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Eugen Stillfried ? Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Eugen Stillfried ? Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleEugen Stillfried ? Zweiter Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeElfter Band
printrunZweite Auflage
year1863
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Handelt von einem Zusammentreffen der Gebrüder Schoppelmann mit den Bedienten des Helden dieser Geschichte.

Wir haben schon gesagt, daß sich der getreue Pierrot in schlechter Laune zu befinden schien, und können versichern, daß dem also war. Er hatte diesen Morgen beim Kaffee die gewöhnlichen Versuche gemacht, mit seinem Herrn ein paar passende Worte über den bewußten Gegenstand zu wechseln, er war aber als zudringlich und naseweis erklärt worden, und man hatte ihm aufgegeben, sich künftig nur um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern und namentlich nie mehr den Namen dieses Mädchens in sein ungewaschenes Maul zu nehmen. Ja, das hatte sein Herr sogar in der Gegenwart des Herrn Rathes gesagt, und dieser hatte dazu gelächelt und beigefügt: »Ich habe es dem Joseph schon oft gesagt, er solle sich nicht in Sachen mischen, die ihn nichts angehen, er solle sich überhaupt nur um seinen Dienst bekümmern, sonst werde man sich einmal genöthigt sehen, ihn um ein Haus weiter zu schicken.« Mit diesem sehr unfreundlichen und untröstlichen Bescheid war der arme Pierrot zu seinem Rapport beim Justizrath gegangen, und dieser hatte sich durch den mageren Bericht, welchen ihm der Spion in Betreff der ganzen Angelegenheit mittheilte, nicht bewogen gefunden, etwas zur Erheiterung seines Dieners beizutragen.

Die drei jungen Herren, die hier zusammen beim Wein saßen, schienen indessen einander mehr und mehr überflüssig zu finden. Nach einem kurzen Stillschweigen sagte der Fuhrmann: »Wenn die Weinschenke der Frau Schilder anfängt, eine Kneipe für Stiefelwichser zu werden, so können sich anständige Leute bald nicht mehr hier sehen lassen.«

Statt aller Antwort ließ sich Joseph Pierrot einen Schoppen vom Allerbesten geben und murmelte zwischen den Zähnen, es sei schauerlich, daß sich jetzt gewisse Leute nicht schämten, und sich am hellen Tage sehen ließen. Der Fuhrmann schien hierüber die Offensive ergreifen zu wollen und schlug mit der Faust so derb vor sich auf den Tisch, daß das Glas des Bedienten hoch empor fuhr und Einiges von seinem edlen Inhalte verspritzte.

Die Wirthin, die ebenfalls am Tische saß, schien gar nicht aufgelegt, eine vermittelnde Rolle zu spielen; denn sie sah, ohne ein Wort zu sprechen, bald den Einen, bald den Andern an, nachdem sich aber die Zeichen der immer heftiger werdenden Entrüstung mehrten und der Jäger seine leere Flasche in der Hand wog, in der augenscheinlichen Absicht, sie dem Bedienten bei dem nächsten Wort an den Kopf zu werfen, schlug sie ihrerseits mit der Faust auf den Tisch und sagte: »Ich will Ruhe haben in meinem Hause, ich will keine Zänkereien, und namentlich nichts dergleichen unter meinen genauen Bekannten.«

»Was Teufel!« sagte der Jäger und setzte seine Flasche nieder; »der da zählt sich auch zu Euren genauen Bekannten? Na, da gratulire ich, dann wollen wir Euch den Titel für uns schenken – nicht wahr, Fritz?«

»Allerdings,« entgegnete der Fuhrmann, »dann seht uns lieber als vollkommen Fremde an!«

»Ihr müßt immer streiten!« erwiderte die Frau; »was habt Ihr denn mit dem da, was hat er euch zu Leid gethan?«

Statt aller Antwort spuckte der Jäger ingrimmig vor sich auf den Boden und warf dem Bedienten einen bösen Blick zu.

