtheilen behafteten, in einer gemeinen Vorstellungsart befangenen Philister angesehen zu werden. Offenbar ist die Furcht vor einem solchen Verdacht die wahre Ursache, warum er sich das Ansehen zu geben sucht, er selbst glaube nicht an die Realität der gehabten Erscheinungen, wiewohl er sein Möglichstes thut, die Leser von derselben zu überzeugen. Ueberdieß ist es ihm ja darum zu thun, ein Experiment anzustellen, wobei er gegen Täuschung, Uebereilung und Trugschlüsse nie zu viel auf seiner Hut seyn kann. Aus dieser zweifachen Ursache erkläre ich mir die ewigen Zweifel, die ihn sogar da nicht verlassen, wo das Zeugniß seiner eignen Sinne, bei vollem Bewußtseyn, daß er wache, und bei der Ueberzeugung, daß nirgends kein Betrug in der Sache möglich gewesen sey, ihn, wie es scheint, zum Glauben zwingen sollte.

Wilibald. Das ist es eben, was mich, meines Orts, zu glauben zwingt, daß unser vermeinter Philosoph in einer seltsamen Selbsttäuschung befangen seyn muß. Eines von Beiden muß doch nothwendig Statt finden: entweder er ist gewiß, daß keine Täuschung weder von innen noch außen bei 152 der Sache möglich gewesen, oder er ist nicht gewiß davon. Im ersten Falle muß er seinen Sinnen glauben, und alle Zweifel verstummen von selbst; im zweiten hätte er weislich gehandelt, wenn er, anstatt dem Spott (vor welchem er sich so sehr fürchtet) so viele Blösen zu geben, die ganze Erscheinungsgeschichte seiner verstorbenen Frau ein Geheimniß zwischen ihm und seinem Freunde K. hätte bleiben lassen. Denn, so wie er von der Sache spricht, glaubt man einen Fieberkranken irre reden zu hören. – Erst (aber unter der ausdrücklichen Bedingung, wofern alles Vorgegangene wahr und möglich wäre) eine lange zärtliche Herzensergießung an seine theure Gattin, wogegen nichts einzuwenden ist, als daß er sie drucken ließ, und unmittelbar darauf: »Aber am Ende ist dieß Alles blose Täuschung meiner Einbildungskraft.« – Und doch gleich darauf wieder: »Aber, bei Gott! das konnt' es nicht seyn; ich war vor jener Erscheinung so munter und wach, als jetzt, und so kummerlos und freudenvoll, daß ich auch mit keiner Sylbe an so etwas dachte, noch denken konnte; auch hatte ich die vergangenen Nächte sehr gut geschlafen, folglich konnte ich mich aus Schläfrigkeit weder selbst täuschen noch auf irgend eine Art täuschen lassen. Und, gesetzt, es hätte Jemand seinen Scherz mit mir treiben wollen, so hätte er doch draußen selbst auf keine Art, z. B. mit einem verborgenen künstlichen Spiegel und Lichte, mit Phosphorus und dergleichen, diese meiner verewigten Gattin im Sarge ganz ähnliche Gestalt in leichtem Schimmer, noch weniger aber gerade diese vernehmlichen Worte hervorbringen und so ganz die Stimme meiner Gattin dabei nachahmen, am wenigsten aber von mir unbemerkt bleiben können, da ich ganz Ohr war, Alles sogleich aufs genaueste untersuchte, ohne daß hiebei abermals der Mignon gebellt hätte. Also 153 vor Selbsttäuschung bin ich eben so fest gesichert, als vor fremder Hintergehung.« – Und was ist nun das Resultat dieser Ueberzeugung bei unserm Philosophen? »Doch wollt' ich, sagt er, lieber Eines von Beiden, als so etwas mir ganz Unbegreifliches annehmen.« – Welche lächerliche Scheu vor dem Unbegreiflichen? Wie Vieles ist in der Natur, oder richtiger zu reden, ist denn nicht Alles in ihr unbegreiflich? Das Unbegreiflichste indessen dürfte doch seyn, daß Herr W**l, aus lauter Furcht vor dem Unbegreiflichen, auch etwas unbegreiflich findet, womit es auf eine sehr begreifliche Art hatte zugehen können. Vorausgesetzt, daß eine sogenannte Zauberlaterne hinter dem Alkovenfensterchen habe angebracht werden können, und daß der Zauberer in einem geheimen Verständniß mit der mehrbesagten Krankenwärterin gestanden, ist in der ganzen Erscheinung kein Umstand, der sich nicht, wie Blandine bereits bemerkt hat, ganz natürlich erklären ließe. Denn, daß die Einbildungskraft des Doctors in dem Augenblick, da sich ihm eine der Verstorbenen ähnliche Gestalt so unvermuthet darstellte und ihn mit leiser, aber vernehmlicher, der Stimme seiner Gattin ähnlicher Stimme ansprach, so ganz müßig geblieben und dem Künstler, der Beides hervorbrachte, nicht ein wenig nachgeholfen habe, das muß ein Mann, der sich auf seine Psychologie so viel zu gute thut, weder sich selbst noch Andern weiß machen wollen; zumal da die ganze Erscheinung so schnell wieder verschwand, daß er unmöglich Zeit haben konnte, den Grad der Aehnlichkeit und das, was seine Einbildung unwillkürlich dazu beitrug, so genau abzumessen. Daß aber jene Voraussetzungen bei dem vorliegenden Fall schlechterdings keine Statt gefunden haben könnten, hätte Herr W**l seinen Lesern ausführlich und (wie er zu sagen pflegt) handgreiflich, 154 so daß gar keine Möglichkeit des Gegentheils denkbar wäre, beweisen müssen. Uebrigens ist noch bemerkenswürdig, daß unser Philosoph seiner Besonnenheit bei diesem ganzen Ereigniß so wenig traute, daß er sich selbst sagte: »Schliefe ich jetzt ein, so würde ich Alles nach einigen Stunden sicherlich für Täuschung irgend einer Art halten. Um also recht sicher zu gehen, ist nun das beste Mittel, munter zu bleiben, ein Pfeifchen anzuzünden und ein wissenschaftliches Werk zu lesen, dessen anziehlicher Inhalt mich nicht zum Einschlummern kommen läßt. Noch sicherer ist es aber, ich schreibe auch diesen Vorfall mit Kreide sogleich auf diesen Tisch.«

