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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Achtes und letztes Kapitel.

Des Wanderers Wiederkehr. – Noch einmal ein Blick in das Dörflein, – Seine Bewohner. – Der bewußte Bach. – Das verlassene Herrenhaus. – Der Kirchhof. – Der Wanderer macht sich von neuem auf den Weg. – Das Landstädtchen. – Zusammenkunft zweier Liebenden nach langer Abwesenheit und vielem Kummer. – Schluß.

Der kronberaubte Baum strebt wieder himmelwärts;
Aus nacktem Kraut kann Frucht und Blüte sprießen.
Von Gram genesen kann das ärmste Herz,
Aufs dürrste Land ein Regen niederfließen,
In Wechseln geht die Zeit und ändert ihren Lauf
Von Bös zu Gut. –
Robert Southwell, der Jesuit.

Zuweilen bricht gegen das Ende eines trüben Tages die bisher nur durch einen Schleier sichtbar gewesene Sonne jählings hervor und lächelt weit über die Landschaft hin; dann kommen dem Beschauer, der, während das düstere Gewölk den Gesichtskreis umhüllte, nur an die Hauptzüge der Umgegend – einen grauen Berg, eine Turmspitze, einen Waldrücken – sich halten konnte, die minder hervortretenden, aber nicht minder lieblichen Einzelheiten umher zu Gesicht. Vielleicht, daß über ihnen die Sonne mit vollerer, glücklicher aufs Auge wirkenden Glut untergeht als über der übrigen Natur und so lassen sie denn im Gemüt zum Schluß einen freundlichen Eindruck zurück und trösten über die düstere Trübung, welche der Scheideblick des von ihnen aufgefangenen und zurückgeworfenen Lichtes noch zu rechter Zeit zerteilt.

Ebenso in unserer Erzählung; nicht bis zum Ende geht sie unter Wolken und Trauer fort. Gegen den Schluß bricht ein kleiner Strahl hervor; durch ihn werden Personen, denen bis jetzt nur ein geringer Teil des Interesses zugewandt war, das höhere und dunklere Gestalten in Anspruch nahmen, ins Licht gestellt und lächeln vom Gemüt dessen, der bis jetzt mit uns beobachtet und geharrt hat, – wir wollen nicht sagen den ganzen Schmerz hinweg, der in seinem Gedächtnis noch fortzittert, – aber doch etwas von seinem trüben Dunkel.

Es war einige Jahre nach der Zeit, in welche die von uns zuletzt berichtete Begebenheit fällt, an einem schönen, warmen Mittag des wonnigen Monats Mai, als ein Reiter gemächlich durch das lange, weit zerstreute Dörflein Grünthal hinzog. Obwohl noch in der Blüte der Jugend (denn immerhin mochten ihm noch zwei Jahre bis zu den Dreißigen abgehen), hatte er doch die sichere, gehaltene Miene eines Mannes, der nicht wenig von der Welt gesehen. Das feste aber ruhige Auge, die sonnverbrannten aber schönen Züge, welchen körperliche oder geistige Anstrengung oder Kummer die Rundung der frühern Umrisse genommen, und die Wange etwas gesenkt, die einzelnen Linien etwas stärker hervorgehoben hatten, trugen einen ernsten und in diesem Moment schwermütigen, sanften Ausdruck. Wie jetzt sein Pferd langsam durch die umgrünte Gasse hinschritt, wo jede Lücke neue Aussichten in das fruchtbare Thal, den sprudelnden Bach, die Obstgärten voll duftender Frühlingsblüten bot, da verlor sein Blick die gewohnte ruhige Haltung, und sprach aus, wie geschäftig die Erinnerung in ihm war. Die Tracht des Reiters hatte einen fremden Schnitt und erschien in einer Zeit, wo noch das Kleid den Beruf andeutete, militärisch genug, um aus demselben abnehmen zu können, welchem Stande sein Besitzer lange angehört haben mußte. Auch stand dieser Anzug sehr gut zu dem kurzen schwarzen Schnurrbart, der breiten Brust und der bedeutenden Länge des jungen Reisenden, welche letztere beiden Empfehlungen am Hofe des großen Friedrich von Preußen, in dessen Dienst er die Waffen getragen, keineswegs übersehen wurden. Er hatte seine Laufbahn in der Schlacht begonnen, welche mit jener Niederlage des kühnen Daun endete, wo das Glück dieses tapfern Feldherrn vor dem Stern des größten unter den neuern Königen endlich erblaßte. Der Friede von 1763 ließ Preußen im ruhigen Genuß des erworbenen Ruhms, und der junge Engländer benutzte die ihm dadurch gewordene Gelegenheit, das übrige Europa als Reisender, nicht als Verwüster, zu durchwandern.

