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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Drittes Kapitel.

Ein Zwiegespräch und ein Schreck. – Das Haus eines Gelehrten.

... ein Mensch, Gezeichnet von den Händen der Natur
Und ausersehn zu einer That der Schmach.
Shakespeare, König Johann.

Gelehrter ist er, falls man trauen darf Fatimas freigeb'ger Stimme im Gerücht..
Ich selbst war einst ein Grübler, und fürwahr
Grad' von derselben Stimmung wie er jetzt.
Ben Jonson. Jedermann in seiner Laune.

Die beiden Schwestern setzten ihren Spaziergang durch eine Gegend fort, die allerdings verdiente, von ihrer Wahl begünstigt zu werden. Nicht sobald waren sie über den Steg, als das Dorf wie in die Erde versunken zu sein schien, so ruhig, so einsam, so fern von jeder Mahnung an das Leben lag die Landschaft, durch welche sie hingingen. Zur Rechten senkte sich ein grüner stiller Hügel herab, der, ausgenommen den dunkelnden Abendhimmel, jede Fernsicht neben sich abschloß; links, und unmittelbar ihren Pfad entlang, lag zerbrochenes Gestein mit Moos bedeckt oder beschattet von wildem Gesträuch, das bald sich zu kleinen Gebüschen zusammenschloß, bald, sich mit einem Mal von dem üppigen Rasen verlierend, offene Räume ließ, zwischen welchen man lange Strecken Waldland gewahrte, oder auch das plätschernde Büchlein sah, das in seinem steinigen Bette sich in tausend kleine Wasserfälle oder scheinbare Strudel brach. Ja, dermaßen abgeschieden war der Schauplatz und so ohne alle Hindeutung auf Anbau, daß man gar nicht glaubte, menschliche Wohnungen könnten in der Nähe sein; aber gerade dieser Eindruck vollkommener Einsamkeit und Ruhe war nur ein Reiz weiter für den Ort.

»Aber ich versichere dich,« sagte Ellinor, in einem begonnenen Gespräch eifrig fortfahrend, »ich versichere dich, ich habe mich nicht getäuscht; ich sah es so deutlich, wie ich dich sehe.«

»Wie? in der Brusttasche?«

»Ja, als er das Schnupftuch herauszog, sah ich den Lauf der Pistole ganz genau.«

»Wirklich; ich denke, wir sollten's dem Vater sagen, sobald wir nach Hause kommen; es kann nichts schaden, wenn wir auf unserer Hut sind, obwohl man in Grünthal gewiß seit zwanzig Jahren nichts von Räuberei gehört hat.«

»Aber zu was sonst, als zu einem schlimmen Zweck, kann er in so friedlichen Zeiten und an einem so friedlichen Ort ein Feuergewehr bei sich tragen? Und welch ein Gesicht! Bemerktest du sein scheues und doch wildes Auge, ganz wie dasjenige eines Tieres, das gern auf dich einspringen möchte, aber doch nicht recht den Mut dazu hat.«

»Wahrhaftig, Ellinor,« entgegnete Madeline lächelnd, »du bist nicht besonders nachsichtig mit Fremden. Bei alledem mochte der Mann die Pistole, die du gesehen, aus einer ganz natürlichen Vorsicht beigesteckt haben. Bedenke, daß ihm als Fremden gar füglich unbekannt sein konnte, wie sicher diese Gegend in der Regel ist; dabei kommt er vielleicht von London, in dessen Nähe neuerdings häufige Räubereien verübt worden sein sollen. Was sein Aussehen betrifft, so ist dieses freilich unverzeihlich; für solche Häßlichkeit kann es keine Entschuldigung, geben. Hätte der Mann so hübsch dreingesehen, wie Vetter Walter, so wärst du in deinem Schreck über die Pistole vielleicht nicht so ganz erbarmungslos gewesen.«

