Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.

Ein Mittagessen in der Halle. – Ein Gespräch zwischen zwei zurückgezogenen Menschen, welche in ihrer Zurückgezogenheit verschiedene Zwecke, verfolgen. – Die erste Störung in dem Frieden einer Familie.

Kann er nicht gesellig sein?
Troilus und Kressida.

Subit quippe etiam ipsius inertiae dulcedo,
et invisa primo desidia postremo amatur. –
Tacitus

Wie doch Gewohnheit auf den Menschen wirkt!
Hier diesen stillen Wald, die schattige Wüste,
Ertrag' ich besser, als Gewirr der Städte.
Wintermärchen.

Am folgenden Tage fand sich Aram, seinem Versprechen gemäß, bei Lesters ein. Der gute Squire empfing ihn mit warmer Herzlichkeit und Madeline mit einem Erröten und einem Lächeln, das ausdrucksvoller für ihn sein mußte, als ein Dank mit Worten. Sie war noch auf das Sofa gebannt; zu Ehren Arams aber wurde dasselbe in die Halle gerollt, sodaß sie beim Essen zugegen sein konnte. Es war ein gefälliges Zimmer, diese alte Halle. Obwohl es Sommer, brannte doch, mehr um des heitern Anblicks als um der Wärme willen, ein Stoß Holz in dem geräumigen Kamin. Zugleich standen aber die vergitterten Fenster offen und die frische sonnige Luft säuselte herein, noch voll vom Kuß des Geißblatts und Jasmins, die den Rahmen umrankt hielten.

Ein paar alte Gemälde waren in das eichene Getäfel eingelassen; da und dort schmückte das Geweih eines mächtigen Hirsches die Wände, mit dem lustigen Zierat die Erinnerung, an lustige That verbindend. Den guten alten Tisch bedeckten Leckerbissen, wie man sie bei einem Landedelmann voraussetzen konnte: eine gesprenkelte Forelle, frisch aus dem Bach geholt und der Braten eines vierjährigen Schöpses, der, seinen eigenen Verdiensten bescheiden entsagend, Gestalt und Zuthaten vom Wildbret angenommen hatte. Was das Backwerk betraf, so war es Ellinor. unter deren Obhut diese Abteilung der Wirtschaft stand, vollkommen würdig, und wenn wir es nicht mit Bestimmtheit behaupten können, so würde uns mindestens die Entdeckung nicht überraschen, daß die treffliche Bereitung ihr mehr als die bloße Oberaufsicht verdankt habe. Das Bier und der Apfelmost mit Rosmarin in der Bowle boten eine unvergleichliche Labe und dem Stachelbeerwein, der Frau Primrose von Wakefield eifersüchtig gemacht haben dürfte, wurde die edlere Glut eines Portweins beigefügt, von welchem in des Squires jüngern Tagen die ganze Grafschaft gesprochen, und der jetzt keinen seiner Vorzüge verloren hatte, als den »ursprünglichen Glanz« seiner Farbe.

Indessen wurde, mit Ausnahme des Weins, allen diesen Leckereien von dem enthaltsamen Gast nur wenig Ehre angethan. War dieser in der Regel zurückhaltend, aber selten wirklich verdüstert, so bemerkte man heute eine ungewöhnliche Reizbarkeit und Schwermut an ihm. Es schien etwas auf seiner Seele zu lasten, dem er durch stärkern Genuß des Weins und gelegenheitliche Ausbrüche einer besondern Lebhaftigkeit der Unterhaltung zu entgehen suchte, was ihm denn endlich dem Anschein nach wirklich gelang. Natürlich drehte sich das Gespräch um die merkwürdigen oder schönen Punkte der Umgegend, und hier zeigte sich denn Aram wirklich in eigentümlicher Anmut. Tief empfänglich für die Eindrücke der Natur und genau bekannt mit der Mannigfaltigkeit ihrer Schöpfungen, umkleidete er jeden Hügel und jedes Thal, worauf man zu reden kam, mit dem dichterischen Gewande seiner Auffassung, und gab durch seine Nachweisungen selbst dem Gegenstand des alltäglichen Anblicks einen Reiz und ein Interesse, die seinen Zuhörern bis jetzt fremd geblieben waren. An diesen Bach hatte sich einst eine längst vergessene, jetzt wieder ins Leben gerufene romantische Sage geknüpft; jenes Moor, so unfruchtbar für den gewöhnlichen Beobachter, brachte irgend eine seltene merkwürdige Pflanze hervor, deren Eigenschaften Stoff zu lebendiger Beschreibung gaben; jener alte Erdhügel war anziehend genug für einen Mann, welcher, der Vergangenheit kundig, dessen Ursprung zu erklären und an diese Erklärung tausend Erinnerungen an klassische oder keltische Begebenheiten zu knüpfen wußte.