Das anregende, bunte Wanderleben gefiel ihm, und noch wußte er nicht mit Bestimmtheit, ob die Rückkehr nach England von langer oder kurzer Dauer sein würde. Keine acht Tage waren seit seiner Ankunft verstrichen, und alsbald war er nach diesem Teil seines Geburtslandes geeilt.

Er hielt das Pferd an, als er an dem bekannten Schilde vorüberkam, das noch immer vor Peter Dahltrups Thür schwebte. Dort saß unter dem Schatten des breiten, nun eben im zartesten Grün aufsprossenden Baums ein Fußreisender, der sich an der Kühlung und Ruhe labte, welche ein solches Dach darbot. Unser Reiter warf einen Blick durch die offene Thür, hinter welcher weibliche Gestalten im Durcheinander des Haushaltungsgeschäftes bald sichtbar wurden, bald verschwanden, und eben jetzt sah er Peter selbst gemächlich herausschreiten, um mit dem Fremden unter seinem Baum zu plaudern. Und Peter Dahltrup war noch immer der Alte; nur schien er noch dünner und kürzer als sonst geworden zu sein, als ob die Zeit seine schmächtige Figur nicht sowohl mit einem Schlage brechen, als nach und nach durch den Gebrauch abnutzen wollte.

Der Reiter schaute ihn einen Augenblick an, wandte jedoch, sobald Peter seinerseits ebenfalls aufmerksam auf ihn wurde, den Kopf ab, setzte sein Pferd in kurzen Galopp und war bald dem scheckigen »Hund« aus dem Gesicht.

Er kam nunmehr zu dem netten weißen Häuschen des Korporals und hier stand, über das Pfahlwerk gelehnt, eine Krücke unter einem Arm, die geliebte Pfeife in einem Winkel des verschmitzten Mundes, der alte Kriegsmann selbst. Auf dem Geländer kauerte in halbem Schlummer, die Ohren zurückgelegt, die Augen geschlossen, eine große braune Katze. Arme Jakobine, nicht du warft es! Der Tod schont weder Könige noch Katzen: aber deine Tugenden lebten in deiner Enkelin und deine Enkelin wurde (wie denn das Alter ein Schoßkind braucht) von dem würdigen Korporal sogar noch mehr geliebt, als du selbst. Lange möge dein Stamm blühen; heutigen Tages mindestens ist er noch nicht erloschen! Selten verhängt die Natur Unfruchtbarkeit über das Katzengeschlecht; es ist ganz besonders für die Liebe und die sanften Sorgen der Liebe gemacht und ein Katzenstammbaum überlebt den Stammbaum von Kaisern.

Auf den Ton des Hufschlages wandte der Alte den Kopf und sah dem Reiter lange und ernsthaft nach, der, sein Roß wieder in Schritt setzend, gemächlich dahinzog.

»Bei Sankt Georg,« murmelte der Korporal, »n hübscher Mann; fast meine Größe – uff!«

Ein Lächeln, aber nur ein ganz schwaches Lächeln, spielte um die Lippe des Reiters, als er sich die Gestalt des wackern Bunting, betrachtete.

»Er faßt mich scharf ins Auge,« dachte er, »und doch erkennt er mich nicht. Ich muß mich sehr verändert haben. Übrigens ist es gut, wenn ich unerkannt bleibe, unbemerkt und allein möchte ich jetzt kommen und wieder scheiden.«

Der Reiter versank in Gedanken, die bald vom Gemurmel des sonnigen Baches unterbrochen wurden, welcher, der Natur glückliches und verzogenes Kind, über jedes kleines Hindernis in seinem Laufe zürnte. Dieses Murmeln schlug an das Ohr des Reisenden wie eine Stimme aus der Kindheit. Wie bekannt war es ihm, wie teuer! Keine Musik, keine Heimatmelodie rief je ein solches Heer von Erinnerungen auf, als dieser einfache, ruhelose, ewig gleiche Ton! Ewig gleich! während alles andere sich geändert hatte. – Bäume waren hoch aufgeschossen oder abgestorben; – einige Häuser waren zerfallen; – neue, unbekannte waren an ihre Stelle getreten; – an den Reisenden selbst, – an alle diejenigen, welche jener Ton in sein Herz zurückrief – hatte die Zeit ihre Hand gelegt: aber mit der nämlichen freudigen Bewegung, mit der alten vergnügten Stimme hüpfte der kleine Bach noch immer seinen Weg fort. Nach Jahrhunderten noch möge sein Lauf so froh, sein Gemurmel so wonnig sein! Glückliche Wesen, diese verborgenen, wechsellosen Bäche! – sie erfüllen uns mit einer Liebe, als ob sie lebende Geschöpfe wären! – Und in einem grünen, abgelegenen Winkel der Welt ist einer, den ich selbst nicht sehen kann, ohne mich bis zu Thränen zu vergessen – Thränen, die ich mir nicht um eines Königs Lösegeld abkaufen ließe; Thränen, die kein anderer Anblick, kein anderer Ton ihrer Quelle entlocken könnte; Thränen so warm, so voll süßer Wehmut; Thränen, die mich auf viele Tage zu einem besseren, liebevolleren Menschen machen!