Blandine. Federn, Dinte und Papier müssen sehr rar bei dem guten Manne seyn, daß er immer mit Kreide auf den Tisch schreibt.

Wilibald. Er zog nun sogleich am folgenden Morgen bei der Haushälterin seines Wirthes und den übrigen Personen im Hause Erkundigung ein, ob sie in der vergangenen Nacht nichts gehört hätten, und Alle antworteten mit Nein. Auch konnte er in der Folge nicht die geringste Spur entdecken, daß Jemand im Hause von den beiden Hauptvorfällen etwas merke oder gar wisse. Was kann er aus diesem Umstand schließen? Würde dieß nicht auch der Fall gewesen seyn, wenn eine von den Personen im Hause wirklich Antheil daran gehabt hätte? Er schließt also nicht richtig, wenn er daraus folgert: »Vor fremder Täuschung war ich also eben so sicher als vor Selbsttäuschung.« Indem er aber hinzusetzt: »ohne gleichwohl der Wahrheit selbst um einen Schritt näher zu kommen,« – so weiß man vollends nicht, was man von ihm denken soll. Von welcher Wahrheit ist denn hier die Rede, kann hier die Rede seyn? Doch wohl von keiner 155 andern als der Thatsache, daß sein verstorbenes Hannchen ihm ihr fortdauerndes Leben durch eine förmliche Erscheinung zu wissen gemacht? Vor Selbsttäuschung war er, wie er sagt, so sicher dabei als vor fremder Täuschung; was bleibt also übrig als die Wahrheit der gehabten Erscheinung? Wie will er ihr näher kommen, als er's schon ist? Er hat die Gestalt der Verstorbenen gesehen; er hat ihre Stimme gehört; sie hat ihn vertraulich bei seinem Namen genannt und ihn versichert, daß sie unsterblich sey, und daß sie sich einst wieder sehen würden. Was will er mehr? – Ach! ja, freilich will er mehr; er will auch begreifen können, wie Hannchen es angestellt habe, um ihm diesen Besuch zu machen. Das ist gar zu viel gefordert – Und doch, wer weiß, was für Aufschlüsse er von ihr hätte erhalten können, wenn er ihr nur Zeit dazu gelassen hätte? An ihrem guten Willen lag es wenigstens nicht, wenn sie ihn von ihrer Unsterblichkeit nicht überzeugen konnte. Sie ging mit bewundernswürdiger Behutsamkeit und Artigkeit zu Werke, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, ohne ihn zu erschrecken. Anfangs machte sie blos Wind im Zimmer, machte das Licht flackern und den Vorhang wehen. Wie sie sah, daß er nichts darauf gab und lieber das Unnatürliche natürlich erklären, als auch nur einer blosen Vermuthung, daß der Wind von ihr herrühren könnte, Platz geben wollte, rückte sie ihm schon näher auf den Leib: sie versuchte ihm das Deckbette zu nehmen und blies ihm eiskalt in den Rücken. Dieß wirkte, aber leider nur den profanen Einfall: seine selige Gattin wolle vielleicht ein Späßchen mit ihm machen. Natürlich nahm die Selige dieß ein wenig übel, und anstatt ihm auf sein grobes Wer da? und die lose Frage: Hannchen, bist du's? zu antworten, fuhr sie durch das