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Eugen Stillfried ? Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Eugen Stillfried ? Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEugen Stillfried ? Zweiter Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeElfter Band
printrunZweite Auflage
year1863
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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projectid455d0f57
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Ein Gespräch zwischen Mutter und Sohn, in Folge dessen der Letztere gute Vorsätze faßt, die aber leider nicht zur Ausführung kommen.

Droben in ihrem Zimmer saß die Staatsräthin in der Fensternische, wie gewöhnlich, sie hatte vor sich auf dem Tische ein kleines Schreibpult stehen und schien emsig mit einem Briefe beschäftigt zu sein, denn sie schrieb eifrig und in Einem fort und schaute nicht einmal in die Höhe, als die Thüre des Zimmers langsam geöffnet und ebenso wieder geschlossen wurde.

»Es ist Jakob,« dachte sie, »der Zeitungen oder Bücher, die eben angekommen, in das Zimmer bringt.« – Das kam des Morgens häufig vor. Die Thüre, die sich vorhin geöffnet und geschlossen, befand sich fast in ihrem Rücken, und sie hätte sich beinahe ganz herumdrehen müssen, um nach dem Bedienten zu schauen. Darum blieb sie ruhig bei ihrer Beschäftigung.

Nach einigen Augenblicken aber hörte sie, daß der, welcher eben in's Zimmer gekommen, nicht wieder fortgegangen war, sondern sie vernahm leichte Schritte, die sich ihrem Sitze näherten.

Sie blickte auf.

Im ersten Augenblicke fuhr sie mit der Hand über die Augen, als glaube sie falsch zu sehen und als wollte sie ein seltsames Traumbild verscheuchen, das sich unerwartet ihrem Blicke zeigte. Als aber dieses Bild nicht verschwand, als die Staatsräthin ihren Sohn erkannte, der, sie ehrerbietig grüßend, näher trat, da sprang sie von ihrem Sessel in die Höhe, drückte sich, wie vor etwas Entsetzlichem, Fürchterlichem, in die Ecke der Fenstervertiefung, und streckte nun, unfähig ein Wort zu sprechen, ihrem Sohne wie abwehrend die rechte Hand entgegen.

Eugen blieb augenblicklich stehen und schaute die Mutter ruhig, aber gefaßt an.

Ein flammendes Roth übergoß die sonst so bleichen Züge der alten Dame; sie faßte mit der linken Hand krampfhaft die Lehne des Sessels, während sie mit der Rechten, die sie hoch emporhielt, mehrere Male und heftig ihr Zeichen wiederholte, welches deutlich ausdrückte, ihr Sohn solle sich augenblicklich entfernen.

Eugen aber blieb ruhig vor der Mutter stehen, nicht trotzig, nicht herausfordernd, wohl aber mit einem tiefen Schmerz in den Zügen. Er preßte seine Unterlippe fest zwischen die Zähne und fühlte, wie in seinem Herzen ein tiefes Weh aufstieg, als die eigene Mutter sich so vor seinem Anblicke, wie vor dem eines Gespenstes, entsetzte. Er mochte wollen oder nicht – aber es funkelte sonderbar in seinem Auge. – So schlimm hatte er es nicht erwartet, und ebensosehr, wie ihn diese Begrüßung schmerzte, so noch mehr der Anblick der Mutter selbst; denn er fand sie sehr verändert in den letzten Jahren, seit er sie nicht mehr gesehen.

So standen sie einige Sekunden lang einander gegenüber, Mutter und Sohn; und der letztere, in dem Glauben, daß hier gar nichts zu machen sei, wollte sich langsam zurückziehen und machte schon eine halbe Wendung nach der Thüre zu, da ließ die alte Dame ihre hoch erhobene rechte Hand langsam niedersinken, ihre Züge verloren die unnatürliche Härte von vorhin, und sie sprach nach einer Pause mit leiser, aber fester Stimme: »Was hast du bei mir gewollt?«

»Gott sei gedankt!« dachte Eugen, »so bin ich doch vielleicht nicht umsonst gekommen.« Und er wandte sich ebenfalls seiner Mutter zu.

»Es ist unendlich traurig,« sagte er nach einer kleinen Weile, »daß wir Beide in Verhältnissen leben, welche eine solche Frage erlauben. Sie fragen mich, was ich gewollt? Vor allen Dingen also – trieb es mich an, Sie einmal wieder zu sehen, wieder einmal Ihre Stimme zu hören.«

»Dieser Antrieb muß sehr schwach gewesen sein,« entgegnete die Staatsräthin; und obgleich ihre Züge wieder vollkommen ruhig geworden waren, so schienen sie doch hart und entschlossen.