Der Reisende setzte seinen Weg nach kurzem Stillstand fort und befand sich bald vor dem alten Herrenhause. Unkraut war im Garten aufgewachsen, die bemooste Umpfählung an mehreren Orten zerbrochen, das Gebäude selbst verschlossen und auf die tief verhängten Fenster schien die Sonne, ohne Zugang in das verödete Innere zu finden. Über dem alten gastlichen Thor hing eine Tafel, mit der Anzeige, daß das Haus zu verkaufen sei, indem sie zugleich den Neugierigen oder Kauflustigen an den Gerichtsnotar des nächsten Städtchens verwies. Der Reisende seufzte tief und sprach leise vor sich hin, bog dann in den Weg ein, auf welchem man nach dem Hinterthor gelangte, stieg im Hofe ab, führte sein Pferd in einen leeren Stall und ging durch die kahlen Vorgebäude, oft in traurigem von jedem neuen Gegenstand angeregten Selbstgespräche stehen bleibend. Eine alte, ihm unbekannte Frau war die einzige Bewohnerin des Hauses, die ihn in der Voraussetzung, er käme zu kaufen oder wenigstens zu besichtigen, überall umherführte, ihm jede gute Seite an dem Besitztum hervorhob und über seinen verödeten Zustand wehklagte. Unser Reisende hörte sie kaum; – als er aber in ein Gemach kam, das er ganz zuletzt betreten wollte (es war das kleine Wohnzimmer, wo die einst glückliche Familie so oft beisammen saß), sank er auf einen Stuhl, der ehedem Lesters Ehrensitz gewesen, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und blieb regungslos ein paar Minuten in dieser Stellung, Die Alte sah ihn verwundert an. – »Vielleicht kannten Sie die Familie, mein Herr? sie war sehr beliebt.«

Der Reisende antwortete nicht; aber als er endlich aufstand, flüsterte er vor sich hin: »Nein, der Versuch ist umsonst gemacht! nimmer, nimmer könnt' ich wieder hier leben – es muß so sein – das Haus meiner Väter muß in eines Fremden Hände übergehen.« Mit diesem Gedanken eilte er aus dem Gebäude nach dem Garten und trat durch ein Thürchen, das, halb geöffnet in den zerbrochenen Angeln hängend, zu dem grünen stillen Heiligtum der Toten führte. Derselbe rührende Ausdruck von tiefer, ungestörter Ruhe, der einen Dorfkirchhof heiligt, – und denjenigen, von welchem wir sprechen, mehr als die meisten andern – schwebte auch jetzt noch über der Stätte wie vor Jahren, wo sein junges Gemüt dort zu einem Ernst gestimmt wurde, dem noch kein – Schmerz beigemischt war.

Er ging an den rauhen Erdhügeln, welche die entschlafenen Armen deckten, vorüber und blieb bei einem etwas anspruchsvollern, obwohl immer noch sehr bescheidenen Grabmal stehen: noch war es von Regen und Jahreswechsel nicht entfärbt und hell und scharf im Vergleich mit seinem Nachbar erschien die kurze Inschrift:

Rowland Lester, obiit 1760, aet, 64. Selig sind die da trauern, denn sie sollen getröstet werden.

An diesem Grabe verweilte der Reisende eine Zeitlang in ungestörter Betrachtung und als er wegging, war das gebräunte Rot auf seiner Wange erstorben, seine Augen waren trübe, und der Stolz, der sich im Schritt eines jungen Mannes, in der Haltung eines Kriegers ausspricht, war aus seinem Gange verschwunden.

Als er wieder aufsah, traf sein Auge in der Ferne, eingebettet in das sanfte Maigrün, ein einsames, graues Gebäude, von dessen Schornstein kein Rauch aufstieg – eben so traurig, unwirtlich und verödet wie dasjenige, neben welchem er stand – als ob der Fluch, der auf die Bewohner beider Häuser gefallen, noch über ihren Dächern schwebte. Einen einzigen schnellen Blick warf der Reisende auf die einsame, entlegene Stätte, fuhr dann auf und eilte schnell hinweg.