»Unsinn, Madeline!« sagte Ellinor errötend und das Gesicht abwendend. – Es entstand eine augenblickliche Stille, welche sofort die jüngere Schwester wieder brach. »Wir scheinen keine großen Fortschritte im Umgang mit unserem wunderlichen Nachbar zu machen,« sagte sie. »Ich weiß niemand, welchem der Vater mit solcher Zuvorkommenheit begegnet, wie Herrn Aram, und doch siehst du, wie selten er bei uns einspricht; ja, es kommt mir oft vor, er suche uns zu vermeiden. Kein großes Kompliment für unsere Anziehungsgabe, Madeline.« »Ich bedaure diesen Mangel an Geselligkeit um seiner selbst willen,« erwiderte Madeline, »denn er scheint ebenso schwermütig als gedankenvoll zu sein, und führt dabei ein so abgeschiedenes Leben, daß ich immer denke, das Gespräch und die Gesellschaft des Vaters würden, wenn er nur ein wenig entgegenkommen wollte, seine Einsamkeit erträglicher machen.«

»Auch scheint er wirklich Vergnügen am Umgang mit dem Vater zu haben,« bemerkte Ellinor, »und wer sollte das auch nicht? Wie sein Gesicht beim Reden sich aufhellt! Es ist eine Freude, darauf achtzugeben. Ich find' ihn wirklich schön, wenn er spricht.«

»O, mehr als schön!« rief Madeline begeistert aus. »Mit seiner hohen, bleichen Stirn, und diesen unergründbar tiefen Augen!«

Ellinor lächelte und das Erröten war jetzt an Madeline.

»Ja,« sagte erstere, »er hat etwas an sich, das ihn unendlich interessant macht: und sein Benehmen, wenn auch bisweilen kalt, ist doch immer so sanft!«

»Und ihn sprechen hören,« sagte Madeline. »ist wie Musik. Seine Gedanken, ja seine Worte selbst scheinen so verschieden von der Sprache und den Vorstellungen anderer Menschen. Wie schade, daß er immer so schweigsam ist!«

»In seinem düstern Wesen liegt das Besondere, daß es nie Argwohn einflößt,« sagte Ellinor; »ihn hätt' ich unter Umständen bemerken können, wie den unheimlichen Fremden, ohne daß mir's bei ihm angst geworden wäre.«

»Der Fremde geht dir noch immer durch den Kopf. Wenn wir ihm nur an dieser Stelle begegneten.«

»Da sei der Himmel für!« rief Ellinor, sich hastig umwendend – und siehe! als wäre die Schwester eine Prophetin gewesen, erblickte sie den Menschen, von welchem sie sprachen, in kleiner Entfernung hinter ihnen, mit raschen Schritten auf sie zukommend.

Sie stieß einen leisen Schrei der Überraschung und des Grauens aus, und selbst Madeline, die auf diesen Laut sich umwandte, ward im Augenblick von der Angst mitergriffen. Der Ort hatte ein so verlassenes, einsames Aussehen, und die Phantasie beider Mädchen war durch Ellinors Furcht und ihre Vermutungen über die drohende Waffe so aufgeregt worden, daß tausend Schreckbilder von Gewaltthat und Mord zugleich auf ihre Seele einstürmten. Ohne jedoch ihr Entsetzen mit Worten gegeneinander auszudrücken, verdoppelten beide, wie in einer plötzlichen und unwillkürlichen Eingebung, ihren Schritt, immerfort zurückschauend, ob der vermeintliche Räuber nicht näher komme. Auch er, glaubten sie bald zu bemerken, ging schneller, was ihre Besorgnis vermehrte und wirklich größere Berechtigung zu derselben zu geben schien. Endlich, als sie durch eine plötzliche Biegung des Weges den schrecklichen Fremdling aus dem Gesicht verloren hatten, gab ihnen die Furcht nur für einen Entschluß Raum: – in vollem Lauf, so schnell als ihre Gemütsbewegung es immer gestattete, flogen sie dahin. Das nächste und wirklich das einzige Haus in dieser Richtung war dasjenige Arams, beide aber glaubten, wenn sie desselben nur erst ansichtig geworden, seien sie außer Gefahr. Jeden Augenblick sahen sie zurück; noch wurden sie ihren eingebildeten Verfolger nicht gewahr; – jetzt kam auch er wieder zum Vorschein – jetzt – ja jetzt lief auch er! »Schneller, schneller, Madeline, um Gottes willen! er ist hart an uns!« schrie Ellinor. Der Pfad ward wilder, die Bäume wurden dicker und häufiger; bei jedem Gebüsch, um welches sie weiter kamen, sahen sie auch den Fremden näher und näher hinter sich. Endlich eine plötzliche Öffnung – eine ebenso schnelle Veränderung der Landschaft – eine weite Fläche glänzte ihnen entgegen und in der Mitte das einsame Haus des Gelehrten!