»Allerdings sind es ein paar Jahre,« versetzte der Sohn, »seit ich dieses Haus, Ihr Haus, das Haus meines Vaters, die Stätte, wo ich geboren ward, nicht mehr betreten. Ich kann Sie dagegen versichern, daß ich die Art und Weise, wie ich gezwungen wurde, das Haus meiner Kindheit zu verlassen, gewiß nicht vergaß; und da ich mich jenes Tages noch sehr gut erinnere, und doch wieder heute in diesem Zimmer stehe, möge Ihnen dies als Beweis dienen, ob der Antrieb, Sie, meine Mutter, wieder zu sehen, schwach oder stark zu nennen ist.«

»So ist dein Wunsch also erfüllt worden,« sagte ernst und kalt die alte Dame, »du hast dich an meinem Anblick – erfreut –«

»Und du kannst nun gehen, wollen Sie hinzusetzen,« fiel ihr Eugen mit bewegter Stimme in's Wort, »aber da ich Sie gesehen, da ich Sie so wieder gesehen, möchte ich – wenn Sie mich anders nicht gewaltsam fortschicken – noch einige Augenblicke da bleiben.«

»Du hast vielleicht Geschäftssachen?« fragte nach einer Pause die Staatsräthin und ließ sich langsam in ihren Sessel nieder. »Wenn dem so ist, so muß ich wohl einen Augenblick anhören, was du willst.«

»Geschäftssachen sind es nicht,« entgegnete Eugen bitter lächelnd. »Was dergleichen anbelangt, so bin ich seit langer Zeit gewohnt, mit der von Ihnen aufgestellten – Mittelsperson zu verkehren.«

»Es ist so,« sagte ruhig die alte Dame.

»Nein, Mama,« antwortete Eugen mit zitternder Stimme, »ich gestehe Ihnen offen, ich bin einfach in der Absicht hierher gekommen, Sie wieder einmal zu sehen, wieder einmal Ihre Stimme zu hören, selbst wenn diese Stimme mir harte unangenehme Worte sagt. Ich habe das befürchtet.«

»Und nicht mit Unrecht,« entgegnete die Staatsräthin und wischte sich die Stirn mit ihrem Schnupftuche. »Hast du etwas Anderes erwarten können? Wie die Saat, so die Ernte!«

»Ich habe nicht gesäet, Mama,« entgegnete ruhig der Sohn, »ich habe, um mich Ihres Wortes zu bedienen, nur geerntet – eine traurige Saat eingebracht, die Andere dem Boden anvertraut. Ja, Andere, Mama, oder – um kein Unrecht auszusprechen, nur Ein Anderer, ein einziger Mensch, der durch diese Aussaat zwischen die Mutter und den Sohn getreten ist.«

»Das ist die alte Geschichte,« sprach achselzuckend die Staatsräthin.

»Allerdings die alte Geschichte,« entgegnete Eugen; »aber ich kann es nun einmal nicht lassen, den letzten Versuch zu machen, ob es denn nicht möglich ist, jenes finstere Wesen zu verdrängen, das zwischen Ihnen und der Sonne steht und seiner zwischen mir und Ihnen. – – Ich wünschte aufrichtig eine Aussöhnung, Mama,« fuhr Eugen nach einer Pause fort; »es ist das ein trauriges Verhältniß zwischen uns Beiden.«

»Das weiß Gott im hohen Himmel!« antwortete die Staatsräthin, und zum ersten Mal erweichten sich ihre harten Züge. – »Nun denn,« fuhr sie nach einigen Augenblicken fort, »du hast ja das Mittel zu dieser Aussöhnung, nach der du, wie du sagst, so eifrig verlangst, in deiner Hand.«

»Ich nicht, bei Gott nicht!« sagte Eugen; »ich kann Geschehenes nicht ungeschehen machen, und kann und will nicht vergessen, was geschehen ist. Mama, ich bin kein Kind mehr; Sie können mit mir Alles aufrichtig und ruhig besprechen; ich will Sie geduldig anhören. Sie haben es noch nie für gut befunden, mir die Gründe auseinanderzusetzen, weßhalb Sie mich – verstießen, weßhalb Sie mit mir, dem einzigen Sohne, in Feindschaft leben, weßhalb Sie mich fallen ließen, und weßhalb Sie denn eigentlich nicht von Jenem lassen können. Mama, ich habe jetzt auch Manches in der Welt erfahren; denken Sie, es sei nicht der Sohn, der mit Ihnen spricht, denken Sie meinetwegen, es sei ein gutmeinender Freund, der vor Ihnen steht; denn gewiß, Mama, es gibt wohl Niemanden auf der ganzen Welt, der Ihnen so zugethan ist, wie ich, der so voll Ehrerbietung zu Ihnen aufschaut, der Sie so gern und so innig lieben möchte.«

Der junge Mann war bei diesen letzten Worten dem kleinen Fauteuil nahe getreten, in welchem die Mutter lag, ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend.