In den Stall zurückgekommen, fand er den alten Korporal, wie er sein Pferd von Kopf zu Fuß mit großer Sorgfalt und Genauigkeit prüfte.

»Auch 'n guten Huf, hm!« sagte Bunting, indem er einen Vorderfuß des Thieres wieder losließ: damit wandte er sich um und wurde mit einiger Verlegenheit den Eigentümer des Rosses gewahr, das er einer so umständlichen Untersuchung unterworfen. »Oh – uff! sah nach 'm Tier, ob's kein Eisen verloren. Dacht, Euer Edeln brauchten vielleicht 'nen verständigen Menschen, um Ihnen das Hauswesen da zu zeigen, wenn Sie etwa 'n Kauf machen wollten. Nur 'n altes Weib da; darf wohl sagen Euer Edeln können alte Weiber nicht leiden – uff!«

»Der Besitzer befindet sich nicht selbst hier?« fragte der Reiter.

»Nein, übers Meer, Herr; 'n hübscher junger Mann, aber rasch; und – und –. Aber behüt' mich Gott! wahrlich – nein, kann nicht sein – und doch, wenn Sie sich so umwenden – er ist's, 's ist mein junger Herr!« Mit diesen Worten hinkte der Alte, dem das Herz doch auch warm werden konnte, auf den Reisenden zu, faßte seine Hand und küßte sie. »Ach Herr! Sie nach solchen Geschichten wiedersehen! Aber 's ist jetzunder alles vergessen und vorüber – uff! Armes Fräulein Ellinor, was wird die 'ne Freud haben, Euer Edeln wieder zu sehen! Ach, was die anders geworden ist; gewiß und wahrhaftig!«

»Anders geworden; ja, das bezweifle ich nicht. Aber wie, leidet ihre Gesundheit?«

»Nein; was das anlangt, Euer Edeln, ist sie immer noch frisch genug,« erwiderte der Korporal mit den Lippen schmatzend, »sah sie vorletzte Woche, als ich nach ++++ ging, denn Sie werden wohl wissen, daß sie dort ganz allein wohnt, in 'm kleinen Häusel, mit 'nem grünen Gitter davor und 'nem messingnen Klopfer an der Thür, mit 'ner schönen Aussicht auf die – – Hügel nach vorne? Na, da sah ich sie und sieht noch mächtig hübsch aus, obwohl was dünner als sonst; aber bei all dem hat sie gewaltig schanschirt.«

»Wie? zum Schlimmen?«

»Zum Schlimmen, ja,« antwortete der Korporal und nahm eine trübselige, wichtige Miene an. »Hat's jetzt mit der Rel'gion, Herr, denken's – uff – Schwerenot – wuff!«

»Ist das alles?« fragte Walter erleichtert mit stillem Lächeln. »Und sie lebt ganz allein?«

»Ganz, die arme junge Dam', als hätt' sie 'n Kopf drauf g'setzt, 'n alte Jungfer zu werden; hat, wie ich gewiß vernommen, Squire Knyvett von Grange ausgeschlagen – vielleicht weil sie auf Euer Edeln wartet!«

»Führt das Pferd heraus, Bunting; aber halt! Ihr habt ja da eine Krücke? weshalb? hoffentlich kein Unglück?«

»Nichts als Refmatismus – packt jetztunder die jüngsten: kam nie wieder ganz zurecht seit ich mit Euer Edeln auf Reisen gewest, – uff! – und kam doch nicht nach Lonnon. Werd' aber nächstes Jahr besser bei Kräften sein, mein ich –!«

»Hoffentlich, Bunting; und Miß Lester lebt allein, sagt Ihr?«

»Ja! und – so sehr sie's auch mit der Rel'gion hat – die Armen tragen sie fast auf den Händen. Thut mächtig viel Gutes; gab mir 'ne halbe Guinee, Euer Edeln; 'ne ex'llente junge Dam', so mitleidig!«

»Dank Euch! kann die Gurten schon selbst schnallen! – So! Da, Bunting, habt Ihr was für alte Kameradschaft.«

»Dank Euer Edeln; sind allzugütig, waren's immer – buff! Hoff', Euer Edeln werden jetzunder wieder bei uns wohnen; da wird erst wieder 's alte Leben angehen!«

»Nein, Bunting, ich fürchte, daraus wird nichts,« sagte Walter, indem er sein Roß durch das Hofthor spornte. »Guten Tag.«