silberhell klirrende 156 Alkovenfensterchen nach dem Vorsaal hinaus und kletterte mit einem kleinen Geräusch, wie etwa eine Katze, die Treppe hinan. Da auch diese Bethätigung ihres Daseyns des nachdrücklichsten Zuspruchs seines würdigen Freundes K. ungeachtet nichts bei ihm verfangen wollte, ging sie einen Schritt weiter. Ihr Gemahl hatte das vormals offen gestandene Fensterchen indessen zugeschoben; sie schob es ganz leise wieder auf und nahm ihre Zeit so gut, daß er es hören mußte und wirklich hörte. Aber der unglaubige Mensch wollte lieber glauben, daß ein Wind, der gar nicht zu spüren war, das Fensterchen aufgeschoben habe. Nun sah sie sich genöthigt, die Sache ernsthafter anzugreifen. Sie ließ ein paar Nächte vorübergehen, um ihm Zeit zu bessern Gedanken zu geben, und in der dritten schob sie das Fensterchen abermals auf und stellte ihm vermittelst eines schwachen Strahls, der den Alkoven etwas erhellte, eine ihr ähnliche weiße Figur in Lebensgröße dar, die ihn freundlich anredete und vielleicht noch mehr zu sagen bereit war, wenn er sie nicht durch ungestümes auf sie Losspringen augenblicklich wieder verscheucht hätte. Sie durfte jetzt mit gutem Fug erwarten, daß sie ihre wohlgemeinte Absicht bei dem Unglaubigen erreicht habe; aber nichts weniger. Wiewohl völlig überzeugt, daß keine Art von Täuschung dabei habe vorgehen können, beharrte er doch hartnäckig auf der Meinung, daß er der Wahrheit durch diese Erscheinung nicht um einen Schritt näher gekommen sey. Dieser skeptische Starrsinn hätte vielleicht tausend andre Frauen an Hannchens Stelle von einem fernern Versuch abgeschreckt; aber diese treue Gattin trieb ihre beispiellose Liebe so weit, daß sie ihm endlich sogar bei hellem Tag erschien. Er hatte sich so eben nach Tische, um der Mittagsruhe zu pflegen, in seiner Studirstube auf den Sopha, »an eben der 157 Stelle, wo seine verewigte Gattin in den letzten Tagen ihres irdischen Daseyns, bevor sie völlig bettlägerig wurde, zu sitzen pflegte, hingelegt.« Hier ruhete er neben seinem Hunde erst seit einigen Minuten mit dem Haupt auf dem Arm in einer Ecke des Sophas und mit offenen nach der Thür gerichteten Augen. Auf einmal öffnete sich die Thür leise, und die Verewigte erschien ihm in eben der Gestalt, wie ehedem in der Nacht, und wie sie im Sarge aussah, mit demselben weißen Anzug und freundlichen Blick, und sagte ihm leise, doch vernehmlich: »Karl, beruhige dich! Ich bin unsterblich. Mehr vermag ich nicht dir zu offenbaren. Bis auf einstiges Wiedersehen lebe wohl!« Mit diesem Worte verschwand sie vor seinen Augen, als er sich eben aufrichten und sich ihr nähern wollte, und während dieser Rede wedelte der Mignon mit dem Schwanze zum Zeichen der Freude über das Wiedersehen seiner Frau, die er jetzt auch wirklich erblicken und wieder erkennen mußte.

