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Eugénie Grandet

Honoré de Balzac: Eugénie Grandet - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleEugénie Grandet
publisherInsel Verlag
year1997
translatorHedwig Lachmann
seriesinsel taschenbuch 2122
noteNeu durchgesehen von Eberhard Wesemann
senderwww.gaga.net
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
created20050227
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Eugénie Grandet

Für Maria

Du, deren Bild die schönste Zierde dieses Werkes ist, dein Name sei hier wie im Hause ein geweihter Buchsbaumzweig. Man kennt nicht den Baum, von dem er stammt, aber der Glaube hat ihn geheiligt, und fromme Hände ersetzen den welkenden durch neues Grün – zu Schutz und Segen des Hauses.

De Balzac

In kleinen Städten findet man gar häufig Häuser, deren Anblick melancholisch stimmt, melancholisch wie das düsterste Kloster, wie die ödeste Heide oder die traurigste Ruine. Tatsächlich herrscht wohl auch in diesen Häusern das Schweigen des Klosters, die Unfruchtbarkeit der Heide und der Zerfall der Ruinen. Leben und Treiben vollziehen sich in ihnen so sacht, daß ein Fremder sie für unbewohnt halten könnte, würde er nicht plötzlich dem kalten Blick eines bleichen, starren Antlitzes begegnen, das die unbekannten Schritte ans Fenster gelockt haben.

Eine derartige Melancholie beherrscht auch die Physiognomie eines Hauses in Saumur, das am Ende der Hügelstraße liegt, die zum Schloß hinaufführt. Diese jetzt wenig begangene Straße, die im Sommer drückend heiß, im Winter schneidend kalt und stellenweise sehr düster ist, hat viel Bemerkenswertes. Sie ist mit Kieselsteinen gepflastert und immer sauber und trocken; lang und schmal windet sie sich zwischen stillen friedsamen Häusern hin, die zur Altstadt gehören und vom Stadtwall überragt werden. Es gibt hier Häuser, Fachwerkbauten, die schon drei Jahrhunderte gesehen haben und noch nicht baufällig sind. Ihr malerischer Anblick erhöht den eigenartigen Reiz dieses Stadtviertels, das für Historiker wie für Künstler gleich interessant ist.

Es ist schwer, an den Häusern hier vorüberzugehen, ohne die mächtigen Eichenbohlen zu bewundern, deren Enden meist bizarre Schnitzereien tragen und so das Erdgeschoß mit schwarzen Basreliefs krönen. Hier zeichnen schräge, mit Schieferplatten gedeckte Balken blaue Linien in gebrechliche Wände, und morsche Holzsäulen stützen ein Dach, dessen Schindeln von Sonne und Regen verdehnt und verbogen sind; dort grüßen verwitterte, geschwärzte Blumenbretter, deren zierliches Schnitzwerk kaum mehr erkennbar ist. Sie brechen fast zusammen unter der Last des Nelken- oder Rosenstöckchens, das irgendeine kleine Näherin ihnen anvertraute. Etwas weiter finden sich mit riesigen Nägeln beschlagene Haustore, auf denen das Genie unserer Vorfahren ein Stück Familiengeschichte in Hieroglyphen festgehalten hat, deren Sinn nie mehr entziffert werden kann. Da hat vielleicht ein Hugenotte sein Glaubensbekenntnis niedergelegt und ein Mitglied der Liga eine Verwünschung auf Heinrich IV. angebracht. Ein anderer Bürger suchte durch Insignien den Glanz seines Schöffenamtes festzuhalten. Die ganze Geschichte Frankreichs ist zu sehen. Neben dem Hause dort im bröckelnden Kalkbewurf erhebt sich der Palast eines Edelmanns. Der steinerne Torbogen zeigt noch die Spuren eines Wappens, das von den Revolutionen, die seit 1789 getobt haben, zerstört worden ist.

In dieser Straße sind die Handelsräume des Erdgeschosses weder Kaufläden noch Warenlager. Der Freund des Mittelalters wird hier die Werkstätten unserer Väter in all ihrer naiven Schlichtheit wiederfinden. Die niedrigen Hallen, die weder Schaufenster noch Aushängekasten haben, sind tief und dunkel und innen wie außen ohne jeden Schmuck. Ihre massiven, eisenbeschlagenen Türen bestehen aus zwei Teilen, deren oberer nach innen geöffnet wird und deren unterer, mit einer Glocke versehen, ununterbrochen in Bewegung ist. Luft und Tageslicht dringen in diese feuchtdumpfe Grotte teils oben durch die Türe ein, teils durch den Zwischenraum zwischen der Gewölbedecke und der in Brusthöhe abschließenden Mauerwand. Hier sind kräftige Holzverschläge eingefügt, die des Morgens geöffnet und des Abends geschlossen und mittels eiserner Bolzen verriegelt werden. Auf dieser Mauer werden die Waren des Händlers ausgebreitet. Da gibt es keinen marktschreierischen Betrug. Die Warenproben bestehen in zwei oder drei Säcken Salz oder Stockfisch, in einigen Rollen Segeltuch, in Seiler- und Messingwaren, die von den Deckenbalken herabhängen, in Faßreifen, die an die Mauer gelehnt sind, oder in einigen in Fächern aufgestapelten Ballen Tuch.

Tretet ein. Ein sauberes, nettes junges Mädchen im weißen Brusttuch mit runden roten Armen legt ihr Strickzeug beiseite und begrüßt euch freundlich. Dann ruft sie den Vater oder die Mutter, die bedächtig eintreten und euch je nach ihrem Charakter oder Temperament bedienen: heiter oder phlegmatisch oder herablassend – mag es sich nun um einen Gegenstand von zwei Sous oder zwanzigtausend Francs handeln.

Dort drüben seht ihr einen Holzhändler vor seiner Türe sitzen. Er schwatzt mit dem Nachbar und dreht dabei gemächlich die Daumen. Er hat anscheinend nur einige schlechte Flaschenbretter und zwei oder drei Bündel Latten anzubieten; aber sein Holzlager am Hafen versorgt alle Böttcher in ganz Anjou. Er weiß bis auf ein Brett genau, wieviel Fässer gebaut werden, wenn die Ernte gut ist. Ein Sonnenwetter macht ihn reich, eine Regenzeit ruiniert ihn. An einem einzigen Vormittag steigen die Ohmfässer auf elf Francs oder fallen auf sechs. Denn hierzulande – wie in der Touraine – beherrscht der Witterungswechsel das Handelsleben. Weinbauern, Gutsbesitzer, Holzhändler, Böttcher, Gastwirte, Schiffer – alle liegen auf der Lauer nach einem Sonnenstrahl. Wenn sie sich abends schlafen legen, zittern sie davor, am andern Morgen zu bemerken, daß es in der Nacht gefroren hat. Sie fürchten den Regen, den Wind, die Dürre und verlangen, daß Wasser, Bewölkung und Hitze sich nach ihren Wünschen richten. Ein fortwährender Zwiespalt herrscht zwischen dem Himmel und den irdischen Interessen. Das Barometer schafft betrübte oder heitere oder zufriedene Gesichter. Hier in der alten Straße, der einstigen Hauptstraße von Saumur, wandert der Ausruf ›Ein goldenes Wetter!‹ von Haus zu Haus. Und jedermann erwidert seinem Nachbar: ›Es regnet Goldstücke!‹ im vollen Bewußtsein, was ein Sonnenstrahl, was ein rechtzeitiger Regenguß ihm bedeutet.

In der schönen Jahreszeit gegen Samstagmittag werdet ihr jedoch bei diesen braven Händlern nicht für einen Sou mehr Ware bekommen. Ein jeder hat seinen Weingarten, seinen Landsitz, und ist für zwei Tage hinausgepilgert. Dort ist alles, Einkauf wie Verkauf und Gewinn vorhersehbar, und so sehen sich die Kaufherren in der angenehmen Lage, zehn Stunden von zwölf in behaglichem Spiel, beschaulicher Betrachtung, Klatsch und dauerndem Herumspionieren verbringen zu können. Keine Hausfrau kann ein Rebhuhn kaufen, ohne daß die Nachbarn den Eheherrn nachher fragen, ob es auch gut zubereitet worden sei. Kein junges Mädchen kann aus dem Fenster blicken, ohne von all den müßigen Gruppen gesehen zu werden. Und wie diese schwarzen und schweigsamen Häuser keine Geheimnisse bergen, so liegen hier Seele und Gewissen offen zutage. Das Leben spielt sich fast ganz im Freien ab. Jede Familie sitzt vor ihrer Türe; hier nimmt man die Mahlzeiten ein, hier unterhält und zankt man sich. Niemand kann auch nur unbemerkt über die Straße gehen. Es war wohl schon immer so: wenn ein Fremder in ein Provinzstädtchen kam, so wurde über ihn von Tür zu Tür geklatscht. Daher stammen so manche nette Geschichtchen, daher auch der Spitzname ›die Alleswisser‹, den man den Einwohnern Angers' anhängte, die Meister waren im Stadtklatsch.

Die alten Paläste der Altstadt liegen an der Höhe der Straße und wurden einst vom Adel des Landes bewohnt. Auch das sehr melancholisch aussehende Haus, das der Schauplatz vorliegender Erzählung ist, war der ehrwürdige Rest eines Jahrhunderts, da Menschen und Dinge noch den Charakter der Einfachheit trugen, den die französischen Sitten von Tag zu Tag mehr verlieren.

Folgt ihr den Windungen dieser malerischen Straße, wo jedes noch so unbedeutende Geschehnis ein Erinnern wachruft an längst entschwundene Zeiten, dieser Straße, die uns zum Träumen verleitet, so werdet ihr schließlich an eine dunkle Tornische gelangen; hier, tief im Torbogen verborgen, befindet sich die Tür zum ›Hause Grandet‹. Es ist nicht möglich, die volle Bedeutung dieser kleinstädtischen Bezeichnung zu verstehen, ohne die Lebensgeschichte von Monsieur Grandet zu erzählen.

Monsieur Grandet genoß in Saumur ein Ansehen, das nur der begreifen wird, der vertraut ist mit dem Leben in der Provinz. Monsieur Grandet – einige Greise, deren Anzahl sich jedoch spürbar verringerte, nannten ihn sogar noch ›Vater Grandet‹ – war im Jahre 1789 ein wohlhabender Böttchermeister, der lesen, schreiben und rechnen konnte. Als die Französische Republik im Bezirk von Saumur die Besitzungen der Geistlichkeit zu Verkauf brachte, hatte der damals vierzigjährige Böttcher soeben die Tochter eines reichen Holzhändlers geheiratet. Versehen mit seinen flüssigen Geldern und dem Heiratsgut, versehen mit rund zweitausend Louisdors, begab sich Grandet in diesen Distrikt. Hier gelang es ihm dank der zweihundert Doppellouis, womit sein Schwiegervater das Wohlwollen des rohen Republikaners gewann, der den Verkauf des Nationalgrundbesitzes überwachte, für ein Butterbrot und gesetzmäßig – wenn auch nicht rechtlich – in den Besitz der schönsten Weingärten des Bezirks, einer alten Abtei und einiger Meierhöfe zu kommen.

Die Bewohner von Saumur waren wenig revolutionär gesinnt, daher erschien ihnen der Vater Grandet als ein kühner Mann, ein Republikaner, ein Patriot – als ein Geist, der den neuen Anschauungen huldigte, wohingegen der Böttchermeister nur mit den Weinbergen liebäugelte. Er wurde in die Distriktverwaltung gewählt, und sein beruhigender Einfluß machte sich bald in Politik wie Handel bemerkbar. In der Politik beschützte er den alten Adel und verhinderte mit aller Macht den Verkauf der Besitzungen der Emigranten. Im Handel lieferte er den republikanischen Armeen ein- oder zweitausend Faß Weißwein und ließ sich in herrlichen Wiesen bezahlen, die ehemals einem Nonnenkloster gehörten und die man bis zuletzt für einen günstigen Verkauf aufgespart hatte.

Unter dem Konsulat wurde der Biedermann Grandet Bürgermeister, regierte weise – kelterte aber noch besser. Unter dem Kaiserreich wurde er wieder Monsieur Grandet. Napoleon liebte die Republikaner nicht: er ersetzte Monsieur Grandet, von dem es hieß, daß er zuzeiten die Jakobinermütze getragen habe, durch einen Großgrundbesitzer, einen ›Monsieur de‹, einen späteren Baron des Kaiserreichs.

Grandet verließ den ehrenvollen Amtsdienst ohne Bedauern. Er hatte, im Interesse der Stadt natürlich, dafür gesorgt, daß ausgezeichnete Wege gebaut wurden, die nun die Stadt mit seinen Landsitzen verbanden. Seine vorteilhaft in den Grundbüchern eingetragenen Liegenschaften waren mit geringen Steuern belastet. Dank der fortgesetzten Fürsorge, die er seinen Weingütern widmete, waren sie bald ›die Krone der Gegend‹ geworden – ein terminus technicus für diejenigen Weingüter, die den hervorragendsten Wein lieferten. Er hätte das Kreuz der Ehrenlegion beanspruchen können, das er auch später, im Jahre 1806, erhielt. Damals zählte Grandet siebenundfünfzig Jahre und seine Frau etwa sechsunddreißig. Eine einzige Tochter, die Frucht ihrer legitimen Liebe, war zehn Jahre alt.

Die Vorsehung wollte zweifellos Grandet für den Verlust seines Amtes trösten: er beerbte nacheinander Madame de la Gaudinière, geborene de la Bertellière, Mutter von Madame Grandet, dann den alten Monsieur de la Bertellière, Vater der Verstorbenen, und ferner Madame Gentillet, die Großmutter mütterlicherseits – drei Erbschaften, deren Umfang niemand bekannt war. Der Geiz jener drei greisen Leute war so leidenschaftlich gewesen, daß sie ihr Geld aufgehäuft hatten, nur um sich im geheimen an seinem Anblick zu erbauen. Der alte Monsieur de la Bertellière nannte eine Kapitalsanlage ›Verschwendung‹ und fand eine weit größere Befriedigung im Anblick des Goldes als in den Segnungen des Wuchers. Die Stadt Saumur berechnete also die Höhe von Grandets Vermögen nach den Einkünften seines Grundbesitzes.

Grandet erhielt nun das neue Adelsprädikat, das unser Gleichheitssystem niemals auslöschen kann: er wurde der höchstbesteuerte Bürger des Bezirks. Er besaß etwa hundert Morgen Weinland, die ihm in fruchtbaren Jahren sieben- bis achthundert Ohmfaß Wein brachten. Er besaß dreizehn Meiereien und eine alte Abtei, an der er Fenster- und Torbogen vorsichtshalber hatte ausmauern lassen, damit sie nicht einstürzten, und er besaß etwa einhundertsiebenundzwanzig Morgen Wiesenland, auf dem dreitausend im Jahre 1793 gepflanzte Pappeln wuchsen und gediehen. Außerdem war das Haus, das er bewohnte, sein Eigentum.

So hatte man sein sichtbares Vermögen eingeschätzt. Was sein Kapital anbetraf, so gab es nur zwei Personen, die dessen Umfang einigermaßen abschätzen konnten. Der eine war Monsieur Cruchot, der Notar, der beauftragt war, das Geld Grandets zu verwalten; der andere war Monsieur des Grassins, der reichste Bankier von Saumur, an dessen Unternehmungen sich der Weinbauer nach Gefallen und insgeheim beteiligte. Sowohl der alte Cruchot wie Monsieur des Grassins besaßen die tiefe Diskretion, die eine Folge ist von Reichtum und Selbstvertrauen; aber sie erzeigten Monsieur Grandet öffentlich so hohen Respekt, daß es nicht schwerfiel, das Kapital des ehemaligen Bürgermeisters nach der übertriebenen Unterwürfigkeit, mit der man ihm begegnete, einzustufen. Es gab niemanden in Saumur, der nicht überzeugt war, daß Grandet einen geheimen Schatz besitze – ein Versteck voller Louisdors – und sich nächtlicherweile der unvergleichlichen Entzückung hingebe, die der Anblick einer großen Menge Goldes zu bereiten vermag. Die Geizhälse waren dessen sogar gewiß: sie brauchten nur dem Biedermann in die Augen zu blicken, denen das gelbe Metall seinen eigenartigen Glanz mitgeteilt zu haben schien. Der Blick eines Mannes, der gewohnt ist, aus seinen Kapitalien enormen Nutzen zu ziehen, bekommt notwendigerweise, gleich dem Blick des Lüstlings, des Spielers, des Diplomaten, einen charakteristischen Ausdruck, eine verstohlene Habgier, die den Gleichgesinnten kaum entgeht. Diese Geheimsprache der Augen bildet gewissermaßen die Freimaurerei der Leidenschaften.

Monsieur Grandet flößte also die ergebene Hochachtung ein, die ein Mann, der niemals irgendwem etwas schuldete, beanspruchen konnte. Der alte Böttcher und Weinbauer berechnete mit der Genauigkeit des Astronomen, ob es für die Unterbringung seiner Ernte tausend Ohmfässer oder nur fünfhundert herzustellen galt. Er versäumte niemals eine Spekulation, hatte stets Fässer zu verkaufen, wenn der Wert des Fasses den Wert seiner eigenen Ernte überstieg; er konnte seine Weinernte in seinen weiten Kellern einlagern und geduldig den Zeitpunkt abwarten, an dem er sein Ohmfaß für zweihundert Francs verkaufen konnte, während die kleinen Weinbauern ihres für fünf Louis abgeben mußten. Seine berühmte Ernte von 1811, weise gekeltert und vorsichtig verkauft, hatte ihm mehr als zweihundertvierzigtausend Francs eingebracht. Er hatte als Finanzmann viel vom Tiger und der Boa: er wußte sich hinzulegen, zu ducken, wußte sein Opfer zu belauern, zu überfallen; dann öffnete er den Rachen seiner Börse, ließ sie eine Summe Taler verschlingen – und legte sich befriedigt zur Ruhe, gleich der Schlange, die kaltblütig und planmäßig verdaut. Niemand, der ihm auf der Straße begegnete, konnte vermeiden, von Bewunderung, Ehrfurcht und Grauen erfaßt zu werden. Hatte denn nicht ein jeder in Saumur den zerreißenden Griff seiner stählernen Klauen zu fühlen bekommen? Diesem hatte Meister Cruchot das nötige Geld zum Ankauf einer Domäne verschafft, aber zu elf Prozent; jenem hatte Monsieur des Grassins Wechsel diskontiert, aber mit einem ungeheuren Vorabzug der Zinsen. Es vergingen wenige Tage, ohne daß der Name Grandets genannt wurde, sei es nun auf dem Markt oder während des abendlichen Stadtklatsches. Manchem Bürger von Saumur war das Vermögen des alten Weinbauers Gegenstand patriotischen Ehrgeizes, und mehr als ein Kaufmann, mehr als ein Gastwirt sagte zu einem gelegentlich Durchreisenden mit großer Befriedigung: ›Monsieur, wir haben hier so zwei bis drei Millionärshäuser; was aber Monsieur Grandet anbetrifft, so kennt er selber nicht einmal den Umfang seines Vermögens‹.

Im Jahre 1816 schätzten die gewiegtesten Kalkulatoren Saumurs den Grundbesitz des Biedermanns auf etwa vier Millionen. Da er nun von 1793 bis 1817 als Durchschnittssumme jährlich hunderttausend Francs Bargewinn aus seinen Besitzungen ziehen mußte, so war es wahrscheinlich, daß er an Kapital eine fast ebenso große Summe besaß, wie seine Liegenschaften sie repräsentierten. Und wenn man beim Bostonspiel oder bei einem Gespräch über die Weingüter auf Monsieur Grandet zu sprechen kam, so sagten die würdigen Leute: ›Vater Grandet? . . . Ja, Vater Grandet dürfte gegen fünf bis sechs Millionen haben.‹ ›Da sind Sie klüger, als ich es bin; ich habe niemals das Gesamtkapital überblicken können‹, erwiderte Monsieur Cruchot oder Monsieur des Grassins, wenn sie diese Äußerung vernahmen.

Sprach gelegentlich ein Pariser von Rothschild oder von Laffite, so fragten die Leute von Saumur, ob diese ebenso reich seien wie Monsieur Grandet. Versicherte ihnen dann geringschätzig lächelnd der Pariser, daß dem wohl so sein dürfte, so blickten sie einander mit ungläubigem Kopfschütteln an.

Sein großes Vermögen bedeckte alle Handlungen dieses Mannes mit einem goldenen Mantel. Hatten früher gewisse Eigenheiten in seiner Lebensführung Gelächter und Spott erweckt, so waren Gelächter und Spott versiegt. Bei allem, selbst dem nebensächlichsten Tun, hatte Grandet die Autorität für sich. Sein Wort, seine Kleidung, seine Gesten, sein Augenblinzeln war Gesetz im Lande – in diesem Städtchen, wo ein jeder, nachdem er ihn studiert hatte, wie der Naturforscher die Äußerungen des Instinkts bei den Tieren studiert, die tiefgründige und stumme Weisheit selbst seiner primitivsten Handlungen zu erkennen Gelegenheit gehabt hatte.

›Der Winter wird rauh werden‹, sagte man, ›Vater Grandet hat seine Pelzhandschuhe angezogen; man muß Weinlese halten.‹ ›Der Vater Grandet kauft viel Lattenholz, es wird heuer eine gute Ernte geben.‹

Grandet kaufte niemals Fleisch oder Brot. Seine Pächter brachten ihm jede Woche einen ausreichenden Vorrat an Kapaunen, Hühnern, Eiern, Butter und Getreide. Er besaß eine Mühle, deren Mieter außer Zahlung der Pacht die Verpflichtung hatte, eine bestimmte Menge Korn abzuholen und als Kleie und Mehl zurückzuliefern. Die Große Nanon, Grandets einzige und schon bejahrte Magd, buk selbst alle Sonnabende das für den Hausgebrauch nötige Brot. Grandet hatte sich auch mit seinen andern Pächtern, den Gemüsegärtnern, ins Einvernehmen gesetzt; sie mußten ihn mit Gemüse versorgen. An Obst aber erntete er selbst solche Mengen, daß er beträchtliche Mengen auf dem Markt zum Verkauf brachte. Sein Brennholz wurde von seinen Hecken geschnitten oder von den morschen, halbvermoderten Zäunen, die er aus seinen Feldrainen riß, genommen. Seine Pächter karrten es ihm zum Gebrauch zerkleinert nach Hause, stapelten es aus Unterwürfigkeit in seinem Holzschuppen auf und empfingen sein Dankeswort. Die einzigen seiner Ausgaben, die man kannte, waren die Anschaffung des geweihten Brotes, der Garderobe von Frau und Tochter und die Bezahlung ihrer Kirchenstühle, das Gehalt der Großen Nanon und das Verzinnen ihrer Kochtöpfe; ferner die Zahlung der Steuern, Ausgaben für Beleuchtung, für notwendige Baureparaturen, für die Nutzbarmachung seiner Ländereien. Er hatte unlängst sechshundert Morgen Waldgrund gekauft, den er vom Forstwächter eines Nachbarn bewachen ließ; dem Mann wurde dafür eine kleine Entschädigung versprochen. Erst seitdem er den Forst besaß, kam auch Wildbret auf seinen Tisch.

Die Manieren Grandets waren sehr einfach. Er sprach wenig und drückte seine Gedanken gewöhnlich in kleinen gezierten Sätzen aus; er sprach mit leiser Stimme. Seit der Revolution, als er begann, die Blicke auf sich zu lenken, stotterte der Gute ganz erbärmlich, sobald er lange zu reden hatte oder ein Gespräch in Gang halten mußte. Dies zeitweise Stottern, das Unzusammenhängende seiner Rede, die Flut der Worte, in der er den Gedanken ertränkte, sein ersichtlicher Mangel an Logik, den man einer schlechten Erziehung zuschrieb – all das war erkünstelt und wird in dieser Erzählung durch einige Begebenheiten noch aufgeklärt werden. Im übrigen hatte er vier Redensarten, die – exakt wie algebraische Formeln – ihm dazu dienten, allen Schwierigkeiten in Handel und Wandel zu begegnen: »Ich weiß nicht, ich kann nicht, ich will nicht, wir werden sehen.« Er sagte niemals »ja« oder »nein« und gab nie eine Unterschrift. Sprach man mit ihm, so hörte er kaltblütig zu – immer in derselben Stellung: er stützte das Kinn in die rechte Hand und stemmte den rechten Ellbogen auf den linken Handrücken; so hörte er zu und bildete sich von allem eine bestimmte Ansicht, von der er nicht mehr abzubringen war. Er bedachte den geringfügigsten Handel lange und gründlich. Wenn sein Gegner ihm, nach eingehendem Gespräch, das Geheimnis seiner Forderung preisgegeben hatte, im Glauben, ihn nun fest zu haben, so erwiderte er ihm: »Ich kann nichts abmachen, ohne mit meiner Frau Rücksprache genommen zu haben.«

Seine Frau, die er sich bis zur Erniedrigung unterworfen hatte, war in Geschäften sein allerbequemster Windschirm. Er besuchte niemanden und liebte es nicht, Einladungen ergehen zu lassen, noch solchen Folge zu leisten. Er war niemals lärmend; er schien alles auf das Notwendige beschränken zu wollen, sogar seine Bewegungen. Auch bei anderen brachte er niemals etwas in Unordnung, einen so ausgeprägten Respekt hatte er vor dem Eigentum des einzelnen.

Doch trotz der Sanftheit seiner Stimme, trotz der Bedachtsamkeit seines Gebarens war seine Sprache, sein ganzes Wesen aufdringlich – besonders zu Hause, wo er sich weniger beherrschte als überall draußen.

Grandet war ein Mann von fünf Fuß, untersetzt, vierschrötig, mit Waden von zwölf Zoll Umfang, knotigen Knien und breiten Schultern. Sein Gesicht war rund, lederbraun und pockennarbig; sein Kinn war gerade, seine Lippen waren dünn und ohne Schwung, seine Zähne weiß; seine Augen hatten den kalten, vernichtenden Blick, den der Volksmund dem Basilisken gibt; seiner mit vielen Querfalten durchfurchten Stirn fehlten nicht die charakteristischen Höcker; seine gelblichen, teilweise ergrauenden Haare waren wie Silber und Gold – so sagten einige junge Leute, die nicht wußten, was es auf sich hatte, über Monsieur Grandet zu scherzen. Auf seiner dicken Nase balancierte eine rotgeäderte Geschwulst, von der die Rede ging, daß sie recht maliziös sein könne.

Dies Gesicht redete von gefährlicher Schlauheit, von einer Redlichkeit ohne innere Wärme oder Überzeugung, vom Egoismus eines Mannes, der sein Gefühlsleben auf zwei Dinge allein zu konzentrieren weiß: auf die Freuden des Geizes und auf die einzige Erbin seines Reichtums, auf seine Tochter Eugénie. Haltung, Manieren, Gang – alles an ihm betonte ein Selbstgefühl, das demjenigen zur Gewohnheit wird, der in all seinen Unternehmungen Erfolg hat; und trotz seines schlichten und lässigen, fast sanften Wesens hatte Grandet einen eisernen Charakter.

Seine Kleidung war jahraus jahrein die gleiche – heute genauso wie im Jahre 1791. Er trug feste, mit Lederriemen verschnürte Schuhe und stets wollene Strümpfe, eine Kniehose aus grobem, kastanienbraunem Tuch mit Silberschnallen, eine gelb- und braungestreifte Samtweste, einen weiten braunen Rock mit langen Schößen, eine schwarze Krawatte und einen Quäkerhut. Seine überaus dauerhaften Handschuhe behielt er stets zwanzig Monate in Gebrauch, und um sie sauber zu erhalten, legte er sie – immer mit derselben Geste – auf immer dieselbe Stelle seiner Hutkrempe nieder. Weiteres über seine Persönlichkeit wußte man nicht in Saumur.

Sechs Menschen nur hatten Zutritt zu seinem Hause. Der Angesehenste der ersten drei war der Neffe von Monsieur Cruchot. Seit seiner Ernennung zum Gerichtspräsidenten erster Instanz von Saumur hatte dieser junge Mann dem Namen Cruchot noch den Namen Bonfons angefügt und war nun bestrebt, Bonfons über Cruchot triumphieren zu lassen. Schon unterzeichnete er sich Cruchot de Bonfons. Der Prozessierende, der unerfahren genug war, ihn »Monsieur Cruchot« anzureden, konnte sich beim Termin bald von seiner Ungehörigkeit überzeugen. Dieser Beamte protegierte alle, die ihn »Monsieur le Président« titulierten, aber mit seinem liebenswürdigsten Lächeln begnadete er die Schmeichler, die ihn »Monsieur de Bonfons« anredeten.

Der Präsident war dreiunddreißig Jahre alt; er besaß den Landsitz de Bonfons, der ihm siebentausend Francs Rente brachte. Er war der zukünftige Erbe seiner beiden Onkel, des Notars und des Abbé Cruchot, Großwürdenträger des Domkapitels von Saint-Martin in Tours, die alle beide für ziemlich reich galten.

Diese drei Cruchots bildeten mit ihrem stattlichen Verwandtenanhang – sie hatten Familienbeziehungen zu zwanzig Häusern der Stadt – eine Partei, etwa wie ehemals die Medicis in Florenz; und wie die Medicis, so hatten auch die Cruchots ihre Pazzi.

Madame des Grassins, Mutter eines dreiundzwanzigjährigen Sohnes, besuchte Madame Grandet sehr eifrig; sie hoffte, ihren lieben Adolphe mit Mademoiselle Eugénie zu verheiraten. Monsieur des Grassins, der Bankier, unterstützte die Manöver seiner Frau durch allerlei kleine Dienste, die er dem alten Geizhals erwies, und wußte stets zur rechten Zeit auf dem Schlachtfeld zu erscheinen. Natürlich hatten auch die drei des Grassins ihre Anhänger, ihre Vettern, ihre treuen Verbündeten.

Auf der Seite der Cruchots machte der Abbé, der Talleyrand der Familie, nachdrücklich unterstützt von seinem Bruder, dem Notar, der Bankiersfrau das Feld streitig und suchte das reiche Erbe seinem Neffen, dem Präsidenten, zu sichern.

Dieser geheime Kampf zwischen den Cruchots und den Grassins, dessen Gegenstand die Hand Eugénie Grandets war, interessierte die verschiedenen Kreise von Saumur leidenschaftlich. Wen würde Mademoiselle Grandet nehmen, den Präsidenten oder Monsieur Adolphe des Grassins? Die einen meinten, Grandet gebe seine Tochter weder diesem noch jenem. Sie sagten, der alte, von Ehrgeiz geplagte Böttcher suche als Schwiegersohn irgendeinen Pair von Frankreich, dem dreihunderttausend Francs Rente wohl genügen würden, um alle früheren, gegenwärtigen und zukünftigen Fässer der Grandets mit in Kauf zu nehmen. Andere erwiderten hierauf, daß Monsieur und Madame des Grassins von Adel und sehr wohlhabend seien, und daß Adolphe ein recht gesitteter Kavalier sei, und falls sie nicht etwa einen Neffen des Papstes bei der Hand hätten, so müsse eine so vorteilhafte Verbindung solchen Leuten aus dem Volk recht annehmbar erscheinen – einem Mann wie Grandet, den ganz Saumur mit dem Böttcherbeil in der Hand gekannt und der seinerzeit die Jakobinermütze getragen habe. Dann machten wieder andere darauf aufmerksam, daß Monsieur Cruchot de Bonfons jederzeit Zutritt zum Hause habe, während sein Rivale nur des Sonntags empfangen werde. Diese hier behaupteten, daß Madame des Grassins den Damen des Hauses Grandet näher stehe als die Cruchots und sie daher leicht derart beeinflussen könne, daß ihr früher oder später der Erfolg sicher sei; jene da entgegneten, daß der Abbé Cruchot der einschmeichelndste Mensch von der Welt sei und daß – da Weib gegen Pfaff fechte – die Parteien also gleich stark seien. »Die Kämpen sind einander ebenbürtig«, sagte ein geistreicher Kopf von Saumur.

Die Alten im Ländchen aber, die mehr wußten, versicherten, die Grandets seien viel zu klug, um ihr Vermögen aus der Familie zu geben; Mademoiselle Eugénie Grandet aus Saumur werde dem Sohn des Monsieur Grandet in Paris, dem Sohn des reichen Weingroßhändlers, vermählt werden. Darauf erwiderten die Cruchotaner und die Grassinisten: »Zunächst haben die beiden Brüder einander seit dreißig Jahren kaum zweimal gesehen, und ferner hat Monsieur Grandet in Paris hohe Absichten mit seinem Sohn. Er ist Bezirksvorsteher, Deputierter, Oberst der Nationalgarde, Tribunal- und Handelsrichter. Er verleugnet die Grandets in Saumur und hofft, sich durch die Gnade Napoleons mit irgendeiner herzoglichen Familie liieren zu können.«

Was erzählt man nicht alles von einer Erbin, von der man an zwanzig Orten in der Runde spricht – und sogar in den Postkutschen von Angers bis Blois!

Zu Beginn des Jahres 1811 erlangten die Cruchotaner über die Grassinisten einen bedeutenden Vorteil. Die Besitzung Froidfond, bemerkenswert durch ihren Park, ihr herrliches Schloß, ihre Meiereien, ihre Flüsse und Waldungen, diese Besitzung im Werte von drei Millionen wurde vom jungen Marquis de Froidfond, der Geld brauchte, zum Verkauf ausgeboten. Der Notar Cruchot, der Präsident Cruchot und der Abbé Cruchot wußten, unterstützt von ihren Anhängern, die Aufteilung in kleine Parzellen zu verhindern. Der Notar schloß mit dem jungen Mann einen für seinen Klienten sehr günstigen Handel ab; er versicherte ihm nämlich, er würde mit den Leuten, denen die Landteile gerichtlich zuerkannt würden, zahllose Scherereien und Prozesse haben, ehe er zu seinem Gelde käme; es sei besser, das Ganze ungeteilt an Monsieur Grandet zu verkaufen, der ein solventer Mann und sogar in der Lage sei, den Kaufpreis auf den Tisch zu legen. Das schöne Besitztum wurde also dem Schlund des Monsieur Grandet zugeführt, der es – zum großen Erstaunen von ganz Saumur – nach Erledigung der Formalitäten unter Diskont bezahlte. Diese Sache wurde bekannt bis nach Nantes und Orléans.

Als sich Monsieur Grandet die Gelegenheit bot, einen nach dem Gute zurückkehrenden Wagen benutzen zu können, besichtigte er sein Schloß. Nachdem er den Herrscherblick des Eigentümers darauf geworfen hatte, kehrte er nach Saumur zurück – in der angenehmen Gewißheit, sein Geld zu mindestens fünf Prozent angelegt zu haben, und mit der famosen Idee, seinen ganzen Besitz mit dem Marquisat Froidfond zu vereinigen. Ferner beschloß er, um seine nun leer gewordene Kasse neu zu füllen, seine Forste abzuholzen und die Pappeln seines Wiesenlandes zu Geld zu machen.

Nun ist es ein leichtes, die ganze Bedeutung des Wortes »das Haus Grandet« zu erfassen. Es war ein bleiches, kaltes, schweigendes Haus, das, geschützt von den Wallmauern, über die Stadt aufragte.

Die beiden Stützpfeiler des Torbogens waren ebenso wie das ganze Haus aus Tuffstein errichtet, wie er im Gebiet der Loire häufig vorkommt. Dieser Stein ist weiß und so weich, daß er kaum zweihundert Jahre aushält. Die vielen unregelmäßigen Löcher, die der Wechsel der Witterung ihm geschlagen hatte, verliehen dem Rundbogen und den Seitenpfeilern Ähnlichkeit mit dem in der französischen Architektur besonders bei Staatsgebäuden zur Verwendung kommenden geäderten Gestein; daher kam es, daß man wohl meinen konnte, ein Gefängnistor vor sich zu sehen. Über dem Torbogen befand sich in harten Stein gehauen ein langes Basrelief, das in vermorschten und regengeschwärzten Gestalten die vier Jahreszeiten symbolisierte. Das Relief wurde von einer Säulenplatte überragt, auf der allerlei Unkraut wucherte: gelber Mauerpfeffer, Winde, Gräser, Wegerich – und sogar ein kleiner Kirschbaum. Das Tor aus braunem, stark verwittertem Eichenholz wurde in all seiner Gebrechlichkeit von festen Klammern gehalten, die in gefälliger Gleichmäßigkeit angeordnet waren. In der Mitte der Haustür befand sich ein kleines, enges, verrostetes Gitterfenster, darunter ein an einem Ring befestigter Hammer, mit dem der Einlaßbegehrende einem großen grinsenden Nagel auf den Kopf schlagen mußte. Dieser Hammer von länglicher Form und von der Gestalt, die unsere Vorfahren »jaquemart« nannten, war ein wundervolles Stück; ein Altertumsforscher hätte bei aufmerksamer Betrachtung die typischen Merkmale der Narrengestalt, die er einst darstellte, noch zu erkennen vermocht.

Durch das Gitterfensterchen, das zur Zeit der Bürgerkriege dazu diente, Freund oder Feind erkennen zu lassen, konnte der Neugierige in eine dunkle Vorhalle hineinblicken, an deren hinterem Ende einige ausgetretene Stufen in einen Garten hinaufführten. Dieser wurde von breiten, feuchtfleckigen Mauern, aus denen hier und da Strauchwerk wucherte, malerisch eingefaßt. Die Mauern gehörten zum Stadtwall, auf dessen Höhe sich die Gärten angrenzender Nachbarhäuser ausbreiteten.

Der Hauptraum im Erdgeschoß war der »Saal«, dessen Eingangstür sich in der Halle, nahe am Torbogen, befand. Nur wenige wissen, welche Bedeutung in den Städtchen von Anjou, von Berry oder der Touraine der Saal hat. Er ist sowohl Vorzimmer wie Salon, Arbeitszimmer, Empfangszimmer und Speisezimmer; er ist die Bühne, auf der das häusliche Leben sich abspielt, der Mittelpunkt für alle. Hier war es, wo der Haarschneider zweimal im Jahre Monsieur Grandet die Haare kürzte; hier wurden der Pächter, der Pfarrer, der Unterpräfekt, der Müllerbursch empfangen.

Dieses Gemach, dessen zwei Fenster zur Straße blickten, war gedielt und hatte an den Wänden bis zur Decke hinauf eine graue, reichgeschnitzte Holzverkleidung. Die Decke bestand aus offenliegenden, gleichmäßig grau gestrichenen Balken, und das Fachwerk dazwischen trug einen vom Alter gelb gewordenen Kalkbewurf. Eine alte kupferne Wanduhr mit Arabesken in Schuppenmusterung zierte den steinernen Kaminsims. Über dem Sims erhob sich ein grünliches Spiegelglas, das an den Kanten abgeschrägt war, um seine Dicke sehen zu lassen. Dieser Schliff warf auf einen gegenüberhängenden Pfeilerspiegel aus damasziertem Stahl einen grellen Lichtstreifen. Die beiden Armleuchter aus vergoldetem Kupfer, die je eine Ecke des Simses einnahmen, erfüllten einen doppelten Zweck: hob man die als Lichtdillen dienenden Rosenkelche an ihrem Hauptstengel aus dem Fußgestell heraus, so konnte dieses allein – es war aus bläulichem Marmor mit kupfernen Beschlägen – als Leuchter für den Alltag dienen.

Die altmodisch geformten Sessel hier im Saal wiesen Stickereien auf, die Szenen aus Fabeln Lafontaines darstellten. Aber man mußte die Fabeln gut kennen, um ihren Hergang aus den verblaßten Farben und kaum sichtbaren Gestalten herauslesen zu können.

In den vier Ecken des Saales standen Eckschränke, büffetartige Möbel mit schmutzigen Etageren. Ein alter Spieltisch, dessen Intarsien ein Schachbrett darstellten, stand zwischen den beiden Fenstern. Über dem Tisch hing ein ovales Barometer in schwarzem Rahmen, den schmale Goldstreifen verzierten; diese waren aber seit langem ein so beliebter Tummelplatz der Fliegen, daß kaum noch etwas von der Vergoldung zu sehen war.

An der dem Kamin gegenüberliegenden Wand hingen zwei Gemälde: das Porträt des Großvaters der Madame Grandet, des alten Monsieur de la Bertellière, als Leutnant der Leibgarde, und das Porträt der verstorbenen Madame Gentillet als Schäferin. Die beiden Fenster hatten rote Vorhänge, die von seidenen Schnüren emporgehalten wurden. Dieser kostbare Behang, der so wenig mit der Lebensführung Grandets in Einklang zu bringen war, war seinerzeit beim Kauf des Hauses mit übernommen worden, ebenso der Spiegel, die Wanduhr, die Gobelinstühle und die Eckschränke aus Rosenholz.

In der Nische des der Tür zunächst gelegenen Fensters stand ein Rohrstuhl; man hatte ihn durch untergenagelte Leisten so erhöht, daß Madame Grandet von ihrem Sitz aus die Vorübergehenden mustern konnte. Auch ein Nähtisch aus ausgeblichenem Kirschholz stand dort und daneben der kleine Sessel der Tochter Eugénie.

Seit fünfzehn Jahren hatte sich das Leben von Mutter und Tochter ruhig, in beständiger Arbeit Tag für Tag hier abgespielt im beschaulichen Zählen der Tage vom April bis November. Vom ersten November an konnten sie ihren Winterplatz beim Kamin beziehen. Erst an diesem Tage gestattete Grandet, daß im Saal Feuer gemacht wurde; und pünktlich am 31. März ließ er die Feuerung wieder einstellen, wobei er sich weder um die Frühlingsfröste noch um die Kälteeinbrüche des Herbstes scherte. Ein Fußwärmer, den die Große Nanon mit der Restglut des Küchenfeuers füllen durfte, half Madame und Mademoiselle Grandet über die kältesten Morgen und Abende des April und Oktober hinweg. Mutter und Tochter hielten den ganzen Wäschebestand des Hauses in Ordnung und verwendeten ihre Tage so gewissenhaft auf diese grobe Näherinnenarbeit, daß Eugénie, wenn sie ihrer Mutter ein Krägelchen sticken wollte, die Stunden der Nacht zu Hilfe nehmen mußte. Selbst das Licht zu dieser Nebenarbeit mußte sie sich auf hinterlistige Weise beschaffen, denn der Geizhals teilte sowohl seiner Tochter wie der Großen Nanon ihr Licht zu, so wie er auch jeden Morgen das Brot und den sonstigen täglichen Bedarf an Lebensmitteln zuteilte.

Die Große Nanon war vielleicht der einzige Mensch, der imstande war, den Despotismus ihres Herrn gleichmütig zu ertragen. Die ganze Stadt beneidete Monsieur und Madame Grandet um diesen Dienstboten. Die Große Nanon – so genannt, weil ihre Größe fünf Fuß acht Zoll betrug – war seit fünfunddreißig Jahren im Hause Grandet. Obgleich sie nicht mehr als sechzig Francs Lohn hatte, galt sie als eine der reichsten Dienstmägde in Saumur. Ihre seit fünfunddreißig Jahren alljährlich zurückgelegten sechzig Francs hatten ihr unlängst erlaubt, bei Meister Cruchot viertausend Francs als Leibrentenkapital anzulegen. Der Erfolg der langen, ausdauernden Sparsamkeit der Großen Nanon erschien gigantisch. Jede Magd beneidete die arme Sechzigjährige um ihren gesicherten Lebensabend, ohne an den harten Dienst zu denken, in dem dies Altersbrot erworben worden war.

Im Alter von zweiundzwanzig Jahren hatte das arme Mädchen nirgends eine Stellung finden können, so abstoßend wirkte ihr Äußeres. Und das war wirklich ungerecht: einem Gardegrenadier hätte ihr Gesicht sehr gut angestanden, aber es heißt nun einmal: »Alles an seinem Platz«. Da die Meierei, wo sie als Kuhmagd in Dienst gestanden hatte, das Opfer eines Brandes geworden war, kam sie nach Saumur, wo sie sich mit robustem Mut zu jeglichem Dienst anbot. Das war zur Zeit, als Grandet sich verheiraten wollte und für seinen neuen Hausstand Vorbereitungen traf. Er nahm das Mädchen auf, das von Tür zu Tür gelaufen, aber immer abgewiesen worden war. Als Böttchermeister wußte er Körperkräfte sehr wohl zu schätzen und ahnte, welch großen Nutzen man aus diesem weiblichen Herkules ziehen könne, der so fest auf seinen Füßen stand wie eine sechzigjährige Eiche auf ihren Wurzeln. Diese Nanon war breithüftig, hatte einen viereckigen Rücken, Hände wie ein Karrenschieber und eine leidenschaftliche Redlichkeit und unangefochtene Tugend. Weder die Warzen, die ihr martialisches Gesicht zierten, noch die ziegelrote Haut, weder die nervigen Arme, noch die Lumpen der Nanon schreckten den Böttcher ab, der sich noch in dem Alter befand, in dem das Herz mitfühlend sein kann. Er versorgte also das arme Ding mit Kleidern und Schuhen, gab ihr Nahrung und einen geringen Lohn und ließ sie arbeiten – ohne sie zu überanstrengen. Als sie sich so aufgenommen sah, weinte die Große Nanon im stillen vor Freude und empfand für den Böttcher eine unbegrenzte Anhänglichkeit.

Nanon machte alles: sie kochte, sie besorgte die Wäsche, trug sie auf den Schultern hinunter zur Loire und wieder heim; sie erhob sich bei Tagesgrauen und ging spät zur Ruhe, sie versorgte zur Zeit der Weinlese die Winzer mit Speise und Trank, überwachte die Leute, die die Nachlese hielten, und verteidigte wie ein treuer Hund das Eigentum ihres Herrn. Sie verehrte ihn so blind, daß sie seinen albernsten Launen gehorchte.

Nach dem berühmten Jahre 1811, das ungeheure Anforderungen an die Erntearbeiter stellte, machte Grandet der Nanon, die nun zwanzig Jahre in seinem Dienst stand, seine alte Uhr zum Geschenk – das einzige Geschenk, das sie jemals von ihm erhielt. Allerdings durfte sie seine alten Schuhe auftragen, die für ihre großen Füße gerade passend waren, doch dies Schuhwerk war stets so abgenutzt, daß man eine solche vierteljährliche Zuwendung nicht als Geschenk betrachten konnte.

Die Not hatte das arme Mädchen so geizig gemacht, daß Grandet bald eine gewisse Zuneigung für sie empfand – etwa wie für einen treuen Hund, und Nanon hatte sich von ihm ein Stachelhalsband umlegen lassen, dessen Stacheln nicht mehr schmerzten. Wenn Grandet das Brot allzu sparsam bemaß, beklagte sie sich nicht; sie nahm gern teil an den hygienischen Vorteilen, die das strenge Leben in diesem Hause mit sich brachte; hier war niemals jemand krank gewesen. Ferner schloß sich Nanon ganz an die Familie an: sie lachte, wenn Grandet lachte, bekümmerte sich, fror, schwitzte und arbeitete mit ihm. Wieviel süße Vergeltung kam ihr aus dieser Gemeinsamkeit! Niemals hatte der Herr der Magd einen Verweis erteilt, wenn sie sich zuweilen das Fallobst der Pfirsich- und Pflaumenbäume im Garten schmecken ließ. »Nur zu, Nanon, wohl bekomm's!« sagte er zu ihr in den Jahren, da die Äste unter der Last der Früchte zu brechen drohten, so daß man den Überfluß als Schweinefutter verwenden mußte.

Für ein armes Ding vom Lande, das in seiner Jugend stets schlecht behandelt worden war, für ein auf Barmherzigkeit angewiesenes armes Mädchen war das sauersüße Lächeln Grandets ein wahrer Sonnenstrahl. Überdies konnte das schlichte Herz, der gerade Sinn Nanons nicht mehr als einer Empfindung Raum geben, nur einen Gedanken fassen. Seit fünfunddreißig Jahren gedachte sie immer des Augenblicks, als sie mit nackten Füßen, in Lumpen auf dem Bauhof Grandets erschien und der Böttchermeister sie fragte: »Was willst du, mein Herzchen?« Und ihre Dankbarkeit blieb immer jung.

Manchmal kam es Grandet wohl in den Sinn, daß dies arme Wesen niemals ein Wort der Schmeichelei vernommen habe, daß sie alle die Freuden entbehren müsse, die der Mann dem Weibe schenkt, und daß sie eines Tages vor Gottes Thron hintreten werde – reiner, als selbst die Jungfrau Maria gewesen. Da wurde Grandet von Mitleid ergriffen und sagte, sie anblickend: »Die arme Nanon!«

Dieser Ausruf wurde von der alten Magd jedesmal mit einem langen seltsamen Blick quittiert und war jedesmal ein Glied mehr in der Freundschaftskette, die sie mit ihrem Herrn verband.

Grandets Mitleid, das dies arme Mädchen so beseligt hinnahm, war unrein und häßlich; es war das grausame Mitleid des Geizhalses, der im Innern Vergleiche zieht und sich selbst glücklich preist – für Nanon aber war es die Summe der Glückseligkeit. Wer wollte da nicht ebenfalls sagen: »Arme Nanon!« Gott wird seine Engel am bebenden Ton ihrer Stimme erkennen und an ihren tiefgeheimen Schmerzen.

Es gab in Saumur eine ganze Anzahl Haushaltungen, in denen es den Dienstboten besser ging als der Großen Nanon bei Grandets, und dennoch waren jene unzufrieden und mürrisch. Da hieß es dann wohl: »Was machen nur die Grandets mit ihrer Großen Nanon, daß sie so anhänglich ist? Sie würde für sie durchs Feuer gehen!«

Ihre Küche, deren vergitterte Fenster auf den Hof blickten, war stets peinlich sauber und frostig – so recht die Küche eines Geizhalses, in der niemals etwas verloren gehen darf. Hatte Nanon ihr Geschirr gespült, die Reste des Mittagsmahls unter Verschluß getan und das Feuer gelöscht, so verließ sie die Küche, die mit dem Saal durch einen Gang verbunden war, und begab sich zum Hanfspinnen zu ihrer Herrschaft hinein. Ein einziges Talglicht beleuchtete diese häuslichen Abende. Das Schlafkämmerchen der Nanon lag am Ende des Küchenganges und bekam sein Licht von einem elenden kleinen Fensterchen. Ihre robuste Gesundheit gestattete ihr, dies Loch ungestraft zu bewohnen, und von hier aus konnte sie das ganze Haus überwachen und bei der tiefen Ruhe, die Tag und Nacht im Hause herrschte, das geringste verdächtige Geräusch vernehmen. Sie mußte wie ein Polizeihund nur auf einem Ohr schlafen und überhaupt im Wachen ruhen.

Die Beschreibung der andern Räumlichkeiten des Hauses Grandet wird den Begebenheiten dieser Erzählung eingefügt werden; doch genügt schon die Skizzierung des Saales, in dem der ganze Luxus des Hauses sich breitmachte, um die Nacktheit der andern Räume erraten zu lassen.

Es war Mitte November des Jahres 1819, als gegen Abend die Große Nanon zum erstenmal mit der diesjährigen Winterfeuerung begann. Der Herbst war sehr schön gewesen, und heute war ein Festtag – den Cruchotanern und Grassinisten wohlbekannt. Die feindlichen Parteien bereiteten sich auch, ihre je drei Vertreter in voller Rüstung auf den Plan zu schicken, um einander in Ergebenheitsbeweisen für die Grandets zu überbieten. Am Morgen dieses Tages hatte ganz Saumur gesehen, wie Mademoiselle und Madame Grandet, von Nanon begleitet, sich in die Pfarrkirche zur Messe begeben hatten, und ein jeder erinnerte sich, daß heute Mademoiselle Eugénies Geburtstag war. Aber der Notar Cruchot, der Abbé Cruchot und Monsieur Cruchot de Bonfons berechneten, wann das Abendessen beendet sein könne, und beeilten sich, vor den des Grassins zu erscheinen, um die ersten zu sein, die Mademoiselle Grandet gratulierten. Alle drei trugen riesige Bukette in Händen; die Blumen dazu hatte jeder seinem kleinen Gewächshaus entnommen. Der Strauß, den der Präsident zu überreichen gedachte, war sehr sinnig von einem weißen Atlasband mit goldenen Fransen umwunden.

An diesem Morgen war Monsieur Grandet, wie das am Geburts- und auch am Namenstage seiner Tochter seine Gewohnheit war, an ihr Bett getreten und hatte ihr feierlich sein väterliches Geschenk überreicht, das seit dreizehn Jahren in irgendeiner seltenen Goldmünze bestand. Madame Grandet beschenkte ihre Tochter regelmäßig mit einem Winter- oder Sommerkleid, je nach der Jahreszeit. Diese beiden Gewänder und die Goldstücke, die sie auch noch am Neujahrstag und am Namenstag ihres Vaters erhielt, bildeten ein kleines Einkommen von etwa hundert Talern, von dem Grandet gern sah, daß sie es sparte. Hieß das nicht, sein Geld von einer Kasse in die andere tun und in der Tochter den eigenen Geiz großziehen? Dann und wann verlangte er von ihr Rechenschaft über ihren Goldschatz, der auch durch das Erbe der la Bertellière vergrößert worden war; und oftmals sagte er zu ihr: »Dies wird dein Heiratsdutzend sein!«

Das »Dutzend« ist ein alter Brauch, der in einigen Gegenden Mittelfrankreichs noch geübt und heilig gehalten wird. Wenn in Berry oder in Anjou ein junges Mädchen heiratet, muß ihre Familie oder die Familie ihres Gatten ihr eine Börse geben, in der sich, je nach dem Vermögen, zwölf oder zwölf Dutzend oder zwölfhundert Geldstücke befinden. Die ärmste Hirtin heiratet nicht ohne ihr »Dutzend«, mag es auch nur aus klotzigen Sousstücken bestehen. Noch heute erzählt man sich in Issoudun von dem »Dutzend« einer reichen Erbin, das hundertvierundvierzig Goldportugiesen enthielt. Papst Clemens VII., Onkel der Katharina von Medici, der sie an Heinrich II. verheiratete, machte ihr bei diesem Anlaß ein Dutzend alter Goldmünzen von außerordentlichem Wert zum Geschenk.

Während des Abendessens hatte Vater Grandet, ganz glücklich, seine Eugénie durch ein neues Kleid verschönt zu sehen, ausgerufen: »Nun, da heute Eugénies Geburtstag ist, so wollen wir ein Feuerchen machen. Das wird von guter Vorbedeutung sein.«

»Mademoiselle wird gewiß in diesem Jahre heiraten«, sagte die Große Nanon, indem sie die Reste einer Ente – des Fasans der Böttcherkreise – abtrug.

»Ich sehe keine geeignete Partie für sie in Saumur«, erwiderte Madame Grandet mit einem schüchternen Blick auf ihren Mann, einem Blick, der die ganze eheliche Knechtschaft verriet, unter der die arme Frau schmachtete. Grandet musterte seine Tochter und rief erfreut: »Sie wird heute dreiundzwanzig Jahre; man muß sich bald mit ihr befassen!«

Eugénie und ihre Mutter warfen sich einen Blick des Einverständnisses zu.

Madame Grandet war ein mageres, welkes Weib, quittengelb, linkisch und langsam; eine jener Frauen, die wie geschaffen scheinen, um tyrannisiert zu werden. Sie war grobknochig, hatte eine große Nase, eine breite Stirn und große Augen und erinnerte beim ersten Anblick ein wenig an holzige Früchte, die weder Saft noch Süße haben. Ihre Zähne waren schwarz und lückenhaft, ihr Mund war welk, ihr Kinn spitz und hervorstehend. Sie war eine ausgezeichnete Gattin, eine echte la Bertellière, und der Abbé Cruchot sagte ihr wohl gelegentlich, daß sie sicherlich keine große Sünderin sei, und sie glaubte ihm gern. Eine engelhafte Sanftmut, seltene Frömmigkeit, unerschütterliche Seelenruhe, ein gutes Herz und die Resignation des Insekts, das den täppischen Händen eines Kindes überliefert ist – das waren Gaben, die man an ihr bewunderte.

Ihr Mann gab ihr nie mehr als sechs Francs auf einmal für ihre kleinen Ausgaben. Wenn schon diese Frau Monsieur Grandet als Mitgift und als Erbe mehr als dreihunderttausend Francs eingebracht hatte, verbot ihr ihre Sanftmut doch, sich gegen die demütigende Abhängigkeit aufzulehnen, in der Grandet sie erhielt. Sie brachte es nicht fertig, auch nur einen Sou zu verlangen, und hatte nie ein Wort der Ablehnung, wenn der Notar Cruchot ihr allerlei Akten zur Unterschrift vorlegte. Dieser geheime Edelsinn, ihr von Grandet beständig verkannter und verletzter Seelenadel beherrschte ihr ganzes Wesen.

Madame Grandet trug stets ein Kleid aus grünlicher Levantine, das Jahr für Jahr durch ein neues ersetzt wurde, ferner ein großes weißes Brusttuch, einen derben Strohhut und fast immer eine Schürze aus schwarzem Taft. Da sie selten ausging, brauchte sie wenig Schuhwerk. Kurz, sie brauchte nie irgend etwas für sich. Es kam wohl vor, daß Grandet Gewissensbisse spürte, wenn ihm einfiel, daß es schon lange her sei, seit er seiner Frau die letzten sechs Francs gegeben habe; dann stiftete er ihr ein Nadelgeld vom Erlös seiner Jahresernte. Die vier oder fünf Louisdors des Holländers oder Belgiers, der Grandets Weinlese kaufte, bildeten die hauptsächlichsten Einkünfte von Madame Grandet. Aber oft, wenn sie ihre fünf Louis erhalten hatte, sagte ihr Gatte – so, als ob sie gemeinsame Kasse führten: »Kannst du mir ein paar Sous leihen?« Und die arme Frau war glücklich, einem Mann gefällig sein zu können, den ihr Beichtvater als Herrn und Meister über sie gesetzt hatte, und im Laufe des Winters gab sie ihm von ihrem Nadelgeld so manchen Taler wieder heraus.

Wenn Grandet das Hundertsousstück aus der Tasche zog, das er seiner Tochter monatlich für kleine Privatausgaben, wie Garn und Nadeln und ähnliches, ausgesetzt hatte, so versäumte er nie, sich an seine Frau zu wenden: »Und du, die Mutter, willst du irgend etwas?« »Lieber Mann«, erwiderte Madame Grandet mit mütterlicher Würde, »das wird sich gelegentlich ergeben.« Verschwendeter Zartsinn! Grandet hielt sich für sehr nobel seiner Frau gegenüber.

Haben sie da nicht recht, die Philosophen, die solch einer Nanon oder Eugénie oder Madame Grandet begegnen – haben sie nicht recht, wenn sie sagen, daß die Ironie der grundlegendste Charakterzug der Vorsehung sei?

Nachdem dieses Abendessen, wo zum erstenmal von Eugénies Heiratsfähigkeit die Rede gewesen, beendet war, holte Nanon aus Monsieur Grandets Zimmer eine Flasche Johannisbeerlikör und hatte das Mißgeschick, beim Heruntersteigen der Treppe auszugleiten und hinzufallen.

»Du Schaf«, rief ihr Herr ihr zu, »stolperst du auch schon wie die andern, wie?«

»Das ist immer die eine Stufe, Monsieur – da, wo das Brett locker ist.«

»Sie hat recht«, bemerkte Madame Grandet; »du hättest sie schon lange in Ordnung bringen sollen. Gestern hätte Eugénie sich fast den Fuß verstaucht.«

»Halt«, sagte Grandet, als er sah, daß Nanon ganz blaß war, »da heute Eugénies Geburtstag ist und du dir Schaden getan hast, sollst du ein Gläschen Likör bekommen; das wird dir gut tun.«

»Ja, das hab ich diesmal redlich verdient«, sagte Nanon.

»Manch einem andern wäre wohl die Flasche in Scherben gegangen; aber ich hielt sie in die Höhe und hätte mir lieber den Arm gebrochen.«

»Die arme Nanon«, sagte Grandet, als er ihr den Likör einschenkte.

»Hast du dir weh getan?« fragte Eugénie, sie aufmerksam betrachtend.

»Nein, ich habe mich auf den Hintern gesetzt.«

»Na«, sagte Grandet, »weil also Eugénies Geburtstag ist, so will ich euch eure Treppenstufe ausbessern; ihr versteht eben alle nicht, den Fuß in der Ecke aufzusetzen, dort, wo sie noch fest ist.«

Grandet nahm das Licht, ließ Frau, Tochter und Magd bei der spärlichen Beleuchtung des Kaminfeuers zurück und ging in das Backhaus, um Bretter, Nägel und Werkzeug zu holen.

»Sollen wir Ihnen helfen?« rief Nanon, als sie ihn auf der Treppe hämmern hörte.

»Nein, nein! Darauf versteh ich mich allein«, erwiderte der frühere Böttchermeister.

Gerade jetzt, als Grandet eigenhändig seine morsche Treppe reparierte und in Erinnerung an seine Jugendzeit aus vollem Halse dazu pfiff, pochten die drei Cruchots ans Tor.