»Uff!« schrie der Korporal, atemlos hinter ihm herhinkend »wenn ich in Wahrheit Euer Edeln nicht wiedersehen soll, was mich gar sehr erbarmen würd', will Euer Edeln ans Versprechen wegen dem Kartoffelacker denken? Herr Bailey, der Verwalter, Gott straf ihn, hat's ganz vergessen – uff!«

»Immer noch der alte Bunting! Nun beruhigt Euch, es soll geschehen!«

»Der Herr segne Euer Edeln gutes Herz, dank Ihnen; und –, und« – die Hand an den Zügel legend – »Euer Edeln sagten, 's Häusel soll zinsfrei werden. Sehen, Euer Edeln,« bemerkte der Korporal, indem er sich mit gravitätischem Schmunzeln emporrichtete, »könnte vielleicht einen oder den andern Tag heiraten und 'n Haus voll Kinder kriegen und der Pachtzins möcht' mir dann nicht leicht werden – uff!«

»Laßt den Zügel los, Bunting, – Euer Haus soll zinsfrei sein.«

»Und – Euer Edeln – und –«

Aber Walter trabte bereits frisch dahin und die übrigen Gesuche des Korporals erstarben verhallend in der Luft.

»Immer 'n gut Tagwerk,« murmelte Jakob, als er nach Hause hinkte. »Wie grün er immer noch ist! Lernt nie die Welt kennen – uff!«

Zwei Stunden lang ließ Walter im scharfen Trabe nicht nach und als es endlich am Abhang einer steilen Anhöhe geschah, lag ein Landstädtchen vor ihm. Hell schien die Sonne auf den einzigen Turm und die lange säuberliche Mittelstraße mit den guten großväterlichen Gärten hinten und den zerstreuten einzelnen, aus Blüten und Maigrün hervorguckenden Gartenhäuschen. Er ritt in den Hof des besten Gasthauses und fragte, indem er das Pferd abgab, mit einem Ton, der seiner Meinung nach ganz gleichgiltig klang, nach Miß Lesters Wohnung.

»John,« rief die Wirtin (einen Wirt gab es nicht) einem Knaben von etwa zehn Jahren zu – »lauf hin und zeige dem Herrn das Haus des guten Fräuleins und – halt – Seine Edeln entschuldigen dich schon für 'nen Augenblick – hol' erst den Strauß, den du ihr heut früh gepflückt hast; sie hat die Blumen gern. Ach! Herr, eine vortreffliche junge Dame, Miß Lester,« fuhr die Wirtin fort, während der Knabe den Strauß herbeiholte, »so wohlthätig, so gütig, so mild gegen alle. Man sagt, Unglück mache die Leute weich, aber sie muß immer gut gewesen sein. Und so religiös, Herr, bei dieser Jugend! Na, Gott segne sie! Das ist jedermanns Wunsch. Mein Junge, der John, Herr – wird erst nächsten August elf Jahre – 'n gescheiter Jung', nennt sie nur 's gute Fräulein, sodaß wir alle ihr jetzt diesen Namen geben. So, John, das ist recht. Bleiben zum Mittagessen da, Herr? Ein Hühnchen abthun?«

Miß Lesters Wohnung stand ganz am Ende der Stadt. Es war das Haus, worin ihr Vater seine letzten Tage zugebracht. Hier blieb sie mit dem kleinen, ihr nach dessen Tode zugefallenen Jahrgeld. Der damals auswärts befindliche Walter hatte sie, die hierin von keinem falschen Ehrgefühl geleitet ward, vermocht, diese Summe durch einen kleinen Zuschuß vermehren zu dürfen. – Es war ein vereinzeltes kleines Gebäude, das etwas von der Straße zurückstand. Walter verweilte ein paar Augenblicke in stiller Betrachtung an der Gartenthür, bevor er seinem jungen Führer nachfolgte, der den zum Hause leitenden Kiesweg leicht hinaufhüpfte, die Klingel zog und fragte, ob Miß Lester da sei.