»Ihr haßt ihn,« fuhr die Frau achselzuckend fort, »weil er der Bediente seines Herrn ist. Dummes Zeug! Meint denn ihr Beiden, der könne was dafür, wenn sein Herr Streiche macht, die euch nicht gefallen?«

Pierrot sah die Frau einen Augenblick verwundert an, dann spielte er den Gekränkten und that einen mächtigen Zug aus seinem Glase.

»Deßhalb muß der arme Teufel bei seinem Herrn bleiben,« fuhr die Wirthin fort, »weil er keinen anderen Herrn hat. Verschafft ihm einen, und er wird dankbar sein!«

»Was hat er hier in der Gegend unseres Hauses zu schaffen?« sagte hitzig der Fuhrmann, »was braucht er hier herumzukundschaften?«

»Ja, ja, er soll sich in Acht nehmen,« setzte der Jäger hinzu, »er und sein Herr! Es soll mir wahrhaftig auf ein paar Loth Blei nicht ankommen, um Beiden ihren Hirnkasten auszutapezieren. Wir brauchen nicht noch obendrein so schuftige Bediente, die unsern Mädeln nachlaufen. Bleibt ihr droben in Eurem Stadtviertel! Euer Herr soll daher kommen, wenn er Lust hat, und seine eigene Haut hier zu Markte tragen.«

»Habt Ihr denn nicht gehört, was ich vorhin gesagt,« sprach die Frau heftig und zog Joseph auf seinen Sitz zurück, der im Begriff zu sein schien, den schuftigen Bedienten auf eine kräftige Art zu erwidern. »Der da ist so gut ein Kind aus dem Volk wie Ihr, und er würde gewiß seinen Herrn nicht unterstützen, wenn er schlechte Absichten auf eure – nun ja gerade heraus – eure Schwester hätte. Nicht wahr, Joseph?«

»Ja, gewiß,« entgegnete dieser im Gefühl der erlittenen Kränkung von heute Morgen, ich habe die Hudeleien satt.«

»Hört ihr wohl?« fuhr die Frau fort; »er will nichts mehr von diesen Hudeleien; das hat er mir schon oft gesagt. Nun, gebt euch zufrieden; es stände euch wahrhaftig besser an, mit dem in gutem Einverständnis zu stehen; er kann euch nützen und schaden.«

Joseph war einigermaßen erstaunt und wußte nicht recht, welchen Grund die Wirthin hatte, ihn mit den beiden Söhnen der Gemüsehändlerin in gutes Einverständniß zu setzen.

Madame Schilder wußte aber ganz genau, was sie that. Erstens war sie durch den Jäger unterrichtet worden, daß Jungfer Clementine Strebeling mit dem lustigen Rathe auf der Promenade jene Zusammenkunft gehabt hatte; und dem geneigten Leser wird es bekannt sein, daß Niemand anders als der Herr Sidel es war, dem sie den Namen des Herrn J. Müller beigelegt. Nun konnte wohl der Fall eintreten, daß sie in dieser Sache die Verschwiegenheit Joseph's gebrauchen konnte, ohne denselben deßhalb in ihr Geheimniß einzuweihen. Clementine kannte den Bedienten und konnte sich wohl einmal veranlaßt sehen, wenn er in ihrer engen Gasse herumstreifte, ihm ein freundliches Wort an Herrn J. Müller zu sagen. Sie mußte dann das Ganze als einen harmlosen Scherz darzustellen wissen, den sich die beiden Schoppelmänner mit der alten Jungfer, ihrer Hausgenossin, erlaubt, und zu dem Zweck war es nothwendig, eine gewisse Freundschaft zwischen diesen beiden Parteien zu stiften. Ferner hatte sie eine, obgleich unbestimmte, aber richtige Ahnung davon, daß Herr Eugen Stillfried in Betreff der schönen Kathrina noch einmal hier in der Gegend ihres Hauses in unangenehme Händel verwickelt werden würde, und es war ihr, aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, Alles daran gelegen, den Bedienten als gezwungenen Mitschuldigen darzustellen, als Jemanden, der mit den Handlungen seines Herrn durchaus nicht einverstanden, der aber stets gezwungen ist, seinem Bissen Brod zu Liebe dem gegebenen Befehle nachzukommen. Eine Hand wäscht in dieser Welt die andere, und es war ihr, wie schon bemerkt, nicht gleichgültig, ob ihr Freund Joseph bei einem Zusammenstoße mit den Söhnen der Gemüsehändlerin als Mitschuldiger oder als unglückliches Opfer der Bediententreue angesehen wurde.