»Gott sei Dank, wir sind sicher!« rief Madeline. Noch einmal wandte sie sich nach dem Fremden um, darüber stieß jedoch ihr Fuß an einen Stein und sie fiel mit Heftigkeit zu Boden. Sie wollte aufstehen, war aber im ersten Augenblick unfähig, sich von der Stelle zu bewegen. In diesem Zustande sah sie gleichwohl von neuem zurück und bemerkte den Verfolger in geringer Entfernung; aber auch er hielt an, und nachdem er einen Augenblick überlegt zu haben schien, wandte er sich seitwärts und war schnell im Dickicht verschwunden.

Mit großer Anstrengung half Ellinor Madeline sofort aufstehen. Ihr Knöchel war gewaltsam verrenkt und sie vermochte den Fuß nicht auf den Boden zu setzen. So zaghaft sie sich aber bei der Erscheinung des Fremden bewiesen, mit so vieler Festigkeit trug sie jetzt ihren Schmerz. »Ich habe wenig Schaden genommen, Ellinor,« sagte sie mit sanftem Lächeln, um ihrer Schwester Mut zu machen, die sie sprachlos vor Schrecken unterstützte; »aber was anfangen? Ich kann auf diesen Fuß nicht treten; wie sollen wir nach Haus kommen?«

»Gott sei Dank, wenn du nur nicht stark beschädigt bist!« erwiderte fast schreiend die arme Ellinor; »lehne dich auf mich, stärker, ich bitte dich! Versuch' es nur, bis zum Hause dort zu kommen; da können wir warten, bis Herr Aram unsere Kutsche hat holen lassen!«

»Aber was wird er denken? wie wunderlich wird es erscheinen!« sagte Madeline, indem ihre eben noch totenbleiche Wange wieder Farbe bekam.

»Haben wir Zeit zu Bedenklichkeiten und Ceremonien?« fragte Ellinor. »Komm, ich bitte dich, komm; wenn du so lange zauderst, kann der Mensch Mut fassen und uns anfallen. – So ist's recht! – Hast du große Schmerzen?«

»Es ist mir nicht um den Schmerz,« murmelte Madeline, »aber wenn er dächte, wir drängen uns ihm auf. Er ist so zurückhaltend, so menschenscheu, wahrlich, ich fürchte –«

»Aufdrängen?« unterbrach sie Ellinor. »Denkst du so übel von ihm? Glaubst du, er habe, weil er ein Einsiedler ist, die Gefühle der allgemeinen Menschenliebe verloren? – Aber lehne dich mehr auf mich, Beste, du weißt nicht wie stark ich bin.«

So abwechselnd ihre Schwester schmälend, liebkosend und ermutigend, führte Ellinor die Leidende weiter, bis sie, wenn auch langsam und mühevoll genug, über den Platz hinübergekommen waren und vor dem Thor des Einsiedlers standen. Von Zeit zu Zeit hatten sie sich umgesehen, aber ihre Furcht kam nicht wieder zum Vorschein. Eben dies nahmen sie für einen genügenden Beweis, daß ihre Besorgnisse nicht unbegründet seien.

Madeline hätte noch jetzt gern der Schwester Hand von der Klingel zurückgehalten, die vor dem Thor, halb überdeckt von Epheu, hing; aber Ellinor, ungeduldig, wie sie's wohl werden durfte, über solch' unzeitige Förmlichkeit, widersetzte sich jeder längern Zögerung. So ausnehmend still und einsam war's um das Haus her, daß der plötzliche Glockenton ordentlich etwas Schreckhaftes hatte und mit seinem gellenden Klange wie eine Entweihung der tiefen Ruhe des Ortes erschien – Sie warteten nicht lange; ein Tritt ließ sich vernehmen, das Thor wurde langsam aufgeriegelt und der Gelehrte selbst stand vor ihnen.