»Sind Sie es, Monsieur Cruchot?« fragte Nanon, durchs Gitterfensterchen blickend.

»Ja!« erwiderte der Präsident.

Nanon öffnete die Tür. Der Widerschein des Kaminfeuers, der durch die Halle irrte, erlaubte den drei Cruchots, den Eingang zum Saal zu überblicken.

»Ah! Sie sind Festbesucher«, sagte Nanon, die die Blumen roch.

»Entschuldigen Sie, Messieurs«, rief Grandet, der die Stimmen seiner Freunde erkannte, »ich stehe gleich zu Diensten. Ich bin nicht hochmütig, wie Sie sehen – repariere meine Treppe selber.«

»Nur zu, nur zu, Monsieur Grandet! Zu Hause ist auch ein Köhler Bürgermeister«, sagte der Präsident geziert und lachte über seinen Witz, den niemand verstand.

Madame und Mademoiselle Grandet erhoben sich.

Der Präsident machte sich die augenblickliche Dunkelheit zunutze und wandte sich an Eugénie: »Mademoiselle, gestatten Sie mir, Ihnen heute – an Ihrem Geburtstag – eine Reihe glücklicher Jahre zu wünschen und den Fortbestand der Gesundheit, derer Sie sich zur Zeit erfreuen.«

Er überreichte ihr nun seinen großen Strauß seltener Blumen; dann ergriff er die Erbin bei den Ellbogen und küßte sie auf beide Seiten des Halses – mit einem Wohlgefallen, das Eugénie schamrot machte.

Der Präsident, der mit seinem braunroten Kopf aussah wie ein dicker rostiger Nagel, suchte ihr auf diese Weise seine Verehrung zu bezeigen.

»Genieren Sie sich nicht, Monsieur le Président«, sagte Grandet beim Wiedereintreten. »Wie eifrig Sie an so einem Festtag sind!«

»Oh! In Mademoiselle Eugénies Gesellschaft wäre meinem Neffen wohl jeder Tag ein Festtag«, bemerkte der Abbé Cruchot hinter seinem Blumenstrauß hervor. Dann küßte der Abbé Eugénie die Hand.

Der Notar Cruchot aber küßte das junge Mädchen mit aufrichtiger Herzlichkeit auf beide Wangen und sagte: »Wie das uns weiterschiebt, voranbringt! Jedes Jahr zwölf Monate . . .«

Grandet, der nie eines selbsterfundenen Scherzes müde wurde, sondern ihn bis zum Überdruß wiederholte, wenn er ihm besonders gefiel, stellte das Licht auf den Kaminsims zurück und sagte: »Da heute Eugénies Geburtstag ist, wollen wir die Armleuchter anzünden.«

Er hob sorgsam aus jedem Leuchter den gewundenen Rosenast heraus, setzte die Lichtdille in das Fußgestell ein, ließ sich von Nanon eine zweite, am Ende mit einem Papierstreifchen umwickelte Kerze reichen, drückte sie ins Loch, preßte sie fest und zündete sie an; dann setzte er sich neben seine Frau und betrachtete abwechselnd den Besuch, seine Tochter und die beiden Kerzen.

Der Abbé Cruchot, ein kleiner, dicker Mann mit einer fuchsroten glatten Perücke, streckte seine Füße, die in derben, mit Silberschnallen gezierten Schuhen steckten, behaglich von sich und sagte: »Die des Grassins sind nicht gekommen?«

»Noch nicht«, antwortete Grandet.

»Aber sie werden kommen?« forschte der alte Notar und verzerrte sein pockennarbiges Gesicht zu einer fragenden Grimasse.

»Ich glaube wohl«, erwiderte Madame Grandet.

»Ist Ihre Weinlese beendet?« wandte sich der Präsident de Bonfons an Grandet.

»Überall!« sagte der alte Weinbauer, indem er sich erhob und im Zimmer auf und ab zu schreiten begann. Und er reckte die Brust mit einem Selbstbewußtsein, das trefflich zu dem dünkelhaften Tonfall seines »Überall« paßte.

Da gewahrte er durch die offene Flurtür, die in die Küche führte, die Große Nanon, die beim Herdfeuer saß, ein Licht neben sich hatte und spann. Sie hatte sich hierher zurückgezogen, um die Festgesellschaft nicht zu stören.

»Nanon«, rief er, in den Flur hinaustretend, »willst du wohl dein Feuer ausmachen und dein Licht und sofort zu uns kommen! Der Saal ist wahrhaftig groß genug für uns alle!«

»Aber, Monsieur, Sie bekommen vornehme Gäste.«

»Bist du ihrer nicht ebenbürtig? Sie stammen alle von Adam ab, gerade wie du.«

Grandet trat zum Präsidenten zurück und fragte: »Haben Sie Ihre Ernte verkauft?«

»Nein, nein! Ich behalte sie. Ist der Wein heuer gut, so wird er in zwei Jahren noch besser sein. Sie wissen es ja: die Weingutsbesitzer haben sich geschworen, nicht von den einmal geforderten Preisen abzuweichen; diesmal werden die Belgier nicht den Sieg davontragen! Wenn sie unsern Wein brauchen, werden sie wiederkommen.«

»Ja; aber halten wir uns wacker«, sagte Grandet in einem Ton, der den Präsidenten erbeben machte.

›Sollte er schon in Unterhandlungen stehen?‹ fragte sich Cruchot im stillen.

In diesem Augenblick verkündete der Hammerschlag des Türklopfers die Ankunft der Familie des Grassins; ihr Eintritt beendete das Gespräch, das sich soeben zwischen Madame Grandet und dem Abbé entsponnen hatte.

Madame des Grassins war eine kleine, dicke Person mit weißem und rosigem Teint, eine jener Frauen, die dank der klösterlichen Sitten des Provinzlebens und dank eines tugendhaften Lebenswandels noch mit vierzig Jahren einen jugendlichen Eindruck machen. Sie sind wie die letzten Rosen des Sommers, deren Anblick erfreut, deren Blütenblätter aber seltsam kühl und duftlos sind. Sie kleidete sich ziemlich gut, bestellte ihre Toiletten in Paris, war in Saumur tonangebend und hielt Soireen ab. Ihr Gatte, ehemaliger Quartiermeister der kaiserlichen Garde, aber bei Austerlitz schwer verwundet und infolgedessen in den Ruhestand versetzt, hatte ungeachtet seiner Hochschätzung Grandets die derbe, gebieterische Redeweise des Offiziers beibehalten.

»Bonjour, Grandet«, sagte er, dem Weinbauer die Hand reichend. Sein Ton hatte eine Überlegenheit, die die Cruchots ganz vernichtete. »Mademoiselle«, wandte er sich an Eugénie, nachdem er Madame Grandet begrüßt hatte, »Sie sind immer schön und klug – ich weiß wahrhaftig nicht, was man Ihnen wünschen kann.«

Dann überreichte er ihr ein kleines Kästchen, das sein Diener ihm nachgetragen hatte und das eine ›Bruyère du Cap‹ enthielt, eine erst unlängst in Europa eingeführte und sehr seltene Blume.

Madame des Grassins umarmte Eugénie innig, drückte ihr die Hand und sagte: »Adolphe hat es übernommen, Ihnen mein kleines Geschenk zu überreichen.«

Adolphe war ein großer, blonder junger Mann, etwas bleich und schwächlich, von guten Manieren und schüchternem Auftreten; immerhin hatte er es fertiggebracht, in Paris als Student der Rechte acht- bis zehntausend Francs mehr auszugeben, als sein Wechsel betrug.

Er trat auf Eugénie zu, küßte sie auf beide Wangen und übergab ihr ein Nähkästchen, dessen sämtliche Utensilien aus vergoldetem Silber waren; im übrigen waren sie herzlich minderwertig, trotz des auf das Schloßblech eingravierten Monogramms E G, das dem Ganzen den Eindruck einer gewissen Solidität verlieh.

Eugénie öffnete das Kästchen und empfand beim Anblick seines funkelnden Inhalts eine so innige Freude, daß sie wie ein ganz junges Mädchen errötete und erbebte. Sie blickte ihren Vater an, als wollte sie fragen, ob er ihr die Annahme dieses so kostbaren Geschenks gestattete, und Monsieur Grandet sagte ein »Nimm, meine Tochter!«, dessen Betonung einem Schauspieler zur Ehre gereicht haben würde.

Die drei Cruchots sahen verblüfft, welch leuchtenden Blick die Erbin, der solche Reichtümer unerhört schienen, dem bescheidenen Adolphe spendete.

Monsieur des Grassins bot Grandet eine Prise an, nahm selbst auch eine, schüttelte dann die Körnchen vom Ordensbändchen der Ehrenlegion, das das Knopfloch seines blauen Rockes zierte, und blickte auf die Cruchots, als wollte er sagen: ›Nun pariert einmal diesen Stoß.‹

Madame des Grassins ließ die Blicke zu den blauen Kelchgläsern wandern, in denen die Sträuße der Cruchots standen, und suchte mit der gut gespielten Naivität der maliziösen Frau nach den Geschenken der drei.

Die Situation war peinlich; man gruppierte sich im Halbkreis um das Kaminfeuer. Diesen Augenblick benutzte der Abbé Cruchot, um sich dem noch immer auf und ab wandernden Grandet zu nähern. Als die beiden Alten in der Fensterecke waren, die von den des Grassins am weitesten entfernt war, flüsterte der Geistliche dem Geizhals ins Ohr: »Diese Leute da werfen das Geld zum Fenster hinaus.«

»Was tut das, da es in meinen Keller fällt?« entgegnete der alte Weinbauer.

»Sie haben selber die Mittel, um Ihrer Tochter goldene Scheren zu schenken«, zischelte der Abbé.

»Ich schenke ihr mehr als Scheren«, versetzte Grandet.

›Mein Neffe ist ein Esel‹, dachte der Abbé, mit einem Blick auf den Präsidenten, dessen zerzauste Haare sein unschönes rotes Gesicht noch häßlicher machten, – ›hätte er sich nicht auch eine kleine kostspielige Albernheit ausdenken können?‹

»Lassen Sie uns ein Spielchen machen, Madame Grandet«, sagte Madame des Grassins. »Aber wir sind heute alle beisammen, da füllen wir zwei Tische . . .«

»Da heute Eugénies Geburtstag ist, könntet ihr eigentlich alle zusammen Lotto spielen«, sagte Vater Grandet; »die beiden Kinder sind gern dabei.«

Der frühere Böttchermeister, der sich nie an irgendeinem Spiel beteiligte, wies auf seine Tochter und Adolphe. »Nur zu, Nanon, richte die Tische!«

»Wir werden Ihnen helfen, Nanon«, sagte Madame des Grassins fröhlich. Sie war ganz glücklich, Eugénie eine so große Freude bereitet zu haben.

»In meinem ganzen Leben hat mir noch nichts soviel Freude gemacht«, sagte die Erbin zu ihr; »ich habe noch nie etwas so Hübsches gesehen.«

»Adolphe hat das Kästchen in Paris ausgewählt und hat es mitgebracht«, flüsterte ihr Madame des Grassins ins Ohr.

›Nur zu, verfluchte Intrigantin‹, grollte der Präsident in sich hinein. ›Solltest du jemals in einen Prozeß geraten – du oder dein Mann –, so soll es euch nicht leicht werden, Sieger zu sein.‹

Der Notar sah aus seinem Winkel heraus zum Abbé hinüber und dachte sorglos: ›Mögen sich die des Grassins nur anstrengen! Mein Vermögen, zusammen mit dem meines Bruders und dem meines Neffen, ergibt elfmalhunderttausend Francs. Die des Grassins haben höchstens halb soviel, und außerdem haben sie noch eine Tochter. Sie können machen, was sie wollen – Erbin und Geschenke sind eines Tages unser.‹

Um halb neun Uhr abends waren die zwei Tische zum Lottospiel vorbereitet. Der hübschen Madame des Grassins war es gelungen, ihren Sohn an Eugénies Seite zu setzen.

Es war ein interessantes Bild. Alle Spieler schienen eifrig bei der Sache; jeder hatte eine buntbemalte numerierte Karte und kleine blaue Glasstückchen, und alle schienen den Späßen des alten Notars zu lauschen, der keine Nummer ausrief, ohne sie mit einem Scherzwort zu begleiten. Man schien zu lauschen – aber in Wahrheit dachten alle an die Millionen von Monsieur Grandet.

Der alte Böttcher betrachtete wohlgefällig die duftige Toilette Madame des Grassins, den martialischen Kopf des Bankiers, die Mienen Adolphes, des Präsidenten, des Abbés, des Notars, und sagte sich: ›Sie sind nur meinen harten Talern zuliebe hier. Sie kommen und langweilen sich bei mir – alles wegen meiner Tochter. Ho, keiner von ihnen soll sie bekommen; aber sie sollen mir alle als Angelhaken dienen – jeder in seiner Weise!‹

Die familiäre Fröhlichkeit in diesem düstern, von zwei Kerzen spärlich erhellten Salon, das Scherzen und Lachen, das die Große Nanon mit surrendem Spinnrad begleitete und das nur auf den Lippen Eugénies und ihrer Mutter aufrichtig war – diese ganze kleinliche Gemeinheit, die so großen Interessen nachschlich – das arglose junge Mädchen, das man wie einen seltenen Vogel umlauerte und mit hinterlistigen Freundschaftsbeweisen belästigte –, alles trug dazu bei, diese abendliche Szene tragikomisch zu gestalten. Und ist dies nicht ein Spiel, das an allen Orten und zu allen Zeiten vor sich geht – nur daß es sich hier auf eine einfache Szenerie und einfache Ausdrucksmittel beschränkte?

Die Gestalt Grandets, der die falsche Anhänglichkeit der beiden Familien benutzte, um daraus ungeheuren Vorteil zu ziehen, beherrschte das Drama und beleuchtete es. Ist er, der Mammon, nicht heute der einzige Gott, an den man glaubt? Spricht seine souveräne Macht nicht deutlich aus so manchem Antlitz?

Hier im Hause Grandet nahmen die stillen Freuden des Lebens nur ein bescheidenes Plätzchen ein; sie belebten drei reine Herzen: die Herzen Nanons, Eugénies und ihrer Mutter. Übrigens – wie viel Unwissenheit in ihrer Naivität! Eugénie und ihre Mutter wußten nichts vom Vermögen Grandets; sie betrachteten die Dinge des Lebens nur im Licht ihrer eigenen blassen Gedanken und hatten für das Geld weder Verehrung noch Verachtung, da sie gewohnt waren, es entbehren zu können. Ihr starkes Empfinden, das ohne ihr Wissen verletzt wurde, ihre zurückgezogene Lebensweise bildeten eine seltsame Ausnahme in diesem Kreis von Leuten, deren ganzes Dasein nur materiellen Interessen diente. Abscheuliche Eigenschaft des Menschen! Es kann für ihn kein Glück geben, das nicht irgendeiner Unkenntnis entspringt.

Gerade als Madame Grandet einen Lottogewinn von sechzehn Sous einstreichen konnte, der ansehnlichste Betrag, der jemals in diesem Raum beim Spiel ausgezahlt worden war, und die Große Nanon mit breitem Lachen zusah, wie ihre Herrin diese beträchtliche Summe zusammenraffte, erdröhnte ein Schlag des Türklopfers, und zwar mit so gewaltigem Lärm, daß die Frauen erschreckt von den Sitzen sprangen.

»So laut klopft kein Saumuraner«, sagte der Notar.

»Wie kann man nur so klopfen«, verwunderte sich Nanon; »will man uns die Tür einschlagen?«

»Wer zum Teufel kann das sein?« rief Grandet.

Nanon ergriff eine der beiden Kerzen und ging, begleitet von Grandet, hinaus.

»Grandet, Grandet!« rief seine Frau und eilte, von unbestimmter Furcht erfaßt, an die Saaltür.

Alle Spieler sahen einander an.

»Wenn wir mal nachsähen?« sagte Monsieur des Grassins. »Der Schlag war zweifellos böswillig.« Er trat zur Tür und vermochte im Dunkel des Ganges die Gestalt eines jungen Mannes zu erkennen, dem der Postträger, beladen mit zwei mächtigen Koffern und mehreren Reisetaschen, folgte.

Grandet wandte sich brüsk um und sagte: »Madame Grandet, gehen Sie zu Ihrem Lotto. Ich werde mich mit Monsieur schon allein verständigen.«

Dann zog er die Saaltür heftig hinter sich zu, und die Spieler nahmen ihre Plätze wieder ein, ohne jedoch das Spiel fortzusetzen.

»Ist es jemand aus Saumur, Monsieur des Grassins?« fragte dessen Gattin.

»Nein, es ist ein Fremder.«

»Er kann nur aus Paris kommen.«

»In der Tat«, sagte der Notar, seine zweidaumendicke Uhr ziehend, die klobig war wie eine holländische Barke, »es ist neun Uhr. Pest! Der Eilwagen des Grand Bureau verspätet sich nie.«

»Und ist der Herr jung?« fragte der Abbé Cruchot.

»Ja«, erwiderte Monsieur des Grassins; »er hat ein paar Koffer bei sich, die mindestens dreihundert Kilo wiegen.«

»Nanon kommt gar nicht wieder«, bemerkte Eugénie.

»Das kann nur ein Verwandter von Ihnen sein«, sagte der Präsident.

»Spielen wir weiter«, mahnte Madame Grandet leise. »An Monsieur Grandets Stimme habe ich erkannt, daß er selbst bestürzt ist; er wird ärgerlich werden, wenn er sieht, daß wir uns mit seinen Angelegenheiten befassen.«

»Mademoiselle«, wandte sich Adolphe zu seiner Nachbarin, »es ist sicherlich Ihr Cousin Grandet, ein recht hübscher junger Mann, dem ich auf dem Ball des Monsieur de Nucingen begegnet bin.«

Adolphe sprach nicht weiter; seine Mutter hatte ihn auf den Fuß getreten. Dann verlangte sie mit lauter Stimme zwei Sous Spieleinsatz von ihm und flüsterte ihm darauf ins Ohr: »Wirst du den Mund halten, du Dummkopf!«

In diesem Augenblick trat Monsieur Grandet wieder ein – ohne die Große Nanon, deren Schritte man neben den wuchtigen Tritten des Postträgers auf der Treppe knarren hörte. In Grandets Begleitung befand sich der fremde Reisende, der nun schon geraume Zeit die Gemüter so erregt und neugierig gestimmt hatte, daß man seine unerwartete Ankunft in diesem Hause und sein Eindringen in diesen Kreis mit dem plötzlichen Sturz einer Schnecke in einen Ameisenhaufen vergleichen könnte oder mit dem Herabfallen eines bunten Pfaus in irgendeinen dunklen Hofwinkel.

»Setzen Sie sich ans Feuer«, sagte Grandet zu ihm.

Ehe er sich niederließ, grüßte der junge Fremde sehr anmutig die Versammelten. Die Herren erhoben sich, um mit einer höflichen Verbeugung zu antworten, und die Damen neigten zeremoniös den Kopf.

»Es ist Ihnen gewiß kalt, Monsieur?« fragte Madame Grandet. »Kommen Sie vielleicht von . . .?«

»Sieh da, diese Frauen!« sagte der alte Weinbauer, die Lektüre eines Briefes unterbrechend. »Laßt doch Monsieur sich erst erholen.«

»Aber, Vater, Monsieur braucht vielleicht dies oder jenes«, sagte Eugénie.

»Er hat ja einen Mund«, erwiderte der Weinbauer streng.

Der Unbekannte war der einzige, den diese Szene verblüffte. Die andern waren mit dem despotischen Wesen des Biedermanns vertraut.

Als die beiden Fragen nun ihre Antworten erhalten hatten, stand der Unbekannte auf, stellte sich mit dem Rücken gegen das Feuer, hob einen Fuß, um die betreffende Schuhsohle an der Wärme des Feuers zu trocknen, und sagte zu Eugénie: »Ich danke Ihnen, liebe Cousine; ich habe in Tours gespeist. Und«, fügte er mit einem Blick auf Grandet hinzu, »ich habe gar nichts nötig; ich bin sogar kaum ein wenig müde.«

»Kommen Monsieur aus Paris?« fragte Madame des Grassins.

Als Monsieur Charles – so nannte sich der Sohn von Monsieur Grandet in Paris – sich angeredet hörte, ergriff er ein Lorgnon, das ihm an einem Kettchen vom Halse hing, hielt es ans rechte Auge, um zu erforschen, was auf und um den Tisch zu sehen sei, betrachtete Madame des Grassins lange und impertinent und sagte endlich: »Jawohl, Madame. – Sie spielen Lotto, liebe Tante?« fügte er hinzu. »Ich bitte Sie dringend, sich nicht stören zu lassen; es ist ein unterhaltendes Spiel – man sollte es nicht abbrechen.«

›Oh, ich wußte ja, daß es der Cousin sei‹, dachte Madame des Grassins, indem sie ihm verstohlene Blicke zuwarf.

»Siebenundvierzig!« rief der alte Abbé, »setzen Sie, Madame des Grassins; es ist doch wohl Ihre Nummer?«

Monsieur des Grassins legte ein Glasplättchen auf die Karte seiner Frau, die, von traurigen Vorahnungen ergriffen, abwechselnd auf den Cousin aus Paris und Eugénie starrte, ohne an das Lotto zu denken. Die junge Erbin warf ab und zu einen heimlichen Blick auf ihren Cousin, und die Frau des Bankiers konnte in diesen Blicken bald ein Wachsen an Bewunderung und Neugier wahrnehmen.

Monsieur Charles Grandet, ein hübscher junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, bot einen seltsamen Kontrast mit den guten Provinzlern, die seine aristokratischen Manieren empörten und die sein Benehmen eifrig studierten, um sich insgeheim darüber lustig zu machen.

Das bedarf einer Erklärung. Mit zweiundzwanzig Jahren sind die jungen Leute ihrer Kindheit noch nahe genug, um Gefallen an Kindereien zu finden, und gewiß trifft man unter hundert von ihnen neunundneunzig, die sich ebenso betragen haben würden, wie Charles Grandet sich benahm. Einige Tage vor diesem Abend hatte sein Vater ihn veranlaßt, für ein paar Monate zu seinem Bruder nach Saumur zu fahren. Vielleicht dachte Monsieur Grandet in Paris an Eugénie. Charles, der zum erstenmal in die Provinz geraten sollte, kam auf den Einfall, dort mit aller Überlegenheit eines jungen Mannes, der mit der Mode geht, aufzutreten. Er wollte durch seinen Luxus verblüffen, Aufsehen erregen und das Raffinement des Pariser Lebens veranschaulichen. Kurz, er wollte in Saumur noch mehr als in Paris seine Zeit darauf verwenden, sich die Nägel zu pflegen; in der auserlesensten Aufmachung aufzutreten, die ein eleganter junger Mann nur selten zugunsten einer nicht der Grazie entbehrenden Nonchalance aufgibt.

Charles stattete sich also mit dem entzückendsten Jagdkostüm, der entzückendsten Jagdflinte, dem entzückendsten Hirschfänger von Paris aus. Er versah sich mit einer Auswahl der interessantesten Westen: da waren graue, weiße, schwarze, goldkäferfarbene und mit Flitter benähte Westen, bunte und doppelreihige Westen, Westen mit spitzem Ausschnitt und solche mit schalartigem Umschlag, hochgeschlossene Westen und Westen mit Goldknöpfen. Er führte alle damals beliebten Varietäten von Kragen und Krawatten mit sich, zwei Gesellschaftsanzüge und die allerfeinste Leibwäsche. Er nahm sein goldenes Reisenecessaire mit; es war ein Geschenk seiner verstorbenen Mutter. Er nahm alle einem Stutzer unentbehrlichen Kleinigkeiten mit, darunter ein entzückendes Schreibzeug, das ihm die – für ihn wenigstens – liebenswürdigste der Frauen geschenkt hatte, die er Annette nannte und die sich gegenwärtig mit ihrem Gatten auf einer langweiligen Reise durch Schottland befand, einer Reise, die der Gemahl infolge einiger Verdachtsmomente eingeleitet hatte. Und er hatte sehr schönes Briefpapier mitgenommen, um seiner Annette alle vierzehn Tage einen Brief zu schreiben. Kurzum, es war eine ganze Schiffsladung unnützer Pariser Sächelchen – eine Sammlung; so vollständig, als es ihm nur möglich war; angefangen von der zur Einleitung eines Duells unentbehrlichen Reitpeitsche bis zu den schön ziselierten Pistolen, die dasselbe abschließen, enthielt sie alles Handwerkszeug, dessen ein junger Müßiggänger bedarf, um den Acker des Lebens zu bebauen.

Da sein Vater ihn gebeten hatte, allein und bescheiden zu reisen, hatte er einen eigens für ihn reservierten Eilwagen benutzt, wodurch es ihm möglich war, den für die spätere Reise zu seiner Annette bestellten eigenen Reisewagen vorläufig unberührt zu lassen; er wollte mit dieser Dame im kommenden Juni in Baden-Baden zusammentreffen.

Charles zählte darauf, bei seinem Onkel etwa hundert Personen anzutreffen; er gedachte in den Waldungen des Onkels Treibjagden zu veranstalten und überhaupt ein Herrenleben zu führen. Er hatte nicht erwartet, den Onkel in Saumur anzutreffen, wo er nur nach ihm gefragt hatte, um den Weg nach Froidfond zu erkunden; da er ihn nun aber in der Stadt wußte, erwartete er, ihn in einem Palast zu sehen. Um sich also bei seinem Onkel – sei es in Saumur, sei es in Froidfond – passend einzuführen, hatte er die koketteste Reisekleidung angelegt – nein, die auserlesenste, die ›anbetungswürdigste‹, um das Wort zu gebrauchen, das zu jener Zeit die äußerste Vollkommenheit einer Sache oder eines Menschen ausdrückte.

In Tours hatte ein Coiffeur sein schönes kastanienbraunes Haar frisch gelockt; er hatte die Wäsche gewechselt und eine schwarzseidene Krawatte angelegt, die sich mit einem runden Kragen verband, um sein zartes und strahlendes Gesicht angenehm zu umrahmen. Ein halboffener Reiseüberrock umschnürte seine Taille und ließ eine Kaschmirweste sehen, unter der eine andere, weiße Weste hervorblinkte. Seine Uhr war mit einer goldenen Kette an einem der Westenknöpfe befestigt. Seine grauen Hosen waren an den Seiten geknöpft, und schwarze Seidenstickereien verschönten die Nähte. Er handhabte anmutig einen Spazierstock, dessen goldene Krücke der Frische seiner grauen Handschuhe keinen Schaden tat. Seine Reisemütze endlich war von auserlesenem Geschmack.

Ein Pariser, nur ein Pariser aus den allerersten Kreisen konnte sich so herausstaffieren, ohne lächerlich zu erscheinen und allen diesen Nichtigkeiten eine alberne Einheitlichkeit zu geben. Im übrigen machte Charles einen selbstbewußten Eindruck, den Eindruck eines jungen Mannes, der schöne Pistolen, eine sichere Hand und – eine Annette besitzt.

Wer also die Überraschung sowohl der Saumuraner als des jungen Parisers ganz verstehen, das grelle Licht, das die übertriebene Eleganz des Fremden auf die grauen Schatten des Saales und der Anwesenden warf, recht deutlich sehen will, der versuche einmal, sich die Cruchots vorzustellen. Alle drei schnupften Tabak, und es fiel ihnen schon seit langem nicht mehr ein, die Nasentropfen abzuwischen oder die schwarzen Krümelchen zu entfernen, mit denen der Brustteil ihrer schmutziggrauen Hemden und ihre zerdrückten Kragen übersät waren. Ihre dünnen Krawatten umwanden ihren Hals wie Stricke. Ihr ungeheurer Wäschevorrat, der ihnen gestattete, nur zweimal im Jahre waschen zu lassen, hatte zur Folge, daß selbst die saubere Wäsche durch langes Lagern alt und grau aussah. Sie hatten alle drei einen banalen Geschmack und viel Greisenhaftes. Ihre Gesichter waren ebenso verfleckt wie ihre verschnupften Gewänder, ebenso verdrückt wie ihre Hosen; sie erschienen zusammengeschrumpft und fratzenhaft. Die allgemeine Vernachlässigung der anderen Kleidungsstücke, alle waren abgetragen und paßten nicht zueinander, wie das in der Provinz so ist, wo man unmerklich dahin gelangt, daß die einen sich nicht mehr für die anderen kleiden und auf den Preis eines Paars Handschuhe achten, stimmte mit der Gleichgültigkeit der Cruchots überein. Der Abscheu vor der Mode war der einzige Punkt, in dem die Grassinisten und die Cruchotaner einander vollkommen verstanden.

Führte der Pariser sein Glas ans Auge, um die einzelnen Einrichtungsgegenstände des Saales in Augenschein zu nehmen: die Balken der Decke, die braune Holzverkleidung der Wände oder die Punkte, welche die Fliegen darauf hinterlassen hatten und deren Zahl sicherlich ausgereicht hätte, um die ›Encyclopédie méthodique‹ und den ›Moniteur‹ zu punktieren – sogleich erhoben die Lottospieler die Nase und betrachteten ihn ihrerseits mit ebensoviel Neugier, als ob sie eine Giraffe vor sich hätten.

Auch Monsieur des Grassins und sein Sohn, denen ein Modegeck nichts Unbekanntes war, beteiligten sich am Staunen der andern, sei es, daß die allgemeine Stimmung auch sie in ihren Bann zog, sei es, daß es ihnen wohltat, den andern durch bedeutsame Blicke zu verstehen zu geben: ›So sind sie in Paris.‹

Übrigens konnten sich alle der Betrachtung Charles' hingeben, ohne Besorgnis, dem Herrn des Hauses zu mißfallen. Grandet war in die Lektüre eines langen Briefes vertieft, zu welchem Zweck er sich rücksichtslos der einzigen Kerze bemächtigt hatte.

Eugénie, die noch nie im Leben einen so reizenden Menschen, eine so prächtige Kleidung gesehen hatte, glaubte in ihrem Cousin ein höheres Wesen zu erblicken. Sie sog mit Entzücken den Duft ein, der seinen lieblich gelockten Haaren entströmte. Sie hätte gar zu gern das seidenweiche Leder seiner feinen Handschuhe berührt. Sie beneidete Charles um seine kleinen Hände, um die Frische und Zartheit seines Teints. Es war ganz selbstverständlich, daß der junge Élégant auf Eugénies schlichtes Gemüt einen so tiefen Eindruck machte. Ihr Leben hatte sich hier unter den dunklen Deckenbalken abgespielt, im ewigen Einerlei der Arbeit. Tagein, tagaus stopfte sie Strümpfe, flickte sie die Anzüge ihres Vaters und hatte als einzige Ablenkung die Aussicht auf die stumme Straße, ohne doch in der Stunde mehr als einen Vorübergehenden zu erblicken. Der Anblick ihres Cousins erweckte in ihr etwa dieselben Entzückungen, die einem jungen Mann die traumhaften Frauengestalten Westalls bereiten, die so fein gestochen sind, daß man fürchtet, ein starker Atemzug könnte die himmlischen Wesen fortblasen.

Charles zog nun ein Taschentuch hervor, das die vornehme Dame, die jetzt in Schottland reiste, ihm gestickt hatte. Als Eugénie diese hübsche Arbeit gewahrte, die Annette in Stunden der Liebe angefertigt hatte, blickte sie voll Aufmerksamkeit zum Cousin auf, um zu sehen, ob er sich wirklich dieses Tuches profanerweise zu bedienen gedenke. Die Manieren Charles', seine Gesten, die Art, wie er das Lorgnon handhabte, seine erkünstelte Dreistigkeit, seine offensichtliche Verachtung für das Kästchen, das der Erbin so ungeheure Freude bereitet hatte und das er wohl wertlos oder geschmacklos fand, kurz alles, was die Cruchots und die des Grassins empörte, gefiel ihr so gut, daß sie vor dem Einschlafen noch lange von diesem Phönix aller Cousins träumen mußte.

Das Spiel ging sehr langsam vonstatten, und bald wurde es ganz unterbrochen. Die Große Nanon trat ein und sagte laut: »Madame Grandet, ich brauche Wäsche, um Monsieur das Bett zu richten.«

Madame Grandet erhob sich und folgte Nanon hinaus. Nun sagte Madame des Grassins mit leiser Stimme: »Behalten wir unsere Sous und hören wir auf zu spielen.«

Jeder nahm aus der alten zerbrochenen Untertasse seine zwei Sous wieder heraus. Dann erhob sich die ganze Gesellschaft und machte eine Viertelschwenkung zum Feuer.

»Sie haben aufgehört?« sagte Grandet, ohne von seinem Brief aufzublicken.

»Ja, ja«, erwiderte Madame des Grassins, indem sie neben Charles Platz nahm.

In Eugénie hatte dies erste Zuneigungsgefühl einen Gedanken geweckt, den wohl alle jungen Mädchen im gleichen Fall haben. Sie verließ den Saal, um ihrer Mutter und Nanon zu helfen. Wäre sie jetzt von einem eifrigen Beichtvater ins Gebet genommen worden, so hätte sie zweifellos zugegeben, daß es ihr weder um ihre Mutter noch um Nanon zu tun sei, daß sie vielmehr ein quälendes Verlangen habe, das Zimmer des Cousins in Augenschein zu nehmen, sich für den Cousin zu betätigen. Sie wollte Ordnung schaffen, nachsehen, ob nichts vergessen sei, kurzum, das Zimmer so nett und sauber wie möglich herrichten. Schon hielt Eugénie sich allein für befähigt, den Geschmack des Cousins nachempfinden zu können.

Sie kam tatsächlich gerade recht, um ihrer Mutter und Nanon, die alles getan zu haben meinten, nachzuweisen, daß noch gar nichts getan sei. Sie brachte die Große Nanon auf den Einfall, die kaltfeuchten Leintücher an einem Holzkohlenofen zu wärmen; sie bedeckte eigenhändig den alten Tisch mit einer sauberen Decke und schärfte Nanon ein, die Decke alltäglich durch eine frische zu ersetzen. Sie überzeugte ihre Mutter von der Notwendigkeit, im Kamin ein tüchtiges Feuer zu machen, und trug Nanon auf, einen Haufen Holz heraufzubringen und im Korridor aufzustapeln, dem Vater jedoch nichts davon zu sagen. Sie selbst lief in den Saal hinunter, nahm aus einem der Eckschränke ein altes Lacktablett, das aus der Hinterlassenschaft des alten Monsieur de la Bertellière stammte, ergriff ein sechseckig geschliffenes Glas, ein kleines vergoldetes Löffelchen, ein altertümliches Flakon, dem Amoretten eingraviert waren, und setzte das alles frohlockend in des Cousins Zimmer auf den Kaminsims. Sie hatte jetzt in einer Viertelstunde mehr Einfälle, als sie in ihrem ganzen bisherigen Leben gehabt hatte.

»Mama«, sagte sie, »der Cousin wird den üblen Geruch eines Talglichtes nicht aushalten; wollen wir nicht eine Wachskerze kaufen? . . .«

Leicht und heiter wie ein kleiner Vogel eilte sie in ihr Zimmer, holte ihre Geldbörse und entnahm derselben das Hundertsousstück, das sie für diesen Monat als Taschengeld erhalten hatte.

»Hier, Nanon«, sagte sie, »beeile dich!«

»Aber was wird dein Vater sagen?« Diesen schrecklichen Einwurf wagte Madame Grandet endlich, als ihre Tochter mit einer kostbaren Zuckerdose aus Sèvres herbeikam, die Grandet von Froidfond mitgebracht hatte. »Und wo willst du denn Zucker hernehmen? Bist du toll?«

»O Mama, Nanon kann ja außer der Kerze auch etwas Zucker kaufen.«

»Aber dein Vater?«

»Sollte er seinem Neffen nicht gestatten, ein Glas Zuckerwasser zu trinken? Übrigens wird er es gar nicht bemerken.«

»Dein Vater sieht alles«, sagte Madame Grandet kopfschüttelnd. Nanon zögerte, sie kannte ihren Herrn.

»So geh doch, Nanon – da heute mein Geburtstag ist.«

Nanon ließ ein breites Lachen hören und gehorchte, denn das war der erste Scherz, den ihre junge Herrin jemals gemacht hatte.

Während Eugénie und ihre Mutter derart beschäftigt waren, das von Monsieur Grandet seinem Neffen angewiesene Zimmer herzurichten, fühlte sich Charles als der Gegenstand der Aufmerksamkeit von Madame des Grassins; sie kokettierte mit ihm.

»Sie beweisen Mut, Monsieur«, sagte sie, »da Sie die Freuden der Großstadt verlassen, um den Winter in Saumur zu verbringen. Aber wenn Sie sich nicht allzusehr vor uns fürchten, so werden Sie sehen, daß man sich auch hier bei uns zu unterhalten weiß.«

Sie warf ihm einen koketten Blick zu, den Blick der Provinzlerin, der soviel Sprödigkeit und zögernde Begier enthält, wie der Blick des Mönchs, dem jede Freude als Raub oder Sünde erscheint.

Charles fühlte sich hier in diesem öden Saal so bedrückt, so himmelweit entfernt von dem prächtigen Landschloß und dem festlichen Leben, das er bei seinem Onkel vermutet hatte, daß er beim Anblick von Madame des Grassins schließlich immerhin etwas empfand, als sähe er das schwache Abbild einer Pariserin. Er dankte liebenswürdig für die halbe Einladung, die ihm soeben zuteil geworden war, und es entspann sich nun eine Unterhaltung, in deren Verlauf Madame des Grassins ihre Stimme leiser und leiser werden ließ, um sie mit der Diskretion ihrer Bekenntnisse in Einklang zu bringen. Sowohl sie als auch Charles hatten ein Bedürfnis, sich mitzuteilen. Nachdem sie eine Zeitlang kokett geplaudert und einander Schmeicheleien gesagt hatten, gelang es der gewandten Provinzlerin, während die andern vom Verkauf der Weinernte, dem Hauptgesprächsgegenstand von ganz Saumur, redeten und sie sich also unbeobachtet glaubte, ihm folgende Mitteilung zu machen: »Wenn Sie uns die Ehre Ihres Besuches geben würden, Monsieur, so würden Sie sicherlich meinem Mann ebenso wie mir eine große Freude machen. Unser Haus ist das einzige in Saumur, wo Sie sowohl die Spitzen der Kaufmannschaft als auch den Adel antreffen werden. Wir gehören beiden Gesellschaftskreisen an, und weil man sich gut unterhält bei uns, so gibt man sich da gern ein Stelldichein. Mein Mann – ich sage es mit Stolz – ist sowohl in diesen wie jenen Kreisen hochgeschätzt. Also wir wollen versuchen, in die Langeweile Ihres hiesigen Aufenthalts Abwechslung zu bringen. Wenn Sie nur bei Monsieur Grandet blieben, – großer Gott! was sollte da mit Ihnen werden? Ihr Onkel ist ein alter Knauser, der nichts als seinen Gewinn im Auge hat; Ihre Tante ist ein devotes Geschöpf, das nicht zwei Gedanken auf einmal fassen kann, und Ihre Cousine ist ein Gänschen, ohne Erziehung und ohne Mitgift, die ihr Leben damit zubringt, alte Kleider und Wäsche zu putzen und zu flicken.«

›Sie ist famos, diese Frau‹, dachte Charles Grandet bei sich, während er auf die Schöntuerei von Madame des Grassins einging.

»Du scheinst Monsieur für dich allein mit Beschlag zu belegen, Frau«, sagte lachend der große dicke Bankier.

Diese Äußerung veranlaßte den Notar und den Präsidenten zu einigen mehr oder weniger bissigen Bemerkungen. Der Abbé aber sah ihnen listig zu, und indem er eine Prise nahm und die Dose anbietend weiterreichte, faßte er die Gedanken der andern zusammen. »Wer anders als Madame«, sagte er, »könnte Monsieur die Honneurs von Saumur machen?«

»Ah! Wie meinen Sie das, Monsieur l'Abbé?« fragte Monsieur des Grassins.

»Ich meine das, Monsieur, im schmeichelhaftesten Sinne für Sie, für Madame, für Saumur und für den jungen Monsieur«, ergänzte der durchtriebene Alte, sich an Charles wendend.

Ohne den Anschein, auf die Unterhaltung zwischen Madame des Grassins und Charles geachtet zu haben, hatte der Abbé dennoch ihren Inhalt erraten.

»Monsieur«, wandte sich jetzt Adolphe an Charles und versuchte, eine unbefangene Miene aufzusetzen, »ich weiß nicht, ob Sie sich meiner noch erinnern; ich hatte das Vergnügen, auf einem Ball beim Baron de Nucingen Ihr Gegenüber zu sein, und …«

»O gewiß, Monsieur, gewiß!« erwiderte Charles, verwundert, der Gegenstand so übertriebener Aufmerksamkeit zu sein. »Monsieur ist Ihr Sohn?« wandte er sich jetzt fragend an Madame des Grassins.

Der Abbé sah boshaft auf die Mutter.

»Ja, Monsieur«, sagte diese.

»Demnach waren Sie schon ziemlich früh – ich meine jung – in Paris?« bemerkte Charles nun zu Adolphe.

»Ja, ja!« sagte der Abbé. »Wir schicken sie nach Babylon, sobald sie entwöhnt sind.« Madame des Grassins warf dem Abbé einen langen verwunderten Blick zu.

»Ja, man muß zu uns in die Provinz kommen«, fuhr er fort, »um Frauen in den Dreißigern, deren Söhne vor dem Doktorexamen stehen, von solcher Frische zu finden, wie Madame es ist. Ich glaube noch immer die Zeit zu sehen, Madame, wo die jungen Leute bei den Ballfesten auf die Stühle stiegen, um Sie tanzen zu sehen«, fügte der Abbé hinzu, indem er sich an seine Gegnerin wandte. »Für mich sind Ihre Eroberungen von gestern . . .«

›Oh, der alte Teufel!‹ dachte Madame des Grassins, ›errät er meine Absichten?‹

›Es scheint, ich werde in Saumur eine bedeutende Rolle spielen‹, sagte sich Charles. Und er knöpfte seinen Rock auf, schob die Hand in die Weste und ließ den Blick ins Weite schweifen. Es war dies die Pose, die Chantrey seinem Lord Byron gegeben hat.

Die Zerstreutheit Vater Grandets, oder besser gesagt, sein völliges Aufgehen in der Lektüre seines Briefes entging weder dem Notar noch dem Präsidenten, die versuchten, aus den vom Kerzenlicht hell bestrahlten Mienen des Biedermanns den Inhalt des Schreibens zu erraten. Der Weinbauer hatte Mühe, seinem Gesicht den gewohnten Ausdruck zu geben. Übrigens kann man sich leicht ein Bild machen, wie sehr die Ruhe dieses Mannes bei dem Lesen des folgenden Briefes erschüttert werden mußte:

›Lieber Bruder! Nun sind es bald dreiundzwanzig Jahre, daß wir einander nicht gesehen haben. Meine Hochzeit war der Anlaß unseres letzten Beisammenseins, und fröhlich schieden wir damals voneinander. Gewiß, ich konnte nicht voraussehen, daß Du eines Tages die einzige Stütze einer Familie sein würdest, deren Begründung Du damals beifällig begrüßtest. Wenn Du diesen Brief in Händen hältst, werde ich nicht mehr sein. In meiner angesehenen Stellung wollte ich die Schmach eines Bankrotts nicht überleben. Bis zum letzten Augenblick habe ich mich am Rande des Abgrundes gehalten, immer in der Hoffnung, wieder emporkommen zu können. Es ist aus! Ich muß in den Abgrund springen! Der gemeinsame Bankrott meines Bankiers und Roguins, meines Notars, raubte mir den letzten Halt und nimmt mir alles! Das Unglück will, daß ich etwa vier Millionen Schulden habe, ohne mehr als fünfundzwanzig Prozent Aktiva anbieten zu können. Meine Lagerweine leiden gegenwärtig unter der vernichtenden Baisse, die eine Folge des Überangebots und der Qualität eurer Ernten ist. In drei Tagen heißt es in Paris: ›Monsieur Grandet war ein Lump!‹ Ich werde mich ehrlich und rechtschaffen in das Bahrtuch der Schande betten. Ich beraube meinen Sohn seines ehrlichen Namens und des Vermögens seiner Mutter. Er weiß nichts davon, der arme Junge, den ich abgöttisch liebe. Wir haben zärtlich Abschied genommen; glücklicherweise sah er nicht, daß in diesen Abschied die letzten Wellen meines Lebens brandeten. Wird er mich nicht eines Tages verfluchen? Bruder, lieber Bruder! von unsern Kindern verwünscht zu werden, das ist entsetzlich. Gegen unseren Fluch können sie Einspruch erheben, der ihrige aber ist unwiderruflich.

Grandet! Du bist der Ältere von uns beiden, Du schuldest mir Deinen Schutz: bemühe Dich, daß Charles mir kein bitteres Wort mit ins Grab gibt! Lieber Bruder, wenn ich Dir mit meinem Blut und mit meinen Tränen schriebe, es wäre nicht so schmerzlich als das Seelenleid, dem ich jetzt unterliege, denn dann würde ich doch weinen, bluten, sterben, würde nicht mehr leiden! So aber leide ich und sehe trocknen Auges dem Tod entgegen.

Du bist nun also der Vater Charles'. Er hat keine Verwandten mütterlicherseits. Du weißt das ja, kennst die Gründe! O warum beugte ich mich nicht den sozialen Vorurteilen? Warum folgte ich der Liebe? Warum heiratete ich die natürliche Tochter eines Edelmannes? Charles hat keine Familie mehr. O mein unglücklicher Sohn! Mein Sohn!

Höre, Grandet! Ich schreibe nicht in der Absicht, für mich Deine Hilfe zu erflehen. Dein Vermögen ist wohl auch nicht so beträchtlich, um eine Hypothek von drei Millionen zu tragen. Aber für meinen Sohn flehe ich zu Dir! Sieh, mein Bruder, ich denke an Dich, und meine Hände falten sich. Grandet, sterbend vertraue ich Dir Charles an! Nun erfaßt mich beim Anblick meiner Pistolen kein Schmerz mehr und kein Grauen; mich tröstet der Gedanke, daß Du ihm Vater sein wirst. Charles liebt mich sehr; ich war so gut zu ihm, ich trat seinen Wünschen nie entgegen: er wird mir nicht fluchen. Und dann – Du wirst sehen – er ist sanft, weichherzig – er gleicht seiner Mutter; er wird Dir nie Kummer machen. Armes Kind! Im Überfluß aufgewachsen, sind ihm alle diese Entbehrungen fremd, die uns – mir und Dir – das frühere Elend auferlegte. Und nun ist er ruiniert, verlassen! Ja, alle seine Freunde werden ihn meiden, und ich bin die Ursache dieser Kränkungen. Ach, ich wollte, mein Arm wäre so stark, ihn mit einem einzigen wuchtigen Hieb in den Himmel zu befördern, an die Seite seiner Mutter!

Torheit! – Ich komme auf mein Unglück, auf Charles' Unglück zurück. Ich habe ihn also zu Dir geschickt, damit Du ihm von meinem Tod und von seinem künftigen Los angemessen Mitteilung machst. Sei ihm ein Vater, aber ein guter Vater! Entreiße ihn nicht zu plötzlich seinem Müßiggang, Du würdest ihn töten! Ich bitte ihn kniefällig, auf die Schuldforderung zu verzichten, die er als Erbe seiner Mutter an mich stellen kann. Doch das ist eine überflüssige Bitte; er hat Ehre im Leibe und wird fühlen, daß er sich nicht auch noch meinen Gläubigern zugesellen darf. Laß ihn rechtzeitig auf meine Hinterlassenschaft verzichten. Enthülle ihm die harten Lebensbedingungen, die seiner durch mich warten; und wenn er mir seine Anhänglichkeit bewahrt, so sage ihm in meinem Namen, daß für ihn noch nicht alles verloren ist. Ja, die Arbeit, die seinerzeit uns beide errettet hat, kann auch ihm das Vermögen wiedergeben, das ich ihm geraubt habe. Und wenn er auf das Wort seines Vaters hören will, der ach wie gern noch aus dem Grabe zu ihm treten und ihm raten möchte, so möge er fortziehen, nach Ostindien.

Lieber Bruder! Charles ist ein rechtschaffener, willensstarker junger Mann. Gib ihm, was er zu seiner Reise und für den Anfang nötig hat; er stürbe lieber, als daß er es unterließe, Dir seinerzeit das Geliehene zurückzuerstatten. Und Du wirst ihn unterstützen, Grandet! Sonst müßten Dich ja Gewissensbisse foltern! Ach, fände mein Kind bei Dir weder Hilfe noch Zuneigung, so würde ich droben Gottes ewige Rache auf Dich herabrufen.

Wenn es mir möglich gewesen wäre, irgendeine Summe zu retten, so hätte ich wohl das Recht gehabt, ihm als dem Erbfolger seiner Mutter etwas Geld zu hinterlassen. Aber die Zahlungen meines Monatsabschlusses haben alle meine Quellen erschöpft. Es war nicht meine Absicht gewesen, im Zweifel über das Geschick meines Kindes von hinnen zu gehen; ich hatte gehofft, im warmen Druck Deiner Hand ein heiliges Versprechen zu empfangen, das mich beruhigt haben würde. Aber es fehlt mir an Zeit. Während Charles auf der Reise ist, bin ich gezwungen, meine Bilanz zu ziehen. Ich werde versuchen, durch die Gewissenhaftigkeit, mit der ich meine Geschäfte führte, zu beweisen, daß in meinem Unglück keine Schuld, keine Unredlichkeit zu finden ist. Heißt das nicht auch, mich um Charles' Wohl bekümmern?

Lebe wohl, mein Bruder! Möge die großmütige Vormundschaft, um die ich Dich bitte und die Du, wie ich nicht zweifle, übernehmen wirst, des Himmels reichsten Segen über Dich bringen. Und wisse: dort oben in jener Welt, in die wir alle eines Tages gehen müssen und in der ich nun schon bin, wird unausgesetzt eine Stimme für Dich beten.

Victor-Ange-Guillaume Grandet.

»Unterhalten Sie sich gut?« sagte Vater Grandet, den Brief sorgsam zusammenfaltend und in die Westentasche steckend.

Er betrachtete seinen Neffen mit demütiger und furchtsamer Miene, der Maske, hinter der er seine Bewegung und seine Erwägungen verbarg.

»Hat die Wärme Ihnen gut getan?«

»Sehr, lieber Onkel.«

»Nun, wo sind unsere Damen?« sagte der Onkel, der schon vergessen zu haben schien, daß sein Neffe bei ihm übernachtete.

In diesem Augenblick traten Eugénie und ihre Mutter wieder ein.

»Ist alles bereit?« fragte der Biedermann, nun wieder ganz bei der Sache.

»Ja, Vater.«

»Also, lieber Neffe, wenn Sie müde sind, wird Nanon Ihnen Ihr Zimmer zeigen. Freilich, das ist kein modisches Appartement. Denn wir armen Weinbauern müssen mit jedem Sou rechnen. Die Steuern verschlingen alles.«

»Wir wollen nicht länger stören, Grandet«, sagte nun der Bankier; »Sie haben wohl mit Ihrem Neffen manches zu bereden. Wir wünschen einen guten Abend! Auf morgen!«

Nach diesen Worten erhob sich die Gesellschaft, und jeder verabschiedete sich auf seine Weise. Der alte Notar holte sich draußen aus dem Winkel bei der Tür seine Laterne, steckte sie an und erbot sich, die des Grassins heimzugeleiten. Madame des Grassins hatte das Ereignis, das diese Abendunterhaltung so unerwartet abkürzen sollte, nicht vorhergesehen, und so war ihr Diener noch nicht eingetroffen.

»Wollen Sie mir die Ehre erweisen, meinen Arm anzunehmen, Madame?« sagte der Abbé zu Madame des Grassins.

»Danke, Monsieur l'Abbé; ich habe meinen Sohn«, erwiderte sie trocken.

»Mein Arm ist doch sicherlich nicht kompromittierend für die Damen«, sagte der Abbé.

»Gib doch Monsieur Cruchot den Arm«, sagte ihr Gatte zu ihr.

Der Abbé durfte also die hübsche Frau führen, und er wußte es so einzurichten, daß sie den andern um einige Schritte voraus waren.

»Er ist prächtig, dieser junge Mann, Madame«, sagte er, ihren Arm drückend. »Adieu, Vogelscheuchen! Die Trauben sind geerntet! – Sie müssen auf Mademoiselle Grandet verzichten; Eugénie wird dem Pariser zufallen. Sollte dieser Cousin nicht zufällig schon in eine Pariserin verliebt sein, so dürfte Ihrem Sohn Adolphe in ihm ein Rivale . . .«

»Schon gut, Monsieur l'Abbé. Der junge Mann wird sehr bald sehen, daß Eugénie ein Gänschen ist, ein langweiliges, blasses Kellerpflänzehen. Haben Sie sie betrachtet? Sie war heute abend gelb wie eine Quitte.«

»Sie haben vielleicht schon dafür gesorgt, daß auch der Cousin dies bemerkte?«

»Ich habe mich nicht gescheut . . .«

»Halten Sie sich nur immer in Eugénies Nähe, Madame, und Sie werden dem jungen Mann nicht viel zu sagen brauchen, er wird selbst einen Vergleich ziehen, der . . .«

»Zunächst hat er mir versprochen, übermorgen bei mir zu speisen.«

»Ah! wenn Sie nur wollten, Madame«, flüsterte der Abbé.

»Und was verlangen Sie, das ich wollen soll, Monsieur l'Abbé? Beabsichtigen Sie, mir üble Dinge anzuraten? Ich bin Gott sei Dank neununddreißig Jahre alt geworden, ohne meinen guten Ruf im mindesten zu beflecken. Und wenn es sich um das Reich des Großmoguls handelte – ich würde nichts Ehrenrühriges tun wollen. Wir – Sie wie ich – wissen, was unsere Worte bedeuten. Für einen Geistlichen haben Sie recht unschickliche Gedanken. Pfui! Das ist ja eines Faublas würdig.«

»Sie haben Faublas also gelesen?«

»Nein, Monsieur l'Abbé; ich habe die ›Liaisons dangereuses‹ gemeint.«

»Ah! dieses Buch ist unendlich viel moralischer«, sagte der Abbé lachend. »Aber Sie machen mich so schlecht, wie die jungen Leute von heute es sind. Ich wollte Sie nur . . .«

»Wagen Sie zu behaupten, Sie hätten nicht daran gedacht, mir schlechte Dinge anzuraten? Das ist doch ganz klar! Wenn dieser junge Mann, der – ich gebe es zu – sehr sympathisch ist, mir den Hof machen würde, so würde er nicht an die Cousine denken. Ich weiß es, in Paris opfern sich die guten Mütter auf solche Weise für das Glück ihrer Kinder; wir sind aber hier in der Provinz, Monsieur l'Abbé.«

»Jawohl, Madame.«

»Und«, fuhr sie fort, »ich würde nicht – und auch Adolphe würde nicht – diesen Preis bezahlen wollen, und wenn es uns hundert Millionen einbrächte.«

»Madame, ich habe nicht von hundert Millionen gesprochen. Die Versuchung ginge vielleicht sowohl uns wie Ihnen über die Kraft. Ich glaube nur, daß eine anständige Frau sich in allen Ehren kleine bedeutungslose Koketterien erlauben kann, die gewissermaßen zu ihren gesellschaftlichen Pflichten gehören und die . . .«

»Sie glauben?«

»Sollen wir nicht alle versuchen, Madame, uns einander angenehm zu machen . . .? Gestatten Sie, daß ich mir die Nase schnäuze . . . Ich versichere Ihnen, Madame«, fuhr er fort, »daß er Sie mit etwas schmeichelhafterem Interesse betrachtete, als er für mich übrig hatte; aber ich verzeihe ihm, daß er der Schönheit vor dem Alter den Vorzug gab.«

»Es ist klar«, hörte man nun die grobe Stimme des Präsidenten, »daß Monsieur Grandet in Paris seinen Sohn mit Heiratsplänen nach Saumur geschickt hat.«

»Dann wäre der Cousin doch nicht so wie eine Bombe hereingeplatzt«, entgegnete der Notar.

»Das besagt nichts«, bemerkte Monsieur des Grassins; »der gute Mann ist eben ein Geheimniskrämer.«

»Des Grassins, mein Freund, ich habe ihn zum Diner eingeladen, den jungen Mann. Du mußt also gehen und Monsieur und Madame de Larsonnière bitten und die du Hautoy mit der hübschen Mademoiselle du Hautoy, wohlverstanden; vorausgesetzt allerdings, daß sie sich für diesen Tag gut kleidet. Ihre Mutter kleidet sie aus Eifersucht so schlecht. Ich hoffe, Messieurs, daß auch Sie uns die Ehre geben?« fügte Madame des Grassins hinzu und blieb stehen, um sich zu den beiden Cruchots zurückzuwenden. »Hier sind wir bei Ihnen angelangt«, sagte der Notar.

Nachdem die drei Cruchots sich von den drei des Grassins verabschiedet hatten, begaben sie sich nach Hause; und mit dem Scharfsinn, den die Provinzler in so hohem Grade besitzen, beleuchteten sie das große Ereignis dieses Abends, dies Ereignis, das die Stellung sowohl der Cruchotaner wie der Grassinisten zu erschüttern drohte. Die großartige Schlauheit, die alle Handlungen dieser klugen Köpfe leitete, ließ hier wie da die Notwendigkeit einer augenblicklichen Verbindung gegen den gemeinsamen Feind als geboten erscheinen. Mußte man nicht einmütig verhindern, daß Eugénie sich in ihren Cousin verliebte, den Cousin verhindern, an seiner Cousine Gefallen zu finden? Konnte der Pariser all diesen widerlichen Einflüsterungen, den niederträchtigen Verleumdungen, der schmeichlerischen Hinterlist widerstehen – diesem ganzen, den Anschein der Aufrichtigkeit tragenden Lügengewebe, mit dem man ihn umstrickte, um ihn zu täuschen?

Als die vier Glieder der Familie Grandet sich im Saal allein sahen, sagte Grandet zu seinem Neffen: »Es ist Schlafenszeit und nun zu spät, um noch von dem zu reden, was Sie hierher geführt hat; wir wollen morgen darauf zurückkommen. Wir frühstücken um acht Uhr, um zwölf essen wir etwas Brot und Obst und trinken ein Gläschen Weißwein, um fünf essen wir Mittag – ganz wie ihr Pariser. Das ist also die Tagesordnung: Sie haben Zeit und volle Freiheit, sich die Stadt und die Umgegend zu betrachten, nur müssen sie entschuldigen, wenn meine Geschäfte mir nicht immer gestatten, Sie zu begleiten. Sie werden hier vielleicht von mancher Seite hören, daß ich reich sei. Monsieur Grandet hier, Monsieur Grandet da! Ich lasse sie reden, die Leute; ihr Geschwätz schadet nicht meinem Kredit. Aber ich habe keinen Sou, und ich arbeite in meinem Alter noch wie ein junger Bursche, der als einziges Gut ein schlechtes Planiermesser und zwei tüchtige Arme hat. Sie werden vielleicht bald selbst ermessen können, welchen Wert ein Taler hat, wenn man ihn im Schweiß erwerben muß. – Marsch, Nanon, die Lichter!«

»Ich hoffe, lieber Neffe, daß Ihnen nichts mangeln wird in Ihrem Zimmer«, sagte Madame Grandet. »Sollten Sie aber irgend etwas vermissen, so rufen Sie Nanon.«

»O liebe Tante, das dürfte überflüssig sein; ich glaube, ich habe alles, was ich brauche, mitgebracht. Gestatten Sie mir, Ihnen sowie meiner lieben Cousine eine gute Nacht zu wünschen.«

Und Charles empfing aus den Händen Nanons eine Wachskerze; eine Kerze, die im Laden gealtert und gelb und runzlig geworden war, so daß sie ganz einem Talglicht glich. Dies hatte den Vorzug, daß Grandet, der das Vorhandensein einer Wachskerze im Hause nicht argwöhnte, diese Pracht gar nicht bemerkte.

»Ich werde Sie führen«, sagte der Biedermann.

Anstatt durch die große Saaltür in den Hausflur hinauszutreten, schritt Grandet durch den kleinen Gang, der den Saal mit der Küche verband. Eine selbstschließende Tür mit einer grünen ovalen Glasscheibe schloß diesen Gang nach der Treppe hin ab und diente dazu, den Wohnräumen die kalte Außenluft fernzuhalten. Im Winter aber half sie nichts gegen die eisige Zugluft, und obgleich die Saaltüren mit Filz ausgefüttert waren, so herrschte in dem weiten Raum nur selten eine behagliche Wärme.

Nanon verriegelte das Haustor, schloß die Saaltüren und begab sich in den Stall, um den Wolfshund von der Kette zu lassen, der so heiser bellte, als habe er eine Kehlkopfentzündung. Das überaus wilde Tier hatte sich nur an Nanon angeschlossen. Die beiden Kinder der freien Natur verstanden einander.