Walter wurde einige Augenblicke im kleinen Besuchszimmer allein gelassen: er bedurfte derselben wirklich, um in der Flut der auf ihn einstürmenden Erinnerungen zu einiger Fassung zu gelangen. Und war es – ja, es war Ellinor, die endlich vor ihm stand! Verändert hatte sie sich wirklich: das zarte Mädchen war zur vollen Frauengestalt aufgeblüht; verändert hatte sie sich: der Schritt hatte für immer die Elasticität verloren, mit der die Hoffnung ihn einst gehoben; das lebhafte braune Auge war sanft und still geworden; die strahlende Frische hatte einer schwächern, obwohl nicht minder lieblichen Färbung Platz gemacht. Doch um im Gedicht zu wiederholen, was in Prosa nur eine ärmliche Verkörperung findet:

»So sah'n sie sich – es war manch Jahr vorbei –
Vom Sturm war angehaucht der junge Mai,
Und mildere Rosen schmückten ihre Wangen,
Die weiße hielt die rote jetzt umfangen;
Und leicht wie sie noch durch die Fluren schritt,
War's doch nicht mehr der freud'ge Zephyrtritt;
Nicht mehr von Liebesfülle überwallt,
Erfüllt ein stetes Lächeln die Gestalt.«Aus dem Bildnis, einem Gedicht des Verfassers: »O Virgo, quam te memorem!«

»Ellinor!« sagte Walter kummervoll. »Gott sei Dank! daß wir uns endlich wiedersehen.«

»Diese Stimme – dieses Gesicht – Vetter – mein lieber, lieber Walter!«

Jede Zurückhaltung – jede Überlegung ging in der Wonne dieses Augenblicks unter, Ellinor lehnte den Kopf auf seine Schulter und merkte kaum den Kuß, den er auf ihre Lippen drückte.

»Und so lange in der Fremde!« lispelte sie vorwurfsvoll.

»Sagtest du mir nicht, der Schlag, der unser Haus getroffen, habe alle Gedanken an Liebe aus dir verbannt – habe uns für immer getrennt? Und was, Ellinor, war mir England, war mir die Heimat ohne dich?«

»Ach!« rief sie, sich sammelnd, und tiefe Blässe folgte dem Erröten der Freude auf ihrer Wange, »erinnere nicht an die Vergangenheit; – Jahre hindurch, lange, öde, trostlose Jahre hab' ich ihren traurigen Mahnungen zu entgehen gesucht.«

»Du sprichst weise, geliebteste Ellinor, laß uns einander in diesem Bestreben beistehen. Wir sind allein in der Welt – laß uns unser Los vereinigen. Nie im Wechsel aller Schauplätze, aller Empfindungen – in der Nachtwache unter dem Sternenhimmel des Lagers – im Schimmer der Fürstenhöfe – in Italiens sonnigen Hainen – in den tiefen Wäldern des Harzes – nie hab' ich dich vergessen, süße, teure Cousine. Unauflöslich verwuchs dein Bild mit allen meinen Vorstellungen von Heimat, Glück, von ruhiger freundlicher Zukunft. Endlich kehr' ich zurück und seh' dich und finde dich verändert, aber o! wie lieblich ist diese Veränderung! Ach, laß uns nicht wieder von einander gehen! Ein Tröster, ein Führer, ein Linderer, Vater, Bruder, Gatte – all das, flüstert mir mein Herz zu, könnt' ich dir sein!«

Ellinor wandte das Gesicht ab, aber ihr Herz war voll. Die einsamen Jahre, die über sie hingegangen, seit sie sich zum letztenmal gesehen, standen vor ihr auf. Das einzige Bild eines Lebenden, das sich während dieser Jahre den Träumen von den Abgeschiedenen beigesellt hatte, war das Bild dessen, der jetzt zu ihren Füßen kniete; – ihr einziger Freund – ihr einziger Verwandter – ihre erste – ihre letzte Liebe! In der ganzen Welt war er's allein, mit dem sie zur Vergangenheit zurückkehren, an welchem ihre wundgerissene aber immer noch unbesiegte Zärtlichkeit ausruhen konnte. Und Walter erkannte an diesem Erröten – diesem Seufzer – dieser Thräne, daß seiner gedacht – daß er geliebt wurde – daß Ellinor endlich ihm angehöre.


»Aber bevor Sie schließen,« sagte mein Freund, welchem ich die Blätter vorlegte, worin ich meine Erzählung mit diesen Worten beendigt hatte, »müssen Sie uns, es ist ein guter alter Brauch, von dem kein rechtgläubiger Autor abweichen darf, etwas vom Schicksal der übrigen Personen mitteilen, mit welchen Sie uns bekannt gemacht. – Der nichtswürdige Hausman?