Kein Gegenstand war so geringfügig, so alltäglich, welchen eine wissenschaftliche Bildung, die keine Sphäre unberücksichtigt gelassen, nicht in einem neuen Glanze darzustellen vermocht hätte. Während Aram so sprach, leuchtete sein Gesicht, und seine Stimme, anfangs schüchtern und leise, fesselte das Ohr an ihre ernste überwältigende Musik. Lester selbst, der in seiner langen Abgeschiedenheit den Reiz eines gebildeten Umgangs nicht vergessen, ja selbst eine gewisse Weiterbildung des eigenen Geistes nicht verabsäumt hatte, genoß ein seit Jahren nicht empfundenes Vergnügen. Die heitere Ellinor war ganz bezaubert und Madeline, die stillste von allen, sog jedes Wort ein, nicht wissend, welch süßes Gift sie hinabschlürfe. Nur Walter schien von dem beredten Gast nicht mit fortgerissen zu werden. Fortwährend behielt er ein kaltes, verdrossenes Benehmen bei, und warf sogar hie und da einen Blick des Argwohns auf Aram. Dies trat noch deutlicher hervor, als sich die Damen entfernt hatten. Überrascht und ärgerlich sah Lester seinen Neffen mit bedeutsamer zurechtweisender Miene an, was diesen endlich zu einem gastlicheren Verhalten nötigte. Beim Herannahen der Abendkühle schlug Lester vor, dieselbe im Freien zu genießen, ehe sie sich ins Wohnzimmer zu den Damen begeben würden. Walter entschuldigte sich, und so machten sich denn Gast und Wirt allein auf den Weg.

»Ihre Einsamkeit,« sagte Lester lächelnd, »ist viel strenger und weniger unterbrochen als die meinige: finden Sie dieselbe nie lästig?«

»Kann der Mensch zu allen Zeiten gleich zufrieden sein?« erwiderte Aram, »kein Strom, so versteckt und tief er sei, gleitet in ewiger Ruhe dahin.«

»Sie geben also zu, daß Sie bisweilen einen Wunsch nach einem thätigern, mehr abwechselnden Leben fühlen?«

»Nun,« entgegnete Aram, »das ist eigentlich keine zutreffende Auslegung meiner Antwort. Ich mag bisweilen die Alltäglichkeit des Daseins, das taedium vitae fühlen, aber ich weiß sehr wohl, daß die Ursache nicht durch Übergang von der Stille zum Lärm geändert werden kann. Zwecke der Außenwelt können nur durch Aufregung der Leidenschaften verfolgt werden. Leidenschaften sind zugleich unsere Beherrscher und unsere Bethörer; sie treiben uns vorwärts, setzen aber kein Ziel für unsern Lauf. Je weiter wir vorschreiten, desto dunkler und nebelhafter wird das Ende der Bahn. Für einen Mann, der das Leben der Welt, das Leben der Leidenschaften, liebt, ist es unmöglich, je zur Zufriedenheit zu gelangen. Denn das Leben der Leidenschaften schließt eine ewige Sehnsucht in sich, die Zufriedenheit aber besteht eben in der Abwesenheit jeder Sehnsucht. So ist, was man Philosophie nennt, nur ein anderer Name für Gemütsruhe, und alle Weisheit deutet auf einen geistigen Indifferentisinus als das höchste Erdenglück.«

»Das mag schon wahr sein,« sagte Lester abwehrend, »aber –«

»Was aber?«

»Ein Etwas in unserem Herzen – eine geheime Stimme, ein unwillkürliches Gefühl lehnt sich dagegen auf und verweist uns auf Handeln – auf thätiges Handeln, als den wahren Wirkungskreis des Mannes.«