Als Charles die altersgelben verrußten Mauern des Treppenhauses gewahrte und die morsche Treppe mit dem wurmstichigen Geländer, die unter den gewichtigen Schritten des Onkels erbebte, fühlte er sich sehr ernüchtert. War er hier nicht in einem Hühnerstall? Er blickte Tante und Cousine fragend an, aber sie waren an diese Treppe so gewöhnt, daß sie sein Erstaunen nicht bemerkten; sie erwiderten seinen Blick mit einem freundlichen Lächeln, das ihn ganz entmutigte.

Was zum Teufel soll ich eigentlich hier? Was hat sich mein Vater nur gedacht?« fragte er sich.

Im ersten Stockwerk angekommen, fielen ihm drei rot gestrichene Türen auf, die ohne jeden Holzrahmen direkt in der bröckeligen Mauer saßen. Sie waren mit benagelten Eisenbändern verziert, die wie Flammen über das Holz züngelten; auch die Schlösser der Türen waren von solchen Flammenzungen umrahmt. Die erste Tür oben an der Treppe, die in das über der Küche gelegene Zimmer führte, war augenscheinlich zugemauert. Tatsächlich war der dahinterliegende Raum nur von Grandets Schlafzimmer aus zu betreten. Es war sein Arbeitszimmer. Das einzige Fenster dieses Raumes führte auf den Hof und war mit mächtigen Eisenstäben vergittert. Niemand, Madame Grandet nicht ausgenommen, durfte hier eintreten; der Biedermann wollte hier allein sein, wie der Alchimist in seiner Schmelzküche. Sicherlich gab es in diesem Zimmer allerlei Geheimverstecke. Hier war es, wo die Besitztitel aufbewahrt wurden, hier hingen die Waagen zur Gewichtsprüfung der Louisdors, hier wurden nachts Quittungen und Empfangsscheine ausgeschrieben, Kalkulationen aufgestellt. Das geschah des Nachts und so geheim, daß die Händler, die Grandet stets vorbereitet fanden, sich einbilden konnten, er stehe mit einer Fee, einem Dämon in Verbindung. Hierher schlich sich wohl der alte Böttcher, wenn Nanon schnarchte, daß die Wände zitterten, wenn der Wolfshund drunten im Hofe wachte und bellte, und wenn seine Frau und Eugénie fest schliefen; hierher schlich er sich, um sein Geld zu streicheln, zu liebkosen, aufzustapeln und klingen zu lassen. Die Mauern waren massiv, die Fensterladen diskret. Er allein hatte den Schlüssel zu diesem Laboratorium, wo er, wie man sich erzählte, über Geländekarten brütete, in die alle seine Obstbäume eingezeichnet waren, deren Erträgnisse er bis auf den Ableger, bis auf das Reisigbündel genau vorherberechnete.

Der Eingang zum Zimmer Eugénies lag der vermauerten Tür gegenüber. Ferner befanden sich auf diesem Flur die gemeinsamen Zimmer der Eheleute, die die ganze Front des Hauses einnahmen. Madame Grandet hatte ihr eigenes Zimmerchen neben demjenigen ihrer Tochter; diese beiden Räume waren durch eine Glastür miteinander verbunden. Das Zimmer des Hausherrn war von dem Gemach seiner Frau durch eine leichte Wand und vom Geheimkabinett durch eine dicke Mauer geschieden. Seinen Neffen hatte Vater Grandet im zweiten Stock einquartiert, in der hohen Mansarde, die gerade über seinem eigenen Zimmer lag, so daß er des jungen Mannes Kommen und Gehen kontrollieren konnte.

Als Eugénie und ihre Mutter im ersten Stock angelangt waren, gaben sie einander den Gutenachtkuß, und nach einigen Abschiedsworten an Charles, die vielleicht ein wenig kalt klangen, aber der Tochter sicher aus heißem Herzen kamen, betraten sie ihre Stuben.

»Hier sind Sie also in Ihrem Zimmer, lieber Neffe«, sagte Grandet zu Charles, ihm die Tür öffnend. »Wenn Sie nötig haben sollten, hinauszugehen, so rufen Sie Nanon. Ohne ihre Begleitung – alle Wetter! Der Hund würde Sie niederbeißen, ohne einen Mucks zu geben. Also gute Nacht, schlafen Sie wohl! – Ha, ha! Die Damen haben Ihnen ein Feuer gemacht«, setzte er hinzu.

In diesem Augenblick erschien die Große Nanon mit einem Holzkohlenofen.

»Da ist wieder eine!« sagte Grandet. »Haltet ihr meinen Neffen für eine Wöchnerin? Wirst du wohl mit deinem Glühbecken abziehen, Nanon!«

»Aber, Monsieur, die Leintücher sind feucht, und der junge Monsieur ist wirklich so zart wie eine Frau.«

»Also meinetwegen, da du dir's in den Kopf gesetzt hast«, sagte Grandet, sie an den Schultern vorwärtsschiebend; »aber sieh dich vor, daß du nicht einen Brand verursachst.«

Dann stieg der Geizhals mit unverständlichem Gebrumm die Treppe hinunter.

Charles blieb verdutzt inmitten seiner Koffer stehen. Er warf einen Blick auf die Wände der Mansarde, die mit billiger gelbgeblümter Tapete beklebt waren, auf den Kamin aus kanneliertem Kalkstein, den man nicht ansehen konnte, ohne zu frösteln, auf die gelblackierten Rohrstühle, auf den riesigen Nachttisch, auf dem ein Kavalleriesergeant ganz gut hätte seine Volten reiten können, auf den magern Teppichstreifen, der vor einem Bett lag, dessen mottenzerfressene Vorhänge zitterten, als wollten sie jeden Augenblick herunterfallen. Dann sah er ernst zur Großen Nanon hinüber und sagte: »Hören Sie, liebes Kind, bin ich hier wohl bei Monsieur Grandet, dem früheren Bürgermeister von Saumur, Bruder des Monsieur Grandet in Paris?«

»Jawohl, Monsieur! Bei dem nettesten, freundlichsten Menschen, ja bei dem allerbesten Menschen, den es geben kann! Soll ich Ihnen helfen, die Koffer auszupacken?«

»Wahrhaftig, alter Bursche, das wäre ganz annehmbar. Haben Sie nicht bei der Marine der kaiserlichen Garde gedient?«

»Oh, oh, oh, oh!« sagte Nanon, »was ist das, Marine? Ist es eingesalzen, fährt es auf dem Wasser?«

»Hier, holen Sie mir aus dem Koffer meinen Schlafrock. Hier ist der Schlüssel.«

Nanon war ganz hingerissen von diesem grünseidenen Schlafrock mit goldgewirkten Blumen.

»Das werden Sie zum Schlafen anziehen?« fragte sie.

»Ja.«

»Heilige Jungfrau! Welch schöne Altardecke könnte das abgeben! Aber, mein lieber, hübscher junger Monsieur, geben Sie doch das der Kirche! Sie würden damit Ihre Seele retten, so aber werden Sie sie verlieren. Oh! wie hübsch Sie so aussehen! Ich will doch Mademoiselle holen, damit sie Sie so sieht.«

»Hören Sie mal, Nanon – so heißen Sie ja wohl –, halten Sie jetzt den Mund! Lassen Sie mich nun schlafen. Ich werde meine Sachen morgen auspacken. Und wenn Ihnen mein Rock so gut gefällt, so sollen Sie Gelegenheit haben, Ihre Seele zu retten. Ich bin ein guter Christ; wenn ich wieder abreise, so sollen Sie ihn zum Geschenk erhalten, und dann können Sie damit machen, was Sie wollen.«

Nanon blieb wie angewurzelt stehen und starrte Charles an, sie konnte seinen Worten nicht glauben.

»Mir diesen ganzen Staat schenken?« sagte sie im Abgehen. »Er träumt schon, der junge Monsieur. Gute Nacht!«

»Gute Nacht, Nanon!«

›Was soll ich eigentlich hier?‹ fragte sich Charles im Einschlafen. ›Mein Vater ist kein Tropf; meine Reise muß irgendeine Bewandtnis haben. Still! Ernste Geschäfte auf morgen! sagte irgend so ein griechischer Esel.‹

›Heilige Jungfrau! Wie hübsch er ist, mein Cousin!‹ unterbrach sich Eugénie in ihrem Nachtgebet, das an diesem Abend unbeendigt blieb.

Madame Grandet dachte gar nichts, als sie schlafen ging. Durch die Tür, die ihr Zimmer mit dem des Geizhalses verband, hörte sie ihn drüben unablässig auf und ab gehen. Wie alle schüchternen Frauen hatte sie den Charakter ihres Eheherrn genau studiert und kannte alle seine Schwankungen. So wie die Seemöwe den Sturm vorausempfindet, ahnte sie an allerlei kaum merklichen Zeichen den Orkan voraus, der in Grandet tobte, und aus Vorsicht verhielt sie sich nun totenstill. Grandet blickte auf die Tür, die in sein Geheimkabinett führte und die innen mit Eisenblech beschlagen war, und dachte: ›Welch verrückte Idee meines Bruders, mir sein Kind zu vermachen. Schöne Erbschaft das! Ich habe keine zwanzig Taler zu verschenken. Aber was sind zwanzig Taler für so einen Gecken? Wie er mein Barometer anstarrte, so, als wollte er es gleich in den Ofen stecken.‹

Als Grandet jetzt über die Konsequenzen dieses leidvollen Testamentes nachdachte, war er vielleicht aufgeregter, als sein Bruder gewesen sein mochte, als er das Testament verfaßte.

›Ich werde das goldene Kleid bekommen? . . .‹ dachte Nanon, die sich im Traum mit dem Altartuch bekleidet sah und von Blumen und Stoffen, Damast und Brokat träumte – zum erstenmal in ihrem Leben, wie Eugénie zum erstenmal von der Liebe träumte.

Im reinen und einförmigen Leben der jungen Mädchen kommt einmal eine köstliche Stunde, da die Sonne ihre Strahlen in ihre Seele gießt, da die Blumen ihnen wie lebende Gedanken sind und das Blut des Herzens wie warme befruchtende Kraft zum Hirn strömt und den Gedanken umformt zu unbestimmtem Wünschen – ein Tag voll unschuldiger Melancholie und lieblicher Freuden! Wenn die Kinder sehen gelernt haben, so lächeln sie; wenn ein junges Mädchen die Sentimentalität in der Natur empfindet, lächelt sie dieses Kinderlächeln. Wenn das Licht die erste Liebe des Lebens ist, ist nicht die Liebe das Licht des Herzens? Für Eugénie war der Augenblick gekommen, die Dinge des Lebens klar zu sehen.

Wie alle Provinzmädchen Frühaufsteherin, erhob sie sich zeitig, verrichtete ihre Morgenandacht und begann ihre Toilette – eine Beschäftigung, die fürderhin Sinn und Vernunft haben würde. Zunächst glättete sie ihr kastanienbraunes Haar, wand es mit größter Sorgfalt in dicken Zöpfen um den Kopf und achtete wohl darauf, daß die einzelnen Haare nicht aus den Flechten sprangen; sie legte in ihre Frisur eine Symmetrie, die die schlichte Reinheit ihres Antlitzes vorteilhaft hob, da sie ihren kindlichen Zügen einen einfach-edlen Rahmen gab. Sie wusch sich die Hände lange und eifrig in klarem Wasser, das ihre Haut rötete und spröde machte; bei dieser Gelegenheit betrachtete sie ihre schönen runden Arme und fragte sich, wie es der Cousin wohl anstelle, so zarte, weiße Hände, so wohlgeformte Nägel zu haben. Sie zog ein Paar ganz neue Strümpfe und ihre hübschesten Schuhe an. Sie schnürte sich fest, ohne ein Schnürloch zu überspringen. Zum erstenmal in ihrem Leben hatte sie den Wunsch, möglichst vorteilhaft zu erscheinen, und sie wußte daher das Glück zu schätzen, ein neues, hübsch gemachtes Kleid zu besitzen, das ihr wirklich gut stand.

Als ihre Toilette beendet war, hörte sie die Kirchenuhr schlagen und verwunderte sich, nicht mehr als sieben Schläge zu vernehmen. Der Wunsch, genügend Zeit zu haben, um sich sorgfältig anzukleiden, hatte sie zu früh aus dem Bett getrieben. Da sie die Kunst nicht kannte, eine Haarlocke zehnmal anders zu legen und die Wirkung zu prüfen, setzte sie sich ans Fenster, kreuzte zufrieden die Arme und blickte in den Hof, auf den engen Garten und die Terrassen, die diesen abschlossen.

Das alles sah melancholisch und eng aus, entbehrte aber nicht jener eigenartigen Schönheit, die eine Eigentümlichkeit öder Landschaften und ungepflegter Gärten ist. Nahe bei der Küche befand sich ein von großen Steinen eingefaßter Brunnen, dessen Zugwinde von einem eisernen Bogen herabhing. Diesen Eisenreifen hatte eine Rebe sich zur Stütze ausersehen, und sie umschlang ihn mit welken, schlaffen, rot verdorrten Armen, denn es war Herbst. Von da schwang sich die biegsame Ranke zur Hausmauer, lief am ganzen Hause entlang und landete auf einem Holzschuppen, wo das Holz so ordentlich aufgeschichtet lag wie etwa der Bücherschatz eines Bibliophilen.

Das Pflaster des Hofes wies dunkle Flecke auf: Moos und Grasbüschel oder Unebenheiten des Bodens. Die starken Mauern zeigten ihr grünes, stellenweise braun geflecktes Kleid, und die acht Treppenstufen, die von der Tiefe des Hofes zur Gartentür hinaufführten, waren zerbrochen und ganz begraben unter hohen Pflanzen – wie das Grab eines Ritters, den seine Witwe zur Zeit der Kreuzzüge beerdigt hatte. Über einigen ausgehöhlten verwitterten Steinen erhob sich ein von der Zeit morsches Lattentor, das kaum noch in den Angeln hing, aber von allerlei Schlinggewächs üppig umrankt war. Die beiden Seiten der Tür wurden von den gewundenen Ästen zweier verkrüppelter Apfelbäume eingerahmt. Drei parallel laufende, kiesbestreute Wege trennten die von Buchsbaum eingefaßten Beete; am Ende der Gartenterrasse erhoben sich ein paar schattige Lindenbäume. An der einen Seite standen Himbeerbüsche, an der andern ein riesiger Nußbaum, der seine Äste bis über das Arbeitszimmer des Böttchers breitete. Ein klarer Tag und die an den Ufern der Loire so liebliche Herbstsonne begannen den Reif zu schmelzen, mit dem die Nacht dies malerische Bild, das Mauerwerk und die Pflanzen im Hof und im Garten behangen hatte.

Eugénie fand in der Betrachtung dieser so gewohnten Dinge ganz neue Reize. Tausend bunte Gedanken erwachten in ihrer Seele, wuchsen und wurden heißer und kräftiger, gleich den Sonnenstrahlen draußen im Freien. Sie wurde von unbestimmter und unerklärlicher Freude erfaßt, die ihre ganze Seele zärtlich umhüllte wie die Wolke einen Körper. Ihre Gedanken glichen der Natur dieses eigenartigen Landes, und die Harmonie ihres Herzens verband sich mit der Harmonie der Landschaft. Als die Sonne eine Mauerfläche traf, wo Venushaar in dichten Blättern niederhing, die wie der Hals einer Taube in allen Farben schillerten, da sah Eugénie die Zukunft von himmlischen Hoffnungsstrahlen erhellt. Und sie blickte auf das Stück Mauer, auf seine blassen Blumen, blauen Glocken und welkenden Blätter, aus denen es aufstieg wie liebliches Erinnern an Sommer und Kindheit. Das Geraschel, mit dem jedes fallende Blatt von seinem Zweig herniedertaumelte, war wie eine Antwort auf die geheimen Fragen des jungen Mädchens, das den ganzen Tag so hätte sitzen können, ohne der Flucht der enteilenden Stunden zu achten.

Doch dann erfaßte die zage Seele ein Sturm. Sie erhob sich wiederholt, trat vor den Spiegel und betrachtete sich prüfend, wie ein gewissenhafter Autor sein Werk betrachtet, um sich in ihm zu kritisieren und sich selber Grobheiten zu sagen.

›Ich bin nicht schön genug für ihn!‹ das war Eugénies Gedanke – ein demütiger und schmerzensreicher Gedanke. Das arme Mädchen ließ sich keine Gerechtigkeit widerfahren. Aber die Bescheidenheit, oder besser die Besorgnis ist eine der vornehmsten Tugenden der Liebe. Eugénie war kräftig entwickelt, wie die Kinder der Kleinbürger das häufig sind. Ihre Schönheit hatte etwas Gewöhnliches; aber obschon sie der Venus von Milo glich, war ihre Erscheinung von jener Milde christlichen Gefühls durchdrungen, die die Frau läutert und ihr einen den antiken Skulpturen mangelnden Adel verleiht. Sie hatte einen sehr großen Kopf, die männliche, doch zarte Stirn des Jupiters von Phidias, und graue Augen, denen ihr keusches Leben, das sich in ihnen ganz enthüllte, einen schimmernden Glanz verlieh. Ihr rundes, früher rosig frisches Gesicht hatte durch Pockennarben, die allerdings kaum sichtbar waren, etwas Derbes bekommen und seine Samtweiche verloren; trotzdem war ihre Haut noch immer so zart und fein, daß der sanfte Kuß ihrer Mutter sie sofort rötete. Ihre Nase war ein wenig zu stark, aber sie harmonierte mit einem tiefroten Mund, dessen mit tausend feinen Fältchen gezeichnete Lippen voller Liebe und Güte waren. Der Nacken hatte eine vollendete Rundung; der gewölbte, sorgsam verschleierte Busen lockte das Auge und verführte zum Träumen. Ihrer Kleidung freilich fehlte ein wenig leichte Anmut; aber ein Kenner würde in der herben Festigkeit dieser hohen Gestalt einen besonderen Reiz gefunden haben. Groß und stark, wie Eugénie war, hatte sie also nichts Hübsches im landläufigen Sinne, aber sie war von einer gewissen Schönheit, in die sich Künstler verlieben. Der Maler, der hier auf Erden nach dem himmlisch reinen Typ einer Maria sucht, der beim weiblichen Geschlecht die still vertrauenden Augen sucht, die Raffael malte, und jene meist nur visionär erschauten jungfräulichen Züge, die ein wahrhaft christliches und keusches Leben aber auch in Wirklichkeit schaffen kann – dieser Maler, verliebt in ein so seltenes Modell, würde ganz unerwartet im Antlitz Eugénies den angeborenen unbewußten Adel gefunden haben; er hätte unter einer ruhevollen Stirn eine Welt von Liebe erblickt, und im Schnitt der Augen, in der Form der Lider etwas Göttliches. Ihre Züge, die Konturen ihres Kopfes, die der Ausdruck der Lust niemals erregt oder ermüdet hatte, glichen den Linien des Horizonts, die sanft in weite, stille Seen tauchen. Dies ruhige, frische, lichtumrahmte Antlitz, das wie eine jungerschlossene Blüte war, erquickte die Seele durch seine Gewissensruhe und lockte die Augen. Eugénie stand noch am Ufer des Lebens: da blühen noch die Kindheitsillusionen und die einfältigen Maßliebchen mit all der Köstlichkeit, die später nicht mehr ist. Daher konnte sie sich, als sie sich so im Spiegel betrachtete und von Liebe noch nichts wußte, sagen: ›Ich bin zu häßlich, er wird mich nicht beachten!‹

Dann öffnete sie die Tür ihres Zimmers, die zur Treppe führte, und lauschte mit vorgebeugtem Kopf, ob sich noch nichts im Hause rege.

›Er steht nicht auf‹, dachte sie, als sie Nanons Morgenhüsteln vernahm und hörte, wie sie kam und ging, den Saal fegte, Feuer im Küchenherd machte, den Hund an die Kette legte und mit den Tieren im Stall redete.

Sogleich ging Eugénie hinunter und lief zu Nanon, die die Kuh melkte.

»Nanon, meine gute Nanon, mach doch etwas Rahm für den Kaffee meines Cousins.«

»Aber Mademoiselle, das hätte gestern geschehen müssen«, sagte Nanon, in helles Lachen ausbrechend. »Ich kann jetzt keinen Rahm machen. Ihr Cousin ist reizend, reizend . . . wirklich ganz reizend. Sie hätten ihn gestern sehen sollen in seinem Schlafrock aus Gold und Seide. Ich habe ihn gesehen, wahrhaftig! Seine Wäsche ist so fein wie das Chorhemd von Monsieur le Curé.«

»Nanon, geh, mach uns doch einen Brotkuchen.«

»Woher soll ich denn aber das Holz nehmen für den Backofen, und Mehl und Butter?« fragte Nanon, die zuweilen in ihrer Eigenschaft als erster Minister Grandets in den Augen Eugeniés und ihrer Mutter eine sehr bedeutende Persönlichkeit war. »Muß man nicht ihn, den Mann, bestehlen, um Ihrem Cousin etwas Gutes aufzutischen? Verlangen Sie von ihm das Nötige: Butter, Mehl und Holz; er ist Ihr Vater, er kann es Ihnen geben. Halt, da kommt er schon herunter, um die Tagesrationen auszuteilen . . .«

Eugénie rettete sich in den Garten, als sie jetzt die Treppe unter den Schritten des Vaters knarren hörte. Schon litt sie unter jener tiefen Schamhaftigkeit, die dem Liebenden eigentümlich ist und ihn glauben macht, seine Gedanken ständen ihm auf der Stirn geschrieben und könnten von jedermann gelesen werden.

Das arme Mädchen fühlte auf einmal, wie armselig und unbehaglich das väterliche Heim war; sie war unwillig, weil ihr nicht möglich war, diese Dürftigkeit einigermaßen mit der Eleganz des Cousins in Einklang zu bringen. Sie fühlte ein leidenschaftliches Verlangen, etwas für ihn zu tun. Was, wußte sie nicht. Kindlich und naiv, wie sie war, folgte sie ihrer reinen Natur, ohne in ihre Eindrücke oder Gefühle ein Mißtrauen zu setzen. Der Anblick ihres Cousins hatte in ihr die natürlichen Neigungen der Frau geweckt, und diese mußten sich um so lebhafter entfalten, als sie im dreiundzwanzigsten Jahre stand und sich also in der Vollkraft geistiger Entwicklung und Sehnsucht befand.

Zum erstenmal erschrak ihr Herz beim Anblick ihres Vaters, zum erstenmal sah sie in ihm den Herrn ihres Schicksals und fühlte sich schuldbewußt, weil sie ihm ihre Gedanken verheimlichte. Sie begann schneller zu gehen und wunderte sich, eine so reine Luft zu atmen, wunderte sich, die Sonnenstrahlen so belebend zu empfinden, so, als weckten sie eine geistige Glut, ein neues Leben.

Während sie über eine List nachsann, um zu dem erhofften Brotkuchen zu gelangen, erhob sich zwischen der Großen Nanon und Grandet eine der Streitigkeiten, die zwischen ihnen so selten vorkamen wie die Schwalben im Winter.

Versehen mit seinem Schlüsselbund, war der Biedermann heruntergekommen, um die für den heutigen Tag nötigen Lebensmittel zuzumessen.

»Ist noch Brot von gestern da?« fragte er Nanon.

»Nicht ein Krümchen, Monsieur.«

Grandet nahm ein dickes, rundes, mit Mehl bestreutes Brot, geformt in einem jener flachen Körbe, wie sie im Anjou zum Backen genommen werden, und begann es aufzuschneiden, als Nanon sagte: »Wir sind heute unser fünf, Monsieur.«

»Du hast recht«, antwortete Grandet, »aber dein Brot wiegt stets sechs Pfund; es wird also noch etwas übrigbleiben. Übrigens diese jungen Leute aus Paris – so was ißt kein Brot.«

»So was ißt also nur die Frippe?« sagte Nanon.

Im Anjou bedeutet ›Frippe‹ im Volksmund jede Zutat zum Brot, angefangen von der auf die Brotschnitte aufgestrichenen Butter, der gewöhnlichen Zukost, bis zur allerfeinsten Zukost, der Pfirsichkonfitüre. Ihr alle, die ihr in eurer Kindheit die Zukost abgeschleckt und das Brot verachtungsvoll liegen gelassen habt, ihr werdet die Bedeutung dieses Wortes ganz ermessen können.

»Nein«, gab Grandet zur Antwort; »das ißt weder Zukost noch Brot. Die sind so zimperlich, diese Leute, wie junge Mädchen vor der Hochzeit.«

Nachdem er also das kärgliche Menü des Tages bestimmt hatte, wandte sich der Biedermann nach der Obstkammer. Nun aber trat Nanon ihm in den Weg und sagte: »Monsieur, geben Sie mir doch Mehl und Butter, ich werde den Kindern einen Kuchen backen.«

»Du scheinst für meinen Neffen das ganze Haus ausplündern zu wollen?«

»Ich habe an Ihren Neffen nicht mehr gedacht als an Ihren Hund, nicht mehr, als Sie selber an ihn denken . . . Da haben Sie mir wahrhaftig nur sechs Stück Zucker gegeben; ich brauche acht!«

»Nun höre, Nanon! So habe ich dich ja noch nie gesehen! Was fällt dir denn ein? Bist du der Herr hier? Du bekommst nicht mehr als sechs Stück Zucker.«

»Und womit soll denn Ihr Neffe seinen Kaffee süßen?«

»Mit zwei Stückchen; ich selbst werde keinen nehmen.«

»Sie wollen keinen Zucker nehmen? In Ihrem Alter! Lieber möchte ich Ihnen aus eigener Tasche welchen kaufen!«

»Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten!«

Trotz des niedrigen Preises für Zucker war letzterer in den Augen des Böttchers die kostbarste der Kolonialwaren; für ihn kostete das Pfund immer noch sechs Francs. Die Notwendigkeit, sparsam damit umzugehen, die zur Zeit des Kaiserreichs geboten gewesen war, war ihm zur bleibenden Gewohnheit geworden.

Alle Frauen, selbst die einfältigsten, wissen eine List, um ihr Ziel zu erreichen. Nanon ließ die Sache mit dem Zucker fallen, um den Brotkuchen zu erlangen.

»Mademoiselle«, rief sie durchs Fenster, »Sie möchten doch gern einen Brotkuchen haben?«

»Nein, nein!« erwiderte Eugénie.

»Komm her, Nanon«, sagte Grandet, als er die Stimme seiner Tochter vernahm, »da, nimm!« – Er öffnete die Speisekammer, in der das Mehl aufbewahrt wurde, gab der Magd ein wenig davon und fügte dem Stück Butter, das er schon vorher abgeteilt hatte, noch einige Unzen hinzu.

»Ich brauche Holz, um den Backofen zu heizen«, sagte die unerbittliche Nanon.

»So nimm dir, soviel du brauchst«, entgegnete er melancholisch; »aber dann machst du uns eine Obsttorte und bereitest das ganze Essen im Backofen; auf diese Weise brauchst du keine zwei Feuer zu machen.«

»Na!« rief Nanon, »Sie haben nicht nötig, mir das aufzutragen.«

Grandet warf seinem treuen Minister einen fast väterlichen Blick zu.

»Mademoiselle!« rief die Köchin zum Fenster hinaus, »wir bekommen unsern Kuchen.«

Vater Grandet wandte sich wieder seinen Früchten zu und stellte ein erstes Tellerchen voll auf den Küchentisch. »Sehen Sie doch, Monsieur«, sagte Nanon, »was für hübsche Stiefel Ihr Neffe hat! Was für feines Leder, und wie gut es riecht! Womit wird denn das geputzt? Soll ich Ihre Eierwichse dazu nehmen?«

»Ich fürchte, Nanon, das Ei schadet dem Leder da. Übrigens sag ihm, du wüßtest nicht, wie man Saffianleder behandelt. Ja, es ist Saffian. Dann wird er selbst in der Stadt etwas kaufen, womit du seine Schuhe behandeln kannst. Ich habe gehört, daß man für Saffianleder eine Wichse nimmt, der Zucker beigemischt ist.«

»So, dann ist das ja gut zu essen?« sagte die Magd und führte die Schuhe an die Nase.

»Sieh, sieh! Es riecht wie das Kölnische Wasser der Madame. Ach, ist das spaßig!«

»Spaßig!« wiederholte Grandet. »Ist das spaßig, wenn einer für seine Stiefel mehr Geld ausgibt, als er selber wert ist?«

»Monsieur«, sagte sie, als ihr Gebieter die Obstkammer abgeschlossen hatte, »werden Sie nicht ein oder zweimal in der Woche eine Suppe haben für Ihren . . .?«

»Ja.«

»Da soll ich zum Metzger gehen?«

»Keineswegs. Du wirst uns Geflügelsuppe machen; die Pächter werden dich ausreichend mit Geflügel versorgen. Doch ich werde Cornoiller sagen, daß er mir ein paar Raben schießt. Dieses Wildgeflügel gibt die prächtigste Fleischbrühe von der Welt.«

»Ist es wahr, Monsieur, daß dies Viehzeug sich von Leichen nährt?«

»Du bist albern, Nanon! Sie fressen wie jedermann das, was sich ihnen bietet. Leben wir denn nicht auch von den Toten? Was ist denn die Erbfolge anderes?«

Vater Grandet hatte nun keine Anordnung mehr zu treffen; er zog also seine Uhr, und da er sah, daß ihm bis zum Frühstück noch eine halbe Stunde Zeit blieb, nahm er seinen Hut, ging und begrüßte seine Tochter und sagte zu ihr: »Willst du ein wenig mit mir auf meinen Wiesen am Loireufer spazierengehen? Ich habe dort zu tun.«

Eugénie holte ihren mit rosa Taft garnierten Strohhut, und Vater und Tochter schritten die gewundene Straße bis zum Platz hinunter.

»Wohin so früh am Morgen?« sagte der Notar Cruchot, der Grandet begegnete.

»Etwas anschauen«, erwiderte der Biedermann, der sich selbst von seinem Freund nicht aushorchen ließ.

Der Notar wußte aus Erfahrung: wenn Vater Grandet etwas anschauen ging, gab es immer etwas zu profitieren. Er begleitete ihn also.

»Kommen Sie, Cruchot«, sagte Grandet zum Notar. »Sie gehören zu meinen Freunden; ich werde Ihnen zeigen, daß es ein Unsinn ist, Pappeln in gute Erde zu setzen.«

»Sind denn die sechzigtausend Francs nichts, die Sie für Ihre Pappeln auf den Loirewiesen eingeheimst haben?« sagte der Notar Cruchot und riß seine blöden Augen auf. »Was Sie für Glück hatten! Da fällen Sie die Bäume gerade zu der Zeit, als in Nantes Mangel an weichem Holz ist, und verkaufen sie für dreißig Francs das Stück.«

Eugénie hörte zu, ohne zu ahnen, daß sie dem ernstesten Augenblick ihres Lebens nahe war und daß der Notar ein gebieterisches Verbot ihres Vaters auf sie herabzitieren würde.

Grandet war bei den prächtigen Wiesen, die er am Ufer der Loire besaß, angekommen. Dreißig Arbeiter waren hier beschäftigt, die bislang von den Pappeln besetzt gewesenen Erdlöcher aufzufüllen und zu ebnen.

»Sehen Sie nur, Cruchot, wieviel Platz eine Pappel beansprucht«, sagte Grandet zum Notar. »Jean«, rief er einem Arbeiter zu, »nimm einmal den Zollstock und miß das Loch nach allen Seiten aus!«

»Vier mal acht Fuß«, rief der Arbeiter, als er gemessen hatte.

»Zweiunddreißig Fuß Verlust«, sagte Grandet zu Cruchot.

»Ich hatte in dieser mittleren Reihe dreihundert Pappeln, nicht wahr? Also: dreihun . . hun . . hundert mal zweiunddrei . . drei . . dreißig Fu . . Fuß ver . . ver . . ver . . verschlangen mir fünfhundert Bund Heu; nehmen Sie zweimal das gleiche für die beiden Seitenreihen hinzu, macht fünfzehnhundert.«

»Weiter«, sagte Cruchot, um seinem Freund vorwärts zu helfen; »tausend Bund von dem Heu da haben einen Wert von sechshundert Francs.«

»Sa . . sagen Sie zwölfhun . . hun . . hundert, da auch das Grummet noch drei- bis vierhundert Francs bringt. Nun also, be . . be . . berechnen Sie mal, was zwöl . . zwölfhundert Francs im Jahr im L . . L . . Lauf von vierzig Jahren bringen, mit den Zinseszinsen, die . . die . . die Sie kennen.«

»So etwa sechzigtausend Francs«, sagte der Notar.

»M . . M . . Meinetwegen! Mögen es also nicht mehr als ssssechzigtausend Francs sein.« Und der Winzer fuhr nun ohne zu stottern fort: »Gut; zweitausend vierzigjährige Pappeln würden mir keine fünfzigtausend Francs einbringen. Das ist ein Verlust. Ich habe das herausgefunden, ich!« sagte Grandet zänkisch. »Jean«, fuhr er fort, »du wirst die Löcher alle zuschaufeln, ausgenommen drunten an der Loire entlang; dort wirst du die Pappeln einsetzen, die ich gekauft habe. – Wenn ich sie dort am Ufer einsetze, nähren sie sich auf Kosten der Stadt«, fügte er, zu Cruchot gewendet, hinzu, indem er das Gewächs auf seiner Nase schwenkte – eine Bewegung, die ebenso bedeutungsvoll war wie das ironischste Lächeln.

»Das ist klar: die Pappeln gedeihen nur auf magerem Boden«, sagte Cruchot, verblüfft von Grandets Berechnungen. »Jaaa, Monsieur«, erwiderte der Böttcher spöttisch.

Eugénie, die die entzückende Landschaft der Loire betrachtete, ohne den Kalkulationen ihres Vaters Gehör zu schenken, horchte auf, als sie jetzt Cruchot zu ihrem Vater sagen hörte:

»Nun, Sie haben sich einen Eidam aus Paris kommen lassen? In ganz Saumur spricht man nur von Ihrem Neffen. Ich werde bald einen Ehevertrag aufsetzen müssen, wie, Vater Grandet?«

»Ssssind Sie d . . d . . darum so früh aufgestanden, um m . . m . . mir das zu sagen?« fragte Grandet und schwang sein Gewächs. »N . . n . . n . . nun, mein alter Kamer . . r . . rad, ich will offen sein, ich w . . w . . will Ihnen sagen, w . . was Sie wiss . . wiss . . wissen wollen. Sehen Sie, ich würde lieber mei . . mei . . meine Tochter in die Loire werfen, als sie ihrem C . . C . . Cousin geben; Sie können d . . d . . das verkünden. Doch nein, lassen Sie die L . . L . . Leute schwatzen.«

Eugénie wankte; sie fühlte sich halb ohnmächtig. Die ungewissen Hoffnungen, die in ihrem Herzen aufzublühen begonnen hatten, lagen nun wie ein welker, zerpflückter Strauß am Boden. Seit gestern abend fühlte sie sich mit Charles durch alle glücklichen Bande verknüpft, die die Seelen aneinander zu fesseln vermögen; von heute ab sollte das Leid diese Bande verdoppeln! Ist es nicht die edle Bestimmung der Frau, von der Wucht des Elends tiefer ergriffen zu werden als von der Macht des Glücks? Wie konnte ihr Vater so wenig väterlich fühlen? Welchen Verbrechens war Charles denn schuldig? Geheimnisvolle, unergründliche Fragen! Schon wurde ihre Liebe, dieser Abgrund von Mysterien, in Mysterien gehüllt. Endlich fand sie zitternd ihre Ruhe wieder, und als sie in die alte düstere Straße zurückkehrte, in der sie bislang so froh gewesen war, fand sie diese nun traurig: sie atmete fast die Schwermut, die Zeit und Ereignisse ihr aufgedrückt hatten.

Einige Schritte vom Hause entfernt eilte sie ihrem Vater voraus und erwartete ihn, nachdem sie ans Tor gepocht hatte. Aber Grandet, der in den Händen des Notars eine noch unter Kreuzband befindliche Zeitung wahrgenommen hatte, sagte zu diesem: »Wie stehen die Staatspapiere?«

»Sie wollen mir ja nicht folgen, Grandet«, antwortete ihm Cruchot. »Kaufen Sie schnell; noch können in zwei Jahren zwanzig Prozent gewonnen werden, abgesehen von den sehr hohen Zinsen. Achtzigtausend Francs würden fünftausend Francs Rente bringen. Die Papiere stehen jetzt auf achtzig Francs fünfzig.«

»Wir werden sehen«, entgegnete Grandet, sich das Kinn reibend.

»Mein Gott!« sagte plötzlich der Notar, der die Zeitung auseinandergefaltet hatte.

»Nun, was gibt’s?« rief Grandet im selben Augenblick, als Cruchot ihm das Blatt vor die Nase hielt und sagte: »Lesen Sie diesen Artikel!«:

›Monsieur Grandet, einer der geachtetsten Großhändler von Paris, hat sich gestern erschossen, nachdem er wie gewöhnlich auf der Börse erschienen war. Er hatte an den Präsidenten des Abgeordnetenhauses seine Demission geschickt und gleicherweise sein Amt als Handelsrichter niedergelegt. Das Fallissement der Messieurs Roguin und Souchet, seines Bankiers und seines Notars, haben ihn ruiniert. Die Achtung, deren Monsieur Grandet sich erfreute, und sein Kredit waren dessenungeachtet so, daß er zweifellos am Platze Unterstützung gefunden hätte. Es ist zu bedauern, daß der verdienstvolle Mann ein Opfer augenblicklicher Mutlosigkeit geworden ist . . .‹

»Ich wußte das«, sagte der Winzer.

Das Wort machte den Notar Cruchot frösteln; denn trotz seiner Kaltblütigkeit als Notar rann ihm ein eisiger Strom durch den Körper bei dem Gedanken, der Grandet von Paris habe vielleicht bei den Millionen des Grandet von Saumur vergebens um Hilfe gefleht.

»Und sein Sohn, der gestern so fröhlich war . . .?«

»Er weiß noch nichts«, antwortete Grandet mit derselben Ruhe.

»Adieu, Monsieur Grandet«, sagte Cruchot, der nun alles begriff und Eile hatte, den Präsidenten de Bonfons aufzuklären.

Als Grandet heimkam, fand er das Frühstück bereit.

Eugénie fiel der Mutter mit all der Zärtlichkeit um den Hals, die bei jungen Mädchen der Ausdruck geheimen Kummers ist. Madame Grandet saß bereits auf ihrem erhöhten Sitz am Fenster und strickte an wollenen Pulswärmern für den Winter.

»Sie können essen«, sagte Nanon, die – immer vier Stufen auf einmal – die Treppe herunterspang; »das Kind schläft wie ein Engel. Wie hübsch er so ist, mit geschlossenen Augen! Ich bin hineingegangen und habe ihn angerufen. Jawohl! Er rührte sich nicht!«

»Laß ihn schlafen«, sagte Grandet; »er kommt heute noch immer früh genug, um schlimme Botschaft zu vernehmen.«

»Was gibt's denn?« fragte Eugénie, ihren Kaffee mit den vorgeschriebenen zwei Stückchen Zucker süßend, die kaum ein paar Gramm wogen und die Monsieur Grandet in seinen Mußestunden selber zuschnitt.

Madame Grandet, die nicht gewagt hatte, diese Frage zu stellen, blickte ihren Gatten an.

»Sein Vater hat sich erschossen.«

»Mein Onkel? . . .« sagte Eugénie.

»Der arme junge Mann!« rief Madame Grandet aus.

»Ja, arm!« wiederholte Grandet; »er besitzt nicht einen Sou mehr.«

»Nun, er schläft, als sei er der Herr der Erde«, bemerkte Nanon sanft.

Eugénie konnte nicht essen. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Das Mitgefühl mit dem Unglück dessen, den sie liebt, wird eine Frau immer auch körperlich ergreifen. Das junge Mädchen weinte.

»Du hast deinen Onkel doch gar nicht gekannt, weshalb weinst du?« sagte ihr Vater und warf ihr einen flammenden Blick zu – den lauernden Tigerblick, mit dem er wohl auch sein Gold anblitzte.

»Aber, Monsieur«, sagte die Magd, »wer wird nicht Mitleid haben mit dem armen jungen Mann, der sein Schicksal noch gar nicht ahnt, sondern schläft wie ein Murmeltier?«

»Ich habe nicht mit dir gesprochen, Nanon, halt den Mund.«

Eugénie erfuhr und lernte jetzt, daß das liebende Weib seine Gefühle verbergen muß. Sie gab keine Antwort.

»Ich erwarte, Madame Grandet, daß Sie ihm nichts davon sagen, bis ich wieder zu Hause bin«, fuhr der Alte fort. »Ich muß zu meinen Wiesen hinunter und die Anlegung eines Grabens beaufsichtigen. Zum zweiten Frühstück bin ich wieder hier, und dann werde ich mit meinem Neffen von seinen Angelegenheiten sprechen. – Was dich betrifft, Eugénie, wenn es dieser Laffe ist, für den deine Tränen fließen, so laß es nun genug sein, mein Kind. Er wird fortreisen – nach Indien. Du wirst ihn nicht wiedersehen . . .«

Der Vater nahm seine Handschuhe, die wie immer auf dem Hutrand lagen, zog sie mit gewohnter Ruhe an und schob sie fest, indem er die gespreizten Finger beider Hände ineinanderdrückte; dann ging er.

»Ach, Mama, ich ersticke!« rief Eugénie, als sie mit ihrer Mutter allein war. »Ich habe noch nie einen solchen Schmerz gefühlt!«

Madame Grandet, die ihre Tochter erbleichen sah, öffnete das Fenster und ließ sie die frische Luft einatmen. »Ich fühle mich besser«, sagte Eugénie nach einem Weilchen.

Diese nervöse Aufregung bei einer sonst ruhigen und kühlen Natur machte auf Madame Grandet Eindruck. Mit dem verständnisvollen Mitgefühl, das alle Mütter für den Gegenstand ihrer Zärtlichkeit empfinden, blickte sie auf ihre Tochter – und erriet alles. Denn in Wahrheit: das Leben jener weltberühmten ungarischen Zwillingsschwestern, die durch einen Irrtum der Natur aneinandergefesselt waren, konnte nicht inniger gewesen sein als das Leben Eugénies und ihrer Mutter, die immer zusammen in dieser Fensternische saßen, zusammen in die Kirche gingen und selbst im Schlaf dieselbe Luft einatmeten.

»Mein armes Kind!« sagte Madame Grandet und drückte Eugénies Kopf an ihre Brust.

Bei diesen Worten blickte das junge Mädchen forschend auf, prüfte die geheimen Gedanken der Mutter und sagte: »Warum ihn nach Indien schicken? Muß er nicht hier bei uns bleiben, wenn er unglücklich ist? Ist er nicht unser allernächster Verwandter?«

»Ja, mein Kind, das wäre gewiß das Natürliche; aber dein Vater hat seine Gründe, wir müssen sie respektieren.«

Mutter und Tochter setzten sich schweigend wieder hin, die eine auf ihren erhöhten Sitz, die andere in ihren kleinen Sessel; und alle beide nahmen die Arbeit wieder auf. Überwältigt von Dankbarkeit für die unerschöpfliche Herzensgüte ihrer Mutter, küßte Eugénie ihr die Hand und sagte: »Wie gut du bist, liebe Mama!«

Diese Worte ließen das kummermüde Gesicht der alten Mutter aufstrahlen.

»Gefällt er dir gut?« fragte Eugénie. Madame Grandet antwortete nur mit einem Lächeln; dann, nach kurzem Schweigen, fragte sie mit leiser Stimme: »Liebst du ihn denn schon? Das wäre schlimm!«

»Schlimm?« entgegnete Eugénie. »Weshalb? Er gefällt dir, er gefällt Nanon, weshalb sollte er mir nicht gefallen? Komm, Mama, wir wollen ihm den Frühstückstisch decken.«

Sie warf ihre Näharbeit hin; die Mutter tat desgleichen, aber sie sagte noch: »Du bist toll!« Dennoch rechtfertigte sie die Tollheit der Tochter, indem sie sie unterstützte.

Eugénie rief Nanon herbei.

»Was wollen Sie noch, Mademoiselle?«

»Nanon, du wirst doch Rahm zu Mittag haben?«

»Oh, zu Mittag, ja!« erwiderte die alte Magd.

»Also, Nanon, mach ihm einen recht starken Kaffee. Ich hörte gestern, wie er zu Monsieur des Grassins sagte, daß man in Paris sehr starken Kaffee trinkt. Nimm also recht viel.«

»Und woher soll ich ihn denn nehmen?«

»Kaufe welchen!«

»Und wenn ich Monsieur Grandet begegne?«

»Er ist auf seinen Wiesen.«

»Gut; ich laufe. Aber Monsieur Fessard hat mich schon gefragt – gestern, als ich das Wachslicht kaufte –, ob wir die drei Heiligen aus dem Morgenlande zu Besuch haben. Die ganze Stadt wird unsern Übermut erfahren.«

»Wenn dein Vater etwas merkt«, sagte Madame Grandet, »so ist er imstande, uns zu schlagen.«

»Gut, so wird er uns schlagen. Wir werden auf den Knien seine Schläge hinnehmen.«

Madame Grandet hob statt aller Antwort die Augen gen Himmel.

Nanon nahm ihre Haube und ging.

Eugénie deckte den Tisch mit einem frischen Leintuch und stieg dann hinauf in die Bodenkammer, um einige Weintrauben zu holen, die sie unlängst in kindlicher Freude auf Schnüre gereiht und hier aufgehängt hatte. Leichtfüßig schritt sie den Gang entlang, um ihren Cousin nicht zu wecken; doch konnte sie sich nicht enthalten, vor seiner Tür stehenzubleiben und seinen regelmäßigen Atemzügen zu lauschen.

›Er schläft, das Unglück aber wacht‹, sagte sie zu sich. Sie legte die allergrünsten Blätter einer Rebe auf einen mitgebrachten Teller, ordnete einige Trauben so zierlich darauf, wie ein ausgelernter Küchenchef es nicht besser gekonnt haben würde, und trug sie triumphierend hinunter auf den Tisch. Sie plünderte in der Küche die von ihrem Vater bereitgestellte Obstschüssel und ordnete auch diese Früchte auf einen blätterbelegten Teller. Sie kam und ging, lief und hüpfte. Sie hätte am liebsten das ganze Haus ausgeraubt; aber ihr Vater hatte zu allem die Schlüssel.

Nanon kehrte mit zwei frischen Eiern zurück. Als Eugénie die Eier erblickte, hatte sie Lust, ihr an den Hals zu fliegen.

»Der Heidepächter hatte welche in seinem Korb; ich bat ihn darum, und er hat sie mir gegeben, um mir gefällig zu sein, der Gute.«

Nach zwei eifrigen Stunden, in denen Eugénie wohl zwanzigmal von ihrer Näharbeit fortgelaufen war, um den Kaffee kochen zu sehen oder um auf die Geräusche zu hören, die ihr Cousin beim Aufstehen machte, war es ihr gelungen, ein Frühstück herzustellen, das sehr einfach und billig war, das aber im schrecklichsten Gegensatz zu den patriarchalischen Gewohnheiten des Hauses stand.

Das zweite Frühstück pflegte man stehend einzunehmen. Jeder nahm ein wenig Brot und Butter, oder statt der Butter etwas Obst, und ein Glas Wein.

Eugénie betrachtete den ans Feuer gerückten Tisch, den für den Cousin hingeschobenen Lehnstuhl, die Fruchtteller, den Eierbecher, die Flasche Weißwein, das Brot, den in einer Untertasse aufgehäuften Zucker – und zitterte am ganzen Körper, wenn sie nur an den Blick dachte, den ihr Vater ihr zuwerfen würde, wenn er jetzt heimkäme. Sie blickte häufig nach der Uhr, um zu berechnen, ob der Cousin wohl vor der Rückkehr des Biedermanns gefrühstückt haben könne.

»Sei nur ruhig, Eugénie, wenn dein Vater kommt, nehme ich alles auf mich«, sagte Madame Grandet.

Eugénie konnte eine Träne nicht zurückhalten. »O meine gute Mutter«, rief sie, »ich habe dich lange nicht lieb genug gehabt!«

Charles, der schon geraume Zeit in seinem Zimmer singend hin und her gegangen war, kam endlich herunter. Glücklicherweise war es erst elf Uhr. Dieser Pariser! Er hatte soviel Koketterie auf seine Toilette verwendet, als befände er sich im Schloß der vornehmen Dame, die jetzt Schottland bereiste. Er trat mit der freundlich-heitern Miene ein, die der Jugend so gut steht und die Eugénie mit trauriger Freude erfüllte. Er hatte den Zusammenbruch seiner Luftschlösser, die er beim Onkel zu finden gehofft hatte, von der heitern Seite zu nehmen gewußt und begrüßte seine Tante fröhlich: »Haben Sie eine gute Nacht gehabt, liebe Tante? – Und Sie, liebe Cousine?«

»Ja, danke«, sagte Madame Grandet; »aber Sie?«

»Oh, ich habe prächtig geschlafen.«

»Sie werden hungrig sein, lieber Cousin«, sagte Eugénie; »setzen Sie sich zu Tisch.«

»Aber ich frühstücke nie vor zwölf, das ist sonst meine Aufstehzeit. Ich habe jedoch auf der Reise so schlecht gelebt, daß ich mich fügen will. Übrigens . . .« Er zog die entzückendste Uhr hervor, die Bréguet jemals gemacht hat. »Da, es ist erst elf Uhr; ich bin ja heute ein Frühaufsteher.«

»Frühaufsteher? . . .« sagte Madame Grandet.

»Ja; aber ich wollte ja auch meine Sachen auspacken. Also, ich würde ganz gern etwas genießen . . . eine Kleinigkeit, etwas Geflügel . . . ein Rebhuhn!«

»Heilige Jungfrau!« rief Nanon, als sie diese Worte hörte.

›Ein Rebhuhn‹, überlegte Eugénie, die gar zu gern von ihrem Taschengeld ein Rebhuhn beschafft hätte.

»Kommen Sie, nehmen Sie Platz«, forderte seine Tante ihn auf.

Der Dandy ließ sich in den Fauteuil gleiten, graziös, wie eine schöne Frau sich auf den Diwan bettet. Eugénie und ihre Mutter nahmen ihre Stühle und setzten sich zu ihm ans Feuer.

»Sie leben immer hier?« fragte Charles, der den Saal jetzt bei Tag noch häßlicher fand als gestern beim Kerzenlicht.

»Immer«, antwortete Eugénie, ihn anblickend; »ausgenommen zur Weinlese. Dann gehen wir Nanon helfen und wohnen alle in der Abtei von Noyers.«

»Sie gehen nie spazieren?«

»Manchmal des Sonntags nach der Vesper, wenn es schön ist«, sagte Madame Grandet. »Dann gehen wir bis zur Brücke oder zu den Wiesen und sehen zu, wie das Heu gemacht wird.«

»Haben Sie hier ein Theater?«

»Ins Schauspiel gehen!« rief Madame Grandet, »Komödie sehen! Aber wissen Sie denn nicht, daß das – eine Todsünde ist?«

»Hier, mein lieber junger Monsieur«, sagte jetzt Nanon, die Eier herbeibringend, »wir bringen Ihnen die Hühner in der Schale.«

»Oh, frische Eier!« sagte Charles, der mit der Gleichgültigkeit des Reichen seine Rebhühner schon wieder vergessen hatte. »Aber das ist köstlich! Wenn Sie etwas Butter hätten, wie, liebes Kind?«

»Ah! Butter!« sagte die Magd; »da wollen Sie also keinen Kuchen?«

»So gib doch die Butter, Nanon«, rief Eugénie.

Das junge Mädchen sah zu, wie ihr Cousin sich das Brot schnitt, und hatte daran ebensoviel Freude, wie die empfindsamste Grisette von Paris haben mag, wenn sie ein Melodrama sieht, das den Triumph der Unschuld verherrlicht.

Wahrlich, Charles, dessen Erziehung eine anmutige Mutter begonnen und eine Dame von Welt vollendet hatte, hatte kokette, elegante, zierliche Bewegungen wie ein kleines Modedämchen.

Das Mitgefühl und die zärtlichen Gedanken eines jungen Mädchens haben eine magnetische Kraft. So konnte auch Charles, der sich als der Gegenstand der Aufmerksamkeiten von Cousine und Tante sah, sich der Macht der Gefühle, die zu ihm strömten und ihn überfluteten, nicht entziehen. Er warf Eugénie einen von Liebenswürdigkeit strahlenden Blick zu, einen Blick, der streichelte, der süß war wie ein Lächeln. Er betrachtete Eugénie und gewahrte in diesem reinen Antlitz eine seltene Harmonie der Züge und Unschuld des Ausdrucks, gewahrte die wundervolle Klarheit ihrer Augen, aus denen die allererste Liebe leuchtete, Augen, deren Wünschen nichts von Wollust wußte.

»Mein Wort, liebe Cousine, wenn Sie in großer Toilette in einer Loge der Oper sitzen würden – ich garantiere, daß meine Tante sehr recht haben würde, denn Sie würden in den Männern die Sünde der Eifersucht und in den Frauen die Sünde des Neides erwecken.«

Dieses Kompliment ließ Eugénies Herz erzittern und heftig klopfen, obgleich sie nichts verstanden hatte.

»O lieber Cousin, Sie wollen sich über ein armes kleines Provinzmädchen lustig machen.«

»Wenn Sie mich kennen würden, liebe Cousine, so würden Sie wissen, daß ich die Spötterei verabscheue; sie verdorrt das Herz, tatet alle Empfindungen . . .«

Und er verschlang mit Behagen seine Butterschnitten.

»Nein, ich habe anscheinend nicht genug Geist, um mich über andere lustig zu machen, und dieser Mangel bringt mir viel Schaden. In Paris macht man einen Mann unmöglich, indem man von ihm sagt: ›Er hat ein gutes Herz‹, denn das heißt soviel wie: ›Der arme Kerl ist dumm wie ein Rhinozeros.‹ Doch da ich reich bin und bekannt dafür, mit jeder Art Pistole auf dreißig Schritt Entfernung mein Ziel zu treffen, auch im freien Feld, so fürchtet mich der Spott.«

»Was Sie da sagen, mein Neffe, zeugt von einem guten Herzen.«

»Sie haben einen sehr hübschen Ring«, sagte Eugénie; »ist es unrecht, Sie zu bitten, ihn näher betrachten zu dürfen?«

Charles zog den Ring ab und hielt ihn hin, und Eugénie errötete, als sie mit ihren Fingerspitzen die rosigen Nägel ihres Cousins streifte.

»Sehen Sie, liebe Mutter, welch schöne Arbeit!«

»Oh, das ist ja dickes Gold!« sagte Nanon, die mit dem Kaffee herbeikam.

»Was ist denn das?« fragte Charles lachend. Und er zeigte auf einen hohen braunen, gesprungenen und innen glasierten Tontopf, der einen Überzug von Asche hatte und in dem der Kaffee sich kochend auf und nieder wälzte.

»Das ist gekochter Kaffee«, sagte Nanon.

»O meine liebe Tante, ich werde wenigstens einige wohltätige Zeichen meines Aufenthaltes hier hinterlassen. Sie sind in manchem noch sehr zurück. Ich werde Ihnen zeigen, wie man in einer Kaffeemaschine ›Chaptal‹ einen guten Kaffee bereiten kann.« Und er wollte sich über das System der Kaffeemaschine ›Chaptal‹ auslassen.

»O je«, sagte Nanon, »was das für Umstände macht! Dazu gehört ja eine ganze Lebenszeit! Niemals werde ich solchen Kaffee machen. Jawohl, ja! Wer würde wohl der Kuh ihr Heu bringen, während ich diesen Kaffee zubereite?«

»Ich werde ihn zubereiten«, sagte Eugénie.

»Kind!« sagte Madame Grandet und blickte die Tochter an.

Nach diesem Wort, das an den Kummer mahnte, der sich nun bald über den unglücklichen jungen Mann ergießen sollte, schwiegen die drei Frauen und betrachteten ihn mit so mitleidigem Ausdruck, daß er erstaunt fragte: »Was haben Sie denn, liebe Cousine?«

»Still!« sagte Madame Grandet zu Eugénie, die antworten wollte. »Du weißt, meine Tochter, daß dein Vater die Absicht hat, mit Monsieur zu reden . . .«

»Sagen Sie Charles«, bat der junge Grandet.

»Ah! Sie heißen Charles? Das ist ein schöner Name«, rief Eugénie.

Das Unglück, das man fürchtet, ist meistens nahe. Gerade jetzt, als Nanon, Madame Grandet und Eugénie voll bebender Angst an die Rückkehr des alten Böttchers dachten, vernahmen sie einen Schlag an die Haustür, dessen Widerhall ihnen nur zu bekannt war.

»Das ist Papa!« sagte Eugénie. Sie nahm die Zuckerschale weg, ließ aber einige Stückchen Zucker auf dem Tischtuch liegen. Nanon verschwand mit dem Eierteller. Madame Grandet horchte auf wie eine erschreckte Hindin. Es war ein panischer Schrecken, den Charles da gewahrte und den er sich nicht zu erklären vermochte.

»Ja, was haben Sie denn nur?« fragte er.

»Mein Vater kommt«, sagte Eugénie. »Nun, und . . .«

Monsieur Grandet trat ein; er sah den Tisch, er sah Charles, er sah alles.

»So, so! Sie haben Ihrem Neffen ein Festmahl gegeben, das ist gut, das ist sehr gut, das ist ja ausgezeichnet!« sagte er, ohne zu stottern. »Wenn die Katze nicht zu Hause ist, tanzen die Mäuse.« ›Festmahl?‹ dachte Charles bei sich, der von dem Regiment und den Sitten hier im Hause nichts ahnte. »Gib mir mein Glas, Nanon«, sagte der Biedermann.

Eugénie brachte das Glas. Grandet zog ein großes Messer mit Horngriff aus der Tasche, schnitt sich eine Scheibe Brot ab, nahm ein wenig Butter, strich sie sorgfältig auf das Brot und begann stehend zu essen. In diesem Augenblick süßte Charles seinen Kaffee. Der Vater Grandet gewahrte die Zuckerstückchen und blickte seine Frau durchdringend an; sie erbleichte und trat einige Schritte vor. Er beugte sich zu der armen Frau nieder und fragte: »Wo habt ihr denn all den Zucker hergenommen?«

»Nanon hat bei Fessard welchen geholt; es war keiner da.«

Es ist unmöglich, sich vorzustellen, mit welch tiefer Aufmerksamkeit die drei Frauen dieser Szene folgten. Nanon war aus der Küche herbeigekommen und blickte in den Saal, um zu sehen, wie die Dinge sich entwickelten. Charles, der an seinem Kaffee genippt hatte, fand ihn zu bitter und suchte den Zucker, den Grandet schon weggenommen hatte.

»Was suchen Sie, Neffe?«, fragte ihn der Biedermann.

»Den Zucker.«

»Nehmen Sie Milch«, antwortete der Herr des Hauses, »und Ihr Kaffee wird gleich süßer sein.«

Eugénie ergriff die Untertasse mit dem Zucker, die Grandet schon weggestellt hatte, und setzte sie wieder auf den Tisch, während sie ruhig zu ihrem Vater hinübersah. Sicherlich, die Pariserin, die, um ihrem Geliebten die Flucht zu erleichtern, mit ihren zarten Armen die seidene Strickleiter hält, zeigt nicht mehr Mut, als Eugénie entfaltete, als sie den Zucker auf den Tisch zurückstellte. Der Liebhaber wird seine Dame belohnen; der schmerzende Arm, den sie ihm stolz zeigt, wird in Tränen und Küssen gebadet und in Lust geheilt werden. Charles dagegen durfte nie das Geheimnis der furchtbaren Unruhe kennen, die das Herz seiner Cousine bei dem niederschmetternden Blick des alten Böttchermeisters befiel.

»Du ißt nichts, Frau?«

Die arme Sklavin trat näher, nahm ängstlich ein winziges Stück Brot und eine Birne.

Eugénie war so kühn, ihrem Vater eine Traube anzubieten; sie sagte: »Koste doch von meinem Dörrobst, Papa! – Lieber Cousin, Sie essen auch davon, nicht wahr? Gerade für Sie habe ich die Trauben geholt.«

»Wenn man ihnen nicht wehren wollte, so würden sie ganz Saumur für Sie ausplündern, mein Neffe. Wenn Sie fertig sind, wollen wir zusammen in den Garten gehen; ich habe Ihnen Dinge zu sagen, die keineswegs zuckersüß sind.«

Eugénie und ihre Mutter warfen Charles einen Blick zu, über dessen Ausdruck der junge Mann sich nicht täuschen konnte.