»Erinnern Sie sich noch,« fuhr Eugen fort, »jener letzten traurigen Unterredung, wo man Alles von mir verlangte, ohne mir zu sagen: bringe dieses oder jenes Opfer für deine Mutter, thu es aus diesen oder jenen Gründen. Man verlangte das wichtigste Vermächtnis; meines seligen Vaters, jene Papiere, die er an seinem letzten Lebenstage versiegelt. Gib sie her! sagten Sie zu mir. Und weßhalb? – Um jenem – Menschen gefällig zu sein! Aber ihm will ich nicht gefällig sein; wenn ich auch für Sie jedes Opfer zu bringen im Stande wäre, für ihn nicht das Geringste, nicht die Spitze meines Nagels, um ihn vom Verderben zu retten.«

Die Staatsräthin ließ ihren Kopf tief auf die Brust herabsinken; sie drückte ihr Schnupftuch fest auf die Augen, und man merkte an ihrem heftigen Athemholen, daß sie tief bewegt war, daß sie weinte.

»Warum sprachen Sie damals nicht offen mit mir,« fuhr der Sohn fort, »wenn Sie wichtige Gründe hatten zu einer – Verbindung mit Jenem? Warum vertrauten Sie Ihrem Kinde nicht? – Aber es waren keine vorhanden, Mama, als nur bei Jenem der Grund der Selbstsucht, der Habgier und die Lust, mir die Faust auf den Kopf zu drücken.«

Bei diesen letzten Worten blickte die alte Dame in die Höhe und sah ihren Sohn mit dem Ausdruck des Schreckens und der Verwunderung an. Sie fuhr mit der Hand über die Augen und drückte die Thränen aus denselben fort. »Du hast auch,« sagte sie darauf mit tonloser Stimme, »jene Papiere durchgesehen und gelesen?«

»Jenes versiegelte Paket, das mir auf Befehl meines Vaters übergeben wurde?« fragte Eugen.

Die Staatsräthin nickte mit dem Kopfe.

»Nie, Mama!« versetzte der Sohn mit fester Stimme; »ich habe nie einen Blick hineingeworfen. Versiegelt, wie man mir es gab, ist es heute noch.«

Verwundert stützte die alte Dame ihre beiden Hände auf den Lehnstuhl und richtete sich empor. »Du hast nie diese Briefe durchgelesen?« fragte sie mit zitternder Stimme.

Eugen schüttelte mit dem Kopfe.

»O, das ist schrecklich!«

»Mir graute vor diesen Briefen; ich weiß nichts von ihrem Inhalte«

»O, das ist ganz entsetzlich!« entgegnete die Mutter und versank in ihre vorige Stellung, beide Hände vor dem Gesicht, und verlor sich in tiefes Nachsinnen.

»Wenn mir jene Papiere und Briefe Aufklärung geben sollten, Mama, und ich in Folge derselben meine Einwilligung zu Ihrer zweiten Verbindung, so werden Sie selbst einsehen, daß ich in meinem Rechte war, jene Bewilligung nicht zu geben, da mir, bei Gott im Himmel, kein hinreichender Grund hiezu vorhanden schien, und da, wie Sie wohl wissen, der letzte Wille meines sterbenden Vaters mich geradezu beauftragte, energisch gegen jenen – Herrn aufzutreten.«

»Es ist da keine Hoffnung,« sagte nach längerem Stillschweigen die Staatsräthin mit so leiser Stimme, daß man ihre Worte kaum verstand; »keine, keine Hoffnung!« – Sie ließ ihre Hände auf die Lehne des Stuhles sinken und blickte, mit einem gänzlich trostlosen Ausdruck in ihren Zügen, zum Fenster hinaus.

Eugen ergriff eine ihrer Hände und drückte dieselbe, ohne daß sie widerstrebt hatte, an seine Lippen. »Wenn da also keine Vereinbarung möglich ist, liebe Mutter, warum wenden Sie sich denn nicht Ihrem einzigen Sohne zu, der so gern mit Ihnen leben und Sie lieben und verehren mochte, wie es seine Pflicht ist? – Mama!« fuhr er nach einer Pause fort, »Sic denken doch jetzt gewiß anders, als vor langen Jahren; verzeihen Sie mein freies Wort; aber was zieht Sie denn so unwiderstehlich zu jenem finstern Menschen hin, zu ihm, einem Dämon, der den Frieden unseres Hauses zerrüttet – wenn er nicht noch Schlimmeres gethan?«

»Ach!« stöhnte die Mutter aus tiefster Brust und verbarg schaudernd abermals ihr Gesicht in beide Hände.