Es war ein Mann, der etwa seine fünfunddreißig Jahre zählen mochte, aber auf den ersten Blick würde man ihn für bedeutend jünger gehalten haben. Sein Wuchs ging über die gewöhnliche Größe, obwohl eine sanfte, nicht ungefällige Beugung des Nackens mehr als der Schultern der vorteilhaften Höhe einigen Eintrag that. Die Gestalt war dünn und mager, aber wohlgefügt und in schönen Verhältnissen. Die Natur hatte diese Formen ursprünglich nach einem athletischen Maßstab entworfen, aber durch sitzende Lebensweise und geistige Anstrengung schien ihre Gabe etwas Abbruch erlitten zu haben. Seine Wange war bleich und zart, doch deutete sie eher das Durchschimmern des Geistes als Schwäche der Gesundheit an. Das lange, reiche, dunkelbraune Haar lag von Antlitz und Schläfen zurückgestrichen und ließ eine breite, hohe, prächtige Stirn gänzlich frei und offen; diese Stirn zeigte nicht eine einzige Runzel; sie war noch so glatt, als sie fünfzehn Jahre früher gewesen sein mochte. Aus ihrer klaren Wölbung sprach beredt eine ungemeine Ruhe und sozusagen Unergründlichkeit des Denkvermögens und ließ auf einen Mann schließen, der sein Leben mehr unter ernster Betrachtung als unter Gemütsbewegungen hingebracht hatte. Es war ein Gesicht, auf welches ein Physiognomiker gern geblickt hätte, so stark deutete es auf Feinheit wie auf Adel des geistigen Vermögens.

So war – wenn Abbildungen als getreue Träger der Wirklichkeit zu nehmen sind – die Persönlichkeit eines Mannes beschaffen, der in Bezug auf vielseitige und tiefgehende Wissenschaft leicht den ersten Rang unter seinen Zeitgenossen einnehmen mochte; dabei ein nur durch sich selbst gebildeter Geist, der sich aber nie erlaubte, auf den wundervollen Schätzen auszuruhen, die er mühsam zusammengerafft hatte.

Schweigend und augenscheinlich überrascht stand er jetzt vor den beiden Mädchen. – Und dieser epheuumrankte Thorweg – die stille Gegend – Madelinens auf die Schwester gelehnte, schüchterne Gestalt mit den gesenkten Augen – Ellinors lebhafter Ausdruck, während sie Umstände und Beweggrund ihres Kommens erzählt – endlich der bleiche Bewohner des Hauses selbst, so plötzlich aus einsamem Forschen aufgeschreckt und zum Beschützer der Schönheit gemacht – all das dürfte wohl kein unwürdiger Gegenstand für den Pinsel eines Malers gewesen sein.

Nicht sobald hatte Aram aus Ellinors abgerissenem Bericht die allgemeinsten Züge ihres Begegnisses und des Unfalls, welcher Madeline betroffen, vernommen, als sein Gesicht und ganzes Benehmen die lebhafteste, tiefste Teilnahme zu erkennen gaben.

Madeline war unaussprechlich gerührt über die gefühlvolle, ehrerbietige Sorglichkeit, womit der einsame Gelehrte – sonst so kalt und verschlossen – ihr jetzt den hilfreichen Arm bot und sie ins Haus führte; über das Mitleid, das er für ihren Schmerz ausdrückte, die Wahrheit der Empfindung, welche sich unzweideutig in seiner Stimme, seinen Augen aussprach. – Und als diese dunklen – und um ihren eigenen Gedanken zu gebrauchen – unergründbar tiefen Augen bewundernd und doch so sanft auf sie gerichtet waren, da fühlte sie ihrem Schmerz zum Trotz einen unnennbar süßen Schauer im Herzen, den sie zuvor noch in niemandes Gegenwart empfunden hatte.