»Was bedeuten diese Worte, lieber Onkel? Seit dem Tode meiner armen Mutter . . . (bei diesen Worten wurde seine Stimme weich) kann mich kein Unglück treffen . . .«

»Lieber Neffe, wer kennt die Schickungen, mit denen Gott uns heimsuchen, uns prüfen will?« sagte seine Tante.

»Ta ta ta ta!« rief Grandet, »da fängt der Unsinn wieder an. – Ihre hübschen weißen Hände tun mir leid, lieber Neffe.«

Er zeigte ihm eine Art von Hammelschulter, mit der ihn die Natur an den Enden seiner Arme versehen hatte. »Hier, das sind Hände, um Taler zu erraffen! – Sie sind erzogen worden, Ihre Füße in dasselbe Leder zu stecken, aus dem unsere Geldtaschen gefertigt sind. Schlimm! schlimm!«

»Was meinen Sie nur, lieber Onkel? Man soll mich hängen, wenn ich ein Wort verstehe.« – »Kommen Sie«, sagte Grandet.

Der Geizhals klappte sein Taschenmesser zu, trank den Rest seines Weines aus und öffnete die Tür.

»Mein lieber Cousin, haben Sie Mut!«

Die bebende Betonung, die das junge Mädchen in diese Worte legte, versetzte Charles einen eisigen Schauer; er folgte seinem schrecklichen Verwandten in tödlichster Unruhe. Eugénie, ihre Mutter und Nanon gingen in die Küche, von unbezähmbarer Neugier ergriffen, die Szene zu beobachten, die nun in diesem kleinen modrigen Garten vor sich gehen sollte. Der Onkel schwieg vorläufig.

Grandet fürchtete sich nicht, Charles von dem Tod seines Vaters in Kenntnis zu setzen, aber daß er ihn ohne einen Sou wußte, darüber empfand er etwas wie Mitleid, und er suchte nach einer passenden Form des Ausdrucks für diese grausame Wahrheit. ›Sie haben Ihren Vater verloren!‹ – Kleinigkeit, das zu sagen. Die Eltern sterben nun mal früher als die Kinder. Aber: ›Sie haben nicht mehr einen Sou Vermögen!‹ diese Worte umfaßten alles Unglück der Welt. Und der Biedermann schritt zum drittenmal die Mittelallee hinunter; der Sand knirschte unter seinen Füßen.

In den großen Augenblicken unseres Lebens liebt es die Seele, sich Kleinigkeiten einzuprägen, ein getreues Bild des Ortes in sich aufzunehmen, an dem uns Freude oder Kummer überwältigte. So betrachtete auch Charles mit hingebender Aufmerksamkeit die Buchsbaumhecken des kleinen Gartens, die fallenden welken Blätter, den Verfall der Mauern, die bizarre Form der Obstbäume – lauter malerische Einzelheiten, die nun für immer in seiner Erinnerung haften sollten, durch eine Gedächtniskraft des Gefühls für immer an diese besondere Stunde gebunden.

»Es ist recht heiß, – schönes Wetter«, sagte Grandet und tat einen kräftigen Atemzug.

»Jawohl, lieber Onkel . . . Aber weshalb . . .?«

»Nun also, mein Junge«, begann der Onkel, »ich habe schlechte Botschaft für dich. Dein Vater ist recht krank . . .«

»Und ich bin noch hier?« rief Charles. »Nanon, besorge mir Postpferde! Ich werde wohl irgendwo im Ort einen Wagen bekommen«, fügte er, an den Onkel gewandt, hinzu. Der rührte sich nicht. »Pferd und Wagen sind überflüssig«, erwiderte er schließlich und sah auf Charles, dessen Blick starr wurde. »Jawohl, mein armer Junge, du hast es erraten. Er ist tot. Aber das ist das wenigste; da ist etwas noch weit Traurigeres: er hat sich erschossen . . .«

»Mein Vater? . . .«

»Ja. Aber das ist das wenigste. Die Zeitungen machen ihre Glossen darüber, als hätten sie ein Recht dazu. Hier, lies!«

Grandet, der sich das Zeitungsblatt von Cruchot geliehen hatte, hielt Charles den verhängnisvollen Artikel vor die Augen. Da brach der junge Mann, der noch in einem Alter war, das seine Gefühle naiv und offen äußert, in Tränen aus.

›Gut so, gut so‹, sagte sich Grandet. ›Seine Augen haben mir Angst gemacht. Er weint, da ist er gerettet.‹ »Das ist noch gar nichts, mein armer Neffe«, begann Grandet von neuem, ohne zu wissen, ob Charles ihn hörte. »Das ist gar nichts, du wirst dich trösten; aber . . .«

»Niemals! niemals! Mein Vater! Mein Vater!«

»Er hat dich ruiniert, du bist ganz ohne Geld.«

»Was kümmert mich das! Wo ist mein Vater? . . . mein Vater!«

Sein Weinen und Schluchzen hallte zwischen den engen Mauern in gräßlichem Echo wider. Von Mitleid ergriffen, weinten die drei Frauen, denn Tränen sind ebenso ansteckend wie das Lachen. Charles flüchtete, ohne auf seinen Onkel zu hören, in den Hof, fand die Treppe, stieg in sein Zimmer hinauf und warf sich quer übers Bett; er drückte das Gesicht tief in die Kissen und weinte sich aus, fern von seinen Verwandten.

»Man muß den ersten Platzregen vorüber lassen«, sagte Grandet, als er wieder in den Saal trat, wo Eugénie und ihre Mutter ihre Plätze wieder eingenommen hatten und mit zitternden Händen an der Arbeit saßen, nachdem sie sich die Tränen getrocknet hatten.

»Aber dieser junge Mann taugt zu nichts; er befaßt sich mehr mit dem Toten als mit dem Geld.«

Eugénie erschauerte, als sie ihren Vater in solchem Ton über den heiligsten Kummer reden hörte. Von diesem Augenblick an beobachtete sie ihren Vater und urteilte über ihn.

Das halb erstickte Schluchzen Charles' war im ganzen Hause zu vernehmen, und dies herzinnige Klagen, das aus dem Erdinnern hervorzuquellen schien, dauerte, schwächer und schwächer werdend, bis zum Abend.

»Armer junger Mann!« sagte Madame Grandet.

Verhängnisvoller Ausruf! Vater Grandet betrachtete seine Frau, dann Eugénie und die Zuckerdose; er erinnerte sich des üppigen Frühstücks, das man dem unglücklichen Verwandten aufgetischt hatte. Er stellte sich in der Mitte des Saals in Positur.

»Ich hoffe«, sagte er mit seiner gewohnten Ruhe, »daß Sie in Ihrer Verschwendungssucht nicht fortfahren werden, Madame Grandet. Ich gebe Ihnen nicht mein Geld, damit Sie diesen jungen Gecken mit Zucker vollstopfen.

»Meine Mutter hat nichts damit zu tun«, sagte Eugénie.

»Ich bin es, die . . .«

»Meinst du, weil du mündig bist, darfst du es wagen, mir zu widersprechen?« fiel Grandet der Tochter ins Wort. »Bedenke, Eugénie . . .«

»Mein Vater, dem Sohn Ihres Bruders sollte bei Ihnen nichts abgehen . . .«

»Ta ta ta ta!« sang der Böttcher die chromatische Tonleiter.

»Der Sohn meines Bruders hier – mein Neffe da. Charles ist uns gar nichts, er ist ein armer Schlucker; sein Vater hat Bankrott gemacht. Und sowie der Zierbengel sich ausgeweint hat, muß er sich aus dem Staube machen; ich wünsche nicht, daß er das ganze Haus rebellisch macht.«

»Was ist das, Vater, Bankrott machen?« fragte Eugénie.

»Bankrott machen«, erwiderte der Vater, »heißt: von allen ehrlosen Handlungen, die ein Mann begehen kann, die ehrloseste begehen.«

»Das muß eine recht große Sünde sein«, sagte Madame Grandet, »und unser Bruder wird die Strafe der Verdammnis erleiden.«

»Da kommst du schon wieder mit deinen Litaneien«, sagte er achselzuckend zu seiner Frau. – »Bankrott machen, Eugénie«, fuhr er fort, »ist ein Diebstahl, den bedauerlicherweise das Gesetz begünstigt. Die Leute haben Guillaume Grandet ihr Geld anvertraut, weil sie ihn für ehrenhaft und redlich hielten; er aber hat ihnen alles genommen und läßt ihnen nichts als die Augen zum Weinen. Der Straßenräuber ist dem Bankrotteur noch immer vorzuziehen: jener fällt euch an, ihr könnt euch wehren, er wagt sein Leben; dieser aber . . . Kurz, Charles ist entehrt.«

Diese Worte tönten im Herzen des armen Mädchens wider und belasteten es mit ihrer ganzen Schwere. Rein und unberührt wie eine liebliche Blume mitten im Wald, kannte sie weder die Grundsätze der großen Welt noch ihre arglistigen Ränke und Sophismen. Sie nahm also gläubig hin, was ihr Vater ihr sagte, der sie aber nicht mit dem Unterschied bekannt machte, der zwischen dem unfreiwilligen Bankrott und dem wohlvorbereiteten, berechnenden Bankrott liegt.

»Und haben Sie das Unglück nicht abwenden können, Vater?«

»Mein Bruder hat mich nicht um Rat gefragt. Übrigens beträgt seine Schuld vier Millionen.«

»Was ist denn das, eine Million, Vater?« fragte Eugénie mit der Naivität eines Kindes, das glaubt, auf alle Fragen Auskunft zu erhalten.

»Eine Million?« erwiderte Grandet. »Nun, das ist eine Million Zwanzigsousstücke, und für fünf Francs braucht man fünf Zwanzigsousstücke.«

»Mein Gott! Mein Gott!« rief Eugénie. »Wie ist es denkbar, daß mein Onkel vier Millionen gehabt hat? Gibt es noch irgend jemanden in ganz Frankreich, der ebensoviel Millionen haben könnte?«

Vater Grandet rieb sich das Kinn und lächelte, und das Gewächs auf seiner Nase schien sich aufzurecken.

»Aber was soll aus Cousin Charles werden?«

»Er wird nach Indien gehen, wo er, dem Wunsche seines Vaters entsprechend, versuchen wird, zu Geld zu kommen.«

»Aber hat er Geld, um dahin zu gehen?«

»Ich werde ihm seine Reise bezahlen . . . bis . . . ja, bis Nantes«.

Eugénie fiel ihrem Vater um den Hals. »O mein Vater, wie gut Sie sind, wie gut!« Sie küßte ihn so innig, daß Grandet, der kein ganz reines Gewissen hatte, sich beinahe beschämt fühlte.

»Braucht man viel Zeit, um eine Million zusammenzubringen?« fragte sie ihn.

»Das will ich meinen!« sagte er. »Du weißt doch, was ein Napoleondor ist; also davon braucht man fünfzigtausend Stück, um eine Million zu haben.«

»Mama, wir werden ihm eine Messe lesen lassen.«

»Ich dachte schon daran«, erwiderte die Mutter.

»Recht so!« rief der Vater; »nur immer Geld ausgeben! Ja, meint ihr denn, hier im Hause gäbe es Hunderte und Tausende?«

In diesem Augenblick drang vom Mansardenzimmer her ein klagendes Schluchzen, verzweifelter noch als alle bisherigen Klagen.

Eugénie und ihre Mutter waren starr vor Entsetzen.

»Nanon, geh hinauf und sieh nach, ob er sich nicht etwa umbringt«, sagte Grandet. »Also«, fuhr er fort, zu Frau und Tochter gewendet, die bei seinen Worten erbleicht waren, »daß ihr mir keine Dummheiten macht, ihr beiden. Ich verlasse euch jetzt. Ich muß nach unsern Holländern sehen; sie reisen heute wieder ab. Dann werde ich zu Cruchot gehen und mit ihm über all das sprechen.«

Er ging. Als Grandet die Tür hinter sich geschlossen hatte, atmeten Eugénie und ihre Mutter befreit auf. Bis heute hatte das junge Mädchen sich nicht in Gegenwart des Vaters beengt gefühlt, aber seit einigen Stunden wechselte sie fortwährend Gedanken und Gefühle.

»Mama, wieviel Louis bekommt man für ein Stückfaß Wein?«

»Dein Vater verkauft sie, soviel ich habe sagen hören, für hundert bis hundertfünfzig Francs, manchmal auch für zweihundert.«

»Wenn er also vierzehnhundert Stückfaß Wein erntet . . .?«

»Ich weiß wirklich nicht, mein Kind, wieviel das ausmacht; dein Vater spricht mir nie von seinen Geschäften.«

»Aber demnach muß Papa reich sein.«

»Vielleicht. Aber Monsieur Cruchot hat mir gesagt, daß er vor zwei Jahren Froidfond gekauft hat; das wird ihn etwas beengen.«

Eugénie, die sah, daß sie sich über die Vermögensverhältnisse ihres Vaters keine Klarheit verschaffen konnte, gab ihre Berechnungen auf.

»Er hat mich überhaupt nicht gesehen, der liebe junge Monsieur«, sagte Nanon, wieder eintretend. »Er liegt quer über seinem Bett, wie ein totes Kalb, und weint wie die heilige Magdalena; das ist ein rechter Segen! Was für Kummer hat denn das arme hübsche Jungchen?«

»Komm, schnell, Mama, wir wollen ihn trösten, und wenn dann ans Haustor geklopft wird, kommen wir schnell wieder herunter.«

Madame Grandet war wehrlos gegenüber den reinen, sanften Worten ihrer Tochter. Eugénie war himmlisch erhaben, sie war Weib. Alle beide stiegen klopfenden Herzens hinauf in Charles' Zimmer. Die Tür war offen. Der junge Mann sah und hörte nichts. In Tränen gebadet lag er da und stieß unartikulierte Klagerufe aus. »Wie er seinen Vater liebt!« sagte Eugénie mit leiser Stimme.

Der Tonfall, in dem diese Worte gesprochen wurden, verriet nur zu deutlich die Hoffnungen eines liebenden – unbewußt liebenden Herzens. Madame Grandet blickte voll mütterlicher Innigkeit auf ihre Tochter; dann sagte sie ihr ganz leise ins Ohr: »Nimm dich in acht, du könntest ihn lieben!«

»Ihn lieben!« erwiderte Eugénie. »Ach, wenn du wüßtest, was der Vater gesagt hat.«

Charles drehte sich herum und gewahrte Tante und Cousine.

»Ich habe meinen Vater verloren, meinen armen Vater! Wenn er mir das Geheimnis seines Unglücks anvertraut hätte, so hätten wir alle beide arbeiten können, um es wiedergutzumachen. Mein Gott! Mein armer, guter Vater! Ich glaubte so bestimmt, ihn wiederzusehen, daß ich, soviel ich weiß, nur ganz oberflächlich Abschied von ihm nahm.« Schluchzen erstickte seine Stimme.

»Wir wollen recht innig für ihn beten«, sagte Madame Grandet. »Ergeben Sie sich in den Willen Gottes.«

»Lieber Cousin«, sagte Eugénie, »haben Sie Mut! Ihr Verlust ist unwiederbringlich: Sie müssen jetzt daran denken, Ihre Ehre zu retten . . .«

Mit dem Instinkt, dem Feingefühl der Frau, die immer, auch wenn sie Trost zuspricht, verständig bleibt, wollte Eugénie den Cousin von seinem Kummer ablenken, indem sie seine Gedanken auf ihn selbst hinwies.

»Meine Ehre? . . .« schrie der junge Mann und warf die Locken zurück, die ihm wirr ins Gesicht hingen. Und er setzte sich aufrecht aufs Bett und kreuzte die Arme. »Ach, es ist wahr. Mein Onkel sagte, mein Vater habe Bankrott gemacht.«Er stieß einen herzzerreißenden Schrei aus und barg das Gesicht in den Händen. »Lassen Sie mich, liebe Cousine, lassen Sie mich! Mein Gott, mein Gott! vergib meinem armen Vater; er muß sehr gelitten haben.«

In diesem gewaltigen Ausbruch eines jungen, aufrichtigen, rückhaltlosen Schmerzes lag etwas furchtbar Anziehendes. Es war ein keusches Leid, das die schlichten Herzen Eugénies und ihrer Mutter wohl verstanden, als Charles nun durch eine Gebärde bat, ihn sich selbst zu überlassen.

Sie stiegen hinunter, nahmen schweigend wieder ihre Plätze am Fenster ein und arbeiteten wohl eine ganze Stunde lang, ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Eugénie, die einen flüchtigen Blick auf die Reiseausstattung des jungen Mannes geworfen hatte – den schnell erfassenden Blick eines jungen Mädchens –, hatte die reizendsten Toilettenkleinigkeiten bemerkt, feine Scheren und Rasiermesser, alles goldgeziert. Dieser Prunk in Verbindung mit dem großen Schmerz des Cousins hatte ihr Charles noch interessanter erscheinen lassen – vielleicht infolge des Kontrastes. Niemals hatte ein so trauriges Ereignis, ein so dramatisches Schauspiel den Geist der beiden Frauen, die nichts als Ruhe und Einsamkeit kannten, gefesselt.

»Mama«, sagte Eugénie, »wir werden für den Onkel Trauer anlegen.«

»Dein Vater wird das bestimmen«, erwiderte Madame Grandet.

Sie schwiegen wieder. Eugénie handhabte die Nadel mit einer Regelmäßigkeit, die einem aufmerksamen Beobachter verraten hätte, in welch tiefen Gedanken sie war. Der erste Wunsch dieses herrlichen Mädchens war der, die Trauer ihres Cousins zu teilen.

Gegen vier Uhr ertönte ein roher Hammerschlag an die Haustür und hallte nach im Herzen Madame Grandets.

»Was hat dein Vater nur?« sagte sie zu ihrer Tochter.

Der Weinbauer trat ein; er war vergnügt. Nachdem er die Handschuhe ausgezogen hatte, rieb er sich die Hände, so gewaltig, als wolle er die Haut abwetzen; doch die Haut seiner Hände war gegerbt wie russisches Leder, jedoch ohne den Geruch von Lärchenholz und Weihrauch. Er schritt auf und ab, er sah nach der Uhr. Schließlich entschlüpfte ihm sein Geheimnis.

»Frau«, sagte er, ohne zu stottern, »ich habe sie alle gefaßt. Unser Wein ist verkauft! Die Holländer und Belgier sind heute früh abgereist; ich spazierte vor ihrem Gasthof auf und ab und stellte mich recht einfältig. Da ist es mir, wie immer, geglückt. Die Besitzer aller guten Weingärten wollen ihre Ernte noch nicht hergeben, sie wollen warten; ich habe sie nicht gehindert. Unser Belgier war verzweifelt; das habe ich gesehen. Abgemachte Sache also: er nimmt unsere Ernte zu zweihundert Francs das Stückfaß, die Hälfte in bar. Man zahlt mir in Gold. Die Wechsel sind ausgestellt; hier sind sechs Louis für dich. In drei Monaten werden die Weinpreise sinken.«

Diese letzten Worte sagte er ruhig, doch so ironisch, daß die Leute von Saumur, die gerade auf dem Stadtplatz in Gruppen beieinander standen und von der Nachricht des Grandetschen Verkaufs niedergeschmettert waren, ein Schaudern erfaßt haben würde, wenn sie sie vernommen hätten. Ein panischer Schrecken hätte die Weine um fünfzig Prozent sinken lassen.

»Sie haben dies Jahr tausend Stückfaß, lieber Vater?« sagte Eugénie.

»Ja, Töchterchen.« Diese Bezeichnung war der Superlativ der Freudenäußerungen, deren der alte Böttcher fähig war.

»Das macht also zweihunderttausend Zwanzigsousstücke?«

»Jawohl, Mademoiselle Grandet.«

»Nun, Vater, dann ist es Ihnen ein leichtes, Charles zu unterstützen.«

Das Erstaunen, der Zorn, die Verblüffung Belsazars, als er das ›Mene-Tekel-Upharsin‹ gewahrte, sind nichts im Vergleich mit der eisigen Wut Grandets, der gar nicht mehr an seinen Neffen gedacht hatte und ihn nun im Herzen und in den Gedanken seiner Tochter eingenistet fand.

»So, so! Seit dieser Zierbengel den Fuß in mein Haus gesetzt hat, geht hier alles drunter und drüber. Ihr maßt euch an, Zuckerzeug zu kaufen, und denkt an Hochzeit und Festlichkeiten. Ich wünsche dergleichen Dinge nicht! Ich bin alt genug, um zu wissen, wie ich mich zu benehmen habe. Ich brauche mich weder von meiner Tochter noch von sonst jemandem belehren zu lassen. Ich werde für meinen Neffen tun, was zu tun angebracht ist; ihr habt da nicht die Nase hineinzustecken. Was dich angeht, Eugénie«, fügte er, zur Tochter gewendet, hinzu, »sprich mir nicht mehr von ihm, sonst schick ich dich mit Nanon nach der Abtei von Noyers; gib acht, ob ich's nicht tue – und spätestens morgen, wenn du widersetzlich bist. Wo ist er denn, der Bursch? Ist er heruntergekommen?«

»Nein, mein Lieber«, antwortete Madame Grandet.

»Nun, was tut er denn?«

»Er beweint seinen Vater«, erwiderte Eugénie.

Grandet blickte stumm auf seine Tochter. Er, Grandet, war kein herzlicher Vater. – Nachdem er zwei-, dreimal die Runde durch den Saal gemacht hatte, stieg er eilig in sein Arbeitszimmer hinauf, um dort über die Anlegung seiner Gelder in Staatspapieren nachzudenken. Seine Waldungen, die er hatte abholzen lassen, hatten ihm sechshunderttausend Francs eingebracht; wenn er dieser Summe die Einnahme, die er durch Verkauf seiner Pappeln gewonnen hatte, und seine Einkünfte des vergangenen und des laufenden Jahres hinzufügte, so hatte er, abgesehen von den zweihunderttausend Francs aus dem eben abgeschlossenen Handel, eine Summe von neunhunderttausend Francs. Die zwanzig Prozent, die in kurzer Zeit mit den Staatspapieren zu gewinnen waren, deren Kurs gegenwärtig bei sechzig Francs stand, lockten ihn. Er machte seine Berechnungen auf den Rand der Zeitung, die den Tod seines Bruders bekanntmachte, und schrieb und rechnete, ohne der Seufzer seines Neffen zu achten, die von Zeit zu Zeit an sein Ohr schlugen.

Nanon kam und klopfte an die Mauer, um Monsieur aufzufordern, zum Mittagessen hinunterzukommen. Auf der untersten Treppenstufe angekommen, sagte Grandet zu sich selber: »Da ich dabei viel gewinnen kann, werde ich die Sache machen. In zwei Jahren habe ich dann eine Million fünfhunderttausend Francs, die ich in gutem Golde aus Paris zurückziehen kann.« – »Nun, wo ist denn mein Neffe?« fügte er laut hinzu.

»Er sagt, er mag nicht essen«, erwiderte Nanon. »Das ist doch ungesund.«

»Aber sparsam«, entgegnete ihr Gebieter.

»Gewiß, ja«, sagte sie.

»Bah! er wird schon aufhören zu weinen. Der Hunger treibt selbst den Wolf aus dem Wald.«

Das Mittagmahl verlief auffallend schweigsam.

»Mein lieber Mann«, sagte Madame Grandet, als der Tisch wieder abgedeckt war, »wir müssen Trauer anlegen.«

»In der Tat, Madame Grandet, Sie wissen wohl gar nicht, was Sie anstellen sollen, um Geld auszugeben? Die Trauer liegt im Herzen, nicht in den Kleidern.«

»Aber die Trauer für einen Bruder ist unerläßlich, und die Kirche gebietet . . .«

»Kaufen Sie sich Ihre Trauerkleider von Ihren sechs Louis. Mir genügt ein Kreppstreifen.«

Eugénie erhob die Augen zum Himmel und sagte nichts. Zum erstenmal in ihrem Leben wurden ihre bisher unterdrückten, schlummernden, nun aber plötzlich erwachten edelmütigen Regungen fortwährend verletzt. Dieser Abend verlief kaum anders als tausend andere Abende ihres einförmigen Daseins, aber dennoch war er der grausigste von allen. Eugénie arbeitete, ohne den Kopf zu heben, und bediente sich nicht mehr des Nähkästchens, das Charles am Abend vorher mißfällig beurteilt hatte. Madame Grandet strickte ihre Pulswärmer. Grandet drehte vier Stunden lang die Daumen, in Berechnungen vertieft, deren Resultat am andern Morgen ganz Saumur verblüffen sollte.

An diesem Tag kam niemand die Familie Grandet besuchen. Die ganze Stadt war in Aufregung über Grandets Gewaltstreich, über den Bankrott seines Bruders und die Ankunft seines Neffen. Um dem Bedürfnis, über ihre gemeinsamen Interessen zu schwatzen, nachkommen zu können, hatten sich alle Weingutsbesitzer der oberen und mittleren Gesellschaftsklasse bei Monsieur des Grassins versammelt, wo man sich in den schrecklichsten Verwünschungen gegen den ehemaligen Bürgermeister erging.

Nanon spann, und das sanfte Surren des Spinnrads war die einzige Stimme, die unter den grauen Deckenbalken des Saals ertönte.

»Wir nutzen unsere Stimme wenig ab«, sagte sie und zeigte ihre großen weißen Zähne, die wie geschälte Mandeln aussahen. »Nur nichts abnutzen!« antwortete Grandet, der aus seinen Grübeleien erwachte. Er sah sich im Geiste in drei Jahren im Besitz von acht Millionen und schwamm in einem Meer von Gold.

»Gehen wir schlafen. Ich werde meinem Neffen im Namen aller gute Nacht sagen und nachfragen, ob er etwas essen will.«

Madame Grandet blieb auf dem Treppenabsatz des ersten Stockwerks stehen, um das Gespräch mit anzuhören, das zwischen Charles und dem Biedermann stattfinden sollte. Eugénie, die mutiger war als ihre Mutter, stieg zwei Stufen höher hinauf.

»Nun, lieber Neffe, Sie haben Kummer? Ja, weinen Sie nur, das ist natürlich. Ein Vater ist ein Vater. Aber wir müssen unser Unglück in Geduld tragen. Während Sie weinen, befasse ich mich mit Ihrem Geschick. Ich bin ein guter Onkel, wie Sie sehen. Also vorwärts, Mut! Wollen Sie ein Gläschen Wein trinken? Der Wein kostet nichts in Saumur; man bietet bei uns Wein an, wie in Indien eine Tasse Tee. – Aber«, fuhr Grandet fort, »Sie sind ja ohne Licht. Schlimm! schlimm! Man muß bei allem, was man tut, klar sehen.« Grandet ging zum Kamin.

»Hallo!« rief er aus, »sieh da, ein Wachslicht! Wo zum Teufel hat man ein Wachslicht aufgetrieben? Diese Weibsbilder würden am liebsten das Haus zusammenreißen, um Holz für ein Feuerchen zu haben, auf dem sie ihm Eier kochen können.«

Als sie diese Worte vernahmen, gingen Mutter und Tochter still in ihre Zimmer und verbargen sich in ihren Betten mit der Schnelligkeit von Mäusen, die erschreckt in ihre Löcher fliehen.

»Madame Grandet, haben Sie einen Schatz ausgegraben?« sagte ihr Mann, zu seiner Frau ins Zimmer tretend. »Mein lieber Mann, ich bete, warte ein wenig«, erwiderte mit bebender Stimme die arme Mutter. »Was zum Teufel geht mich dein lieber Gott an«, grollte Grandet.

Der Geizhals glaubt nicht an ein zukünftiges Leben; für ihn ist die Gegenwart alles. Diese Betrachtung wirft ein grelles Licht auf unsere Zeit, in der mehr als in früheren Zeiten das Geld Gesetze, Politik und Sitten regiert. Lebensgewohnheiten, Bücher, Menschen und vorgefaßte Meinungen – alles wirkt zusammen, um den Glauben an ein zukünftiges Leben zu untergraben, einen Glauben, auf den das soziale Gebäude sich seit achtzehnhundert Jahren stützte. Heutzutage ist das Grab eine wenig gefürchtete Durchgangsstation. Die Zukunft, die unser nach dem Requiem wartete, ist in die Gegenwart hineingetragen worden. Per fas et nefas ins irdische Paradies des Luxus und der vergänglichen Freuden zu gelangen, sein Herz zu versteinern und seinen Leib zugrunde zu richten um irdischen Besitzes willen, so wie man ehemals das Martyrium des Lebens trug um der ewigen Güter willen – das ist heute der allgemeine Gedanke! Ein Gedanke, der sich überall niedergelegt findet, sogar in den Gesetzen, die den Gesetzgeber fragen: »Was zahlst du?« statt »Wie denkst du?« Wenn diese Doktrin vom Bürgerstand bis ins Volk hinabgedrungen sein wird, was soll dann aus dem Land werden?

»Madame Grandet, bist du fertig?« fragte der alte Böttcher.

»Mein Lieber, ich bete für dich.«

»Sehr gut! Gute Nacht. Morgen früh reden wir miteinander.«

Die arme Frau entschlummerte wie der Schüler, der seine Aufgaben nicht gelernt hat und fürchtet, beim Erwachen das empörte Gesicht seines Lehrers zu erblicken. Gerade als sie sich vor Angst fest in die Decken rollte, um nichts mehr zu hören, schlich sich Eugénie im Hemd und mit nackten Füßen zu ihr; sie küßte sie auf die Stirn.

»O du gute Mutter«, sagte sie, »morgen erzähle ich ihm, daß ich es gewesen bin.«

»Nein; er wird dich nach Noyers schicken. Laß mich nur machen, er wird mich nicht fressen.«

»Hörst du, Mama?«

»Was?«

»Ach, er weint noch immer.«

»Geh ins Bett, mein Kind. Du wirst kalte Füße bekommen; die Fliesen sind feucht.«

So endete der festliche Tag, der das Leben der reichen und armen Erbin für immer beschweren sollte; schon war ihr Schlummer weniger lang und weniger friedvoll als bisher. Nicht selten erscheinen uns literarisch gesprochen gewisse Ereignisse, obgleich sie wahr sind, unwahrscheinlich. Aber versäumen wir nicht fast stets, auf unsere plötzlichen Entschlüsse ein psychologisches Licht zu werfen, die ganz geheimen Gründe aufzudecken, die sie notwendig machten?

Die unergründlich tiefe Liebe Eugénies wurzelte vielleicht in den allerzartesten Nervenfäserchen; denn sie wuchs sich, wie manch ein Spötter sagen wird, zu einer Krankheit aus, die ihr ganzes Dasein beschattete. Viele Leute ziehen es vor, eine Entwicklung zur Katastrophe hin zu leugnen, statt die Fäden und Knoten, die Kraft des Gewebes zu prüfen, das in der sittlichen Weltordnung eine Handlung an die andere knüpft. Hier nun wird den Menschenkennern Eugénies bisheriges Leben ein Beweis sein für ihre kindliche Unüberlegtheit und für die Hilflosigkeit ihrer Seele gegenüber der Plötzlichkeit dieses neuen Empfindens. Je einförmiger ihr Leben bisher verlaufen war, um so lebhafter entfaltete sich jetzt in ihrer Seele das weibliche Mitleiden – das scharfsinnigste aller Gefühle. Aufgeregt durch die Ereignisse des Tages, hatte sie einen unruhigen Schlaf; sie erwachte mehrmals und horchte auf die Stimme des Cousins: sie vermeinte von neuem seine Seufzer zu hören, die seit dem Vorabend in ihrem Herzen widerklangen. Bald sah sie ihn vor Kummer vergehen, bald glaubte sie, daß er Hungers sterbe. Gegen Morgen vernahm sie mit Bestimmtheit einen schrecklichen Aufschrei. Sofort kleidete sie sich an und lief leichtfüßig hinauf zum Zimmer des Cousins, dessen Tür nicht verschlossen war. Der Tag graute. Die Kerze in der Leuchterdille war niedergebrannt. Charles, den der Schlaf übermannt hatte, schlief angekleidet im Lehnstuhl; sein Kopf war zur Seite auf das Bett gesunken; er träumte lebhaft, wie Leute träumen, die einen leeren Magen haben.

Eugénie konnte nach Herzensbedürfnis weinen; sie konnte das junge schöne Antlitz betrachten, das in Schmerz erstarrt war, die vom Weinen geschwollenen Augen, die noch im Schlaf Tränen zu vergießen schienen.

Charles empfand unwillkürlich die Anwesenheit Eugénies; er öffnete die Augen und sah sie mit dem Ausdruck tiefster Rührung vor sich stehen.

»Verzeihung, liebe Cousine«, sagte er. Er hatte offenbar keine Ahnung, wieviel Uhr es war und wo er sich befand.

»Es gibt hier Herzen, lieber Cousin, die Ihren Schmerz hören und ihn verstehen, und wir glaubten, Sie hätten vielleicht irgend etwas nötig. Sie müssen sich niederlegen; Sie ermüden nur in so unbequemer Lage.«

»Sie haben recht.«

»Also folgen Sie meinem Rat. Auf Wiedersehen.«

Sie eilte davon, beschämt und dennoch glücklich, nach ihm gesehen zu haben, Nur die Unschuld ist so verwegen. Die Tugend, die wissende Tugend ist berechnend wie das Laster. Eugénie, die sich in Gegenwart des Cousins ganz sicher gefühlt hatte, konnte sich, als sie nun wieder in ihrem Stübchen war, kaum auf den Beinen halten. Die Einfalt ihres Daseins hatte plötzlich ein Ende genommen; sie sann und prüfte, sie machte sich tausend Vorwürfe: ›Was wird er von mir denken? Er wird glauben, ich liebe ihn.‹ Gerade das war es, was sie am liebsten gesehen hätte. Die Liebe ist eine suggestive Kraft und weiß, daß Liebe Liebe erweckt. Welch ein Ereignis für das einsame junge Mädchen, so verwegen bei einem jungen Mann eingetreten zu sein! Gibt es nicht in der Liebe Gedanken und Handlungen, die für gewisse Seelen einem heiligen Verlöbnis gleichkommen?

Eine Stunde später trat sie bei ihrer Mutter ein und half ihr, wie gewöhnlich, beim Ankleiden. Dann setzten sie sich beide auf ihren Platz am Fenster und erwarteten Grandet mit jener Unruhe und Angst vor einer Szene, vor Strafe, die das Herz erstarren läßt oder heiß macht, es zusammenkrampft oder ausdehnt, je nach Temperament verschieden. Selbst die Haustiere beweisen uns, daß Angst den Schmerz verdoppelt: sie schreien bei dem geringfügigsten Schmerz einer Züchtigung und schweigen, wenn sie sich selbst eine empfindliche Wunde beibringen. Der Biedermann kam herunter, aber er sprach nur ein paar zerstreute Worte mit seiner Frau, küßte Eugénie und – setzte sich zu Tisch; er schien seine Drohungen vom gestrigen Abend vergessen zu haben.

»Was macht mein Neffe? Der Junge ist nicht übertrieben aufdringlich.«

»Er schläft, Monsieur«, sagte Nanon.

»Um so besser, da braucht er keine Wachskerze«, sagte Grandet scherzhaft.

Diese seltsame Milde, diese bittere Heiterkeit überraschten Madame Grandet; sie blickte ihren Gatten besorgt an. Der Biedermann – hier mag die Bemerkung angebracht sein, daß in der Touraine, in Anjou, in Poitou und in der Bretagne die Bezeichnung ›Biedermann‹, die hier schon häufig Grandet zuteil wurde, sowohl für die rohesten wie für die gütigsten Menschen Anwendung findet, sobald sie ziemlich bejahrt sind; die Bezeichnung hat mit Sanftmut oder Redlichkeit der Person durchaus nichts zu tun – nahm also wieder seinen Hut und seine Handschuhe und sagte: »Ich werde auf den Marktplatz spazieren und sehen, ob ich unsern Cruchots begegne.«

»Eugénie, dein Vater hat entschieden etwas im Sinn.«

So war es. Grandet, der kein Langschläfer war, widmete oft die halbe Nacht den Kalkulationen, die seinen Ansichten, seinen Plänen ihre erstaunliche Sicherheit verliehen und ihnen stets Erfolg verschafften, worüber die Saumuraner sich immer von neuem wunderten. Alle menschliche Macht ist ein Resultat von Zeit und Geduld. Die mächtigen Leute wollen und wachen. Das Leben des Geizhalses ist eine beständige Übung aller menschlichen Kräfte im Dienste des Ichs; es stützt sich auf nur zwei Empfindungen: Eigenliebe und Gewinnsucht. Aber da Gewinnsucht in manchem Sinne die gesunde und wohlberechtigte Eigenliebe verkörpert, so sind Eigenliebe und Gewinnsucht zwei Teile eines Ganzen: des Egoismus. Von daher rührt vielleicht das außergewöhnliche Interesse, das geschickt in Szene gesetzte Geizige erregen. Jeder Geizhals hält die Leute am Fädchen, die sich allen menschlichen Regungen hingeben, und nutzt sie aus. Wo ist der Mensch, der keine Wünsche hätte, und wo der Wunsch, der ohne Geld zu erfüllen wäre?

Grandet hatte wirklich etwas im Sinne, wie seine Frau sich ausdrückte. Er hatte wie jeder Geizhals ein beständiges Bedürfnis, anderen einen Streich zu spielen, ihnen auf unanfechtbare Weise ihr Geld abzugewinnen. Ist es nicht ein Machtbeweis, andere zu überlisten; sich das Recht zu nehmen, alle die zu vernichten, die so schwach sind, sich ausrauben zu lassen? Oh, wer kennt nicht das Lamm, das friedlich zu Füßen Gottes ruht, das rührendste Symbol aller Geopferten auf Erden, ihrer Zukunft, das Zeichen, daß Duldung und Schwäche am Ende verherrlicht werden? Dies Lamm – der Geizhals läßt es sich auffüttern, Fett ansetzen, er mästet es, schlachtet es, brät es, verzehrt es – und verachtet es. Die Nahrung der Geizigen besteht aus Geld und Verachtung. Während der Nacht hatten die Gedanken des Biedermanns eine andere Richtung angenommen: daher seine Milde. Er hatte einen Plan ausgeheckt, um den Parisern einen Streich zu spielen, sie zu würgen und zu kneten, sie kommen, eilen, schwitzen, hoffen, erbleichen zu lassen, damit er, der frühere Böttcher, in seinem grauen Saale, auf der morschen Treppe seines Hauses in Saumur sich über sie lustig machen könne. Er hatte sich mit seinem Neffen befaßt. Er wollte die Ehre seines verstorbenen Bruders retten, und es sollte weder ihm noch seinem Neffen einen Sou kosten. Da er überdies seine Gelder für drei Jahre hinaus festlegen wollte und ihm nichts mehr zu tun blieb, als seine Güter zu verwalten, so bedurfte sein boshafter Tätigkeitsdrang neuer Nahrung, und die hatte er nun im Bankrott seines Bruders gefunden. Da er keinen in Händen hatte, den er zermalmen konnte, wollte er zugunsten Charles' die Pariser zerstampfen und sich so auf billige Weise als guter Bruder zeigen. Die Ehre der Familie hatte mit seinen Absichten so wenig zu schaffen, daß sein guter Wille nur verglichen werden kann mit dem Bedürfnis des Spielers, ein Spiel gut gespielt zu sehen, auch wenn er nicht dabei beteiligt ist. Und dazu brauchte er die Cruchots; aber er wollte sie nicht aufsuchen, sondern er hatte beschlossen, sie zu sich kommen zu lassen und noch am selben Abend die Komödie einzuleiten, deren Plan er heute nacht ausgeheckt hatte. Dann würde er am andern Tage für ganz Saumur ein Gegenstand der Bewunderung sein – und es würde ihn keinen Centime kosten.

Während der Abwesenheit des Vaters genoß Eugénie das Glück, sich nach Herzenslust mit dem vielgeliebten Cousin beschäftigen zu können. Ohne Bangen schüttete sie den ganzen Schatz ihres Mitgefühls über ihn aus. Mitgefühl – das ist die einzige Überlegenheit der Frau, die einzige, die sie gern fühlen lassen will, die einzige, die sie dem Mann verzeiht, wenn er sich dabei ertappen läßt. Drei- oder viermal ging Eugénie und lauschte auf die Atemzüge des Cousins, horchte, ob er schlief; ob er erwachte. Dann, als er aufstand, widmete sie ihre Sorgfalt dem Rahm, dem Kaffee, den Früchten, den Tellern und Gläsern, kurz allem, was auf den Frühstückstisch kommen sollte. Leichtfüßig stieg sie auf der alten Treppe umher, um den Geräuschen zu lauschen, die aus der Stube des Cousins kamen. Kleidete er sich an? Weinte er noch? Sie schlich zur Tür.

»Lieber Cousin?«

»Liebe Cousine?«

»Wollen Sie unten im Saal frühstücken oder in Ihrem Zimmer?«

»Wo Sie wollen.«

»Wie geht es Ihnen?«

»Liebe Cousine, ich bin beschämt – ich habe Hunger.«

Diese Unterhaltung durch die Tür erschien Eugénie so interessant wie eine Episode in einem Roman.

»Dann wollen wir Ihnen also das Frühstück heraufbringen, um den Vater nicht zu verdrießen.«

Fröhlich wie ein Vogel schwebte sie zur Küche hinunter.

»Nanon, geh und bring sein Zimmer in Ordnung.«

Die so vielbenutzte alte Treppe, auf der man alle Geräusche im Hause vernehmen konnte, hatte für Eugénie alle müde Altersschwäche verloren; ihr schien sie hell und redselig und jung – jung wie sie selbst und ihre Liebe, der sie diente. Sogar ihre Mutter, ihre gute, nachsichtige Mutter wollte teilnehmen an ihren kleinen Herzensfreuden, und als Charles' Zimmer aufgeräumt war, gingen sie alle beide hinauf, um dem Unglücklichen Gesellschaft zu leisten. Gebot nicht die christliche Barmherzigkeit, ihm Trost zu spenden? Die beiden Frauen wußten aus ihrer Religion allerlei Sophismen zu ziehen, um ihre Handlungsweise vor sich selbst zu rechtfertigen. Charles Grandet sah sich also als den Gegenstand innigsten und zärtlichsten Sorgens. Sein kummerschweres Herz fühlte dankbar die Süße der sanften Freundschaft, der tiefen Sympathie, die diese beiden stets unterdrückten Seelen zu entfalten wußten – nun, da es Leid zu lindern galt und sie es darum wagen durften, frei aufzuatmen.

Infolge ihrer Verwandtschaft mit Charles hatte Eugénie den Mut, seine Wäsche zu ordnen und seine Toilettengegenstände auszubreiten. Nun konnte sie nach Gefallen die kostbaren Sächelchen bewundern, die silbernen und goldenen Kleinigkeiten, die ihr in die Hände fielen und die sie lange und innig betrachtete. Charles sah nicht ohne tiefe Rührung die offenherzige Teilnahme, die Tante und Cousine ihm entgegenbrachten; er kannte die Gesellschaft von Paris zur Genüge, um zu wissen, daß er in seiner jetzigen Lage dort nur gleichgültige und kalte Herzen getroffen hätte. Eugénie erschien ihm in allem Glanz ihrer eigenartigen Schönheit, er bewunderte nun die Unschuld und Reinheit ihres Wesens, über die er sich am Abend vorher lustig gemacht hatte. Und als jetzt Eugénie aus den Händen Nanons den mit Rahmkaffee gefüllten irdenen Topf nahm, um den Cousin eigenhändig zu bedienen, und ihm dabei einen lieben Blick zuwarf, da füllten sich die Augen des Parisers mit Tränen; er ergriff ihre Hand und küßte sie.

»Oh, was haben Sie nur?« fragte sie. »Tränen der Dankbarkeit«, erwiderte er.

Eugénie wandte sich hastig zum Kamin und ergriff den Leuchter. »Nanon, hier, nimm das weg«, sagte sie.

Als sie sich dem Cousin wieder zuwandte, war sie wohl noch sehr rot, aber ihre Blicke konnten wenigstens lügen und verrieten nicht die unaussprechliche Freude, die ihr Herz durchflutete. Doch beider Augen sprachen dasselbe Empfinden aus, gleichwie beider Seelen in dem nämlichen Gedanken hinschmolzen: die Zukunft gehörte ihnen. Diese süße Regung war um so köstlicher für Charles, als sie ihm inmitten seines unendlichen Kummers ganz unerwartet kam.

Ein Schlag an das Haustor rief die beiden Frauen auf ihre Plätze zurück. Glücklicherweise konnten sie schnell genug hinuntereilen und schon über der Arbeit sitzen, als Grandet eintrat. Wäre er ihnen in der Vorhalle begegnet – es hätte nicht mehr bedurft, um seinen Argwohn zu erregen.

Nach dem Frühstück, das der Biedermann im Stehen einnahm, erschien der Feldwächter von Froidfond, dem die versprochene Entschädigung für seinen Freundschaftsdienst noch immer nicht verabfolgt worden war; er brachte einen Hasen, ein paar im Park geschossene Rebhühner, ein paar Aale und zwei Hechte, welche die Mühlpächter zu liefern hatten.

»He, he! Der arme alte Cornoiller, er kommt ja sehr gelegen. – Ist das schon eßbar, wie?«

»Jawohl, Monsieur, vor zwei Tagen geschossen.«

»Vorwärts, Nanon, nimm die Füße in die Hand!« rief der Biedermann. »Hier, nimm die Sachen und mach uns ein Mittagessen; ich habe zwei Cruchots eingeladen.«

Nanon riß die Augen auf und blickte von einem zum andern. »Wohl, wohl«, sagte sie; »aber wo nehme ich Speck her und Gewürz?«

»Liebe Frau«, sagte Grandet, »gib Nanon sechs Francs und erinnere mich daran, daß ich in den Keller gehe und meinen guten Wein heraufhole.«

»Und dann, Monsieur Grandet«, begann der Feldwächter, der eine Rede vorbereitet hatte, um die Frage seiner Entschädigungssumme zu einem Abschluß zu bringen, »und dann, Monsieur Grandet . . .«

»Ta ta ta ta!« fiel ihm Grandet ins Wort, »ich weiß schon, was du sagen willst. Du bist ein Satanskerl! Wir werden das morgen erledigen, heute habe ich alle Hände voll zu tun. – Liebe Frau, gib ihm hundert Sous« wandte er sich an Madame Grandet.

Damit räumte er das Feld. Die arme Frau war überglücklich, für elf Francs den Frieden erkaufen zu können. Sie wußte, daß Grandet vierzehn Tage friedlich war, nachdem er ihr so, Stück für Stück, das Geld wieder abgenommen hatte, das er ihr geschenkt hatte.

»Hier! Cornoiller«, sagte sie und drückte ihm zehn Francs in die Hand. »Eines Tages werden wir deine Dienste belohnen.«

Cornoiller wußte nichts zu erwidern. Er ging.

»Madame Grandet«, sagte Nanon, die ihre schwarze Haube aufgesetzt und ihren Korb genommen hatte, »ich brauche nur drei Francs, behalten Sie den Rest. Lassen Sie, lassen Sie, das genügt vollständig.«

»Mach uns ein gutes Essen, Nanon, mein Cousin wird auch herunterkommen«, sagte Eugénie.

»Sicherlich, es geht etwas ganz Besonderes vor«, bemerkte Madame Grandet. »Das ist seit unserer Hochzeit das drittemal, daß dein Vater ein Diner gibt.«

Gegen vier Uhr, als Eugénie und ihre Mutter mit dem Auflegen der Gedecke für sechs Personen soeben fertig geworden waren und der Hausherr einige Flaschen seines ›Allerbesten‹ heraufgeholt hatte, den die Leute in der Provinz sorgsam hüten, trat Charles in den Saal. Der junge Mann war blaß. Seine Bewegungen, seine Miene, seine Blicke und der Ton seiner Stimme waren von einer anmutigen Trauer. Er markierte nicht den Leidenden, er litt tatsächlich, und der sanfte Schleier des Kummers, den der Schmerz über sein Antlitz gebreitet hatte, gab ihm das interessante Aussehen, das den Frauen so gefällt. Eugénie liebte ihn darum noch mehr. Vielleicht auch hatte das Unglück ihn ihr nähergebracht. Charles war ihr nun nicht mehr der reiche und schöne junge Mann, der in einer ihr unzugänglichen Sphäre lebte, sondern ein Verwandter, über den ein entsetzliches Elend hereingebrochen war. Elend schafft Gleichheit. Die Frauen haben eins mit den Engeln gemein: die Leidenden gehören ihnen! Charles und Eugénie verstanden einander mit den Augen und redeten zueinander mit den Augen. Da es aus war mit seinem Dandytum, setzte sich der arme Verwaiste in einen Winkel und verhielt sich schweigend und zurückhaltend. Aber Minute um Minute leuchtete der sanfte, liebkosende Blick seiner Cousine zu ihm hinüber und bat ihn, von seinen traurigen Gedanken abzulassen, sich mit ihr in der weiten Flur der Hoffnung und der Zukunft zu ergehen.

Zur selben Zeit war die Stadt Saumur in gewaltiger Aufregung über das Diner, das Grandet den Cruchots geben wollte – in noch gewaltigerer Aufregung, als sie gestern gewesen war, als er seine Ernte verkauft hatte, trotzdem das ein schweres Verbrechen an seinen Berufsgenossen gewesen war. Hätte der politische Weinbauer sein Diner aus denselben Gründen veranstaltet, die seinerzeit dem Hunde des Alkibiades den Schwanz kosteten – er wäre vielleicht ein großer Mann gewesen. Aber er fühlte sich der Stadt, über die er sich fortwährend lustig machte, viel zu überlegen – er rechnete nicht mit ihr.

Die des Grassins erfuhren bald den plötzlichen Tod und vermutlichen Bankrott von Charles' Vater. Sie beschlossen, gegen Abend ihren geschätzten Kunden aufzusuchen, um ihm ihre Teilnahme und Freundschaft zu beweisen und nebenbei die Gründe zu erforschen, die ihn veranlaßt haben konnten, anläßlich dieses Ereignisses die Cruchots zum Diner einzuladen.

Pünktlich um fünf Uhr erschienen der Präsident de Bonfons und sein Onkel, der Notar – bis an die Zähne sonntäglich gekleidet. Die Gesellschaft setzte sich zu Tisch und begann damit, gehörig zuzulangen. Grandet war ernst, Charles schweigsam, Eugénie stumm, und Madame Grandet sprach nicht mehr wie immer; so wurde dieses Diner tatsächlich ein Kondolenzmahl. Als man sich erhob, sagte Charles zu Onkel und Tante: »Erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe! Ich habe eine große und traurige Korrespondenz zu erledigen.«

»Nur zu, Neffe!«

Als er gegangen war und der Biedermann annehmen durfte, daß er außer Hörweite und in sein Schreiben vertieft sei, warf er seiner Frau einen bösen Blick zu: »Madame Grandet, was wir zu reden haben, ist Latein für Sie; es ist halb acht, ihr könntet verschwinden. – Gute Nacht, meine Tochter.«

Er küßte Eugénie, und die beiden Frauen verließen das Zimmer. Nun begann die Szene, in der Vater Grandet mehr als in irgendeinem andern Augenblick seines Lebens sich die Geschicklichkeit zunutze machte, die er sich im Handelsverkehr erworben hatte und die ihm oft von Seiten der Leute, denen er gar zu sehr das Fell zauste, den Beinamen ›Alter Hund‹ einbrachte. Wenn der Bürgermeister von Saumur seinerzeit seinen Ehrgeiz höher geschraubt hätte, wenn glückliche Umstände ihn in die höchste Sphäre der Gesellschaft hätten aufsteigen lassen und ihn in die Kongresse geschickt hätten, wo über die Geschicke der Nation entschieden wird, und wenn er sich dort so genial gezeigt hätte wie bei Verfolg seiner persönlichen Interessen – kein Zweifel, er wäre Frankreich sehr nützlich geworden. Immerhin, es wäre ebensogut möglich, daß der Biedermann außerhalb der Grenzen von Saumur nur eine traurige Figur abgegeben hätte! Vielleicht gibt es Wesen, mit denen es geht wie mit gewissen Tieren, die in einem andern Klima als dem ihres Heimatlandes nicht gedeihen.

»Mon . . on . . on . . on . . sieur le Pré . . Pré . . Pré . . Président, Sssie sa . . sa . . sagten so . . so . . soeben, daß der B . . B . . Bankrott . . .«

Das seit so langer Zeit von dem Alten vorgetäuschte Stottern, das man ebenso wie die gelegentliche Taubheit, über die er bei Regenwetter klagte, für einen Naturfehler hielt, wurde im Laufe dieser Unterredung so ermüdend für die beiden Cruchots, daß sie die gräßlichsten Grimassen schnitten und sich angestrengt bemühten, die Worte auszusprechen, die er so mühsam im Munde herumwälzte. Hier ist es wohl angebracht, die Geschichte von Grandets Stotterfehler und Taubheit zu berichten. Keiner in ganz Anjou hörte besser und konnte das anjousche Französisch klarer aussprechen als der schlaue Weinbauer. Doch da geschah es, daß er trotz seiner Schlauheit von einem Juden überlistet wurde. Dieser hatte während der Unterredung die Hand ans Ohr gehalten, wie um besser zu hören, und stotterte so prächtig, daß Grandet sich aus Menschlichkeit verpflichtet glaubte, diesem verflixten Juden die Worte und Ideen zu suggerieren, die der Jude zu suchen schien; selber die Schlußfolgerungen zu ziehen, die besagter Jude hätte ziehen müssen; zu reden, wie der verdammte Jude hätte reden sollen; kurz, der Jude zu sein und nicht Grandet. Aus diesem merkwürdigen Kampf ging Grandet mit dem einzigen Handelsabschluß hervor, über den er sich während seiner ganzen Geschäftstätigkeit zu beklagen hatte. Aber wenn er auch pekuniär verloren hatte, so hatte er eine vorzügliche Lehre gewonnen, die ihm später reiche Früchte einbrachte. Und schließlich segnete der Biedermann den Juden, der ihn die Kunst gelehrt hatte, den geschäftlichen Gegner ungeduldig zu machen, ihn zu zwingen, die Ideen des andern auszusprechen und dadurch die eigenen aus dem Gesicht zu verlieren. Seitdem unternahm er kein Geschäft, ohne daß er die Taubheit und das Stottern zu weitschweifigen Umwegen benutzte, die seine wahren Gedanken verbergen mußten. Zunächst wollte er die Verantwortlichkeit für seine Absichten nicht ganz allein tragen; dann wollte er auch sein eigener Herr bleiben und seine wahren Absichten im unklaren lassen.

»Monsieur de Bon . . Bon . . Bonfons . . .«

Zum zweitenmal seit drei Jahren nannte Grandet Cruchot den Neffen Monsieur de Bonfons. Der Präsident vermeinte sich schon zum Schwiegersohn ausersehen.

»Sssie sa . . sa . . sagten also, daß d . . der B . . B . . Bankrott in ge . . ge . . gewissen Fällen aufgehalten w . . w . . . werden kann d . . d . . durch . . .«

»Durch die Handelsgerichte selber. Das kommt alle Tage vor«, sagte Monsieur Cruchot de Bonfons, den Gedanken des Vaters Grandet aufgreifend, und bemühte sich liebenswürdig, ihm Aufklärung zu geben. »Hören Sie zu!«

»I . . i . . ich höre«, antwortete der Biedermann bescheiden. Er setzte die Miene eines boshaften Kindes auf, das innerlich den Lehrer auslacht, sich aber den Anschein gibt, sehr aufmerksam zu sein.

»Wenn ein bedeutender und geachteter Mann, wie zum Beispiel Ihr verstorbener Bruder in Paris . . .«

»Mein Bruder, ja.«

»Von einer Zahlungsunfähigkeit bedroht wird . . .«

»D . . d . . d . . das nennt m . . man Z . . Z . . Zahlungsunfähigkeit?«

»Ja. So daß der Bankrott unvermeidlich ist, so hat das Handelsgericht, dem er unterworfen ist – passen Sie auf –, die Befugnis, durch einen Richterspruch für das Handelshaus Liquidatoren einzusetzen. Liquidieren ist nicht Bankrott machen, verstehen Sie? Wenn er Bankrott macht, ist ein Mann entehrt; aber wenn er liquidiert, bleibt er ehrenhaft.«

»D . . d . . das ist all . . l . . l . . lerdings etwas anderes, w . . w . . w . . wenn's nicht z . . zuviel k . . k . . kostet«, sagte Grandet.

»Aber eine Liquidation kann auch ohne die Unterstützung des Handelsgerichts vor sich gehen, denn« – und der Präsident nahm eine kräftige Prise – »wie wird eigentlich ein Bankrott erklärt?«

»Ja, i . . i . . ich ha . . ha . . habe n . . n . . nie d . . darüber nachgedacht«, erwiderte Grandet.

»Zunächst«, fuhr der Beamte fort, »durch Überweisung der Bilanz an die Gerichtskanzlei, was der Kaufmann selbst oder sein gesetzlicher Bevollmächtigter tut. Zweitens auf Verlangen der Gläubiger. Nun aber, wenn weder der Kaufmann die Bilanz vorlegt, noch irgendein Gläubiger beim Gericht den Urteilsspruch nachsucht, der den Kaufmann bankrott erklärt, was geschieht dann?«

»Ja, w . . w . . was d . . d . . dann?«

»Dann wird von der Familie des Verstorbenen, von seinen Vertretern, seinen Erben oder von dem Kaufmann selbst, wenn er am Leben ist, oder von seinen Freunden, wenn er sich verborgen hält, liquidiert. Vielleicht haben Sie die Absicht, für Ihren Bruder zu liquidieren?« fragte der Präsident. »Ah, Grandet!« rief der Notar, »das wäre ausgezeichnet! Ja, bei uns in der Provinz ist noch die Ehrenhaftigkeit zu Hause. Wenn Sie Ihren Namen retteten – denn es ist ja Ihr Name –, so wären Sie ein Mann, der . . .«

»Großartig!« unterbrach der Präsident seinen Onkel.

»G . . g . . gewiß«, entgegnete der alte Weinbauer »m . . m . . mein Bruder h . . hieß Grrr . . Grandet, g . . g . . ganz wie ich. Ja, g . . g . . gewiß. D . . d . . dagegen ist n . . n . . nichts zu sagen. Und d . . die L . . L . . Liquid . . d . . dation w . . wäre un . . unter al . . len Umständen – aufff alle F . . F . . Fälle ss . . sehr vorteilhaft für m . . m . . meinen Neff . . ffen, den ich g . . g . . gern habe. Aber abw . . warten! I . . i . . ich k . . k . . kenne n . . n . . n . . nicht die Pf . . Pf . . Pfiff . . fikusse von P . . Paris. I . . ich b . . b . . bin in Saumur, sehen Sie! M . . m . . muß m . . m . . mich um m . . m . . meine Felder kümmern, Gr . . Gr . . Gräben ziehen – i . . ich habe m . . m . . meine eigenen Ge . . Geschäfte. Ich h . . habe n . . n . . noch nie einen W . . W . . Wechsel ausgestellt. W . . was ist das, ein W . . Wechsel? Ich ha . . habe sch . . sch . . schon welche ge . . gesehen, a . . a . . aber ich habe n . . n . . noch nie w . . welche unterzeichnet. M . . man be . . bekommt d . . d . . doch Geld d . . darauf, wie? M . . man k . . k . . kann sie d . . diskontieren? Ich habe s . . s . . sagen hören, d . . daß man Wechsel z . . z . . z . . zurückkaufen kann . . .«

»Ja«, sagte der Präsident; »man kann Wechsel auf der Börse kaufen, mit soundsoviel Prozent. Verstehen Sie?«

Grandet legte die Hand ans Ohr, und der Präsident wiederholte seine Bemerkung.