»Lösen Sie jenes Verhältniß,« fuhr Eugen ermuthigt fort, »nehmen Sie mich wieder in Ihr Herz auf; glauben Sie, Mama, ich werde Sie beschützen, ich werde mit unendlicher Liebe von Ihnen fern halten jeden rauhen Luftzug dieses Lebens. Trennen Sie sich von ihm!«

»Es ist unmöglich?« entgegnete die Dame mit tiefer Stimme.

»Gewiß nicht, Mama, den Lebenden ist Alles möglich. Trennen Sie sich von ihm!«

»Ich kann nicht!«

»Warum nicht, Mutter?« sagte Eugen und schaute besorgt in die leichenblassen Züge, in den erloschenen Blick, mit welchem ihn die alte Dame jetzt anstarrte.

»O, hättest du jene Papiere doch gelesen!«

»Warum, Mama?«

»O hattest du sie gelesen!« antwortete die alte Dame mit tonloser Stimme und starrte mit stierem Auge in's Weite hinaus.

+++

»Ich verstehe Sie in der That nicht,« sagte Eugen mehr und mehr erstaunt, »Sie sprechen in Räthseln zu mir. Ich beschwöre Sie um Gottes willen, Mama, weßhalb ist dieser finstere Mensch unzertrennlich von unserem Hause?«

Aus tiefster Brust seufzte die alte Dame, und dieser Schmerzenslaut schien ihre Gedanken, die sich weithin verloren, wieder zu sammeln und zurückzubringen.

»Sie erschrecken mich in der That, Mama,« sprach der junge Mann; »sagen Sie mir, was Sie auf dem Herzen haben, das Sie so entsetzlich beunruhigt!«

Sie senkte das Haupt tief auf die Brust herab, entzog ihre Hand leicht dem Sohne und sagte mit kaum vernehmlicher Stimme:

»Eugen – du hast eine Schwester! – «

»Ah! Mama!« rief der junge Mann erschrocken und machte einen Schritt rückwärts; »ich habe eine Schwester! –«

»Ja, ein armes, unglückliches Mädchen, so lieb und unschuldig! Ein armes, armes Kind!«

»Wache ich denn oder träume ich?« entgegnete Eugen und fuhr mit der Hand über sein Gesicht. »Und das, was Sie mir so eben sagen, hätte ich auch in jenen Papieren gefunden, und das – sind Ihre Gründe für die Verbindung mit jenem Menschen? O Gott im Himmel, das ist ganz schrecklich!«

»Es ist so, mein Sohn,« sagte die alte Dame jetzt wieder mit fester, ruhiger Stimme, und trocknete leicht die Thränen aus ihren Augen. »Es ist so, du weißt Alles.«

»Das heißt, Mutter, ich ahne Alles,« entgegnete der junge Mann mit finsterem Blick und ballte krampfhaft seine rechte Hand. »Aber obgleich mir Manches aus der Familiengeschichte dieses Hauses unklar blieb, wenn es mich auch unheimlich und gespensterhaft umgab, das, Mutter, hätte ich nie erwartet. Wenn ich das in jenen Papieren damals gelesen hätte, so wäre meine Antwort dieselbe gewesen, wie sie es heute ist: ›möge er und Sie zu Grunde gehen!‹«

»Eugen!« rief die Staatsräthin erschrocken und sah ihren Sohn mit weit aufgerissenen Augen an, während sie sich fest auf die Lehne ihres Fauteuils stützte. »Eugen, das sagst du mir?«

»Ich wollte, ich könnte es ihm sagen,« entgegnete grollend der Sohn. »Aber es wird die Zeit kommen, wo ich Rache an ihm nehme für den Vater und – für diese Schwester.«

»Für deine Schwester!«

»Leider, Mama!«

»Für ein armes, verlassenes Kind!«

»Arm und verlassen, Mama, soll sie nicht sein. In dem Punkte will ich für – diese Schwester thun, was ich kann.«

»Ein unglückliches Geschöpf ohne Namen!«

Eugen zuckte die Achseln, dann schlug er die Arme übereinander und sah die Mutter einige Minuten mit unverwandtem Blicke an. Sie suchte mit zitternden Händen, wahrscheinlich ohne Absicht, unter den Papieren auf ihrem Tische, und seine Augen folgten diesen Bewegungen. Sie mochte den festen Blick ihres Sohnes nicht ertragen.