Sie that daher Alles, um die Streitenden auszusöhnen. Sie rückte die Schoppengläser auf dem Tische zusammen, sie stieß bald den Einen, bald den Andern freundschaftlich in die Rippen, und machte heimlicher Weise die verschiedensten Zeichen und Bewegungen, um die streitsichtigen Männer zu einem gegenseitigen freundlicheren Blick oder auch nur zu einem gleichgültigen Wort und Gespräch zu veranlassen.

Das aber war längere Zeit umsonst, und die Drei saßen da wie eben so viele knurrige, bissige Hunde, welche nur die Peitsche des Herrn zurückhält, über einander herzufallen. Und diese Peitsche war die scharfe und spitzige Zunge der Frau Schilder.

»Geht, geht!« sagte sie nach einer längeren Pause; »man muß sich euer schämen. Ihr betragt euch wahrhaftig wie die Schulbuben, welche einander die Aepfel aufgegessen. Der Teufel auch! wir gehören zu Einer Klasse und sind angewiesen, mit einander Frieden zu halten. Die da oben scheeren uns doch den Pelz, wo sie können, und freuen sich, wenn wir uns zanken, und wünschen deßhalb so Jeden allein vornehmen zu können. Nur Einigkeit macht stark, und was könnten wir nicht alles ausführen, wenn wir Vier unter uns fest zusammen hielten! Das kann ich euch versichern,« fuhr sie mit leiser Stimme fort, und stieß den Jäger mit dem Ellbogen an, »es ist sonst gegen meine Grundsätze, Jemanden in's Gesicht hinein zu loben; aber der Joseph da ist ein ganz verfluchter Kerl, der sich vor dem Teufel nicht fürchtet, und der schon schöne Geschichten bestanden hat. Ich gebe euch mein Wort darauf, mit dem dürft ihr euch unbedingt einlassen.«

Diese sehr empfehlende Rede hatte die Folge, daß der Jäger den Kopf ein wenig erhob und den Blick eine Sekunde lang weniger unfreundlich auf dem Gesichte des getreuen Dieners ruhen ließ.

Joseph sah in diesem Augenblick sehr harmlos, ja man könnte fast sagen, gerührt aus. Ihm schien zu Muthe zu sein, wie einem Schulkinde, das wegen tadellosen, sehr schönen Betragens vor der ganzen Klasse öffentliches Lob erhält.

Er zog die Achseln sehr in die Höhe und sagte seufzend: »Es ist traurig für unser einen, daß wir immer mitzuleiden haben, wenn die Herrschaft dumme Streiche macht; ja, doppelt zu leiden, denn erstens wird man zu Hause ausgescholten und herumgepufft, und zweitens verliert man seinen guten Ruf und wird von angesehenen Leuten und Ehrenmännern scheel angesehen, wie dies jetzt hier der Fall.« – Damit machte Pierrot eine sprechende Handbewegung.

Dieser getreue Diener hatte bei der Rede der Frau Schilder vorhin das Für und Wider ihrer Ermahnungen bei sich genau überlegt, und war zu dem Resultate gelangt, daß ein Bündniß mit den beiden jungen Schoppelmann ihm für seine Zwecke ebenfalls nur nützlich sein könnte, und daß ihm eine neue Anknüpfung an das Haus der Gemüsehändlerin bei dem Justizrath Werner sehr zur Empfehlung dienen würde. Deßhalb leistete er auch nach einiger Zeit den Winken der Wirthin Folge und schob sein Glas etwas gegen die Mitte des Tisches hin, gewiß in der freundschaftlichen Absicht, mit dem Jäger und dem Fuhrmann anzustoßen. Doch dauerte es längere Zeit und waren viele ermahnende Püffe der Frau Schilder nothwendig, um den Fuhrmann zu vermögen, seine Faust mit dem Glase ebenfalls einen Zoll weit von sich wegzustrecken.