»Aber«, entgegnete der Alte, »m . . m . . man muß d . . d . . die Sache von zwei S . . Seiten betrachten. Ich w . . weiß s . . s . . so wenig von d . . d . . diesen Dingen in mei . . mei . . nem Al . . ter. Ich muß hier b . . b . . bleiben, u . . u . . um auf das K . . K . . Korn aufzu . . zu . . passen. D . . D . . Das häuft s . . s . . sich an u . . u . . und mit dem K . . K . . Korn b . . b . . bezahlt man ja. Vor a . . a . . allem m . . m . . muß ich d . . d . . die Ernte ü . . ü . . überw . . w . . wachen, m . . m . .meine Geschäfte be . . be . . besorgen. Ich habe d . . d . . dringliche Geschäfte in Froidfond, in . . in . . interessante Geschäfte. Ich k . . k . . kann nicht m . . mein Haus im Stich l . . l . . lassen w . . w . . wegen d . . dieser ver . . ver . . verteufelten Angelegenheit, von d . . d . . der ich n . . nichts ver . . verstehe. Sie sa . . sagen, daß ich, u . . um z . . zu l . . l . . liquidieren, um d . . d . . den Bankrott aufzuhalten, i . . in P . . P . . Paris s . . sein m . . muß. M . . m . . m . . man k . . kann nicht an zwei Orten auf einmal s . . sein, w . . w . . wenn m . . m . . man k . . k . . kein Vogel ist. Und . . .«

»Gut, gut, ich verstehe«, rief der Notar. »Also, mein lieber Freund, Sie haben ja Freunde, alte Freunde, die Ihnen sehr ergeben sind.«

›Vorwärts, vorwärts!‹ dachte der Weinbauer, ›entschließt euch doch endlich!‹

»Und wenn nun einer nach Paris reiste, dort den Hauptgläubiger Ihres Bruders Guillaume aufsuchte und ihm sagte . . .«

»Ei . . einen Augenblick b . . b . . bitte«, fiel der Biedermann ihm ins Wort, »ihm s . . s . . sagte, ihm et . . etwa f . . folgendes sagte: ›Monsieur Gr . . Gr . . Grandet in Saumur m . . meint dies, Monsieur Grandet in S . . S . . Saumur m . . meint d . . d . . das. Er l . . l . . liebt seinen Bru . . Bruder, er l . . liebt s . . s . . seinen Neffen, er hat s . . s . . sehr edle Ab . . Ab . . Absichten. Er h . . hat s . . seine Ernte sehr g . . gut ver . . ver . . verkauft. Lassen Sie n . . ni . . nicht K . . K . . Konkurs erklären, t . . tun Sie sich z . . z . . zusammen, ernennen S . . Sie Li . . Li . . Liquidatoren. Grandet w . . wird die Sache schon ma . . machen. Sie wer . . werden weit m . . m . . mehr erreichen, w . . w . . wenn Sie liquid . . dieren, als wenn Sie d . . das Ge . . Gericht sich einm . . mischen las . . lassen . . .‹ He?! Hab ich recht?«

»Vollkommen!« antwortete der Präsident.

»Denn sehen Sie, Monsieur de Bon . . Bon . . Bon . . Bonfons, erst be . . bedenken und d . . dann handeln! Wer nicht k . . k . . kann, kann eben n . . n . . nicht. Bei all . . llen schwierigen Ge . . Ge . . Geschäften muß m . . man, sofern m . . m . . man sich nicht ruinier . . ren will, d . . d . . d . . die Einnahmen und Ausg . . gaben kennen. Wie? Hab ich recht?«

»Vollkommen«, sagte der Präsident. »Ich bin der Ansicht, daß man späterhin die Schuldforderungen für eine gewisse Summe wird aufkaufen können und nach Übereinkunft bis auf den Centime bezahlen. Ja, ja! Mit einem Stück Speck kann man einen Hund weit locken. Wenn der Konkurs nicht erklärt worden ist und Sie die Schuldpapiere in Händen halten, so sind Sie weiß geworden wie jungfräulicher Schnee.«

»Wie Sch . . Sch . . Schnee?« wiederholte Grandet, die Hand am Ohr. »I . . i . . ich verstehe nicht, w . . w . . was Sie m . . meinen mit d . . d . . dem Schnee.«

»So hören Sie mir doch zu«, schrie der Präsident.

»Ich h . . h . . höre z . . zu.«

»Ein Wechsel ist eine Ware, die wie alle andern steigen und fallen kann. Das ist eine Folgerung des Grundgesetzes über den Wucher von Jeremias Bentham. Dieser Publizist hat bewiesen, daß die Vorurteile gegenüber den Wucherern albern und unangebracht sind.«

»Sooo . . .«, machte der Biedermann.

»Wenn man mit Bentham annimmt, daß Geld eine Ware ist und daß das, was also Geld darstellt, ebenfalls zur Ware wird«, fuhr der Präsident fort; »und wenn man ferner annimmt, daß das Wechselpapier gleich der Ware den Kursschwankungen unterworfen ist, je nach der Unterschrift, die es trägt, und daß, wie bei der Handelsware, daran Überfluß oder Mangel sein kann, so daß es also im Wert steigt oder fällt, so ordnet das Gericht an . . . Doch wie dumm ich bin! ich bin der Ansicht, daß Sie die Zahlungsverpflichtungen Ihres Bruders für fünfundzwanzig Prozent zurückkaufen können.«

»W . . w . . wie heißt der M . . Mann? Jeremias Ben . . Ben . . Ben . .?«

»Bentham, ein Engländer.«

»Dieser Jeremias hilft uns im Geschäft über manche Jeremiade hinweg«, sagte der Notar lachend.

»Die . . diese Engländer s . . sind m . . manchmal g . . ganz schlau«, sagte Grandet. »Also n . . n . . nach Bentham, w . . w . . w . . wenn die Sch . . Sch . . Schulden meines Brr . . ruders wert s . . s . . sind . . . nicht wert sind. W . . wenn ich g . . gutsage, nicht wahr? D . . d . . das scheint mir kl . . klar zu sein . . . D . . die Gl . . Gläubiger werden, nein, w . . w . . werden nicht . . . ich v . . v . . verstehe schon.«

»Lassen Sie mich Ihnen alles erklären«, sagte der Präsident. »Rechtlich liegt die Sache so: Wenn Sie sämtliche Schuldtitel des Hauses Grandet in Händen haben, so schuldet Ihr Bruder oder sein Erbe niemandem mehr etwas. Verstanden?«

»Wohlverstanden«, entgegnete der Biedermann.

»Folglich also, wenn die Wechsel Ihres Bruders sich auf die Börse begeben – beachten Sie wohl den Fachausdruck ›sich begeben‹ –, mit Verlust natürlich, und wenn ein Freund von Ihnen sie zurückkauft, ohne daß die Gläubiger genötigt worden sind, sie herzugeben, so ist die Hinterlassenschaft des verstorbenen Grandet in Paris in durchaus anständiger Weise geordnet.«

»D . . d . . das ist wahr, G . . Geschäft ist Geschäft, d . . d . . das steht fest«, sagte der Böttchermeister. »Aber tr . . tr . . trotzdem . . . . Sie begreifen . . ., es i . . ist eine sch . . sch . . schwierige Geschichte. Ich h . . h . . habe kein Geld . . ., auch k . . k . . k . . keine Z . . Zeit, keine Zeit . . . .«

»Ja, Sie können schlecht abkommen. Gut also. Ich biete Ihnen an, für Sie nach Paris zu gehen – die Reiseauslagen ersetzen Sie mir gelegentlich, das ist eine Kleinigkeit. Ich besuche dort die Gläubiger, ich rede mit ihnen, ich lasse prolongieren, und alles regelt sich mit dem Zugeständnis eines kleinen Zuschlags, den Sie den liquidierten Posten hinzufügen, damit Sie in den Besitz der Schuldtitel gelangen.«

»J . . jaaa; aber w . . wir wollen sehen; ich w . . w . . will mich nicht ver . . verpflichten, ohne d . . d . . daß . . . . Wer n . . nicht k . . k . . kann, kann nicht. S . . Sie verstehen?«

»Ja, das ist ja klar.«

»M . . mir ist der Kopf g . . g . . ganz verwirrt von alledem, w . . w . . was Sie mir d . . d . . da gesagt haben. Das ist z . . zum erstenmal in m . . m . . meinem Leben, daß ich m . . m . . mir eine S . . Sache überlege . . . .«

»Ja, Sie sind kein Jurist.«

»Ich b . . b . . bin ein armer W . . W . . Weinbauer und verstehe n . . n . . nichts von den Dingen, die Sie m . . m . . mir da erzählt haben; ich muß mich da erst m . . m . . mal genau i . . i . . inform . . mieren.«

»Also kurz . . .«, begann der Präsident und setzte sich in Positur, um seinen Vortrag nochmals zusammenzufassen.

»Lieber Neffe! . . .« sagte der Notar in vorwurfsvollem Ton, »warte doch, bis Monsieur Grandet dir seine Absichten kundtut. Es handelt sich hier um einen bedeutungsvollen Auftrag. Unser lieber Freund muß ihn definitiv . . . .«

Ein Schlag mit dem Türklopfer gegen das Haustor verhinderte Cruchot, seinen Satz zu beenden. Die des Grassins traten ein. Der Notar war froh, gestört worden zu sein, denn schon hatte Grandet ihn schief angesehen, und sein Nasengewächs hatte Sturm verkündet. Aber zunächst hatte der stolze Notar es nicht für schicklich befunden, daß ein Gerichtspräsident nach Paris reisen solle, um dort bei Gläubigern Bettelbesuche zu machen und sich zu Machinationen herzugeben, die nicht ganz redlich waren. Ferner hatte er noch nicht bemerkt, daß Vater Grandet irgendwie geäußert hätte, überhaupt etwas bezahlen zu wollen; er zitterte also instinktmäßig davor, seinen Neffen in diese Angelegenheit verwickelt zu sehen. Er benutzte daher den Eintritt der des Grassins, um den Präsidenten beim Arm zu nehmen und in die Fensternische zu ziehen.

»Du hast dich genügend bereitwillig gezeigt, mein Neffe; nun aber genug mit der Ergebenheit. Dein Verlangen, die Tochter zu erjagen, macht dich blind. Zum Teufel! Blinder Eifer schadet nur. Überlaß jetzt mir das Steuer und unterstütze nur ein wenig die Manöver. Du darfst doch nicht deine Beamtenwürde verletzen, indem du dich in eine solche Sache . . .«

Er beendete die Rede nicht; er hörte, wie Monsieur des Grassins, während er dem alten Böttchermeister die Hand reichte, sagte: »Grandet, wir haben von dem entsetzlichen Unglück erfahren, das sich in Ihrer Familie zugetragen hat, von dem Zusammenbruch des Hauses Guillaume Grandet und dem Tod Ihres Bruders. Wir kommen, um Sie unserer innigen Anteilnahme an dieser traurigen Begebenheit zu versichern.«

»Es gibt kaum ein größeres Unglück«, fiel der Notar dem Bankier ins Wort, »als der jähe Tod des Monsieur Grandet. Wäre er nur auf den Gedanken gekommen, seinen Bruder um Hilfe anzugehen – er hätte sich nicht das Leben zu nehmen brauchen. Unser alter Freund, der ehrenhaft bis in die Fingerspitzen ist, beabsichtigt, die Schulden der Firma Grandet in Paris zu tilgen. Um ihm die Mühsal dieser rein juristischen Angelegenheit abzunehmen, hat sich mein Neffe, der Präsident, erboten, umgehend nach Paris zu reisen, um sich mit den Gläubigern zu vergleichen und sie angemessen zu befriedigen.«

Diese Worte, die der Weinhändler durch eine entsprechende Haltung unterstützte, während er sich wohlgefällig das Kinn rieb, überraschte die drei des Grassins aufs äußerste; hatten sie doch noch auf dem Herweg über den Geiz Grandets gezetert und ihn fast des Brudermords bezichtigt.

»Ah, ich wußte es wohl!« rief der Bankier mit einem Blick auf seine Frau. »Was habe ich dir unterwegs gesagt, Madame des Grassins? Grandet ist ein Ehrenmann bis in die Haarwurzeln und wird nicht dulden, daß sein Name auch nur den kleinsten Flecken trägt! Reichtum ohne Ehrenhaftigkeit ist ein schlimmes Übel. Es gibt noch ein Ehrgefühl – wir in der Provinz haben es! – Das ist schön, sehr schön, Grandet. Ich bin ein alter Haudegen und verstehe es schlecht, meine Gedanken zu verheimlichen; ich sage es frei heraus: das ist – potzelement! – das ist einfach großartig!«

»D . . d . . die Großartigk . . k . . keit ist aber n . . n . . nicht billig«, erwiderte der Biedermann, als der Bankier ihm warm die Hand schüttelte.

»Aber, mein tapferer Grandet«, fuhr des Grassins fort, »ich möchte Monsieur le Président gewiß nicht kränken – aber ich meine, das ist eine rein kaufmännische Angelegenheit und bedarf eines erfahrenen Geschäftsmannes. Denn heißt es hier nicht, sich auf Rückwechsel verstehen – und Vorschüsse und Zinsberechnungen? Ich muß in eigenen Geschäften nach Paris und könnte mich bei der Gelegenheit auch Ihrer . . .«

»Wir wollen al . . al . . also ver . . versuchen, uns auf einer pass . . passenden Grundlage z . . z . . zu verständigen, ohne d . . d . . daß ich mich in eine S . . Sache einzulassen br . . br . . br . . brauche, die ich nicht gern machen möchte«, stotterte Grandet; »denn sehen Sie, Monsieur le Président verlangt von mir Ersatz der Reisekosten.«

Diese letzten Worte sagte der Biedermann ohne Stottern.

»Oh!« meinte Madame des Grassins, »es ist doch ein Vergnügen, in Paris zu sein. Ich meinerseits würde gern etwas bezahlen, um nur hingehen zu dürfen.«

Und sie machte ihrem Mann ein Zeichen, um ihn zu ermuntern, den Gegnern, koste es, was es wolle, den Auftrag wegzuschnappen; dann blickte sie höhnisch auf die beiden Cruchots, die eine jammernswerte Miene machten. Da nahm Grandet den Bankier am Rockknopf und zog ihn in eine Ecke.

»Ich hätte weit mehr Vertrauen zu Ihnen als zum Präsidenten«, sagte er. »Übrigens läßt sich da sicher ein Geschäft machen«, fügte er hinzu und schüttelte sein Nasengewächs. »Ich will mich mal an Rentenpapieren beteiligen. Ich möchte für einige tausend Francs Renten kaufen, möchte aber nur achtzig Francs anlegen. Man sagt, daß sie Ende des Monats fallen werden. Sie verstehen sich ja wohl darauf, wie?«

»Wahrhaftig, ja! Ich werde also für einige tausend Livres Rente für Sie beheben?«

»Nicht zuviel fürs erste. Aber bitte: schweigen! Ich will dies Spiel spielen, ohne daß man etwas erfährt. Sie werden mir für Ende des Monats ein Geschäft abschließen; aber sagen Sie den Cruchots nichts davon, es würde sie zu sehr ärgern. Und da Sie nach Paris gehen, können wir gleichzeitig nachforschen, wie für meinen armen Neffen die Sachen stehen.«

»Vollkommen einverstanden! Ich werde morgen mit der Post abreisen«, sagte des Grassins mit erhobener Stimme, »und ich werde mir Ihre letzten Informationen holen um . . . um wieviel Uhr?«

»Um fünf Uhr, vor dem Mittagessen«, antwortete der Winzer händereibend.

Beide Parteien blieben noch ein Weilchen da. Nach einer kleinen Pause klopfte des Grassins Grandet auf die Schulter und sagte: »Wie schön ist es, wenn man so gute Verwandte hat wie . . .«

»Ja, ja«, erwiderte Grandet, »wenn es auch nicht so scheint – ich hin ein guter Ver . . Verwandter. Ich habe meinen Bruder gern gehabt und möchte es gern beweisen, w . . w . . wenn es nicht z . . z . . zuviel kostet . . .«

»Wir werden jetzt gehen, Grandet«, fiel ihm der Bankier fröhlich ins Wort. »Da ich also früher abreise, als beabsichtigt, habe ich noch allerlei zu ordnen.«

»Gut, gut. Auch ich werde mich j . . jetzt zurückziehen – in d . . d . . das Beratungszimmer, wie der Präsident Cruchot es nennt.«

›Pest! Schon bin ich nicht mehr Monsieur de Bonfons‹, dachte betrübt der Beamte und setzte die Miene eines Richters auf, der ein langweiliges Plädoyer anhören muß.

Die Häupter der beiden feindlichen Parteien gingen miteinander fort. Keiner von ihnen gedachte mehr des Verrates, dessen sich Grandet am Morgen gegen alle Weinbauern schuldig gemacht hatte; vielmehr war jeder – aber vergeblich – bemüht, den andern zu sondieren, um zu erforschen, was er wohl zu den Absichten des Böttchers in dieser neuen Sache meine.

»Kommen Sie mit uns zu Madame Dorsonval?« fragte des Grassins den Notar. »Wir gehen später hin«, sagte der Präsident; »ich habe Mademoiselle de Gribeaucourt versprochen, ihr einen guten Abend zu wünschen, und wenn es meinem Onkel recht ist, so würden wir zunächst dorthin gehen.«

»Also auf Wiedersehen, Messieurs«, rief Madame des Grassins.

Und als die des Grassins sich einige Schritte entfernt hatten, sagte Adolphe zu seinem Vater: »Die kochen aber vor Wut, wie?«

»Still, still, mein Sohn«, antwortete ihm die Mutter, »sie können uns noch hören. Was du sagst, ist übrigens nicht geschmackvoll und riecht nach der Schulbank.«

»Hast du es bemerkt, Onkel«, rief der Richter, als die des Grassins außer Hörweite waren, »zu Anfang war ich der Präsident de Bonfons und zum Schluß nichts weiter als Cruchot.«

»Ich habe gesehen, daß das dich ärgerte; aber der Wind stand eben nach den des Grassins. Aber wie dumm bist du mit all deinem Verstand! . . . Laß sie nur mit einem ›Wir werden sehen‹ von Vater Grandet nach Paris segeln und verhalte dich still, mein Kleiner. Eugénie wird trotz alledem deine Frau.«

In wenigen Minuten wußten schon drei Häuser von der Hochherzigkeit Grandets, und bald war in der ganzen Stadt von nichts anderem die Rede als von dieser brüderlichen Zuneigung. Ein jeder verzieh Grandet den Handel, mit dem er die Regeln des kameradschaftlichen Anstandes so sehr verletzt hatte. Ein jeder bewunderte nun seine Ehrenhaftigkeit und pries seine so unerwartete Großmut. Es liegt im Charakter des Franzosen, sich zu begeistern, dem Meteor des Augenblicks leidenschaftlich zuzujubeln. Ist denn das Volk, sind denn die Massen ohne Gedächtnis?

Als Vater Grandet sein Haustor verschlossen hatte, rief er Nanon.

»Laß den Hund heute an der Kette und lege dich nicht schlafen; wir haben zusammen zu arbeiten. Um elf Uhr wird Cornoiller aus Froidfond mit dem Wagen hier sein. Warte, bis du ihn kommen hörst, und öffne ihm sofort, so daß er nicht anzuklopfen braucht, und heiße ihn sachte eintreten. Die Polizeivorschrift verbietet den nächtlichen Lärm. Übrigens braucht nicht das ganze Stadtviertel zu erfahren, daß ich fortreisen will.«

Nach dieser Rede stieg Grandet in sein Arbeitszimmer hinauf, wo Nanon ihn hin und her gehen, suchen und packen hörte – doch tat er das alles vorsichtig und leise. Er wollte offenbar weder Frau noch Tochter wecken und vor allem nicht die Aufmerksamkeit seines Neffen erregen, den er bereits verwünschte, weil er Licht in seinem Zimmer sah.

Um Mitternacht vermeinte Eugénie, deren Gedanken beim Cousin weilten, den Seufzer eines Sterbenden zu vernehmen, und für sie war dieser Sterbende natürlich Charles: er war so bleich gewesen, so hoffnungslos! Vielleicht hatte er Selbstmord begangen. Sogleich hüllte sie sich in ein Umschlagtuch und wollte hinausgehen, da gewahrte sie ein helles Licht, das durch die Glasscheiben ihrer Tür hereindrang, und meinte, es sei Feuer ausgebrochen. Doch bald beruhigte sie sich, denn sie hörte die schweren Schritte Nanons, hörte ihre Stimme und das Wiehern von Pferden.

›Will der Vater etwa den Cousin heimlich fortschaffen?‹ fragte sie sich und öffnete die Tür – vorsichtig, damit sie nicht kreische, jedoch weit genug, um sehen zu können, was sich draußen im Gang ereignete.

Plötzlich begegnete ihr Blick dem Auge des Vaters, und trotzdem es nicht zu ihr hersah, erstarrte sie vor Schreck und Angst. Der Biedermann und Nanon waren von Schulter zu Schulter durch einen dicken Knüppel miteinander verbunden, an dessen Mitte an einem Seil ein kleines Fäßchen befestigt war – ein Fäßchen, wie Vater Grandet sie in müßigen Stunden zu seinem Vergnügen in seinem Backhaus anzufertigen pflegte.

»Heilige Jungfrau! Monsieur, ist das ein Gewicht!« sagte Nanon mit leiser Stimme.

»Wie schade, daß es nichts als Sousstücke sind!« antwortete der Alte. »Nimm dich in acht, daß du nicht an den Leuchter stößt.«

Diese Szene wurde von einem einzigen Lichte beleuchtet, das auf dem Treppenabsatz stand.

»Cornoiller«, sagte Grandet zu seinem Wächter in partibus, »hast du deine Pistolen mitgenommen?«

»Nein, Monsieur, Verzeihung! Was kann denn für die Sousstücke zu fürchten sein?«

»Oh! – nichts!« sagte Vater Grandet.

»Übrigens werden wir schnell vorankommen«, fuhr der Wächter fort, »die Pächter haben die besten Pferde eingespannt.«

»Schön, schön. Du hast ihnen nicht gesagt, wohin ich fahre?«

»Ich wußte es selber nicht.«

»Gut. Der Wagen hält hoffentlich etwas aus?«

»Aushalten, Monsieur? Ho, ja! Der trägt seine dreitausend. Was wiegt es denn, Ihr drolliges Fäßchen?«

»Na«, sagte Nanon, »ich sollt das ja wohl wissen! 's wird schon so seine achtzehnhundert haben.«

»Wirst du still sein, Nanon! – Du sagst also meiner Frau, ich sei über Land gefahren. Ich werde zum Mittagessen hier sein. – Fahr tüchtig zu, Cornoiller; ich muß vor neun Uhr in Angers sein.«

Der Wagen fuhr davon. Nanon verriegelte das große Tor, ließ den Kettenhund los, legte sich mit schmerzender Schulter schlafen, und niemand im Städtchen hatte von der Abreise Grandets oder von seinen Absichten eine Ahnung. Der Biedermann war ein Meister an Vorsicht. Niemals sah jemand einen Sou in diesem goldgefüllten Hause.

Der Weinbauer, der am Morgen am Hafen davon hatte reden gehört, daß infolge der in Nantes vorgenommenen umfangreichen Ausrüstungen der Wert des Goldes um das Doppelte gestiegen sei, und daß in Angers Spekulanten eingetroffen seien, um Gold zu kaufen, erreichte es – indem er einfach von seinen Pächtern ein Gespann entlieh –, daß er sein Gold dort verkaufen und nun die Summe heimbringen konnte, die zum Ankauf der Rentenpapiere unter Zuschlag des Agio notwendig war. ›Mein Vater fährt fort‹, sagte sich Eugénie, die droben an der Treppe alles gehört hatte.

Im Hause herrschte wieder Schweigen, und das ferne Rollen des Wagens, das nach und nach erstarb, weckte kein Echo mehr im schlafenden Saumur. In diesem Augenblick vernahm Eugénie – früher noch mit dem Herzen als mit dem Ohr – einen Klagelaut, der aus dem Zimmer des Cousins kam. Ein Lichtstreifen, fein wie eine Säbelklinge, drang durch die Türritze und spaltete das Treppengeländer in zwei Teile.

»Er leidet«, flüsterte sie, zwei Stufen hinaufsteigend.

Ein zweiter Seufzer lockte sie bis an die Türschwelle droben. Die Tür war angelehnt; sie schob sie auf. Charles schlief; sein Kopf hing seitwärts über die Lehne des Sessels herab; die Hand, der die Feder entfallen war, berührte fast den Boden. Das fast röchelnde Atmen des jungen Mannes, eine Folge seiner schlechten Lage im Stuhl, erschreckte Eugénie; sie trat ein.

›Da kann er allerdings müde sein‹, sagte sie sich, als sie etwa ein Dutzend versiegelter Briefe liegen sah. Sie las die Adressen: An Messieurs Farry, Breilmann & Co., Wagenbauer. An Monsieur Buisson, Schneider, . . .

›Er hat gewiß alle seine Angelegenheiten geordnet, um bald Frankreich verlassen zu können‹, dachte sie.

Ihr Blick fiel auf zwei offene Briefe. Sie las die Anfangsworte des einen: ›Meine liebe Annette . . .‹ Ein Schwindel erfaßte sie. Ihr Herz hämmerte, ihre Füße klebten am Boden.

›Seine liebe Annette! Er liebt – er wird geliebt! Keine Hoffnung mehr! . . . Was sagt er ihr?‹

Diese Gedanken gingen ihr durch Herz und Hirn. Überall las sie die Worte, sogar in Flammenschrift auf dem Fußboden.

›Schon ihm entsagen! – Nein, ich werde den Brief nicht lesen. Ich muß wieder gehen . . . Wenn ich ihn nun dennoch lesen würde?‹

Sie blickte auf Charles, hob sanft seinen Kopf und legte ihn auf die Rücklehne des Sessels; und er ließ es geschehen, wie ein Kind, das selbst im Schlaf die Mutter erkennt und, ohne zu erwachen, ihre Sorgfalt, ihre Küsse hinnimmt. Wie eine Mutter hob Eugénie Charles' schlaff niederhängende Hand in eine bequemere Lage und küßte ihn leise aufs Haar. ›Liebe Annette!‹ . . . ein kleiner Teufel schrie ihr die Worte ins Ohr.

›Ich weiß, ich tue vielleicht unrecht – aber ich werde den Brief lesen‹, sprach sie zu sich.

Eugénie wandte den Kopf ab. Ihr Feingefühl, ihre Ehrlichkeit grollten ihrem Plan. Zum erstenmal in ihrem Leben hatte ihr Herz einen Kampf zu bestehen zwischen Gut und Böse. Bis jetzt hatte sie noch wegen keiner Handlung zu erröten gebraucht. Leidenschaft und Neugier rissen sie fort. Ihr Herz weitete sich bei jedem Satz, den sie las, und die prickelnde Glut, die sie bei dieser Lektüre befiel, ließen ihr die Freuden der ersten Liebe noch köstlicher und begehrenswerter erscheinen.

›Meine liebe Annette, nichts hätte uns zu trennen vermocht, wäre nicht dies vernichtende Unglück über mich gekommen, das keine Menschenweisheit voraussehen konnte. Mein Vater hat sich erschossen; sein und mein Vermögen ist vollständig verloren. Ich bin Waise in einem Alter, wo ich – infolge meiner Erziehung – kaum lebenserfahrener bin als ein Kind, und ich muß mich trotzdem wie ein Mann aus dem Abgrund emporarbeiten, in den ich gestürzt bin. Ich habe einen Teil der Nacht benutzt, um meine Lage zu berechnen. Wenn ich als ein Ehrenmann Frankreich verlassen will – und das ist zweifellos –, so bleiben mir keine hundert Francs, um in Indien oder Amerika mein Glück zu versuchen. Ja, meine arme Anne, ich werde in einem mörderischen Klima dem Glück nachjagen müssen; in solchen Himmelsstrichen soll es sicher und schnell zu erreichen sein – so sagte man mir. In Paris zu bleiben, könnte ich nicht ertragen. Weder meine Seele noch mein Leib sind geschaffen, Beleidigungen, Kälte und Verachtung zu ertragen – und das ist es, was den Ruinierten, den Sohn des Bankrotteurs, erwartet. Großer Gott! Eine Schuldenlast von zwei Millionen! . . . Ich würde in Paris schon nach der ersten Woche im Duell gefallen sein. Ich werde also nicht mehr dorthin zurückkehren. Selbst Deine Liebe, die zärtlichste und ergebenste Liebe, die jemals das Herz eines Mannes beglückte, könnte mich nicht dorthin rufen. Ach, meine Geliebte, ich habe nicht einmal genug Geld, um hinzufahren zu Dir und Dir einen letzten Kuß zu geben und zu nehmen, einen Kuß, der mir Kraft verleihen könnte zu meinem Entschluß . . . .‹

»Armer Charles, ich tat recht daran, den Brief zu lesen! Ich habe eine Summe Gold, ich werde sie ihm geben«, sagte Eugénie. Sie trocknete ihre Tränen und nahm die Lektüre wieder auf.

›Ich habe noch kaum Zeit gehabt, über meine elende Lage nachzudenken. Wenn ich auch die hundert Louis zur Überfahrt habe, so hätte ich doch keinen Sou für meine Equipierung. Doch nein: ich habe weder hundert Louis noch einen Louis – erst wenn meine Schulden in Paris bezahlt sind, werde ich wissen, was mir an Geld bleibt. Wenn es nichts ist, so gehe ich still nach Nantes und schiffe mich als einfacher Matrose ein und fange dort unten von neuem an, wie jene Energischen angefangen haben, die, als sie jung hinübergingen, nicht einen Sou besaßen und dort in Indien reich geworden sind. Seit heute morgen sehe ich meiner Zukunft kalt ins Auge. Sie ist für mich wohl schrecklicher als für manchen andern, für mich, den eine bewundernde Mutter liebkoste, den der beste der Väter verwöhnte und der gleich bei seinem Eintritt in die große Lebewelt die Liebe einer Anne fand! Ich kannte vom Leben nur die Blüten. Solch ein Glück konnte nicht von Dauer sein. Dennoch, meine geliebte Annette, fühle ich mehr Mut in mir als wohl sonst ein junger Mann in meiner Lage, der durch die Zärtlichkeit der reizendsten Frau von Paris verwöhnt worden und sich im Schoß seiner Familie, seines glücklichen Heims geborgen fühlte und dessen Wünsche seinem Vater Gesetz waren . . . . O mein Vater! Annette, er ist tot . . . . Also höre: Ich habe über meine Lage nachgedacht – auch über Deine Lage. Ich bin in vierundzwanzig Stunden alt und weise geworden. Liebste Anna, wenn Du, um mich in Paris und an Deiner Seite zu behalten, alles opfern würdest: Deinen Luxus, Deine Toiletten, die Loge in der Oper –, so würde sich noch immer nicht die Summe ergeben, die ich bisher für meine dringenden Ausgaben nötig hatte; auch könnte ich so große Opfer gar nicht annehmen. Wir müssen uns also heute für immer Lebewohl sagen.‹

›Er trennt sich von ihr! Heilige Jungfrau! Welche Seligkeit!‹

Eugénie machte einen Freudensprung. Charles regte sich – kalter Schrecken durchfuhr sie. Aber zum Glück erwachte er nicht. Sie las weiter.

›Wann werde ich zurückkommen? Ich weiß es nicht. Das Klima Indiens macht den Europäer früh alt, und vor allem den arbeitenden Europäer. Versetzen wir uns einmal in die Zukunft, eilen wir zehn Jahre voraus: in zehn Jahren ist Deine Tochter achtzehn, sie wird Deine Kameradin sein – vielleicht auch ein kleiner lästiger Spion. Die Welt wird grausam gegen Dich sein, Deine Tochter vielleicht noch mehr. Wir haben schon Beispiele gehabt von solcher Hartherzigkeit der Welt und von der Undankbarkeit der jungen Mädchen; ziehen wir unsern Nutzen daraus. Bewahre in der Tiefe Deiner Seele die Erinnerung dieser vier glücklichen Jahre – so wie ich es tun werde – und sei Deinem armen Freunde getreu, wenn Du kannst. Ich werde das nicht auf die Dauer von Dir verlangen können, denn siehst Du, meine geliebte Annette, ich muß mich meiner Lage anpassen, das Leben bürgerlich ansehen und es im wahrsten Sinne als ein Rechenexempel betrachten. Ich muß demnach an eine Ehe denken, die für mein neues Dasein zur Notwendigkeit geworden ist. Und ich will Dir bekennen, daß ich hier in Saumur bei meinem Onkel eine Cousine gefunden habe, deren Wesen und Gestalt, Gemüt und Herz Dir wohl gefallen würden und die außerdem, wie mir scheint . . .‹

›Er muß recht müde gewesen sein, daß er nicht zu Ende geschrieben hat‹, sagte sich Eugénie, als sie sah, daß der Brief mitten im Satz abbrach.

Sie rechtfertigte ihn. Es war also möglich, daß das junge Mädchen die Kälte nicht empfand, die aus diesem Schreiben sprach. Wenn junge, fromm erzogene Mädchen den Fuß ins Zauberreich der Liebe setzen, so ist ihnen, den Unschuldigen und Unwissenden, alles lauter Liebe. Sie gehen dahin, umhüllt von dem himmlischen Licht, das ihrer Seele entströmt und das den geliebten Mann mit seinen Strahlen umschmeichelt. Sie kleiden ihn in das Feuer ihres eigenen Liebefühlens und leihen ihm ihre lieblichsten Gedanken. Die Irrtümer der Frau entspringen fast stets ihrem Glauben an das Gute oder ihrem Vertrauen auf das Wahre. Eugénie klangen die Worte ›Meine liebe Annette, meine Herzgeliebte‹ wie die süßeste Sprache der Liebe; sie kosten ihre Seele, wie einst das Ohr des Kindes geliebkost wurde von den göttlichen Klängen des ›Venite adoremus‹. Auch redeten die Tränen, die noch an Charles' Wimpern hingen, zu ihr vom Edelsinn des jungen Mannes – und was könnte ein junges Mädchen mehr betören? Konnte sie wissen, daß, wenn Charles seinen Vater so sehr liebte und so aufrichtig beweinte, diese Zärtlichkeit weniger seiner Herzensgüte, als vielmehr dem gütigen Wesen seiner Eltern entsprang?

Monsieur und Madame Guillaume Grandet hatten stets die Wünsche ihres Sohnes erfüllt, hatten ihm alle Freuden des Reichtums gewährt und hatten ihm dadurch keine Veranlassung gegeben, die herzlosen Berechnungen anzustellen, deren in Paris die meisten Kinder fähig sind, wenn der Luxus der Großstadt in ihnen Wünsche weckt, deren Erfüllung durch die Lebensdauer der Eltern immer und immer sich verzögert. Die Freigebigkeit des Vaters war so groß gewesen, daß sie in das Herz des Sohnes eine wahre Kindesliebe säte, eine Liebe ohne Hintergedanken. Dennoch war Charles als ein Pariser Kind durch das Pariser Leben und durch Annette selber daran gewöhnt worden, allem nachzurechnen, war ein Greis in der Maske des Jünglings. Er war aufgewachsen in einer Welt, die an einem einzigen Gesellschaftsabend in Gedanken und Worten mehr Verbrechen begeht, als die Justiz jemals bestraft; in einer Welt, wo ein Witz die größten Ideen vernichtet; wo man nur dann für stark gilt, wenn man ein klares Auge hat. Ein klares Auge haben aber heißt: an nichts glauben, weder an Gefühle noch an Menschen – noch an Begebenheiten: man fälscht sogar die Ereignisse. Hier heißt es, um klar zu sehen, jeden Morgen die Geldbörse des besten Freundes abwägen; sich mit List und Kaltblütigkeit über alles hinwegsetzen, was einem begegnet; niemals Bewunderung zeigen für irgend etwas, weder für ein Kunstwerk noch für eine edle Tat, und den Beweggrund zu jeder Handlung im persönlichen Interesse des einzelnen erblicken. Diese große Dame, die schöne Annette, die tausend Scherze mit ihm trieb, sie lehrte Charles nüchtern denken: sie sprach ihm von seiner zukünftigen Lebensstellung, während ihre duftende Hand sein Haar streichelte; während sie ihm zierliche Löckchen drehte, lehrte sie ihn den Ernst des Lebens erfassen: sie verweichlichte ihn und lehrte ihn dabei praktisch denken. Es war eine doppelte Verderbnis, aber eine Verderbnis, die vornehm und geschmackvoll wirkte.

»Sie sind unbeholfen, Charles«, sagte sie zu ihm; »Sie werden mir rechte Mühe machen, bis Sie weltgewandt sind. Sie waren recht unfreundlich zu Monsieur des Lupeaulx. Ich weiß wohl, daß er kein großer Ehrenmann ist; aber warten Sie, bis er machtlos ist, dann können Sie ihn nach Herzenslust verachten.

Wissen Sie wohl, was Madame Campan uns lehrt? ›Meine Kinder, solange ein Mann im Ministerium ist, betet ihn an; fällt er, so helft ihn auf den Schindanger werfen. Solange er Macht hat, ist er wie ein Gott; hat man ihn vernichtet, so ist er weniger als Marat im Rinnstein, denn er lebt noch, Marat hingegen ist tot. Das Leben ist eine Reihe von Kombinationen, und man muß diese studieren, ihnen folgen, um sich stets in einer guten Position erhalten zu können.‹«

Charles war eine viel zu oberflächliche Natur, war viel zu verhätschelt von seinen Eltern und viel zu verwöhnt von der Gesellschaft, als daß er ein tiefes Gefühlsleben hätte haben können. Das Goldkörnchen, das seine Mutter in sein Herz gesenkt hatte, war in der Schule des Pariser Lebens längst zu einem dünnen Plättchen verschabt worden, zu einer spärlichen Vergoldung, die bald gänzlich abgenutzt sein würde. Aber Charles war erst zweiundzwanzig Jahre alt. In diesem Alter sind Lebensfrische und Reinheit der Seele noch etwas Selbstverständliches. Stimme, Blick und Mienenspiel scheinen in Harmonie zu stehen mit den Empfindungen des Herzens. Auch dem hartherzigsten Richter, dem ungläubigsten Sachwalter, dem mißtrauischsten Wucherer wird es schwer, an kalte Berechnung, an die Verderbtheit der Seele zu glauben, solange die Augen des Verdächtigten noch in reinem Glanze schwimmen und die Stirn keine Runzeln trägt. Charles hatte noch nie Gelegenheit gehabt, die Regeln des Pariser Sittenkodex praktisch anzuwenden, und bis heute war er schön, weil er unerfahren war. Aber der Egoismus war ihm schon frühzeitig eingeimpft worden – er wußte es nur nicht. Die Keime zu einer rücksichtslosen Lebensführung, wie sie dem Pariser selbstverständlich ist, ruhten noch verborgen in ihm; aber sie würden nicht zögern, in seinem Herzen aufzublühen, sobald er, bisher ein müßiger Zuschauer, selbst mitspielen würde im Drama des wirklichen Lebens.

Fast alle jungen Mädchen werden hingerissen von den süßen Versprechungen eines anmutigen Äußeren; aber wäre auch Eugénie klug und beobachtend gewesen wie so manche Provinzmädchen – hätte sie wohl ihrem Cousin mißtrauen können, bei dem Manieren, Worte und Handlungen noch so völlig mit den Regungen des Herzens übereinstimmten? Ein schicksalsschwerer Zufall fügte es, daß sie die letzten Ausflüsse echten Gefühls, die noch in seinem jungen Herzen lebten, erleben mußte, daß sie gewissermaßen die letzten Seufzer seines sterbenden Gewissens hörte.

Sie ließ ab von diesem Brief, der ihr so voll von Liebe schien, und betrachtete mit inniger Teilnahme den Schlafenden. Sie sah auf diesen Wangen noch die Farbe der Jugendfrische, der Verheißung; sie gab sich selbst den heiligen Schwur, ihn immer, immer zu lieben. Dann wandte sie sich dem zweiten Brief zu, und ihre Indiskretion bedrückte sie nicht mehr; wenn sie auch diesen Brief las, so geschah es, um noch weitere Beweise zu sammeln für die edlen Eigenschaften, die sie – wie das alle Frauen tun – dem Manne zu verleihen liebte, den sie erwählt hatte.

›Mein lieber Alphonse! Wenn Du diesen Brief erhältst, werde ich nicht einen Freund mehr besitzen; doch ich gestehe Dir: wenn ich auch an allen zweifle, die gewohnt sind, dies Wort im Munde zu führen, so habe ich doch an Deiner Freundschaft nie gezweifelt. Ich ersuche Dich daher, meine Angelegenheiten zu ordnen, und ich zähle darauf, daß Du aus allem, was ich besitze, so viel als möglich herausschlägst. Ich muß Dir nun meine Lage eingestehen: ich habe nichts, nichts mehr und will mich nach Indien einschiffen. Ich habe soeben an alle Leute geschrieben, bei denen ich noch Schulden zu haben glaube, und Du findest hier die Liste der Betreffenden beigefügt, so gut ich mich ihrer erinnern konnte. Meine Bibliothek, meine Möbel, meine Wagen und Pferde usw. werden wohl genügen, um meine Schulden zu bezahlen. Ich will nur einige wertlose Kleinigkeiten behalten, die mir zum Beginn einer Warenkollektion dienlich scheinen. Mein lieber Alphonse, ich schicke Dir hier eine regelrechte Vollmacht, die Dich zu dem Verkauf ermächtigt, so daß Du keine Schwierigkeiten haben wirst. Alle meine Waffen schicke mir bitte zu. Briton behalte für Dich. Niemand würde den Preis für das herrliche Tier bezahlen, so will ich es lieber Dir zum Geschenk machen, gleichwie ein Sterbender seinem Testamentsvollstrecker wohl einen Ring vermacht. Man hat mir bei Farry, Breilmann & Co. einen sehr schönen Reisewagen gebaut; er ist jedoch noch nicht geliefert worden. Versuche von ihnen zu erreichen, daß sie ihn behalten, ohne eine Entschädigungssumme zu verlangen; wenn sie sich aber weigern sollten, so vermeide alles, was in meiner jetzigen traurigen Lage ein schlechtes Licht auf mich werfen könnte. Ich habe beim Insulaner sechs Louis Spielschulden, vergiß nicht, sie ihm . . .‹

›Lieber, lieber Cousin‹, flüsterte Eugénie, als sie jetzt leise und eilig mit einer der brennenden Kerzen in ihr Zimmer zurückkehrte. Dort öffnete sie mit inniger Freude das Schubfach der alten Eichenkommode, einer prächtigen Arbeit aus der Renaissancezeit, auf der noch, halb verwischt, der berühmte königliche Salamander zu sehen war. Sie entnahm dem Fach eine große rote Samtbörse mit Goldquasten und verschabter Kantillenstickerei, die aus dem Nachlaß ihrer Großmutter stammte. Mit glücklichem Stolz wog sie die Börse in der Hand und machte sich nun daran, ihr kleines Vermögen nachzuzählen. Zunächst legte sie zwanzig noch neue Portugiesen beiseite; sie waren unter Johann V. im Jahre 1725 geprägt worden und hatten einen Kurswert von hundertachtundsechzig Francs vierundsechzig Centimes pro Stück, wie ihr Vater ihr gesagt hatte, ihr Liebhaberwert aber war hundertundachtzig Francs, infolge der Seltenheit und Schönheit der Stücke, die wie Sonnen strahlten. Ferner fünf Genueser, d. h. fünf Hundertlirestücke von Genua, eine ebenfalls seltene Münze, deren Kurswert siebenundachtzig Francs betrug, für Münzensammler jedoch hundert Francs. Sie hatte sie vom alten Monsieur de la Bertellière erhalten. Ferner drei doppelte spanische Goldpistolen Philipps V., geprägt im Jahre 1729, geschenkt von Madame Gentillet, die bei jedesmaliger Überreichung immer denselben Satz wiederholte: »Dieses reizende Kanarienvögelchen ist achtundneunzig Francs wert. Verwahre es gut, mein Herzchen, es wird die Zierde deiner Sammlung sein.‹ Ferner Stücke, die ihr Vater ganz besonders schätzte – das Gold dieser Münzen hatte etwas über dreiundzwanzig Karat –: hundert holländische Dukaten aus dem Jahre 1756, von einem Wert von je dreizehn Francs. Ferner eine große Seltenheit, ein paar für Sammler sehr wertvolle Münzen: drei Rupien mit dem Zeichen der Waage und fünf Rupien mit dem Zeichen der Jungfrau, alle aus vierundzwanzigkarätigem Gold, das herrliche Geld des Großmogul; ein jedes Stück hatte einen Kurswert von siebenunddreißig Francs vierzig Centimes, für den Kenner aber galt das Stück mindestens fünfzig Francs. Ferner der Napoleon zu vierzig Francs, den sie vorgestern erhalten und gleichgültig zu dem andern in die rote Börse getan hatte.

Dieser Schatz bestand aus lauter neuen und jungfräulichen Stücken, wahren Kunstwerken, über die Grandet gern zu reden liebte und die er sich von Zeit zu Zeit zeigen ließ, um seiner Tochter die prächtige Prägung, die schöne Randverzierung, die kräftigen Lettern zu zeigen, deren reine Konturen noch tadellos erhalten waren. Nun aber dachte sie weder an die Seltenheit der Münzen, noch an die Manie ihres Vaters, noch an die Gefahr, die es ihr bringen würde, sich dieses dem Vater so wertvollen Schatzes zu entäußern; nein, sie dachte an ihren Cousin, und nach einigen Rechenfehlern gelang es ihr schließlich, festzustellen, daß sie ein Vermögen von etwa fünftausendachthundert Francs Kurswert besaß, das aber bei günstigem Verkauf gegen zweitausend Taler einbringen konnte. Beim Anblick dieses Reichtums klatschte sie in die Hände wie ein Kind, das seiner überströmenden Freude Ausdruck geben muß.

So hatten in dieser Nacht sowohl Vater wie Tochter ihr Kapital gezählt: er, um sein Gold zu verkaufen, Eugénie, um das ihre in ein Meer der Liebe zu werfen. Sie tat die Stücke in die alte Börse zurück und stieg damit ohne Zögern wieder hinauf. Der geheime Kummer ihres Cousins ließ sie die Nacht vergessen und alle Konvention; sie fühlte sich von einer starken Kraft beseelt, der Kraft des guten Gewissens, der Aufopferung, der inneren Glückseligkeit.

Im selben Augenblick, als sie, in einer Hand die Kerze, in der andern ihre Börse, oben bei Charles wieder eintrat, erwachte dieser; sein Erstaunen war grenzenlos. Eugénie trat näher, stellte die Kerze auf den Tisch und sagte mit bewegter Stimme: »Mein lieber Cousin, ich muß Sie um Verzeihung bitten, ich habe ein großes Unrecht an Ihnen begangen; aber Gott wird mir die Sünde vergeben, wenn Sie es zuerst tun.«

»Aber was denn?« fragte Charles, sich die Augen reibend.

»Ich habe die beiden Briefe hier gelesen.«

Charles wurde rot.

»Wieso das geschehen ist?« fuhr sie fort; »weshalb ich zu Ihnen heraufgestiegen bin? In Wahrheit, jetzt weiß ich es nicht mehr. Aber ich kann es wirklich nicht allzusehr bedauern, diese Briefe gelesen zu haben, denn sie haben mir Ihr Herz enthüllt, Ihre Seele und . . .«

»Und was?« fragte Charles.

»Und Ihre Pläne, und daß Sie dringend einer Summe bedürfen . . .«

»Meine liebe Cousine . . .«

»Still, still, lieber Cousin! Nicht so laut, wir wollen niemanden wecken.« Sie öffnete die Börse. »Hier sind die Ersparnisse eines armen Mädchens, das keine Bedürfnisse hat. Charles, nehmen sie an! Heute morgen noch wußte ich nicht, was Geld für eine Sache ist. Sie haben es mich gelehrt: es ist ein Mittel zum Zweck; das ist alles. Ein Cousin ist fast ein Bruder; Sie können sich getrost die Börse Ihrer Schwester ausleihen.«

Eugénie, die ebensoviel Weib war wie junges Mädchen, hatte eine Weigerung nicht vorausgesehen; der Cousin aber blieb stumm.

»Sie weisen es wirklich zurück?« fragte Eugénie, deren Herzschläge in dem tiefen Schweigen hörbar waren.

Es beschämte sie tief, daß er so zögerte. Aber die Notlage, in der er sich befand, trat ihr noch lebhafter vor Augen, und sie sank in die Knie.

»Ich werde mich nicht eher wieder erheben, als bis Sie das Geld angenommen haben!« sagte sie. »Mein Cousin, Erbarmen! Antworten Sie! . . . Damit ich weiß, ob Sie mir die Ehre erweisen, ob Sie edel sind, ob . . .«

Als Charles diesen Verzweiflungsschrei eines reinen, vornehmen Herzens hörte, ergriff er die Hand der Cousine, um sie emporzuziehen, und seine Tränen fielen auf diese Hand. Als Eugénie die warmen Tropfen spürte, sprang sie auf, ergriff die Börse und schüttete den Inhalt vor ihm auf den Tisch aus.

»Also ja, nicht wahr?« sagte sie, vor Freude weinend. »Seien Sie unbesorgt, lieber Cousin, Sie werden reich werden. Dies Gold wird Ihnen Glück bringen; eines Tages werden Sie es mir zurückgeben; oder wir wollen uns zusammentun; ich bin ja zu allen Bedingungen bereit, die Sie mir auferlegen. Aber Sie dürfen diese Gabe nicht gar zu hoch bewerten.«

Charles fand endlich Worte: »Ja, Eugénie, ich hätte eine recht kleinliche Seele, wenn ich mich jetzt noch weigern wollte. Doch – umsonst ist der Tod! – Vertrauen gegen Vertrauen!«

»Was meinen Sie?« fragte sie erschreckt.

»Also passen Sie auf, liebe Cousine, ich habe hier . . .«

Er unterbrach sich und wies auf ein viereckiges Kästchen in Lederfutteral, das auf der Kommode stand.

»Sehen Sie, ich habe da etwas, das mir ebenso teuer ist wie mein Leben. Dies Kästchen ist ein Geschenk meiner Mutter. Seit heute morgen mußte ich daran denken, daß sie, wenn es ihr möglich wäre, wohl gern aus dem Grabe steigen würde, um das Gold zu verkaufen, das ihre Zärtlichkeit auf das Kästchen verschwendete; würde ich selbst das tun, so würde ich eine Entweihung begehen.«

Als Eugénie diese Worte vernahm, preßte sie heftig die Hand des Cousins.

»Nein«, fuhr er nach einer kurzen Pause fort, während der sie einander mit tränenfeuchten Blicken ansehen, »nein, ich möchte diese Reliquie nicht mit auf die Reise nehmen; sie könnte verlorengehen oder beschädigt werden. Liebe Eugénie, Sie sollen ihr Hüter sein. Niemals hat ein Freund dem Freunde ein heiligeres Kleinod anvertraut. Urteilen Sie selbst.«

Er holte das Kästchen herbei, nahm es aus dem Futteral, öffnete es und zeigte seiner erstaunten Cousine ein goldenes Reisenecessaire von wundervoller Arbeit, die den Metallwert noch bei weitem überstieg.

»Was Sie hier bewundern, ist nichts«, sagte er, auf eine Feder drückend, worauf ein doppelter Boden sichtbar wurde. »Hier sehen Sie, was mir über alles auf der Welt wertvoll ist.«

Er nahm zwei Porträts heraus, zwei Meisterwerke von Madame de Mirbel; sie waren von kostbaren Perlen umrahmt.

»Oh, die schöne Dame! Ist es nicht die Dame, an die Sie soeben geschrieben . . .?

»Nein«, sagte er lächelnd. »Diese Frau ist meine Mutter, und hier ist mein Vater. Es sind die Bilder Ihres Onkels und Ihrer Tante. Eugénie, ich möchte Sie auf Knien beschwören, mir dies Kleinod zu hüten. Sollte ich zugrunde gehen und Ihr kleines Vermögen verlieren – dies Gold wird Sie schadlos halten; und – nur Ihnen kann ich diese beiden Porträts anvertrauen; Sie sind es wert, sie zu bewahren; aber vernichten Sie sie später, damit sie nach Ihnen nicht in andere Hände kommen . . .« Eugénie schwieg. »Also ja, nicht wahr?« fügte er liebenswürdig hinzu.

Als sie dieselben Worte hörte, die sie soeben ihm gegenüber angewendet hatte, dieselbe liebliche Bitte, warf sie ihm den ersten innigen Liebesblick zu, einen Blick, in dem wohl ebensoviel Koketterie wie Tiefe lag. Er ergriff ihre Hand und küßte sie.

»O reiner Engel! Nicht wahr, zwischen uns soll das Geld niemals eine Rolle spielen? Das Gefühl, das es anzuwenden weiß, soll für uns von nun ab alles sein.«

»Sie sehen Ihrer Mutter ähnlich. Hatte sie eine ebenso sanfte Stimme wie Sie?«

»Oh! Noch viel sanfter . . .«

»Ja, für Sie«, sagte sie, die Lider senkend. »Doch, Charles, legen Sie sich hin, ich will es, Sie sind müde. Auf morgen!«

Sie löste sachte ihre Hände aus den seinen. Er begleitete sie mit der brennenden Kerze zu ihrem Zimmer. Als sie beide auf der Schwelle standen, seufzte er: »Ach, daß ich nun arm bin!« »Bah! mein Vater ist reich, ich bin davon überzeugt«, erwiderte sie. »Armes Kind«, entgegnete Charles und trat einen Schritt ins Zimmer; er lehnte sich an die Mauer. »Da würde er meinen Vater nicht haben sterben lassen, würde Sie nicht ein so armseliges Leben führen lassen und würde selbst anders leben.«

»Aber er besitzt Froidfond.«

»Und was ist Froidfond wert?«

»Ich weiß nicht; aber er hat Noyers.«

»Irgendeine kleine Meierei!«

»Er hat Weingärten und Wiesen . . .«

»Sorgen«, sagte Charles verächtlich. »Wenn Ihr Vater auch nur vierundzwanzigtausend Francs Rente hätte, würden Sie da dies kalte, nackte Zimmer bewohnen?« fügte er, einen Fuß vorsetzend, hinzu. »Da werden also meine Schätze ruhen«, sagte er, auf die alte Truhe zeigend, um seine Gedanken zu verbergen.

»Gehen Sie schlafen«, antwortete sie. Er sollte nicht das unaufgeräumte Zimmer sehen.

Charles trat zurück, und sie sagten einander mit einem Lächeln gute Nacht.

Alle beide schliefen sie mit demselben Traum ein, und Charles begann nun seine Trauer mit Rosen zu schmücken.

Am andern Morgen fand Madame Grandet vor dem Frühstück schon Eugénie in Begleitung Charles' im Garten. Der junge Mann war noch traurig; er hatte die Trauer des Unglücklichen, der in die Tiefen seines Kummers hinabgestiegen ist und der nun in diesem schrecklichen Abgrund die ganze Schwere seines zukünftigen Lebens auf sich lasten fühlt.

»Der Vater wird nicht vor dem Mittagessen heimkommen«, sagte Eugénie, als sie die Unruhe im Antlitz der Mutter sah.

Es war leicht, in Eugénies Benehmen, auf ihrem Gesicht und in der sanften Melancholie ihrer Stimme zu gewahren, daß zwischen ihr und dem Cousin eine tiefe Seelengemeinschaft bestand. Ihre Seelen hatten sich flammend vereint, wohl noch ehe sie wirklich die Kraft des Gefühls erprobt hatten, das sie so eins ans andere band.

Charles blieb nun im Saal, und man achtete seine Trauer und störte ihn nicht. Jede der drei Frauen hatte ihre Beschäftigung. Da Grandet heute seine Geschäfte vernachlässigte, kamen allerlei Leute ins Haus, die nach ihm fragten: der Dachdecker, der Zinngießer, der Maurer, die Erdarbeiter, der Zimmermann, ferner die Gutspächter und Meier, die einen, um Aufträge entgegenzunehmen, die andern, um Miete zu bezahlen oder Gehälter zu empfangen. Madame Grandet und Eugénie mußten also fortwährend hin und her laufen und auf die Fragen der Arbeiter und Landleute antworten. Nanon nahm die Abgaben an Lebensmitteln in Empfang und verwahrte sie in der Küche. Sie wartete stets die bezüglichen Anordnungen ihres Herrn ab, um zu wissen, was für den Hausgebrauch behalten und was auf dem Markt verkauft werden sollte. Es war nämlich des Biedermanns Gewohnheit – und es gibt viele Landedelleute, die es nicht anders machen –, nur seinen schlechten Wein zu trinken und nur seine faulen Früchte zu essen.

Gegen fünf Uhr abends kam Grandet von Angers zurück, wohin er an vierzehntausend Francs in Gold gebracht hatte und von wo er nun eine Brieftasche voll guter Staatspapiere heimbrachte, die ihm bis zu dem Tage, da er seine Rentenpapiere zu bezahlen haben würde, Zinsen trugen. Er hatte Cornoiller in Angers zurückgelassen, um die ganz ermatteten Pferde zu schonen; sie sollten zunächst Ruhe haben und dann langsam nach Haus geführt werden.

›Ich komme von Angers, Frau‹, sagte er. ›Ich habe Hunger.‹

Nanon rief ihm aus der Küche zu: ›Heißt das, daß Sie seit gestern nichts gegessen haben?‹

›Nichts‹, erwiderte der Biedermann.

Nanon brachte die Suppe. Als die Familie sich soeben zu Tisch gesetzt hatte, kam des Grassins, um die Befehle seines Klienten entgegenzunehmen. Seinen Neffen hatte Grandet noch gar nicht gesehen.

›Essen Sie nur ruhig, Grandet‹, sagte der Bankier. ›Wir können plaudern. Wissen Sie, was jetzt das Gold in Angers wert ist? Man will dort welches für Nantes aufkaufen. Ich werde das meinige hinschicken.‹

›Schicken Sie es lieber nicht‹, entgegnete der Biedermann, ›es ist schon genug vorhanden. Wir sind zu gute Freunde, als daß ich nicht versuchen sollte, Ihnen diesen Zeitverlust zu ersparen.‹

›Aber das Gold hat jetzt dort einen Wert von dreizehn Francs fünfzig Centimes.‹

›Sagen Sie, es hatte den Wert . . .‹

›Wo zum Teufel sollten sie denn etwas herbekommen haben?‹

›Ich bin heute nacht in Angers gewesen‹, erwiderte ihm Grandet mit leiser Stimme.

Der Bankier zuckte zusammen vor Überraschung. Dann entspann sich zwischen ihnen eine ins Ohr geflüsterte Unterredung, während der sowohl des Grassins wie Grandet mehrmals zu Charles hinübersahen. Des Grassins zuckte abermals zusammen, und das war gewiß in dem Augenblick, als der frühere Böttchermeister ihm den Auftrag gab, ihm für hunderttausend Francs Rentenpapiere zu kaufen.

»Monsieur Grandet«, wandte der Bankier sich an Charles, »ich reise nach Paris; und falls Sie irgendeinen Auftrag für mich hätten . . .«

»Keinen; ich danke Ihnen, Monsieur«, erwiderte Charles.

»Danken Sie dem Monsieur nur etwas herzhafter, lieber Neffe. Er reist, um die Angelegenheiten des Hauses Guillaume Grandet in Ordnung zu bringen.«

»Ist denn dafür noch etwas zu hoffen?« fragte Charles.

»Aber«, rief da der Böttcher mit gutgespieltem Stolz, »sind Sie denn nicht mein Neffe? Ihre Ehre ist die unsere. Heißen Sie denn nicht auch Grandet?«

Charles erhob sich, umarmte Vater Grandet, küßte ihn, erbleichte und ging hinaus. Eugénie betrachtete ihren Vater bewundernd.

»Also fort, mein lieber des Grassins, leben Sie wohl, alles Gute, und machen Sie die Leute nur hübsch mürbe!«

Die beiden Diplomaten drückten einander die Hände; der frühere Böttcher führte den Bankier bis ans Haustor. Nachdem er dieses wieder geschlossen hatte, kam er zurück, warf sich in seinen Lehnstuhl und sagte zu Nanon: »Gib mir ein Glas Johannisbeerlikör.«

Aber er hatte keine Ruhe im Lehnstuhl; er erhob sich wieder, betrachtete das Porträt von Monsieur de la Bertellière und begann seinen ›vergnügten Tanzschritt‹ wie Nanon es nannte, und sang dazu:

»In der französischen Garde
Da stand mein guter Papa . . .«

Nanon, Madame Grandet und Eugénie sahen einander schweigend an. Es erschreckte sie immer, wenn der Weinbauer seiner Freude so lärmenden Ausdruck gab.

An diesem Abend ging man bald auseinander. Vater Grandet wollte sich frühzeitig zur Ruhe legen, und wenn er schlafen ging, so mußte das ganze Haus ein gleiches tun – gerade wie ganz Polen berauscht war, wenn August trank. Übrigens waren Nanon, Charles und Eugénie kaum weniger müde als Monsieur Grandet. Was Madame Grandet anbetraf, so schlief, aß, trank und lief sie ganz nach Wunsch ihres Gemahls. Immerhin wurden noch zwei Stunden der Verdauung gewidmet, und Grandet, der lustiger war als je, machte eine ganze Reihe seiner eigenartigen sinnvollen Bemerkungen, deren eine schon genügt haben würde, seine Geistesart kundzutun. Als er seinen Johannisbeerlikör geschluckt hatte, betrachtete er das Glas. »Kaum hat man ein Glas an die Lippen gebracht, so ist es schon leer! Da haben wir unser Los. Man kann nicht gleichzeitig sein und nicht sein. Die Taler können nicht rollen und zugleich in unserer Börse stecken, sonst wäre das Leben allzu schön.«

Er war aufgeräumt und gnädig. Als Nanon mit ihrem Spinnrad kam, sagte er: »Du wirst müde sein. Laß deinen Hanf.«

»Schön, schön! . . . Aber stillsitzen ist gräßlich«, antwortete die alte Magd.