»Ich kam hieher, Mama,« sagte dieser nach einer Pause, »um Ihnen in jeder Hinsicht die Hand zur Versöhnung zu bieten; ich dachte, Sie seien ruhiger geworden, als ich es ward. Da tritt das Wort, das Sie so eben gesprochen, wieder wie ein Gespenst zwischen uns und wirft mich weit von Ihnen zurück.«

»Das ist um so schrecklicher, Eugen,« sprach die alte Dame, »da ich deiner Hülfe heute noch wie damals dringend bedarf, da ich mich mehr darnach sehne, als je.«

»Wie so?« fragte der junge Mann, »dächten Sie wirklich heute noch an jene Verbindung?«

»Gewiß nicht, mein Sohn,« entgegnete die Mutter und streckte, wie schaudernd, ihre Hand weit von sich ab; »gewiß nicht, Eugen, aber ich flehe deine Hülfe an für jenes arme verlassene Mädchen, für deine Schwester, Eugen, die ja so unschuldig an all' diesem Unglück ist.«

»Und ich?« fragte Eugen. »Habe ich all' das Unglück durch meine Schuld herbeigerufen?«

»Nein, du nicht, mein Kind, du gewiß nicht, mein Eugen,« erwiderte die alte Dame, wie in großer Angst. »Ich fühle es jetzt, ich habe dich verkannt. Aber um Gottes Barmherzigkeit willen bitte ich dich, laß diese für mich so schmerzliche Unterredung nicht ohne gute Folgen bleibe»; reiche deiner Mutter rettend die Hand, ziehe mich empor aus meinem Elend!«

»Was kann ich für Sie thun?« fragte ernst der junge Mann. »Wie kann ich Ihnen helfen, ohne gegen den letzten Willen meines Vaters zu freveln? Sie wissen so gut wie ich sein ausdrückliches Verbot, jene Papiere aus meinen Händen zu geben.«

»Das sollst du ja auch nicht thun,« entgegnete die Mutter. »O, mein Kind! das hat sich ja alles, alles geändert! Ich verlange ja nichts für mich, noch viel weniger für ihn; nur für sie, für das arme Mädchen, deine Schwester.«

»Wohlan!« sagte der junge Mann, »sprechen Sie offen. Was soll, was kann ich thun?«

»So öffne jenes verhängnißvolle Paket,« erwiderte die alte Dame mit leiser, unsicherer Stimme und gesenktem Blick; »öffne es, und wenn du die Schriften, die du dort verschiedenartig verzeichnet finden wirst, nicht durchlesen willst, so wird dir deine Mutter dafür danken. Eines wirst du aber dazwischen finden, doppelt versiegelt, sowohl von der Hand deines Vaters, wie auch mit einem fremden Siegel. Es trägt die Aufschrift: »Erklärungen zwischen Sophie und mir.« Dies nimm heraus und bringe es hieher. – Nur hierher in dieses Zimmer,« fuhr die Staatsräthin fort, als sie sah, daß ihr Sohn Einwendungen machen wollte. »Du kannst das mit freiem Gewissen thun. Denn dir wurde nur der Auftrag ertheilt, eine – Verbindung zu verhindern und jene Papiere nicht aus deinen Händen zu geben.«

»Und was soll mit den besonders versiegelten Schriften geschehen, wenn ich sie hieher bringe? Was können sie Ihnen denn nützen, wenn ich sie nicht in Ihre Hände gebe?«

»Das verlange ich gewiß nicht von dir,« antwortete die Staatsräthin, »du sollst diese Papiere nur hieher bringen, um sie vor meinen Augen zu verbrennen.«

»Ah, Mama!« sagte Eugen mit einem schmerzlichen Lächeln, »das ist ziemlich gleichbedeutend; und wenn jene Schriften verbrannt sind, so hat er natürlich freie Hand, zu thun, was er will.«

»Eugen!« sprach feierlich die alte Dame und hob wie beschwörend die rechte Hand gen Himmel; »bei dem allmächtigen Gott, auf dessen Verzeihung ich sehnsuchtsvoll hoffe, bei allem, was mir heilig ist, schwöre ich dir, die Papiere, welche du vernichten sollst, stehen in keiner Beziehung zu ihm.«