»Sie haben recht. – Nach dem unerforschlichen Lauf der irdischen Dinge war der bösere Mensch entkommen, während der edle, vom Fall längst Erhobene unterging. Aber obwohl Hausman eines natürlichen Todes in seinem Bett starb, wie ehrliche Leute, können wir kaum glauben, daß sein Dasein selbst nicht Strafe genug gewesen. Er lebte in strenger Abgeschiedenheit, – der Abgeschiedenheit der Armut, und erhielt sich mit Flachshecheln. Mehrmals wurden vom Volk Versuche gegen sein Leben gemacht, denn er war Gegenstand der allgemeinen Verwünschung und des Grausens; und noch zehn Jahre nachher, als er endlich starb, mußte sein Körper heimlich bei Nacht begraben werden, denn der Haß der Welt überlebte ihn!«

»Und der Korporal? Heiratete er noch in seinen alten Tagen?«

»Die Geschichte erzählt von einem Jakob Bunting, dessen um verschiedene Jahre jüngere Frau ihm gewisse verdrießliche Possen mit dem jungen Pfarrvikar der Gemeinde spielte. Besagter Jakob wußte davon nichts, wurde aber den Nachbarn zum Gelächter, wenn er sich rühmte, daß er Seiner Ehrwürden das Geflügel über den Marktpreis anhänge und auf diese Art manchen hübschen Pfennig in die Tasche bekomme: – ,denn Lisel, mein Schätzel, bin 'n Mann von Welt – uff!«

»Recht so! Verdientes Schicksal für den alten Gesellen! – Aber Peter Dahltrup?«

»Von Peter Dahltrup ist uns nichts bekannt, als daß wir im Kirchhof von Grünthal einen kleinen Grabstein mit einer Denkschrift auf ihn gesehen haben, welcher folgende fromme Poesie beigefügt war:

Wir blühen, sagt die heil'ge Schrift,
Ein' Stund', dann mäht man unsre Trift:
War Gras noch gestern, frisch und neu,
Doch Tod hat mich gemacht zu Heu.«Wörtlich.

»Und sein Namensvetter, Sir Peter Grindlescrew Hales?«

»Führte in Ehren und Achtung ein langes Leben, ward aber in alten Tagen von häuslichem Unglück betroffen. Sein ältester Sohn heiratete eine Dienstmagd und seine jüngste Tochter –«

»Lief mit dem Reitknecht davon?«

»Nicht doch! – mit einem jungen Verschwender – dem Ebenbild dessen, was Peter in seiner Jugend gewesen. Sohn und Tochter wurden enterbt und Sir Peter starb in den Armen seiner acht übrigen Kinder, wovon sieben es ihm niemals vergaben, daß sie nicht das achte, d.h. der Haupterbe waren.«

»Und sein Altersgenosse, John Courtland, der Nichthypochonder?«

»Starb am Schlagfluß, als er eben über die hounslower Heide fuhr.«

»Aber Lord +++++?«

»Erreichte ein hohes Alter; seine letzten Tage brachte er, wegen zunehmender Gebrechlichkeit, fern von der großen Welt zu; jedermann hatte Mitleid mit ihm. – Es war seine glücklichste Zeit!«

»Grete Dunkelman?«

»Ward tot im Bett gefunden in Folge übergroßer Anstrengung, wie man glaubte, als sie sich tags zuvor beim Leichenbegängnis eines jungen Mädchens lustig gemacht hatte.«

»Gut! – hm – und Walter und seine Cousine heirateten einander also wirklich; und kehrten sie nie ins alte Herrenhaus zurück?«

»Nein: eine Erinnerung, mit welcher sich bloß das Gefühl der Trauer verbindet, wird mit den Jahren süß und heilig die Stätte, um die sie schwebt; nicht so ein Andenken, woran sich etwas Furchtbares, Grauenhaftes, ja gewissermaßen Schimpfliches knüpft. Walter verkaufte die Besitzung, wenn auch allerdings nicht ohne Schmerz. Nach seiner Verheiratung mit Ellinor kehrte er einige Zeit auf den Kontinent zurück, schlug aber endlich in England seinen Wohnsitz auf, führte ein thätiges Leben und hinterließ seinen Nachkommen einen Namen, den sie noch jetzt ehren, seinem Vaterlande das Gedächtnis mehrfacher Dienste, das nicht leicht untergehen wird.«