Aram rief jetzt die einzige Bedienung, die in seinem ganzen Hause zu finden war, herbei. Sie erschien in Gestalt einer alten Frau, die er aus der ganzen Nachbarschaft als diejenige ausgewählt zu haben schien, welche am besten zu seiner strengen Zurückgezogenheit paßte. Sie war im höchsten Grade taub und im Dorfe wegen ihrer Schweigsamkeit zum Sprichwort geworden. Die arme alte Margrete, längst Witwe, hatte zehn Kinder durch frühzeitigen Tod verloren; aber einst gab es eine Zeit, wo sie sich im nämlichen Grade durch ihre Munterkeit bemerkbar machte, wie jetzt durch ihre Zurückhaltung. Ungeachtet ihrer Harthörigkeit begriff sie den Unfall, der Madeline zugestoßen, schnell; und mit einer Eilfertigkeit, welche zeigte, daß ihr Unglück die natürliche Herzensgüte nicht ertötet hatte, tummelte sie sich, Umschläge und Bandagen für den verletzten Fuß zurecht zu machen.

Unterdessen übernahm es Aram, der niemand an seiner Statt hätte schicken können, selbst nach dem Schlosse zu gehen und die alte Familienkutsche, welche wohl seit einem halben Jahre ungebraucht im Schuppen geruht hatte, für die Patientin herbeizuholen.

»Nein, Herr Aram,« sagte Madeline errötend; »ich bitte, gehen Sie nicht selbst; bedenken Sie, daß jener Mensch noch immer auf dem Wege herumschleichen kann. Er ist bewaffnet – guter Gott, wenn er Ihnen begegnete!«

»Fürchten Sie nichts, mein Fräulein!« erwiderte Aram mit sanftem Lächeln; »auch ich habe, so unbekannt und sicher dieser einsame Ort ist, Waffen, und um Sie zu beruhigen, will ich nicht unterlassen, sie mitzunehmen.«

Damit faßte er zwei große Reiterpistolen, die an der Wand hingen, befestigte sie mit einem ledernen Gurt um den Leib, nahm, um minder gefährlichen Wanderern, denen er etwa begegnen möchte, einen so beunruhigenden Anblick zu ersparen, einen langen Mantel, wie man sie damals bei rauher Witterung zu tragen pflegte, als Umhang und wandte sich zur Thür.

»Sind sie auch geladen?« fragte Ellinor.

Aram antwortete mit einer kurzen Bejahung. Daß ein Mann von so friedfertiger Beschäftigung, der überdies keine die Habgier verlockenden Kostbarkeiten zu besitzen schien, an diesem Ort, wo man nie von einer Frevelthat gehört, solche Vorsicht auch in gewöhnlicher Zeit beobachten sollte, hatte etwas Eigenes, das übrigens den Schwestern damals nicht auffiel.

Als die Thür hinter ihm wieder geschlossen war und nun die alte Frau durch warme Bähungen, in deren Bereitung sie sich keineswegs unkundig gezeigt, den Schmerz der Verrenkung mit leichter Hand linderte, sah sich Madeline mit Interesse und Neugier in dem Zimmer um, in welches zu gelangen sie das seltene Glück gehabt hatte.

Das Haus hatte einer nicht unangesehenen Familie gehört, deren Vermögen jedoch von späteren Erben durchgebracht worden war. Lange stand es darauf einsam und unbewohnt und als sich Aram in dieser Gegend niederließ, war der Eigentümer froh, der Bürde eines unbenutzten Gebäudes gegen eine bestimmte Miete los zu werden. Die Einsamkeit des Platzes war es hauptsächlich, was jenen anzog, und da seine Büchersammlung, selbst nach dem Maßstab der jetzigen Zeit, für sehr ansehnlich gelten konnte, so brauchte er allerdings einen größeren Raum, als er in einer beschränkteren, seinem Vermögen und seiner sonstigen Lebensweise entsprechenderen Wohnung füglicherweise hätte finden können.