Ein leichtes Lächeln zuckte über die Lippe des Gelehrten; doch bemerkte er, einer strengen Widerlegung ausweichend, nur:

»Ja, wenn Sie so denken, so liegt die Welt auch Ihnen offen: warum kehren Sie nicht in dieselbe zurück?«

»Weil lange Gewohnheit stärker ist, als der Antrieb, der aus vorübergehender Veranlassung entspringt. Überdies hat meine Abgeschiedenheit ihren Wirkungskreis, ihren Gegenstand.«

»Jede Abgeschiedenheit von der Welt hat ihn.«

»Jede? Schwerlich. Ich freilich finde meinen Gegenstand in meinen Kindern.«

»Und ich in meinen Büchern.«

»Aber flüstert Ihnen bei diesem Gegenstand die Stimme des Ruhms nie den Wunsch zu, in die Welt zu treten und dort die Huldigungen in Empfang zu nehmen, die Ihrer warten?«

»Hören Sie mich,« entgegnete Aram. »Als Knabe kam ich einmal ins Theater. Hamlet wurde aufgeführt, ein Stück voll der edelsten Gedanken – die tiefsinnigste Idee, die je auf die Bühne gebracht wurde. Das Publikum hörte mit Aufmerksamkeit, mit Bewunderung, mit Beifall zu. Als der Vorhang gefallen war, sagte ich zu mir selbst: es muß etwas Großes sein, diese Herrschaft über den Verstand und das Gefühl der Menschen zu gewinnen. Sofort aber erschien ein italienischer Gaukler auf den Brettern, ein Mann von außerordentlicher Körperkraft und Handfertigkeit. Er machte eine Menge Taschenspielerkünste und verzerrte seinen Leib in tausend überraschende, unnatürliche Stellungen. Die Zuschauer gerieten außer sich; hatten sie im Hamlet Vergnügen empfunden, so riß sie bei dem Gaukler Begeisterung hin; hatten sie mit Aufmerksamkeit auf die erhabenen Gedanken gehört, so kamen sie fast von Sinnen über die Seltsamkeit dieser Verrenkungen. Halt, sagte ich, ich komme von meiner vorigen Vorstellung zurück. Was will der Ruhm, über die Gemüter der Menschen zu herrschen, ihrer Bewunderung gebieten zu können, bedeuten, wenn durch bloße körperliche Gewandtheit größerer Enthusiasmus erregt wird, als durch die wundervollsten Ergüsse eines Genies, dem nicht viel zur Göttlichkeit fehlt! – Ich habe den Eindruck dieses Abends nie vergessen.« Lester versuchte die Wahrheit des Beweises zu bestreiten. In diesem Gespräch schritten sie über den Dorfanger hin, als ihnen Korporal Buntings stattliche Gestalt entgegentrat.

»Um Vergebung, Herr Sauire,« sagte er mit militärischem Gruß, »um Vergebung, Euer Edeln,« sich gegen Aram verbeugend, »muß aber mit Ihnen sprechen, Herr Sauire, über den Mietzins des Häusels dort. Harte Zeiten – rares Geld – Michaeli vor der Thür – und – «

»Ihr wünscht einen kleinen Verzug, Bunting, nicht wahr? Na, na, wir wollen sehen, kommt morgen ins Schloß. Ich weiß, Walter möchte Euch gerne zu Rat ziehen, wie er das Wasser aus dem großen Teich leiten soll, und Ihr müßt uns auch Eure Meinung über unser Neugebrautes sagen.«

»Dank, gnädiger Herr, unterthänigen Dank. Hoffe die Forelle, die ich geschickt, hat Ihnen geschmeckt. Um Vergebung, Herr Aram, vielleicht möcht' Ihnen gefallen, hie und da 'n paar Fische anzunehmen? Giebt sehr schöne in diesen Bächen, wie Sie wahrscheinlich wissen; wenn's erlaubt, werd' ich Ihnen morgen durch die alte Frau 'n paar schicken, das heißt, wenn der Himmel 'n Bissel bewölkt ist.«

Der Gelehrte dankte dem guten Bunting und wollte weitergehen, aber der Korporal war in seiner gesprächigen Laune.