Blandine. Ich muß gestehen, daß sich das ganze Drama der Erscheinungen der Frau Doctorin mit dieser Schlußscene auf eine sehr anständige Art endigt. Aber, wenn ich sagen soll, was ich denke, so zweifle ich keinen Augenblick, daß er diese letzte Erscheinung – einem Traume zu danken hatte.

Selmar. Der Doctor versichert ausdrücklich, daß sie ihm in völlig wachendem Zustande widerfahren sey –

Wilibald. Und beruft sich, zum Beweis, daß sie unmöglich blose Täuschung seiner Phantasie habe seyn können, auf seinen Hund, der sich sonst auch getäuscht haben müßte.

Blandine. Schade, daß wir den Hund nicht constituiren und fragen können, warum er mit dem Schwanze gewedelt habeTreffend zeigt Helmuth S. 65, daß gerade der wedelnde Schwanz des Hundes gegen Wötzel beweise.. Wenn übrigens eine Täuschung hier vorwaltet, so bestand sie blos darin: daß der Herr Doctor zu wachen 158 vermeinte, da er doch träumte. Im Traum erschien ihm seine Gattin; im Traum sah er den Hund mit dem Schwanze wedeln. Oder sollten die Naturkündiger wirklich beweisen können, es sey unmöglich, zu träumen, daß man wache und mit offenen Augen sehe und höre, was man blos im Traum sieht und hört?

Wilibald. Diese Unmöglichkeit ist keineswegs zu beweisen, und die Erfahrung streitet für das Gegentheil. Es mag wohl wenige Menschen geben, die diese Erfahrung nicht mehr als einmal in ihrem Leben gemacht hätten. Nichts ist natürlicher, als daß Herr W**l, indem er auf seinem Sopha die Sieste hielt, unvermerkt einschlummerte und Alles, was er uns hier erzählt, träumte, während er (wie alle Träumende) zu wachen glaubte.

Blandine. Auf alle Fälle däucht mir diese Art, die letzte Erscheinung der Dame W**l zu erklären, viel natürlicher, als zu glauben, daß sie solche in eigner Person bewerkstelligt habe. Wäre das Letztere, warum hätte sie nöthig gehabt, zur Thür hereinzukommen, da sie wieder unsichtbar werden konnte, ohne zur Thür hinauszugehen? Ein Geist, der die Thür aufmachen muß, wenn er mir erscheinen will, verliert sogleich allen Respect bei mir. Und warum sollte sie nicht vermögen ihm mehr zu offenbaren, als daß sie unsterblich sey? Das sieht einer Ausrede der Einbildungskraft ähnlich, die hier im Spiele war und freilich sehr wohl wußte, daß ihr der Mann im Mond nicht unbekannter sey als der Zustand der Seelen nach dem Tode, und die also ihre Unwissenheit hinter eine geheimnißvolle Miene zu verstecken sucht. Auch möchte ich wohl wissen, warum die selige Frau gerade die Leichengestalt, die sie im Sarge hatte, wählte, um dem Gatten ihre Unsterblichkeit anzukündigen? Ich gestehe, 159 daß ich mir kaum etwas Grausenhafteres denken kann als eine lebendig herumwandelnde Leiche. Oder sollen wir glauben, diese Gestalt sey dermalen ihre eigene, und es habe nicht in ihrer Macht gestanden, sich ihm in einer tröstlichern darzustellen?