»Arme Nanon! Willst du ein Gläschen Likör?«

»Oh! da sage ich nicht nein; den macht unsere Frau besser als der Apotheker. Der verkauft einen echten Schundlikör.«

»Er setzt zuviel Zucker zu«, sagte der Biedermann, »das nimmt ihm das Aroma.«

Am andern Morgen bot die Familie, die sich um acht Uhr zum Frühstück versammelt hatte, das Bild einer wahrhaft innigen Gemeinsamkeit. Das Unglück hatte ein festes Band geknüpft zwischen Madame Grandet, Eugénie und Charles; selbst Nanon sympathisierte mit ihnen, ohne es zu wissen. Was den alten Weinbauer anlangte, so machte ihn seine wieder einmal zufriedengestellte Habgier und die Gewißheit, daß der Zierbengel bald abreisen werde, ohne daß er ihm mehr zu zahlen brauche als seine Reise bis Nantes, fast gleichgültig gegen dessen Anwesenheit im Hause. Er gestattete den beiden Kindern – so nannte er Charles und Eugénie –, sich unter den wachsamen Augen Madame Grandets nach Gefallen zu betragen, denn er setzte in seine Frau in allen Moral- und Glaubensdingen das größte Vertrauen. Die Arbeiten auf seinen Wiesen, das Anlegen der Gräben längs des Wegrandes, die Pappelanpflanzungen am Ufer der Loire und die Winterarbeiten auf dem Felde und in Froidfond nahmen ihn vollständig in Anspruch.

Nun begann für Eugénie ein herrlicher Liebesfrühling. Seit jener nächtlichen Szene, da die Cousine dem Cousin ihren Sparschatz gegeben hatte, war ihr Herz dem Schatz gefolgt. Das Geheimnis hatte die beiden zu Bundesgenossen gemacht; in ihren Blicken lag ein gegenseitiges Einverständnis, das ihre Gefühle füreinander vertiefte, sie immer inniger aneinander band, man könnte fast sagen, sie über das alltägliche Leben hinaushob. Erlaubte ihr Verwandtsein nicht eine gewisse Sanftheit des Wortes, eine Zärtlichkeit der Blicke? Auch trachtete Eugénie, die Leiden, den Kummer ihres Cousins einzuwiegen mit den kindlichen Freuden einer erwachenden Liebesneigung. Wieviel anmutige Ähnlichkeit gibt es doch in den Anfängen der Liebe und denen des Lebens! Wiegt man doch das Kind zur Ruhe mit süßen Liedern und innigen Blicken, erzählt ihm wundervolle Geschichten, die ihm die Zukunft in goldenem Glanze zeigen. Die Hoffnung des Kindes – entfaltet sie nicht immer wieder ihre strahlenden Schwingen? Vergießt das kleine Wesen nicht abwechselnd Tränen der Freude und Tränen des Schmerzes? Streitet es nicht um ein Nichts, um ein paar Kiesel, mit denen es sich einen schwankenden Palast baut, um Blumen, die ebenso schnell vergessen wie gepflückt sind? Ist es nicht voll Gier, die Zeit festzuhalten, voranzukommen im Leben? Die Liebe ist unsere zweite Kindheit. Kindheit und Liebe waren zwischen Eugénie und Charles ein und dasselbe: das war die erste Liebe mit all ihren Kindereien, um so inniger ihren Herzen, als sie voll Schwermut und Trauer war. Im übrigen war diese Liebe, die unter den Schleiern der Trauer nur zögernd und widerstrebend geboren wurde, darum nur um so mehr in Einklang mit der bürgerlichen Schlichtheit dieses altersgrauen Hauses. Wenn Charles im stillen Hof am Brunnen mit seiner Cousine ein paar Worte tauschte, wenn er im Gärtchen mit ihr auf einer Moosbank saß und sie einander große Nichtigkeiten sagten und dem Sonnenuntergang zuschauten, oder in der Ruhe, die hier zwischen den Wällen und dem Hause herrschte, wie in dem Kreuzgang einer Kirche, andächtig schwiegen – dann fühlte und begriff er die Heiligkeit der Liebe; denn seine große Dame, die geliebte Annette, hatte ihm nur ihre Stürme und Verwirrungen gezeigt. In solchen Augenblicken sagte er sich los von der pariserischen, koketten, eitlen und prunkenden Leidenschaft und wandte sich der reinen und wahren Liebe zu. Er liebte sogar dieses Haus, dessen Gewohnheiten ihm nicht mehr so lächerlich schienen. Früh am Morgen schon kam er herunter, um mit Eugénie ein paar Worte zu plaudern, ehe Grandet kam, um die Tagesration auszuteilen; und wenn der Tritt des Biedermanns auf der Treppe ertönte, flüchtete er in den Garten. Das Unerlaubte solcher morgendlichen Begegnungen, von denen selbst Eugénies Mutter nichts wußte und die Nanon zu übersehen schien, gaben dieser unschuldigsten Liebe von der Welt den entzückenden Reiz des Verbotenen.

Wenn dann nach dem Frühstück Vater Grandet fortgegangen war, um nach seinen Besitzungen und Geschäften zu sehen, verweilte Charles bei Mutter und Tochter und genoß die so neue Freude, ihnen bei der Arbeit zuzusehen, ihnen das Garn zu halten und sie plaudern zu hören.

Die Einfachheit ihres fast klösterlichen Daseins enthüllte ihm die reine Schönheit dieser Seelen, die nichts vom lauten Leben wußten, und rührte ihn tief. Er hatte geglaubt, solche Tugenden seien in Frankreich unmöglich, seien überhaupt nur in Deutschland zu finden oder in den Märchen und den Romanen August Lafontaines. Bald erschien ihm Eugénie als der gute Teil von Goethes Gretchen, doch ohne deren Schwächen.

Von Tag zu Tag wurden seine Blicke, seine Worte inniger und entzückten das arme Mädchen, das sich beseligt dem Strom der Liebe überließ; sie griff nach der Glückseligkeit, wie ein Schwimmer den Weidenzweig ergreift, um sich aus dem Wasser zu ziehen und am Ufer zu ruhen. Verdunkelten nicht schon die Kümmernisse einer künftigen Trennung die köstlichsten Stunden dieser enteilenden Tage? Jeder Tag fast brachte ein kleines Geschehnis, das ihnen das bevorstehende Leid ins Gedächtnis prägte.

Drei Tage nach der Abreise des Grassins' wurde Charles von Grandet mit aller Feierlichkeit, die der Provinzler solchen Handlungen gerne verleiht, aufs Gericht geführt, um dort seine Verzichtleistung auf die Erbfolge seines Vaters zu unterzeichnen. O schreckliche Verleugnung! Es war wie ein Abfall von der Familie. Er ging ferner zum Notar Cruchot und ließ dort zwei Vollmachten ausstellen: die eine für des Grassins, die andere für den Freund, den er mit dem Verkauf seiner Einrichtung beauftragt hatte. Dann galt es, die zur Erlangung eines Auslandspasses nötigen Formalitäten zu erfüllen. Und schließlich, als die schlichten Trauerkleider, die Charles in Paris bestellt hatte, eingetroffen waren, ließ er einen Schneider aus Saumur kommen und verkaufte ihm seine überflüssige Garderobe.

Diese Handlung gefiel dem Vater Grandet ganz außerordentlich: »Ah, seht doch! Nun sehen Sie ja wirklich aus wie einer, der ins Ausland geht, um sein Glück zu versuchen«, sagte er zu ihm, als er ihn in einem groben schwarzen Überrock erblickte. »Gut so, sehr gut!«

»Bitte, seien Sie davon überzeugt«, entgegnete Charles, »daß ich über den Ernst meiner Lage völlig im klaren bin.«

»Was ist denn das?« fragte der Biedermann, und seine Blicke belebten sich, als Charles ihm eine Handvoll Goldsachen hinhielt.

»Lieber Onkel, ich habe meine Goldknöpfe, meine Ringe, alles Überflüssige, das ich besaß und das irgendwelchen Wert haben dürfte, zusammengerafft. Da ich aber in Saumur niemanden kenne, wollte ich Sie heute bitten . . .«

»Ihnen das abzukaufen?« fiel ihm Grandet ins Wort.

»Nein, mein Onkel, mir einen ehrlichen Menschen zu nennen, der . . .«

»Geben Sie mir alles her, Neffe; ich werde es Ihnen ganz genau abschätzen und Ihnen auf den Centime genau sagen, wieviel es wert ist. Gold«, sagte er, eine lange Kette betrachtend, »achtzehn bis neunzehn Karat.« Der Biedermann hielt seine breite Hand hin und verschwand mit dem Haufen Gold.

»Meine liebe Cousine«, sagte Charles, »gestatten Sie mir, Ihnen diese zwei Knöpfe anzubieten; wenn Sie sich ein Paar der gegenwärtig so modernen Armbänder aus Seidenband machen würden, so wären die Knöpfe als Abschluß dafür sehr hübsch.«

»Ich nehme Ihre Gabe ohne Zögern an«, erwiderte sie mit einem vielsagenden Blick.

»Liebe Tante, hier ist der Fingerhut meiner Mutter; ich habe ihn stets sorgfältig in meinem Reisenecessaire verwahrt«, sagte Charles, Madame Grandet einen hübschen goldenen Fingerhut anbietend. Sie hatte sich einen solchen schon seit zehn Jahren gewünscht.

»Es gibt keine Worte, Ihnen Dank zu sagen, lieber Neffe«, sagte die alte Mutter, deren Augen sich mit Tränen füllten. »Morgens und abends will ich Sie in mein Gebet einschließen, will für Sie das Gebet für die Reisenden sagen. Wenn ich sterbe, wird Eugénie Ihnen dies Kleinod aufbewahren.«

»Der Wert des Ganzen beträgt neunhundertneunundachtzig Francs fünfundsiebzig Centimes, lieber Neffe«, sagte Grandet wiedereintretend. »Um Ihnen aber die Mühe des Verkaufs zu ersparen, werde ich Ihnen diese Summe in Livres aufzählen.«

Die Bezeichnung ›in Livres‹ bedeutet im Sprachgebrauch des Loiregebiets, daß die Sechslivresstücke als sechs Francs angenommen werden müssen – ohne Abzug.

»Ich wagte nicht, Ihnen das vorzuschlagen«, erwiderte Charles; »aber es widerstrebte mir, meine Schmucksachen in der Stadt zu verhandeln, in der Sie wohnen. Man muß seine schmutzige Wäsche im Hause waschen, sagte Napoleon. Ich danke Ihnen also für Ihre Freundlichkeit.«

Grandet kratzte sich hinterm Ohr, und einen Augenblick herrschte Schweigen.

»Mein lieber Onkel«, begann Charles von neuem und blickte etwas besorgt, als fürchte er, ihn zu verletzten, »meine Tante und meine Cousine haben gern ein kleines Andenken von mir angenommen; wollen Sie Ihrerseits ein Paar Manschettenknöpfe, die mir überflüssig geworden sind, entgegennehmen? Sie werden Sie manchmal an einen armen Jungen erinnern, der, fern von Ihnen, oft an die denken wird, die nunmehr seine einzigen Verwandten sind.«

»Junge, lieber Junge, mußt nicht alles so hergeben . . . – Was hast denn du bekommen, Frau?« Er wandte sich ihr habgierig zu. »Ah, einen goldenen Fingerhut. – Und du, Töchterchen? Seht, seht, Diamantspangen. – Also, mein Junge, ich nehme deine Knöpfe an«, sagte er, Charles die Hand drückend. »Aber du wirst mir erlauben, d . . . deine Überfahrt nach – ja . . . nach Indien zu bezahlen. Ja, ich will deine Überfahrt bezahlen. Um so mehr, mein Junge, als ich beim Abschätzen deiner Schmucksachen nur den Goldwert berechnet habe, aber vielleicht hat die Arbeit auch einen gewissen Wert und wirft noch einen Gewinn ab. Also abgemacht: ich werde dir fünfzehnhundert Francs geben – . . . in Livres, die Cruchot mir wohl leihen wird; denn ich habe nicht einen Centime im Hause, es sei denn, daß Perrotet, der mit dem Pachtzins im Rückstand ist, ihn jetzt bezahlt. Ja, ja, ich werde ihn einmal aufsuchen.«

Er nahm seinen Hut, zog die Handschuhe an und ging.

»Sie wollen also wirklich fort?« fragte Eugénie Charles und warf ihm einen halb traurigen, halb bewundernden Blick zu.

»Ich muß«, antwortete er und senkte den Kopf.

Seit einigen Tagen war Charles in Haltung, Manieren und Worten zum Mann gereift; wohl drückte sein Wesen tiefen Kummer aus, aber auch die Kraft, aus der Last seiner ungeheuren Verpflichtungen neuen Mut zu schöpfen. Er seufzte nicht mehr, er war fest geworden. Auch Eugénie hatte den Charakter ihres Cousins nie so günstig beurteilt als an dem Tage, da er in derbes Schwarz gekleidet kam, das seinem bleichen Antlitz und düstern Gesichtsausdruck gut stand. An demselben Tag legten auch die beiden Frauen Trauer an und wohnten mit Charles einem Requiem bei, das in der Pfarrkirche für die Seele des verstorbenen Guillaume Grandet abgehalten wurde.

Beim zweiten Frühstück erhielt Charles Briefe aus Paris und las sie.

»Nun, lieber Cousin, sind Sie mit dem Gange Ihrer Angelegenheiten zufrieden?« fragte Eugénie mit leiser Stimme.

»Du darfst niemals solche Fragen stellen, mein Kind«, bemerkte Grandet. »Zum Teufel! Ich sage dir doch nichts von meinen Geschäften, wie kannst du es wagen, die Nase in die Angelegenheiten des Cousins zu stecken! Laß ihn gehn, den Jungen!«

»Oh! Ich habe keine Geheimnisse«, sagte Charles.

»Ta ta ta ta! Mein Junge, du weißt, daß man in Geschäftsdingen die Zunge im Zaum halten muß.«

Als die beiden Liebenden dann allein im Garten waren, zog Charles Eugénie auf die alte Bank unterm Nußbaum nieder und sagte: »Ich habe Alphonse richtig beurteilt, er hat alles prächtig erledigt, mit Klugheit und Umsicht. Ich habe keine Schulden mehr in Paris, alle meine Möbel sind verkauft, und er benachrichtigt mich, daß er, dem Rate eines langjährigen Seefahrers folgend, für die noch übriggebliebenen dreitausend Francs einen Vorrat europäischer Kuriositäten gekauft habe, die man in Indien vorteilhaft veräußern könne. Er hat meine Gepäckstücke nach Nantes befördern lassen, von wo dieser Tage ein Schiff nach Java abgehen wird. In fünf Tagen, Eugénie, müssen wir Abschied nehmen – vielleicht für immer, jedenfalls für lange. Meine Ausrüstung und zehntausend Francs, die mir zwei meiner Freunde schicken, sind ein gar kläglicher Anfang. Ich kann erst in einigen Jahren an Heimkehr denken. Meine liebe Cousine, Sie dürfen nicht Ihr Leben an mein so unsicheres Dasein knüpfen. Ich kann umkommen, und Ihnen bietet sich vielleicht eine reiche Heirat . . .«

»Sie – lieben mich? . . .« fragte sie.

»O ja, sehr«, erwiderte er mit einer Innigkeit des Tons, die ein tiefes Gefühl verriet.

»Ich werde warten, Charles! – Gott! Mein Vater ist am Fenster«, rief sie, den Cousin zurückstoßend, der sie küssen wollte.

Sie rettete sich in den Hausgang, Charles folgte ihr; als sie ihn gewahrte, flüchtete sie bis an den Fuß der Treppe und öffnete die kleine Nebentür. Ohne eigentlich zu wissen, wo sie war, befand sich Eugénie nun nahe bei Nanons Kammer, im dunkelsten Winkel des Ganges. Hier ergriff Charles, der ihr gefolgt war, ihre Hand und legte sie auf sein Herz; dann umfaßte er das Mädchen und zog es sanft nahe zu sich heran. Eugénie sträubte sich nicht mehr, sie empfing und gab den reinsten, lieblichsten, aber auch tiefinnigsten aller Küsse.

»Liebe Eugénie, ein Cousin ist besser als ein Bruder, er kann dich heiraten«, sagte Charles.

»So sei es!« schrie Nanon und riß die Tür ihres Kämmerchens auf.

Die beiden Liebenden flüchteten erschreckt in den Saal, wo Eugénie ihre Arbeit wieder aufnahm und Charles sich daran machte, im Gebetbuch von Madame Grandet die Litaneien der heiligen Jungfrau zu lesen.

»Seht!« sagte Nanon, »da beten wir nun alle.«

Nachdem Charles seine bevorstehende Abreise angezeigt hatte, tat Grandet sehr eifrig, kam und ging und machte Charles glauben, daß er sich lebhaft für ihn interessiere. Er zeigte sich freigebig in allem, das nichts kostete, nahm es auf sich, ihm einen Packer zu besorgen, und meinte dann, der Mann verlange für seine Kisten zuviel Geld; er wollte also durchaus selber welche anfertigen und nahm recht alte Bretter dazu. Schon früh erhob er sich und sägte, hobelte und nagelte und verfertigte sehr schöne Kisten, in die er alle Habseligkeiten Charles' einpackte. Er übernahm es auch, sie mittels Schiffs die Loire hinunterzubefördern und sie wohlbehalten und rechtzeitig in Nantes abzuliefern.

Seit dem Kuß im Hausgang entflohen für Eugénie die Stunden mit rasender Eile. Zuweilen wollte sie ihrem Cousin überallhin folgen.

Wer diese heftigste, zwingendste aller Leidenschaften gekannt hat, deren Dauer ein jeder Tag verringert, die zittern muß vor dem Alter, der Zeit, vor irgendeiner todbringenden Krankheit, vor all den Zufällen im Menschenleben – wer sie gefühlt hat, diese Leidenschaft, die Liebe, der wird begreifen, welche Qualen Eugénie litt. Oft ging sie weinend in den Garten, der ihr nun viel zu eng schien, zu eng wie der Hof, das Haus, die ganze Stadt – eilte sie doch schon hinaus auf die endlose Weite des Ozeans.

Endlich nahte der Tag vor der Abreise. Am Morgen wurde während der Abwesenheit Nanons und Grandets das kostbare Kästchen, in dem sich die beiden Porträts befanden, feierlich in das einzige verschließbare Fach der Truhe eingestellt, in der auch Eugénies jetzt leere Börse lag. Die Niederlegung dieses Schatzes ging natürlich nicht ohne eine beträchtliche Anzahl von Küssen und Tränen vonstatten. Als Eugénie den Schlüssel an ihrer Brust barg, hatte sie nicht den Mut, Charles zu wehren, die Stelle zu küssen.

»Hier wird er immer ruhen, mein Freund.«

»Und mit ihm immer mein ganzes Herz.«

»O Charles, das war nicht recht«, sagte sie, ein wenig grollend.

»Sind wir nicht ebensogut wie verheiratet?« erwiderte er; »ich habe dein Wort, nimm du das meine.« »Dein für immer!« hieß es nun auf beiden Seiten.

Nie wurde ein Versprechen so rein und aufrichtig gegeben: die Unschuld Eugénies hatte vermocht, Charles' Liebesempfinden zu heiligen.

Das Frühstück am folgenden Morgen war traurig. Ungeachtet des goldenen Gewandes und eines Jeannettenkreuzes, das Charles ihr gegeben hatte, hatte selbst Nanon Tränen im Auge. »Der arme, hübsche Monsieur – da fährt er nun weit übers Meer – daß Gott ihn behüte!«

Um halb elf Uhr machte sich die ganze Familie auf den Weg, um Charles bis zur Abfahrtstelle des Eilpostwagens nach Nantes das Geleit zu geben. Nanon hatte den Hund losgelassen, das Haustor verschlossen und sich mit Charles' Mantelsack beladen. Alle Handelsleute der alten Straße standen vor ihren Häusern, um dem kleinen Zug nachzusehen, dem sich am Marktplatz Notar Cruchot anschloß.

»Nur ja nicht weinen, Eugénie«, warnte die Mutter.

»Mein Neffe«, sagte Grandet unterm Tor des Gasthofs und küßte Charles auf beide Wangen, »mein Neffe, arm reisest du ab, kehre reich zurück. Du wirst die Ehre deines Vaters gerettet sehen. Ich stehe dir dafür, ich, Grandet; denn dann liegt es nur an dir, daß . . .«

»O mein lieber Onkel, Sie versüßen wirklich die Bitternis des Scheidens. Ist das nicht das schönste Geschenk, das Sie mir hätten machen können?«

Charles hatte die Worte des Onkels, dem er so in die Rede gefallen war, nicht verstanden; er lag ihm am Halse und benetzte sein Antlitz mit Tränen der Dankbarkeit, während Eugénie mit aller Kraft die Hand des Cousins und die Hand des Vaters drückte. Nur der Notar lächelte und bewunderte die Schlauheit Grandets, denn er allein hatte den Biedermann verstanden.

Die vier Saumuraner, zu denen sich noch ein paar Neugierige gesellt hatten, blieben bei dem Wagen stehen, bis er abfuhr. Als er auf der Brücke verschwand und man nur noch sein fernes Räderrollen hörte, sagte der Weinbauer: »Glückliche Reise!«

Glücklicherweise war der alte Cruchot der einzige, der diesen Ausruf vernommen hatte. Eugénie und ihre Mutter waren etwas abseits an eine Stelle getreten, wo sie den Wagen noch erblicken konnten, und ließen ihre weißen Taschentücher wehen – ein Zeichen, das Charles in gleicher Weise erwiderte.

»Ach, liebe Mutter, ich wollte, ich besäße nur einen Augenblick die Allmacht Gottes«, sagte Eugénie, als sie den wehenden Gruß des Cousins nicht mehr erblicken konnte.

Um den Gang der Begebenheiten, die im Schoße der Familie Grandet vor sich gingen, nicht mehr zu unterbrechen, ist es notwendig, jetzt vorauszueilen und einen Blick auf die Machenschaften zu werfen, die der Biedermann mit Hilfe des Grassins' in Paris vornehmen ließ.

Einen Monat nach der Abreise des Bankiers besaß Grandet für hunderttausend Francs Staatsschuldscheine, gekauft zum Kurs von achtzig. Die Auskünfte, die nach seinem Tod die Nachlaßinventur ergeben hat, haben niemals über die Mittel aufgeklärt, die sein Mißtrauen ihm eingab, um die Gelder der Schuldverschreibung gegen die Schuldverschreibung selbst einzutauschen. Notar Cruchot glaubte, daß Nanon ohne Wissen das treue Werkzeug zum Transport des Geldes gewesen war. Um diese Zeit herum war die Magd fünf Tage unter dem Vorwand abwesend, etwas in Froidfond zu ordnen. Als ob der Biedermann fähig gewesen wäre, irgend etwas in Unordnung zu lassen! Was die Angelegenheiten des Hauses Guillaume Grandet anbetraf, so erfüllte sich alles so, wie Grandet es erwartet hatte.

Wie jedermann weiß, befinden sich auf der Bank von Frankreich die genauesten Auskünfte über die großen Vermögen in Paris und den Departements. Die Namen des Grassins' und Felix Grandets aus Saumur waren dort bekannt und genossen das Ansehen, das man den berühmten Finanzleuten entgegenbringt, deren Vermögen sich auf ungeheuren hypothekenfreien Grundbesitz stützt. Die Ankunft des Bankiers von Saumur, der, wie man sagte, beauftragt war, eine ehrenhafte Liquidation des Hauses Grandet in Paris zustande zu bringen, genügte also, um dem Namen des Verstorbenen die Schande eines Wechselprotestes zu ersparen. Die Abnahme der Siegel geschah in Gegenwart der Gläubiger, und der Notar der Familie machte sich daran, eine regelrechte Inventaraufnahme des Nachlasses vorzunehmen. Alsbald berief des Grassins die Gläubiger zusammen, die einstimmig den Bankier von Saumur zusammen mit François Keller, der Chef einer reichen Firma und einer der Hauptgläubiger war, zu Liquidatoren ernannten und ihnen alle Vollmachten erteilten, die nötig waren, um sowohl die Ehre der Familie zu retten, als auch die Schuldenlast zu tilgen. Der Kredit, in dem Grandet aus Saumur stand, und die Hoffnungen, die er durch Vermittlung des Grassins' bei den Gläubigern erweckte, erleichterten die Regelung der Sache. Es fand sich nicht einer unter den Gläubigern, der sich widersetzt hätte. Niemand dachte daran, seine Schuldforderung auf das Verlustkonto zu setzen, und jeder sagte sich: ›Grandet aus Saumur wird bezahlen!‹

Sechs Monate verflossen. Die Pariser hatten die im Umlauf befindlichen Wechsel eingelöst und bewahrten sie sorgfältig in ihren Portefeuilles auf. Dies war das erste Resultat, das der Böttchermeister hatte erreichen wollen. Neun Monate nach der ersten Versammlung verteilten die Liquidatoren an jeden Gläubiger siebenundvierzig Prozent. Diese Summe wurde erzielt durch den Verkauf der Wertpapiere, Besitztümer und überhaupt aller dem verstorbenen Guillaume Grandet gehörigen Dinge, bei deren Veräußerung man mit peinlichster Gewissenhaftigkeit vorgegangen war.

Die Gläubiger erkannten gerne die bewunderungswürdige und unantastbare Ehrlichkeit der Grandets an; aber nachdem sie sich eine Zeitlang mit diesen Lobreden begnügt hatten, verlangten sie den Rest ihres Geldes. Dazu mußten sie einen gemeinsam unterzeichneten Brief an Grandet verfassen.

»So, da wären wir ja soweit«, sagte der Alte und warf den Brief ins Feuer. »Geduld, meine lieben Freunde, nur Geduld.«

Als Erwiderung auf das in diesem Brief gestellte Ansinnen verlangte Grandet die notarielle Deponierung aller noch gegen seinen Bruder bestehenden Schuldforderungen, denen eine Quittung über die bereits gemachten Zahlungen beizufügen sei; er begründete dies Verlangen damit, daß er die Rechnungen ins reine bringen und die Höhe der Hinterlassenschaft genau feststellen wolle. Diese Deponierung machte viel böses Blut. Ein Gläubiger ist fast immer so etwas wie ein Besessener. Heute noch bereit zuzustimmen, will er morgen auf einmal alles in Brand stecken; dann wieder zeigt er sich übertrieben nachgiebig. Heute ist seine Frau guter Laune, sein Jüngster hat ein neues Zähnchen bekommen, alles geht gut zu Hause, und er will nicht einen Sou nachgeben; morgen regnet es, er kann nicht ausgehen, er ist melancholisch, und er sagt ›ja‹ zu allen Vorschlägen, die der Sache ein Ende machen; übermorgen verlangt er Garantien; am Ende des Monats droht er mit Pfändung, der Schurke. Der Gläubiger ähnelt einem Sperling, dem die Kinder Salz auf den Schwanz streuen sollen. In bezug auf seine Forderung kehrte der Gläubiger dieses Bild um, denn er bekommt von seiner Forderung nichts in die Hände. Grandet hatte den Witterungswechsel in der Stimmung der Gläubiger schon lange zu seinem Studium gemacht, und die Gläubiger seines Bruders entsprachen vollkommen seinen Erwartungen. Die einen erzürnten sich und schlugen die verlangte Deponierung rundweg ab.

»Schön, das geht ja ausgezeichnet«, sagte Grandet händereibend bei der Lektüre der Briefe, die des Grassins ihm in dieser Sache schrieb.

Andere Gläubiger erklärten sich nur unter der Bedingung einverstanden, daß ihre Ansprüche ganz genau festgestellt würden, daß sie auf keinen derselben zu verzichten brauchten und sogar das Recht behielten, doch noch den Konkurs anzusagen. Es gab von neuem umständliche Korrespondenzen, und schließlich bewilligte Grandet in Saumur alle gewünschten Vorbehalte. Infolge dieses Zugeständnisses bemühten sich die gutmütigen Gläubiger, den Starrköpfigen Vernunft zu predigen. Die Deponierung fand also statt, aber nicht ohne viel Gejammer.

»Dieser Biedermann«, sagte man zu des Grassins, »macht sich über Sie und über uns alle lustig.«

Als über den Tod Guillaume Grandets nahezu zwei Jahre hingegangen waren, hatten die meisten Kaufleute, von ihren Pariser Geschäften in Anspruch genommen, ihre noch bestehende Forderung an das Haus Grandet vergessen; man dachte nur noch daran, um sich zu sagen: ›Ich fange an zu glauben, die siebenundvierzig Prozent sind alles, was bei der Sache herauskommt.‹

Der Böttcher hatte auf die Macht der Zeit gerechnet, die wie er sagte – so ein guter Teufel ist.

Am Ende des dritten Jahres schrieb des Grassins an Grandet, daß er die Gläubiger dazu gebracht habe, ihm gegen zehn Prozent der Schuld von zwei Millionen vierhunderttausend Francs des Hauses Grandet die Schuldtitel auszuliefern. Grandet erwiderte, daß der Notar und der Bankier, diese Bösewichter, deren schrecklicher Bankrott seinem Bruder das Leben gekostet habe, noch lebten, daß sie sich vielleicht finanziell erholt hätten und daß man sie gerichtlich belangen müsse, um womöglich etwas aus ihnen herauszuholen und das Defizit zu vermindern.

Gegen Ende des vierten Jahres war das Defizit nach Recht und Gebühr auf eine Million zweihunderttausend Francs heruntergebracht. Es fanden darüber zwischen den Gläubigern und Liquidatoren Besprechungen statt, und ebenso zwischen Grandet und den Liquidatoren; diese Verhandlungen währten über sechs Monate. Im neunten Monat dieses Jahres erwiderte Grandet den beiden Liquidatoren, die ihn zu einer Entscheidung drängten, daß sein Neffe in Indien sein Glück gemacht und ihm seine Absicht kundgetan habe, die Schulden seines Vaters bis auf den letzten Centime zu bezahlen; er könne es also nicht auf sich nehmen, dieselben, wie beabsichtigt, nur zum Teil zu begleichen, ohne den jungen Mann befragt zu haben; er erwarte zunächst dessen Antwort.

Gegen Mitte des fünften Jahres wurden die Gläubiger noch immer durch das Schlagwort ›bis auf den Centime‹ in Schach gehalten, das der überlegene Böttchermeister ihnen von Zeit zu Zeit hinwarf; er lachte sich ins Fäustchen und ließ dem Wort ›diese Pariser‹ stets ein bedeutungsvolles Lächeln und eine Verwünschung folgen. Die Gläubiger aber wurden für ein Schicksal aufgespart, wie es in der Handelsgeschichte noch nicht vorgekommen war. Als die Ereignisse dieser Geschichte sie zwangen, tätig einzugreifen, befanden sie sich noch immer in der von Grandet ihnen zugewiesenen Lage.

Als die Rentenpapiere auf einhundertfünfzehn gestiegen waren, verkaufte Vater Grandet. Er zog aus Paris gegen zwei Millionen vierhunderttausend Francs in Gold, die er in seine Fäßchen zu den sechshunderttausend Francs Zinseszinsen tat, die seine Staatsschuldscheine ihm gebracht hatten.

Des Grassins blieb in Paris aus folgenden Gründen: Zunächst war er zum Deputierten ernannt worden; ferner verliebte er sich – er, der Familienvater, den das Leben in Saumur freilich längst gelangweilt hatte – in Florine, eine der hübschesten Schauspielerinnen vom Théâtre de Madame; bei dem Bankier brach der ehemalige Quartiermeister wieder durch. Es ist überflüssig, von seinem Betragen zu reden; es wurde in Saumur als äußerst unmoralisch angesehen. Seine Frau war froh, daß sie mit ihm keine Gütergemeinschaft hatte und Erfahrung genug besaß, um das Haus in Saumur selbständig zu leiten. Die Geschäfte wurden nun unter ihrem Namen weitergeführt, um die Lücke, welche die Tollheiten des Grassins' ihrem Vermögen geschlagen hatten, wieder auszufüllen. Die Cruchotaner wußten die schlimme Lage der armen Frau, die gleichsam Witwe war, so gut auszunutzen, daß sie ihre Tochter recht schlecht verheiratete und für ihren Sohn auf die Verbindung mit Eugénie Grandet verzichten mußte. Adolphe ging zu seinem Vater nach Paris und wurde dort, wie man sagt, ein recht schlimmer Bursche. Die Cruchots triumphierten.

»Ihr Gatte ist nicht bei Sinnen«, sagte Grandet, als er Madame des Grassins, gegen Sicherheit natürlich, eine gewisse Summe borgte. »Ich bedauere Sie aufrichtig, Sie sind eine gute kleine Frau.«

»Ach Monsieur«, erwiderte die arme Frau, »wer hätte denken können, daß er damals, als er von Ihnen Abschied nahm, um nach Paris zu gehen, geradenwegs in sein Unglück rannte?«

»Der Himmel ist mein Zeuge, Madame, daß ich bis zuletzt alles getan habe, um ihn von dieser Reise abzuhalten. Monsieur le Président wollte ihm diese Sache durchaus abnehmen; aber er bestand darauf, selbst hinzureisen, und wir wissen ja nun weshalb.« So empfand also Grandet nicht die geringste Dankbarkeit für die des Grassins.

In allen Lebenslagen hat die Frau mehr Schmerz und Kummer als der Mann und leidet mehr als er. Der Mann hat seine Kraft und kann seine Macht bestätigen, er handelt, er kommt und geht, beschäftigt sich, denkt, er umarmt die Zukunft und findet darin Trost. So machte es Charles. Die Frau aber bleibt zurück, steht dem Kummer von Angesicht zu Angesicht gegenüber, nichts zerstreut sie; sie steigt bis in die Tiefen des Abgrunds hinab, der sich vor ihr aufgetan hat, der unermeßlich ist, wie ihre Gelübde und ihre Tränen. So machte es Eugénie. Sie überließ sich ihrem Schicksal. Fühlen, lieben, leiden, sich aufopfern – das wird immer das Leben der Frauen ausmachen. Eugénie sollte ganz und gar Frau werden; für sie gab es nur Leid und keine Tröstungen. Ihr Glück war, um Bossuets herrlichen Ausspruch anzuwenden, zusammengehäuft wie die spitzen Nägel auf dem Mauerrand, und wurde doch niemals so viel, um ihr auch nur die hohle Hand zu füllen. Der Kummer läßt nie auf sich warten, und für sie kam er gar bald.

Am Tage nach Charles' Abreise nahm das Haus Grandet für alle sein altes Gesicht wieder an, ausgenommen für Eugénie, die es plötzlich öde und leer fand. Ohne daß ihr Vater darum wußte, verlangte sie, Charles' Zimmer solle genau in dem Zustand bleiben, wie er es verlassen hatte. Madame Grandet und Nanon machten sich dabei willig zu Mitschuldigen. »Wer weiß, ob er nicht viel früher zurückkommt, als wir glauben?« sagte sie.

»Ja, ich würde ihn gern wieder hier sehen«, erwiderte Nanon. »Ich hatte mich schon an ihn gewöhnt! Das war ein recht sanfter, recht guter junger Mann, sozusagen hübsch und gutmütig wie ein Mädchen.«

Eugénie sah Nanon an.

»Heilige Jungfrau, Mademoiselle, Sie machen ein Paar Augen, als hätten Sie Ihre Seele hingegeben! Sie dürfen die Leute nicht so ansehen!«

Seit diesem Tage wurde die Schönheit von Mademoiselle Grandet von neuer, tieferer Art. Die traurigen Liebesgedanken, die nach und nach ihre Seele einspannen, die Würde der Frau, die sich geliebt weiß, gaben ihren Zügen jenes Strahlen, das die Maler durch einen Heiligenschein versinnbildlichen. Vor der Ankunft ihres Cousins glich Eugénie der heiligen Jungfrau vor der Verkündigung; nach seiner Abreise glich sie der Jungfrau-Mutter: sie hatte die Liebe empfangen. Diese beiden Marien, die einige spanische Maler so verschieden und so herrlich dargestellt haben, bilden eine der strahlendsten Gestalten im bilderreichen Christentum.

Auf dem Heimweg von der Messe, zu der sie am Tage nach Charles' Abreise ging und wohin alltäglich zu gehen sie den Schwur getan hatte, kaufte sie beim Buchhändler eine Weltkarte, die sie neben ihrem Spiegel an die Wand nagelte. Nun konnte sie ihrem Cousin auf seiner Reise nach Indien folgen, konnte morgens und abends ein wenig zu ihm auf das große Schiff steigen, ihm tausend Fragen stellen, zu ihm sagen: ›Geht es dir gut? Leidest du nicht? Denkst du auch an mich, wenn du jenen Stern erblickst, dessen Schönheit und dessen Zweck du mich kennen gelehrt hast?‹

Später am Vormittag saß sie gedankenvoll unter dem Nußbaum auf der wurmstichigen, moosbewachsenen Bank, wo sie einander soviel Zärtlichkeiten gesagt hatten, soviel Kindereien, und wo sie die Luftschlösser bauten für ihr zukünftiges Leben. Sie saß und dachte an die Zukunft und blickte zu dem Stückchen Himmel hinauf, das die Wallmauern ihrer Sehnsucht offen ließen; und ihr Blick schweifte hinauf zum Dachgiebel, unter dem Charles' Zimmer lag. Es war die einsame große Liebe in ihr, die wahre Liebe, die beständig ist, die alle Gedanken beherrscht und zum Inhalt oder, wie unsere Väter gesagt haben würden, zum Stoff des Lebens wird.

Wenn am Abend die sogenannten Freunde Grandets kamen, um ihr gewohntes Spiel zu machen, war sie heiter; sie heuchelte. Den ganzen Vormittag aber plauderte sie mit ihrer Mutter und Nanon von Charles. Nanon hatte begriffen, daß sie an den Leiden ihrer jungen Herrin teilnehmen konnte, ohne die Pflichten gegen ihren alten Schutzherrn zu verletzen, und sie sagte zu Eugénie: »Wenn ich einen Mann für mich gehabt hätte, ich wäre ihm – bis in die Hölle hinein gefolgt. Ich hätte ihn – ach, ich wäre für ihn gestorben; aber – nichts, gar nichts! Ich werde sterben, ohne zu wissen, was das Leben ist. Denken Sie sich nur, Mademoiselle, der alte Cornoiller, der ja ein ganz guter Kerl ist, stellt mir nach, weil er weiß, daß ich mir etwas erspart habe, gerade so, wie alle herkommen und Ihnen den Hof machen und doch nur nach dem Schatz des Herrn schielen. Ich sehe das sehr wohl; denn wenn ich auch groß und dick bin wie ein Turm, so bin ich doch sehr feinfühlig. Nun sehen Sie, Mademoiselle, wenn das auch nicht die Liebe ist, so macht es mir doch Freude.«

So gingen zwei Monate hin. Das früher so einförmige häusliche Leben der drei Frauen war nun reicher und lebhafter geworden durch das ungeheure Geheimnis, das sie verband. Für sie lebte Charles noch immer hier, ging ein und aus in diesem großen Saal mit dem grauen Gebälk. Morgens und abends öffnete Eugénie die Truhe und betrachtete das Bild ihrer Tante. Eines Sonntagmorgens überraschte sie ihre Mutter, als sie in den Zügen des Bildnisses nach einer Ähnlichkeit mit Charles suchte. Madame Grandet wurde nun in das entsetzliche Geheimnis eingeweiht – in den Tausch von Eugénies Ersparnissen gegen die zwei kleinen Porträts.

»Du hast ihm alles gegeben?« sagte die Mutter verstört. »Was willst du denn am Neujahrstag deinem Vater sagen, wenn er das Gold sehen will?«

Eugénies Augen wurden starr, und die beiden Frauen waren den ganzen Vormittag im Bann eines tödlichen Schreckens. Sie waren so verwirrt, daß sie das Hochamt versäumten und nur zur kurzen Messe gingen. In drei Tagen ging das Jahr 1819 zu Ende. In drei Tagen sollte etwas Schreckliches geschehen, ein bürgerliches Trauerspiel ohne Gift und Dolch und ohne Blutvergießen, das aber denen, die es erlebten, grausamer schien als alle Tragödien, die sich im erlauchten Hause der Atriden abspielten.

»Was soll aus uns werden?« sagte Madame Grandet zu ihrer Tochter und ließ ihr Strickzeug in den Schoß fallen.

Die arme Mutter hatte seit zwei Monaten soviel Unruhe erlebt, daß die wollenen Überärmel, die sie für den Winter nötig hatte, noch nicht fertig geworden waren. Diese so unscheinbare kleine Tatsache hatte für sie gar traurige Folgen. Da ihr die warme Hülle fehlte, wurde sie bei einem Angstschweiß, den ein Zornesausbruch ihres Mannes ihr verursachte, von einer heftigen Erkältung erfaßt.

»Mein armes Kind, hättest du mir dein Geheimnis anvertraut, so hätten wir Zeit gehabt, nach Paris an Monsieur des Grassins zu schreiben. Er hätte uns den deinigen ähnliche Goldstücke schicken können, und obgleich Grandet sie gut kennt, wäre es vielleicht . . .«

»Aber wo hätten wir denn so viel Geld hernehmen sollen?«

»Ich hätte mein Vermögen verpfändet. Übrigens hätte wohl auch Monsieur des Grassins uns . . .«

»Es ist keine Zeit mehr«, erwiderte Eugénie mit tonloser Stimme. »Müssen wir nicht morgen früh zu ihm ins Zimmer gehen und ihm gratulieren?«

»Aber, mein Kind, warum gehe ich denn nicht zu den Cruchots?«

»Nein, nein! Das hieße mich ihnen ausliefern und uns von ihnen abhängig machen. Übrigens habe ich mein Teil erwählt. Ich habe recht getan und bereue nichts. Gott wird mich beschützen. Sein heiliger Wille geschehe! Ach, wenn Sie seinen Brief gelesen hätten – Sie würden nur an ihn denken, liebe Mutter.«

Am andern Morgen, dem ersten Januar 1820, gab die entsetzliche Angst, deren Beute Mutter und Tochter geworden waren, ihnen die allernatürlichste Ausrede ein, um nicht feierlich in Grandets Zimmer erscheinen zu müssen. Der Winter 1819/1820 war außergewöhnlich streng; der Schnee drückte schwer auf die Dächer.

Sowie Madame Grandet hörte, daß ihr Mann sich in seinem Zimmer rührte, sagte sie: »Grandet, laß doch von Nanon – bei mir ein wenig Feuer machen; der Frost ist so stark, daß ich unter der Decke sogar friere. Ich bin jetzt in einem Alter, wo ich mich schonen muß. Übrigens«, fuhr sie nach einer kurzen Pause fort, »wird Eugénie sich hier bei mir ankleiden. Das arme Kind kann sich eine Krankheit holen, wenn sie sich bei solchem Wetter in ihrem kalten Zimmer anzieht. Wir werden dir dann drunten im Saal beim Kaminfeuer unsere Neujahrswünsche darbringen.«

»Ta ta ta ta, welche Sprache! Wie du das Jahr schon anfängst, Madame Grandet? Du hast noch nie so viel auf einmal gesprochen. Ich denke doch, du hast nicht etwa schon in Wein getunktes Brot gegessen, wie?«

Sie erwiderte nichts.

»Also schön«, fuhr der Biedermann fort, dem der Vorschlag seiner Frau gerade gelegen zu kommen schien, »ich will tun, was du wünschst. Du bist wirklich ein gutes Weib, und ich möchte nicht, daß dir in deinem Alter etwas zustieße, wenn schon die la Bertellière alle recht alt geworden sind. Wie, nicht wahr?« rief er nach einer Pause. »Na, schließlich haben wir sie ja beerbt, ich verzeihe ihnen.« Und er hustete.

»Du bist heute morgen so fröhlich, lieber Mann«, sagte die arme Frau ernsthaft.

»Immer lustig . . .

Lustig, lustig, Böttcher du,
Flick die Fässer immerzu!«

fügte er hinzu und trat fertig angekleidet bei seiner Frau ein. »Ja, in drei Teufels Namen, es ist rechtschaffen kalt. Wir wollen gut frühstücken, Frau. Des Grassins hat mir eine Gänseleberpastete geschickt. Ich gehe jetzt zur Post und hole sie. Er wird der Sendung wohl einen doppelten Napoleon für Eugénie beigefügt haben«, sagte der Böttcher ihr leise ins Ohr. »Ich habe kein Gold mehr, liebe Frau. Ich hatte zwar noch so ein paar alte Stücke – dir kann ich es ja sagen –, aber ich mußte sie für die Geschäfte locker machen.« Und zur Feier des ersten Tages im neuen Jahr küßte er seine Frau auf die Stirn.

»Eugénie«, rief die gute Mutter, als sie wieder allein war, »ich weiß nicht, mit welchem Fuß dein Vater zuerst aufgestanden ist, aber er ist heute bei guter Laune. – Ach was, wir werden uns schon herausziehen!«

»Was hat er denn, unser Herr?« sagte Nanon, als sie bei ihrer Herrin eintrat, um Feuer zu machen. »Erst hat er zu mir gesagt: ›Guten Morgen, alter Esel! Geh und mach bei meiner Frau ein Feuer an, es ist ihr kalt‹, und dann, ich traute ja meinen Augen gar nicht, dann hielt er mir ein Sechsfrancsstück hin, das noch fast ganz neu ist! Sehen Sie, Madame, sehen Sie's nur an. Oh, der gute Mann! Der ehrenwerte Mann! Es gibt solche, die werden immer härter, je älter sie werden; aber er – er wird milde, wie Ihr Johannisbeerlikör, und immer besser. Das ist wirklich ein prächtiger, ein sehr guter Mann . . .«

Die geheime Ursache für Grandets gute Laune lag in einem vollkommenen Erfolg seiner Spekulationen. Monsieur des Grassins hatte ihm, nach Abzug der Summen, die der Böttcher ihm für die Diskontierung der hundertfünfzigtausend Francs holländischer Wechsel und für den ihm geliehenen Zuschuß zur Vervollständigung der Ankaufssumme für die hunderttausend Livres Rentenpapiere schuldete, durch Eilpost dreißigtausend Francs als Zinsen für das letzte Halbjahr zugesandt und ihm eine Hausse der Staatspapiere in Aussicht gestellt. Diese standen damals auf neunundachtzig; die bedeutendsten Kapitalisten kauften sie Ende Januar zu zweiundneunzig Prozent. Grandet gewann seit zwei Monaten mit seinem Kapital zwölf Prozent; er hatte seine Rechnungen ins reine gebracht und konnte von jetzt ab alle sechs Monate fünfzigtausend Francs einstreichen, ohne dafür irgendwelche Abgaben zahlen zu müssen. Er faßte für Staatsrenten – eine Kapitalsanlage, gegen die die Provinzler meist eine unwiderstehliche Abneigung bekunden – eine große Zuneigung und sah sich nach kaum fünf Jahren als Besitzer eines Vermögens von sechs Millionen, das ohne große Mühen angewachsen war und das in Verbindung mit dem Grundwert seiner Liegenschaften ein ungeheures Kapital darstellte.

Die sechs Francs, die er Nanon gegeben hatte, waren vielleicht der Lohn für einen ungeheuren Dienst, den die Magd ihrem Herrn unbewußt geleistet hatte.

›Oh, oh! wo geht Vater Grandet denn hin, daß er schon am frühen Morgen daherrennt, als brenne es?‹ fragten sich die Kaufleute, die ihre Läden öffneten.

Später, als sie ihn vom Hafen zurückkommen sahen, gefolgt von einem Gepäckträger, der auf einem Schubkarren volle Säcke transportierte, sagte einer der Nachbarn: ›Das Wasser rinnt immer zum Fluß, der Biedermann ist nach seinen Talern gelaufen.‹ ›Die erhält er aus Paris, aus Froidfond, aus Holland‹, sagte ein anderer. ›Er wird schließlich noch ganz Saumur in die Tasche stecken‹, rief ein dritter. ›Die Kälte macht ihm gar nichts, seine Geschäfte halten ihn immer warm‹, sagte eine Frau zu ihrem Mann.

»He, he! Monsieur Grandet, wenn Ihnen diese Last zuviel ist, ich will sie Ihnen gern abnehmen«, scherzte ein Tuchhändler, sein nächster Nachbar.

»Nichts als Sousstücke«, erwiderte der Winzer.

»Silber«, sagte der Packträger mit leiser Stimme.

»Du, ich rate dir, halt dein Maul«, sagte der Biedermann zum Packträger und öffnete das Haustor.

›Ha, der alte Fuchs, ich glaubte, er sei taub‹, dachte der Mann; ›es scheint aber, daß er bei Frostwetter gut hören kann.‹

»Hier hast du zwanzig Sous als Neujahrsgabe – aber Maul halten, du! Und nun mach, daß du fortkommst!« sagte Grandet zu ihm. »Nanon wird dir den Karren zurückbringen.«

»Nanon, sind die Vöglein in der Messe?«

»Ja, Monsieur.«

»Vorwärts, Hände her! An die Arbeit!« schrie er und belud sie mit den Säcken.

In einer Minute waren die Taler in seinem Zimmer verschwunden. Dort schloß er sich mit ihnen ein.

»Wenn das Frühstück fertig ist, so klopfe an die Wand«, sagte er zu Nanon. »Bring den Karren zurück zur Posthalterei.«

Die Familie frühstückte nicht vor zehn Uhr.

»Hier unten wird dein Vater wohl nicht dein Gold zu sehen verlangen«, sagte Madame Grandet zu ihrer Tochter, als sie von der Messe heimkamen. »Im übrigen mußt du recht frostig tun und dich nicht gern vom Feuer rühren. Später haben wir Zeit genug, den Schatz wieder zusammenzubekommen bis zu deinem Geburtstag . . . .«

Als Grandet zum Frühstück hinunterging, war er ganz in Gedanken an seine Pariser Taler; er beabsichtigte, sie in gutes Gold umzutauschen. Dann fiel ihm der Erfolg seiner großartigen Spekulation mit Staatsrenten ein. Er war entschlossen, alle seine Einnahmen darin anzulegen, bis die Papiere auf hundert standen. Dieser Gedanke sollte für Eugénie unheilvoll werden.

Sowie er ins Zimmer trat, brachten die beiden Frauen ihm ihre Glückwünsche dar. Seine Tochter fiel ihm um den Hals und schmeichelte ihm; Madame Grandet beglückwünschte ihn ernst und würdevoll.

»Sieh, sieh, mein Kind«, sagte er, die Tochter auf die Wangen küssend, »für dich arbeite ich, siehst du! . . . Für dein Glück! Man braucht Geld, um glücklich zu sein. Ohne Geld ist das ganze Leben verfehlt. Hier, sieh! da hast du einen neuen Napoleondor, ich habe ihn aus Paris kommen lassen. Zum Teufel auch, hier gibt es ja nicht ein Körnchen Gold! Außer dir gibt es hier keine Seele, die ein Goldstück besäße. Zeig mir dein Gold, Töchterchen!«

»Ach, es ist zu kalt; komm frühstücken«, antwortete Eugénie.

»Na, dann also später. Das wird uns verdauen helfen. Der alte des Grassins hat uns hier das Pastetchen geschickt«, fuhr er fort. »Also eßt, meine Kinder, das kostet uns ja nichts. Er macht sich ganz tüchtig, dieser des Grassins, ich bin mit ihm zufrieden. Er leistet Charles einen großen Dienst – und noch dazu umsonst; er regelt die Geschäfte des armen verstorbenen Grandet aufs beste. Hm, hm!« machte er mit vollem Munde »das ist mal was Gutes! Iß nur tüchtig, Frau! Davon kann man sich zwei Tage nähren.«

»Ich habe keinen Hunger; du weißt ja, daß ich einen schwachen Magen habe.«

»Ach was! Du brauchst nicht zu fürchten, daß dein Magen platzt; du verträgst schon was; du bist eine la Bertellière, eine kräftige Frau. Du bist allerdings ein klein wenig gelb, aber ich liebe ja das Gelbe.«

Einem zum Tode Verurteilten mag der Gedanke, öffentlich und schmachvoll hingerichtet zu werden, weniger entsetzlich sein, als für Madame Grandet und ihre Tochter der Gedanke an das Ereignis, das eintreten würde, sowie das Frühstück beendet war. Je heiterer der Weinbauer wurde, desto mehr krampfte sich ihnen das Herz zusammen. Dennoch hatte die Tochter einen Trost in dieser furchtbarem Lage: die Kraft ihrer Liebe gab ihr einen gewissen Halt. ›Für ihn, für ihn‹, sagte sie sich, ›könnte ich tausendmal den Tod erleiden.‹ Bei diesem Gedanken warf sie ihrer Mutter flammende, ermutigende Blicke zu.

»Räume alles ab«, sagte Grandet zu Nanon, als gegen elf Uhr das Frühstück beendet war; »den Tisch aber laß hier stehen. Da können wir uns deinen kleinen Schatz so recht behaglich betrachten«, fuhr er, zu Eugénie gewendet, fort. »Klein? Meiner Treu, nein! Du besitzest an wirklichem Wert fünftausendneunhundertneunundfünfzig Francs, dazu vierzig von heute morgen, macht zusammen sechstausend Francs weniger einen. Gut, da will ich dir den einen Francs noch geben, damit du eine runde Summe hast; denn siehst du, Töchterchen . . . – Na, was horchst du denn, Nanon? Marsch, kehrt! Geh an deine Arbeit!« sagte der Biedermann. Nanon verschwand.

»Höre, Eugénie, du mußt mir dein Gold geben. Du wirst das deinem Väterchen nicht verweigern, was, Töchterchen?«

Die beiden Frauen blieben stumm.

»Ich, ich habe nämlich kein Gold mehr. Ich habe wohl etwas gehabt, aber jetzt habe ich keins mehr. Ich werde dir sechstausend Francs in Livres geben, und du wirst sie anlegen, wie ich es dir sagen werde. An das ›Dutzend‹ brauchen wir nicht weiter zu denken. Wenn ich dich verheiraten werde, was bald geschehen soll, werde ich dir einen Zukünftigen aussuchen, der dir das herrlichste Dutzend bieten wird, von dem jemals in der Provinz die Rede war. Hör also zu, Töchterchen. Es bietet sich da eine prächtige Gelegenheit: du kannst deine sechstausend Francs bei der Regierung anlegen; da bekommst du alle Halbjahr fast zweihundert Francs Zinsen, ohne Steuern, ohne Hagel, ohne Frost, kurz, ohne irgendwelche Abgaben oder Schäden, die wohl sonst die Einnahmen verkürzen. Vielleicht möchtest du dich von den schönen Goldfüchsen nicht gern trennen, wie Töchterchen? Komm, gib sie mir trotzdem! Ich werde wieder Goldstücke für dich sammeln: Holländer, Portugiesen, Rupien, Genueser; und mit dem, was ich dir an deinen Geburtstagen gebe, wirst du in drei Jahren die Hälfte deines kleinen Goldschatzes wieder beisammen haben. Was sagst du,Töchterchen? So sieh mich doch an! Geh und hole es, mein Herzchen. Du solltest mir eigentlich um den Hals fallen dafür, daß ich dich so in das Geheimnis von Tod und Leben des Talers einweihe. Ja, wahrhaftig! Die Taler leben und regen sich wie die Menschen: das kommt und geht, das schwitzt und pflanzt sich fort.«

Eugénie erhob sich; nachdem sie aber ein paar Schritte zur Tür gemacht hatte, wandte sie sich plötzlich um, blickte ihrem Vater fest ins Gesicht und sagte: »Ich habe mein Gold nicht mehr.«

»Du hast dein Gold nicht mehr?« rief Grandet und zuckte zusammen wie ein Pferd, neben dem ein Kanonenschuß abgefeuert wird.

»Nein, ich habe es nicht mehr.«

»Du irrst dich, Eugénie.«

»Nein.«

»Beim Winzermesser meines Vaters! Ich sage dir . . .«

Wenn der Böttcher so fluchte, zitterten die Balken.

»Alle Heiligen, großer Gott, Madame fällt in Ohnmacht!« rief Nanon.

»Grandet, dein Zorn wird mich töten!« sagte das arme Weib.

»Ta ta ta ta! Ihr da, in eurer Familie stirbt man nicht so leicht!«

»Eugénie, was hast du mit deinen Goldstücken gemacht?« schrie er ganz außer sich.

»Monsieur«, sagte das Mädchen, das zu Füßen von Madame Grandet hingesunken war, »meine Mutter leidet namenlos . . .sehen Sie nur . . .töten Sie sie nicht!«

Grandet entsetzte sich über die Leichenblässe seiner Frau.

»Nanon, hilf mir ins Bett«, sagte die Mutter mit schwacher Stimme. »Ich sterbe . . .«

Sofort reichte Nanon ihrer Herrin den Arm, Eugénie machte es ebenso, und nur mit endloser Mühe gelang es ihnen, sie hinauf in ihr Zimmer zu bringen, da sie von Schritt zu Schritt ohnmächtig wurde.

Grandet blieb allein. Nach ein paar Augenblicken aber stieg er sechs, sieben Stufen hinauf und schrie: »Eugénie, wenn deine Mutter im Bett liegt, kommst du herunter!«

»Ja, Vater.«

Nachdem sie ihre Mutter versorgt hatte, zögerte sie nicht, hinunterzugehen.

»Mein Kind«, sagte Grandet, »du wirst mir nun mitteilen, wo dein Gold hingekommen ist.«

»Mein Vater, wenn Sie mir Geschenke machen, über die ich nicht vollkommen verfügen kann, so nehmen Sie sie zurück«, sagte Eugénie kalt, holte den Napoleondor vom Kaminsims und hielt ihn ihm hin. Grandet ergriff hastig das Goldstück und steckte es in die Westentasche.

»Das glaube ich wohl, daß ich dir nichts mehr geben werde! Nicht einmal so viel!« sagte er und schnippte mit den Fingern. »Du mißachtest also deinen Vater? Du hast also kein Vertrauen zu mir? Du weißt also gar nicht, was das ist: ein Vater? Wenn er dir nicht alles bedeutet, so liebst du ihn eben gar nicht. Wo ist dein Gold?«

»Mein Vater, ich liebe und ehre Sie, trotz Ihres Zornes; aber ich möchte Sie ganz bescheiden darauf hinweisen, daß ich zweiundzwanzig Jahre alt bin. Sie haben mir oft genug gesagt, daß ich mündig sei. Ich habe mit meinem Geld gemacht, was ich wollte.«

»Wo?«

»Das ist ein unverletzliches Geheimnis«, sagte sie. »Haben Sie nicht auch Ihre Geheimnisse?«

»Bin ich nicht das Haupt der Familie? Kann ich nicht meine Geschäfte haben?«

»Und das ist mein Geschäft.«

»Das muß ein schlimmes Geschäft sein, wenn du deinem Vater nichts davon sagen kannst, Mademoiselle Grandet.«

»Es ist ein ausgezeichnetes, und ich kann meinem Vater nichts davon sagen.«

»Sage mir wenigstens, wann hast du das Gold weggegeben?«

Eugénie schüttelte den Kopf.

»Du hattest es noch an deinem Geburtstag, wie?«

Eugénie, die durch ihre Liebe ebenso schlau geworden war, wie ihr Vater es durch seinen Geiz war, schüttelte nur wieder den Kopf.

»Aber das ist unerhört! Hat man je solchen Starrsinn gesehen und solchen Raub?« sagte Grandet mit einer Stimme, die immer stärker anschwoll und durch das ganze Haus dröhnte. »Wie! Hier in meinem eigenen Hause, hier bei mir, hat irgendeiner dein Gold genommen? Das einzige Gold, das hier zu finden war! Und ich soll nicht erfahren, wer? Gold ist eine teure Sache. Die ehrbarsten Mädchen können einen Fehltritt begehen, ich weiß nicht was hingeben, das kommt bei den vornehmsten Leuten vor und sogar in Bürgerkreisen; aber Gold weggeben – denn du hast es doch irgendwem gegeben, he?«

Eugénie blieb unbeweglich.

»Hat man je solch ein Kind gesehen? Bin ich dein Vater oder nicht? Wenn du es irgendwie angelegt hast, so mußt du eine Quittung haben . . .«

»Stand es mir nicht frei, damit zu machen, was mir gut schien? Ja oder nein? Gehörte es mir?«

»Aber du bist ein Kind.«

»Mündig!«

Verwirrt durch die Logik seiner Tochter, erbleichte Grandet, stampfte mit den Füßen, fluchte. Als er endlich wieder Worte fand, schrie er: »Elende Schlange von Tochter! Du Unkraut, du! Du weißt wohl, daß ich dich liebe, und mißbrauchst das. Sie richtet ihren Vater zugrunde! Bei Gott! Du wirst wohl diesem Habenichts mit den Saffianstiefeln unser Geld hingeworfen haben. Beim Winzermesser meines Vaters! Ich kann dich nicht enterben. Donner und Doria! Aber ich verfluche dich – dich, deinen Cousin und deine Kinder! Hörst du? Niemals wird dir daraus etwas Gutes erwachsen, nie! Wenn es dieser Charles gewesen sein sollte – aber nein, das ist unmöglich. Wie! Dieses elende Zierpüppchen sollte mich ausgeplündert haben? . . .«

Er blickte die Tochter an, die stumm und kalt blieb.