»Aber zu – der Tochter.«

»Ja, das will ich dir nicht verschweigen,« antwortete die alte Dame, »durch die Vernichtung jener Schriften treten andere Papiere, die in meinen Händen sind, in Kraft, und sie ist von diesem Augenblicke an deine rechtmäßige Schwester. – Willst du sie aufnehmen, Eugen? Willst du dieses arme Kind an dein Herz ziehen? Willst du die letzten Lebenstage deiner unglücklichen Mutter versüßen? Willst du es thun? – Gottes reiche Gnade und der Segen deiner Mutter soll dich dafür belohnen.«

»Das ist es also?« sagte der junge Mann, wie aus tiefen Träumen auffahrend, obgleich er keine Sylbe von den Worten der Mutter verloren. »Wohlan, ich will Ihren Wunsch erfüllen; doch, Mama, unter Einer Bedingung, Sie geben mir,« fuhr er mit einem schmerzlichen Lächeln fort, »so unerwartet, so plötzlich eine Schwester; erlauben Sie mir, daß ich Ihnen dagegen zu einer weiteren Tochter verhelfe.«

»Eugen!« rief die Dame und sah ihn erstaunt an.

»Gewiß, Mama!« entgegnete er, »es ist so, ich habe diesen unwiderruflichen Entschluß gefaßt. So viel ich weiß, kennen Sie das Mädchen, das ich zu meiner Frau machen will.«

»Ich hörte davon,« sagte die alte Dame erbleichend, »doch mochte ich es nicht glauben.«

»Es ist aber so,« antwortete Eugen, »sie oder Keine. Ich habe sie kennen gelernt; ich liebe sie, sie paßt vollkommen für mich. Warum sollte ich der Welt zu Liebe, die vielleicht die Achseln darüber zucken wird, mein Glück von mir weisen? Sie werden das nicht wollen.«

Die Staatsräthin war wieder in ihren Sessel zurückgesunken, sie hatte ihre Hände gefaltet und blickte vor sich nieder, ohne ein Wort zu erwidern. Dann schüttelte sie den Kopf, erhob ihn darauf zu ihrem Sohne, ihn einige Sekunden fest ansehend, und blickte darauf schmerzvoll zum Himmel empor.

»Sie werden mein Verlangen nicht unbillig finden, Mama, und es sollte mir in doppelter Hinsicht wehe thun, wenn meine Bitte Sie so sehr betrüben würde. Gewiß, wenn Sie das Mädchen kennten, Sie würden meinen Wunsch bereitwillig erfüllen.«

»Bereitwillig?« entgegnete die Mutter, und ihr Blick wurde ernst und finster. »Nie, nie! – Aber,« setzte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu, »ich bin in deiner Hand, du wirst mich zwingen, dir meine Einwilligung zu geben.«

Eugen zuckte ärgerlich zusammen, als er diese Worte vernahm, und hätte fast etwas Heftiges erwidert. Da er sich aber des Seelenzustandes erinnerte, in dem sich die Mutter befand, so bezwang er sich gewaltsam und sagte: »damit Sie sehen, Mama, wie offen und ehrlich ich gegen Sie verfahre, so will ich morgen jene Papiere hier vor Ihren Augen vernichten, und wenn das geschehen ist, will ich über die zweite Angelegenheit weiter mit Ihnen sprechen. Sie sehen, daß ich nicht im Sinne habe, Sie zu zwingen, nicht einmal zu meinem Glücke.«

Die alte Dame athmete bei diesen Worten tief auf, dann reichte sie ihrem Sohne die Hand, die derselbe auch jetzt wieder, obgleich nicht so herzlich wie früher, an seine Lippen drückte. »Es bleibt dabei,« sprach er nach einer Pause. »Auf morgen also, Mama. Nur bitte ich Sie herzlich und dringend, so lange, bis diese Angelegenheit in Ordnung ist, mit ihm nicht darüber zu sprechen.«

»Gewiß nicht!« versetzte die alte Dame; und während sie aufstand und ihre beiden Hände auf die Schulter ihres Sohnes legte, sagte sie mit bewegter Stimme: »O, mein Sohn, mein Eugen, möge diese Stunde segensreich für uns Beide werden!« Dann berührte sie mit ihren seinen, bleichen Lippen seine Stirn, preßte ihr Schnupftuch vor die Augen und ging eilig in's Nebenzimmer.

Eugen nahm seinen Hut und verließ das Gemach, ohne sich weiter darin umzuschauen. Er kannte diese Zimmer so gut wie gar nicht. Hier war kein Winkel, kein Geräth, das ihn an seine Kindheit erinnert hätte. Alles hier war für ihn kalt und fremd. Er ging leise zur Thüre hinaus und konnte sich dabei des Gedankens nicht erwehren, daß er vor einer Stunde diese Schwelle mit einem wärmeren Herzen, mit besseren Gedanken überschritten, als im jetzigen Augenblick, und er sagte sich seufzend, daß seine guten und schönen Erwartungen sich hier nicht erfüllt haben.