Wilibald. Ich bin deiner Meinung, Blandine; wäre ich an des Doctors Platz gewesen, so würde mich eine solche Erscheinung, wenn ich sie für mehr als einen Traum gehalten hätte, noch weit mehr verwirrt und verlegen gemacht haben als alles Vorhergegangene. Um so sonderbarer muß es einem Jeden vorkommen, daß er, der sich bisher immer mit Händen und Füßen gegen den Glauben an die Realität der ihm begegneten Wunderdinge gesträubt hatte, gerade bei dieser Erscheinung, die ihn am meisten hätte befremden sollen, nicht den mindesten Zweifel äußert. Es wird aber sogleich begreiflich, sobald man weiß, daß er inzwischen seine Hypothese über den subtilen Körper, der mit dem Geiste als ein unentbehrliches Werkzeug und Verbindungsmittel mit der Welt auf immer vereinigt ist, so weit ausgearbeitet und aufs Reine gebracht hatte, daß er sich nun die Sache vor der Hand (wie er sagt) recht gut erklären kann. Freilich gewinnt das Factum selbst dadurch nicht viel, und es bleibt noch immer ungewiß und, aufs gelindeste zu urtheilen, höchst unwahrscheinlich, daß die selige Frau ihrem gewesenen Ehegemahl wirklich erschienen sey, oder (bestimmter zu reden) daß sie alle die seltsamen Ereignisse (von dem Sturmwind bei ruhiger Luft bis zu der Erscheinung bei hellem Tage) in selbsteigner Person gewirkt habe: aber Herr W**l wenigstens scheint hierüber, seitdem er sich vermittelst seiner Hypothese alles Geschehene begreiflich machen kann, vor der Hand völlig beruhigt, wünscht aber nun desto eifriger, daß diese ihm äußerst wichtig scheinende Sache auch von der ganzen Menschheit dafür 160 anerkannt werde. Er bittet daher am Schluß seines Büchleins »alle Psychologen und Anthropologen, Metaphysiker, Philosophen, Welt- und Menschenkenner, Denker und wahrheitliebende Menschen, ihm nicht allein ihr ganz unparteiisches, reiflich überlegtes, auf sichere Gründe gestütztes Urtheil über dieses sonderbare Factum, sondern auch möglichste Aufklärung und freundschaftliche Belehrung darüber unumwunden mitzutheilenHerr D. W**l setzt in seiner pleonastischen Manier noch hinzu: »ohne Eingenommenheit für und wider diese Facta, für und wider mich, wider mich selbst, auf eine der Sache angemessene, vorsichtige, behutsame und humane Art, ohne Groll, Bitterkeit, Verleumdung u. s. w.« – Wozu alle diese Forderungen und Bedingungen? Die Philosophen, Welt- und Menschenkenner u. s. w. werden, ohne sein Erinnern, schon wissen, was sie zu thun haben; und wie Wenige sind unter ihnen, bei denen die geringste Parteilichkeit, geschweige unlautere Absichten oder gehässige Leidenschaften nur denkbar seyn könnten? W..« – Er geht noch weiter: er hofft und erwartet sogar, daß »der Menschheit wohlwollende Fürsten und Regenten aller Art ihren hiezu fähigen Unterthanen, vorzüglich den Professoren, die Anstellung ähnlicher Experimente gewiß zur Pflicht machen werden,« und zweifelt um so weniger, daß diese zu Erfüllung derselben sich um so williger finden lassen werden, da hiedurch die Richtigkeit seiner Erzählung am ersten, besten, strengsten und zweckmäßigsten geprüft und erkannt werden könne.