Das Zimmer, worin sich die Schwestern befanden, war das größte im Hause und wirklich von ansehnlichen Verhältnissen. Nach vorn zu hatte es ein einziges großes vorspringendes Fenster, ihm gegenüber ein altes, hohes Kamingesims von schwarzem Eichenholz. Der Rest der Wände war vom Boden bis zur Decke mit Büchern besetzt; Bände in allen Sprachen, ja man hätte ohne viele Übertreibung sagen können, über alle Wissenschaften, lagen auf Stühlen, Tischen, dem Boden umher. Neben dem Fenster stand das Schreibpult und ein großer, altmodischer, eichener Stuhl. Einige Papiere mit astronomischen Rechnungen lagen auf dem ersteren; das waren die einzigen Anzeichen eines praktischen Ergebnisses der gepflogenen Studien. Und in der That scheint Aram nicht der Mann gewesen zu sein, der zu weiterer Anwendung des erlangten Wissens sonderlich geneigt war; was er schrieb, stand in sehr geringem Verhältnis zu dem, was er las.

So groß und bedeutend war der Ruf, den er erworben, daß das einsame Heiligtum so vieler der Wissenschaft geweihten Stunden selbst für den anziehend gewesen wäre, der höhere Bildung nicht zu schätzen vermochte; auf Madeline aber mußte – wie wir nach der eigentümlichen Richtung ihres Geistes und Gemütes leicht schließen können – das Zimmer einen mächtigen, höchst angenehmen Reiz ausüben. Während sie umhersah, suchte Ellinor die alte Frau ins Gespräch zu ziehen. Sie hätte gern einiges Nähere über das tägliche Leben und Treiben des Einsiedlers von ihr herausgelockt, aber die Taubheit der Dienerin war so hartnäckig und unbezwinglich, daß sie zuletzt verzweifelnd sich genötigt sah, ihren Versuch aufzugeben. »Ich fürchte,« sagte sie endlich, ihrer natürlichen Gutmütigkeit durch Ungeduld soweit entfremdet, daß sie ein leichtes Gähnen nicht unterdrücken wollte, »ich fürchte, die Zeit wird uns lang werden, bis der Vater kommt. Denke, daß die dicken schwarzen Stuten, die ohnehin nicht zu schnell sind, auf dem holperigen Feldwege – denn eine Straße ist da nicht – höchstens kriechen können. Es wird ganz Nacht werden, ehe die Kutsche ankommt.«

»Ich bedaure, liebe Ellinor, daß dir meine Ungeschicklichkeit einen so ungemütlichen Abend machen muß,« entgegnete Madeline.

»Ach!« rief Ellinor, die Arme um der Schwester Nacken schlingend, »nicht an mich hatte ich gedacht; ja mich freut sogar der Gedanke, daß wir in die Höhle dieses Zauberers gelangt sind und die Werkzeuge seiner Kunst sehen durften. Hoffentlich wird deshalb Herr Aram dem schrecklichen Menschen nicht begegnen müssen.«

»Nun,« sagte die kühnere Madeline, »er ist bewaffnet und Mann gegen Mann. Ich achte ihn zu hoch, um hier einer ernstlichen Besorgnis Raum geben zu können!«

»Doch sind solche Buchmenschen in der Regel keine Helden!« bemerkte Ellinor lachend.

»Schäme dich,« erwiderte Madeline, bis in die Stirn hinauf errötend. »Weißt du nicht mehr wie letzten Sommer Eugen Aram das Kind der Witwe Grenfeld im buchstäblichen Sinne mit eigener Lebensgefahr von dem Stier errettete? Und als voriges Jahr die niederen Gründe bei Fairleigh überschwemmt wurden, wer als Eugen Aram kam Tag für Tag zur Rettung der Menschen, ja sogar um das Eigentum der armen Leute aus den Fluten zu schaffen, herbei, und das zu einer Zeit, wo selbst die mutigsten Dorfbewohner sich nicht aufs Wasser getrauten? – Aber, um Gottes willen, Ellinor, was gieb's? Du wirst blaß, du zitterst?«

»Bst!« sagte Ellinor, den Atem anhaltend; damit stand sie, den Finger auf die Lippen gelegt, auf und schlich leise ans Fenster. Sie hatte bemerkt, daß ein Mann vorbeiging, den sie, als sie sofort ans Fenster gekommen, am Thorweg stillstehen sah und in welchem sie den furchtbaren Fremden erkannte. In demselben Augenblick ward die Klingel gezogen und die alte Frau, mit dem gellenden Ton vertraut, erhob sich aus ihrer knieenden Stellung neben der Patientin, um dem Rufe zu folgen. Ellinor sprang hinzu und hielt sie auf; die arme Alte starrte sie verdutzt an, ganz unfähig, die unzusammenhängenden Gebärden und raschen Worte zu verstehen. Nur mit großer Schwierigkeit und nach wiederholten Versuchen machte sie endlich den stumpfen Sinnen des Mütterchens die Ursache ihres Schreckens und die Notwendigkeit, den Fremden nicht ins Haus zu lassen, begreiflich.