Nachdem dies endlich geschehen und so ein erster Anknüpfungspunkt gefunden war, fand sich durch die Klugheit der Wirthin bald ein besseres Einverständniß unter den Dreien. Sie brachten Gegenstände zur Sprache, über deren Vortrefflichkeit im Voraus Alle schon im Reinen waren und sich deßhalb nicht zu zanken brauchten, wie z. B., daß unser Nachbar, der mehr besitzt wie wir, als eine gefundene Beute anzusehen sei, daß man überhaupt aus seiner eigenen Klugheit, wie aus dem Leichtsinn unserer Nebenmenschen stets den besten Vortheil ziehen müsse und dergleichen mehr. Dann ging das Gespräch mehr in's Einzelne, und von der Frau Schilder angeregt, machte man sich über den Herrn Sidel bedeutend lustig, der – wie die Wirthin mit besonderer Betonung hervorhob – mit einer alten Jungfer aus der Nachbarschaft ein Verhältniß angesponnen habe. »Natürlich,« setzte sie hinzu, »diese alte Jungfer hat Geld, und jener Herr wird schon wissen, was er treibt.«

Während diesen letzten Worten blinzelte der Fuhrmann dem Jäger zu und sagte alsdann zu Joseph: »es versteht sich von selbst, daß alles, was wir hier sprechen, unter uns bleibt.«

Auch des Herrn Eugen Stillfried wurde nun gedacht; doch stießen die beiden Schoppelmann nicht geradezu Drohungen gegen ihn aus, denn um dies zu thun, trauten sie dem Diener doch noch zu wenig.

»Ja, ja, es ist ein charmanter Herr,« sagte der Jäger mit sonderbarem Lächeln, »und unsere Familie sollte sich eigentlich geehrt fühlen.«

»Das thut die Katharina auch,« setzte der Fuhrmann hinzu; »und was uns anbetrifft, so können und wollen wir nicht viel machen.« – Dabei stieß er unter dem Tische seinen Bruder mit dem Fuße an; und der Jäger ließ seinen Zorn weiter aus, indem er ein großes Glas auf einmal hinunterstürzte.

»Man muß den jungen Leuten ihr Vergnügen lassen,« meinte die Wirthin. »Du lieber Gott, die wollen sich auch amusiren! – Aber es wäre doch ein großer Spaß, wenn der Herr Eugen einmal Eurer Schwester Katharina einen heimlichen Besuch machte!«

»Ja, das wäre allerdings ein großer Spaß,« sagte der Jäger, und sein Auge funkelte sonderbar dabei.

Joseph aber dachte: »damit wäre auch dem Justizrath geholfen und also mir ebenfalls. Nun, wer weiß, was sich im Laufe der Zeit nicht noch alles begibt!«

Bald hatten die Drei ihre Quantität Wein zu sich genommen; Joseph mußte nach Hause, und die Söhne der Gemüsehändlerin brachen ebenfalls auf.

Stehenden Fußes aber schenkte ihnen die Wirthin noch ein Glas extra–feinen ein, worauf das Anstoßen noch viel besser und herzlicher von Statten ging. Alsdann trennten sie sich auch mit einer ziemlich guten Meinung von einander, und während Joseph auf dem Heimwege dachte, die beiden Schoppelmänner seien zwar verfluchte Hallunken, doch recht ordentliche Kerle, sagte dagegen der Fuhrmann zum Jäger: »der Bediente ist freilich ein dummes Thier, aber doch nicht so schlimm, wie ich mir gedacht.«

Frau Schilder hatte ebenfalls ihre Gedanken; doch da sie nicht laut mit sich sprach, so können wir nicht genau angeben, was ihren Geist bewegte; so viel aber wissen wir, daß sie ihre Hausthüre schloß und in ihr oberes Zimmer hinauf stieg, um ein Kapitälchen von mehreren Hundert Gülden nachzuzählen.

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