»Sie rührt sich nicht, sie zuckt nicht mit der Wimper, sie ist mehr Grandet, als ich je Grandet gewesen bin. Du hast hoffentlich dein Gold nicht für gar nichts hingegeben. Laß sehen, sag?«

Eugénie warf ihrem Vater einen ironischen Blick zu, der ihn sehr verletzte.

»Eugénie, du bist bei mir, bei deinem Vater. Solange du hier bist, mußt du dich meinen Anordnungen fügen, Die Religion gebietet dir, mir zu gehorchen.«

Eugénie senkte den Kopf.

»Du beleidigst mich in dem Teuersten, das ich besitze«, fuhr er fort; »ich will und muß dich unterworfen sehen, demütig. Geh auf dein Zimmer. Dort wirst du bleiben, bis ich dir gestatte, es zu verlassen. Nanon wird dir Wasser und Brot bringen. Hast du mich verstanden? Marsch!«

Eugénie brach in Tränen aus und flüchtete zu ihrer Mutter.

Nachdem Grandet ein paarmal durch den Garten, in dem hoher Schnee lag, gewandert war, ohne sich an den starken Frost zu kehren, fiel ihm ein, seine Tochter werde wohl zu seiner Frau geeilt sein; und entzückt davon, sie bei der Nichtbefolgung seines Befehls zu ertappen, klomm er behende wie ein Kätzchen die Treppe hinauf und erschien im Zimmer seiner Frau gerade, als sie Eugénies Haar streichelte, deren Gesicht im Schoße der Mutter lag. »Beruhige dich, mein armes Kind – auch dein Vater wird sich beruhigen.«

»Sie hat keinen Vater mehr!« donnerte der Böttcher. »Haben denn Sie und ich, Madame Grandet, dieses ungeratene Kind in die Welt gesetzt? Schöne Erziehung das, schöne Frömmigkeit! – Wie, du bist nicht in deinem Zimmer? Marsch ins Gefängnis, ins Gefängnis, Mademoiselle!«

»Wollen Sie mir mein Kind nehmen, Monsieur?« sagte Madame Grandet mit fieberheißen Wangen.

»Wenn Sie sie behalten wollen, entführen Sie sie! Macht beide, daß ihr aus dem Hause kommt! . . . Donner und Doria, wo ist das Gold? Was hat sie mit dem Gold angefangen?«

Eugénie erhob sich, blickte ruhig und stolz den Vater an und ging in ihr Zimmer, das der Vater sofort hinter ihr abschloß.

»Nanon«, rief er, »lösch das Feuer im Saal aus!«

Er setzte sich im Zimmer seiner Frau neben den Kamin und sagte: »Sie hat es gewiß diesem elenden Verführer Charles gegeben; der wollte ja nichts anderes als unser Geld.«

Madame Grandet fand in der Gefahr, die ihre Tochter und ihre Liebe zu dieser Tochter bedrohte, Kraft genug, um scheinbar gleichgültig zu bleiben; sie verhielt sich taub und stumm. »Ich habe von alledem nichts gewußt«, erwiderte sie, indem sie sich zur Wand drehte, um den funkelnden Blicken ihres Mannes auszuweichen. »Ich leide so sehr unter Ihren Zornausbrüchen, daß – wenn ich meinen Ahnungen glauben darf – ich nur als Tote dies Bett wieder verlassen werde. Sie hätten wenigstens jetzt auf mich Rücksicht nehmen sollen, Monsieur, auf mich, die – wie ich denke – Ihnen niemals Kummer gemacht hat. Ihre Tochter liebt Sie, sie ist so unschuldig wie ein neugeborenes Kind; bereiten Sie ihr keinen Schmerz, widerrufen Sie den Arrest. Der Frost ist sehr stark, Sie könnten die Veranlassung sein, daß sie ernstlich erkrankte.«

»Ich werde sie weder sehen noch mit ihr sprechen. Sie hat in ihrem Zimmer zu bleiben – bei Wasser und Brot –, so lange, bis sie ihren Vater zufriedengestellt hat. Zum Teufel! Das Haupt der Familie darf doch wohl erfahren, was aus dem Gold in seinem Hause wird. Sie besaß wahrscheinlich die einzigen Rupien, die es überhaupt in ganz Frankreich gibt, ferner Genueser, Holländer . . .«

»Monsieur, Eugénie ist unser einziges Kind, und selbst wenn sie das Geld ins Wasser geworfen hätte . . .«

»Ins Wasser!« schrie der Biedermann, »ins Wasser! Sie sind toll, Madame Grandet. Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe. Wenn Sie den Frieden wollen, so fragen Sie sie aus, Ihre Tochter, ziehen Sie ihr die Würmer aus der Nase; die Frauen verstehen das untereinander besser. Was sie auch getan haben mag, ich kann sie ja nicht fressen. Hat sie Angst vor mir? Und wenn sie ihren Cousin von Kopf bis zu Fuß in Gold gesteckt hat – der schwimmt nun auf dem Wasser! Wir können ihm nicht nachlaufen . . .«

»Nun also, Monsieur . . .«

Ihr nervöser Anfall und das Unglück ihrer Tochter, das Madame Grandets Liebe und Intelligenz vertieft hatte, hatte sie scharfsinnig gemacht. Sie sah im selben Augenblick, als sie antworten wollte, daß Grandets Nasengeschwür Sturm verkündete, und blitzschnell änderte sie ihren Gedankengang, ohne aber den Ton zu ändern: »Nun also, Monsieur, habe ich mehr Macht über sie als Sie? Sie hat mir nichts gesagt; sie kann schweigen, gerade wie Sie, ihr Vater, das können.«

»Gerechter Gott! Wie gesprächig Sie heute sein können! Ta ta ta ta! Sie führen mich wohl an der Nase herum, was? Sie sind womöglich mit ihr im Einverständnis?« Er sah seine Frau drohend an.

»Wahrhaftig, Monsieur Grandet, wenn Sie mich töten wollen, brauchen Sie nur so fortzufahren. Ich sage Ihnen, Monsieur, und kostete es mein Leben, ich wiederhole es: Sie handeln unrecht an Ihrer Tochter; sie ist vernünftiger als Sie. Dieses Geld gehörte ihr, sie hat davon nur einen guten Gebrauch machen können, und Gott allein hat das Recht, unsere guten Werke zu kennen. Monsieur, ich beschwöre Sie, seien Sie gütig zu Eugénie! . . . Damit könnten Sie den Schlag mildern, den Ihr Zorn gegen mich geführt hat, und mir vielleicht das Leben retten. Meine Tochter, Mann! Geben Sie mir mein Kind zurück!«

»Ich räume das Feld«, sagte er; »in meinem Hause ist es nicht mehr auszuhalten. Frau und Tochter haben eine Beredsamkeit, als ob – Pfui, pfui! Eugénie, mir solch ein Neujahrsgeschenk zu machen!« schrie er. »Ja, ja, weine nur! Was du tust, das wirst du noch schmerzlich bereuen. Was nützt es dir, daß du alle Vierteljahr sechsmal das Abendmahl nimmst, wenn du das Gold deines Vaters an so einen Nichtstuer verschleuderst, der dir das Herz zerreißen wird, wenn du ihm nichts anderes mehr zu geben hast. Du wirst ja sehen, was dein Charles wert ist mit seinen Saffianschuhen und seinem Rührmichnichtan-Gesicht. Der hat kein Herz und keine Seele, sonst würde er nicht wagen, einem armen Mädchen hinter dem Rücken der Eltern seinen kleinen Sparschatz zu rauben.«

Als die Haustür ins Schloß fiel, schloß Madame Grandet die Tür zum Zimmer ihrer Tochter wieder auf, und Eugénie setzte sich zur Mutter ans Bett. »Sie haben viel Mut gehabt für Ihr Kind«, sagte sie.

»Du siehst, mein Kind, wohin verbotene Dinge führen! . . . Du hast mich dazu gebracht, eine Lüge zu sagen.«

»Oh! ich werde Gott bitten, nur mich dafür zu strafen.«

»Ist es wahr«, fragte Nanon, die bestürzt hereinkam, »daß Mademoiselle bis ans Ende ihrer Tage bei Wasser und Brot eingesperrt werden soll?«

»Was tut das, Nanon?« sagte Eugénie ruhig.

»So will ich nie mehr einen Bissen Zukost essen, solange die Tochter des Hauses sich mit trockenem Brot begnügen muß . . . gewißlich nein!«

»Kein Wort mehr davon, Nanon«, sagte Eugénie.

»Gut, ich will nichts mehr sagen, aber Sie werden sehen!«

Zum erstenmal seit vierundzwanzig Jahren speiste Grandet allein.

»Da sind Sie also Witwer, Monsieur?« sagte Nanon zu ihm. »Das ist recht ungemütlich, Witwer zu sein, wenn man zwei Frauen im Hause hat.«

»Habe ich dich um deine Meinung gefragt? Halt dein Maul, oder ich werfe dich hinaus! Was hast du denn im Topf am Feuer? Ich höre doch etwas kochen.«

»Das ist Fett, das ich auslasse.«

»Heute abend kommt Besuch. Mach Feuer an.«

Die Cruchots, Madame des Grassins und ihr Sohn kamen um acht Uhr und verwunderten sich, weder Madame Grandet noch ihre Tochter zu sehen.

»Meiner Frau ist nicht ganz wohl; Eugénie ist bei ihr«, erwiderte der alte Weinbauer, ohne eine Miene zu verziehen.

Nach einer Stunde gleichgültiger Unterhaltung kam Madame des Grassins, die zu Madame Grandet hinaufgestiegen war, wieder herunter, und jeder fragte sie: »Wie geht es Madame Grandet?«

»Aber gar nicht gut – gar nicht«, sagte sie. »Ihr Gesundheitszustand erscheint mir geradezu beunruhigend. In ihrem Alter muß man ungemein vorsichtig sein, Papa Grandet.«

»So, wir wollen sehen«, erwiderte der Weinbauer zerstreut.

Man verabschiedete sich. Als die Cruchots auf der Straße waren, sagte Madame des Grassins zu ihnen: »Da ist irgend etwas los bei den Grandets. Die Mutter ist sehr krank, mehr vielleicht, als sie selbst denkt. Die Tochter hat rotgeweinte Augen. Hat man sie vielleicht gegen ihren Willen verheiraten wollen?«

Als der Weinbauer zu Bett gegangen war, kam Nanon auf Strümpfen zu Eugénie geschlichen und brachte ihr eine prächtige Pastete. »Hier, Mademoiselle«, sagte das gute Weib; »Cornoiller hat mir einen Hasen gebracht. Sie essen ja so wenig, daß diese Pastete für acht Tage ausreichen wird, und bei dem Frost wird sie auch nicht verderben. Wenigstens sind Sie doch nicht auf trocken Brot angewiesen; denn das ist gar nicht gesund.«

»Gute Nanon!« sagte Eugénie und drückte ihr die Hand.

»Ich habe sie sehr gut zubereitet, und er hat nichts gemerkt. Fett und Lorbeer – alles habe ich von meinem Sechsfrancsstück gekauft; ich war eigenmächtig wie eine Hausfrau.« Dann flüsterte die Magd, denn sie glaubte, Grandet kommen zu hören.

Während mehrerer Monate erschien nun Grandet zu den verschiedensten Tageszeiten bei seiner Frau; nie nannte er den Namen seiner Tochter, nie sah er sie, nie fragte er nach ihr. Madame Grandet verließ ihr Zimmer nicht mehr, und von Tag zu Tag verschlimmerte sich ihr Zustand. Nichts stimmte den alten Böttchermeister nachgiebig. Er blieb kalt, hart und unerschütterlich wie ein Granitfelsen. Er kam und ging und machte Geschäfte wie immer. Aber er stotterte nicht mehr, plauderte weniger und zeigte sich beim Handel härter, als er je gewesen war. Oft passierte ihm jetzt bei seinen Berechnungen ein Irrtum.

»Bei den Grandets hat sich etwas ereignet«, sagten die Cruchotaner und Grassinisten. »Was ist nur vorgefallen im Hause Grandet?« war eine ständige Frage beim abendlichen Stadtklatsch in Saumur.

Eugénie ging unter Nanons Schutz zur Kirche. Wenn Madame des Grassins auf dem Nachhauseweg sie ansprach und neugierige Fragen stellte, so antwortete sie ausweichend. Dessenungeachtet war zwei Monate später sowohl den drei Cruchots wie Madame des Grassins das Geheimnis von Eugénies Verbannung bekannt. Es kam ein Augenblick, wo die Gründe, die ihr Fernbleiben rechtfertigen sollten, unzureichend waren. Dann – ohne daß man wußte, wer das Geheimnis verbreitet hatte – erfuhr die ganze Stadt, daß Mademoiselle Grandet seit dem Neujahrstag auf Befehl ihres Vaters Stubenarrest habe, bei Wasser und Brot und ohne Heizung, daß Nanon ihr Leckerbissen bereitete, die sie ihr des Nachts zutrug; und man wußte sogar, daß das junge Mädchen ihre Mutter nur dann sehen und pflegen konnte, wenn ihr Vater das Haus verlassen hatte.

Grandets Betragen wurde sehr streng verurteilt. Die ganze Stadt erklärte ihn sozusagen für vogelfrei, erinnerte sich seiner Verrätereien, seiner Härte und schloß ihn aus der Gesellschaft aus. Wenn er des Weges kam, so tuschelten die Leute. Schritt seine Tochter in Begleitung Nanons die gewundene Straße hinunter, um zur Messe oder Vesper zu gehen, so traten die Leute ans Fenster, um voller Neugierde Haltung und Miene der reichen Erbin zu betrachten, deren Antlitz eine engelhafte Sanftheit und Trauer zeigte.

Ihre Gefangenschaft, die Ungnade ihres Vaters, das alles focht sie wenig an. Hatte sie nicht ihre Weltkarte, konnte sie nicht die kleine Bank im Garten sehen, den Nußbaum, die alte Mauer, und fühlte sie nicht auf ihren Lippen den Honig, den die Küsse der Liebe darauf zurückgelassen hatten?

Eine Zeitlang beachtete sie nicht die Stadtgespräche, deren Gegenstand sie war, ebensowenig wie ihr Vater sie beachtete. Fromm und rein fühlte sie sich vor Gott, und ihre Liebe half ihr, den väterlichen Zorn, die väterliche Rache geduldig hinzunehmen. Aber ein tiefer Schmerz brachte allen andern Kummer zum Schweigen: ihre Mutter, dieses sanfte und zarte Geschöpf, deren Seele der nahe Tod verklärte, der auch ihr Antlitz verschönte – ihre Mutter schwand hin von Tag zu Tag. Oft machte Eugénie sich Vorwürfe, daß sie selbst die Ursache dieser grausamen, schleichenden Krankheit sei, die die Mutter vernichtete. Diese Gewissensbisse ketteten sie noch inniger an ihre Liebe.

Jeden Morgen, sobald ihr Vater ausgegangen war, kam sie ans Bett der Mutter; hierher brachte ihr Nanon das Frühstück. Aber die arme Eugénie war so traurig, litt so die Leiden ihrer Mutter mit, daß sie für Nanon nur eine stumme Bewegung hatte; sie weinte und wagte nicht, von ihrem Cousin zu sprechen. Madame Grandet mußte als erste von ihm sprechen. »Wo ist er?« sagte sie; »warum schreibt er nicht?«

Mutter und Tochter rechneten beide nicht mit den Entfernungen.

»Denken wir an ihn, liebe Mutter«, antwortete Eugénie, »wozu von ihm sprechen? Ihr Leiden bekümmert mich jetzt mehr als alles.«

›Alles‹ – das war ›er‹.

»Mein Kind«, sagte Madame Grandet, »ich frage nichts mehr nach dem Leben. Gott hat mir dazu verholfen, das Ende meiner Leiden freudig zu erwarten.«

Die Reden dieser Frau waren immer sanft und christlich. Wenn ihr Mann ihr Zimmer betrat, um hier das Frühstück einzunehmen, so hatte sie monatelang dieselben Worte, die sie mit engelhafter Sanftmut wiederholte, aber auch mit der Festigkeit eines Menschen, dem der nahe Tod den Mut gab, der ihm im Leben gefehlt hatte.

»Ich danke Ihnen, Monsieur, für Ihre Teilnahme«, erwiderte sie ihm auf die banalste aller Fragen; »wenn Sie aber die Bitternis meiner letzten Augenblicke versüßen wollen und meine Schmerzen erleichtern, so haben Sie Erbarmen mit unserer Tochter; zeigen Sie sich als Christ, als Gatte und Vater.«

Wenn Grandet diese Worte hörte, so setzte er sich neben das Bett und benahm sich wie einer, der sich bei einem nahenden Regenguß still und abwartend in einen Torweg stellt; er hörte seiner Frau schweigend zu und antwortete nichts. Hatten sich dann die rührendsten, die innigsten, die frömmsten Bitten über ihn ergossen, so sagte er: »Du bist heute etwas bläßlich, arme Frau.«

Auf seiner steinernen Stirn, auf seinen zusammengekniffenen Lippen war all seine starre Verleugnung der Tochter zu lesen. Nicht einmal die Tränen rührten ihn, die seine spärlichen, sich fast immer gleichbleibenden Antworten den müden Augen seiner Frau entlockten.

»Möge Gott Ihnen verzeihen, Monsieur, wie ich Ihnen verzeihe«, sagte sie. »Eines Tages werden Sie Nachsicht nötig haben.«

Seit der Krankheit seiner Frau hatte er nicht mehr gewagt, sich seines schrecklichen ›Ta ta ta ta‹ zu bedienen, aber ebensowenig vermochte dieser Engel an Sanftmut seinen grausamen Eigenwillen zu entwaffnen. Und Frau Grandets Häßlichkeit verschwand von Tag zu Tag mehr und mehr unter dem Ausdruck sittlicher Größe, der jetzt auf ihrem Antlitz erblühte. Sie war ganz Seele. Der Geist des Gebets schien die groben Züge ihres Antlitzes zu veredeln und breitete seinen reinen Abglanz über ihr Gesicht.

Wer hätte nicht schon das Wunder solcher Verwandlung wahrgenommen? Gibt es doch heilige Gesichter, deren rohe Konturen die edle Seele zur Schönheit umschuf, indem sie ihnen den besondern Ausdruck verlieh, den nur der Geistesadel, die Reinheit erhabener Gedanken zu geben vermag.

Der Anblick solcher Umwandlung, verbunden mit den Schmerzen, die den Körper dieser Frau aufzehrten, war auch bei dem alten Böttchermeister nicht ohne Wirkung – wenngleich sein Herz verhärtet blieb. Seine Rede war nicht mehr wegwerfend und verachtungsvoll, aber sie hatte einem unerschütterlichen Schweigen Platz gemacht, mit dem er seine Würde als Familienoberhaupt zu erhalten suchte.

Erschien seine treue Nanon auf dem Markt, sogleich raunte man ihr einen schlechten Witz über Grandet, eine böse Anschuldigung gegen ihren Herrn in die Ohren; wie sehr aber auch die öffentliche Meinung den Vater Grandet verurteilte, die Magd verteidigte ihn aus Familienstolz, denn sie fühlte sich eins mit der Familie Grandet.

»Wie!« sagte sie zu den Verleumdern, »werden wir nicht alle im Alter streng und bitter? Warum soll gerade dieser Mann sich nicht verhärten? Schweigt also mit euern Anschuldigungen. Unsere Mademoiselle lebt wie eine Königin. Sie ist allein – nun ja, das ist so ihr Geschmack. Und übrigens hat meine Herrschaft wichtige Gründe für das, was sie tut.«

Eines Abends endlich, an einem späten Frühlingstag, bekannte Madame Grandet ihre geheimen Schmerzen den Cruchots. Der Kummer hatte – mehr noch als die Krankheit – ihre Kräfte aufgezehrt, denn es war ihr noch immer nicht gelungen, Eugénie mit ihrem Vater zu versöhnen.

»Ein Mädchen von dreiundzwanzig Jahren auf Wasser und Brot setzen!« rief der Präsident de Bonfons aus, »und ohne Ursache! – das ist ja eine gesetzwidrige Überschreitung des väterlichen Züchtigungsrechts: Mißhandlung ist das! Dagegen kann sie Protest einlegen, und um so mehr, als . . .«

»Komm, lieber Neffe«, sagte der Notar, »laß dein Gerichtskauderwelsch. Beruhigen Sie sich, Madame, von morgen ab soll diese Gefangenschaft ein Ende haben.«

Als Eugénie hörte, daß man von ihr sprach, kam sie aus ihrem Zimmer herbei. »Messieurs«, sagte sie und trat mit stolzer Bewegung näher, »ich bitte Sie, sich nicht mit dieser Sache zu befassen. Mein Vater ist Herr in seinem Hause. Solange ich dieses Haus bewohne, muß ich ihm gehorchen. Seine Handlungsweise unterliegt weder der Billigung noch der Mißbilligung der Welt, er ist niemandem Rechenschaft schuldig als Gott. Ich erwarte von Ihrer Freundschaft das tiefste Stillschweigen in dieser Sache. Meinen Vater tadeln hieße unsere eigene Würde angreifen. Ich weiß Ihnen Dank, Messieurs, für die Teilnahme, die Sie mir bezeigen; aber Sie würden mich weit mehr verpflichten, wenn Sie das beleidigende Gerede zum Schweigen bringen würden, das in der Stadt in Umlauf ist und von dem ich zufälligerweise Kenntnis erhielt.«

»Sie hat recht«, sagte Madame Grandet.

»Die beste Manier, Mademoiselle, die Welt zum Schweigen zu bringen, wäre die, Ihnen die Freiheit wiederzugeben«, erwiderte der alte Notar ehrerbietig, verblüfft von der Schönheit, mit der die Einsamkeit, die Schwermut und die Liebe Eugénie geschmückt hatten.

»Nun, mein Kind, dann überlaß nur Monsieur Cruchot die Sorge, diese Angelegenheit zu ordnen, da er sich für den Erfolg verbürgt. Er kennt deinen Vater und weiß, wie man ihn nehmen muß. Wenn du mich in der kurzen Zeit, die mir noch zu leben bleibt, glücklich sehen willst, ist es unbedingt notwendig, daß ihr versöhnt seid, du und dein Vater.«

Am andern Morgen machte Grandet einer Gewohnheit zufolge, die er seit der Gefangensetzung Eugénies angenommen hatte, einige Runden durch seinen kleinen Garten. Er hatte für diesen Spaziergang den Augenblick gewählt, da Eugénie sich die Haare kämmte.

Als der Biedermann beim großen Nußbaum angelangt war, verbarg er sich hinter dem Stamm und betrachtete während einiger Minuten das lange Haar seiner Tochter; ohne Zweifel hatte er einen harten Kampf zu bestehen zwischen seinem zähen Trotz und dem heftigen Wunsch, die Tochter in die Arme zu schließen.

Oft ließ er sich auf der kleinen morschen Holzbank nieder, auf der Charles und Eugénie einander ewige Liebe geschworen hatten; dann blickte auch sie verstohlen zum Vater hinunter oder sah ihn in ihrem Spiegel. Erhob er sich und begann seine Wanderung von neuem, so setzte sie sich ans Fenster und blickte auf das Stückchen Mauer, auf dem die schönsten Blumen wucherten. Da gab es in den Mauerspalten Venushaar, Winden und ein fettes gelblichweißes Pflänzchen, ein Sedum, das in den Weingärten von Saumur und Tours sehr häufig ist.

Notar Cruchot kam früh an einem schönen Junimorgen und fand den alten Weinbauer auf dem kleinen Bänkchen sitzen; er hatte den Kopf an die Mauer zurückgelehnt und war in den Anblick seiner Tochter vertieft. »Womit kann ich dienen, Monsieur Cruchot?« sagte er, als er den Notar gewahrte.

»Ich komme in Geschäften.«

»Aha! Sie wollen mir ein paar Taler in Gold umwechseln?«

»Nein, nein; es handelt sich nicht um Geld, sondern um Ihre Tochter Eugénie. Alle Welt spricht von ihr und von Ihnen.«

»Weshalb mischt man sich ein? Jeder ist Herr in seinem Hause.«

»Gewiß; es hat auch jeder das Recht, sich umzubringen oder – was schlimmer ist – sein Geld zum Fenster hinauszuwerfen.«

»Was heißt das?«

»Ja – Ihre Frau ist sehr krank, lieber Freund. Sie sollten wirklich Monsieur Bergerin konsultieren, sie schwebt in Todesgefahr. Wenn sie nun sterben sollte, ohne mit aller Sorgfalt gepflegt worden zu sein, würde das nicht Ihr Gewissen beunruhigen?«

»Ta ta ta ta! Sie wissen, was meiner Frau fehlt. Wenn diese Ärzte erst mal den Fuß in ein Haus gesetzt haben, so kommen sie fünf-, sechsmal am Tag.«

»Schön, Grandet, tun Sie, was Ihnen beliebt. Wir sind alte Freunde, nicht wahr? Es gibt in ganz Saumur keinen Mann, der mehr als ich teilnimmt an allem, was Sie betrifft; ich mußte also mit Ihnen reden. Nun, Glück zu! Sie sind mündig, Sie müssen wissen, was Sie tun, nur zu! Übrigens ist es nicht das, was mich herführt. Es handelt sich um etwas, das vielleicht noch trauriger für Sie ist. Kurz, Sie haben wohl nicht die Absicht, Ihre Frau zu töten? Sie ist Ihnen viel zu nützlich. Bedenken Sie nur, in welche Lage Sie Ihrer Tochter gegenüber kämen, wenn Madame Grandet sterben würde. Sie müßten Eugénie Rechnung ablegen, da Sie mit Ihrer Frau in Gütergemeinschaft leben. Ihre Tochter hätte das Recht, eine Vermögensteilung zu fordern, Froidfond verkaufen zu lassen.

Also: sie würde das Erbe ihrer Mutter antreten, die Sie nicht beerben können.«

Diese Worte wirkten wie ein Blitzschlag auf den Biedermann, der in der Gesetzgebung nicht so bewandert war wie im Handel. An eine Teilungsmöglichkeit hatte er nie gedacht.

»Ich rate Ihnen daher, sie mit Milde zu behandeln«, schloß Cruchot.

»Aber wissen Sie denn, Cruchot, was sie gemacht hat?« entgegnete Grandet.

»Was?« fragte der Notar, neugierig auf ein Bekenntnis des Geizhalses über die Ursache des Zwistes.

»Sie hat ihr Gold verschenkt.«

»Nun, und . . .? Gehörte es ihr?« fragte der Notar.

»Alle sagen sie mir das!« sagte der Biedermann und ließ mit tragischer Gebärde die Arme sinken.

»Wollen Sie wegen einer solchen Kleinigkeit die Zugeständnisse, die Sie von ihr beim Tode ihrer Mutter erreichen wollen, unmöglich machen?« fuhr Cruchot fort.

»Ah! Sie nennen sechstausend Francs in Gold eine Kleinigkeit?«

»He, alter Freund, wissen Sie, was die Inventaraufnahme und Teilung des Nachlasses Ihrer Frau kosten würde, falls Eugénie sie verlangen sollte?«

»Was also?«

»Zwei- oder drei-, ja viertausend Francs vielleicht! Müßte man nicht verkaufen und versteigern, um den wirklichen Wert festzustellen? Hingegen, wenn Sie sich miteinander verständigen . . .«

»Beim Winzermesser meines Vaters!« rief der Weinbauer, der erbleichte, »wir wollen sehen, Cruchot, wir wollen sehen.« Nach einem Augenblick des Schweigens, der Ohnmacht blickte der Biedermann den Notar an und sagte: »Das Leben ist sehr hart; es bringt viel Leid mit sich. Cruchot«, fuhr er feierlich fort, »Sie wollen mich doch nicht täuschen? Schwören Sie mir auf Ehrenwort, daß das, was Sie mir da erzählen, gesetzlich richtig ist. Zeigen Sie mir das Gesetzbuch! Ich will das Gesetzbuch sehen!«

»Mein armer Freund«, erwiderte der Notar, »ich kenne doch wohl mein Gewerbe.«

»Das ist also wirklich wahr? Ich sollte von meiner eigenen Tochter verraten, beraubt, gemordet werden?«

»Sie ist die Erbin ihrer Mutter.«

»Was hat man denn da von seinen Kindern? Tja! Meine Frau, ich liebe sie. Sie ist glücklicherweise kräftig: eine la Bertellière.«

»Sie hat nicht einen Monat mehr zu leben.«

Der Böttcher schlug sich an die Stirn, sprang auf, lief davon, kam wieder und fragte mit einem grimmigen Blick auf Cruchot: »Was tun?«

»Eugénie könnte rein und ganz auf die Erbschaft ihrer Mutter verzichten. Sie wollen sie ja nicht enterben, nicht wahr? Um aber ein derartiges Zugeständnis zu erhalten, dürfen Sie sie nicht mißhandeln. Was ich Ihnen da sage, mein Alter, ist eigentlich gegen meine eigenen Interessen. Denn was ist mein Amt, wie? . . . Liquidationen machen, Inventaraufnahmen, Verkäufe, Teilungen . . .«

»Wir werden sehen, wir werden sehen. Reden Sie von etwas anderem, Cruchot. Sie drehen mir das Herz im Leibe um. Haben Sie Gold bekommen?«

»Nein; aber ich besitze ein paar alte Louisdore, zehn Stück, ich werde sie Ihnen geben. Mein guter Freund, schließen Sie Frieden mit Eugénie. Sehen Sie, ganz Saumur wirft den Stein auf Sie.«

»Die Narren!«

»Übrigens, seien Sie einmal zufrieden im Leben: Staatsrenten stehen auf neunundneunzig.«

»Auf neunundneunzig, Cruchot?«

»Ja.«

»He, he! Neunundneunzig!« sagte der Biedermann, als er den Notar bis zur Straße geleitete.

Da er von alledem, was er soeben gehört hatte, viel zu aufgeregt war, als daß er hätte daheim bleiben können, stieg er zu seiner Frau hinauf und sagte: »Also, Mutter, du kannst den Tag mit deiner Tochter verbringen, ich gehe nach Froidfond. Seid fröhlich alle beide! Heute ist unser Hochzeitstag, mein gutes Weib; da, hier hast du zehn Taler für deinen Altar zum Fronleichnamsfest. Du hast ja schon lange einen haben wollen. Also vergnügt euch, seid glücklich, unterhaltet euch gut. Es lebe die Freude!« Er warf seiner Frau zehn Sechsfrancsstücke aufs Bett, nahm ihren Kopf in die Hände und küßte sie auf die Stirn: »Gutes Weib, es geht dir besser, nicht wahr?«

»Wie können Sie denken, in Ihrem Hause den gütigen Gott zu empfangen, solange Sie Ihre Tochter aus Ihrem Herzen verbannen? fragte sie bewegt.

»Ta ta ta ta!« sagte der Vater mit milder Stimme, »wir werden sehen.«

»Gütiger Himmel! Eugénie!« rief die Mutter und errötete vor Freude, »komm, umarme deinen Vater, er verzeiht dir!« Aber der Biedermann war verschwunden. Er eilte, so schnell er konnte, seinen Meierhöfen zu und versuchte Klarheit in seine verworrenen Gedanken zu bringen.

Grandet begann damals sein sechsundsiebzigstes Jahr. Seit zwei Jahren hatte sein Geiz sich besonders verschlimmert, wie alle Leidenschaften im Alter heftiger werden. Wie man dies bei Geizhälsen, bei Ehrgeizigen, überhaupt bei allen Menschen, die ihr Leben ganz einer einzigen, alles beherrschenden Idee hingeben, stets beobachten kann, hatte sich auch sein Gefühl eigentlich nur an ein Sinnbild seiner Begierde gekettet. Gold betrachten, Gold besitzen, das war seine Manie. Auch seine Herrschsucht war mit dem Alter schlimmer geworden; und daß der Tod seiner Frau ihn der freien Verfügung über seinen Besitz – und sei es auch nur über einen Teil seines Vermögens – berauben könne, das erschien ihm geradezu als widernatürlich. Seiner Tochter Rechenschaft ablegen über seine Vermögensverhältnisse, seine gesamte bewegliche und unbewegliche Habe zwecks Aufteilung abschätzen? . . . »Das hieße, sich selber die Gurgel abschneiden«, sagte er ganz laut inmitten seiner Weingärten, als er die Rebstöcke prüfte.

Endlich faßte er seinen Entschluß. Er traf zur Essenszeit wieder in Saumur ein, mit der festen Absicht, sich vor Eugénie zu beugen und ihr zu schmeicheln, um als König sterben zu können und bis zum letzten Seufzer seine Million in der Hand zu halten.

Der Biedermann, der zufällig seinen Hausschlüssel mitgenommen hatte, schlich mit unhörbaren Schritten die Treppe hinauf. Gerade als er zu seiner Frau ins Zimmer trat, hatte Eugénie ihrer Mutter das goldene Necessaire ans Bett gebracht. Alle beide erfreuten sich in Grandets Abwesenheit daran, das Bild von Charles' Mutter zu betrachten und darin seinen Zügen nachzuforschen.

»Das ist ganz seine Stirn und sein Mund«, sagte Eugénie, gerade als der Weinbauer die Tür öffnete.

Bei dem Blick, den ihr Mann auf das Gold warf, schrie Madame Grandet auf: »Mein Gott, haben Sie Erbarmen mit uns!«

Der Alte fiel über das Necessaire her, wie ein Tiger über ein schlummerndes Kind. »Was ist denn das hier?« fragte er und ging mit dem Kästchen ans Fenster. – »Gutes Gold! Gold!« rief er. »Viel Gold! Das wiegt seine zwei Pfund. – Aha, Charles hat dir das wohl für deine Goldstücke gegeben, wie? Warum hast du mir denn das nicht gleich gesagt? Das ist ja ein gutes Geschäft, Töchterchen! Du bist also doch meine Tochter daran erkenne ich dich.« Eugénie zitterte an allen Gliedern. »Nicht wahr, das gehört doch Charles?« fuhr der Biedermann fort.

»Ja, mein Vater, es ist nicht mein. Es ist ein heiliges Vermächtnis.«

»Ta ta ta ta! Er hat dein Vermögen genommen; man muß deinen kleinen Schatz wieder füllen.«

»Mein Vater! . . .«

Der Geizhals wollte sein Messer nehmen, um eine Goldplatte abzuheben, und war dadurch genötigt, das Necessaire auf einen Stuhl zu stellen. Eugénie näherte sich, um es wieder an sich zu nehmen; aber der Böttcher, der sowohl seine Tochter als auch das Köfferchen fest im Auge behielt, stieß sie heftig zurück, so daß sie auf das Bett ihrer Mutter sank.

»O Monsieur, Monsieur!« rief die Mutter, sich im Bett aufrichtend.

Grandet hatte sein Messer gezogen und machte sich daran, das Gold abzubrechen.

»Mein Vater«, schrie Eugénie und warf sich auf die Knie und rutschte mit erhobenen Händen auf ihn zu, »mein Vater, im Namen aller Heiligen und der heiligen Jungfrau, im Namen Christi, der für uns am Kreuz gestorben ist, bei unserer ewigen Seligkeit, mein Vater, bei meinem Leben, lassen Sie die Hände davon! Dies Necessaire gehört weder mir noch Ihnen; es gehört einem unglücklichen Verwandten, der es mir anvertraut hat, und ich muß es ihm unverletzt zurückgeben.«

»Weshalb hast du es dir denn angeschaut, wenn es hinterlegtes Gut ist? Ansehen ist schlimmer als anrühren.«

»Vater, zerstören Sie es nicht! Sie würden mich ehrlos machen! Mein Vater, hören Sie mich?«

»Monsieur, Erbarmen!« flehte die Mutter.

»Mein Vater!« schrie Eugénie mit so gellender Stimme, daß Nanon entsetzt heraufeilte. Eugénie ergriff mit wildem Sprung ein Messer, das ihr erreichbar war, und bewaffnete sich damit.

»Nun, was soll das?« fragte Grandet ruhig und lächelte kalt.

»Monsieur, Monsieur, Sie töten mich!« sagte die Mutter.

»Mein Vater, wenn Ihr Messer auch nur das kleinste Goldteilchen beschädigt, so ersteche ich mich. Sie haben schon meine Mutter todkrank gemacht, Sie werden auch noch Ihr Kind töten. Nur zu, Wunde um Wunde!«

Grandet, der das Messer schon angesetzt hatte, zögerte und blickte seine Tochter an. »Wärst du wirklich dazu fähig, Eugénie?« fragte er.

»Ja, Monsieur«, sagte die Mutter.

»Sie wird tun, was sie gesagt hat«, schrie Nanon.

»Seien Sie doch vernünftig, Monsieur, wenigstens einmal in Ihrem Leben!« Der Böttcher blickte abwechselnd auf das Gold und auf die Tochter. Madame Grandet wurde ohnmächtig. »Da sehen Sie, Monsieur, die Frau stirbt!« rief Nanon.

»Hier, mein Kind, zanken wir uns nicht um eine Schachtel. Da, nimm!« rief der Böttcher erregt und warf das Necessaire aufs Bett. – »Nanon, geh und hole Monsieur Bergerin. – Vorwärts, Mutter«, sagte er und küßte seiner Frau die Hand, »es ist ja nichts; höre: wir haben Frieden geschlossen. – Nicht wahr, Töchterchen? Kein trocken Brot mehr, du kannst essen, was dir beliebt . . . Ah! sie öffnet die Augen. – Nun, Mutter, Mütterchen, komm, komm! Sieh, da – ich küsse Eugénie. Sie liebt ihren Cousin, sie mag ihn heiraten, wenn sie will; sie wird ihm das Köfferchen verwahren. Aber bleib du am Leben, mein armes Weib. Komm, rühr dich doch! Hör zu: du sollst den prächtigsten kleinen Altar bekommen, der je in Saumur gemacht worden ist.«

»Mein Gott, wie können Sie Frau und Kind so behandeln!« sagte Madame Grandet mit schwacher Stimme.

»Ich werde es nie wieder tun, nie!« schrie der Böttcher, »du sollst sehen, mein armes Weib.«

Er ging in sein Kabinett und kam mit einer Handvoll Louisdore zurück, die er aufs Bett ausstreute. »Da, Eugénie, da, liebe Frau, das ist für euch«, sagte er und ließ das Gold tanzen. »Komm, Frau, ermuntere dich; laß dir's gut gehen, es soll dir an nichts fehlen; Eugénie ebensowenig. Da sind hundert Louis in Gold für sie. Du wirst sie nicht verschenken, die da, Eugénie, wie?«

Madame Grandet und ihre Tochter sahen einander erstaunt an. »Nehmen Sie sie nur wieder, Vater; was wir bedürfen, ist Ihre Liebe.«

»Schön, schön, auch recht«, sagte er, die Louis wieder einsteckend. »Leben wir als gute Freunde. Kommt, wir wollen alle zum Essen hinuntergehen in den Saal, wollen alle Abende Lotto spielen, zu zwei Sous die Partie. Laßt's euch wohl sein! Scherz und Spiel – wie, liebe Frau?«

»Ach!« sagte die Sterbende, »gern, wenn es Ihnen Freude macht, aber ich kann nicht aufstehen.«

»Arme Mutter!« sagte der Böttcher, »du weißt nicht, wie sehr ich dich liebe. – Und dich, mein Kind!« Er schloß sie in die Arme und küßte sie. »Oh, wie gut das tut, nach einem Zwist sein Kind in die Arme zu schließen! Mein Töchterchen! – Da sieh her. Mütterchen, jetzt sind wir ganz eins. – Geh und schließe das weg«, sagte er zu Eugénie, indem er auf das Köfferchen zeigte. »Geh, fürchte nichts. Ich werde dir nicht mehr davon sprechen, nie mehr.«

Monsieur Bergerin, der bedeutendste Arzt in Saumur, traf bald ein. Er untersuchte die Kranke und erklärte dann Grandet mit Bestimmtheit, daß seine Frau recht krank sei, daß es aber möglich sei, bei vollständiger Gemütsruhe, zärtlicher Behandlung und peinlichster Pflege den Zeitpunkt ihres Todes bis zum Spätherbst hinauszuschieben.

»Wird das viel kosten?« fragte der Biedermann. »Braucht man Arzneien?«

»Wenig Arzneien, aber viel Pflege«, erwiderte der Arzt, der sich nicht enthalten konnte zu lächeln.

»Nun also, Monsieur Bergerin«, entgegnete Grandet, »Sie sind ein Ehrenmann, nicht wahr? Ich verlasse mich auf Sie; kommen Sie nach meiner Frau sehen, sooft Sie es für nötig halten. Erhalten Sie mir mein gutes Weib. Ich habe sie sehr lieb, sehen Sie, wenn es auch nicht so aussieht – denn bei mir, sehen Sie, bleibt alles inwendig und frißt mir am Herzen. Ich habe Kummer. Der Kummer kam zu mir mit dem Tod meines Bruders, für den ich in Paris große Summen hingebe . . . die Augen aus dem Kopf sozusagen! Und das nimmt kein Ende. Adieu, Monsieur. Wenn meine Frau zu retten ist, retten Sie sie, und wenn man auch hundert oder zweihundert Francs dranwenden müßte.«

Trotz der Inbrunst, mit der Grandet die Gesundheit seiner Frau herbeiwünschte – eine Erbteilung hätte für ihn den Tod bei lebendigem Leibe bedeutet – trotz der Aufmerksamkeit, mit der er stets selbst die geringsten Wünsche von Mutter und Tochter erfüllte; trotz der zärtlichsten Pflege von Seiten Eugénies schwand Madame Grandets Kraft unheimlich schnell dahin. Tagtäglich wurde sie schwächer und welkte, wie die meisten Frauen hinwelken, wenn sie in diesem Alter von einer Krankheit ergriffen werden. Sie war matt wie sterbendes Herbstlaub. Die Strahlensonne nahender Himmelsherrlichkeit verklärte sie, wie die Sonne das Herbstlaub verklärt und vergoldet. Ihr Tod, ihr Sterben war ihres Lebens würdig, es war ein christliches Sterben, ein erhabener Tod. Im Monat Oktober 1822 strahlten all ihre Tugenden noch einmal auf: ihre engelgleiche Geduld und ihre Liebe zu ihrem Kinde; sie erlosch, ohne die geringste Klage verlauten zu lassen. Ein fleckenloses Lamm stieg sie zum Himmel auf und hatte nur ein Leidgefühl: Mitleid mit der sanften Gefährtin ihres kalten, freudlosen Daseins, der ihre letzten Blicke tausend Leiden vorauszusagen schienen. Sie zitterte davor, dies weiße Lämmchen allein zurücklassen zu müssen inmitten einer egoistischen Welt, die ihm das Fell abziehen, ihm seine Schätze rauben würde. »Mein Kind«, sagte sie, ehe sie verschied, »nur im Himmel ist das wahre Glück, eines Tages wirst du das einsehen,«

Am Tage nach ihrem Tode fühlte Eugénie sich inniger als je an dieses Haus gekettet, in dem sie geboren war, in dem sie so viel gelitten hatte, in dem nun ihre Mutter gestorben war. Sie konnte die Fensternische und den erhöhten Sessel nicht ansehen, ohne in Tränen auszubrechen.

Sie vermeinte, das Herz ihres alten Vaters verkannt zu haben, da sie sich von seiner zärtlichsten Fürsorge umgeben sah: er kam und reichte ihr den Arm, um mit ihr zum Frühstück hinunterzugehen; er sah sie stundenlang mit fast gütigen Blicken an; kurz, er hätschelte sie, als sei sie aus Gold.

Der alte Böttcher glich sich selbst so wenig, er zitterte so sehr vor seiner Tochter, daß Nanon und die Cruchotaner, die Zeugen seiner Schwäche waren, diese seinem hohen Alter zuschrieben und vermeinten, Grandets Härte und Gewinnsucht sei gebrochen. An dem Tage aber, als er und seine Tochter Trauer anlegten, zeigten sich die Gründe des Biedermanns für sein Benehmen.

Es war nach dem Diner, zu dem auch Notar Cruchot geladen war.

»Mein liebes Kind«, sagte Grandet zu seiner Tochter, nachdem der Tisch abgedeckt und die Türen geschlossen worden waren, »du bist nun die Erbin deiner Mutter, und da gibt es zwischen uns beiden allerlei zu erledigen. – Nicht wahr, Cruchot?«

»Ja.«

»Ist es denn nötig, sich schon heute damit zu befassen, Vater?«

»Ja, ja, Töchterchen. Ich kann nicht länger in der Ungewißheit bleiben, in der ich jetzt schwebe. Ich glaube doch nicht, daß du mir weh tun willst.«

»O mein Vater . . .«

»Also man muß das alles heute abend noch ordnen.«

»Was wollen Sie denn, das ich tun soll?«

»Aber, Töchterchen, das ist nicht mein Amt. – Erklären Sie ihr die Sache, Cruchot.«

»Mademoiselle, Ihr Vater möchte seine Habe weder teilen noch sie verkaufen, noch für das bare Geld, das er besitzt, ungeheure Gebühren bezahlen. Zu diesem Zwecke wäre es nötig, sich von einer Inventaraufnahme des gesamten Besitzes, der heute ja noch nicht zwischen Ihnen und Ihrem Vater geteilt ist, zu befreien . . . .«

»Cruchot, sind Sie Ihrer Sache auch ganz sicher, daß Sie so vor einem Kinde reden?«

»Lassen Sie mich fortfahren, Grandet.«

»Ja, ja, mein Freund; Sie und meine Tochter werden mich ja nicht ausplündern wollen. – Nicht wahr, Töchterchen?«

»Aber, Monsieur Cruchot, was soll ich denn eigentlich tun?« fragte Eugénie ungeduldig.

»Ja«, sagte der Notar, »da wäre also dieser Akt zu unterzeichnen, demzufolge Sie auf das Erbe Ihrer Frau Mutter verzichten und Ihrem Vater die Nutznießung des gesamten ungeteilten Besitzes, dessen Eigentum ohne Nutznießung er Ihnen zusichert, zusprechen würden.«

»Ich verstehe nichts von alledem, was Sie mir da sagen«, antwortete Eugénie; »geben Sie mir das Schriftstück und zeigen Sie mir, wo ich unterschreiben soll.«

Vater Grandet blickte abwechselnd auf das Papier und auf seine Tochter; seine Aufregung war so stark, daß ihm die Schweißtropfen auf die Stirn traten. »Töchterchen«, sagte er, »wie wäre es, wenn du, statt diesen Akt zu unterzeichnen, dessen Eintragung viel kosten würde – wie wäre es, wenn du klar und einfach auf die Erbfolge deiner armen verstorbenen Mutter verzichtetest und deine Zukunft mir anvertrautest? Das wäre mir lieber. Ich würde dir dann jeden Monat eine gute fette Rente von hundert Francs aussetzen. Sieh, du könntest dann für alle, die dir lieb sind, so viele Messen lesen lassen, wie du willst . . . . He! Hundert Francs im Monat?«

»Lieber Vater, ich tue alles, was Ihnen gefällt.«

»Mademoiselle«, sagte der Notar, »es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie sich berauben . . .«

»Ach, mein Gott«, erwiderte sie, »was tut das?«

»Still, Cruchot; es ist zugesagt, es ist zugesagt«, rief Grandet, ergriff die Hand seiner Tochter und tätschelte sie derb.

»Eugénie, du wirst nicht widerrufen, was? Du bist ein ehrenhafter Mensch.«

»O mein Vater . . .«

Er küßte sie voll überströmender Zärtlichkeit und erdrückte sie fast in seinen Armen. »Sieh, mein Kind, du schenkst deinem Vater das Leben; aber du gibst ihm schließlich nur wieder, was er dir gegeben hat: wir sind quitt. So muß man Geschäfte machen. Das Leben ist ein Geschäft. Ich segne dich! Du bist ein tugendsames Mädchen, das seinen Papa lieb hat. Jetzt geh und tu, was du magst. – Auf morgen also, Cruchot«, sagte er zu dem verblüfften Notar. »Bereiten Sie auf der Gerichtskanzlei alles vor für den Verzichtleistungsakt.« Am andern Mittag wurde die Erklärung unterzeichnet, derzufolge Eugénie sich selber ihrer Güter beraubte.

Am Ende dieses Jahres aber hatte der alte Böttcher sein Wort noch nicht gehalten, er hatte seiner Tochter noch nicht einen Sou der ihr so feierlich zugesprochenen hundert Francs pro Monat gegeben. Als Eugénie ihn freundlich daran erinnerte, konnte er nicht umhin, rot zu werden; er stieg eilig in sein Arbeitskabinett hinauf, und als er zurückkam, hielt er ihr etwa ein Drittel der Wertsachen hin, die er seinem Neffen abgenommen hatte. »Da, Kleine«, sagte er mit ironischem Tonfall, »willst du das für deine zwölfhundert Francs?«

»O mein Vater, wirklich, geben Sie sie mir?«

»Ich werde dir nächstes Jahr ebensoviel geben«, sagte er, sie ihr in den Schoß werfend. »Auf diese Weise wirst du in Kürze all seine Schmuckstücke haben«, fügte er händereibend hinzu – glücklich, auf die Sentimentalität seiner Tochter spekulieren zu können.

Dennoch fühlte der Greis, obschon er noch rüstig war, die Notwendigkeit, seine Tochter in die Geheimnisse des Haushalts einzuführen. Während der zwei folgenden Jahre ließ er sie in seinem Beisein den Speisezettel des Tages bestimmen und die Pachtgelder in Empfang nehmen. Er lehrte sie allmählich die Namen und den Umfang seiner Weingüter und seiner Meiereien kennen. Im dritten Jahre hatte er sie so gut an seine geizigen Manipulationen gewöhnt, hatte sie ihr selbst so ganz und gar zur Gewohnheit gemacht, daß er ihr ohne Besorgnis die Schlüssel der Vorratskammern anvertraute und sie im Hause als Herrin schalten ließ.

Fünf Jahre gingen hin, ohne daß sich in dem einförmigen Dasein Eugénies und ihres Vaters irgend etwas ereignete. Dieselben Handlungen geschahen zur selben Zeit mit der Regelmäßigkeit der alten Uhr im Haus.

Die tiefe Melancholie von Mademoiselle Grandet war für niemanden ein Geheimnis; trotzdem aber ein jeder die Ursache erriet, so bestätigte doch niemals ein Wort aus ihrem Munde die Vermutungen, die alle Kreise Saumurs sich über den Herzenszustand der reichen Erbin gebildet hatten.

Ihre einzige Gesellschaft bestand aus den drei Cruchots und einigen ihrer Freunde, die sie allmählich im Hause eingeführt hatten. Sie hatten ihr das Whistspiel beigebracht und kamen alle Abende zu diesem Spiel zusammen.

Im Jahre 1827 sah ihr Vater, den allerlei Altersgebrechen befielen, sich genötigt, sie in die Geheimnisse seiner Liegenschaften einzuweihen, und er riet ihr, sich in schwierigen Fällen an Cruchot, den Notar, zu wenden, von dessen Redlichkeit er überzeugt war. Dann, gegen Ende dieses Jahres, wurde der Biedermann endlich, im Alter von zweiundachtzig Jahren, von einer Paralyse ergriffen, die schnelle Fortschritte machte. Monsieur Bergerin gab ihn verloren.

Bei dem Gedanken, daß sie bald allein in der Welt stehen würde, schloß sich Eugénie gleichsam inniger ihrem Vater an. Ihr, wie allen liebenden Frauen, war die Liebe alles, und Charles war nicht da. Wahrhaftig groß zeigte sie sich in der Pflege ihres alten Vaters, dessen Geisteskräfte nachzulassen begannen, dessen Geiz aber instinktiv derselbe blieb.

So unterschied sich der Tod dieses Mannes gar wenig von seinem Leben. Seit dem frühen Morgen ließ er sich zwischen dem Kaminplatz seines Zimmers und der Tür zu seinem Geheimkabinett, das sicher voller Gold steckte, hin und her fahren. Da saß er dann, ohne sich zu rühren; aber voll Spannung und Ängstlichkeit blickte er abwechselnd auf alle, die zu ihm kamen, und auf die eisenbeschlagene Tür. Über das geringste Geräusch, das ihm zu Ohren kam, verlangte er Aufschluß, und zum großen Erstaunen des Notars vernahm er sogar das Bellen des Hofhundes. Am Tag und zur Stunde, da es den Pachtzins in Empfang zu nehmen, mit den Winzern abzurechnen, Quittungen auszustellen galt, erwachte er aus seinem augenscheinlichen Stumpfsinn. Er lenkte dann selber seinen Rollstuhl, bis er der Tür zu seinem Geheimkabinett gegenüberstand. Seine Tochter mußte sie öffnen, und er wachte darüber, daß sie eigenhändig die Geldsäcke aufeinanderstapelte, daß sie die Tür sorgfältig abschloß. Sobald sie ihm den kostbaren Schlüssel wieder abgeliefert hatte, den er in seine Westentasche versenkte und von Zeit zu Zeit betastete, wurde er wieder ruhig und ließ sich an den gewohnten Platz zurückschieben. Sein alter Freund, der Notar, der wohl voraussah, daß die reiche Erbin, falls Charles Grandet nicht wiederkam, notgedrungen seinen Neffen, den Präsidenten, heiraten werde, verdoppelte seine Fürsorge und Aufmerksamkeiten: er kam alle Tage, um sich den Wünschen Grandets zur Verfügung zu stellen, begab sich auf seinen Befehl nach Froidfond, auf die Felder, die Wiesen, die Weingüter, verkaufte die Ernten und machte alles zu Gold und Silber, das heimlich den Säcken einverleibt wurde, die im Kabinett aufgestapelt waren.

Dann kamen die Tage der Agonie, da die eiserne Gesundheit des Geizhalses der Zerstörung zur Beute fiel. Bald wollte er, zur Seite des Kamins beim Feuer sitzen bleiben, bald wieder vor der Tür seines Kabinetts sitzen. Er zerrte alle Decken an sich, die man über ihn legte, rollte sie zusammen und sagte zu Nanon: ›Hier, schließ weg, schließe alles weg, damit man mich nicht bestiehlt.‹

Wenn es ihm möglich war, die Augen zu öffnen, in die seine ganze Lebenskraft sich konzentriert zu haben schien, so heftete er sie sofort auf die Tür des Kabinetts, darin seine Schätze ruhten und sagte zu seiner Tochter: ›Sind sie da? Sind sie da?‹ mit einer Stimme, in der eine namenlose Angst zitterte.

›Ja, mein Vater.‹

›Hüte das Gold! . . . Bring mir etwas Gold her!‹

Eugénie breitete auf einem Tisch einen Haufen Goldstücke aus, und da saß er nun stundenlang, den Blick auf das Gold geheftet, wie ein Kind, wenn es zu sehen beginnt, mit blödem Ausdruck irgendeinen Gegenstand anstarrt; und ein gedankenloses Lächeln, wie bei einem Kinde, spielte um seine Lippen. ›Das stärkt mich!‹ sagte er dann mit glückseligem Ausdruck.

Als der Pfarrer kam, um ihm die letzte Ölung zu erteilen, belebten sich seine schon stundenlang fast blinden Augen beim Anblick des Kreuzes, der Kerzen, des silbernen Weinkessels, den er starr anstierte, und sein Nasengewächs wackelte zum letztenmal. Als der Priester das vergoldete Kruzifix an seine Lippen brachte, damit er das Bild Christi küsse, machte er eine wütende Anstrengung, um es an sich zu reißen, und das kostete ihm das Leben. Er rief Eugénie, die er nicht gewahrte, obgleich sie vor ihm kniete und seine schon erkaltete Hand mit ihren Tränen badete.

»Mein Vater, segnen Sie mich«, bat sie.

»Hab acht auf alles! Dort drüben wirst du mir Rechenschaft ablegen müssen«, sagte er und bewies mit diesem letzten Ausspruch, daß das Christentum auch die Religion der Geizhalse ist. –

Eugénie Grandet sah sich also allein auf der Welt und in diesem Hause; sie hatte nun außer Nanon niemanden mehr, dem sie einen Blick zuwerfen konnte mit dem Bewußtsein, verstanden und begriffen zu werden – Nanon, das einzige Wesen, das sie um ihrer selbst willen liebte und mit der sie über ihre Kümmernisse reden konnte. Die Große Nanon war für Eugénie so etwas wie die Vorsehung; sie war eigentlich nicht mehr Magd, sondern Freundin.

Nach dem Tode ihres Vaters erfuhr Eugénie durch Notar Cruchot, daß sie dreihunderttausend Francs Jahresrente aus ihrem Grundbesitz im Kreise Saumur besaß; ferner sechs Millionen, angelegt zu drei Prozent in Sechzigfrancspapieren, die jetzt auf siebenundsiebzig Francs standen; ferner zwei Millionen in Gold und hunderttausend Francs in Talern, ungerechnet der Außenstände. Man veranschlagte ihren Gesamtbesitz auf siebzehn Millionen.

›Wo bleibt nur mein Cousin?‹ fragte sie sich.

Am Tage, da Monsieur Cruchot seiner Klientin eine klare und sachliche Aufstellung der Erbschaft überreichte, blieb Eugénie allein mit Nanon im großen Saal zur Seite des Kamins – in diesem Saal; wo alles Erinnerungen weckte, angefangen vom erhöhten Fenstersitz ihrer Mutter bis herab zum Weinglas, aus dem ihr Cousin getrunken hatte.

»Nanon, wir sind allein!«

»Ja, Mademoiselle; und wenn ich wüßte, wo er ist, der hübsche liebe Monsieur, ich würde hingehen und ihn wieder holen.«

»Das Meer liegt zwischen uns«, erwiderte Eugénie.

Während die arme Erbin also in Gemeinschaft mit ihrer alten Magd klagend in diesem kalten, düstern Haus saß, das ihr die Welt bedeutete, war von Nantes bis Orleans von nichts anderem die Rede als von den siebzehn Millionen der Mademoiselle Grandet.

Eine ihrer ersten selbständigen Handlungen war, der alten Nanon eine lebenslängliche Rente von zwölfhundert Francs auszusetzen; da sie bereits sechshundert Francs besaß, so wurde sie nun eine reiche Partie. In weniger als einem Monat trat sie unter dem Schutze des Antoine Cornoiller, der zum Oberaufseher der Ländereien von Mademoiselle Grandet ernannt wurde, in den Stand der Ehe. Madame Cornoiller hatte vor ihren Altersgenossinnen ungeheure Vorzüge. Obgleich sie neunundfünfzig Jahre zählte, sah sie nicht älter aus als vierzig. Ihre derben Züge hatten den Stürmen der Zeit widerstanden. Dank ihres klösterlichen Lebens konnte ihre eiserne Gesundheit, ihre blühende Farbe dem Greisentum spotten. Vielleicht hatte sie nie so gut ausgesehen als an ihrem Hochzeitstage. Sie genoß die Segnungen ihrer Häßlichkeit und erschien groß, dick und stark; auf ihrem unverwüstlichen Gesicht lag ein Ausdruck des Glücks, der manchen Mann das Schicksal Cornoillers beneiden ließ.

»Sie hat eine frische Farbe«, sagte der Tuchhändler. »Sie ist fähig und kriegt noch Kinder«, sagte der Gewürzkrämer; »sie hat sich konserviert, als hätte sie – mit Respekt zu vermelden – in Lauge gelegen.« – »Sie ist reich, und der Bursche Cornoiller macht einen guten Fang«, sagte ein anderer Nachbar.

Als Nanon aus dem alten Hause trat, sah sie, die von der ganzen Nachbarschaft geliebt wurde, nur freundliche Gesichter und erhielt Glückwunsch um Glückwunsch, als sie die gewundene Straße zur Pfarrkirche hinunterschritt. Als Hochzeitsgeschenk gab Eugénie ihr drei Dutzend Gedecke. Cornoiller, den solche Pracht überwältigte, sprach von seiner Herrin mit Tränen in den Augen: er würde sich für sie in Stücke hacken lassen. Madame Cornoiller, die ganz Eugénies Vertraute geworden war, genoß auch in dieser Hinsicht eine Glückseligkeit, die der andern, einen Gatten zu haben, nicht nachstand. Endlich durfte sie selbst die Speisekammer öffnen und schließen und des Morgens die Tagesvorräte austeilen, wie es ihr seliger Herr getan hatte. Ferner herrschte sie über zwei Dienstboten, denn man hatte eine Köchin ins Haus genommen und eine Kammerfrau, die die Hauswäsche auszubessern und die Kleider von Mademoiselle Grandet anzufertigen hatte. Cornoiller vereinigte in sich das Amt eines Wächters und Verwalters. Es erübrigt sich zu sagen, daß die von Nanon aufgenommenen beiden Dienstboten wahre ›Perlen‹ waren. Mademoiselle Grandet hatte also vier Dienstboten, deren Ergebenheit grenzenlos war. Die Pächter spürten nicht den Tod Grandets, so streng hatte dieser seine Geschäftsgrundsätze, sein Arbeitssystem festzulegen gewußt, und Monsieur und Madame Cornoiller führten alles in seinem Sinne weiter.