»Um Vergebung, um Vergebung, aber 'n kurios aussehender Kauz war gestern abend da, fragte nach Ihnen, sagte, Sie wären Freund mit ihm, marschierte ab in der Richtung zu Ihnen. Hatte hoffentlich nichts Schlimmes zu bedeuten? Hm?«

»Nichts Schlimmes!« erwiderte Aram, das Auge auf den Korporal geheftet, der seine Worte mit einem bedeutsamen Wink geschlossen hatte. So hielt er einen Moment an und setzte dann, wie befriedigt durch die vorgenommene Prüfung, hinzu:

»Ja, ja, ich weiß, wen Ihr meint; er war vor mehreren Jahren bekannt mit mir. So, Ihr habt ihn gesehen? Was hat er Euch von mir gesagt?«

»Hm! wenig genug, Herr Aram. Schien nur dran zu denken, wie er 'n Appetit stillen wollte; sagte, war' Soldat gewesen.«

»Soldat? Hm!«

»Hat mir 's Regiment nicht genannt – Kurios! Vielleicht desertiert, Euer Edeln?«

»Ich weiß nicht,« erwiderte Aram sich abwendend, »ich weiß wenig, sehr wenig von ihm!« – Er wollte gehen, hielt aber nochmals an und fügte hinzu: »Dieser Mensch kam gestern nacht zu mir und bat um Geld; die späte Stunde beunruhigte mich etwas. Ich gab ihm, was ich missen konnte, und er hat nunmehr seine Reise weiter fortgesetzt.«

»Wird also nicht hier herum sein Quartier aufschlagen, Euer Edeln?« fragte neugierig der Korporal.

»Nein. Guten Abend.«

»Wie? dieser seltsame Fremde, der meine armen Mädchen so in Schrecken gesetzt hat, ist Ihnen wirklich bekannt?« fragte Lester verwundert. »Sagen Sie mir, ist er denn so gar furchtbar, wie er jenen zu sein schien?

»Nicht eben,« antwortete Aram mit großer Ruhe, »er war sein lebenlang ein wilder Herumschwärmer, aber – aber eigentlich Böses ist wenig an ihm. Unvorteilhaft genug sieht er freilich aus, um« – hier unterbrach er sich und fuhr mit einem neuen Satz fort: »Auf jeden Fall wird er Ihre Fräulein Töchter nicht mehr erschrecken; er hat seine Reise nach dem Norden fortgesetzt. – Aber nun sind wir zu meinem Heimweg gekommen. Ich wünsche Ihnen guten Abend.«

Dieses unvorbereitete Lebewohl machte Lester betreten. »Wie,« fragte er, »Sie werden mich doch jetzt nicht verlassen wollen? die jungen Damen erwarten Ihre Rückkunft noch für ein Stündchen! Was würden Sie von einem solchen Ausreißer denken? Nein, nein, kehren Sie mit mir zurück, lieber Freund, und erlauben Sie mir alsdann, Sie etwas auf Ihrem Wege nach Hause zu begleiten.«

»Verzeihen Sie,« erwiderte Aram, »ich muß Sie jetzt verlassen. Was die Damen betrifft,« setzte er mit leichtem Lächeln, halb schwermütig, halb bitter hinzu, »so bin ich nicht der, den sie vermissen werden. – Vergeben Sie mir, wenn ich unhöflich erscheine. Leben Sie wohl.«

Lester fühlte sich im ersten Augenblick wirklich etwas beleidigt; aber sich das eigentümliche Wesen des Mannes vergegenwärtigend, begriff er wohl, daß der einzige Weg, auf welchem er Fortdauer eines Umganges hoffen konnte, der ihm so viel Vergnügen gewährt hatte, darin bestehe, dem Gelehrten für den Anfang seine ungeselligen Neigungen lieber nachzusehen, als ihn durch aufdringliche Gastfreundlichkeit scheu zu machen. Ohne also ein Wort weiter zu verlieren, schüttelte er ihm die Hand und beide schieden von einander.

Ins kleine Wohnzimmer zurückgekehrt, fand der Sauire seinen Neffen still und mißmutig am Fenster sitzen; Madeline hatte ein Buch ergriffen, und Ellinor war in einer andern Ecke des Gemachs mit einer Miene von Ernst und Nachdenken über ihre Nadel her, die keineswegs ihrer gewohnten heitern Lebhaftigkeit entsprach. Sichtbar schwebte eine Wolke über den dreien; der gute Lester betrachtete sie mit forschendem aber liebevollem Blick.