Auf der Treppe blieb er einen Augenblick stehen und schaute in das stille Haus hinab. Ach! obgleich hier keine Stimme zu ihm sprach, so redeten doch unzählige Gegenstände herzlich und freundlich mit ihm. Die breite dunkle Treppe, vor allem das glänzende schwere Geländer derselben, sein gefährliches Spielzeug aus der Knabenzeit, wenn er mit seinen kleinen Händen kaum im Stande war, sich an der breiten Ballustrade festzuhalten, während er mit anderen ebenso leichtsinnigen Gespielen darauf hinunterrutschte. Da waren die langen und breiten Gänge im ersten Stock, auf denen er seine Spiele getrieben und mit dem Kreisel und dem Steckenpferde getobt und gelärmt, bis sich dort hinten am Ende die letzte Thüre öffnete, bis dort der Vater mit dem ernsten Gesichte herausschaute und ihm anempfahl, jetzt endlich einmal das schreckliche Lärmen zu lassen.

Es war eigenthümlich, daß die für ihn so unangenehme und finstere Zeit, die er schon erwachsen hier verlebt, sich beim Anblick des Hauses wie in einen schwarzen Schleier verbarg und durch so gar nichts mahnend vor ihn hintrat. Er übersah sie, wie eine unfreundliche wilde Kluft zu seinen Füßen, über welche er rückwärts hinwegschaute. Ja, als er die Treppen tiefer hinabstieg und unten das Picken der alten Uhr hörte und den knarrenden Ton der Hofthür, durch welche die alte Köchin so eben hereinkam, und als er dazu den Speiseduft roch, da war es ihm, als sei er so eben erst aus der Schule gekommen, als habe er droben so eben erst seinen kleinen Tornister mit den Büchern abgelegt, und als rutsche er nun geschäftig in die Küche hinab, um die Martha zu fragen, was denn eigentlich heute Gutes gekocht werde.

Hier unten in der Region der Dienerschaft hatte sich so gar nichts verändert; da lagen am Hausthore alte Steine seit unvordenklichen Zeiten, auf welchen er als kleines Kind schon gespielt, und daneben stand ein alter Schlitten, noch immer wie damals mit einer staubigen grünen Decke verhängt.

Durch all' diese Erinnerungsmale, die er vor sich sah, durch die todten, nur ihm verständlichen Bilder, war ihm das Herz so schwer geworden, daß er so rasch wie möglich bei der angelehnten Küchenthüre vorbeieilte, um der Dienerschaft aus dem Wege zu gehen, deren herzliche Worte ihm vorhin schon fast die Thränen in die Augen gebracht hatten.

Er eilte durch die Straßen seiner Wohnung zu, und als er an der Ecke rückwärts schauend das elterliche Haus so ernst und still da liegen sah, da faßte er den festen Entschluß, den Wunsch der Mutter zu erfüllen, zu einer Versöhnung mit ihr die Hand zu reichen und Alles anzuwenden, um nicht länger wie ein Verstoßener vor diesen Mauern stehen zu müssen, zwischen welchen seine Wiege gestanden.

Als er seine Wohnung erreichte, traf er dort weder den lustigen Rath noch seinen Bedienten an; Beide waren ausgegangen. Auf dem Tische aber lag eine Menge Briefe, wie dies beinahe täglich der Fall war. Eugen warf sie auseinander, las die Postzeichen, sowie bekannte und unbekannte Handschriften; und suchte sich die ersteren aus, sowie überhaupt die Schreiben, die ihm interessant vorkamen. Dieses Mal aber hatte er kaum die Briefschaften flüchtig durchgesehen, so faßte er rasch mit der Hand ein kleines zierliches Couvert, das er hastig abriß und alsdann das Schreiben, das in demselben enthalten war, überflog.

Es mußte etwas Sonderbares sein, das auf dem Papier stand, denn Eugen ließ, nachdem er es gelesen, die Hand, welche es erfaßt hatte, herabsinken, lehnte sich mit dem Kopf gegen das Fenster und sah nachdenkend vor sich hin.

»Das ist doch sonderbar!« murmelte er nach einer Pause, »das hätte ich von ihr nicht erwartet! Und so schnell, und ohne daß ich sie darum gebeten! Ich weiß nicht, es ist mir nicht angenehm!«

Nach diesem Selbstgespräch überlas er nochmals den kleinen Brief. Es waren nur vier Zeilen, vier kleine Zeilen von ihr, und sie sagte ihm darin, er müsse sie heute Abend um die neunte Stunde in ihrem, in dem Hause ihrer Mutter aussuchen, er solle nur durch das geöffnete Hofthor gehen, es werde ihm Niemand begegnen.