Blandine. Sage mir doch, Bruder, was Herr W**l wohl unter der Anstellung ähnlicher Experimente versteht?

Wilibald. Da fragst du mich mehr, als ich selbst weiß, und ich muß offenherzig bekennen, daß ich weder verstehe noch begreife, was der gute Mann damit sagen will. Soviel ich einsehe, kann man weder das, was er für wirkliche Erscheinung seiner Gattin nach ihrem Tode hält, noch das, was er selbst dabei gethan, ein Experiment im gewöhnlichen Sinne des Wortes nennen. Verdiente es aber auch diese Benennung, so sehe ich nicht, wie in einer Sache dieser Art durch die von Andern dazu geschickten Personen angestellten Experimente die Richtigkeit seiner Erzählung am besten und strengsten geprüft und erkannt werden könnte. Gesetzt, hundert, ja tausend Psychologen und Anthropologen in der Welt hätten mit ihren Weibern, Anverwandten oder Freunden 161 eine solche Abrede getroffen, wie Herr W**l mit seinem Hannchen, und die Zusage derselben, ihren besagten Männern, Verwandten oder Freunden nach ihrem Tode zu erscheinen, wäre ohne allen Erfolg geblieben: so würde und könnte kein vernünftiger Mensch hieraus allein einen hinlänglichen Beweis gegen die Richtigkeit seiner Erzählung herleiten. Denn, was zehntausend Andern nicht begegnet wäre, könnte gerade ihm allein begegnet seyn. Auch kann Herr D. W**l sicher darauf rechnen, daß ihm alle Philosophen, denen er ein ähnliches Experiment ansinnen will, ins Gesicht lachen und ihn fragen werden: wie er habe vergessen können, daß zu Anstellung eines Experiments erfordert werde, daß die Bedingung, unter welcher der bezweckte Erfolg desselben allein möglich ist, völlig in unserer Gewalt sey? Wie sollten es aber die Philosophen anfangen, um einen Geist zum Erscheinen zu nöthigen, wenn er nicht kann?

Blandine. Herr W**l muß sich aber doch etwas dabei gedacht haben, wenn er behauptet, daß durch die Experimente, auf die er so ernstlich dringt, die Wahrheit seiner Erzählung geprüft werden könne?

Wilibald. Wenigstens müßte er in dem Augenblick, da ihm diese seltsame Behauptung entfuhr, schon wieder vergessen haben, daß er unmittelbar vorher gesagt hatte: »Nur ein Thor oder Unwissender oder –« (was dieser Strich bedeute, ist leicht zu errathen) »könnte die Reinheit meiner Absicht und die aufrichtige Wahrheitsliebe, die Zuverlässigkeit meiner Erzählung des erlebten und hier dargestellten Factums verkennen, bezweifeln, sich in Vermuthungen, Andichtungen und Anschwärzungen verlieren.«

Blandine. Ei, ei! wie würde es uns beiden ergehen, Bruder, wenn dieser Mann, der einen so handfesten Glauben 162 an sich selbst hat, jemals erfahren sollte, was für profane Gedanken das Factum, das ihm in einem so hohen Licht erscheint, in uns veranlaßt hat. Aber was für ein Kopf muß das auch seyn, der die blose unschuldige Vermuthung, daß er ohne seine Schuld getäuscht worden seyn könnte, mit Anschwärzungen in dieselbe Reihe stellt?