Mit dreißig Jahren kannte Eugénie noch nicht eine der Glückseligkeiten des Lebens. Ihre bleiche, traurige Jugend hatte sich im Schatten einer Mutter abgespielt, deren verkanntes, zertretenes Herz nur von Leid wußte. Diese Mutter schied mit Freuden aus dem Leben und beklagte nur die Tochter, weil sie noch leben müsse, und pflanzte in ihre Seele viel Reue und ewiges Wehklagen.

Eugénies erste, einzige Liebe war für sie Trauer und Schwermut geworden. Als sie ihren Geliebten kaum flüchtig kannte, hatte sie ihm zwischen zwei heimlichen Küssen ihr Herz geschenkt. Dann war er abgereist und hatte eine ganze Welt trennend zwischen sie gelegt. Diese Liebe, die ihr Vater verwünscht und die ihrer Mutter und ihr fast das Leben gekostet hatte, brachte ihr nur tiefe Schmerzen, vermischt mit spärlichen Hoffnungsstrahlen. So hatte sie also bislang dem Glück entgegengestrebt und ihre Kräfte aufgezehrt für nichts und immer wieder nichts.

Auch im geistigen Leben gibt es wie im körperlichen ein Ein- und Ausatmen. Die Seele hat das Bedürfnis, die Empfindungen einer andern Seele in sich aufzunehmen, einzusaugen, für sich zu verarbeiten und – nun reicher geworden – zurückzuerstatten. Das Herz lebt nicht, solange es dies schöne Wunder noch nicht kennt, es fehlt ihm die Luft, es leidet und siecht dahin. Eugénie begann zu leiden. Für sie hatte das Geld weder Macht noch Tröstung; sie konnte nur in der Liebe leben, im Glauben, in der Hingabe an eine frohe Zukunft. Die Ewigkeit – das war für sie die Liebe. Ihr Herz und das Evangelium verhießen ihr zwei Welten. Tag und Nacht stürzte sie sich in das dunkle Wirrsal zweier unendlicher Gedanken, die wohl für sie in eins verschmolzen. Sie zog sich in sich selbst zurück, liebte und glaubte sich geliebt. Seit sieben Jahren hatte diese Leidenschaft an Macht gewonnen und alles andere erstickt. Eugénies Schätze! Das waren nicht die Millionen, deren Einkünfte sich immer mehr vergrößerten, das war das kleine Köfferchen, das Charles ihr anvertraut hatte; das waren die beiden Porträts, die über ihrem Bett hingen; das waren die ihrem Vater abgekauften Schmucksachen, die in ihrer Kommode sorgsam auf Watte ausgebreitet lagen; das war der Fingerhut ihrer Tante, den auch ihre Mutter benutzt hatte und den sie alle Tage fromm zur Hand nahm, um an einer Stickerei zu arbeiten, einer Penelopearbeit, die nur unternommen wurde, um dieses kostbare, erinnerungsreiche Gold am Finger zu haben.

Es schien nicht wahrscheinlich, daß Mademoiselle Grandet sich noch während der Trauerzeit verheiraten würde. Ihre aufrichtige Frömmigkeit war zu bekannt. So begnügte sich auch die Familie Cruchot, deren Vorgehen der alte Abbé stets weise leitete, die Erbin durch hingebende Anhänglichkeit zu umgarnen. Jeden Abend füllte sich der graue Saal mit den treuesten und ergebensten Cruchotanern der ganzen Gegend, die einander überboten, in allen Tonarten das Lob der Hausfrau zu singen. Man stellte ihr einen Hausarzt, einen Kaplan, einen Kammerherrn, eine Oberhofmeisterin, einen Premierminister und vor allem einen Kanzler – einen Kanzler, der sie in allem bevormunden wollte. Hätte die Erbin noch einen Schleppenträger gewünscht, man hätte ihr auch den aufgetrieben. Sie war eine Königin, und selten wohl wurde eine Königin so eifrig angebetet.

Die Schmeichelei ist keine Eigenschaft der großen Seelen, sie ist die Lebensbedingnis der kleinen Geister, die dadurch Erfolg suchen, daß sie sich kleiner machen, als sie schon sind, um so leichter in die Lebenssphäre desjenigen, zu dem sie hinstreben, eindringen zu können. Die Schmeichelei hat immer ein egoistisches Motiv. Auch diese Leute, die da alle Abende den Saal von Mademoiselle Grandet füllten, die sie Mademoiselle de Froidfond nannten, verstanden es wunderbar, Loblieder zu singen.

Dieses Konzert, das Eugénie neu war, ließ sie zuerst erröten; aber nach und nach, wie plump diese Schmeicheleien auch sein mochten, gewöhnte sich ihr Ohr so sehr daran, ihre Schönheit rühmen zu hören, daß, wenn irgendein neuer Gast sie häßlich gefunden haben würde, solch ein Vorwurf sie weit empfindlicher getroffen hätte als vor acht Jahren. Schließlich gewann sie diese Süßigkeiten lieb, die sie im stillen ihrem Idol zu Füßen legte. Sie gewöhnte sich allmählich daran, sich als Königin verehrt und ihr Hoflager alle Abende gefüllt zu sehen.

Monsieur le Président de Bonfons war der Held dieses kleinen Kreises, wo man seinen Geist, seine Persönlichkeit, sein Wissen, seine Liebenswürdigkeit ohne Unterlaß rühmte. Der eine machte darauf aufmerksam, daß er seit sieben Jahren sein Vermögen sehr vergrößert habe, daß die Besitzung Bonfons wenigstens zehntausend Francs Rente einbringe und sich, wie alle Güter der Cruchots, als Enklave inmitten der ausgedehnten Liegenschaften der Erbin befinde.

»Wissen Sie wohl, Mademoiselle«, sagte einer der Hausfreunde, »daß die Cruchots über vierzigtausend Livres Rente verfügen?«

»Und ihre Ersparnisse!« fuhr eine alte Cruchotanerin, Mademoiselle de Gribeaucourt, fort. »Ein Monsieur aus Paris hat unlängst Monsieur Cruchot zweihunderttausend Francs für seine Notariatspraxis geboten. Er sollte sie aufgeben, da er zum Friedensrichter ernannt werden kann.«

»Er will Monsieur de Bonfons' Stellung als Gerichtspräsident übernehmen und sich dafür vorbereiten«, erwiderte Madame d'Orsonval; »denn der Präsident wird Rat werden und später noch zu den höchsten Ämtern kommen; ihm stehen gar viele Mittel zur Verfügung, um hochzukommen.«

»Ja, das ist ein ganz ausgezeichneter Mann«, sagte ein anderer. »Finden Sie nicht auch, Mademoiselle Grandet?«

Der Präsident hatte versucht, sich mit der Rolle, die er zu spielen gedachte, in Harmonie zu setzen; trotz seiner vierzig Jahre, trotz seines braunen und abstoßenden Gesichts, das mürrisch und verbissen war wie alle Juristengesichter, gebärdete er sich als junger Mann, schlenkerte ein Rohrstöckchen, hatte sich bei Mademoiselle de Froidfond das Schnupfen abgewöhnt und erschien dort stets mit weißer Krawatte und einem frischen Hemd, dessen mächtige Spitzenfalten ihm eine gewisse Verwandtschaft mit der Familie der Truthühner verschaffte. Er sprach mit der schönen Erbin recht vertraut und nannte sie ›unsere liebe Eugénie‹. Wenn man von der großen Zahl der Gäste und dem Fehlen von Monsieur und Madame Grandet absah und das Lotto durch das Whistspiel ersetzte, so glichen die Abende jetzt gar sehr der Szene, wie sie sich eingangs dieser Geschichte im grauen Saale abzuspielen pflegte. Eugénie und ihre Millionen waren nach wie vor von der Meute verfolgt, aber die Meute war nun zahlreicher, bellte besser und umkreiste ihr Opfer in brüderlicher Eintracht. Wäre Charles plötzlich aus Indien zurückgekehrt, er hätte dieselben Personen hier angetroffen und dieselben Interessen: Madame des Grassins, für die Eugénie voll Liebenswürdigkeit und Güte war, verstand sich noch immer darauf, die Cruchots zu quälen; aber auch jetzt – wie ehemals – hätte die Gestalt Eugénies das Bild beherrscht, wie ehemals wäre Charles der Überragende gewesen.

Dennoch war da ein Fortschritt zu verzeichnen. Das Bukett, das der Präsident früher Eugénie zu ihrem Geburtstag überreichte, war nun ein ständiges Requisit geworden. Jeden Abend überbrachte er der reichen Erbin einen mächtigen und kostbaren Strauß, den Madame Cornoiller feierlich in eine Vase stellte und, sobald die Besucher sich empfohlen hatten, heimlich in einen Winkel des Hofes warf.

Zu Beginn des Frühlings versuchte Madame des Grassins das Glück der Cruchotaner zu trüben, indem sie zu Eugénie vom Marquis de Froidfond sprach, dessen Ruin behoben werden könne, falls die Erbin ihm durch einen Ehevertrag seinen Grundbesitz wieder zuführen würde. Madame des Grassins redete hohe Töne von der Pairswürde, von dem Titel einer Marquise und nahm das verächtliche Lächeln Eugénies als Entgegenkommen auf, so daß sie erzählen ging, die Ehepläne des Präsidenten Cruchot näherten sich noch nicht so sehr der Verwirklichung, als manche wohl anzunehmen schienen.

»Obgleich Monsieur de Froidfond fünfzig Jahre zählt«, sagte sie, »erscheint er doch nicht älter als Monsieur Cruchot; er ist Witwer und hat Kinder, das ist wahr; aber er ist Marquis, er wird Pair von Frankreich werden; wo fände man in unserer Zeit eine ähnlich günstige Heirat? Ich weiß von gewissen Absichten, die Vater Grandet hatte, als er seine Güter mit dem Grundbesitz von Froidfond vereinigte; er hatte die Absicht, sich mit den Froidfonds zu liieren; das hat er mir oft gesagt. Er war schlau, der gute Mann.« –

»Was mag das nur heißen, Nanon«, sagte Eugénie eines Abends beim Schlafengehen, »in sieben Jahren hat er mir nicht ein einziges Mal geschrieben! . . .«

Während sich diese Dinge in Saumur ereigneten, machte Charles in Indien sein Glück. Seinen Vorrat an europäischen Waren hatte er sofort gut verkauft und eine Summe von sechstausend Dollar dafür eingeheimst. Die Taufe, die ihm beim Passieren des Äquators zuteil geworden, hatte manches Vorurteil von ihm abgewaschen. Er wurde sich klar, daß das beste Mittel, zu Geld zu gelangen, in den Tropen wie in Europa im Handel mit Menschen bestand. Er begab sich also an die afrikanische Küste und betrieb den Sklavenhandel, indem er seiner Menschenware auch noch allerlei andere Handelsartikel zugesellte, die er auf den verschiedenen Märkten als Tauschware vorteilhaft verhandelte. Er entfaltete eine rege geschäftliche Tätigkeit, die ihm keine freie Minute ließ. Es war ein Gedanke, der ihn völlig beherrschte: er wollte in Paris in allem Glanze eines riesigen Vermögens wieder einziehen und eine noch glänzendere Stellung erwerben, als er früher innegehabt hatte. Sein Beruf, der ihn von Land zu Land führte und ihn mit Menschen aller Klassen in Berührung brachte, ihm die entgegengesetztesten Sitten vor Augen führte, nahm ihm gar bald den idealen Sinn und machte ihn zum Skeptiker. Er hatte keine feststehenden Anschauungen mehr über Recht und Unrecht, da er im einen Lande als Verbrechen verurteilt sah, was im andern als Tugend gewertet wurde. Das beständige Geschäftemachen stumpfte sein Herz ab, machte es kalt, eng und dürr. Das Blut der Grandets verleugnete sich auch in ihm nicht: Charles wurde hart, geldgierig. Er verkaufte Chinesen, Neger, Schwalbennester, Kinder, Artisten; er betrieb den Wucher im großen. Wie er die Rechte des Staates mißachtete, indem er ihn um den Zoll betrog, so galten ihm auch Menschenrechte nichts mehr. Er ging auch nach St. Thomas und kaufte dort zu Spottpreisen die von den Piraten erbeuteten Waren, um sie da wieder zu verkaufen, wo sie gerade gebraucht werden konnten.

Wenn ihn auf seiner ersten großen Reise die edle und reine Gestalt Eugénies begleitete, wie die spanischen Seeleute das Bild der heiligen Jungfrau mit auf die Schiffe nehmen, und wenn er seine ersten Erfolge dem magischen Einfluß der Schwüre und Gebete dieses sanften Herzens zuschrieb, so wurde dies bald anders: Negerinnen, Mulattinnen, Weiße, Javanerinnen, Bajaderen, die Orgien aller Rassen und die Abenteuer, die er in diesen südlichen Ländern erlebte, verlöschten vollkommen die Erinnerung an seine Cousine, an Saumur, an das alte Haus, an die morsche Bank und an die im Hausflur geraubten Küsse. Er entsann sich nur des kleinen, von alten Mauern umschlossenen Gärtchens, weil hier sein unsicheres Geschick seinen Anfang genommen hatte; seine Familie aber verleugnete er: sein Onkel war ein alter Hund, der ihm seine Schmucksachen abgegaunert hatte; Eugénie erfüllte weder sein Herz noch seine Gedanken; ihr Name war – als Gläubigerin von sechstausend Francs – lediglich mit seiner Berufsarbeit verknüpft.

Diese Lebensführung und diese Anschauungen erklären das Schweigen Charles Grandets zur Genüge. Der Spekulant hatte sich einen Decknamen beigelegt, unter dem es ihm leichter wurde, seine dunklen Geschäfte in Indien, St. Thomas, an der afrikanischen Küste, in Lissabon und in den Vereinigten Staaten abzuschließen: Carl Sepherd durfte sich ja überall als unermüdlich, verwegen, habgierig erweisen, als ein Mann, der beabsichtigt, quibuscumque viis sein Glück zu machen, und der sich auf schlechten, unehrlichen Wegen beeilt, um für den Rest seiner Tage als anständiger Mensch leben zu können. Bei solchen Grundsätzen kam er sehr bald zu einem glänzenden Vermögen.

Im Jahre 1827 kehrte er also mit der hübschen Brigg ›Marie Caroline‹, die einem royalistischen Handelshause gehörte, nach Bordeaux zurück. Er besaß eine Million neunhunderttausend Francs in Goldstaub, der drei starke Fässer füllte und den er mit sieben bis acht Prozent Gewinn in Paris zu Geld zu machen gedachte.

Auf dieser Brigg befand sich auch ein Kammerherr Seiner Majestät König Karls X., Monsieur d’Aubrion, ein guter alter Herr, der die Dummheit begangen hatte, eine femme à la mode zu heiraten, und der auf den Antillen Ländereien besessen hatte. Infolge der Verschwendungssucht seiner Gattin hatte er seine dortigen Besitzungen verkaufen müssen. Monsieur und Madame d’Aubrion – vom Hause d’Aubrion de Buch, dessen letzter Landeshauptmann vor 1789 gestorben war – hatten ein Einkommen von etwa zwanzigtausend Francs und eine recht häßliche Tochter, welche die Mutter ohne Mitgift zu verheiraten gedachte, da das Vermögen kaum für die Pariser Lebensführung genügte. Dies war ein Unterfangen, dessen Erfolg jedermann fraglich erscheinen mußte, ungeachtet der Geschicklichkeit, die man den Damen von Welt zuzusprechen pflegt. Madame d'Aubrion selber verzweifelte beim Anblick ihrer Tochter an der Möglichkeit, einen Mann für sie zu finden, sei es auch ein Mann, der den Ehrgeiz hatte, sich mit einer Adelsfamilie zu liieren.

Mademoiselle d'Aubrion war lang und dünn, wie das Insekt, dessen Namen sie trug; sie war bleich und schmächtig, hatte einen verächtlichen Mund, auf den sich eine zu lange, unten verdickte Nase herabsenkte. Diese Nase, die in normalem Zustand gelb war, erstrahlte nach jeder Mahlzeit in tiefem Rot – ein naturwissenschaftliches Phänomen, das sich in diesem bleichen und gelangweilten Antlitz noch unangenehmer ausnahm als irgendwo sonst. Kurz, sie war ganz so, wie eine noch schöne Mutter von achtunddreißig Jahren sich nur die Tochter wünschen kann. Als Gegengewicht gegen alle diese Nachteile aber hatte die Marquise d'Aubrion ihrer Tochter ein vornehmes Auftreten beigebracht, hatte sie einer hygienischen Kur unterworfen, die der Nase wenigstens zeitweise ein annehmbares Aussehen verlieh; sie hatte ferner die Tochter die Kunst gelehrt, sich geschmackvoll zu kleiden, hatte ihr kokette Manieren beigebracht und den melancholischen Augenaufschlag, der den Mann interessiert und ihn glauben macht, den lang erträumten Engel auf Erden vor sich zu sehen; sie hatte ihr gezeigt, wie sie jedesmal dann, wenn die Nase sich röte, ihr Füßchen sehen lassen müsse, damit man seine Niedlichkeit bewundern könne – sie hatte also aus ihrer Tochter das Menschenmögliche gemacht. Mit Hilfe weiter Ärmel, lügnerischer Taille, bauschiger, reichgarnierter Kleider und einem hochschnürenden Korsett hatte sie eine so reizvolle Weiblichkeit zustande gebracht, daß sie sie zur Belehrung der Mütter eigentlich in einem Museum hätte ausstellen müssen.

Charles schloß sich sehr an Madame d'Aubrion an, die dies natürlich bezweckt hatte. Einige Leute behaupten sogar, daß die schöne Madame d'Aubrion während der Überfahrt kein Mittel unversucht ließ, um einen so reichen Schwiegersohn zu fangen. Als man sich im Juni 1827 in Bordeaux ausschiffte, stieg die Familie d'Aubrion mit Charles in dem nämlichen Hotel ab und reiste dann zusammen mit ihm nach Paris weiter.

Das Palais d'Aubrion war über und über mit Hypotheken belastet; Charles sollte es davon befreien. Die Mutter hatte schon davon gesprochen, daß es sie beglücken werde, ihrem Schwiegersohn und ihrer Tochter das ganze Erdgeschoß zur Verfügung zu stellen. Da sie Monsieur d'Aubrions adlige Vorurteile nicht teilte, hatte sie Charles versprochen, von Karl X. eine königliche Verfügung zu erwirken, derzufolge er, Grandet, den Namen d'Aubrion annehmen und sich das Wappen zulegen könne; auch wolle sie erreichen, daß er, vermittelst der Gründung eines Majorates von sechsunddreißigtausend Livres Rente, von d'Aubrion den Titel eines Landeshauptmann de Buch und Marquis d'Aubrion erben könne. Wenn man alles Geld zusammenwarf und in gutem Einvernehmen lebte, so konnte man mit Hilfe einiger Sinekuren für das Palais d'Aubrion eine Rente von über hunderttausend Livres erzielen.

»Und wenn man hunderttausend Livres Rente hat, einen Namen, eine Familie, wenn man hoffähig ist – denn ich werde Sie zum Kammerherrn machen –, so kann man alles werden, was man eben werden will«, sagte sie zu Charles. »Wenn Sie nur wollen, so können Sie Berichterstatter über die Bittschriften im Staatsrat werden, Präfekt, Gesandtschaftssekretär, Gesandter. Karl X. liebt d'Aubrion sehr, sie kennen sich seit ihrer Kindheit.«

Charles, den diese Frau zum Ehrgeiz aufgestachelt hatte, hatte während der Überfahrt alle diese Hoffnungen geliebkost, die ihm da von geschickter Hand und mit den Zeichen größter Vertraulichkeit dargereicht wurden. Da er die Schulden seines Vaters von seinem Onkel getilgt glaubte, sah er sich nun als großen Herrn im Faubourg Saint-Germain, wohin jetzt alles strebte, vor Anker gehen, wo er im Schatten der blaunasigen Mademoiselle Mathilde also als Comte d'Aubrion wieder auftauchen konnte. Verblüfft durch den allgemeinen Aufschwung unter der Restauration, die bei seiner Abreise noch nicht auf festen Füßen stand, geblendet durch den Glanz der aristokratischen Gedanken, behauptete sich in Paris seine Begeisterung, die während der Überfahrt in ihm erwacht war, und er faßte den Entschluß, alles zu tun, um die hohe Stellung zu erreichen, die seine egoistische Schwiegermutter ihm vor Augen geführt hatte.

Im unendlichen Raum dieser strahlenden Hoffnungen, glänzenden Aussichten war seine Cousine nur ein dunkles Pünktchen. Er sah Annette wieder. Als Weltdame riet sie ihrem einstigen Freund sehr zu dieser Verbindung und versprach ihm für alle seine ehrgeizigen Pläne tatkräftige Unterstützung. Annette war entzückt davon, Charles an ein häßliches und langweiliges Mädchen verheiratet zu sehen – ihn, den der Aufenthalt in Indien schön und reizvoll gemacht hatte: sein Teint hatte sich gebräunt, seine Manieren waren sicher und entschlossen geworden, er sah hart und kühn aus, wie ein Mann, der gewohnt ist, zu herrschen, zu erobern und Erfolg zu haben.

Charles fühlte sich um so wohler in Paris, als er sah, daß er hier eine Rolle spielen konnte.

Des Grassins, der von seiner Rückkehr, seinen Heiratsplänen, seinem Vermögen erfuhr, suchte ihn auf, um ihm mitzuteilen, daß er mit dreihunderttausend Francs die Schuldenlast seines Vaters tilgen könne. Er fand Charles in einer Beratung mit dem Juwelier, bei dem er für den Brautschatz von Mademoiselle d'Aubrion eine Anzahl Schmuckstücke in Auftrag gegeben hatte und der ihm nun Zeichnungen dafür vorlegte. Trotz der herrlichen Diamanten, die Charles aus Indien mitgebracht hatte, beliefen sich die Ausgaben des jungen Haushalts für Fassung der Steine, für Silberzeug, für wertvollen und geringeren Zierat auf mehr als zweihunderttausend Francs.

Charles empfing Monsieur des Grassins, den er nicht wiedererkannte, mit der Unverschämtheit eines jungen Élégants, der in Indien vier lästige Gegner im Duell beseitigt hatte. Monsieur des Grassins war schon dreimal dagewesen. Charles hörte ihn gleichgültig an; ohne ihn ganz verstanden zu haben, erwiderte er: »Die Geschäfte meines Vaters sind nicht die meinigen Ich bin Ihnen verbunden, Monsieur, für die Mühe, deren Sie sich unterziehen, aus der ich aber keinen Nutzen ziehen kann. Ich habe nicht im Schweiße meines Angesichts fast zwei Millionen zusammengerafft, um sie nun den Gläubigern meines Vaters an den Kopf zu werfen.«

»Und wenn Ihr Vater in einigen Tagen bankrott erklärt würde?«

»In einigen Tagen, Monsieur, werde ich mich Comte d'Aubrion nennen. Sie verstehen also, daß mir das, was Sie da sagen, ganz gleichgültig sein kann. Übrigens wissen Sie wohl besser als wir, daß der Vater eines Mannes, der ein Einkommen von hunderttausend Livres hat, niemals Bankrott gemacht hat«, fügte er hinzu, indem er den wohllöblichen Monsieur des Grassins höflich zur Tür hinausschob.


Zu Beginn des Monats August saß Eugénie eines Tages auf der kleinen morschen Bank, auf der ihr Cousin ihr ewige Liebe geschworen hatte; sie liebte es, an schönen Tagen hier das Frühstück einzunehmen. Das arme Mädchen erfreute sich an diesem heitern Morgen daran, in ihrer Erinnerung die großen und kleinen Ereignisse ihrer Liebe durchzugehen und die Katastrophen, die ihr gefolgt waren. Die Sonne schien hell auf die lieblich begrünte verwitterte Mauer, die nun schon fast eine Ruine war, die auszubessern aber die phantastische Erbin untersagt hatte, obgleich Cornoiller oft genug seiner Frau klagte, eines Tages werde die zusammenstürzende Mauer jemanden erschlagen.

Es wurde ans Haustor geklopft. Der Briefträger übergab Madame Cornoiller einen Brief; sie lief damit in den Garten und rief: »Mademoiselle, ein Brief!« Sie übergab ihn ihrer Herrin mit den Worten: »Ist es der, den Sie erwarten?«

Diese Worte gaben im Herzen Eugénies so lauten Widerhall, daß es ihr schien, als dröhnten sie in gewaltigem Echo vom Hof zum Garten.

»Paris! . . . Er ist von ihm! Er ist zurückgekehrt!«

Eugénie erbleichte und wagte nicht, den Brief zu öffnen. Sie bebte so sehr, daß sie unfähig war zu lesen. Die Große Nanon stemmte die Arme in die Hüften und blickte die Herrin strahlend an. Aus den Falten und Runzeln ihres braunen Gesichts glühte die Freude. »Lesen Sie, Mademoiselle!«

»Ach, Nanon! Weshalb kehrt er über Paris zurück, da er über Saumur davonging?«

»Lesen Sie, so werden Sie es erfahren.«

Eugénie öffnete zitternd das Schreiben. Es fiel eine Anweisung auf das Haus ›Madame des Grassins und Corret, Saumur‹ heraus. Nanon hob sie auf.

›Meine liebe Cousine . . .‹

›Ich bin nicht mehr Eugénie‹, dachte sie, und ihr Herz krampfte sich zusammen.

›Sie . . .‹

›Er nannte mich du!‹ Sie kreuzte die Arme über die Brust und wagte nicht weiterzulesen. Große Tränen traten ihr in die Augen.

»Ist er tot?« fragte Nanon.

»Dann hätte er nicht schreiben können«, sagte Eugénie. Sie las den ganzen Brief; hier folgt er:

›Meine liebe Cousine!

Sie werden, wie ich glaube, mit Vergnügen vernehmen, daß meine Unternehmungen Erfolg hatten. Sie haben mir Glück gebracht; ich bin als reicher Mann zurückgekehrt und habe den Rat meines Onkels befolgt, dessen Tod sowie der Tod meiner Tante mir durch Monsieur des Grassins soeben mitgeteilt worden ist.

Der Tod unserer Verwandten ist Naturgesetz, und wir müssen ihnen alle einmal folgen. Ich hoffe, daß Sie heute über das Unglück, das Sie betroffen hat, getröstet sind. Nichts widersteht dem Strom der Zeit – ich erfahre es an mir. Ja, meine liebe Cousine, die Zeit der Illusionen ist vorüber, bekümmert fühle ich das. Doch was wollen Sie! Bei meinen Reisen durch ferne Länder habe ich das Leben kennengelernt und darüber nachgedacht. Heute habe ich gar viele Dinge im Kopf, an die ich früher nicht im entferntesten gedacht habe. Sie sind frei, verehrte Cousine, und auch ich bin frei. Dem Anschein nach steht der Verwirklichung unserer einstigen Pläne nichts im Wege, aber ich habe einen zu aufrichtigen Charakter, um Ihnen den Stand meiner Angelegenheiten zu verbergen. Ich habe nicht vergessen, daß ich nicht mehr mir selbst gehörte; auf meinen langen Fahrten habe ich mich stets der kleinen Holzbank erinnert . . .‹


Eugénie sprang auf, als säße sie auf glühenden Kohlen, und setzte sich auf eine der Steinstufen, die zum Hof hinunterführten.

›. . . der kleinen Holzbank erinnert, auf der wir einander ewige Liebe geschworen haben; ich erinnerte mich oft des grauen Saales, des dunklen Hausflurs, meines Mansardenstübchens und der Nacht, da Sie mir voll zartfühlender Güte meine Zukunftspläne leichter gestalteten. Ja, diese Erinnerungen haben meinen Mut gestählt, und ich habe mir gesagt, daß Sie immer an mich denken, wie ich zur vereinbarten Stunde häufig Ihrer gedachte. Haben Sie oft und innig um neun Uhr in den Himmel, die Wolken geblickt? Ja, nicht wahr?


Ich will eine mir so heilige Freundschaft nicht betrügen; nein, ich darf Sie nicht täuschen. Es handelt sich augenblicklich für mich um eine Verbindung, die allen Hoffnungen und Ansprüchen genügt, die ich bezüglich einer Ehe hege. Die Liebe in der Ehe ist eine Schimäre. Heute weiß ich aus Erfahrung, daß man den sozialen Gesetzen gehorchen muß und bei einer Heirat den Forderungen der Welt, der Konvention zu folgen hat.

Nun ist zwischen uns beiden ein Altersunterschied, der wohl, meine liebe Cousine, für Sie verhängnisvoller werden könnte als für mich. Und dann gedenken Sie Ihrer Sitten, Ihrer Erziehung und Lebensweise, die in keiner Hinsicht mit dem Pariser Leben harmonieren und sicherlich ebensowenig mit meinen Projekten und ferneren Zielen.

Es liegt in meiner Absicht, ein großes Haus zu führen, zahlreiche Besuche zu empfangen, und ich glaube mich zu erinnern, daß Sie ein sanftes, stilles Leben lieben.

Nein, ich will noch offener sein und will Sie zum Richter einsetzen über meine Lage; es gebührt Ihnen, sie kennenzulernen, und Sie haben das Recht, selbst zu urteilen.

Ich habe heute eine Jahresrente von achtzigtausend Livres. Dieses Vermögen gestattet mir, mich mit der Familie d'Aubrion zu verbinden, deren Erbin, ein junges Mädchen von neunzehn Jahren, mir ihren Namen in die Ehe bringt, ferner einen Titel, die Stellung eines Kammerherrn Seiner Majestät und eine der glänzendsten Positionen. Ich bekenne Ihnen, meine liebe Cousine, daß ich Mademoiselle d'Aubrion nicht im geringsten liebe. Aber – durch diese Verbindung sichere ich dereinst meinen Kindern eine soziale Stellung, deren Vorteile eines Tages ganz ungemessen sein werden: von Tag zu Tag finden die monarchischen Ideen mehr Anklang und Verbreitung. Nach einigen Jahren wird also mein Sohn als Marquis d'Aubrion und Herr eines Majorats von achtzigtausend Livres Rente jede ihm beliebige Staatsstellung antreten können. Wir schulden uns unsern Kindern.

Sie sehen, liebe Cousine, wie vertrauensvoll ich Ihnen den Zustand meines Herzens, meiner Hoffnungen, meines Vermögens offenbare. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Sie Ihrerseits nach sieben Jahren der Trennung unsere Kindereien vergessen haben; aber ich habe weder Ihre Güte noch meine Worte vergessen: ich gedenke ihrer aller, selbst der flüchtig hingeworfenen, deren sich ein weniger gewissenhafter junger Mann mit einem weniger jungen und aufrichtigen Herzen gewiß nicht mehr erinnern würde.

Wenn ich Ihnen sage, daß ich nur eine Konvenienzehe einzugehen gedenke und daß ich mich unserer Jugendliebe gar wohl erinnere, überantworte ich mich also voll und ganz Ihrer Diskretion, mache Sie zur Herrin meines Schicksals und werde, wenn es nötig sein sollte, meinen ehrgeizigen Plänen entsagen und mich willig mit dem schlichten und reinen Glück begnügen, das Sie mir seinerzeit so rührend auszumalen wußten . . .‹

›Ta ta ta – ta ta ti – ti ta ta – tü! – Tü ta ti – ti ta ta . . .‹ hatte Charles Grandet nach der Melodie von ›Non più andrai‹ gesungen, als er sich unterzeichnete:

›Ihr ergebenster Cousin
Charles.‹

›Donnerwetter! Das nenne ich Lebensart‹, hatte er sich gesagt. Dann hatte er die Anweisung geholt und dem Brief noch folgendes angefügt:

›P. S. Ich füge meinem Brief eine Anweisung auf das Bankhaus des Grassins bei; sie beläuft sich auf achttausend Francs, zahlbar in Gold, und umfaßt Kapital und Zinsen der Summe, die Sie seinerzeit die Güte hatten mir zu leihen. Ich erwarte aus Bordeaux einen Koffer, der einige Gaben enthält, die ich bitte Ihnen als Zeichen meiner ewigen Dankbarkeit anbieten zu dürfen. Mein kleines Necessaire senden Sie mir bitte mit der Post an das Palais d'Aubrion, Rue Hillerin-Bertin.‹ –

»Mit der Post!« sagte Eugénie. »Eine Sache, für die ich tausendmal mein Leben hingegeben hätte!«

Entsetzliche, vollkommene Verzweiflung! Das Schiff barst und sank und ließ auf dem weiten Meer der Hoffnung nicht eine Planke, nicht eine rettende Leine zurück.

Es gibt Frauen, die den treulosen Geliebten den Armen der Rivalin entreißen, die sie töten, – und flüchten ans Ende der Welt, aufs Schafott, ins Grab. Das ist sicherlich schön; der Beweggrund des Verbrechens ist hier eine erhabene Leidenschaft, die der menschlichen Gerechtigkeit spottet. Andere Frauen lassen den Kopf sinken und dulden schweigend; entsagungsvoll erwarten sie den Tod, weinen und verzeihen, beten und leben bis zum letzten Seufzer von der Erinnerung. Das ist die Liebe, die wahre Liebe, die Liebe der Engel, die verzehrende Liebe, die sich von ihren Schmerzen nährt und an ihnen zugrunde geht. Das war die Liebe Eugénies, nachdem sie den entsetzlichen Brief gelesen hatte. Sie erhob den Blick zum Himmel und gedachte der letzten Worte ihrer Mutter, die damals auf dem Totenbett die Zukunft zu durchschauen schien. Eugénie gedachte des Sterbens, des prophetischen Blicks der Mutter und umfaßte mit einem Blick ihr ganzes Schicksal, ihre Bestimmung: sie hatte nur noch die Schwingen zu entfalten, dem Himmel zuzustreben und bis zum Tage ihrer Erlösung in Trauer und Gebet zu leben.

»Meine Mutter hatte recht«, sagte sie weinend »Leiden und sterben!«

Mit langsamen Schritten verließ sie den Garten und begab sich in den Saal. Den dunklen Flur, den ihre Liebe geweiht hatte, mied sie nun. Im grauen Saal aber redete alles zu ihr von ihrem Cousin. Da war der Kamin, und auf seinem Sims stand eine gewisse Untertasse, die ihr jeden Morgen beim Frühstück diente, wie auch die alte Zuckerdose aus Sèvres-Porzellan.

Dieser Morgen sollte ernst und ereignisvoll werden – auch noch in anderer Hinsicht.

Nanon verkündete den Besuch des Pfarrers. Der Pfarrer war ein Verwandter der Cruchots und war mit dem Präsidenten de Bonfons im Einverständnis. Vor einigen Tagen hatte der alte Abbé ihn zu bestimmen gewußt, Mademoiselle Grandet aus religiösen Gründen von der Notwendigkeit einer Ehe zu überzeugen.

Als Eugénie den Pfarrer erblickte, glaubte sie, er wolle die tausend Francs holen, die sie monatlich den Armen spendete, und trug Nanon auf, das Geld herbeizubringen; aber der Pfarrer lächelte: »Heute, Mademoiselle, will ich Ihnen von einem armen Mädchen sprechen, an dem ganz Saumur Anteil nimmt und das nicht christlich lebt – aus Mangel an Mitleid mit sich selbst.«

»Ach Gott! Monsieur le Curé, Sie kommen in einem Augenblick, wo es mir unmöglich ist, an meinen Nächsten zu denken, ich habe mit mir selbst zu tun. Ich bin sehr unglücklich. Meine einzige Zuflucht ist die Kirche; sie hat Raum genug, all unsere Schmerzen zu fassen, und sie hat Mitgefühl genug, daß alle davon trinken können, ohne es zu erschöpfen.«

»Nun also, Mademoiselle, wenn wir von diesem Mädchen sprechen, befassen wir uns ja mit Ihnen. Hören Sie zu! Es gibt für Sie nur zwei Wege, die zum Heile führen: entweder Abschied nehmen von der Welt – oder ihren Gesetzen folgen; gehorsam sein der irdischen Bestimmung oder dem himmlischen Streben.«

»Oh! Ihre Stimme spricht zu mir, da ich nach einer Stimme lechzte. Ja, Gott hat Sie hergesandt, Monsieur. Ich werde der Welt Lebewohl sagen und allein für Gott leben – in Stille und Einsamkeit.«

»Eine solche Entschließung erfordert reifliches Überlegen, meine Tochter. Die Ehe ist Leben, der Schleier ist Tod.«

»Gut, gut! Der Tod, gerade ihn suche ich, Monsieur le Curé!« erwiderte sie lebhaft.

»Den Tod? Aber Sie haben Verpflichtungen gegen die menschliche Gesellschaft! Sind Sie nicht die Mutter der Armen, denen Sie Kleidung geben, Holz im Winter und Arbeit im Sommer? Ihr großes Vermögen ist ein Darlehen, das Sie zurückzahlen müssen, und Sie haben bisher fromm danach gehandelt. Sich in ein Kloster zurückziehen, wäre Egoismus; Sie dürfen überhaupt nicht ledig bleiben. Zunächst: wie sollten Sie Ihr ungeheures Vermögen allein aufzehren können? Sie würden es vielleicht verlieren. Sie würden bald tausend Prozesse am Halse haben und hätten mit den verwickeltsten Schwierigkeiten zu kämpfen. Glauben Sie Ihrem Pfarrer: ein Gatte ist Ihnen nötig; Sie müssen behüten, was Gott Ihnen anvertraut hat. Ich spreche zu Ihnen als meinem lieben Beichtkinde. Sie sind dem Willen Gottes innig ergeben – suchen Sie Ihr Heil inmitten der Welt, der Menschen, deren schönste Zierde Sie sind und denen Sie ein erhabenes Beispiel geben."

In diesem Augenblick ließ Madame des Grassins sich melden. Befriedigte Rache und große Verzweiflung führten sie her.

»Mademoiselle Grandet . . .« sagte sie. – »Ah! Monsieur le Curé; ich ziehe mich zurück. Ich wollte von geschäftlichen Dingen reden und finde Sie anscheinend in ernster Unterredung.«

»Madame«, sagte der Pfarrer, »ich räume Ihnen das Feld.«

»O Monsieur le Curé«, sagte Eugénie, »kommen Sie in ein paar Minuten wieder; ich bedarf gegenwärtig sehr Ihres Zuspruchs.«

»Jawohl, mein armes Kind«, sagte Madame des Grassins.

»Wie meinen Sie das?« fragten Mademoiselle Grandet und der Pfarrer.

»Ich weiß von der Rückkehr Ihres Cousins, von seiner Heirat mit Mademoiselle d'Aubrion . . . O ja, eine Frau ist nie auf den Kopf gefallen.«

Eugénie errötete und blieb stumm. Aber sie nahm sich vor, künftighin den undurchdringlichen Gleichmut zu bewahren, den ihr Vater zur Schau zu tragen wußte.

»Dann, Madame, muß ich doch wohl auf den Kopf gefallen sein«, sagte sie ironisch lächelnd; »ich verstehe Sie nicht. Reden Sie, reden Sie getrost vor Monsieur le Curé, Sie wissen ja, er ist mein Beichtvater.«

»So lesen Sie also, Mademoiselle, was des Grassins mir schreibt; hier, bitte.« Eugénie las folgenden Brief:

›Meine liebe Frau!

Charles Grandet ist aus Indien zurückgekehrt; seit einem Monat ist er in Paris . . .‹

›Seit einem Monat!‹ dachte Eugénie und ließ den Brief sinken. Nach einer Weile nahm sie die Lektüre wieder auf.

›. . . Ich habe zweimal vergeblich vorsprechen müssen; ehe ich den künftigen Comte d'Aubrion zu sehen bekam. Obgleich ganz Paris von seinen Heiratsabsichten spricht und das Aufgebot schon erfolgt ist . . .‹

›Er schrieb mir also, als schon das . . .?‹ sagte sich Eugénie. Sie dachte den Satz nicht zu Ende. Sie schrie nicht wie eine Pariserin: ›Der Elende!‹ Aber ihre Verachtung war darum nicht geringer, wenn sie sie auch unausgesprochen ließ.

›. . . Mit dieser Ehe hat es noch gute Wege; der Marquis d'Aubrion wird seine Tochter nicht dem Sohn eines Bankrotteurs geben. Ich hatte den jungen Mann aufgesucht, um ihm mitzuteilen, welche Mühen sein Onkel und ich uns gegeben haben, um die Angelegenheiten seines Vaters zu ordnen, und um ihm Kenntnis zu geben von den Manövern, mittels deren es uns gelungen war, die Gläubiger bis heute ruhig zu halten. Hatte der impertinente Wicht da die Keckheit, mir zu antworten mir, der ich mich seit fünf Jahren Tag und Nacht seinen Interessen und seiner Ehre widmete . . ., daß die Geschäfte seines Vaters nicht die seinigen seien. Ein Rechtsbeistand hätte ihm ein Honorar von dreißig- bis vierzigtausend Francs, d. h. ein Prozent der Schuldsumme, abverlangen können. Aber nur Geduld, er schuldet seinen Gläubigern noch heute eine Million zweihunderttausend Francs, und ich werde seinen Vater bankrott erklären lassen. Ich habe mich in dieser ganzen Sache auf das Wort des alten Krokodils Grandet verlassen und habe im Namen der Familie Versprechungen gemacht. Wenn den Comte d'Aubrion seine Ehre wenig kümmert – die meinige liegt mir sehr am Herzen! Ich werde also den Gläubigern meine Lage dartun. Trotz allem aber habe ich zu viel Hochachtung für Mademoiselle Eugénie, der wir uns in glücklicheren Zeiten zu verbinden gedachten, um zu handeln, ehe Du sie von der Lage der Dinge unterrichtet hast . . .‹

Hier hörte Eugénie auf zu lesen und gab mit kühler Miene den Brief zurück.

»Ich danke Ihnen«, sagte sie zu Madame des Grassins; »wir werden sehen . . .«

»Jetzt haben Sie ganz den Tonfall Ihres seligen Vaters«, sagte Madame des Grassins.

»Madame«, unterbrach Nanon, »Sie haben uns achttausendeinhundert Francs in Gold auszuzahlen.«

»Ja, das stimmt, Madame Cornoiller; haben Sie also die Güte, mit mir zu kommen.«

»Monsieur le Curé«, sagte Eugénie, als sie sich mit ihm allein sah, mit edler Würde, »ist es eine Sünde, in der Ehe Jungfrau zu bleiben?«

»Das ist eine Gewissensfrage, deren Lösung mir unbekannt ist. Wenn Sie wissen möchten, was der berühmte Sanchez in seiner Abhandlung ›De matrimonio‹ darüber äußert, so könnte ich es Ihnen morgen sagen.«

Der Pfarrer ging. Mademoiselle Grandet stieg in das Arbeitszimmer ihres Vaters hinauf und verbrachte dort einsam den Tag; trotz der Bitten Nanons erschien sie nicht zum Mittagessen. Erst am Abend, zur Stunde, da sich, wie üblich, die Gäste einfanden, ließ sie sich wieder blicken. Niemals war der Saal der Grandets so voll gewesen wie an diesem Abend. Die Neuigkeit von der Rückkehr und frechen Untreue Charles' hatte sich in der ganzen Stadt verbreitet. Wie aufmerksam aber auch die Neugier der Besucher spähte, sie wurde nicht befriedigt. Eugénie, die dergleichen erwartet hatte, zeigte in ihrem Antlitz kein Abbild der furchtbaren Erschütterungen, von denen ihr Gemüt betroffen worden war. Denen, die ihr bekümmerte Worte sagten, antwortete sie mit heiterem Gesicht; sie verstand es, ihr Unglück hinter der Maske der Höflichkeit zu verbergen.

Gegen neun Uhr hörten die Spiele auf, die Spieler zahlten sich aus, verließen ihre Plätze, sprachen dabei über ihre Stiche im Whist und gesellten sich zur Gruppe der Plaudernden. Dann, als alles sich erhoben hatte, um nach Hause zu gehen, erfolgte ein Ereignis, ein Theatercoup, der in ganz Saumur, im ganzen Bezirk und in vier umliegenden Provinzen seinen Widerhall fand.

Eugénie wandte sich an Monsieur de Bonfons, der bereits seinen Stock genommen hatte, und sagte: »Bleiben Sie, Monsieur le Président!«

Es war nicht ein einziger in dieser großen Versammlung, den diese Worte nicht seltsam bewegt hätten. Der Präsident erbleichte und mußte sich niedersetzen.

»Dem Präsidenten also die Millionen!« sagte Mademoiselle de Gribeaucourt.

»Ja, es ist klar: der Präsident de Bonfons wird Mademoiselle Grandet heiraten«, rief Madame d'Orsonval.

»Seht, das ist die beste Karte, die heute gezogen worden ist«, sagte der Abbé.

Jeder machte seine Bemerkung, jeder machte seinen Witz, alle erblickten die Erbin auf ihren Millionen thronen wie auf einem Piedestal. Das vor neun Jahren begonnene Drama fand endlich seinen Abschluß. Vor den Augen von ganz Saumur den Präsidenten zum Bleiben bitten – was konnte das anders heißen, als daß sie ihn zu ihrem Gemahl machen wollte! In einer Kleinstadt werden die gesellschaftlichen Regeln so streng befolgt, daß ein solcher Bruch der Etikette einem feierlichen Versprechen gleichkam.

»Monsieur le Président«, sagte Eugénie bewegt, als sie sich mit ihm allein sah, »ich weiß, was Ihnen an mir gefällt. Schwören Sie mir, mir mein Leben lang die Freiheit zu lassen, mir gegenüber keins der Rechte auszuüben, welche die Ehe Ihnen einräumt – und meine Hand gehört Ihnen. Oh!« fuhr sie fort, als sie sah, daß er in die Knie sank, »ich habe noch nicht alles gesagt. Ich darf Sie nicht betrügen: ich trage eine unsterbliche Liebe im Herzen. Das einzige Gefühl, das ich meinem Gatten schenken kann, ist Freundschaft. Ich will ihn nicht kränken, doch ebensowenig die Stimme meines Herzens ersticken. Noch eins: Ich kann Ihnen meine Hand und mein Vermögen nur gegen den Preis eines großen Dienstes, den Sie mir erweisen müßten, anvertrauen.«

»Sie sehen mich zu allem bereit«, sagte der Präsident.

»Hier sind eine Million fünfhunderttausend Francs, Monsieur le Président«, sagte sie und zog aus ihrem Busen eine Quittung über hundert Aktien der Bank von Frankreich; »reisen Sie nach Paris, nicht morgen, nicht heute nacht, sondern augenblicklich. Begeben Sie sich zu Monsieur des Grassins, erkundigen Sie sich nach den Namen aller Gläubiger meines Onkels, versammeln Sie diese, bezahlen Sie alles, was noch zu bezahlen ist – Kapital und Zinsen zu fünf Prozent vom Tage der Schuld bis zum Tage der Einlösung; ferner sorgen Sie dafür, daß eine notariell beglaubigte Generalquittung ausgestellt wird. Sie sind Richter – ich kann in dieser Sache einzig und allein in Sie mein Vertrauen setzen. Sie sind ein gerechter, ein vornehmer Mann; ich vertraue auf Ihr Wort und werde den Gefahren des Lebens im Schutze Ihres Namens entgegentreten. Wir werden einer dem andern Nachsicht entgegenbringen. Wir kennen uns nun so lange, wir sind fast Verwandte, Sie werden mich nicht unglücklich machen wollen.«

Der Präsident fiel der reichen Erbin zu Füßen; er zitterte vor Glück und Bangigkeit. »Ich bin Ihr Sklave!« sagte er.

»Wenn Sie die Quittung haben, Monsieur le Président«, fuhr sie mit einem kalten Blick fort, »so bringen Sie sie mit allen Schuldtiteln meinem Cousin Grandet und übergeben Sie ihm diesen Brief. Bei Ihrer Rückkehr werde ich mein Wort einlösen.«

Der Präsident begriff, ja er begriff, daß er den Besitz Mademoiselle Grandets einer enttäuschten Liebe verdanke; daher beeilte er sich, die ihm gegebenen Befehle mit aller Eile auszuführen, damit nicht etwa noch eine Versöhnung zwischen den beiden Liebenden stattfinden könne.

Als Monsieur de Bonfons fort war, sank Eugénie in einen Sessel und zerfloß in Tränen. Nun war es vollbracht. Alles war zu Ende.

Der Präsident stieg in die Post und traf am andern Abend in Paris ein. Am folgenden Morgen ging er zu des Grassins. Der Beamte berief die Gläubiger in das Büro des Notars, bei dem die Schuldverschreibungen deponiert waren. Obwohl es Gläubiger waren, muß man ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie kamen alle pünktlich.

Dort also bezahlte ihnen der Präsident de Bonfons im Namen von Mademoiselle Grandet die ganze Schuld – Kapital und Zinsen. Die Begleichung auch der Zinsen war für die Pariser Handelswelt ein ganz unerhörtes Ereignis.

Nachdem die Quittung ausgefertigt war und des Grassins für seine Mühen die Summe von fünfzigtausend Francs erhalten hatte, die Eugénie ihm bewilligt hatte, begab sich der Präsident in das Palais d'Aubrion und traf dort: Charles, gerade als er nach einer ernsten Unterredung mit seinem Schwiegervater seine Gemächer wieder betrat. Der alte Marquis hatte ihm soeben erklärt, daß seine Tochter ihm nur dann angehören könne, wenn alle Gläubiger Guillaume Grandets bezahlt worden wären.

Der Präsident übergab zunächst folgenden Brief:

›Lieber Cousin!

Monsieur le président de Bonfons hat es übernommen, Ihnen eine Quittung über alle von meinem Onkel geschuldeten Summen zu übergeben, sowie auch eine solche, in der ich bestätige, diese Summe von Ihnen erhalten zu haben. Man hat mir von Bankrotterklärung gesprochen. Da dachte ich, daß der Sohn eines Bankrotteurs vielleicht nicht Mademoiselle d'Aubrion freien könne. Ja, lieber Cousin, Sie haben meinen Sinn, meine Sitten richtig beurteilt: ich habe nichts an mir von Ihrer großen Welt, ich kenne nicht ihre Berechnungen noch ihre Gebräuche, und ich könnte Ihnen nicht die Freuden schenken, die Sie dort zu finden hoffen.

Seien Sie glücklich, soweit die gesellschaftlichen Rücksichten, denen Sie unsere erste Liebe opfern, dies gestatten! Um Ihr Glück voll zu machen, kann ich Ihnen nicht mehr bieten als die Ehre Ihres Vaters.

Leben Sie wohl! Sie werden stets eine treue Freundin haben an Ihrer Cousine

Eugénie.‹

Der Präsident lächelte bei dem Ausruf, den der ehrgeizige Streber verlauten ließ, als er das authentische Dokument gewahrte.

»Unsere Heiratsanzeigen können wir uns nun gegenseitig schicken«, sagte Monsieur de Bonfons.

»Ah! Sie werden Eugénie heiraten?« rief Charles. »Nun, sie ist ein gutes Mädchen. Aber«, fuhr er fort – ihm war plötzlich eine Erleuchtung gekommen – »sie ist also reich?«

Der Präsident erwiderte spöttisch: »Sie hatte vor vier Tagen fast neunzehn Millionen; heute hat sie nur noch siebzehn.«

Charles war fassungslos. »Siebzehn . . . Mill . . .«

»Siebzehn Millionen, jawohl, Monsieur. Durch unsere Heirat erzielen wir, Mademoiselle Grandet und ich, eine Jahresrente von siebenhundertfünfzigtausend Livres.«

»Mein lieber Cousin«, – Charles hatte die Sicherheit wie dergefunden – »da können wir uns ja gegenseitig vorwärtshelfen.«

»Einverstanden«, sagte der Präsident. »Hier ist übrigens noch eine kleine Kassette, die ich Ihnen persönlich übergeben soll«, fügte er hinzu und stellte das Köfferchen mit dem Necessaire auf den Tisch.

Die Marquise d'Aubrion trat ein. Ohne Cruchot zu beachten, sagte sie zu Charles: »Lieber Freund, machen Sie sich keine Sorgen über die Rede, die mein armer Mann Ihnen gehalten hat; die Duchesse de Chaulieu hat ihm den Kopf verdreht. Ich wiederhole Ihnen, Ihrer Heirat steht nichts im Wege . . .«

»Nichts, Madame«, entgegnete Charles. »Die drei Millionen, die mein Vater seinerzeit schuldete, sind gestern ausbezahlt worden.«

»In bar?« fragte sie.

»Vollkommen! Kapital und Zinsen. Und ich werde sein Andenken rehabilitieren.«

»Welch ein Unsinn!« rief die Schwiegermutter. »Wer ist der Monsieur?« flüsterte sie dem Schwiegersohn ins Ohr. »Mein Geschäftsführer«, erwiderte er mit leiser Stimme.

Die Schwiegermutter grüßte hochmütig und ging hinaus. »Da helfen wir einander ja schon vorwärts!« sagte der Präsident und nahm seinen Hut. »Leben Sie wohl, Cousin.«

›Er macht sich über mich lustig, dieser Provinzkakadu. Ich habe nicht übel Lust, ihm sechs Zoll Eisen in den Leib zu rennen.‹

Der Präsident reiste ab. Drei Tage später verkündete Monsieur de Bonfons, der wieder in Saumur eingetroffen war, seine bevorstehende Heirat mit Eugénie. Sechs Monate später wurde er zum königlichen Gerichtsrat in Angers ernannt.

Ehe Eugénie Saumur verließ, ließ sie die Juwelen des Cousins, die ihrem Herzen so viele Jahre teuer gewesen waren, einschmelzen und weihte sie, mitsamt den achttausend Francs, die Charles ihr zurückbezahlt hatte, für eine goldene Monstranz, die sie der Kirche schenkte, in der sie so innig zu Gott gebetet hatte – für sein Wohlergehen.

Sie teilte nun ihre Zeit zwischen Angers und Saumur. Ihr Gatte, der in einer politischen Angelegenheit Ergebenheit gezeigt hatte, wurde Kammerpräsident und nach einigen Jahren Oberpräsident. Er erwartete voller Ungeduld die allgemeinen Wahlen, denn er hoffte, einen Sitz in der Deputiertenkammer zu erhalten. Schon träumte er von einer Pairschaft, und dann . . .

»Dann wird der König also sein Cousin sein?« sagte Nanon, die Große Nanon, Madame Cornoiller, Bürgerin von Saumur, der ihre Herrin berichtete, zu welchen Höhen sie noch berufen werden könne.

Gleichwohl sollte es Monsieur de Bonfons – den Familiennamen Cruchot hatte er nun endgültig fallen gelassen – nicht gelingen, seine ehrgeizigen Pläne bis zu Ende durchzuführen. Er starb acht Tage nach seiner Ernennung zum Deputierten von Saumur. Gott, der alles sieht und immer zu rechter Zeit anklopft, bestrafte ihn sicherlich wegen seines berechnenden Wesens und der juristischen Geschicklichkeit, mit der er seinem Ehevertrag folgende Klausel eingefügt hatte: ›Im Falle sie keine Kinder bekommen, vermachen die beiden Gatten einander ihren gesamten Besitz, bewegliche wie unbewegliche Habe, ohne Ausnahme und Vorbehalt, verlangen auch keine Inventaraufnahme; auch darf wegen des Fehlens einer solchen von ihren Erben nicht Einspruch erhoben werden, so daß besagte Schenkung . . .‹ Diese Klausel erklärt, daß der Präsident den Wunsch seiner Gattin, allein gelassen zu werden, durchaus respektierte.

Die Frauen sprachen von dem Oberpräsidenten als einem ungemein zartfühlenden Manne, bedauerten ihn und verurteilten oft den Schmerz und die unglückliche Leidenschaft Eugénies; mit anscheinender Teilnahme und Rücksicht sagten sie grausame Bosheiten:

›Madame de Bonfons muß recht leidend sein, daß sie ihren Mann so einsam läßt. Arme kleine Frau! Wird sie bald gesund sein? Was hat sie nur: eine Magenentzündung, Krebs? Warum konsultiert sie keinen Arzt? Sie wird seit einiger Zeit so gelb; sie sollte eine Pariser Kapazität aufsuchen! Wie ist es nur möglich, daß sie sich nicht ein Kind wünscht? Man sagt, sie liebt ihren Mann, warum ihm also keinen Erben schenken bei ihrem Vermögen? Ist das nicht entsetzlich, abscheulich? Und wenn es nur eine Laune wäre, wäre es unverantwortlich . . . Armer Präsident!‹

Eugénie, die den feinen Takt besaß, den das grüblerische Denken dem Einsamen gibt, und den tiefen Blick, mit dem er alles, was seiner Sphäre naht, zu erfassen vermag – Eugénie, die das Unglück und die bösen Erfahrungen klug gemacht hatten, wußte, daß der Präsident auf ihren Tod wartete, ihn herbeiwünschte, um sich im Besitz des ganzen ungeheuren Vermögens zu wissen, das sich durch die Hinterlassenschaften seiner beiden Onkel, des Notars und des Abbés, die Gott zu sich gerufen, noch wesentlich vergrößert hatte. Die arme Einsame hatte Mitleid mit dem Präsidenten. Einem Kinde das Leben schenken, hieße das nicht, die Hoffnungen des Egoismus vernichten, die ehrgeizigen Pläne, mit denen der Präsident sich trug, begraben?

Doch die Vorsehung rächte sie für die abscheuliche Gleichgültigkeit und elende Gewinnsucht eines Gatten, der die hoffnungslose Liebe seiner Frau als das beste Unterpfand zur dereinstigen Erfüllung seiner Wünsche ansah. Und Gott überschüttete die einsame Seele, der das Gold so gar nichts bedeutete, mit einem wahren Goldregen; sie aber verlangte nach dem Himmel und führte ein heiliges, frommes Leben und war eine himmlische Helferin allen Armen und Leidenden.

Madame de Bonfons war mit dreiunddreißig Jahren Witwe und hatte ein Jahreseinkommen von achthunderttausend Francs; sie war noch schön – schön wie eine Frau, die sich den Vierzigern nähert. Ihr Antlitz ist bleich, sanft, ruhig, ihre Stimme weich und zurückhaltend, ihr Wesen einfach. Sie hat den ganzen Adel des Schmerzes, die Reinheit eines Menschen, der sich stets dem Treiben der Welt ferngehalten hat, aber auch die Steifheit der alten Jungfer und die engherzigen Gewohnheiten, die nur das Provinzleben zeitigt. Trotz ihrer achthunderttausend Livres Rente lebt sie noch immer so, wie einst die arme Eugénie Grandet gelebt hatte: sie läßt das Feuer in ihrem Ofen nicht um einen Tag früher anzünden, als seinerzeit ihr Vater das Feuer im grauen Saal anzünden ließ, und stellt die Winterheizung genau am selben Tag ein, wie es in ihren jungen Jahren üblich war. Sie kleidet sich ganz so, wie ihre Mutter sich kleidete. Das Haus in Saumur, das sonnenlose, wärmelose, immer dunkle, immer melancholische Haus – es ist das Abbild ihres Lebens. Sie speichert ihre Einkünfte sorgsam auf, und sie erschiene vielleicht kleinlich, ja geizig, wenn nicht eine edle Freigebigkeit der Sparsamkeit die Waage hielte. Fromme und barmherzige Stiftungen, ein Altersheim, christliche Schulen, eine reich dotierte öffentliche Bibliothek – alles dies ist ein wuchtiger Beweis ihrer Großmut und straft die bösen Zungen, die ja niemals fehlen, Lügen. Die Kirchen Saumurs verdanken ihr manche Verschönerung. Madame de Bonfons, die man auch scherzhaft ›Mademoiselle‹ nennt, genießt eine fast andächtige Verehrung.

Dies edle Herz, das nur den zärtlichsten Gefühlen schlug, ging also zugrunde am berechnenden Geschäftsgeist, am menschlichen Strebertum. Auf dies himmlische Leben warf das Geld seinen fahlen Glanz und flößte der Frau, die nur Gefühl war, tiefste Verachtung ein für das Gefühl.

»Nur du bist es, Nanon, die mich liebt, nur du in der ganzen Welt«, sagte sie.

Die Hand dieser Frau schließt die geheimsten Wunden und lindert vielen Jammer. Eugénie schreitet himmelwärts, und alle wohltätigen Handlungen geben ihr Geleit. Die Größe ihrer Seele mildert die Kleinlichkeit ihrer Erziehung und die beschränkten Sitten ihrer Lebensweise.

So endet die Geschichte dieser Frau, die mitten in der Welt nichts wußte von der Welt; die – wie nur je eine Frau – geschaffen war zur Gattin und Mutter und doch weder Mann noch Kinder hat.

Seit einigen Tagen spricht man wohl von einer möglichen Wiedervermählung. Die Leute von Saumur nennen ihren Namen in Verbindung mit dem Marquis de Froidfond, dessen Familie die reiche Witwe einzukreisen sucht, wie das ehemals die drei Cruchots getan haben. Nanon und Cornoiller seien, so sagt man, vom Marquis für seinen Plan gewonnen; aber nichts ist verkehrter. Weder die Große Nanon noch Cornoiller haben Verstand genug, um die Verderbtheit der Welt zu begreifen.

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