Wie gesagt, diese Aufforderung war ihm unangenehm, und er konnte sie mit dem bisherigen Betragen des Mädchens gegen ihn nicht zusammenreimen; und doch waren es ihre Schriftzüge, und doch war das Schreiben geformt und zusammengelegt, wie sie es zu machen pflegte. Was sollte er thun? – Nach kurzem Ueberlegen entschied er sich dafür, auf alle Fälle hinzugehen. Hat mir Katharine dies wirklich geschrieben, sagte er zu sich selber, so muß sie etwas Wichtiges, ganz Außergewöhnliches und Dringendes mit mir zu besprechen haben. Denn im anderen Falle hätte Katharine, wie ich sie kenne, nie diesen Schritt gethan. – Vielleicht ist es eine Neckerei von irgend Jemand, und das möchte ich denn doch untersuchen; dein ich will mir nicht verhehlen: es wäre mir sehr lieb, wenn ich Thor und Thür verschlossen fände und sie mir diesen Brief nicht geschrieben hätte. – Aber es ist ihre Handschrift. – Pah! was ist Großes dabei? Ich gehe heute Abend hin; am Ende könnte mir Katharine doch eine Wittheilung machen wollen, die ihr wichtig genug erscheint, um selbst einen solchen Schritt zu rechtfertigen.

Bei allem dem aber war ihm die Sache unangenehm; er schritt lange in dem Zimmer auf und ab, und in seine Liebe zu dem Mädchen war dieses Schreiben wie ein Mißton, wie etwas Unreines, Widerwärtiges hineingekommen. Wenn er sie falsch beurtheilt hätte; o, das wäre schrecklich! Wohl wallte bei dem Gedanken sein Blut auf, und das Briefchen zitterte in seiner Hand; aber dieser Gedanke fuhr kalt und schneidend in sein Herz und ließ zusammenstürzen die süßen Luftschlösser, die er nach jener Unterredung mit der Mutter so kühn und glänzend aufgebaut.

Mehrmals überlas er noch die Zeilen, welche das Mädchen geschrieben; dann steckte er das Briefchen zu sich und hatte den festen Entschluß gefaßt, heute Abend dorthin zu gehen. Dem lustigen Rathe wollte er nichts davon sagen; denn er fürchtete dessen Spott, im Falle, wie er sich für möglich dachte, die ganze Sache ein schlechter Spaß sei, den sich irgend Jemand mit ihm erlaubt.

Als der getreue Pierrot ein paar Stunden später nach Hause kam, war es das erste Geschäft dieses sorgsamen Dieners, die auf dem Tisch umhergeworfenen Briefschaften aufs Genaueste durchzusehen; er hatte sie im Laufe des Nachmittags hübsch ordentlich neben einander gelegt und bezeugte eine große Freude, als er bemerkte, daß sein Herr sie durchgesehen, und daß eines der Schreiben fehlte. Das Couvert hiezu lag auf dem Boden, und Joseph sah sich veranlaßt, es aufzuheben und auf's Sorgfältigste zu vernichten. Dann verließ er die Wohnung ebenfalls; und obgleich heute für ihn keine Rapportstunde war, begab er sich dessen ungeachtet nach dem Hause des Justizrathes, wo er von dem um sich schnappenden Bedienten sogleich angemeldet und darauf auch vorgelassen wurde.

Der Justizrath schien von dem, was ihm Joseph mittheilte, sehr erfreut zu sein; denn er entließ ihn mit aufmunternden Worten, sowie genauen Verhaltungsbefehlen, die der geneigte Leser seiner Zeit schon noch erfahren wird. Darauf setzte sich der Justizrath hin und schrieb ein paar Zeilen an Madame Stillfried, worin er ihr sagte, es sei ihm unmöglich, sie vor spät Abends zu besuchen; doch hoffe er, ihr alsdann eine angenehme Nachricht mitzubringen. Die Staatsräthin versetzte dieser Brief in eine große Aufregung; sie wußte selbst nicht, wie es kam, aber es wehte ihr aus diesen Worten etwas Unheimliches entgegen; sie hätte gar zu gern eine Erklärung darüber gehabt; auch schickte sie sogleich nach dem Hause des Justizrathes, doch war derselbe bereits ausgegangen, und sie mußte sich deßhalb in Geduld fassen.

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