Inzwischen hatte die Glocke wieder und wieder und endlich zum drittenmal mit einer lange anhaltenden Heftigkeit geklungen, welche auf die Ungeduld des Einlaßsuchenden schließen ließ. Sobald das gute Weib über Ellinors Meinung verständigt war, konnte man sie einer unnatürlichen Schweigsamkeit keineswegs mehr beschuldigen. Die Hände ringend, ergoß sie sich in einen Strom von Wehklagen und Schreckensrufen, welcher Ellinor von der Besorgnis, ihre Ermahnung möchte nicht ordentlich verstanden worden sein, aufs wirksamste befreite. Zufrieden, soviel geleistet zu haben, eilte diese sofort selbst zum Thor und sicherte den Zugang durch Vorschiebung eines zweiten Riegels, kehrte dann, indem ein neuer Gedanke in ihr aufblitzte, zu der Alten zurück und machte ihr, deren Sinn jetzt durch die Furcht geschärft war, mit leichterer Mühe als zuvor begreiflich, wie es durchaus notwendig, auch die Hinterthür auf gleiche Weise zu verwahren. Beide eilten zur Vollziehung dieser Vorsichtsmaßregel fort und Madeline, die Ellinor selbst gebeten hatte, die alte Frau zu begleiten, blieb allein zurück.

Mit einem entsetzlichen Angstgefühl, in so hilfloser Lage allein gelassen zu sein, hielt sie den Blick aufs Fenster geheftet. Obwohl ein doppelt verriegeltes Thor von ungewöhnlicher Stärke zwischen ihr und dem Anstürmenden lag, erwartete sie doch in atemloser Furcht, jede Sekunde die Gestalt des Bösewichts ins Zimmer stürzen zu sehen. Während sie so saß und vor sich hinstarrte, bemerkte sie plötzlich mit Grauen, wie der Mann, müde vielleicht, noch länger erfolglos zu läuten, sich dem Fenster näherte und forschend hereinsah. Ihre Augen begegneten sich; sie hatte nicht die Kraft zu schreien. Wird er durchs Fenster brechen? Das war ihr einziger Gedanke, der sie der Sprache und beinahe des Bewußtseins beraubte. Mit einem grimmigen Lächeln der Verachtung betrachtete jener eine Zeitlang das Entsetzen, das sich in ihren Zügen malte, klopfte dann ans Fenster und seine Stimme unterbrach rauh eine Stille, die noch furchtbarer war als die Unterbrechung.

»Ho! ho! regt sich da noch was Lebendiges! Ich bitt' um Verzeihung, Fräulein, ist Herr Aram – Eugen Aram zu Haus?«

»Nein,« sagte Madeline leise und wiederholte sofort, bemerkend, daß ihre Rede nicht zu ihm gedrungen, die Antwort in lauterem Ton. Der Mann, wie damit zufrieden, machte eine kurze Verbeugung des Kopfes und ging vom Fenster weg.

Ellinor kehrte jetzt zurück und mit Schwierigkeit fand Madeline Worte, dieser zu erzählen, was geschehen war.– Man wird sich leicht vorstellen, daß die beiden jungen Damen mit heißer Sehnsucht der Ankunft ihres Vaters entgegensahen. Der Fremde kam gleichwohl nicht mehr zum Vorschein, und nach ungefähr einer Stunde vernahmen sie zu ihrer unaussprechlichen Freude das Gerassel der alten Kutsche, die auf das Haus zupolterte. Das Thor aufzuriegeln ward diesmal nicht gezögert.

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