»Und was ist geschehen?« frug er; »gewiß was ganz Besonderes, sonst hätt' ich das lustige Gelächter meiner lieben Ellinor wohl lange vernommen, eh' ich über die Schwelle trat.«

Ellinor ward rot, seufzte und fuhr noch emsiger mit der Arbeit fort. Walter öffnete das Fenster und pfiff in übelster Laune eine beliebte Melodie. Lester lächelte und setzte sich zu seinem Neffen.

»Na, Walter!« hub er an, »zum erstenmal seit vielleicht zehn Jahren fühle ich mich berechtigt, dir einen Verweis zu geben. Was in aller Welt konnte dich so unfreundlich gegen den Gast deines Oheims machen? Du sahst den armen Gelehrten an, als ob du ihn unter den Büchern von Alexandria wünschtest.«

»Wär' er doch mit ihnen verbrannt!« erwiderte Walter in schneidendem Ton. »Er scheint zu seinen sonstigen Vorzügen auch die schwarze Kunst gesellt und meine schönen Cousinen hier so behext zu haben, daß sie an nichts mehr denken als an ihn.«

»Mich nicht!« rief Ellinor lebhaft und sah auf.

»Nein, dich nicht, das ist wahr; du bist zu gut, zu unparteiisch. Wie schade, daß Madeline dir hierin nicht auch gleicht.«

»Lieber Walter!« sagte Madeline, »was willst du denn? was wirfst du mir vor? daß ich aufmerksam auf einen Mann war, den man unmöglich ohne Aufmerksamkeit anhören kann!«

»Das ist's eben!« rief Walter leidenschaftlich: »du gestehst es selbst. Um eines fremden, kalten, eiteln, pedantischen Egoisten willen kannst du Ohr und Herz gegen die, welche dich ihr lebenlang gekannt und geliebt haben, verschließen und – und –«

»Eitel?« unterbrach ihn Madeline, ohne auf Walters letzte Worte zu hören.

»Pedantisch?« wiederholte der Vater.

»Ja! eitel sag' ich, pedantisch,« rief Walter, immer mehr in Hitze geratend. »Was sonst als Gefallsucht konnte ihn verleiten, sich die Unterhaltung als ausschließliches Eigentum zuzueignen? Was sonst als Pedanterie konnte ihm all' diese Anekdoten, Anspielungen, Beschreibungen und wie ihr's sonst noch nennen wollt, über jede alte Mauer, jede einfältige Pflanze in der Umgegend abzapfen?« »Ich hatte dich bis jetzt nie einer niedrigen Gesinnung für fähig gehalten,« sagte Lester ernst.

»Niedrig?«

»Ja! ist es nicht niedrig, eifersüchtig auf überlegene Kenntnisse zu sein, statt sie zu bewundern?'«

»Wozu hat er diese Kenntnisse angewandt? Hat er der Menschheit damit genützt? Nennen Sie mir einen Dichter, Geschichtschreiber, Redner, und ich will keinem von Ihnen, selbst Madeline nicht, nachstehen in der Bewunderung für seinen Geist; aber der bloße Büchermensch, der dürre, unfruchtbare Zusammenstoppler des Wissens anderer – nimmermehr! Was soll ich an einer solchen gelehrten Maschine bewundern, als eine übel angewandte Beharrlichkeit? – Und Madeline nennt ihn vollends gar hübsch!«

Beim plötzlichen Herabfall vom Rednerton zu diesem Vorwurf brach Lester in ein lautes Gelächter aus; der Neffe aber stand höchst erbittert auf und verließ das Zimmer.

»Wer hätte gedacht, daß Walter so albern wäre?« sagte Madeline.

»Nun.« bemerkte Ellinor sanft, »es ist bei alledem die Albernheit eines guten Herzens. Es thut ihm weh, daß wir einem andern – ich meine der Unterhaltung mit einem andern – den Vorzug vor ihm zu geben scheinen!«

Lester drehte sich auf seinem Stuhl herum und sah beide Schwestern ernsthaft an.

»Liebe Ellinor,« sagte er, nachdem sein Blick eine Zeitlang auf ihnen verweilt hatte, »du bist ein gutes Mädchen –komm und küsse mich!«

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.