Wilibald. Unglücklicherweise glaubt der Mann, seine Ehre sey so stark bei dieser Sache interessirt, daß er, wenn am Ende ein Verdacht von Selbsttäuschung auf ihm ersitzen bliebe, »vor aller Welt beschimpft und mit hoher Indignation von allen Wahrheit liebenden und rechtschaffnen Menschen belegt werden müßte.«

Selmar. Dieß könnte höchstens der Fall seyn, wenn ihm bewiesen werden könnte, daß er, aus welcher Absicht es auch seyn möchte, die ganze Erscheinungsgeschichte erdichtet habe. Aber vor dieser Gefahr ist er, dünkt mich, sicher. Möchte er vor der Möglichkeit, daß er von einem Andern oder von seiner eigenen Phantasie getäuscht worden, eben so sicher seyn! Ich muß bekennen, Freund Wilibald, daß die nähere Beleuchtung dieser Wunderdinge meinen ehemaligen Glauben sehr geschwächt hat.

Wilibald. Wie sollte sie auch nicht, da der gute Doctor selbst seiner Sache so wenig gewiß ist, daß er – sogar, nachdem er von der Bewahrheitung dieser Gespenstergeschichte als von einer dem ganzen menschlichen Geschlecht äußerst wichtigen Angelegenheit gesprochen und alle Regenten aufgefordert hat, ähnliche Experimente ihren Unterthanen zur Pflicht zu machen, – auf der vorletzten Seite seines Buchs noch immer als einen möglichen Fall voraussetzt, das Ganze könnte als Täuschung verworfen werden müssen. Dieß sagt er ausdrücklich und spricht gleichwohl noch auf dem nämlichen 163 Blatte von mehrmaligen Warnungen, die er von seiner verewigten Gattin erhalten haben will, und daß sie ihn, auch nach den ersten vier Wochen, wie ein Schutzgeist bis zu Ende des halben Trauerjahrs umschwebt habe. Da er so positiv von dieser unmittelbaren Verbindung spricht, die ein halbes Jahr lang zwischen ihm und der Verstorbenen stattgefunden, wer sollte zweifeln, daß er völlig überzeugt ist, die angeblichen Warnungen haben wirklich von ihr hergerührt, und weder sein Herz noch seine mit der Verstorbenen immer beschäftigte Phantasie habe thätigen Antheil daran gehabt? Aber warum sagt er seinen Lesern nicht mehr von diesen dämonistischen Beweisen, die er eine beträchtliche Zeit lang und (wie es scheint) ziemlich häufig von dem Daseyn und der Nähe seiner Gattin erhalten haben will? Warum sagt er uns nicht, worin diese Warnungen bestanden, oder, wofern er seine Ursachen hat, damit zurückzuhalten, warum dürfen wir nicht wenigstens wissen, an welchen sichern Merkmalen er erkannt habe, daß sie wirklich von ihr hergerührt? Gewiß hätten Anthropologie und Psychologie, für deren Vervollkommnung er sich so interessirt, auf alle Fälle mehr dabei gewonnen, als bei seinen mühsamen Experimenten mit dem Alkovenfensterchen.

Blandine. Weißt du auch, lieber Wilibald, daß die Gespensterstunde beinahe vorüber ist?

Wilibald. Wir haben also dem guten Doctor W. eine Unterhaltung zu danken, die nicht sehr langweilig gewesen seyn muß; und das ist mehr, als ich von dem größern Theile seines Buches rühmen kann.

Selmar. Indessen weiß ich doch nicht recht, ob ich mich bei dir bedanken oder über dich beklagen soll, daß du mir einen angenehmen Wahn geraubt und mich aus dem 164 Vortheil gesetzt hast, wenigstens eine Geistererscheinung anführen zu können, deren Wahrheit den entschiedensten Gegner aller Geister- und Gespenstergeschichtchen nach dem hartnäckigsten Widerstand endlich doch überwältigt und zum Glauben gezwungen hat.

Wilibald. Wenn dieser Verlust dein größter Kummer ist, lieber Selmar, so habe ich dir zwei oder drei wohlbeglaubigte Erzählungen von ganz andrer Wichtigkeit und Beweiskraft als die W**lsche mitzutheilen, die dich reichlich dafür entschädigen werden. Sie sollen dir auf unsre nächste Zusammenkunft vorbehalten bleiben. Für heute ist genug. 165


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