»Aber eine furchtbare, düstere Erinnerung wich nicht aus seinem Gemüt und übte den stärksten Einfluß auf die Handlungen und Entschlüsse seines Lebens. Bei jedem unerwarteten Ereignis, bei jeder Versuchung stieg vor seinen Augen das Geschick dessen auf, der so hoch begabt, so edel in vielen, so auf Größe angelegt in allen Beziehungen, durch ein einziges – aus seinem eigensten Selbst hervorgegangenes, aber vom Moment des Vollzugs an neben diesem Selbst wie eine unbegreifliche Lüge erscheinendes Verbrechen zerknickt wurde; durch ein Verbrechen, das die Ausgeburt einer irre gewordenen Vernunft war, die es dabei nur auf das Recht und Wahre abgesehen hatte. Und dieses Schicksal, das ihn einen Blick in die dunklern Tiefen des Menschengeschlechts thun ließ, wo das moralische Verständnis uns erst recht aufgeht, gab ihm die zwiefache Lehre der Vorsicht gegen sich selbst, der Nachsicht gegen sich selbst, der Nachsicht mit andern. Er wußte von nun an, daß selbst der Verbrecher nicht ganz bös ist; daß der Engel aus uns nicht leicht völlig vertrieben werden kann; der Engel überlebt die Sünde, ja viele Sünden und läßt uns oft in Erstaunen über das Gute, das noch dem Herzen des verhärtesten Übelthäters anhaftet.

Und mit mehr als wiedererwachter Zärtlichkeit hing Ellinor an dem einen, dessen Los nun auch das ihrige umfaßte. Walter war das letzte Band, das ihr auf Erden geblieben und in ihm lernte sie Tag für Tag verschwenderischer den Reichtum ihres Herzens sich bethätigen. Unglück und Leiden hatten den Charakter beider veredelt und sie, die in ihrem Vetter so lang alles gesehen, was sie lieben konnte, erblickte nunmehr in dem Gatten einen noch stärkern und dauernden Zauber – erblickte in ihm alles, was sie zu verehren, zu bewundern fähig war. Eine religiöse Inbrunst, der sie sich nach den Unfällen ihres Hauses mit einer Art Schwelgerei hingegeben, hielt bei ihr bis ans Ende an; aber – gesänftigt durch menschliche Bande und ein persönliches Verhältnis irdischer Pflicht und Neigung – war diese Inbrunst gesichert vor der übertriebenen Glut oder der übertriebenen Strenge, worein sie sonst aller Wahrscheinlichkeit nach ausgeartet haben würde. Was zurück blieb, gesellte ihren heitersten Gedanken etwas Ernstes, den glücklichsten Augenblicken der Gegenwart ein feierliches Bedenken der ungewissen Zukunft zu; aber es drückte ihre Natur nicht herab, es erhob sie und kam mehr in zarten als düstern Farben zum Vorschein. Süß war ihr beim Gedanken an Madeline und ihren Vater, sich zu gleicher Zeit an den Himmel um Trost wenden zu dürfen, wo beider Thränen, wie sie glaubte, getrocknet, ihre einstigen Leiden nur ein geschwundener Traum waren! Wirklich giebt es eine Zeit im Leben, wo dergleichen Betrachtungen unsere hauptsächliche wenn auch schwermütige Lust ausmachen. Sobald wir älter werden und bald eine Hoffnung, bald ein Freund von unserem Pfad verschwindet, drängt sich uns der Gedanke an Unsterblichkeit mit Macht auf! und wie die Ameise Korn um Korn zum Speicher ihrer künftigen Erhaltung aufhäuft, lernen wir unsere Hoffnungen Stückchen um Stückchen mit uns forttragen und unsere Wünsche wie eine Ernte einheimsen.

Unser Paar war also glücklich. Glücklich, denn sie liebten einander mit ganzer Seele, und wer so liebt, den, meine ich bisweilen, können die Übel des Lebens, körperliche Leiden und höchster Grad der Armut ausgenommen, nur mit ohnmächtiger Tücke treffen. – Ja sie waren glücklich trotz der Vergangenheit und bei allem was die Zukunft bringen mochte.«

»So bin ich zufrieden,« sagte mein Freund – »und Ihre Geschichte ist wohl durchgeführt!«


Und jetzt, Leser, lebewohl! Hast du, indem du mit mir zu dieser unserer Scheidestätte wandeltest, dem Gefährten gestattet, deine Teilnahme zu gewinnen, jetzt etwas aus der Tiefe deiner Überzeugung hervorzuholen, jetzt dein Herz zu rühren, deiner Hoffnung ein Ziel zu geben, deine Angst zu wecken, vielleicht selbst bis zum Quell deiner Thränen vorzudringen – dann besteht ein Band zwischen dir und mir, das nicht leicht zerrissen werden kann! Und vernimmst du, daß ungerechte Mißgunst dem geraden Urteil Eintrag thut, so wirst du mit Erstaunen bemerken wie der, welcher sich, sei's auch nur als Erzähler, in deiner Seele mit Empfindungen verbunden hat, die nicht jeden Tag erregt werden, in deinem Mitgefühl die Verteidigung oder in deiner Milde die Nachsicht – eines Freundes finden wird!

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